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Der Zusammenhang von Sprache und Politik - Formen politischer Rhetorik, Werbe- und Propagandasprache

Seminararbeit 2001 24 Seiten

Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Was ist politische Sprache?

2. Der Einfluss von Sprache auf das öffentliche Leben
2.1 Sprache der Politik
2.1.1 Rolle und Stellenwert von Sprache in der Politik
2.1.2 Die Politikersprache
2.1.3 Ansatzpunkte für eine Textanalyse
2.2 Politische Rhetorik
2.3 Politische Werbung und Werbesprache
2.4 Propaganda und Agitation
2.4.1 Propaganda und Sprache im Nationalsozialismus
2.5 Politische Korrektheit: Sprachzensur oder Minderheitenschutz?
2.5.1 Was ist „Political Correctness“?
2.5.2 Politische Korrektheit in Deutschland

3. Schlussbemerkungen
3.1 Ergänzende und abschließende Ausführungen zur Politiksprache

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Was ist politische Sprache?

Politischer Sprache begegnet man in unserer Zeit überall, in der Tageszeitung, in Nachrichtensendungen, politischen Diskussionen wie auch auf Auto-Aufklebern und Plakaten, Plenardebatten und Wahlkampfveranstaltungen. Man kann also verschiedene Gesichter politischer Sprache nennen, zumal in einer Demokratie die Sprache das wichtigste Mittel politischen Handelns darstellt. Als Beispiel dafür steht die Meinungsfreiheit.

(vgl. Kilian 1994, S. 4)

Politiker als moderne Kommunikatoren sind überwiegend sprachlich tätig. Ihre Hauptarbeit besteht aus dem Halten von Reden, Führen von Gesprächen und dem Umgang mit Texten, denn Sprache ist auf Verständigung gerichtet, was der „idealen“ Politikauffassung der aristotelischen Tradition entspricht, die Politik als Regelung des Streits ansieht.

(vgl. Holly 1990, S. 266)

Die moderne Forschung beschäftigt sich heute nicht mehr ausschließlich mit der Entlarvung manipulativen Sprechens, das jedoch in dieser Arbeit auch Anklang finden wird. Das Ziel ist heute viel mehr die kritische Diagnose politischen Sprachgebrauchs. „Sprache in der Politik“ ist in erster Linie ein sprachwissenschaftlicher Forschungszweig, der sich mit Formen und Funktionen politischen Sprachgebrauchs beschäftigt. Ebenso wird untersucht, welche Wirkungen dieser Sprachgebrauch auf politisch ideologische Sprachnormen, auf verschiedene Einzelsprachen und auf das Politikbewusstsein einer kompletten Sprachgesellschaft hat.

Zur Untergliederung des Kommunikationsbereichs „Politik“ unterscheidet Dieckmann (1975, zit. nach Kilian 1994, S. 4) zwischen vier Sprachstilen, den Sprachstilen der Überredung, der Verhandlung, der Gesetzgebung und der Verwaltung. Wie bereits erwähnt konzentrierte sich die Forschung anfänglich ausschließlich auf die „Sprache der Überredung“ und somit auf einen propagandistischen und manipulatorischen Sprachgebrauch. In der neueren Forschung tritt an deren Stelle dann also eher das Ziel der kritischen Diagnose politischen Sprachgebrauchs. Diese Forschung findet allerdings bisher nur ansatzweise statt, so ist Politik als problemlösender und realitätsgestaltender Kommunikationsbereich zum Beispiel bisher sehr selten sprachwissenschaftlich untersucht worden. (vgl. Kilian 1994, S. 4)

Was versteht man schließlich unter Sprache, wenn man von „Sprache der Politik“ spricht? Was zeichnet sie aus? Dazu gibt es leider keine allgemeingültigen Definitionen. Ausgiebig diskutiert worden ist während den Auseinandersetzungen mit der Sprache des Nationalsozialismus, dass es sich hierbei eigentlich nicht um eine Sprache, sondern um den Gebrauch einer Sprache (z.B. der deutschen) handelt. Daraus folgt, dass man besser vom politischen Sprachgebrauch reden sollte. Unbestritten ist, dass es sich auch nicht um eine Fachsprache handelt, sondern eher um ein Gemisch aus verschiedenen Fachsprachen und der Standartsprache. Gegenwärtig ist grundsätzlich akzeptiert die politische Sprache als Varietät zu bezeichnen, die vielfältig gestaltet sein kann. Die unterschiedliche Gestaltung zeigt sich beispielsweise in den verschiedenen Sprachstilen, die zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden. Des weiteren gibt es aber auch ideologische „Politolekte“ (Kilian 1994, S. 4) einzelner Gruppen. Das Politische des Sprachgebrauchs ist dabei aber nur auf Teile des Wortschatzes und bestimmte Kommunikationsformen beschränkt. Charakteristisch für die politische Kommunikation ist ein Gemisch aus Information und Überredung. Wörter, die zum politischen Wortschatz zählen, sind zum Beispiel „Demokratie“, „Freiheit“, „Parlament“, und „Abgeordneter“. Jedes andere Wort kann aber ebenfalls vorübergehend zum politischen Wort werden, zum Beispiel „Milch“ in Zusammenhang mit der Agrarpolitik oder „Lehrer“ in Zusammenhang mit Schulpolitik. Man versucht den politischen Wortschatz genauer zu definieren, indem man ihn nach Gruppen ordnet: „Institutionsvokabular“ (z.B. den Bundestag betreffend), „Ressortvokabular“ ( z.B. die Pflegeversicherung betreffend), „Interaktionsvokabular“ (z.B. beim Führen einer Debatte) und „Ideologievokabular“ (z.B. die Menschenrechte betreffend). (vgl. Kilian 1994, S. 4)

Die Politikwissenschaft favorisiert eine Einteilung der unterschiedlichen Sprachformen nach Institutionen. Sie geht von Feldern politischer Sprache aus (s. Anhang Abb.1). Hierbei handelt es sich eigentlich eher um unterschiedliche Sprachfunktionen, Sprachspiele beziehungsweise Sprachstile. Im Hintergrund stehen somit die Theorie der Sprachfunktionen von Karl Bühler (1934, zit. nach Holly 1990, S. 30), die Lehre der Funktionalstile aus der Prager Schule oder der Begriff des Sprachspiels nach Ludwig Wittgenstein (1964, zit. nach Holly 1990, S. 30).

Ein großes Problem der politischen Sprache liegt darin, dass mit dem selben Vokabular nicht immer dasselbe gemeint ist. So fordern beispielsweise momentan verschiedene Parteien die Senkung der Arbeitslosenzahlen, wollen dieses Ziel jedoch mit Hilfe der unterschiedlichsten Konzepte erreichen. Aus diesem Grund muss bei genauer Betrachtung der politischen Sprache nicht das isolierte Einzelwort, sondern der Gebrauch dieses Wortes im Textzusammenhang in den Mittelpunkt der Untersuchungen rücken. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema beschäftigt sich deshalb ausgiebig mit der Frage, wie bestimmte Wörter verwendet werden, um politische Ziele zu erreichen. Man hat festgestellt, dass viele Wörter strategisch eingesetzt werden, um einen Appell auszusenden. Man teilt diese Wörter unter anderem in Kategorien wie „Schlagwörter“, „Hochwertwörter“, „Fahnenwörter“, „Stigmawörter“ oder auch „Schlüsselwörter“ ein.

Große Aufmerksamkeit kommt in den letzten Jahren auch dem metaphorischen und euphemistischen Wortgebrauch in der Politik zu, der zum Beispiel bei Ausdrücken wie „Asylantenflut“, „Zug der deutschen Einheit“ oder „Nullwachstum“ deutlich wird.

(vgl. Kilian 1994, S. 5 f.)

Was den Zusammenhang zwischen politischer Sprache und politischer Herrschaftsform anbelangt, spricht man von dem „nationalsozialistischen“, „kommunistischen“ beziehungsweise „demokratischen“ usw. Sprachgebrauch. Sprachwissenschaftlicher Konsens herrscht in diesem Zusammenhang darüber, dass jede Einzelsprache allen möglichen Ideologien zur Verfügung steht und keine Ideologie den Alleinanspruch auf einen bestimmten Sprachgebrauch hat.

Zum Schluss dieser Einleitung sei noch angemerkt, dass es bislang keine historisch-entwicklungsbezogenen Studien zum ideologisch geprägten Politolekt in Deutschland gibt und dass ein neues Problemfeld im Kommunikationsbereich der Politik durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und deren unterschiedlichen Sprachgebräuchen entstanden ist. (vgl. Kilian 1994, 9)

2. Der Einfluss von Sprache auf das öffentliche Leben

2.1 Sprache der Politik

2.1.1 Rolle und Stellenwert von Sprache in der Politik

Jeder Mensch lebt in politischen Zusammenhängen und verwendet somit auch oft politische Sprache. Sprache und Politik gehören unabdingbar zusammen. Sprache ist Voraussetzung dafür, dass politische Gemeinwesen oder Herrschaftsverhältnisse entstehen und erhalten werden können. In der Frage danach, welche Rolle das sprachliche Handeln in der Politik einnimmt gibt es jedoch verschiedene Ansichten, die sich zwischen zwei Extrempolen bewegen. Die eine Position vertritt die Auffassung, dass alles politische Handeln auch sprachliches Handeln ist, die andere geht davon aus, dass Wirken durch Sprache nur ein Spezialfall politischen Handelns darstellt und nicht-sprachliche Faktoren deutlich überwiegen. (vgl. Holly 1990, S. 4)

Nicht zu bestreiten ist sicherlich, dass es auch politisches Handeln unabhängig von Sprache gibt, dazu zählt zum Beispiel Gewaltausübung in jeder Form. Der Politikbegriff bleibt in Wirklichkeit nicht völlig auf sprachliches Handeln beschränkt. Sprachliches Handeln macht zwar den Grundstock der Politik aus, jedoch ist nicht-sprachliches Handeln nicht automatisch unpolitisch. (vgl. Holly 1990, S. 7)

Im realen Politikbegriff Machiavellis wird Sprache als grundsätzlich von Politik abgetrennt betrachtet. Dem Politischen wird mehr das Handeln zugesprochen, dem die Sprache entgegengestellt wird. (vg. Holly 1990, S. 8)

Machiavelli sieht Sprache auch nicht als Inbegriff der Kooperation sondern eher als Mittel zur Integration und Manipulation. Entgegen dieser Auffassung sieht Aristoteles als Vertreter eines idealen Politikbegriffs Sprache sehr wohl als einen nicht unerheblichen Teil der Politik an, was man an Schlüsselwörtern wie „Staat“, „Gemeinschaft“, „Gut“ und so weiter erkennen kann, die auf ein übergeordnetes moralisches Ziel verweisen sollten, nämlich auf das gute und gerechte Leben. (vgl. Holly 1990, S. 5)

Weitere Unterschiede gibt es in der Auffassung darüber, ob Sprache in der Politik eher kommunikative oder funktionale Ziele verfolgt. Nach Platons Metapher handelt es sich bei Sprache um ein „Werkzeug“, das sowohl zum Denken als auch zum Kommunizieren dient. Der kommunikative Sprachgebrauch beabsichtigt, dass der Adressat einer Äußerung erkennt, welche Intention der Sprecher hat. Funktionaler Sprachgebrauch ist lediglich auf das Erreichen eines Ziels hin gerichtet. Kommunikative Sprachauffassungen bemessen den Gebrauch von Sprache an der ethischen Norm, das heißt, dass die Intention einer Aussage immer offen zu legen ist. Funktional ist eine Sprachauffassung dann, wenn Sprache lediglich auf das Bewirken eines Erfolgs gerichtet ist. (vgl. Holly 1990, S.10 ff.)

2.1.2 Die Politikersprache

Die traditionelle Schwerpunktbildung in der sprachwissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet „Sprache und Politik“ ging in Richtung Wörter und Begriffe, die von Politikern verwendet werden. Die Perspektive wurde im Zuge von Textlinguistik und Pragmatik, wie bereits im Einleitungsteil erwähnt, zur sorgfältigen Einbettung von Wort- und Wortschatzuntersuchungen in Texte, Kontexte, Handlungen und Situationen erweitert. Ein zweiter Schwerpunkt in der Untersuchung von Sprache der Politiker lag lange Zeit auf der Beschäftigung mit den Sprachen des Nationalsozialismus und im geteilten Deutschland. Das lief häufig auf eine rein sprachkritische Auseinandersetzung mit Propaganda hinaus. Aus heutiger Sicht erscheint es aber angebracht zu sein das „Wie“ des sprachlichen Handelns politischer Akteure genauer zu untersuchen. Das sollte unter Einbeziehung der wesentlichen Faktoren, die Handlungen bestimmen, vor allem der institutionellen Bedingungen geschehen.

Aus diesem Grund hat sich der Forschungszweig „Sprache in Institutionen“ entwickelt.

(vgl. Holly 1990, S. 39 f.)

Aber die Betrachtung der Person des Politikers darf natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden. Der Politiker ist Vermittler in vielerlei Hinsicht. Seine direkten kommunikativen Fähigkeiten sind ausschlaggebend für seinen Erfolg. Deutlich unterschieden werden muss dabei natürlich zwischen seinen internen Funktionen (z.B. im Parlament) und den externen gegenüber Besuchern und Wahlkreispublikum. (vgl. Holly 1990, S. 267 f.)

In Beobachtungen zum Verhalten eines Bundestagsabgeordneten in der genannten externen Funktion wurde festgestellt, dass dieser dort ungleich gewichtiger auftritt als in seiner internen politischen Funktion. (vgl. Holly 1990, S. 128 ff.)

Er inszeniert die Aufnahme von Interessen, wo es von ihm erwartet wird, indem er die Hörerrolle demonstrativ betont und interessierte Fragen stellt. Durch Argumentieren, Strukturieren und durch konstruktive Vorschläge versucht er Kompetenz nachzuweisen. Trotz tatsächlicher Ohnmacht versucht der Politiker oft Bindung zum Volk zu schaffen, indem er dessen Forderungen bestätigt und an geeigneter Stelle ein Angebot zur Zusammenarbeit macht. Eine weitere wichtige Funktion hat hier auch die Vertrauensbildung, indem er zum Beispiel lokales „code-switching“ bis hin zu dialektalen Äußerungen betreibt. Damit solidarisiert er sich mit der Bevölkerung. Das Gespräch, das eigentlich der Interessensartikulation dienen soll, wird zu einem Mittel nützlicher Eigenwerbung. Die Muster des Informierens und Lehrens sind eng verknüpft mit dem Werben und Legitimieren von Politikern. Auskünfte von einem Politiker werden dabei immer als Informationen aus erster Hand betrachtet, selbst wenn er sie selbst nur aus den Medien erhalten hat. Von äußerster Wichtigkeit ist ihm immer die adressatenspezifische Situierung und das Anbieten von Beispielen und Analogien. Politiker riskieren oft sogar falsche und leere Aussagen, die zum Zwecke der Mobilisierung brauchbar sind. Informationen sind somit grundsätzlich mit Werbungsmustern verbunden. Diese bestimmen die Themenauswahl, die Themenordnung und die Themenspezifizierung. Äußerungen eines Mitglieds der Regierung, die umstritten sind und somit Legitimationsschwierigkeiten mit sich bringen, werden als wahlkampfwirksame Abgrenzung vom Koalitionspartner genutzt (Aktuell: Trittins Äußerung über die CDU). (vgl. Holly 1990, S. 269 f.)

Auf die politische Werbung wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal genauer eingegangen. Die Wirkung der dabei erfolgenden Propaganda ist in Anbetracht der emotionalen Schwankungen eines immer größer werdenden Anteils von Wechselwählern nicht zu unterschätzen. Widersprüchlichkeit im politischen Handeln wird zwar vom Publikum zunächst auch hingenommen, durch Vergleichbarkeit mit dem Alltag wird Politik allerdings auch sehr schnell wieder von ihrem hohen Podest heruntergeholt. In den meisten Untersuchungen zu der Rolle eines Abgeordneten wird deutlich, dass er sehr vielen Rollenerwartungen gerecht werden muss. Dieser Versuch allen Rollen gerecht zu werden führt zwangsläufig zu vagen Ausdrücken und verwaschenen Floskeln, die wir alle aus Medienäußerungen kennen. Der Politiker leidet unter dem ständigem Druck des Perspektivenwechsels. (vgl. Holly 1990, S. 272)

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Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638815192
ISBN (Buch)
9783638816199
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71603
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik
Note
1,0
Schlagworte
Zusammenhang Sprache Politik Formen Rhetorik Werbe- Propagandasprache Fachwissenschaftliches Seminar

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