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Subjektive Krankheitstheorien von Frauen mit nicht-karzinombedingter Hysterektomie

Diplomarbeit 1997 223 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

inhaltsverzeichnis

Einleitung

TEIL I: SUBJEKTIVE KRANKHEITSTHEORIEN
1 SUBJEKTIVE THEORIEN UND KRANKHEITSKONZEPTE
1.1 Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien
1.1.1 Das epistemologische Subjektmodell
1.1.2 Explikation des Konstrukts "Subjektive Theorie"
1.1.3 Forschungsstruktur
1.1.4 Methodologische Zielvorstellungen für Verfahren der kommunikativen
Validierung
1.2 Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik (SLT) zur Rekonstruktion Subjektiver Theorien mittlerer Reichweite
1.2.1 Begriffsfestlegung "Subjektive Theorien mittlerer Reichweite":
1.2.2 Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik
1.2.3 Explikation des Inhaltes der Subjektiven Theorie durch ein halbstandardisiertes Interview
1.2.4 Explikation der Theorie- Struktur: Die Struktur- Lege- Technik (SLT) als
Realisierung des Dialog- Konsens
1.2.5 Güte-Aspekte kommunikativer Validierung
1.3 Subjektive Krankheitstheorien
1.3.1 Definition:
1.3.2 Eine Möglichkeit der Strukturierung des Gegenstandsbereichs "Subjektive Krankheitstheorien"
1.3.3 Dynamik Subjektiver Krankheitstheorien
1.4 Standortbestimmung

TEIL II: OBJEKTIVE THEORIEN ZUR BEDEUTUNG DES UTERUS
2 BEDEUTUNG DES UTERUS
2.1 Anatomisch-physiologische und endokrinologische Grundlagen
2.1.1 Aufbau und Lage des Uterus
2.1.2 Funktionen des Uterus
2.1.2.1 Die Gebärmutter als Sexualorgan
2.1.2.2 Einfluss der Gebärmutter auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion
2.1.2.3 Einfluss der Gebärmutter auf das Nervensystem
2.1.3 Die weiblichen Sexualhormone und ihre Rolle im ovariellen und uterinen Zyklus
2.1.4 Zusammenhänge zwischen dem Regelkreis der Sexualhormone und der Beta-Endorphine
2.2 Bedeutungszuschreibungen
2.2.1 Historischer Exkurs
2.2.2 Medizinische Metaphern, Wissenschaftsmythen und die "Krankheit Frau"
2.2.3 Symbolische Bedeutungszuschreibungen
2.2.4 Weibliches Selbstkonzept, Identität, Körperbild und das so genannte "Vollwertigkeitsgefühl "
3 EXKURS : KLIMAKTERIUM
3.1 Relevanz - ein Vergleich zwischen "natürlicher" und operationsbedingter Menopause
3.2 Einige spezielle Probleme der Wechseljahre
3.2.1 Das Ende der Reproduktionsfähigkeit
3.2.2 Klimakterium und Sexualität
3.2.3 Die Wechseljahre als Lebensabschnitt
3.3 Ausblick
4 HYSTEREKTOMIE
4.1 Medizinisches Grundwissen über die Hysterektomie
4.1.1 Einleitung
4.1.2 Indikationen
4.1.3 Operationstechniken
4.1.4 Körperliche Reaktionen als Folge der Operation
4.1.5 Die Indikationendiskussion
4.2 Psychologische Aspekte der Hysterektomie
4.2.1 Einleitung
4.2.2 Hysterektomie und Depression
4.2.3 Hysterektomie bei psychisch gestörten Patientinnen
4.2.4 Risiko- Patientinnen
4.2.5 Untersuchungen zum Stellenwert der prä-operativen Aufklärung
4.2.6 Hysterektomie, Sexualität und Partnerschaft
5 REKONSTRUKTION VON RAHMENTHEORIEN ZU DEN PSYCHOLOGISCHEN ASPEKTEN DER HYSTEREKTOMIE
5.1 Kriterien für die Selektion relevanter Aspekte
5.2 Zur Rekonstruktion der Rahmentheorien
5.3 Rekonstruktion der Rahmentheorien
5.3.1 Zur psychischen Bedeutsamkeit des/ Verlustes des/ Uterus
5.3.2 Risikofaktoren
5.3.3 Schlechter postoperativer Verlauf wird wie folgt definiert:
5.3.4 Ursachenkognitionen:
5.3.5 Psychische Folgeerscheinungen und psychosoziale Determinanten der Verarbeitung des Organverlusts
5.4 Erläuterungen zu den Erhebungskonzepten
5.4.1 Vorstellungen und Assoziationen zur Bedeutung des Uterus/-Verlustes
5.4.2 Risikofaktoren
5.4.3 Psychische Folgeerscheinungen und psychosoziale Determinanten der Verarbeitung des Organverlusts
5.4.4 Ursachenkognitionen

TEIL III: SUBJEKTIVE KRANKHEITSTHEORIEN VON FRAUEN ZUR HYSTEREKTOMIE: EIGENE UNTERSUCHUNG
6 VORBEREITUNG DER UNTERSUCHUNG
6.1 Ziele und Hypothesen
6.1.1 Ziele:
6.1.2 Hypothesen:
6.2 Interviewleitfaden
6.2.1 Entwicklung des Interviewleitfadens
6.2.2 Interviewleitfaden zur Erhebung subjektiver Theorien von Frauen zur Hysterektomie
7 DURCHFÜHRUNG DER UNTERSUCHUNG
7.1 Stichprobe
7.2 Durchführung der Interviews
7.3 Konzeptextraktion und Rekonstruktion der Interviewerin
7.4 Durchführung der SLT-Sitzungen
8 ERGEBNISSE
8.1 Verbalisation der Strukturbilder
8.1.1. Exemplarische Darstellung zweier Interviews
Beispiel 1: Interview Nr. 7:
Beispiel 2: Interview Nr.8:
Ursachen - Rekonstruktion Interviewerin:
8.1.2 Verbalisation der Konsensversionen der Hysterektomiegruppe
8.1.2.1 Interview Nr. 3:
Ursachen - Konsens
8.1.2.2 Interview Nr.6:
Ursachen-Konsens
8.1.2.3 Interview Nr. 7
8.1.2.4 Interview Nr. 8:
8.1.2.5 Interview Nr. 9:
8.1.2.6 Interview Nr. 10:
Ursachen - Konsens
8.1.2.7 Interview Nr. 11:
8.1.2.8 Interview Nr. 12:
Ursachen - Konsens
8.1.2.9 Interview Nr. 13:
Ursachen - Konsens
8.1.3 Verbalisation der Konsensversionen der Gruppe der nicht-operierten Frauen
8.1.3.1 Interview Nr.1:
Ursachen - Konsens:
8.1.3.2 Interview Nr.2:
Ursachen Konsens:
8.1.3.3 Interview Nr.4:
Ursachen - Konsens:
8.1.3.4 Interview Nr. 5:
Ursachen - Konsens:
8.1.3.5 Interview Nr. 14:
Ursachen - Konsens:
8.1.3.6 Interview Nr.15:
8.1.3.7 Interview Nr.16:
Ursachen - Konsens:
8.2 Vergleich der Strukturbilder auf formaler Ebene
8.2.1 Formalcharakteristika der SLT-Bilder (Ursachen- und Folgenstrukturen)
8.2.2 Formalcharakteristika der Ursachen-Strukturen
8.2.3 Formalcharakteristika der Folgen-Strukturen
8.2.4 Bewertung der Formalcharakteristika der Subjektiven Theorie-Rekonstruktionen
8.3 Interindividueller inhaltlicher Vergleich der Strukturbilder auf Konzeptebene
8.3.1 Vergleich der Subjektiven Theorien bezüglich der Ursachenzuschreibungen
8.3.2 Vergleich der Subjektiven Theorien bzgl. der Folgenzuschreibungen
9 DISKUSSION DER ERGEBNISSE
9.1 Anregungen aus den Subjektiven Theorien für die objektiven Theorierekonstruktionen
9.1.1 Vergleich der objektiven und der Subjektiven Theorien für den Ursachen-Bereich
9.1.2 Vergleich der objektiven und Subjektiven Theorien für den Folgenbereich
9.2 Vergleich der Gruppen
9.2.1 Unterschiede im Bereich der Ursachenzuschreibungen:
9.2.2 Unterschiede im Bereich der Folgenzuschreibungen
9.2.3 Überprüfung der Hypothesen
9.3. Kritische Reflexion des Forschungsprozesses
10 ZUSAMMENFASSUNG

11 LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG
1. SLT-Bilder
SLT-Rahmentheorie Ursachen
SLT-Rahmentheorie Folgen
Interview 1 Konsensversion Ursachen
Interview 1 Konsensversion Folgen
Interview 2 Konsensversion Ursachen
Interview 3 Konsensversion Ursachen
Interview 3 Konsensversion Folgen
Interview 4 Konsensversion Ursachen
Interview 4 Konsensversion Folgen
Interview 5 Konsensversion Ursachen
Interview 6 Konsensversion Ursachen
Interview 6 Konsensversion Folgen
Interview 7 Version Ip Ursachen
Interview 7 Konsensversion Ursachen
Interview 7 Konsensversion Folgen
Interview 8 Version Ip Ursachen
Interview 8 Version Il Ursachen
Interview 8 Konsensversion Ursachen
Interview 8 Version Il Folgen
Interview 8 Konsensversion Folgen
Interview 9 Konsensversion Ursachen
Interview 9 Konsensversion Folgen
Interview 10 Konsensversion Ursachen
Interview 10 Konsensversion Folgen
Interview 11 Konsensversion Ursachen
Interview 11 Konsensversion Folgen
Interview 12 Konsensversion Ursachen
Interview 13 Konsensversion Ursachen
Interview 13 Konsensversion Folgen
Interview 14 Konsensversion Ursachen
Interview 15 Konsensversion Ursachen
Interview 16 Konsensversion Ursachen
2. SLT-LEITFADEN
3. Zusammenfassung von Konzepten
4. Verteilung der Konzepte – Ursachen
5. Verteilung der Konzepte – Folgen
6. Verteilung der Konzepte pro Ip - Ursachen
7. Verteilung der Konzepte pro Ip - Folgen
8. Häufigkeiten verwendeter Relationen
9. Nachbefragung
NACHBEFRAGUNGSBOGEN
Einige Bemerkungen zum Nachbefragungsbogen:
Interviewer-Rating und Interviewer-Postskriptum zur Überprüfung des Gesprächsverlaufs
Interviewer-Postskriptum:
Vergleich Nachbefragungsbogen - Interviewer-Rating:
10. Anzeigentexte zur Gewinnung von Interviewpartnerinnen
11. Ein vollständiger Interviewtext

Einleitung

Die Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) gilt als eine der häufigsten Operationen bei Frauen über 40.

Der Uterus gehört zu den Organen (wie z. B. Herz oder Gehirn), die weit über ihre physiologische Bedeutung hinaus für Selbsterleben und Identität eine wichtige Rolle spielen. Früher wie heute ranken sich um die Gebärmutter kollektive und idiosynkratische Phantasien und bewusste oder unbewusste Symbolisierungen, die sie mit Potenz und lebensspendender Kraft, aber auch mit nervöser Schwäche oder Minderwertigkeit in Verbindung bringen.

Lucius-Hoene (1992)weist auf die Ambivalenzen in der Betrachtung der Gebärmutter in der männlich geprägten Medizin- und Geisteswelt ebenso wie im Erleben der Frauen hin. Diese Ambivalenzen spiegeln sich auch in der Kontroverse um die relativen und erweiterten Indikationen zur Gebärmutterentfernung. Zur Diskussion steht dabei u. a. auch der Stellenwert psychischer Besetzungen und ihrer möglichen Bedeutung für die Befindlichkeit.

Bei einem Überblick über die Hysterektomieforschung der letzten Jahre ist festzustellen, dass sich das Forschungsinteresse von der ursprünglichen Streitfrage, ob die Hysterektomie "an sich" ein potenziell pathogener Eingriff sei oder v. a. befindlichkeitsverbessernde Wirkung zeige, in neueren Publikationen auf die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten der betroffenen Frauen verlagert hat. Dabei werden u. a. Einflussgrößen berücksichtigt, die die soziale und partnerschaftliche Einbettung und grundlegende Formen der Auseinandersetzung mit Stress und Krankheit beschreiben sowie die Rolle des Leiberlebens im Selbstkonzept und in der Geschlechtsrollenidentität mit einbeziehen.

Wie Wittich & Lucius-Hoene (1988) in ihrer kritischen Analyse von 74 Arbeiten zum Stand der Forschung zur Frage "Psychische Störungen nach Hysterektomie" anführen, zeigen v. a. einzelfallanalytische Studien die hochkomplexe Problematik der Interdependenz körperlicher, psychischer, sozialer und sexueller Faktoren auf. In Untersuchungen mit hohen Fallzahlen, die entsprechend reduzierende Erhebungstechniken verwenden, scheint die Vielschichtigkeit der beteiligten körperlichen, kognitiven und emotionalen Faktoren nicht auf. Die Autorinnen weisen u. a. auch darauf hin, dass es noch keine Untersuchungen gäbe, die die subjektiven Einstellungen der Patientinnen (und der Partner) zu dem Eingriff sowie seinen lebensgeschichtlichen Stellenwert zu erfassen versuchten. Zintl-Wiegand (1984) vermutet, dass die Bereitschaft einer Frau zur Hysterektomie unter nicht zwingenden Indikationen auch als Manifestation einer problematischen Einstellung zu Weiblichkeit und Sexualität zu betrachten sei.

Ausgehend von diesen Forschungsdesideraten ist die vorliegende Arbeit zum Thema "Subjektive Krankheitstheorien von Frauen zur nicht-karzinombedingten Hysterektomie" als Pilotstudie zu verstehen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt darin, zum Gegenstand "Uterus/Hysterektomie" Subjektive Theorien zu erheben und mit den objektiven Theorien sowie untereinander zu vergleichen. Als theoretische Grundlage bietet sich das epistemologische Subjektmodell an. Das dem Forschungsgegenstand „Subjektive Theorien“ angemessene Erhebungsinstrument stellt die "Heidelberger Struktur-Lege-Technik" (Scheele & Groeben 1984, 1988) dar.

Das erste Kapitel stellt das epistemologische Subjektmodell vor, auf dem das Forschungsprogramm Subjektive Theorien und das Erhebungsinstrument (SLT) basieren. Eine Beschreibung der SLT und ihrer methodologischen Problematik ist ebenfalls im einleitenden Kapitel zu finden, in dem auch der Forschungsgegenstand "Krankheitstheorien" vorgestellt wird.

Im zweiten Kapitel folgt ein knapper Überblick über die anatomisch-physiologischen und endokrinologischen Grundlagen.

Im Anschluss daran einige illustrative Beispiele der kulturell-historischen Bedeutungszuschreibungen, die das Organ Uterus in der Medizin und bei den Frauen auf sich gezogen hat.

Ein Exkurs über das Klimakterium nimmt auch Bezug auf kulturelle Zusammenhänge und leitet über zur Beschreibung der Situation der hysterektomierten Frau.

Im vierten Kapitel wird ein Überblick über den Stand der Hysterektomieforschung gegeben, wobei die Arbeiten nach den Untersuchungsschwerpunkten "Hysterektomie und Depression", "Hysterektomie bei psychisch gestörten Patientinnen", "Risiko-Patientinnen", "Zum Stellenwert der prä-operativen Aufklärung" sowie "Hysterektomie, Sexualität und Partnerschaft" geordnet referiert werden.

Im fünften Kapitel versuche ich eine Rekonstruktion von Rahmentheorien zu den referierten objektiven Theorien, da eine solche Rekonstruktion für die Berücksichtigung der Austauschperspektive Subjektiver und objektiver Theorien unabdingbar ist. Im Anschluss daran werden die Konzepte erläutert, die für die Konstruktion des Interviewleitfadens zur Erhebung Subjektiver Theorien zur Hysterektomie von mir als relevant extrahiert wurden.

Im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit stelle ich die empirische Untersuchung an 9 hysterektomierten und 7 nicht-operierten Frauen, den Interviewleitfaden, die Interviews und die Strukturbilder der Subjektiven Theorien der Versuchspartnerinnen vor und diskutiere die Ergebnisse.

Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit zu weiteren Untersuchungen auf diesem Gebiet und zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen der Gynäkologie und der Gesundheitspsychologie anregen kann.

TEIL I: SUBJEKTIVE KRANKHEITSTHEORIEN

1 SUBJEKTIVE THEORIEN UND KRANKHEITSKONZEPTE

1.1 Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien

1.1.1 Das epistemologische Subjektmodell

Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien[1] basiert auf dem 1977 von Groeben & Scheele eingeführten epistemologischen Subjektmodell. Die Autoren sprechen von einem Paradigmenwechsel in der Psychologie - vom behavioralen zum epistemologischen Subjektmodell: Der Mensch wird nicht mehr als mechanistisch reagierend und durch Umweltreize determiniert gesehen, sondern als kognitiv konstruierend und reflexiv verstanden und in Parallelität zum Selbstbild des Wissenschaftlers konzipiert - als reflexives, potenziell rational handelndes Subjekt und grundsätzlich ebenso reflexions-, kommunikations- und handlungsfähig wie das Erkenntnis-Subjekt (ForscherIn), anders ausgedrückt als Theoriekonstrukteur und Theoriebenutzer wie der Forscher.

1.1.2 Explikation des Konstrukts "Subjektive Theorie"

Das epistemologische Subjektmodell geht von einer grundsätzlichen Strukturparallelität von Subjektiven und "objektiven" Theorien aus. Unter "Subjektiven Theorien" verstehen Groeben et al. (1988) komplexe Aggregate von Konzepten, deren Struktur und Funktion in Parallelität zu wissenschaftlichen Theorien postuliert werden. Weiters handelt es sich bei Subjektiven Theorien um relativ überdauernde mentale Strukturen, was bei Einzelkognitionen nicht der Fall sein muss.

Die engere Begriffsexplikation von Subjektiven Theorien lautet:

"Kognitionen der Selbst- und Weltsicht, die im Dialog-Konsens aktualisier- und

rekonstruierbar sind als komplexes Aggregat mit (zumindest impliziter) Argumentationsstruktur, das auch die zu objektiven (wissenschaftlichen) Theorien parallelen Funktionen der Erklärung, Prognose, Technologie erfüllt, deren Akzeptierbarkeit als "objektive" Erkenntnis zu prüfen ist." (Groeben 1988, S. 22)

Die Austauschperspektive Subjektiver und objektiver Theorien stellt ein weiteres Kennzeichen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien dar. Subjektive Theorien dienen als heuristisches Ausgangspotenzial für objektive Theorien, und objektive Theorien werden zumindest zum Teil als Metatheorien über Subjektive Theorien konstituiert.

Konsequenterweise ändern die Autoren des Forschungsprogramms auch die Forschungsterminologie: aus dem im Behaviorismus als "Versuchsperson" (Vp) bezeichneten Erkenntnisobjekt wird der "Versuchspartner"(Vpt).

Subjektive Theorien sind nur teilweise bewusst und auf Anhieb abrufbar, können aber z. B. im Forschungsinterview aktualisiert werden (Zu dieser Problematik vgl. auch Scheele, 1988 in Groeben et al. 1988, S. 126 ff.).

1.1.3 Forschungsstruktur

Nachdem auf der Grundlage des postulierten Menschenbildes das zentrale Konstrukt des Forschungsprogrammes eingeführt wurde, soll nun auf die Folgerungen für den Forschungsprozess eingegangen werden.

Die monolog-hermeneutische Form des beschreibenden Verstehens, wobei der Forscher die Subjektiven Theorien des Erkenntnisobjekts aus Beobachtungsdaten erschließt, stellt nicht das angemessene methodische Vorgehen zur Rekonstruktion von Subjektiven Theorien dar. Dem Gegenstandsverständnis des epistemologischen Subjektmodells ist es angemessener, wenn das Erkenntnisobjekt über Selbstauskünfte dem Forscher die internen Bezugspunkte seines Handelns beschreibt.

Die Rekonstruktion der Subjektiven Theorie sollte im Dialog mit dem Forscher erfolgen, d. h. beide haben sich in argumentativer Auseinandersetzung um eine angemessene Beschreibung der Subjektiven Theorie des Erkenntnis- Objekts zu bemühen. Damit wird das Erkenntnis-Objekt aktiv und konstruktiv in den Forschungsprozess einbezogen. Daraus ergibt sich ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen dem Forscher und seinem Erkenntnis-Objekt.

Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien ist bemüht, die Gegenstands-Methodik-Interdependenz im Sinne der anthropologischen Kernannahmen konstruktiv ins Positive zu lenken. Das heißt, es gehört zur Aufgabe des Forschers, die Untersuchungsbedingungen so zu gestalten, dass die Fähigkeit des Erkenntnis-Objekts zur Reflexivität und Rationalität optimale Realisierungschancen erhält. Dazu gehört auch eine transparente Untersuchungssituation.

Die Erforschung Subjektiver Theorien erfolgt zweistufig:

- Die vor-, jedoch untergeordnete erste Stufe ist die Erhebung der Subjektiven Theorien und deren Überprüfung auf Rekonstruktionsadäquanz durch kommunikative Validierung.
- Die zweite, nach-, jedoch übergeordnete Stufe ist die Überprüfung der Subjektiven Theorien auf ihre Realitätsadäquanz durch explanative Validierung. Sie unterliegt dem klassischen Falsifikationskriterium.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Zwei-Phasen-Modell der Forschungsstruktur zur Verbindung von kommunikativer und explanativer Validierung (nach Groeben 1986, S. 326)

Mit der Übereinstimmung zwischen Forscher (Erkenntnis-Subjekt) und Versuchspartner (Erkenntnis-Objekt) über das Rekonstruktionsresultat wird das dialog-konsens-theoretische Wahrheitskriterium realisiert (vgl. auch Abb. 1). Diese Überprüfung der Rekonstruktionsadäquanz der Subjektiven Theorien durch den Dialog-Konsens zwischen Forscher und Erforschtem wird mit Lechler „kommunikative Validierung“ (1982, zit. nach Scheele 1988) genannt.

Unter dem dialog-konsenstheoretischen Wahrheitskriterium versteht man Folgendes: Ob das verstehende Beschreiben des Wissenschaftlers ein adäquates Verständnis der Innensicht-Perspektive des Erkenntnis-Objekts darstellt, kann nur das Erkenntnis-Objekt sinnvoll entscheiden. Daher begibt sich der Forscher in eine dialogische Kommunikation mit dem Erforschten, um zu sichern, dass sein Verstehen (z. B. der Subjektiven Theorien) des Erkenntnis-Objekts adäquat ist. Diese Adäquanz gilt als erreicht, wenn und insoweit das Erkenntnis-Objekt dem verstehenden Beschreiben des Erkenntnis-Subjekts zustimmt, also seinen Konsens gibt. Da ein wissenschaftlich brauchbares verstehendes Beschreiben immer auch eine Präzisierung und Elaboration des alltagssprachlichen Denkens (des Erkenntnis-Objekts) darstellt, handelt es sich bei dieser Adäquanz des Verstehens notwendigerweise um eine Rekonstruktionsadäquanz.

Kommunikative Validierung besteht also aus einem verstehenden Beschreiben, dessen Rekonstruktionsadäquanz im Dialog durch den Konsens des Erkenntnis-Objekts festgestellt wird. Den Rahmen für optimale Bedingungen der Selbstauskunft bietet das dialog-konsenstheoretische Wahrheitskriterium mit der daraus resultierenden Zielidee der "Idealen Sprechsituation" (vgl. Habermas 1968, 1973 zit. nach Scheele 1988).

Die zweite Forschungsphase der explanativen Validierung muss hier nicht weiter erläutert werden, weil ihr das falsifikationstheoretische Wahrheitskriterium der externen Beobachtung zugrunde liegt. In dieser Phase wird untersucht, ob sich die als deskriptive Konstrukte rekonstruierten Subjektiven Theorien auch als explanative Konstrukte bewähren - also eine Überprüfung der Realitätsadäquanz Subjektiver Theorien. Als Überprüfungdesigns haben sich besonders Korrelations-, Prognose- und Veränderungsstudien bewährt (vgl. Treiber & Groeben 1981, 1988; Scheele et al. 1988).

1.1.4 Methodologische Zielvorstellungen für Verfahren der kommunikativen Validierung

Da Subjektive Theorien sowohl im Hinblick auf den Inhalt als auch auf die Struktur zum Teil nur implizit sind, ergibt sich bei der rekonstruierenden Erhebung Subjektiver Theorien eine Explikation und Präzisierung der untersuchten Reflexionen/Kognitionen, sowohl inhaltlich als auch strukturell.

Diese Veränderung des Erkenntnis-Gegenstandes ist nicht ein zu vermeidender Fehler, sondern eine akzeptable Konsequenz der Forschung, da es sich bei dem zugrunde gelegten epistemologischen Subjektmodell um ein unter der Perspektive menschlicher Entwicklung positives Menschenbild handelt. Es ist also innerhalb des Forschungsprogramms Subjektive Theorien methodologisch angestrebt, dass entsprechende Erhebungsverfahren eine höhere Selbstaufmerksamkeit des Versuchspartners implizieren und bewirken soll.

Dialog-Konsens-Verfahren sind deshalb nach Scheele et al. (1988)

"so aufzubauen, dass sie zwei gesonderte Erhebungsschritte mit je spezifischen Erhebungstechniken aufweisen, durch die der Versuchspartner als Erkenntnis-Objekt zunächst eine möglichst umfassende Explikation der ihm zu einem Thema bedeutsamen semantischen Reflexionsinhalte erreichen kann, um auf deren Grundlage zusammen mit dem Forscher als Erkenntnis-Subjekt deren implizite Struktur rekonstruieren zu können."

Für die Erhebung der Inhalte sind alle Techniken nutzbar, die als Explizierungshilfen zur Selbstauskunft aufgrund der bisherigen Forschung akzeptiert werden können (von entsprechenden Interviewtechniken über nachträgliches Lautes Denken, Gedankenstichproben etc., vgl. Huber & Mandl 1982).

Beim Schritt der Struktur-Rekonstruktion der Subjektiven Theorien muss der Forscher vor dem Rekonstruktionsversuch das jeweilige System der Verknüpfungsregeln, das er zur Abbildung der Subjektiven Theorie einzusetzen gedenkt, in systematischer und möglichst verständlicher Form dem Versuchspartner zur Kenntnis bringen; und zwar so, dass dieser auch selbst das jeweilige Regelsystem einsetzen kann, um eine eigene subjektiv-theoretische Elaboration seiner Kognitionsinhalte vornehmen kann.

1.2 Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik (SLT) zur Rekonstruktion Subjektiver Theorien mittlerer Reichweite

1.2.1 Begriffsfestlegung "Subjektive Theorien mittlerer Reichweite":

Konstituierende Merkmale Subjektiver Theorien mittlerer Reichweite

- beziehen sich über die unmittelbare Erklärung/ Rechtfertigung etc. eigener Handlungen hinaus auf ganze Handlungskategorien
- bilden analog zu wissenschaftlichen Theorien auch die Definition wichtiger subjektiver Konstrukte ab einschließlich eventuell vorhandener Beobachtungstheorien
- spiegeln die Möglichkeit von Widersprüchlichkeiten innerhalb einer solchen Subjektiven Theorie wider (Scheele et al. 1988).

1.2.2 Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik

Struktur-Lege-Verfahren sind graphische Verfahren, mit deren Hilfe Schaubilder der Subjektiven Theorien erstellt werden. Diese Strukturabbildungen bestehen zum einen aus inhaltlichen Konzepten und zum anderen aus formalen Relationen, mit denen die Konzepte verknüpft werden. Alle Konzepte und Relationen werden auf Kärtchen geschrieben, die sich auf einer Unterlage ordnen, umorganisieren und befestigen lassen. Im Rahmen einer dialogischen Hermeneutik haben solche Verfahren mehrere Funktionen zu erfüllen:

- Veranschaulichung der Struktur
- Präzisierung der Struktur: Das entstehende Konstrukt "Subjektive Theorie" bildet die subjektiven Reflexionen und Kognitionen des Versuchspartners nicht einfach nur ab, sondern es elaboriert sie zugleich unter dem Aspekt der Struktur-Parallelität zur objektiven Theorie; sie werden damit in einen expliziteren und präziseren Zustand überführt. Die rekonstruierte Subjektive Theorie ist unter diesem Gesichtspunkt als "Epi-Konstrukt" zu verstehen (Scheele et al. 1992 S.4 f.).
- Direktheit der Wissensrepräsentationen: Struktur-Lege-Verfahren gestatten es, Beziehungen zwischen Konzepten direkt darzustellen, ohne dass es rechnerischer oder interpretativer Verarbeitungsschritte bedürfte (Lohaus 1983; Bonato 1990; zit. nach Scheele et al. 1992).
- Korrigierbarkeit des Strukturbilds
- Auswertungsfähigkeit der Struktur-Darstellung
- Ansatzpunkt zur Modifikation von Handlungen: Der Gewinn an Selbsterkenntnis, der mit der Rekonstruktion Subjektiver Theorien verbunden ist, stellt eine gute Basis für die Einleitung von Veränderungsprozessen dar.

Es ist auch hervorzuheben, dass Struktur-Lege-Verfahren nicht primär an kognitiven Modellen der Wissensrepräsentation orientiert sind. Vielmehr geht es darum, "geeignete ikonische Darstellungsformen zu finden, die es einer Person erlauben, ihr subjektiv-theoretisches Wissen über bestimmte Bereiche zu repräsentieren" (Scheele et al. 1992).

Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik ist das bekannteste und zugleich das historisch erste Verfahren, das explizit als Dialog-Konsens-Methode im Rahmen der dialogischen Hermeneutik entwickelt worden ist. Die Autoren (Scheele & Groeben 1979, 1984, 1988) haben das Verfahren wissenschaftstheoretisch und methodologisch ausführlich im Rahmen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien begründet (vgl. Kap. 1.1.1 bis 1.1.3). Das Regelwerk ist vollständig im Anhang wiedergegeben.

1.2.3 Explikation des Inhaltes der Subjektiven Theorie durch ein halbstandardisiertes Interview

Da nicht davon ausgegangen werden kann, dass der Versuchspartner seine Subjektive Theorie sofort vollständig verbalisieren kann, ist eine Hilfestellung von Seiten des Forschers notwendig. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, Voraussetzungen in der Interviewsituation zu schaffen, in denen der Versuchspartner möglichst optimal über seine Subjektive Theorie nachdenken, sie aktualisieren und explizieren kann. Dabei hat der Forscher die Aufgabe, dem Erkenntnisobjekt bei der Aktualisierung und Explikation seiner Subjektiven Theorie hilfreich zur Seite zu stehen.

Scheele (1988) zeigt auf, wie eine möglichst optimale Interviewsituation angezielt werden kann: Für das Interview ist ein Interviewleitfaden zu entwickeln, für dessen Fragen die objektiven Theorien als Grundlage dienen. Diese Konstruktion des Interviewleitfadens auf der Basis objektiver Theorien ist vor dem Hintergrund einer Austauschperspektive Subjektiver und objektiver Theorien unerlässlich (vgl. Kap. 1.1.2). Sie ermöglicht erst den Vergleich der Inhalte und Strukturen Subjektiver und objektiver Theorien eines Gegenstandsbereichs. Die Rekonstruktion der Subjektiven Theorien umfasst in Parallelität zu objektiven Theorien die Teilbereiche der Definition und Deskription, der Erklärung und der Prognose des erhobenen Gegenstandes. Demnach müssen Fragen zu diesen drei Bereichen in den Interviewleitfaden aufgenommen werden.

Zur Explikation der Wissensinhalte werden von Scheele & Groeben (1988) drei Fragekategorien unter Rückgriff auf Beispiele (eigene des Versuchspartners oder vom Interviewer eingeführte) vorgeschlagen:

- hypothesen-ungerichtete Fragen: geben dem Interviewten zunächst einmal Gelegenheit, das aktuell unmittelbar verfügbare Wissen zu explizieren (z. B.: Was verstehen Sie unter dem Konzept XY?).
- hypothesen-gerichtete Fragen
- Störfragen: Der Interviewer bietet dem Interviewten zu dessen Erklärungen Alternativhypothesen an. Dadurch ist der Interviewte gezwungen, die eigenen Thesen im Licht konkurrierender Alternativen zu betrachten, um sie bewusst festzuhalten, zu erweitern oder einzugrenzen (mehr Explizitheit und Kohärenz der subjektiven Hypothesen).

Im Interview selbst ist es die erste Aufgabe des Forschers, Transparenz herzustellen, indem er dem Versuchspartner Sinn und Ziele der Untersuchung offen legt. Durch die Betonung der Tatsache, dass der Versuchspartner als "Experte seiner selbst" gefragt ist, soll von Anfang an die Gleichberechtigung von Forscher und Versuchspartner angestrebt werden. Anschließend werden dem Versuchspartner die Struktur des Interviews sowie die verschiedenen Frageformen und ihre Funktion erläutert. Nach dieser vorbereitenden Phase wird das eigentliche Interview durchgeführt.

Diese Form des halbstandardisierten Interviews (vgl. auch empirischer Teil dieser Arbeit) ist v. a. auf die Erhebung von Subjektiven Theorien mittlerer Reichweite ausgerichtet. Zur Methodik bei Subjektiven Theorien geringerer sowie größerer Reichweite siehe Scheele & Groeben 1988, S. 47f.

1.2.4 Explikation der Theorie- Struktur: Die Struktur- Lege- Technik (SLT) als Realisierung des Dialog- Konsens

Am Schluss des Interviews wird dem Versuchspartner das SLT- Papier ausgehändigt mit der Bitte, es bis zur nächsten (Rekonstruktions-)Sitzung durchzuarbeiten, damit er dann selbst anhand der bis dahin vom Interviewer vorbereiteten Konzept-Kärtchen seine Theorie-Struktur legen kann. Dabei wird gleich angekündigt, dass der Interviewer bis dahin selbst auch einen solchen Lege-Versuch durchgeführt haben wird und man sich dann in der Sitzung über einen Vergleich der beiden Versuche auf eine endgültige Struktur einigen wird.

Zwischenzeitlich extrahiert der Versuchsleiter zusammenfassend die wichtigsten Konzepte und schreibt sie entsprechend den SLT-Regeln auf Karten; diese Konzept-Karten bringt er dann mit Hilfe der formalen Relationskärtchen in eine Theoriestruktur.

In der Sitzung werden dem Versuchspartner die Konzept-Karten vorgelegt. Wenn er seinen Konsens dazu geäußert hat, legt der Versuchspartner mit diesen Karten seine Theoriestruktur. Diese wird mit dem als Bild vorliegenden Rekonstruktionsvorschlag des Versuchsleiters verglichen und der Proband entscheidet sich, an welchen Stellen er der eigenen Rekonstruktion oder der des Versuchsleiters den Vorzug gibt.

Der abschließende Konsens zeigt nach einem Überblick über dialog-konsens-orientierte Untersuchungen (Scheele & Groeben 1988, S. 65), die mit der Heidelberger SLT gearbeitet haben, durchwegs Unterschiede bzw. Änderungen gegenüber dem Rekonstruktionsvorschlag des Wissenschaftlers. Dieses Faktum ist ein starker Indikator dafür, dass mit der SLT die angestrebte Subjekt-Subjekt-Relation innerhalb des Dialog-Konsenses bei der Rekonstruktion der Theorie-Struktur subjektiver Reflexionen erreicht wird.

1.2.5 Güte-Aspekte kommunikativer Validierung

Da die SLT den "qualitativ-interpretativen" Verfahren zuzurechnen ist (vgl. Jüttemann 1985), sind die klassischen testtheoretischen Gütekriterien unangemessen. Dennoch sollte natürlich eine kommunikative Validierung (Rekonstruktionsadäquanz) möglich sein.

Nach traditionellen methodologischen Kriterien darf die Beobachtung den "Gegenstand" nicht verändern; im Fall der Rekonstruktion Subjektiver Theorien gilt diese Maxime nicht: Die Versuchspartner "wissen" am Ende der kommunikativen Validierung "mehr" und präziser, argumentativer Strukturiertes.

Auf dem Hintergrund des reflexiven Subjekt-Modells ist jede Konstanzannahme problematisch. Objektivitäts- und Reliablitäts-Untersuchungen erscheinen nur sinnvoll unter der generellen Frage nach fördernden bzw. hemmenden (Re-) Konstruktionsbedingungen. Die Sicherung der Validität ex negativo wird in der SLT durch die Technik der Störfragen und durch die Konfrontation des Versuchspartners mit dem Rekonstruktionsvorschlag des Forschers realisiert.

Fazit:

"Sicherlich ist die Methode der SLT ein komplexes Verfahren, das für den Versuchspartner eine Anstrengung der Einarbeitung erfordert. Andererseits ist auch eine nur approximative Gleichberechtigung zwischen Erkenntnis-Subjekt und -Objekt ohne kognitive Anstrengung auf Seiten des Erkenntnis- Objekts unmöglich. Unter Einbeziehung dieser Probleme kann man konstatieren, dass mit der SLT eine so weitgehende Aktivierung des Versuchspartners und damit kommunikative Validierung der Erhebung Subjektiver Theorien gelingt wie kaum bei einem anderen uns bekannten Verfahren.“ (Scheele & Groeben 1988, S. 77f.)

1.3 Subjektive Krankheitstheorien

1.3.1 Definition:

Unter "Subjektiven Krankheitstheorien" versteht man "komplexe Aggregate krankheitsbezogener Kognitionen, die in bestimmter Weise organisiert und repräsentiert sind und das Insgesamt aller Wissens- und Vorstellungsinhalte abbilden, die mit der jeweils betrachteten Erkrankung assoziiert sind." (Filipp 1990)

1.3.2 Eine Möglichkeit der Strukturierung des Gegenstandsbereichs "Subjektive Krankheitstheorien"

Wie Stössel (1989) zusammenfasst, wurden Theorien von Laien über ihre Krankheit bis dato von zwei bisher weitgehend voneinander unabhängigen Forschungssträngen untersucht. Sie nennt einerseits die Arbeiten im Rahmen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien, andererseits Arbeiten aus dem Bereich der Psychosomatik und medizinischen Psychologie, die keinen expliziten gemeinsamen theoretischen Hintergrund aufweisen. Die Autorin weist weiters auf die Unklarheit der Abgrenzung der Begriffe "Krankheitskonzept", "Laientheorie", "Alltagstheorie" und "Subjektive Theorie" hin, die in der Psychosomatik und medizinischen Psychologie auffällt (vgl. auch Verres 1986). In der vorliegenden Arbeit beziehe ich mich stets auf die in Kapitel 1.1.2 angeführte Definition von Groeben, wenn von "Subjektiven Theorien" die Rede ist.

Wie Filipp (1987) betont, ist es nicht möglich, bei der Analyse Subjektiver Krankheitstheorien die Totalität krankheitsbezogener Vorstellungen und Annahmen jeder Person zu betrachten. Vielmehr sollte der Forscher - je nach gewähltem Fokus - unterschiedliche Facetten Subjektiver Krankheitstheorien thematisieren.

Filipp (1987, 1990) nennt drei mögliche theoretische Zugangswege als Analyserahmen, wobei innerhalb jeder dieser theoretischen Orientierungen andere Prozesse betont werden, die bei der Konstruktion subjektiver Krankheitstheorien eine Rolle spielen können:

1) Prozesse der Ursachen- und Verantwortlichkeitszuschreibungen (attributions-theoretische Forschungsperspektive)
2) Prozesse der Sinnfindung und Reformulierung von Handlungszielen (handlungstheoretische Perspektive)
3) Prozesse der Aktivierung von Vorstellungsbildern und Bedeutungsassoziationen (gedächtnispsychologische Perspektive)

Filipp (1990) weist darauf hin, dass der Annahme von der Strukturparallelität Subjektiver und objektiver Theorien die Auffassung gegenüberstehe, dass sich Subjektive Theorien insbesondere hinsichtlich ihrer Funktionen von objektiven unterscheiden sollten, d. h. dass ihnen nicht (nur) die Funktion der Erkenntnisgewinnung zukomme.

ad (1) Ursachenerklärungen geben dem Individuum eine Form "kognitiver Kontrolle" (vgl. Überblick über attributionstheoretisch orientierte Forschungen zum Thema, Filipp, 1987 S. 8ff.). Sie vermitteln dem Alltagsmenschen genauso wie dem Wissenschaftler die Überzeugung, dass die Ereignisse in der (sozialen) Welt nicht rein zufällig zustande kommen, sondern dem Prinzip des Determinismus gehorchen, d.h. regelhafte Zusammenhänge vorhanden sind, die man verstehen und rekonstruieren kann. Hinter solchen attributiven Prozessen steht aber nicht nur die Suche nach Ursachen und Gründen, sondern ihr latentes Ziel wird von Filipp als "Aufbau subjektiv-theoretischen Wissens, mittels dessen die Person ihre Umwelt effektiv bewältigen und eigenes Handeln planen kann" postuliert.

In jedem Falle erfüllen die Merkmale der Erklärbarkeit und Vorhersagbarkeit von Elementen des eigenen Lebens die Funktion, das eigene Kontrollbedürfnis zu befriedigen, aber auch den eigenen Selbstwert zu schützen.

Neben der das Bewältigungsverhalten regulierenden Funktion von Ursachenerklärungen darf auch ihre emotions-regulative Wirkung nicht übersehen werden (vgl. Weiner 1982, zit. nach Filipp 1990).

Weiters führt Filipp (1987) an, dass Menschen den Glauben an eine gerechte Welt aufrechterhalten wollen, der in der subjektiv-theoretischen Kernannahme gipfelt, dass jeder Mensch das erhalte, was er verdiene und somit jeder Mensch verdiene, was ihm widerfahre.

ad (2) Subjektive Krankheitstheorien enthalten auch Elemente, in denen die krankheitsbezogenen Erfahrungen so umgedeutet werden, dass sie die Neuorientierung im Leben erleichtern.

ad (3) Zum gedächtnispsychologischen Zugang, sich dem Forschungsgegenstand "Subjektive Krankheitstheorien" zu nähern, bemerkt Filipp:

"Subjektive Krankheitstheorien werden ja nicht nur im Zuge aktiver Such- und Konstruktionsprozesse aufgebaut, wie sie sich in Ursachenzuschreibungen und Sinndeutungen manifestieren; vielmehr gibt es ja auch immer bereits ein "Vorwissen" über die verschiedenen Krankheiten, das den unterschiedlichsten Quellen entstammt und das als krankheitsbezogene Vorstellungen in unterschiedlicher Weise gedächtnismäßig repräsentiert ist." (Filipp 1987, S. 18)

Zusammenfassend für unsere Belange lässt sich hier festhalten, dass Elemente Subjektiver Krankheitstheorien auch durch die konzeptuelle Vernetzung von Krankheitsbegriffen im bildhaft-imaginativen und semantischen Gedächtnis konstituiert werden.

1.3.3 Dynamik Subjektiver Krankheitstheorien

Verres verwendet in seiner 1986 veröffentlichten Untersuchung "Subjektiver Theorien" von Laien über Entstehung, Vorsorge, Früherkennung, Behandlung und die psychosozialen Folgen von Krebserkrankungen zwar den Begriff "Subjektive Theorien", grenzt sich aber in wesentlichen Punkten von den Annahmen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien ab. Da seine Arbeit in der Diskussion der Forschung zu Subjektiven Krankheitstheorien nicht wegzudenken ist, möchte ich anhand seiner Studie die Dynamik Subjektiver Krankheitstheorien beleuchten.

Verres (1986) hinterfragt die unreflektierte Übernahme der SLT in den klinischen Bereich, weil diese Methode an emotional in der Regel nicht belastenden Themen (z. B. Ironie) entwickelt und erprobt wurde. Der Autor weist darauf hin, dass bei emotional belastenden Themen emotional getönte Assoziationen aktualisiert werden, die während des Erhebungsvorganges der Subjektiven Theorie mit den Versuchen der Verbalisierung kognitiver Strukturen interferieren können. Eine Erforschung Subjektiver Theorien über belastende Themen setze somit Kenntnisse des Forschers über die potenziellen emotionalen Korrelate der kognitiven Repräsentationen des betreffenden Vorstellungsfeldes voraus.

In den von Verres geführten Interviews wurde immer wieder deutlich, dass diese Interviews einen "Einbruch in die Abwehrstrukturen der Befragten bedeuteten", was aus der Notwendigkeit des situativen Coping-Prozesses heraus zu einer Änderung der Subjektiven Krankheitstheorie führen kann. Auch andere Autoren vertreten die Ansicht, dass Subjektive Krankheitstheorien einen prozessualen Charakter aufweisen (vgl. Becker 1984). Daraus folgert Verres, dass der "Alltagstheoretiker" anders als der professionell-wissenschaftliche Theoretiker mit belastenden Vorstellungsinhalten umgehe, also nicht nur im Sinne einer systematischen, konsistenten (und logischen) Theorienbildung.

Er führt folgende Merkmale Subjektiver Theorien im Bereich belastender Vorstellungsinhalte als unterschiedlich von wissenschaftlichen Theorien an:

- „Mögliche Inkonsistenz: Auch logisch unvereinbare Vorstellungen können widersprüchlich und unverbunden nebeneinander stehen.
- Mögliche Instabilität über die Zeit: Sie können sich je nach dem aktuellen Erfahrungskontext ändern.
- Mögliche Bedeutung von Affekten und Affektdynamik: Die einzelnen Krankheitsvorstellungen sind durchsetzt von Konnotationen, Symbolik, Metaphorik und Wahrnehmungsabwehr.
- Prozessualer Charakter: Die kognitiven Vorstellungen zu emotional belastenden Themen wie "Erkrankung" spiegeln häufig adaptive Prozesse (z. B. Umbewertungen zur Angstbewältigung) wider." (Verres 1986, S. 47f.)

Stössel (1989) setzt hier mit einer Gegenkritik an Verres` Kritik am Forschungsprogramm Subjektive Theorien an. Sie führt aus, dass zur Überprüfung der von Verres aufgestellten Thesen bezüglich der Instabilität und Inkohärenz Subjektiver Theorien eine Rekonstruktion von Theoriestrukturen zu unterschiedlich bedrohlichen Inhalten und deren Vergleich unerlässlich gewesen wären.

Einen weiteren Kritikpunkt möchte ich zu Verres` Beschreibung des professionell-wissenschaftlichen Theoretikers im Gegensatz zum Subjektiven Theoretiker anmerken: Wie die Lektüre der für die Verfassung dieser Diplomarbeit notwendigen wissenschaftlichen Texte und die eigenen Erfahrungen mit wissenschaftlicher Arbeit zeigte, können "objektive" Theorien durchaus als instabil über die Zeit charakterisiert werden. Sie sind nur so lange stabil oder gültig, bis sie durch eine plausiblere neue Version ersetzt werden. Objektive Theorien weisen also durchaus auch einen prozessualen Charakter auf. Völlig unbeeinflusst von den Affekten und der Betroffenheit des Wissenschaftlers können wissenschaftliche Theorien auch nicht sein, da auch der Wissenschaftler im Bemühen um "Objektivität" ein Mensch mit Emotionen, Vorurteilen, etc. ist. Wie an späterer Stelle ausgeführt (vgl. Kap. "Medizinische Metaphern, Wissenschaftsmythen und die Krankheit Frau"), sind auch die "objektiven" Krankheitstheorien durchsetzt von Konnotationen, Symbolik, Metaphorik und Wahrnehmungsabwehr.

1.4 Standortbestimmung

In der vorliegenden Arbeit orientiere ich mich bei der Erhebung der Subjektiven Theorien von hysterektomierten und nicht-operierten Frauen durch den Einsatz der SLT am Forschungsprogramm Subjektive Theorien (vgl. Kap.1.1).

Als Haupt-Zugangsweg wählte ich nach einschlägigem Literaturstudium die Untersuchung von Ursachenattributionen, wobei aber auch Fragen der Sinnfindung in meine Fragestellungen eingeflossen sind.

Der Frage nach dem möglichen Unterschied der Theorie-Strukturen von Frauen mit und ohne Hysterektomie gehe ich durch das von mir ausgewählte Versuchsdesign mit einer parallelisierten Vergleichsgruppe (siehe empirischer Teil) nach.

TEIL II: OBJEKTIVE THEORIEN ZUR BEDEUTUNG DES UTERUS

2 BEDEUTUNG DES UTERUS

2.1 Anatomisch-physiologische und endokrinologische Grundlagen

2.1.1 Aufbau und Lage des Uterus

Die Gebärmutter ist ein kräftiges Muskelorgan, das im kleinen Becken zwischen Blase und Enddarm an Bändern aufgehängt und gestützt ist, so dass sich die Gebärmutter im Beckenraum bewegen oder wachsen kann (siehe Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ein Blick auf die Gebärmutter (Blase, Dünn- und Dickdarm nicht abgebildet), aus: Föderation der Feministischen Frauen-Gesundheitszentren (USA)(Hg.): Frauenkörper - neu gesehen, S.67

Bei einer nicht schwangeren Frau ist die Gebärmutter etwa 7 bis 9 cm lang und hat eine längliche Form. Die Gebärmutter kann ihre Lage verändern und tendiert dazu, sich bei Berührung zurückzuziehen. Bei sexueller Stimulation, beim Orgasmus, beim Stillen und auch bei der Menstruation zieht sich die Gebärmutter ebenso zusammen. Während der Schwangerschaft nimmt die Größe der Gebärmutter um das 20 bis 30fache zu. Diese enorme Vergrößerungsfähigkeit ist in der spiralförmigen Anordnung der Gebärmuttermuskelfasern begründet.

Man unterscheidet den Uteruskörper (Corpus uteri), der die oberen zwei Drittel des Organs ausmacht, den Gebärmuttergrund (Fundus), der die oberste Kuppe bildet, und den Gebärmutterhals (Cervix uteri), der in die Vagina hineinreicht (siehe Abb. 3).

Die Außenwand der Gebärmutter (Myometrium) besteht aus glatter Muskulatur, deren Kontraktionen vom vegetativen Nervensystem sowie von Hormonausschüttungen beeinflusst werden (z. B. zieht sich die Gebärmutter bei hohem Östrogenspiegel als Ganzes zusammen, während sich bei hohem Progesteronspiegel nur einzelne Muskelpartien zu Klümpchen zusammenziehen).

Die innere Schleimhaut (Endometrium) ist weich und schwammig und während der prämenstruellen Phase in jedem Zyklus mit zahlreichen Blutgefäßen durchsetzt (siehe Abb. 4). Sobald der Gelbkörper (Corpus luteum) in den letzten sieben Tagen vor der nächsten Blutung zu schrumpfen beginnt und immer weniger Östrogene und Progesteron produziert (siehe auch 3.1.4), verändert sich auch das Endometrium entsprechend (Aufbaustopp und Beginn des Schleimhautabbaus). Das Gewebe wird nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt, die Blutgefäße verkümmern, die Zellen sterben ab (außer die Frau ist inzwischen schwanger geworden - dann wird aus dem Endometrium das nährende Nest für das befruchtete Ei, das sich in ihr einnistet). Das Blut unter der Oberfläche sammelt sich in kleinen Pools, die platzen, wenn sie gefüllt sind. Blut und tote Zellen von der obersten Schicht des Endometriums treten als Menstruationsblut aus. Durch den Verlust von Blut und anderen Flüssigkeiten beginnt die Schleimhaut zu schrumpfen. Die Schleimhaut wird während der Menstruation aber nicht vollständig abgestoßen. Die untere Zellschicht bleibt erhalten und beginnt sofort, sich wieder aufzubauen. Sie wird zur obersten Schicht der Zellen, die im nächsten Zyklus abgestoßen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die weibliche Gebärmutter, hervorgehoben ist die Zervix. Aus: Cutler/ Minker:

Die fragwürdige Operation, S. 45

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die Gebärmutterschleimhaut. Aus: Föderation der Feministischen Frauen-Gesundheitszentren (USA)(Hg.): Frauenkörper - neu gesehen

Das untere Ende der Gebärmutter (Cervix) unterscheidet sich strukturell vom Gebärmutterkörper. Es hat nur etwa 20 % seiner Muskelmasse, dafür besitzt es aber zahlreiche Nervenendigungen, die elektrische Impulse an Rückenmark und Gehirn weiterleiten, wenn sie durch Berührung stimuliert werden. Die Cervix verbindet außerdem die Vagina mit dem Gebärmutterkörper und produziert den sogenannten Cervixschleim (siehe auch 3.1.2.1).

2.1.2 Funktionen des Uterus

Viele der Gesundheitsstörungen, als deren Therapie heute Hysterektomien und Ovarektomien verschrieben werden, sind noch ungenügend erforscht. Zwar werden ständig neue Erkenntnisse über die Physiologie des weiblichen Reproduktionstrakts gewonnen, aber vieles ist einfach noch nicht bekannt. Wenn Frauen also bis jetzt weisgemacht wurde, nach dem Aufhören ihrer Gebärfähigkeit sei ihre Gebärmutter nutzlos, entspricht das nicht dem neuesten Stand der Wissenschaft und stellt einen groben Irrtum dar.

[...]


[1] Dem Vorgehen von Groeben & Scheele folgend, werden Subjektive Theorien im vorliegenden Text groß geschrieben.

Details

Seiten
223
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638104661
ISBN (Buch)
9783638934169
Dateigröße
8.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v708
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Psychologie
Note
Gut
Schlagworte
Hysterektomie Subjektive Theorie Bewältigung

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Titel: Subjektive Krankheitstheorien von Frauen mit nicht-karzinombedingter Hysterektomie