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Literaturwissenschaftliche Untersuchung des Werkes „Die Ringe des Saturns“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ringe des Saturn- Eine englische Wallfahrt

3. Die Saturnische Melancholie in Sebalds Werk

4. Gefährten im Gemüt

5. Der Wanderer im Zeichen des Saturn

6. Geschichte des Zerstörerischen und der Zerstörung- Landschaften der Zerstörung

7. Fazit

1. Einleitung

Das literarische Werk des Autors Winfried Georg Maximilian Sebald stellt eine Besonderheit der deutschen Nachkriegsliteratur dar. Mit seinen Mitteln zerrte er die menschliche Zerstörungsgeschichte schonungslos ans Tageslicht und grub gleichsam einem Archäologen Fragmente der Erinnerung aus. Nach seinem zunächst wenig beachteten Einstand mit „Nach der Natur- Ein Elementargedicht“ im Jahre 1988 erwarb er sich binnen kurzer Zeit vor allem im englischsprachigen Ausland Ansehen.

Sebalds Schriften sind niemals rein fiktional, denn er verstand sich meisterhaft darauf, Fragmente der Geschichte, ihre zentralen Gestalten und Schicksale einzubetten in ein von ihm erstelltes Erzählmosaik und nicht selten tritt hinter der Maske des Ich- Erzählers etwas von Sebald selbst hervor. Seine Motive sind vielfältig und gehen unter die Haut. „Er erzählt vor allem von den Leiden an Heimatverlust und Exilierung, aber auch von der Erinnerung an das jüdische Alltagsleben in Deutschland“ (SCHEDEL, S. 9, 2004), jedoch auch von der menschlichen Zerstörungsgeschichte und ihren allgegenwärtigen Spuren. Im Rahmen dieser Arbeit setze ich mich mit ausgewählten Aspekten seiner dritten Novelle Die Ringe des Saturn- Eine englische Wallfahrt auseinander, welche 1995 erstmals im Eichborn Verlag erschien.

Zunächst werde ich einen kurzen Abriss über Handlung und Thematik des vorliegenden Buches geben um mich dann der Melancholie im Zeichen des Saturn zu widmen, in der Sebald sich selbst und die Tragödie der Phylogenie des Menschen offenbart.

Was genau ist es, dass Sebald seinen Ich- Erzähler entdecken lässt und worin besteht das Verstörende? Wie äußert sich das Saturnische in Sebalds Ich –Erzähler und was versteht man unter dem saturnischen Melancholiebegriff? Woher entlehnte Sebald die saturnische Ringmetapher?

Im nächsten Schritt beschäftige ich mich eingehender mit dem namenlosen Ich- Erzähler.

Wie viel von W.G. Sebald steckt in ihm? Aus welchen Beweggründen heraus macht sich der Erzähler auf Wanderschaft und welcher Gestalt ist diese Wanderschaft? Welche Ziele verfolgt er und wie entwickelt er sich?

In diesem Zusammenhang werde ich mich den Gefährten im Geiste zuwenden, welche dem Erzähler auf seiner Reise durch Suffolk immer wieder begegnen.

Anschließend setze ich mich mit Sebalds Verständnis von Natur und Landschaft als einen durch historischen und kulturellen Wandel unterworfenen Raum auseinander, um die Motive Zerstörung, Erinnerung und Vergessen herausarbeiten zu können.

2. Die Ringe des Saturn- Eine englische Wallfahrt

In Die Ringe des Saturn berichtet ein auktorialer Ich-Erzähler rückblickend von einer Wanderung durch die Grafschaft Suffolk im Osten Englands. Insofern ließe sich von einer Art Reisebericht sprechen, der jedoch erweitert wird durch die sensiblen und verstörenden Beobachtungen des Erzählers und plötzlich nichts mehr von einem typischen Reisebericht zu haben scheint. Gleichzeitig bewegt sich der Reisende auch durch die Geschichte selbst. In der Heide- und Marschlandschaft, an der Küste, in Ortschaften oder auf den typischen feudalen Landsitzen entdeckt der Wanderer Zeugnisse menschlicher Interventionen in den Naturraum. Die verschiedenen Stationen evozieren gedankliche Exkursionen in zurückliegende Epochen. Dort begegnet er unter anderem Persönlichkeiten, wie dem Maler Rembrandt, Thomas Browne sowie dem Vicomte de Chateaubriand, deren Biografien er entfaltet und in Beziehung setzt mit der Sozial- und Kulturgeschichte der Menschheit, die weit über die Grenzen Englands hinausreicht.

Der einsame Wanderer begibt sich jedoch nicht bloß auf eine Fußreise durch Englands Osten. Vielmehr verrät der Untertitelt des vorliegenden Buches – Eine englische Wallfahrt, dass es sich hier um eine Art Pilgerreise geht. Triebfedern für eine Wallfahrt ist zunächst die Bitte um Hilfe in der Not. Eine Wallfahrt ist auf das Ziel der Erlösung hin ausgerichtet, welches vom Erzähler benannt wird, indem er seinen Bericht folgendermaßen beginnt: „Im August 1992, als die Hundstage ihrem Ende zugingen, machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach dem Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können.“ (SEBALD, 1995, S. 9).

McCulloh stellt nun die entscheidende Frage „Why the title?“ (MCCULLOH, 2003, S. 67). Der Saturn findet gleich zu Beginn des Buches Erwähnung. Unter den drei Zitaten vor Beginn des ersten Teils findet sich ein Eintrag der Brockhaus

Enzyklopädie, welcher Morphologie und Entstehung der Saturnringe beschreibt. Hiernach kollidierte angezogen durch die Gezeitenwirkung ein zu nahe gekommener Mond mit dem Saturn. Die zurückbleibenden Trümmerstücke formten die dessen Äquatorialebene kreisförmig umlaufenden Ringe.

Hier hat unter enormen zerstörerischen Kräften eine gewaltige Umwandlung statt gefunden. Staub und Reste einer früheren Welt sind nun Teil einer anderen. „Transformations and transmutations as such fascinate Sebald” (MCCULLOH, 2003, S. 68). Die Ringe des Saturn stehen hernach sowohl als Symbol für Spuren der Zerstörung, die immer noch sichtbar sind, als auch für gewaltige Zerstörungskräfte. Vielleicht steckt hierin die erschreckende Erkenntnis, unsere Welt könne in Zukunft auch aus den losen Resten einer ehemaligen Kultur bestehen.

3. Die Saturnische Melancholie in Sebalds Werk

Der Gasriese Saturn ist der zweitgrößte Planet in unserem Sonnensystem und zugleich Verkörperung des Dunklen. Zugleich ist er der Stern der Einsamen. In der Astrologie ist er es, der das Temperament lenkt und für die Neuplatoniker, ist er synonym mit dem Begriff der Melancholie. „Im System der klassischen Lehre der vier Temperamente und der Theorie von den Körpersäften [gilt die Melancholie]- als distinguierendes Charakteristikum des Menschen, dem die Schwermut der schwarzen Galle das Leben „vergällt““ (LÖFFLER, 2003, S.104). Sebald stellt sein Schaffen unter den Planeten Saturn, „der die unheilvolle Konstellation seiner Geburtsstunde im sechsten Weltkriegsjahr mit einem zeichenhaften Unwetter geprägt habe“ (LÖFFLER, 2003, S.103f).

Doch ist die Melancholie nicht bloß als depressive Verstimmung zu betrachten. Vielmehr ist sie die Voraussetzung dafür, das Unglück in all seinen Erscheinungsformen zu erfassen. Damit sind beide Seiten des saturnischen Temperaments genannt, die Qual der Weitsicht auf der einen, Erleuchtung und eine gesteigerte und sensibilisierte Wahrnehmung auf der anderen Seite. Sebalds Ich- Erzähler wandelt, wie er selbst, auf einem schmalen Grat zwischen melancholischem Sinnen und klarer Erkenntnis des Unglücks sowie der Zerstörung. Das Ich sucht Heil in einer nachträglichen Verschriftung seiner genau ein Jahr zuvor unternommenen Wanderung und den damit verbundenen traumatischen Erfahrungen.

Der wandernde Erzähler ist der Melancholie verfallen, dies wird schnell klar. Im ersten Teil seines Berichts wird dieser als immobiler Krankenhauinsasse eingeführt, der sich seiner Situation unter Schmerzen nicht immer ganz bewusst ist (Vgl. SEBALD, 1995, S. 9). Schon auf den ersten Seiten rechtfertigt er sein Anliegen, das Gesehene und Erlebte verschriftlichen zu wollen. „Jedenfalls beschäftigte mich in der nachfolgenden Zeit sowohl die Erinnerung an die schöne Freizügigkeit als auch die an das lähmende Grauen, das mich verschiedentlich überfallen hatte angesichts der selbst in dieser entlegenen Gegend bis weit in die Vergangenheit zurückreichenden Spuren der Zerstörung“ (SEBALD, 1995, S. 9).

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Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638631358
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71244
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Schlagworte
Eine Wanderung Vergessen Untersuchung Werk Ringe Saturns Wallfahrt Winfried Georg Maximilian Sebald Erzähler

Autor

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