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Der Cargo-Kult am Beispiel der Pailau-Bewegung

Referat (Ausarbeitung) 2006 8 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Cargo Kulte und die Paliau-Bewegung

Der Begriff Cargo-Kult bezeichnet ein primär Melanesisches Phänomen, bei dem die Stationierung amerikanischer Truppen auf Inseln mit noch relativ traditionell lebender Bevölkerung religiöse Heilserwartungen auslöste.

Die Inselbewohner beobachteten, wie Schneisen in den Wald gerodet, diese beleuchtet und mit weißen runden Schlägern gewunken wurde, auf dass donnernde Stahlvögel zu Boden glitten und „Cargo“ brachten oder abwarfen. Irgendwann kamen keine neuen Güter mehr. Und fortan versuchten die Menschen, die neuen Götter – und damit das Cargo – durch die Nachahmung der beobachteten Rituale wieder herbeizulocken: Sie schlagen Schneisen in den Wald, führen Tänze mit weißen Fächern auf, schnitzen Kopfhörer aus Holz und der örtliche Prophet hisst jeden Morgen die Flagge der Götter – die Stars and Stripes.

Dieser sehr verkürzten und natürlich die Skurrilität des Cargo-Kultes betonenden Sicht ist es zu verdanken, dass der Begriff „Cargo-Kult“ auch in der englischen Wirtschaftssprache und unter Programmierern als Synonym für eine effektlose, obwohl „richtig“ ausgeführte Handlung gilt. Darüber hinaus wird gerne von Soziologen die Parallele zum Cargo-Kult gezogen um Kaufräusche und Materialismus in den Industriestaaten zu kommentieren.

Eine genauere Betrachtung des Cargo-Kult Phänomens und vor allem der sozial-politischen Bewegungen innerhalb des Glaubens (in dieser Hausarbeit an der „Vorzeigebewegung“ dieser Richtung, dem Paliau-Kult, illustriert) wird die Tragik-Komik des Populärwissens über Cargo-Kulte jedoch verblassen lassen.

Die Geschichte Papua Neuguineas ist von Kolonialisierung und Besatzung geprägt. Während die Bewohner so gut es ging ihr traditionelles Leben aufrecht erhielten, wechselten europäische, australische und japanische Epochen. Das Bismarck-Archipel, auf dessen Insel Manus unser Augenmerk verstärkt liegen wird, wurde zunächst von Deutschland kolonialisiert. Danach übernahmen die Australier die Gesetzeshoheit, unterbrochen von einer Phase der japanischen Herrschaft. Schließlich, im Jahr 1944 vertrieben die Amerikaner die Japaner von den noch immer Australien unterstehenden Inseln und nutzten sie als Stützpunkte für weitere Schlachten gegen Japan. Aus Sicht der kolonialisierungserprobten Melanesier sah das so aus: „Zuerst kamen die Deutschen. Sie haben uns nichts gelehrt. Sie haben uns nur wie Traktoren behandelt und unsere Arbeitskraft ausgenützt. Doch wir sind Menschen. Deshalb hat Gott sie fortgeschickt. Darauf hat er es mit den Australiern versucht. Doch auch diese haben uns nicht den Weg zum Glück gewiesen. Sie haben uns wie Ochsen behandelt. Gott hat auch ihnen gesagt, dass sie gehen müssen. Dann kamen die Japaner. Sie haben uns auch nicht den rechten Weg gezeigt, sondern uns getötet. Daher hat Gott sie vertrieben. Gut, dachte sich Gott, jetzt will ich es mit Amerika versuchen.“ (Steinbauer, S. 73 f) Und Amerikaner kamen. Sie betraten ein Land, in dem die schwarze Bevölkerung seit Jahrzehnten für weiße Kolonialherren arbeiten musste, in dem sich feindliche Berg- und Küstendörfer bekriegten, in dem sich junge Männer aufgrund horrender Brautpreise quasi in die Leibeigenschaft älterer, wohlhabender Herren begeben mussten und so gezwungen waren, selbst zu skrupellosen Geschäftsleuten zu werden. Ein Land, in dem mit Hundezähnen gezahlt wurde, Krankheiten als Strafe für Sünden gesehen wurden und Frauen sich schämen mussten, wenn sie in der Öffentlichkeit ihrem Ehemann begegneten. Und die Bevölkerung sah Schwarze Soldaten, die gleichberechtigt mit Weißen zusammen gegen die verhassten Japaner kämpften, die eigene Flugzeuge flogen und Kriegsschiffe steuerten. Sie sahen Kameradschaft und Klassenlosigkeit und fühlten sich in dieses System integriert, wenn sie auf den Stützpunkten für bares Geld, echte Dollar, arbeiteten. Sie sahen, dass die Amerikaner nicht auf Eigentum bedacht waren, sondern großzügig Elektrogeräte, Alkohol und Zigaretten verschenkten und Krankheiten gratis und unkompliziert linderten und heilten. Sie sahen eine scheinbar tabulose, freie, brüderliche Gesellschaftsform. Die Amerikaner kamen, schafften Dinge herbei, warteten und taten nichts, was im damaligen Melanesien als Arbeit erkennbar gewesen wäre. Dennoch – oder deshalb, wie es nach der Cargo-Philosophie heißt – hatten sie viel Besitz, und das wollten die Kult-Anhänger auch.

„Cargo“ bezeichnete zunächst tatsächlich nur die materielle Fracht, kann später aber als „alles was man sich erbetet“ verstanden werden. Es ist schwer, den Cargo-Kult klar als materielle oder spirituelle Motivation zu bezeichnen, da die Botschaft vom Gott, der Gutes bringt in einem Land mit hoher materieller Armut durchaus konkret verstanden wurde. (Mühlmann, S. 210 f) Außerdem stellen die zahlreichen Güter, die von Flugzeugen und Schiffen geladen wurden, einen so großen Kontrast zum Alltag der Eingeborenen dar, dass sie nur mit Magie erklärt werden können. Mühlmann schlussfolgert an dieser Stelle auf Grund von asiatischer und europäischer Philosophie, dass das Glück, das Heil, immer der Gegensatz des langweiligen Alltags sei – und somit exakt zu dem Cargo-Phänomen passe. Denn während die Missionen von den Menschen harte Arbeit, Gottesfürchtigkeit und auch noch einen Beitrag zur Kollekte – also einen routinierten, noblen Alltag – erwarteten, taten die „neuen Götter“ das Gegenteil: Sie verschenkten Güter, zeigten ihre Herrlichkeit und ihr Mana von Beginn an und verbesserten das Leben der Dorfbewohner.

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Details

Seiten
8
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638617215
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70822
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Cargo-Kult Beispiel Pailau-Bewegung Südseevölker

Autor

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