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Tiergestützte Therapie in der Sozialen Arbeit

Der heilsame Prozess in der Mensch-Tier-Interaktion

Diplomarbeit 2007 96 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tiergestützte Therapie
2.1. Therapie
2.2. Tiergestützte Therapie (TT)
2.2.1. Animal-Assisted-Activities (AAA)
2.2.2. Animal-Assisted-Therapie (AAT)
2.2.3. Tiergestützte Pädagogik
2.3. Entstehungsgeschichte der TT
2.4. Einsatzbereiche von TA und TT

3. Die Mensch-Tier-Beziehung
3.1 Die Mensch-Tier-Beziehung – historischer Abriss
3.2. Positive Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung
3.2.1. Physische/physiologische Wirkung
3.2.2. Mentale und psychologische Wirkungen
3.2.3. Soziale Wirkungen
3.3. Biophilie
3.4. Du-Evidenz
3.5. Bindungstheorie
3.6. Schichtenlehre der Person nach Rothacker
3.7. Zusammenfassung

4. Kommunikation und Interaktion
4.1. Die menschliche Kommunikation
4.2. Tierische Kommunikation
4.3. Mensch-Tier-Kommunikation
4.4. Mensch-Tier-Interaktion
4.5. Taktile Reize in der Mensch-Tier-Interaktion
4.6. Zusammenfassung

5. Praktische Mensch-Tier-Interaktion
5.1. Für welche Klientel ist TT besonders geeignet?
5.2. Für welche Klientel ist TT nicht geeignet?
5.3. Welche Tiere sind besonders geeignet?
5.4. Gedanken zum Tierschutz
5.5. Hygiene-Aspekt
5.6. Beispiele für angewandte Mensch-Tier-Interaktionen
5.6.1 Freie Mensch-Tier-Begegnung
5.6.2 Tierbesuchsdienst
5.6.3 Entwicklungsfördernde Therapie
5.6.4 Kurzzeittherapie in einer Schäferei

6. Theoretische und konzeptionelle Einbindung in die Soziale Arbeit
6.1. TT im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
6.2. Kritik an TT
6.3. Einheitliche Ausbildungsstandards für TT

7. Schlussbetrachtung und Ausblick

Anhang
Adressen

Tiergestützte Therapie im Kontext Soziale Arbeit

1. Einleitung

Tiere werden schon seit einigen Jahren in der Sozialen Arbeit eingesetzt. Anfangs waren es vor allem die Reit- und die Delphintherapie. Mittlerweile entstehen laufend neue Formen der tiergestützten Therapie.

Dabei können therapeutische oder pädagogische Zielsetzungen im Vordergrund stehen.

Immer wieder habe ich in der Literatur und in den unterschiedlichen Studien zum Thema tiergestützte Therapie, von einem oder dem „heilsamen Prozess“ in der Mensch-Tier-Interaktion gelesen. Meistens wird dieser heilsame Prozess jedoch nicht näher erläutert. Darum möchte ich mich in meiner Diplomarbeit genauer damit auseinandersetzen.

Die übergeordnete Frage lautet also: Was genau macht den heilsamen Prozess in der Mensch-Tier-Interaktion aus? Was wirkt warum? Und wie?

Der Anspruch dieser Arbeit soll außerdem sein, einen umfassenden Überblick über die tiergestützte Therapie in der Sozialen Arbeit zu geben. Dabei berücksichtige ich auch aktuelle Tendenzen.

Der Aufbau der Arbeit unterteilt sich in sieben Kapitel. Kapitel zwei stellt nach der Einleitung eine detaillierte Einführung in das Thema dar. Es beginnt mit einigen wichtigen Definitionen und berichtet über die Entstehungsgeschichte und die Einsatzbereiche von tiergestützter Therapie.

Kapitel drei befasst sich mit der Mensch-Tier-Beziehung. Es beleuchtet die historische Entwicklung dieser Beziehung und benennt die positiven Wirkungen, die sich für den Menschen ergeben können. Es werden außerdem erste mögliche Erklärungsmodelle für den heilsamen Prozess aufgestellt.

Kapitel vier hat die Mensch-Tier-Kommunikation und –Interaktion zum Thema. Dazu werden jeweils Aspekte der menschlichen und tierischen Kommunikation benannt, um dann darzustellen, auf welcher gemeinsamen (Sprach)Ebene eine artübergreifende Kommunikation stattfinden kann. Es werden außerdem weitere Theorien für den heilsamen Prozess aufgestellt.

Kapitel fünf beschäftigt sich mit der praktischen Durchführung von tiergestützter Therapie. Es gibt Aufschluss darüber, für welche Klientel tiergestützte Therapie sich besonders empfiehlt und für welche nicht. Es werden außerdem Überlegungen zum Tierschutz angestellt und Hygienefragen im Umgang mit Tieren beantwortet. Das Kapitel schließt mit der exemplarischen Vorstellung einiger tiergestützter Projekte aus der Praxis.

Das sechste Kapitel befasst sich mit der theoretischen und konzeptionellen Einbindung in die Soziale Arbeit. Die Idee von tiergestützter Therapie wird außerdem kritisch diskutiert. Das Kapitel endet mit Vorschlägen zu einheitlichen Ausbildungsstandards.

Das letzte Kapitel formuliert eine kritische Schlussbetrachtung und stellt Überlegungen zu Entwicklungstendenzen der tiergestützten Therapie in der Sozialen Arbeit an.

2. Tiergestützte Therapie

Dieses Kapitel soll eine Einführung ins Thema sein. Dazu werde ich zunächst wichtige Begriffe definieren und erklären. Im Anschluss daran werde ich die Entstehungsgeschichte von tiergestützter Therapie darstellen und über die verschiedenen Einsatzbereiche informieren.

2.1. Therapie

Allgemein ist „Therapie“ eine Bezeichnung für die Behandlung von Krankheiten mit gezielten Maßnahmen. Der Eintrag im Fremdwörterduden lautet: „(Med.; Psychol.) Heilbehandlung“[1]. Was bedeutet nun tiergestützte Therapie?

2.2 Tiergestützte Therapie (TT)

"Unter tiergestützter Therapie versteht man alle Maßnahmen, bei denen durch den gezielten Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden sollen. Das gilt für körperliche wie für seelische Erkrankungen."[2]

Als tiergestützt können somit sämtliche Aktionen bezeichnet werden, welche Tiere in irgendeiner Form in therapeutische Prozesse mit einbeziehen. Ziel solcher Therapieformen kann die Gesundung oder Verbesserung der körperlichen oder seelischen Verfassung eines Menschen sein. Es werden im Wesentlichen folgende zwei Formen unterschieden:

2.2.1 Animal-Assisted-Activities (AAA)

„Unter AAA fallen Tierbesuchsprogramme, bei denen Tierhalter mit

ihren Tieren für einen bestimmten Zeitraum eine Institution besuchen. Die Tierbesuche richten sich nicht auf die gezielte Behandlung bestimmter Personen aus, haben keine Zielvereinbarungen, und es werden auch keine Aufzeichnungen über den Verlauf des Besuches gemacht.“[3] Diese Besuche können auch von Laien oder ehrenamtlichen Helfern durchgeführt werden.

Der deutsche Begriff hierfür ist tiergestützte Aktivität (TA). Es wird auch immer häufiger von tiergestützten Fördermaßnahmen gesprochen.

2.2.2 Animal-Assisted-Therapie (AAT)

Der Unterschied zu AAA ist, „dass AAT immer von einem Arzt, Therapeuten, Sozialpädagogen o.ä. durchgeführt wird, wobei das Hauptaugenmerk auf der pädagogischen Ausbildung des Experten liegt. (...) Zentrale Bedeutung bei der AAT ist die vorherige Festsetzung und Definition der Ziele sowie eine genaue Dokumentation über den Verlauf der Therapie.“[4]

Dies setzt außerdem voraus, dass eine genaue oder vermutete Diagnose zugrunde liegt. Die AAT wird individuell auf diese Diagnose ausgerichtet. Dabei stimmt sich der Therapeut auch mit den anderen Behandelnden des Klienten ab, so dass die AAT in den gesamten Behandlungs- und Betreuungsplan des Klienten integriert wird.

Der deutsche Begriff hierfür ist tiergestützte Therapie (TT).

2.2.3 Tiergestützte Pädagogik (TP)

Bei der TP ist der Auftraggeber häufig eine Schule oder eine andere pädagogische Einrichtung. Somit handelt es sich meistens nicht um einen einzelnen Klienten, sondern um eine Klientengruppe.

„Es geht dem Auftrag nicht unbedingt eine Krankheit und Diagnose voraus. Freizeitgestaltung, Wissensvermittlung, Förderung – das alles sind Dinge, die man dem pädagogischen Bereich zuordnet.“[5]

Bei der TP wie auch bei der TT gilt:

„Es sind die Menschen, die die Pädagogik (oder Therapie) „machen“, sie setzten die Tiere und die dazu gehörigen Aktionen, Gespräche so ein, wie es am besten zur Situation und zum Auftrag passt.“[6]

Von den Tieren wird in diesem Zusammenhang immer häufiger von Co-Therapeuten gesprochen.

2.3. Zur Entstehungsgeschichte von TT

Tiere wurden schon früh in der Behandlung menschlicher Störungen eingesetzt, laut McCulloch möglicherweise bereits im achten Jahrhundert. In Heimen wurden Tiere zur Verbesserung des menschlichen Wohlbefindens bereits 1792 im York Retreat (Einrichtung für Geisteskranke) in England und gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Bethel (Behandlungszentrum für Epileptiker) in Deutschland eingesetzt.

Seit 1960 wurde die Tiertherapie auf folgende Bereiche ausgeweitet: Behandlung von behinderten Menschen mit Reittherapien, Behandlungen von Gefühlsstörungen bei Kindern und Erwachsenen in der Klinik und ambulant, Nebenbehandlung von Patienten mit chronischen Körperbehinderungen und medizinischen Krankheiten, Verminderung der Gewalttätigkeit in Gefängnissen und Verringerung der Einsamkeit alter Menschen in Pflegeheimen oder zu Hause. Dabei wurde die Wirksamkeit dieser Therapiemethoden jedoch nicht immer wissenschaftlich dokumentiert.

Der Psychologe Boris Levinson gilt als Pionier im Einsetzen von Haustieren als therapeutische Werkzeuge und verfasste als Erster in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Literatur zu diesem Themengebiet. Levinsons Erkenntnisse lenkten erstmals die Aufmerksamkeit auf den möglichen Wert von Haustieren.

Er entdeckte zum Beispiel, dass Haustiere als Katalysatoren für menschliche Interaktionen wirken können. Laut Levinson stellen Haustiere für Kinder ein Übertragungsobjekt dar, durch die ein Kind eine nicht bedrohliche Beziehung eingehen und diese Erfahrung später auf Beziehungen zu Menschen erweitern und generalisieren kann.[7]

Ende der 70er Jahre gründeten Mediziner, Verhaltensforscher, Psychologen, Psychotherapeuten und Gerontologen aus den USA und aus Großbritannien eine Gesellschaft, die sich die weitere Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung zur Aufgabe machte. Bis heute hat diese Gesellschaft bereits fünf Unterorganisationen in den USA, Großbritannien, Australien, Frankreich und Österreich gegründet. Die Forschungsaktivitäten beinhalteten die Bewertung und Weiterentwicklung von praktischen, tiergestützten Therapie- und Beratungsprozessen.

In der Praxis entstanden Pet Visiting Programs (Tierbesuchsdienste): Tierschutzvereine, tierliebende Gruppen und Institutionen besuchen mit speziell ausgebildeten Therapietieren Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser und psychiatrische Anstalten.

Außerdem entstanden Streichelzoos für Großstadtkinder.

In der europäischen wissenschaftlichen Forschung sticht besonders das Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT), gegründet 1977 in Österreich, hervor. In Deutschland gründete sich 1988 der Forschungskreis für Heimtiere in der Gesellschaft.[8] (Weitere Adressen deutscher Vereine, Organisationen und Institutionen im Anhang.)

Tiergestützte Therapie ist ein sich neu etablierender Berufs- und Wissenschaftszweig, an dem folgende Wissenschaften beteiligt sind: menschliche und tierische Verhaltensforschung, allgemeine und spezielle Psychologien, Psychoanalyse und Psychiatrie, Soziologie, Pädagogik, Gerontologie, Sozialisationsforschung, Human- und Veterinärmedizin.

„Streng genommen hat diese Wissenschaft noch nicht einmal einen Namen, und auch welche Disziplin sie einmal am stärksten akzentuieren wird, ist noch offen.“[9]

2.4. Einsatzbereiche von TA und TT

TA und TT bieten sich (bis auf wenige Ausnahmen, die ich in Kapitel 5.2. benenne) überall dort an, wo mit Menschen im pädagogischen oder therapeutischem Sinne gearbeitet wird.

In Deutschland entstehen immer mehr Einrichtungen die TA oder TT anbieten, bzw. schon bestehende Einrichtungen entschließen sich, ihr Angebot entsprechend auszuweiten, daher kann ich hier lediglich einen groben Überblick geben, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Im pädagogischen Bereich geht es dabei eher um Wissensvermittlung und um einen bewussten Umgang mit anderen Lebewesen und der Umwelt allgemein. Für diese Form der TA bieten sich zum Beispiel so genannte Schulbauernhöfe an. Das Angebot richtet sich in der Regel an Schulklassen. Die pädagogische Zielsetzung hat Priorität, die landwirtschaftliche Produktion ist sekundär.

Für Menschen mit körperlicher Behinderung kann sich die Hippotherapie anbieten. Dabei sitzt der Patient, der in der Regel unter Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates leidet, passiv auf einem Pferd und lässt sich von den Schwingungen des Pferderückens bewegen. Diese ärztlich verordnete Behandlung wird in der Regel von Krankengymnasten mit Zusatzausbildung zum Hippotherapeuten durchgeführt.

Eine weitere Form der TT für Menschen mit körperlichen Behinderungen ist die Delfintherapie. Sie wird auch für an Autismus erkrankte Menschen angewendet. Der Tiergarten in Nürnberg wird diese Therapieform in naher Zukunft anbieten. Der positive therapeutische Effekt dieser Behandlungsform ist umstritten.

„In der Resozialisation Strafgefangener geht es in der Regel darum, diejenigen, die gegen gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen verstoßen haben, wieder an diese anzupassen.“[10] In den USA werden Tiere bereits seit einigen Jahren erfolgreich in Gefängnissen eingesetzt. In dem deutschen reformbedürftigen Vollzugssystem beginnt man zögerlich, sich diesem Trend anzupassen.

Immer mehr Krankenhäuser, Psychosomatische Kliniken, Wohnheime für alte Menschen etc. halten sich eigene Kleintiere innerhalb der Gebäude oder auf dem Grundstücksgelände in Freigehegen oder laden sich regelmäßig Tierbesuchsdienste ein, um ihre Klienten die positiven Auswirkungen der Mensch-Tier-Begegnung spüren zu lassen.

Was genau mit diesen positiven Auswirkungen gemeint ist, möchte ich im nächsten Kapitel näher beleuchten.

3. Die Mensch-Tier-Beziehung

In diesem Kapitel möchte ich zunächst die historische Entwicklung in der Mensch-Tier-Beziehung aufzeigen. Im Anschluss daran werde ich die positiven Wirkungen in der Mensch-Tier-Beziehung, die sich in die drei Bereiche physische, psychische und soziale (Aus)Wirkungen unterteilen lassen, benennen. Danach werde ich verschiedene Theorien aus der Biologie und Psychologie verwenden, um die positiven (Wechsel)Wirkungen in der Mensch-Tier-Beziehung zu erklären.

Abschließen werde ich dieses Kapitel mit einer Zusammenfassung.

3.1. Die Mensch-Tierbeziehung – historischer Abriss

Menschen und Tiere waren zu allen Zeiten miteinander verbunden. Schon die frühen Hochkulturen glaubten an Götter in Tiergestalten, bzw. lebten mit der Vorstellung, dass Tiere Mittler zwischen Menschen und Göttern seien. Für viele heute noch lebenden Naturvölker und religiösen Gruppen bildet diese Vorstellung die Basis ihrer ethisch-religiösen Sozialordnung. Im Hinduismus und im Buddhismus wurden Normen entwickelt, die die Nichtverletzung von Tieren achten. Im Janismus[11] wird das Töten oder die Schädigung lebender Wesen strikt verboten.

Bei vielen anderen Naturvölkern ist die Mensch-Tier-Beziehung vom mythischen Denken und einer Ordnungsstruktur beeinflusst. So finden nach einem Fehlverhalten – etwa einer Tiertötung – anschließend Beschwörungs- oder Entschuldigungsriten statt. „Naturvölker haben Tiere immer mit großem Interesse und Bewunderung betrachtet und sie als Mitgeschöpfe gesehen, welche uns Lehren erteilen, an denen wir wachsen sollen.“[12]

Nach Otterstedt „...ist es aber vor allem die menschliche Vorstellung vom Wesen des Tieres, welche die emotionale Grundlage der Mensch-Tier-Beziehung innerhalb einer geschichtlichen Entwicklung sichtbar werden lässt. Die Mensch-Tier-Beziehung kann somit nicht losgelöst von dem Gesamtkontext menschlicher Kultur und Gesellschaft gesehen werden.“[13] Die Mensch-Tier-Beziehung hat also im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte unterschiedliche Ausprägungen und Gewichtungen erfahren. Diese Einschätzung wird von Lehne geteilt: „Kulturgeschichtlich gesehen war das Verhältnis von Mensch und Tier schon immer von religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Rahmenbedingungen mitbestimmt.“[14] Nach Lehne sind den Tieren im Laufe der Jahrhunderte jeweils unterschiedliche Rollen zugeschrieben worden: „Tiere sind zunächst in gleicher Weise nützlich wie heilig. Sie waren Tauschgegenstände ebenso wie Objekte der Selbstdarstellung, Sündenböcke und Verdammte ebenso wie geliebte Freunde.“[15] Nach Rheinz sei an der jeweils aktuell zugeschriebenen Tierrolle der psychische Entwicklungsstand des Menschen abzulesen: „Die Rolle, die der Mensch auf den verschiedenen Stufen seiner Kulturentwicklung dem Tier zuwies, gibt Aufschluss über seine eigene seelische Entwicklung. Die Geschichte des Tieres ist ein Schlüssel der Psychohistorie.“[16]

Im Folgenden möchte ich einige historische Stationen der Mensch-Tier-Beziehung aufzählen.

Während im Polytheismus Tiere als Mittler zwischen Menschen und Göttern verstanden und verehrt wurden, machte der allmähliche Wandel zum Monotheismus Tiere als Mittler zum nunmehr einzigem Gott scheinbar überflüssig. Nach Otterstedt entstand dadurch eine Mensch-Tier-Dissoziation. „Diese Entwicklung bildete die Grundlage der Störung eines geordneten Zusammenspiels des Menschen mit der Natur, des harmonischen Zusammenspiels und der Verhaltensprozesse zwischen Mensch und Tier.“[17] Greiffenhagen beschreibt diesen Vorgang noch deutlicher: „Die archaische Verbindung zwischen Mensch und Tier zerriss.“[18]

Das Judentum und die Schriften des Alten Testaments waren wegweisend für die spätere christliche Mensch-Tier-Beziehung und deren Deutung. Der Gott der Christen war nicht mehr Teil der Natur, sondern er selbst hat sie erschaffen. Die Menschen wurden sesshaft und machten sich, getreu dem biblischen Auftrag, Tiere und Erde untertan – die Domestikation der Tiere begann.[19] Dazu Rheinz: „Das christliche Naturverständnis, geprägt von Herrschaft und Unterjochung, verkennt das in den Fünf Büchern Mose festgelegte dialektische Verständnis von Nutzung und Schonung der Natur.“[20]

Im 13. Jahrhundert fand erneut ein Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung statt. Tiere wurden nun als uns gleichgestellte Werke des allmächtigen Schöpfers gesehen. Es wurden ihnen eine spezifische Wahrnehmungsstruktur und Gefühle zugesprochen. „Und es entstand bereits die Erkenntnis, dass Grausamkeiten gegenüber Tieren zu Grausamkeit gegenüber Menschen führen kann: Ein verändertes Verhalten des Menschen zu den Tieren wird auch Einfluss auf das Verhalten der Menschen untereinander haben.“[21]

Nach Otterstedt wird das neuzeitliche Verständnis zwischen Mensch und Tier nicht von einer Fortführung dieser Gedanken bestimmt, sondern der Mensch bestehe erneut auf eine Sonderstellung gegenüber der Natur. „Erneut wurde die Mensch-Tier-Beziehung von der Antike beeinflusst und es verschärfte sich der Gegensatz zwischen Geistigem und Triebhaften, das heißt die Schwerpunkte der humanistischen Werte lagen in der rationalen, dem Menschen zugeordneten Lebenssteuerung.“[22]

Nach Otterstedt begann sich ab dem 18. Jahrhundert ein neuer Weg für Mensch und Tier abzuzeichnen. „So wurde nun nicht mehr allein die geistige Leistung als Maßstab genommen. Vielmehr entdeckte man im Bereich des Fühlens und der Sensibilität Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier. Dies führte zu menschlichen Verpflichtungen gegenüber den Tieren, v.a. aber auch zu Tierrechten und damit zu den ersten Tierschutzbewegungen.“[23]

Dieser neue Trend wurde im Zuge der Industrialisierung noch mal gefährdet. Tiere wurden zum kalkulierbaren Kosten- und Nutzenfaktor. Es entstanden große Mastbetriebe, die die Tier haltung zu einer Tier produktion wandelten. „Die Mensch-Tier-Beziehung entwickelte sich von einer Du- zu einer Es-Beziehung, das Tier wurde eine Sache, ein beliebiger Posten im Kontobuch des Betriebes.“[24] Doch zeitgleich befassten sich auch Naturwissenschaft und Philosophie (Tierethik) sowie immer mehr soziale Gruppen (u.a. Tierrechtsidee) mit der Lebensqualität der Tiere und setzten sich entsprechend ein.

Zusammenfassend lässt sich sagen: „Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Tier ist eine Geschichte von Zuneigung und Grausamkeit, von Gefühlsübersteigerung und Gleichgültigkeit, vor allem jedoch von Macht und Machtmissbrauch.“[25]

Greiffenhagen betont, dass es wichtig sei, diese Widersprüche in der gemeinsamen Geschichte anzunehmen, um Tiere therapeutisch und pädagogisch für die menschlichen Zwecke einsetzen zu können. „Einerseits haben wir uns durch unsere Kulturgeschichte weit vom Tier entfernt, andererseits zeigen uns heute menschliche und tierische Verhaltensforschung, wie dicht wir von Natur dem Tiere benachbart sind und wie viel Leben wir mit ihm teilen. Nur wer diesen Widerspruch erträgt und mehr: ihn als Bestimmungsfaktor der Humanität annimmt, kann sich für menschliche Sozialisation auf die Hilfe von Tieren stützen.“[26]

„Das Verhalten zwischen Mensch und Tier ist immer ein Spiegel der menschlichen Kultur und des Umgangs des Menschen mit sich selbst.“[27]

3.2. Positive Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung

In den modernen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts ist das Tier Nahrungsquelle, Forschungs-, Status- und Sammelobjekt, und es wurde auch zum Partner und Freund. „Es ist vor allem das Haustier, welches durch seine psychosoziale Bedeutung das menschliche Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur beantwortet.“[28]

Fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens eine Phase durchleben, in der er mehr oder weniger bewusste Beziehungen mit Tieren eingeht. Dies gilt besonders während der Kindheit, den Entwicklungsjahren, aber auch im fortgeschrittenen Alter. Ein Kind sieht in seinem Tier häufig einen Spielkameraden oder Seelentröster, wenn es sich zum Beispiel von den Eltern unverstanden oder gar abgelehnt fühlt. Für einen alten Menschen wird sein Tier häufig zum sozialen Partner oder gar zum einzigen Freund. Ein Tier kann zum Freizeit- und Sportpartner werden. Und selbst das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit kann von einem Tier gestillt werden.

Besonders Menschen, die Schwierigkeiten haben, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu erhalten, können von einer Beziehung zu einem Tier profitieren.

„Oft können traumatisierte Menschen erst durch ein Tier wieder Nähe, Intimität und Körperkontakt zulassen, da der Umgang mit Tieren authentischer und weniger bedrohlich ist als mit Menschen.“[29]

Aber was genau macht nun die positive Wirkung in der Mensch-Tier-Beziehung aus? Warum halten sich so viele Menschen ein oder gleich mehrere Heimtiere? Was kann uns ein Tier geben was wir woanders scheinbar nicht bekommen?

Laut Aaron Honori Katcher haben Heimtiere sieben Funktionen, die sich positiv auf die menschliche Gesundheit auswirken können:

1. „Gefährtenschaft
2. Etwas zur Pflege
3. Etwas zum Berühren
4. Etwas, das einen in Trab hält
5. Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
6. tägliche Bewegung
7. Sicherheit“[30]

Carola Otterstedt erweitert diese positiven Wirkungen der Heimtierhaltung, in dem sie auch die Tierbegegnungen wie sie in einer tiergestützten Therapie auftreten können, berücksichtigt. Dabei unterteilt sie in physischen, mentalen und sozialen Wirkungsweisen:

3.2.1. Physische/physiologische Wirkung

1. Senkung des Blutdrucks Herzfrequenz, Puls- und Kreislaufstabilisierung (über Streicheln, reine Präsenz)
2. Muskelentspannung Körperkontakt, entspannte Interaktion
3. Biochemische Veränderungen und neuro-endokrine Wirkungen Schmerzverringerung, Beruhigung und euphorisierende Effekte durch Freisetzung von Beta-Endophinen (Stabilisierung des Immunsystems) über erregungssenkendes Lachen/Spielen
4. Verbesserung von Gesundheitsverhalten Allgemeine motorische Aktivierung, Bewegung an frischer Luft/beim Spiel, Muskulaturtraining, Aktivierung der Verdauung, Anregung zu besserer Ernährung/Körperpflege, Reduzierung von Übergewicht/Alkohol- und Nikotingenuss, Förderung von Regelmäßigkeit/Tagesstruktur
5. Praktische/technische Unterstützung (insbesondere Servicetiere) Führung und Leitung (Blinde, gehörlose), Schutz und Sicherheit, Arbeits-, Aufgabenerleichterung
3.2.2. Mentale und psychologische Wirkungen
1. Kognitive Anregung und Aktivierung Lernen über Tiere und Tierhaltung, Anregung des Gedächtnisses (Tiernamen, etc.), Austausch und Gespräch mit anderen Menschen
2. Förderung emotionalen Wohlbefindens Akzeptiert werden, geliebt werden, Zuwendung, Bestätigung, Trost, Ermunterung, Zärtlichkeit, Intensität, spontane Zuneigung und Begeisterung usw.
3. Förderung von positivem Selbstbild, Selbstwertgefühl , Selbstbewusstsein Konstante Wertschätzung, Erfahrung von Autorität und Macht, Bewunderung erfahren, Gefühl gebraucht zu werden, Verantwortung übernehmen, Bewältigungskompetenz erleben, usw.
4. Förderung von Kontrolle über sich selbst und die Umwelt Kontrollerfahrung in Pflege, Versorgung, Führung und erreichtem Gehorsam, Erfordernis der Selbstkontrolle, Sensibilisierung für eigene Ressourcen, Zwang zu aktiver Bewältigung, Vermittlung von Bewältigungskompetenz und Kompetenzerfahrung, Zutrauen, Aufbau von Alltagsstrukturen usw.
5. Förderung von Sicherheit und Selbstsicherheit, Reduktion von Angst Unbedingte Akzeptanz, konstante und kontinuierliche Zuneigung, unkritische Bewunderung, unbedrohliche und belastungsfreie Interaktionssituation; Aschenputtel-Effekt (gleich wie unattraktiv, ungepflegt, hilflos, langsam, usw.), einfache Welt (Füttern Nahsein, Vertrautheit), psychologische Effekte, praktischer Schutz usw.
6. Psychologische Stressreduktion, Beruhigung und Entspannung Wahrnehmungs- und Interpretationsveränderung von Belastung, gelassenere Stressbewertung, Trost und Beruhigung, Ablenkung, Relativierung von Konsequenzen, Umbewertung/Umbilanzierung von Ereignissen, Aufwertung kleiner Freuden usw.
7. Psychologische Wirkung sozialer Integration Erfüllung von Bedürfnissen nach Zusammensein, Geborgenheit, Erfahrung von Nähe, Gemeinsamkeit, nicht allein sein usw.
8. Regressions- Projektions- und Entlastungsmöglichkeiten (Katharsis) Stilles Zuhören, Ermöglichen affektiver Entladung und offenen emotionalen Ausdrucks, Erinnerungsmöglichkeit, enttabuisierter Umgang, Identifikationsmöglichkeit und Projektionsfläche usw.
9. Antidepressive Wirkung, antisuizidale Wirkung Zusammensein und Gemeinsamkeit, Vertrauen und Vertrautheit, sicherer Halt und emotionale Zuwendung, Unbewertung von Belastung, Trost und Ermutigung, Förderung von Aktivität, Verantwortung, Bezogenheit und Verbundenheit, Freude, Lebendigkeit, Spontanität und Spaß erleben

3.2.3. Soziale Wirkungen

1. Aufhebung von Einsamkeit und Isolation Tierkontakt selbst, Förderung von Kontakten/Kontaktvermittlung und sozialer Katalysator, Herstellung von Kontakt/Eisbrecher
2. Nähe, Intimität, Körperkontakt Erleben von Beziehungen und Verbundenheit
3. Streitschlichtung, Familienzusammenhalt Vermittlung von Gesprächsstoff und Zusammengehörigkeit
4. Vermittler von positiver sozialer Attribution Sympathie, Offenheit, Unverkrampftheit“[31]

Selbstverständlich können diese positiven Wirkungen nur dann zur Geltung kommen, wenn der Mensch den Tierkontakt grundsätzlich befürwortet.

Der reine Kontakt zum Tier oder die bloße Anwesenheit eines Tieres können allerdings keine Krankheiten heilen. „Tiere wirken sicher nicht bio-chemisch oder instrumentell auf kranke Organe oder auf den Organismus, sondern Tiere stärken oder bereichern das Gefüge von Beziehungen zwischen der Person und ihrer belebten Umgebung.“[32]

Wenn bei der Interaktion von Mensch und Tier von einem „heilsamen Prozess“ gesprochen wird, so ist ein heilsamer Prozess im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklung gemeint. Die Begegnung mit dem Tier löst Impulse aus, die unsere körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Kräfte beeinflussen. In der Tiergestützten Therapie werden diese Impulse vom Therapeuten bekräftigt und unterstützt.

„Leben ist Bewegung.

Der heilende Prozess ist eine wirkungsvolle Bewegung in uns.“[33]

Im folgenden Teil möchte ich weitere Erklärungsmodelle für die positiven Effekte in der Mensch-Tier-Beziehung beleuchten.

3.3. Biophilie-Hypothese

Olbrich sieht noch grundlegendere Faktoren, die erklären, warum Tiere therapeutisch wirksam werden können, und bezieht sich auf den von dem Soziobiologen Edward O. Wilson geprägten Begriff der Biophilie.

Die Biophilie-Hypothese besagt, dass sich Menschen im Laufe der Evolution stets zusammen mit anderen Lebewesen entwickelt haben. Dabei habe sich wahrscheinlich eine biologisch fundierte Affinität zum Leben und zur Natur ausgebildet. Die in der Stammesgeschichte gesammelten Erfahrungen haben sich in morphologischen und physiologischen Merkmalen niedergeschlagen. Außerdem manifestierten sie sich auch in sozialen Prozessen wie dem der Bindung und in psychischen Prozessen wie dem des archetypischen Erlebens.[34]

Weiterhin beruft sich Olbrich auf die Erkenntnisse von Kellert und Wilson, die besagen, „dass Menschen das Bedürfnis haben, mit anderen Formen des Lebens in Verbindung zu sein, sowohl mit der Vielfalt von Lebewesen selbst als auch mit Landschaften, Ökosystemen oder Habitaten – die selbst zwar nicht lebendig sind, aber Leben ermöglichen und von Menschen oft mit animistischen Qualitäten ausgestattet werden.“[35]

Kellert beschreibt Biophilie als eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung zu Leben und Natur und unterscheidet dabei neun Perspektiven der Bezugnahme von Menschen zur Natur:

1. utilitaristische Perspektive : hebt die Nützlichkeit hervor, die Natur für den Erhalt unseres Lebens und für unsere Sicherheit bietet
2. naturalistische Perspektive : betont das Erleben eines tiefen, zufriedenen Ausgefülltseins beim Kontakt mit Natur
3. ökologisch - wissenschaftliche Perspektive : durch aufmerksame Beobachtung und systematische Analyse Wissenserwerb, Erklärung der Welt, Verstehen
4. ästhetische Perspektive : Menschen werden von der Schönheit und Harmonie der Natur angesprochen
5. symbolische Perspektive : historisch und kulturell übergreifende Natursymbole dienen der menschlichen Psyche als Kategorien zur Kennzeichnung der Eigenarten der belebten und unbelebten Elemente der Welt und als Metaphern für die eigene Identität
6. humanistische Perspektive : das Erleben einer tief empfundenen positiven Verbundenheit mit Natur kann zu Fürsorge, Altruismus, Bindung und Bereitschaft zu teilen führen
7. moralistische Perspektive : Gefühl von Verantwortlichkeit, Ehrfurcht vor dem Leben; manchmal ein Gewahrwerden einer spirituellen Einheit und einer größeren Ordnung, in der Mensch und Natur stehen
8. dominierende Perspektive : hebt Kontrolle und die Tendenz, anderes Leben beherrschen zu wollen hervor
9. negativistische Perspektive : Gefühle von Angst, Aversion oder Antipathie[36]

Jede dieser neun Perspektiven stellt eine Form der Bezugnahme von Menschen zur Natur dar, die im Laufe der Evolution ihren adaptiven Wert hatte und noch hat. Dies gilt für den Erhalt der eigenen Existenz ebenso wie für den Erhalt des biologischen, bzw. des ökologischen Systems.

Die negativistische Perspektive konnte beispielsweise Anstoß zur Erarbeitung von Schutz und Sicherheit und zur Gestaltung eines persönlichen Nahraumes geben. Die dominierende Perspektive konnte und kann Anreiz zur Entwicklung menschlicher Techniken und Fertigkeiten sein.

Die Biophilie-Hypothese erklärt also die besondere Bezogenheit oder Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. Die positiven Effekte von Tieren können nun so verstanden werden, dass Tiere „evolutionär bekannte“ Situationen schaffen. Dadurch können Tiere Lebenssituationen vervollständigen oder ergänzen.

„Es ist auch heute nicht nur einfach Luxus, Beziehungen zu Tieren und Natur einzugehen. Möglicherweise ist es sogar eine Notwendigkeit für eine persönliche, geistig oder emotional gesunde Entwicklung, besonders da sich die Technisierung und Urbanisierung unserer direkten Lebensumwelt erheblich verstärkt hat und sich der Mensch in der kurzen Zeit der zivilisatorischen Entwicklung wahrscheinlich noch nicht optimal an diese neue Umwelt anpassen konnte.“[37]

„Tiere sind evolutionär bedeutsam gewordene Beziehungs“objekte“ in einem System oder besser: in einem Gefüge der ständigen Transaktionen, das individuelles Leben erst ermöglicht. Wir verstehen sie nicht als Wirkfaktoren, sondern heben Prozesse der Beziehung hervor.“[38]

3.4. Du-Evidenz

Im Fremdwörterduden wird Evidenz folgendermaßen erklärt: „Deutlichkeit; vollständige, überwiegende Gewissheit; einleuchtende Erkenntnis“[39] Bezogen auf ein lebendiges Gegenüber, bedeutet Du-Evidenz, das emotionale Gewahrwerden des Du im anderen. Der andere verliert seine Anonymität und wird in seiner Individualität erkannt und dadurch wird ein echter Beziehungsaufbau ermöglicht.

Du-Evidenz ist auch unter Menschen und so genannten höheren Tieren möglich. Solche Mensch-Tier-Beziehungen gleichen dann denen, die Menschen unter sich bzw. Tiere unter sich kennen.

Den Rahmen für die Beschreibung der Du-Evidenz bildet „Das dialogische Prinzip“ nach Martin Buber. „Wenn aber eins hervorsteigt aus den Dingen, ein Lebendes, und mir Wesen wird, und sich in Nähe und Sprache zu mir begibt, wie unabwendbar kurz ist es mir nichts als DU! (...) Nur ein Du hört seinem Wesen nach nie auf, uns Du zu sein.“[40]

Das Phänomen der Du-Evidenz ist keine rein objektive Größe, es ist immer auch ein subjektives Erkennen des Gegenübers und der Wahrnehmung der Beziehungsebene.

„Was „Ich“ über „Es“ oder „Du“ erfährt, ist nur Annahme, Spekulation, Deutung und nie sicheres Wissen, es ist immer nur Evidenzerleben, Vertrauen darin, dass die eigenen sinnlichen Gewissheiten richtig sind, also die Wirklichkeit abbilden, wie sie wirklich ist und nicht nur so, wie sie wahrgenommen wird. Alles, was über das „Du“ gesagt werden kann, bleibt daher Spekulation. Dies trifft umso mehr zu, wenn das „Du“ nicht befragt, wenn es die eigenen Motive, sein Weltbild nicht offenbaren kann. Dies ist beim Tier der Fall, das sich dem Menschen ja vorwiegend nonverbal oder in seinem dem Menschen gegenüber geäußerten reduzierten Sprachjargon der Signale mitteilt.“[41]

Die subjektive Wahrnehmung des anderen muss nicht mit der realen Situation übereinstimmen, sie muss auch nicht erwidert werden, um ein Gefühl der Du-Evidenz entstehen lassen zu können. Greiffenhagen betont, „für diese Du-Evidenz ist (es) nicht entscheidend, ob die Weise der Wahrnehmung oder der emotionalen Zuwendung objektiv das Wesen des als Du adressierten Partners trifft. Worauf es einzig ankommt, ist die subjektive Gewissheit, es handele sich bei einer solchen Beziehung um Partnerschaft. Solche Du-Erfahrungen können durchaus einseitig sein.“[42]

Genau dieses Erkennen von Partnerschaft wiederum ist Voraussetzung dafür, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch wirksam sein können. Sonst würde das Tier nur als Objekt gesehen werden, zu dem keine Nähe aufgebaut oder von ihm ausgehend erlebt werden könnte. Gerade dieses Erleben von Nähe begünstigt wiederum andere therapeutisch wirksame Gefühle und Wahrnehmungen wie: gegenseitige Zuneigung, Verstehen und Verstanden werden, Grenzen wahrnehmen und Grenzen setzen, etc.

[...]


[1] Duden. Das Fremdwörterbuch 2001, S. 992.

[2] Verein Tiere als Therapie (TAT) 2005.

[3] Förster 2005, S. 26f.

[4] Förster 2005, S. 27.

[5] Bull 2005, S. 236f.

[6] Bull 2005, S. 237.

[7] Levinson zit. nach McCulloch 1985, S. 26.

[8] vgl.: Förster 2005, S. 27ff.

[9] Greiffenhagen 1992, S. 17.

[10] Gusella 2003, S. 431.

[11] Dem Buddhismus nahe stehende, auf Selbsterlösung gerichtete, im Unterschied zum Buddhismus aber streng asketische indische Religion.

[12] Förster 2005, S. 20.

[13] Otterstedt 2003a, S. 15.

[14] Lehne 2003, S. 26.

[15] Lehne 2003, S. 26.

[16] Rheinz 1994, S. 29.

[17] Otterstedt 2003a, S. 18.

[18] Greiffenhagen 1991, S. 21.

[19] vgl Förster 2005, S. 21.

[20] Rheinz 1994, S. 34.

[21] Otterstedt 2003a, S. 22.

[22] Otterstedt 2003a, S. 23.

[23] Otterstedt 2003a, S. 25.

[24] Otterstedt 2003a, S. 25.

[25] Rheinz 1994, S. 15.

[26] Greiffenhagen 1991, S. 20.

[27] Otterstedt 2001, S. 121.

[28] Otterstedt 2003a, S. 25.

[29] Förster 2005, S. 51.

[30] Katcher zit. nach McCulloch 1985, S. 28.

[31] Otterstedt 2003b, S. 66ff.

[32] Olbrich 2003a, S. 69.

[33] Otterstedt 2001, S. 23.

[34] vgl.: Olbrich 2003a, S. 69.

[35] Olbrich 2003a, S. 69f.

[36] vgl.: Olbrich 2003a, S. 70ff.

[37] Betz 2003, S. 80.

[38] Olbrich 2003a, S. 73.

[39] Duden: Das Fremdwörterbuch. 2001, S. 288.

[40] Buber 1997, S. 100.

[41] Rheinz 1994, S. 85.

[42] Greiffenhagen 1991, S. 26.

Details

Seiten
96
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638617550
ISBN (Buch)
9783638689144
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71054
Institution / Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
Tiergestützte Therapie Kontext Sozialer Arbeit

Autor

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Titel: Tiergestützte Therapie in der Sozialen Arbeit