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Entwicklung regionaler Disparitäten in China

Bachelorarbeit 2006 22 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Entwicklung regionaler Disparitäten
2.1 Die ausgleichende Politik der Vorreformperiode
2.2 Die 80er Jahre : Im Zeichen der Wirtschaftsreform
2.3 Die 90er Jahre : Verschärfung des regionalen Ungleichgewichts

3 Empirische Analyse der regionalen Disparitäten
Tabelle 3.1 : BIP- Disparitäten zwischen den Provinzen 1978 - 1995
Tabelle 3.2 : Rang der chinesischen Provinzen nach BIP/Kopf
Tabelle 3.3 : Unterschied zwischen den stärksten und schwächsten 5 Provinzen (BIP/Kopf)
Tabelle 3. 4 : Prozentuale Verteilung der ADI in den drei Großregionen (1978 – 2001)
Graphik 3.1 : Relation des BIP/Kopf zum nationalen Mittel in den drei Großregionen (1978 – 2001)

4 Die regionale Ungleichheit und ihre Folgen
Abbildung 4.1 : Wanderungsströme in die Küstenregionen der VR China

5 Der Westen gelangt in den Fokus

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetressourcen:

1 Einleitung

Die Transformation des Wirtschaftssektors seit Ende der 70er Jahre führte die Volksrepublik China in eine Phase der zunehmenden Marktorientierung und Globalisierung. Der enorme Erfolg statuiert sich in dem Beinamen „Wirtschaftswunder“ China. Jedoch plagt die Volksrepublik ein massives Problem: Der wirtschaftliche Aufschwung hat zu einem regionalen Ungleichgewicht der Wirtschaftsentwicklung beigetragen und somit die vorher schon bestehenden Gegensätze innerhalb des Landes verschärft.

Die vorliegende Arbeit soll die Entwicklung der regionalen Disparitäten zwischen den prosperierenden Küstenregionen und dem unterentwickelten westlichen Hinterland Chinas darstellen. Der Schwerpunkt liegt in der Bedeutung der stark variierenden Regionalpolitik. In wiefern wurden die Disparitäten von der chinesischen Regierung akzeptiert oder bekämpft? Wie kam es zu dem explosionsartigen Anstieg der Disparitäten zwischen West- und Ostchina seit Anfang der 90er Jahre? Welche Folgen bringt das Regionalgefälle mit sich?

Im zweiten Teil der Arbeit steht die empirische Analyse der regionalen Disparitäten im Mittelpunkt der Betrachtung. Hier soll noch einmal an Zahlen und spezifischen Indikatoren das Regionalgefälle demonstriert werden.

Abschließend wird auf die neue Regionalpolitik eingegangen. Wie versucht die chinesische Regierung die regionalen Disparitäten im 21. Jahrhundert abzubauen? Was für eine Politik kann zur Lösung des Problems beitragen?

2 Die Entwicklung regionaler Disparitäten

2.1 Die ausgleichende Politik der Vorreformperiode

In den ersten Jahren nach Ausrufung der VR China (1.Oktober 1949) waren die Ungleichheiten innerhalb des Landes relativ gering und konstant [vgl. KANBUR 2004, S.4]. Im Verlauf der fortschreitenden Industrialisierung veränderten sich diese Verhältnisse. Verantwortlich für die Ausbildung von Ungleichheiten war die Konzentration der Arbeits- und Wohnbevölkerung in den Städten, die zu Zentren des Wirtschaftswachstums aufstiegen. Das Resultat der divergierenden Wirtschaftskraft der verschiedenen Regionen waren vor allem Disparitäten in der Einkommensverteilung [vgl. SCHÜLLER 1997, S.130].

Mitte der 60er Jahre geben zwei wichtige Faktoren Anlass zu einem Umbruch in der Regionalpolitik. Zum einen ist das angesprochene Ungleichgewicht der Einkommensver­teilung unvereinbar mit den sozialistischen Gerechtigkeitsvorstellungen Mao Zedongs und zum anderen veranlasst die wachsende militärische Präsenz der USA den politischen Führer zum Aufbau des Drei-Fronten-Systems (1.Front: Küste, 2.Front: Zentrum, 3.Front: Westen) [vgl. DEMURGER 2002, S.13]. Die sogenannte „3.Front-Politik“ setzte sich das Ziel große autarke Projekte der Schwer- und Rüstungsindustrie im „sicheren“ Landesinneren zu errichten um somit den Ausgleich der regionalen Unterschiede zwischen der Küstenregion und den Inlandsregionen zu fördern. Die staatliche Förderung beschränkte sich zunächst auf die südwestlichen Provinzen Sichuan, Yunnan und Guizhou. Jedoch erweiterte die chinesische Regierung ihre Unterstützung im Folgenden auf die Provinzen Gansu, Ningxia und Qinghais. Im 3. Fünfjahresplan (1966 - 70) beliefen sich die staatlichen Investitionen in Zentral- und Westchina auf 70,6%, wobei die Küstenregionen nur 29,4% beanspruchen konnten. Allerdings verringerten sich die Investitionen im Inland in den folgenden Jahren drastisch [vgl. TAUBMANN 2001, S.13].

Das Ende der 3.Front-Politik begründete sich in den enormen Kosten und der allmählichen Entspannung der außenpolitischen Lage Anfang der 70er Jahre. Die in entlegenen Gebieten angesiedelten Industrieunternehmen waren aufgrund ihrer unzureichenden infrastrukturellen Erschließung viel zu teuer im Unterhalt und ineffizient in der Produktion [vgl. TAUBMANN 2001, S.13]. Höchstens 50 % der geplanten Fabriken und Fertigungsstätten konnten überhaupt gewinnbringend arbeiten [vgl. DEMURGER 2002, S.13].

Im Endeffekt konnte trotz den Grundzügen einer gleichgewichtigen Regionalpolitik keine Entschärfung in Bezug auf die regionalen Disparitäten festgestellt werden.

2.2 Die 80er Jahre : Im Zeichen der Wirtschaftsreform

Im Dezember 1978 beschloss die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) die neue Reformpolitik. Inhaltlich hatte dies die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen zur Folge. Die Sonderrechte dieser Provinzen sollten dem Zweck dienen, einen „räumlich beschränkten Zufluss an ausländischem Kapital [der] nötigen Devisen für die Modernisierung und Umgestaltung des Wirtschaftssystems ins Land zu holen“ [TAUBMANN 2001, S.14]. Der 6. Fünfjahresplan (1981 – 1986) sah eine verschärfte Küstenentwicklungsstrategie vor. Für die Regionalpolitik hatte dies ein Ungleichgewicht zwischen den Provinzen zur Folge [vgl. SCHÜLLER 2002, S.1144].

Allerdings bewirkten ausgleichende Mechanismen im Rahmen der wirtschaftlichen Reform einen leichten Rückgang, bzw. eine Bremsung, der negativen Regionalentwicklung. Die Gründe für die Angleichung der regionalen Disparitäten sollen im Folgenden dargestellt werden:

1. Der wohl entscheidende Punkt für den vorübergehenden Aufholeffekt der ländlichen Gebiete Westchinas war die Agrarreform (Ende der 70er Jahre). Diese umfasste die Umverteilung des kollektiven Landes an die bäuerlichen Haushalte, die Erhöhung der staatlichen Ankaufpreise für landwirtschaftliche Produkte und die Lockerung der staatlichen Getreideanbau- und Ankaufpolitik. Aufgrund dieser Reform war es manchen Provinzen sogar möglich geworden sich mit komparativen Vorteilen zu spezialisieren. Insgesamt wurden die Lebensstandards der ländlichen Bevölkerung (= 2/3 der Gesamtbevölkerung), vor allem durch die höhere Produktivität im Agrarsektor, verbessert.
2. Die Fiskalpolitik sah in den 80er Jahren einen erhöhten Transfer von Haushaltsmitteln in ärmere Regionen vor. Je ärmer eine Provinz war, desto größer waren die Subventionen aus dem Zentralhaushalt
3. Zudem erreichte die staatliche Investitionspolitik durch Zahlungen, die abhängig von dem wirtschaftlichen Entwicklungsniveau einer Provinz waren, einen Abbau der Disparitäten bis Ende der 80er Jahre.
4. Des weiteren kompensierten Zuschüsse der Weltbank und internationaler Entwicklungshilfeinstitutionen den bestehenden Rückstand der ärmeren Inlandsregionen. [vgl. SCHÜLLER 1997, S. 132f]

Diese Aspekte verschleierten in den 80er Jahren die fortschreitende Divergenz der regionalen Disparitäten. Zwar wirkten diese vier Punkte bis Mitte der 80er Jahre den Ungleichheiten innerhalb des Landes entgegen, jedoch verloren sie allmählich an Bedeutung. Die Regierung zeigte in der folgenden Regionalpolitik auf, worin sie die Prioritäten der wirtschaftlichen Entwicklung für die Zukunft sah. Der 7. Fünfjahresplan und der Zehnjahresplan (1986 – `96) beinhalteten die Einteilung Chinas in drei Großregionen.

Abbildung 2.1 : Die Wirtschaftsregionen Chinas

Quelle: SCHÜLLER 1997, S.132

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die sogenannte „Strategie der Drei Gürtel“ sah eine Disposition des Landes in Ost-, Zentral- und Westchina vor. Der Kern dieser Politik beinhaltete eine fortschreitende Entwicklung des Küstenraumes (Ostchina) [vgl. SCHÜLLER 2002, S.1144]. Die chinesische Regierung erhoffte sich, dass sich die wirtschaftlichen Entwicklungsimpulse von der Ostküste, über Zentral- bis Westchina stufenweise ausbreiten würden (trickle down – Effekt) [vgl. TAUBMANN 2001, S.14].

Abschließend ist festzuhalten, dass „zunächst eine ungleichgewichtige Wirtschaftsent­wicklung als Begleiterscheinung der regional unterschiedlichen binnen- und außenwirt­schaftlichen Liberalisierung des Wirtschaftssystems von der politischen Führung Chinas Anfang der 80er Jahre akzeptiert wurde“ [SCHÜLLER 2001, S.2].

2.3 Die 90er Jahre : Verschärfung des regionalen Ungleichgewichts

Als Folge aus dieser unausgewogenen Regionalpolitik ergab sich eine Verschärfung der Disparitäten seit Anfang der 90er Jahre. Der im 7. Fünfjahresplan propagierte trickle – down Effekt blieb aus. Das wirtschaftliche Wachstumstempo der verschiedenen Provinzen, ausgelöst durch den starken Industrialisierungsschub, fiel in der Küstenregion sehr viel höher aus als im Rest des Landes. Die Ursachen für die Ausweitung der regionalen Disparitäten werden nachstehend ausführlich analysiert.

Die politische Strategie der VR China, durch die Anbindung der Sonderwirtschaftszonen an Hongkong und Taiwan, sich Zutritt zum Weltmarkt zu verschaffen, ging in vollem Maße auf. Der Erfolg der Küstenregion basierte auf den ausgeschriebenen wirtschaftlichen Sonderrechten. Das regional unterschiedlich strukturierte Ausmaß dieser Privilegien, vor allem in Bezug auf die voranschreitende Liberalisierung und der außenwirtschaftlichen Öffnung, trug in erschwerendem Maße zur Verstärkung des Regionalgefälles bei. Die Küstenregion konnte aufgrund ihrer enormen Attraktivität für ausländische Investoren eine Monopolstellung einnehmen. Von Vorteil waren dafür insbesondere die steuerlichen Erleichterungen, die annähernd kapitalistischen Regeln für den Arbeits- und Kapitalmarkt, sowie die überragenden Transport- und Kommunikationsbedingungen. Die Abbildungen 2.2 und 2.3 dokumentieren, dass sich die realisierten Auslandsinvestitionen und die außenwirtschaftlichen Verflechtungen der chinesischen Provinzen im Jahre 1995 auf die Ostküste konzentrieren [vgl. SCHÜLLER 1997, S. 134].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2 & 2.3

QUELLE: SCHÜLLER 1997, S.135 und S.137

Die Eröffnung der nationalen Wertpapiermärkte schwächte die ärmeren Provinzen zusätzlich. Der Kapitalabfluss aus den Inlandsprovinzen in die Ostregion begründete sich in den günstigen Investitionsbedingungen, vor allem bei Devisenkäufen und Kapitaleinlagen [vgl. SCHÜLLER, 1997 S. 134].

Ein weiterer zentraler Aspekt, der zum Ungleichgewicht der Wirtschaftsentwicklung zwischen den Provinzen führte, war der Umfang des nichtstaatlichen Sektors im Zuge der fortschreitenden Liberalisierung. Die wirtschaftliche Dynamik der Küstenprovinzen basierte unter anderem auf den hohen Wachstumsraten des nichtstaatlichen Industriesektors. Zudem stieg der Stellenwert des privaten und kollektiven Sektors in der Ostregion dank des Aufschwungs der ländlichen, kollektiven Betriebe und der Ansiedlung von Auslandsunter­nehmen. Aus einer Untersuchung von Song (1995) lässt sich entnehmen, dass die Gebiete mit einem hohen Anteil des Staatssektors an der Industrieproduktion nur relativ niedrige Wachstumsraten zu Beginn der Wirtschaftsreform erreichen konnten. Die möglichen wirtschaftlichen Liberalisierungen der Eigentumsstruktur waren von dem Willen der Lokalregierungen, den zentral eingeschlagenen Reformkurs zu verfolgen, abhängig. Der konservativen Herangehensweise dieser Gremien der inländischen Provinzen ist es zu verdanken, dass die geschaffenen Freiräume nicht effektiv ausgenutzt werden konnten. Im Gegensatz dazu gewährte eine mutige Herangehensweise, wie z.B. in Guangdong, einen enormen Wachstumsschub [vgl. SCHÜLLER 1997, S.136].

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Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638631259
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71227
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Geographisches Institut Abteilung Wirtschaftsgeographie
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Disparitäten China Hauptseminar

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