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Zur kritischen Auseinandersetzung der Gotteserkenntnis bei Kant

Seminararbeit 2005 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Metaphysische Erkenntnis bei Kant
2.1 Metaphysische Erkenntnis durch reine Vernunft
2.2 Gotteserkenntnis durch reine Vernunft
2.3 Kritik zur metaphysischen Erkenntnis Kants

3. Moralische Gotteserkenntnis bei Kant

4. Das Theodizeeproblem und die Möglichkeit Gottes

5. Kant in der Kritik - Kann man ohne Gott glücklich werden?
5.1 Kann man ohne moralisches Handeln glücklich werden?
5.2 Warum sollte man ohne Gott moralisch Handeln?
5.3 Gibt es einen Sinn des Lebens?

6. Gotteserkenntnis nach Kant und in der Gegenwart

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Keine andere Epoche in der Geschichte ist so von Kritik geprägt gewesen wie die der Aufklärung. Der wohl prominenteste Vertreter dieser Zeit ist Immanuel Kant. In seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ analysiert er ausführlich die Grenzen und Fähigkeiten des menschlichen Verstandes in Bezug auf das Erkenntnisvermögen der Dinge.

Einen großen Teil seines Buches widmet er der Metaphysik, vor allem den Fragen nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele und dem freien Willen. Nachdem die Existenz Gottes Jahrhunderte lang durch die Kirche dogmatisiert wurde, war erst zur Zeit der Aufklärung eine ausführliche Religionskritik möglich. Die Widerlegung aller klassischen Gottesbeweise gab dabei den Weg frei für eine Ablehnung Gottes und ließ Denkern wie Feuerbach, Freud, Nietzsche und Marx Raum für völlig neuartige Paradigmen.

Eine Ablehnung Gottes lag jedoch nicht im Interesse von Kant. Ihm ging es lediglich darum, nur sichere und durch Vernunft legitimierte Erkenntnis zuzulassen. Hierbei entwickelte er eine völlig neue Konzeption der Gotteserkenntnis: Gott ist nicht mehr in der theoretischen, sondern in der moralischen Erkenntnis zu finden.

Ausgangspunkt für dieses Konzept war Kants Kopernikanische Wende in der Erkenntnistheorie: Die Gegenstände müssen sich nach uns richten, nicht wir uns nach den Gegenständen. Nach einer Darlegung von Kants Erkenntnistheorie und der kritischen Auseinandersetzung dieser mit späteren Autoren bis ins zwanzigste Jahrhundert soll in dieser Arbeit die daraus resultierende Gotteserkenntnis Kants analysiert werden. Hierbei soll die Widerlegung der klassischen Gottesbeweise nur eine kurze Rolle spielen, bevor eine ausführlichere Analyse der moralischen Gotteserkenntnis erfolgt.

Anschließend soll dies auf seine Gültigkeit und Beweiskräftigkeit geprüft werden. Hierbei werden neben einem Exkurs zur Theodizeeproblematik auch Konzepte für die Legitimation der Ethik eine Rolle spielen. Ziel dieser Arbeit soll es sein, den generellen Gottesglauben nach der Aufklärung bis in die Gegenwart auf Legitimität zu überprüfen und seine Möglichkeiten und Perspektiven in heutiger Zeit darzulegen.

Die Frage nach Gott ist auch in heutiger Zeit wieder hochaktuell. Religiöser Fanatismus ist in der Gesellschaft allgegenwärtig. Terrorismus im Namen des islamischen Fundamentalismus und Antievolutionismus von Seiten christlicher Hardliner sind nur zwei Beispiele, wie sehr der Geist der Aufklärung und Vernunft mit der Religion divergiert. Orientierungs- und Sinnverlust durch postmodernen Wertepluralismus lassen jedoch immer wieder die Frage nach feste Werten und Halt entstehen. Philosophische Beschäftigung mit Gott ist daher auch in der Gegenwart notwendig. Es sollte überprüft werden, ob ein Glaube an Gott heutzutage durch die Vernunft gerechtfertigt werden kann, ob dieser Glaube überhaupt möglich ist oder gar notwendig sein muss.

2. Metaphysische Erkenntnis bei Kant

2.1 Metaphysische Erkenntnis durch reine Vernunft

Spätestens seit Descartes versuchten viele Philosophen der Neuzeit eine Erkenntnistheorie zu entwickeln, die sicheres Wissen schafft oder zumindest beschreibt wie Erkenntnis überhaupt möglich ist. Dieser Aufgabe stellt sich auch Kant in seinem Werk ‚Kritik der reinen Vernunft’. Sie war für ihn „nicht eine Kritik der Bücher und Systeme, sondern die des Vernunftvermögens überhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie, unabhängig von aller Erfahrung, streben mag, mithin die Entscheidung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Metaphysik überhaupt“ (KrV AXII). Kant war somit der erste Denker, der nicht nur die Naturwissenschaft, sondern auch metaphysische Erkenntnis auf sichere Basis stellen wollte. Diese Überlegungen sollen nun zusammenfassend dargelegt werden.

Kant beginnt zunächst mit einer Analyse der Erkenntnisarten und unterscheidet dabei zwei verschiedene Arten der Erkenntnis: Die Erkenntnis durch Erfahrung, die er Erkenntnis a posteriori nennt, und Erkenntnis unabhängig von Erfahrung, welche er als a priori bezeichnet. Mit Erkenntnis aus reiner Vernunft ist Erkenntnis a priori gemeint, in der empirische Erkenntnis völlig ausgeschlossen wird. Außerdem unterscheidet Kant analytische und synthetische Urteile. Analytische Urteile gehen dabei nicht über den Begriff den sie betrachten hinaus, synthetische Urteile fügen Begriffen weitere Eigenschaften zu.

Nachdem Kant das Erkenntnisvermögen der Vernunft geordnet hat, möchte er ausgehend von dieser Systematik die Metaphysik endlich auf sicheren Boden bringen. „Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich“ (KrV B22) lautet seine Leitfrage. „Es muss möglich sein, es mit ihr zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen oder Nicht-Wissen der Gegenstände, d.i. entweder der Entscheidung der Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen oder Unvermögen der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urteilen“ (ebd). Frühere Methoden der metaphysischen Erkenntnis sieht Kant als gescheitert, „[m]an kann also und muss alle bisher gemachten Versuche, eine Metaphysik dogmatisch zu Stande zu bringen, als ungeschehen ansehen“ (KrV B23).

Dass die Metaphysik bisher so erfolglos war, liegt an der Eigenart ihrer zu erkennenden Gegenstände. Konnte man sich in den Naturwissenschaften nach den zu betrachtenden Gegenständen richten, die man durch Beobachtung (a posteriori) kannte, war dies bei der Metaphysik nicht möglich. Denn ihre Gegenstände liegen außerhalb der empirisch erfahrbaren Welt, sie kann nur rein a priori erfasst werden. Genau hier sieht Kant jedoch das Problem: „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnisse erweitert würden, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte“ (KrV BXVI). Kant fordert daher eine „Umänderung der Denkart“ (ebd), die durch die physikalische Methodik des Kopernikus inspiriert war und daher kopernikanische Wende der Erkenntnis genannt werden kann. Ähnlich wie Kopernikus einen Perspektivenwechsel vornahm und plötzlich die Menschen um die Sonne kreisen ließ, fordert auch Kant einen Perspektivenwechsel, nämlich „daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unseren Erkenntnissen richten“ (ebd).

Der Vorteil dieser neuen Sichtweise ist, dass man jetzt sichere Aussagen über transzendente Begriffe machen kann. Denn über ein Objekt jenseits jeder Anschauung konnte man vorher nicht einmal reden ohne in einen Widerspruch zu geraten. Der Nachteil ist, dass man keine Aussage über die reale Existenz dieser Objekte machen kann, da dies reine Spekulation jenseits der Grenze unserer Erfahrung ist.

Doch durch Kants Neuentwurf der Metaphysik sind diese zumindest denkbar. Darin sieht Kant einen großen Fortschritt für die Anwendung der reinen Vernunft, da „es einen schlechterdings notwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen) gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit erweitert, dazu sie zwar von der spekulativen keiner Beihülfe bedarf, dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in Widerspruch mit sich selbst zu geraten“ (KrV BXXV).

Kant setzt somit der theoretischen Erkenntnis (was ist) eine praktische Erkenntnis (was sein soll) gegenüber. Diese praktische Erkenntnis ist an die Metaphysik gebunden: „Da es praktische Gesetze gibt, die schlechthin notwendig sind (die moralische), so muß, wenn diese irgend ein Dasein, als die Bedingung der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft, notwendig voraussetzen, dieses Dasein postuliert werden“ (KrV B661f).

Sollte ein notwendiges moralisches Gesetz also einen Gegenstand benötigen, der jenseits unserer Erfahrung liegt, kann dieser aus praktischer Notwendigkeit postuliert und somit ähnlich wie ein Axiom vorausgesetzt werden. Hierauf werde ich in den späteren Abschnitten weiter eingehen, wenn es um die moralische Notwendigkeit Gottes geht.

2.2 Gotteserkenntnis durch reine Vernunft

Was man mit Kants Erkenntnisvermögen der Metaphysik nicht erreichen kann, ist ontologische Gewissheit von Dingen. Daher weist Kant die theoretische Erkenntnis Gottes, welche ohne jede Anschauung und daher spekulativ ist, als undurchführbar zurück. Er behauptet, „daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauches der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich unfruchtbar und ihrer inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind […] folglich, wenn man nicht moralische Gesetze zu Grunde legt, oder zum Leitfaden braucht, es überall keine Theologie der Vernunft geben könne“ (KrV B664).

Dass sich die theoretische Vernunft als unzureichend für Gotteserkenntnis erweist, ist wohl am besten daran zu erkennen, dass Kant alle vorhandenen Gottesbeweise widerlegt und zusätzlich nachweist, dass es keine neuen Gottesbeweise auf der Basis der reinen spekulativen Vernunft geben kann. Vor allem der ontologische Gottesbeweis ist laut Kant unmöglich. Dieser schließt von einem vollkommenen Wesen darauf, dass zur Vollkommenheit auch die Existenz gehören muss. Dieser Schluss ist jedoch nicht gültig, denn ontologische Realität kann nicht in einem Begriff liegen. Aus einem vollkommenen Wesen kann zwar analytisch geschlossen werden, dass es allmächtig und allgütig ist. Existenz ist jedoch ein synthetisches Urteil a priori. Da die Existenz dieses vollkommenen Wesens nicht durch Erfahrung überprüft werden kann ist sie eine Spekulation, aber keine Gewissheit. „Es ist aber gänzlich unmöglich, aus einem Begriff von selbst hinaus zu gehen, und, ohne dass man der empirischen Verknüpfung folgt […] zu Entdeckung neuer Gegenstände und überschwänglicher Wesen zu gelangen“ (KrV B667). Dies kann man sich vielleicht auch daran deutlich machen, dass man sich zwar ein Einhorn oder ein Pegasus vorstellen kann, in diese Vorstellung jedoch keine reale Existenz mit einbauen darf. Existenz ist nur empirisch nachweisbar, in Bezug auf Gott fehlt jedoch die Möglichkeit dieses empirischen Nachweises.

Aus ähnlichen Gründen lehnt Kant auch den kosmologischen und den physikotheologischen Gottesbeweis ab. Diese schließen von der Beobachtung, dass alles eine Ursache hat, auf einen ersten Beweger, nämlich Gott. Doch man kann nun weiter fragen: Was ist dann die Ursache von Gott? Wenn man nicht immer weiter nach Ursachen fragen will, muss man die erste Ursache jenseits der Erfahrungswelt ansiedeln. Dann ist jedoch nicht klar, wieso man auf den Begriff eines höchsten Wesens schließen sollte, und ausserdem könnte man von diesem Begriff wieder nicht auf seine reale Existenz schließen.[1]

[...]


[1] Für eine ausführliche Darlegung der Kritik an den Gottesbeweisen siehe beispielsweise: Höffe, Otfried: Immanuel Kant, München, C.H.Beck, 5., überarbeitete Auflage 2000

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638623254
ISBN (Buch)
9783638675161
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71349
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Auseinandersetzung Gotteserkenntnis Kant

Autor

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