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Eltern-Kind-Beziehungen aus kulturvergleichender Sicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 16 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eltern-Kind-Beziehungen im Familienkontext
2.1. Indikatoren von Eltern-Kind-Beziehungen
2.2. Aufgaben der Familie
2.3. Universelle Merkmale von Eltern-Kind-Beziehungen

3. Eltern-Kind-Beziehungen im kulturellen Kontext
3.1. Elterliche Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung im Kulturvergleich
3.2. Indikatoren für Eltern-Kind-Beziehungen im Kulturvergleich
3.3. Eltern-Kind-Beziehungen als Teil der Entwicklung in der Lebensspanne

4. Abschluss und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein typisches Merkmal der Spezies Mensch ist die, im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen, intensive und überaus lange Pflege und „Aufzucht“ seiner Nachkommen. Während manche Tierarten ihren Nachwuchs sofort nach der Geburt abstoßen oder ihre Eier gar in Fremde Nester legen, kümmern sich beim Menschen hingegen die Eltern über viele Jahre hinweg um ihre Kinder. Durch bewusste Erziehung wie sie beim Vermitteln von Werten, Einstellungen und Normen geschieht, aber auch unbewusst durch den alltäglichen Umgang zwischen Eltern und Kind erfolgt somit eine Prägung, die einen entscheidenden Einfluss für das weitere Leben aller Beteiligten hat, natürlich vorrangig auf das Kind.

„Kinder, die geliebt werden, werden Erwachsene, die lieben“, besagt ein Sprichwort. In der Tat werden Erfahrungen aus der eigenen Kindheit sowie der Umgang mit und das Verhältnis zu den Eltern später meist auch auf die eigenen Kinder übertragen. Das kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung. Die Qualität der Beziehung zwischen beiden Seiten hat aber nicht nur Einfluss auf Handlungsweisen, die übernommen werden, sondern auch auf den allgemeinen Umgang anderen Menschen gegenüber und auf die eigene Psyche.

Darum versuchen Soziologen und Entwicklungspsychologen im Rahmen der familialen Sozi- alisationsforschung bereits seit mehreren Jahrzehnten Licht ins Dunkel der Beziehung zwi- schen Eltern und ihren Sprösslingen zu bringen und vor allem aus dem alltäglichen Umgang miteinander beobachtbare und bekannte Tatsachen wissenschaftlich zu erforschen und zu erklären.

Die vorliegende Arbeit versucht, die grundlegenden bisherigen Erkenntnisse über die Rele- vanz von Eltern-Kind-Beziehungen zusammenzutragen. Besonderes Augenmerk sei dabei auf einen kulturvergleichenden Standpunkt gelegt. Zahlreiche beobachtbare Unterschiede im alltäglichen Leben verschiedener Kulturen veranlassen zu der Annahme, dass diese kulturell bedingten Verschiedenheiten der Völker auch Niederschlag im gegenseitigen Umgang von Eltern und Kindern miteinander und deren Beziehung haben. Wenn dem so ist, ist es wichtig, diese Differenzen zu kennen und sie bei fortführenden kulturvergleichenden Forschungen und vor allem bei der Interpretation derer Ergebnisse zu berücksichtigen. Denn nur so ist es möglich, zu reliablen Erklärungen für psychologische und soziale Phänomene und Zusam- menhänge zu gelangen und ferner ein besseres Verständnis für die Gegebenheiten ver- schiedener Kulturen zu entwickeln.

2. Eltern-Kind-Beziehungen im Familienkontext

Die Thematik der Eltern-Kind-Beziehungen ist eines der am häufigsten erforschten Gebiete in der Entwicklungspsychologie. Zahlreiche Studien verschiedenster Art wurden über viele Jahrzehnte hinweg angestellt um der Frage auf den Grund zu kommen, welche Faktoren Einfluss auf das innerfamiliäre Verhältnis zwischen jung und alt haben und vor allem welche Einflussnahme dieses Verhältnis auf Eltern und Kinder hat.

Eines ist auf jeden Fall klar: Eltern-Kind-Beziehungen unterscheiden sich prinzipiell von Fa- milie zu Familie. Dennoch sind auch kulturspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen. Doch solch eine Beziehung ist darüber hinaus nicht ein feststehender Zustand. Da sich sowohl Eltern als in besonderem Maße auch die Kinder im Prozess des sozialen Wandels, der mit dem fortschreitendem Alter einhergeht verändern, wandelt sich natürlich auch die Eltern-Kind-Beziehung über die Jahre hinweg. Die Kinder werden erwachsen und bauen ihr eigenes Leben und ihre eigene Existenz auf. Doch selbst wenn die Kinder weder körperlich noch gesellschaftlich mehr von ihren Eltern abhängig sind, dauert die Verbindung zu Mutter und Vater meist ein Leben lang an. Erfahrungen und Erlebnisse aus jungen Jahren prägen und hinterlassen ein Leben lang Spuren - sowohl positive, doch leider auch oft nega- tive. Störungen des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern stellen in der Regel auf bei- den Seiten eine psychische Belastung dar.

Um jedoch Eltern-Kind-Beziehungen überhaupt erst bewerten oder gar vergleichen zu können, bedarf es einer Definition eben dieser.

2.1. Indikatoren von Eltern-Kind-Beziehungen

Wie bereits erwähnt, ist die Eltern-Kind-Beziehung ein wichtiger Teil familialer Sozialisation mit Folgen für die Entwicklung der Kinder. Ihre Qualität wird in der Literatur durch verschiedene Merkmale empirisch erfasst, so zum Beispiel durch Indikatoren der objektiven, hauptsächlich jedoch subjektiven Messung.

Als ein solcher Indikator anzuführen wäre zunächst die Partizipation von Kindern an Ent- scheidungen in der Familie. Es ist davon auszugehen, dass eine hohe Partizipation für eine bessere Qualität der Eltern-Kind-Beziehung spricht als eine niedrigere. Die Ausprägung der Beteiligung der Kinder liegt hier zwar hauptsächlich im Einflussbereich der Eltern, also in- wieweit sind sie an der Meinung ihrer Kinder interessiert und was zählt ihre Stimme bei Fa- milienentscheidungen, jedoch hängt es selbstverständlich auch davon ab, ob das Kind über- haupt Interesse daran hat, sich in die Familie einzubringen. Wird ein Kind von Anfang an mit in Entscheidungen und Gespräche zur Entscheidungsfindung mit einbezogen, wird es also als vollwertiges Familienmitglied mit Stimmrecht angesehen, so wird es in seiner späteren

Entwicklung natürlich mehr Partizipation und Aktivität bei Entscheidungssituationen zeigen und das nicht nur in der Familie, sondern beispielsweise auch im Freundeskreis. An dieser Stelle ist bereits zu erkennen, dass die Prägung durch die Eltern im Kindesalter in ihren Auswirkungen nicht nur auf die Familie beschränkt ist, sondern auch in andere Bereiche des sozialen Lebens der Kinder mit einfließt.

In engem Zusammenhang mit der soeben beschriebenen Partizipation steht auch das Ausmaß an Selbständigkeit, welches Eltern ihren Kindern gewähren. Wird das Kind frühzeitig angehalten, selbständig zu handeln, wird sich diese Selbständigkeit auch lebensspannenübergreifend in seiner Persönlichkeit niederschlagen.

Diese beiden Indikatoren, also das Ausmaß an Partizipation und Selbständigkeit, sind Mög- lichkeiten, die dem Kind von Seiten der Eltern eingeräumt werden. Im Gegenzug dazu wer- den die Kinder ihren Eltern entsprechendes Vertrauen entgegenbringen, sie beispielsweise aufsuchen wenn sie Rat oder Trost benötigen. Als weiteren Indikator nennt Trommsdorff (2001) die Art und Häufigkeit von Interaktionen. Hierunter sind sowohl positive Interaktionen wie Familieausflüge und gemeinsame Freizeitgestaltung zu sehen als auch Interaktionen negativer Natur wie zum Beispiel die Häufigkeit von innerfamiliären Konflikten. Kommt es in der Familie selten zu Konflikten, mag das an einem hohen Ausmaß an Übereinstimmungen von Eltern und Kindern sowohl im Verhalten als auch in Ansichten und Werten liegen. Denn nicht gerade selten schaffen unterschiedliche Lebensauffassungen von Eltern und ihren he- ranwachsenden Kindern vor allem in der Pubertät ausreichend Konfliktpotential und fördern nicht ein harmonisches Miteinander. Anhand dieser Indikatoren erfolgt dann eine gegenseiti- ge oder einseitig durch Eltern oder Kinder vollzogene Bewertung der Beziehungsqualität, die selbstverständlich subjektiver Art ist. Hierbei müssen die Bewertungen von Eltern und Kin- dern jedoch keinesfalls übereinstimmen.

Um diese Indikatoren empirisch zu erfassen, erfolgen meist Befragungen von Eltern und Kindern, aber auch von außenstehenden Dritten wie Bekannten oder Lehrern. In seltenen Fällen werden die Eltern-Kind-Interaktionen auch in einem einigermaßen natürlichen Kontext beobachtet. Die Daten von Befragung und Beobachtung ergeben dabei jedoch keineswegs übereinstimmende Ergebnisse (Rothbaum und Weisz, 1994), was wohl daran liegt, dass beim Beantworten mehr auf soziale Erwünschtheit Wert gelegt wird als im tatsächlichen Ver- halten.

2.2. Aufgaben der Familie

Wie bereits klar geworden sein dürfte, bildet die Familie für ihre Mitglieder, besonders für die sich in der Entwicklung befindenden Kinder, einen Kontext mit bestimmten Ressourcen und Anforderungen. Je nach Potential für Unterstützung, Anregung, Aufgaben und Problemsitua- tionen werden in Familien über ökonomische auch physiologische Ressourcen und Risiken vermittelt. Primär erfüllt die Familie zunächst die Grundbedürfnisse des Neugeborenen. El- tern ernähren und versorgen ihr Baby und schützen es vor gefährlichen äußeren Einflüssen - ebenso wie dies im Tierreich geschieht. Im Laufe der Entwicklung leistet die Familie dann mehr oder weniger ausgeprägt die materielle, emotionale, kognitive und soziale Unterstüt- zung des Kindes. Davon ausgehend lernen die Kinder dann ihrerseits eine Unterstützungs- funktion für andere Familienangehörige, wie jüngere Geschwister oder pflegebedürftige Großeltern zu übernehmen. Vor allem in Ländern der Dritten Welt sind solche Aufgaben selbstverständlich. Die Übernahme derartiger Verpflichtungen erfolgt auf der Grundlage der Zugehörigkeit zu der sozialen Einheit Familie. Je eher dem Kind solche Aufgaben anvertraut werden, desto besser, denn dadurch erfolgt die Identifikation des Kindes mit der Einheit Fa- milie, in die es sich als Mitglied einbringt.

Zwar stellt die Familie eine Einheit dar, jedoch nicht eine nach Außen hin abgeschlossene. Die Familie und die darin bestehenden Eltern-Kind-Beziehungen ihrerseits sind in einen weiteren ökonomischen und sozialen Kontext eingebettet, der sowohl Ressourcen als auch Problemlagen beinhaltet. Sowohl die Familie an sich als auch jedes der einzelnen ihrer Mitglieder hat vielfältige Berührungspunkte mit der Umwelt. Diese nehmen je nach Art und Intensität ihrer Ausprägung wiederum Einfluss auf entweder Kinder, Eltern oder beide beziehungsweise die Familie. Die Familie steht also in weiteren ökonomischen und sozialen Kontexten, wie meine folgende Grafik schematisch verdeutlichen soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: die Familie in ihren ökonomischen und sozialen Kontexten (Fleischmann)

Eltern gehen auf die Arbeit und haben im Privatbereich verschiedene Bekanntenkreise. Dort haben sie Kontakt zu Personen, die nicht Mitglieder der eigenen Familie sind. Sie sammeln im Umgang mit ihnen Erfahrungen und haben positive oder negative Erlebnisse, die sie dann bewusst oder unbewusst mit in die Beziehung, zumindest in das Verhalten ihren Kindern gegenüber mit einfließen lassen. Ebenso ist das bei den Kindern, die aus der Schule Freunde oder auch Probleme mit nach Hause bringen, die dann mehr oder weniger Gesprächsthema und Bestandteil der Familie werden.

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Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638617208
ISBN (Buch)
9783638914871
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70818
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
Eltern-Kind-Beziehungen Sicht Kulturvergleichende Entwicklungspsychologie

Autor

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