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Die Figurenhandlung in Gerstenbergs "Ugolino" unter den Aspekten "Vernunft" und "Emotion/Affekt"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Untersuchung der Figurenhandlung nach den Aspekten „Vernunft“ und „Emotion/Affekt“
1.1. Erster Aufzug
1.2. Zweiter Aufzug
1.3. Dritter Aufzug
1.4. Vierter Aufzug
1.5. Fünfter Aufzug

2. Zusammenfassung

3. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„Er [Gerstenberg] erkannte wie Dante die poetische Fruchtbarkeit der Kerkersituation und bot ein großes fünfaktiges Seelengemälde vom Hungertode Ugolinos und seiner drei Söhne, um das „Ausdulden“, die Bewährung menschlicher Würde unter den unwürdigsten Umständen, zu zeigen“ (Frenzel 1988, 770). In Gerstenbergs Drama „Ugolino“ findet sich eine äußerst spannend gestaltete Figurenhandlung, die den Inhalt des Dramas ausmacht. Es geht nicht so sehr um eine Handlung an sich, sondern um die Charaktere und ihren Umgang mit der Extremsituation des Hungerns.

…das Spiel dramatischer Kräfte und Entladungen,

welches darin ausgelöst wird, in seinem

Ablauf einem ununterbrochenen und einheitlichen

Drang, einer stetig weiterführenden Notwendigkeit

gehorcht. Es ist die seelische Stimmung der Personen

auf der Bühne, die zu Anfang des Dramas aus

einem Zustand der Ruhe, der stillen Ergebung

in Gottes Willen, gleichsam aufgescheucht zu

qualvoll erregten, dem göttlichen Plan widerstrebenden

Gefühlen, durch ihre ständig wechselnde, aber in ihrem

Fluß lückenlos geschlossene Bewegung alle Teile desselben

zu einem überzeugenden organischen Geschehen

zusammenreiht, dessen dramatische Wirkung in dem

Augenblick zuende geht, in dem die Stimmungsbewegung

wieder eine Lage endgültiger Festigkeit erreicht

(Hermann 1930, 12)

Dieses Zitat fasst ziemlich genau die Einstellungen der vier Hauptpersonen des Dramas zusammen. Immer wieder bäumen sie sich gegen ihren unwiederbringlichen Tod auf und wollen der Situation entfliehen, um dann wieder in eine ‚ruhige Hingabe’ zu verfallen.

Da gerade die Mittelpunktsstellung der Figuren den Reiz dieses Dramas ausmacht, habe ich mich entschlossen diese zu untersuchen. Als Hauptkriterien habe ich „Vernunft“ und „Emotion und Affekt“ ausgewählt. Ich halte mich bei der Explikation der Begriffe an das Duden Bedeutungswörterbuch. Vernunft ist demnach die „geistige Fähigkeit des Menschen, Einsichten zu gewinnen, sich ein Urteil zu bilden und die Ordnung des Wahrgenommenen zu erkennen und sich in seinem Handeln danach zu richten“ (Duden 2002, 988). Emotional handelt ein Mensch dagegen, wenn er „vom Gefühl bestimmt“ (Duden 2002, 312) ist und Affekt wird „als Reaktion auf etwas entstandener Zustand außerordentlicher seelischer Erregung, die Kritik, Urteilskraft und Selbstbeherrschung mindert oder ganz ausschaltet“ (Duden 2002, 72). Es wird sich zeigen, ob eine der beiden Kriterien zum Schluss überwiegt und welche in der dargestellten Ausnahmesituation eher zum Tragen kommt.

1. Untersuchung der Figurenhandlung nach den Aspekten

„Vernunft“ und „Emotion/Affekt“

Um eine chronologische Abfolge der Vernunft- und Emotions(Affekt-)äußerungen zu bekommen, werde ich die Untersuchung nach den Aufzügen abhandeln.

Gerstenberg beginnt sein Drama mit einer Art Vorbericht, in welchem er auf die Zeit und den Ort des Geschehens eingeht und mit dieser Beschreibung im Leser erste Emotionen weckt. Mit der Benennung einer stürmischen Nacht werden negative und ungemütliche Vorstellungen erzeugt, da die Nacht für das Unbewusste und Unbekannte, oft auch das Beängstigende steht (Vollmar 2003, 380). Der Leser kann sich in die emotionale Verfassung der Figuren hineindenken. Zusätzlich zu dieser Beschreibung der Zeit, findet sich eine Beschreibung des Ortes: „schwach erleuchtetes Zimmer im Turm“. Die Personen befinden sich also in einem schützenden Raum, haben aber kaum Licht. Dadurch wird das negative Ausmaß der Nacht kaum gemildert. Der Leser kann aus diesen spärlichen Angaben schließen, dass sich die Personen in keiner guten Verfassung befinden.

1.1. Erster Aufzug

Anselmo, der mittlere Sohn Ugolinos, hat den ersten Redeanteil. Er wird schon mit seiner ersten Aussage als sehr emotional eingeführt: „Hilf dem armen Gaddo, mein Vater! Sein Anblick dringt mir ans Herz“ (S. 7). Auch Ugolino tut es Leid um seinen Sohn, trotzdem versucht er Mut zu verbreiten („Guten Mut, mein wackrer Anselmo“, S. 7), was als eine vernünftige Handlung gedeutet werden kann.

Anselmo ist enttäuscht von den Menschen und zeigt seine Emotion in der Bewertung des Turmwärters: „Ein tückischer Mann“ (S. 7). Ugolino aber wehrt sich dagegen, in den Menschen etwas Schlechtes zu sehen, er versucht daher das Ausbleiben des Turmwärters mit Vernunftgründen zu erklären (Krankheit, Unglück).

Die Thematik des Hungerns, um die es im Stück gehen wird, wird gleich in den ersten Sätzen angesprochen. Anselmo und Ugolino versuchen sich von ihrem Hunger abzulenken, indem sie ihre Energie auf Gaddo lenken, den jüngsten Sohn. Dieser will aber anscheinend nicht so im Mittelpunkt des Interesses stehen, denn er sagt: „Sei nicht traurig, mein Vater“ (S. 7). Auch Anselmo versucht den Vater zu trösten, was diesen noch verzweifelter macht. Nachdem er zuvor versucht hat die Situation mit Vernunft anzugehen, lässt Ugolino sich nun zu einem emotionalen Ausruf hinreißen: „Ha!“. Die Hoffnung verlässt Ugolino aber noch nicht. Denn auch wenn Ugolino und Anselmo sich gegenseitig bedauern, geschieht das auf dem Hintergrund der Suche nach vernünftigen Gründen für ihre Situation. Sie wurden wahrscheinlich über dem Unglück, das der Turmwärter angeblich gehabt hat, vergessen.

Es ist interessant zu sehen, dass Anselmo trotz des Aufenthalts im Turm sehr positiv von seinem Vater redet. Er hält ihn für einen großen Mann und möchte ihm nacheifern. Seine Selbsteinschätzung ist dagegen sehr negativ: „denn was habe ich, ich Pflanze! Getan, daß ich ein Mann sein könnte, wie du?“ (S. 8). Das Wort „Pflanze“ in diesem Zitat ist ein sehr emotionaler Ausdruck, der die gefühlverhaftete Art von Anselmo unterstreicht. Trotz dieser geringen Selbsteinschätzung ist Anselmo der Meinung, dass er noch zum Mann werden könnte, wenn er nicht in dem Turm eingesperrt wäre. Es ist zu bemerken, dass Anselmo kein Mann der Taten, sondern nur der „großen Worte“ ist. Während sein Bruder eine Möglichkeit des Ausbruchs versucht, ist er damit beschäftigt sich zu bemitleiden.

Es folgen weitere Indikatoren für die stark emotional beeinflusste Persönlichkeit Anselmos, so zum Beispiel als Ugolino ihn anspricht mit: „du glühst“. Auch als Ugolino ihn seinen Sohn nennt, löst das in Anselmo starke emotionale Regungen aus. Diese Gefühle fokussieren sich aber nicht auf eine Möglichkeit sich aus der misslichen Lage zu befreien, sondern in Rachegelüsten gegenüber Ruggieri, dem Erzbischof, der für ihren Aufenthalt im Turm verantwortlich ist.

Der älteste Sohn, Francesco, wird als ein abenteuerlustiger und im Affekt handelnder Mensch eingeführt, da nur ein „kühner Gedanke“ ein „angenehmer Gedanke“ sei. Er redet weniger, als dass er versucht, die Situation, in der er sich befindet, zu ändern. Doch auf genau diese Charaktereigenschaft ist Anselmo neidisch und gönnt seinem Bruder nicht den Lohn für seine Mühen, falls der Ausbruch glücken sollte.

Bei Anselmo wird sehr deutlich, dass er Ruggieri die Schuld an ihrer Lage gibt und auch Ugolino bezeichnet Ruggieri schon auf Seite 9 als „Feind meiner Seele“. Trotzdem scheint es fraglich, ob ihm die volle Tragweite Ruggieris Boshaftigkeit bekannt ist.

Selbst Gaddo scheint verstanden zu haben, was Ruggieri ihm angetan hat, auch wenn er sonst in einigen Äußerungen als sehr naiv dargestellt wird (denkt, dass die Fenster im Turm so klein sind, damit Ruggieri nicht zu ihnen herein kann). Er zeigt Ugolino die Stellen, an denen er von Ruggieri geschlagen wurde und nennt ihn den „eisernen Erzbischof“. Hier arbeitet Gerstenberg zusätzlich mit emotional verstärkenden Adjektiven (eisern).

Ugolino erscheint als ein Charakter, der zwischen emotionalem und vernünftigem Verhalten hin und her gerissen ist. Innerhalb eines Monologs verfängt er sich in seinen Emotionen, als er an seine Gefangennahme denkt – gerade die Hilflosigkeit in dieser Situation macht ihm zu schaffen - und möchte dann wieder Großmut zu zeigen. Er versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass Ruggieri das Richtige getan hat und will diese Meinung auch auf seine Kinder übertragen: „Doch du [Ruggieri] tatst wohl, daß du den Bären aus seiner Höhle entferntest, und Dank sei deiner Weisheit! Beruhigt euch, meine Kinder!“(S. 9/10). Auch am Ende des Aufzugs ist das noch einmal zu bemerken. Ugolino bekommt einen Wutausbruch auf Ruggieri, versucht aber sofort seine Vernunft zurück zu gewinnen („Gib mir Geduld“, S. 17). Indem er dagegen kämpft, dass die Wut Besitz über ihn ergreift, kämpft er gleichzeitig gegen die Emotionalität.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638630764
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71033
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Schlagworte
Figurenhandlung Gerstenbergs Ugolino Aspekten Vernunft Emotion/Affekt

Autor

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Titel: Die Figurenhandlung in Gerstenbergs "Ugolino" unter den Aspekten "Vernunft" und "Emotion/Affekt"