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Der Blick und das Schamgefühl in Jean-Paul Sartres Werk "Das Sein und das Nichts"

Referat (Ausarbeitung) 2002 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Andere
2.1 Der Andere als Objekt
2.2 Der Andere als Subjekt

3 Der Blick
3.1 Was ist der Blick?
3.2 Was geschieht, wenn ich erblickt werde?
3.3 Die Anwesenheit des Andern

4 Das Schamgefühl

5 Objektivierung des Andern

Literatur

1 Einleitung

Der Kerngedanke des Werkes Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie von Jean-Paul Sartre ist die Aufspaltung des Seins in zwei verschiedene Seinsweisen: das An-sich-sein und das Für-sich-sein.

Alles gegenständliche, nicht-menschliche Sein existiert in der Art des An-sich, d.h. eines Seins, das mit sich selbst identisch ist. Gegenstände sind kurzerhand nur das, was sie sind. Ich nehme eine Welt wahr, die aus lauter Objekten bzw. An-sichs besteht und deren Zentrum ich bin.

Der Mensch besitzt die Fähigkeit, Bewusstsein von sich zu haben. Dieses Sich-Bewusstsein unterscheidet sich von seiner bloßen körperlichen Existenz und dem An-sich der nichtmenschlichen Dinge. Der Mensch existiert im Modus des Für-sich, da er nicht mit sich selbst identisch ist.

In dem Moment, in dem mich ein anderer Mensch erblickt, werde ich meiner selbst bewusst. Ich bin Objekt bzw. An-sich für einen Andern, der selbst Subjekt ist. Mein Wesen wird im Blick des Andern geschaffen, doch mein Sein ist von ihm abhängig, durch ihn bestimmt. Ich bin nicht An-sich, denn ich bin mehr als nur gegenständlich, und nicht Für-sich, denn ich bin nur, insofern ich für-andere bin. Ich bin mein eigenes Nichts.

Wenn ich nun zum Objekt eines fremden Subjekts werde, schäme ich mich. Schamgefühl ist Ausdruck eines Protestes gegen ein Etikett und gleichzeitig dessen Zustimmung. Der Mensch ist das, was er nicht ist, und ist nicht, was er ist.

Dennoch kann mich das Schamgefühl dazu veranlassen, zu meinem Wesen zurückzufinden. Ich kann den Andern sodann als Objekt erfassen, doch ich muss darauf Acht geben, ihn als solches zu fixieren. Ansonsten kehrt sich der beschriebene Prozess erneut um.

In den nachfolgenden Kapiteln sollen Jean-Paul Sartres Ausführungen über Blick und Schamgefühl beleuchtet und veranschaulicht werden, um Einsicht in die Kerngedanken seines Werkes und in allgemeine Anschauungen des Autors zu erhalten.

2 Der Andere

In meinem Leben begegne ich verschiedenen Gegenständen, die sich in ihrem Dasein, ihrer Qualität und ihren Beziehungen zu meiner Welt zusammenfügen.

Bei einem Spaziergang durch den Park nehme ich beispielsweise Steine, Bäume, Wiesen und Hunde wahr, die ich beschreiben kann. Die Wiese ist grün, die Bäume stehen dicht beieinander und werfen Schatten, der Hund schnüffelt an einem Stein.

Begegne ich einem Menschen, so erfährt die Vorstellung meiner Welt eine tiefgreifende Wandlung. Dieser Mensch, der sich von den üblichen Dingen meines Universums unterscheidet und durch den sich jene Umgestaltung vollzieht, wird von Jean-Paul Sartre der Andere genannt .

An dieser Stelle soll deshalb erläutert werden, was ich überhaupt sagen will, wenn ich von einem Gegenstand behaupte, dass er ein Mensch sei.

2.1 Der Andere als Objekt

Gehe ich in einem Park spazieren, sehe ich die Natur um mich herum. Es gibt Steine, Wege, Blumen, Bäume, Tiere und Menschen. Dies ist die Welt, die ich wahrnehme, und die in ihr enthaltenen Dinge sind einfach so, wie sie sind. Ihr Sein kann unter Sartres Begriff des An-sich zusammengefasst werden.

In diesem Zusammenhang ist ein anderer Mensch nur ein Gegenstand mehr unter den übrigen Objekten. Seine Beziehung zu den Dingen ist rein additiv, er wird quasi zu ihnen hinzugefügt: er wirft einen Stein, pflückt eine Blume, führt einen Hund spazieren.

2.2 Der Andere als Subjekt

Eine radikale Wandlung erfährt mein Ausflug in den Park, wenn ich den anderen Menschen nicht mehr als Gegenstand sondern als Menschen, als Person wahrnehme.

Der Andere hat ähnliche Fähigkeiten wie ich. So wie er zuerst Gegenstand für mich war, so kann er mich gleichermaßen zu seinem Objekt machen.

Das Problem liegt darin, dass man nicht Objekt für ein Objekt sein kann. Die Objektivität setzt indirekt die Subjektivität voraus: wo ein Objekt auftritt, muss auch immer ein Subjekt anwesend sein. Indem der Andere mich nun als seinen Gegenstand wahrnimmt, beraubt er mich meiner Subjektivität.

Die Dinge, die ich zuvor wahrgenommen habe, organisieren sich nun um ihn als Subjekt herum. Zwar bleibt sein Umfeld Bestandteil meiner Welt, aber ich bin nicht mehr das Zentrum dieser Beziehungen. Freilich sind die Steine, Bäume und Tiere immer noch gegenwärtig, und ich kann annehmen, dass der Andere sie in gleicher Weise erfasst wie ich, doch es kann nur bei Vermutungen bleiben. Sein Bewusstsein ist mir unzugänglich.

Obwohl beispielsweise die Wiese meiner Ansicht nach grün ist, so kann ich doch niemals das Grün nachempfinden, das andere Menschen sehen. Man kann deshalb niemals von Intersubjektivität sprechen, da das Wechselspiel der Objekt-Subjekt-Beziehung keine wirkliche Nähe zulässt. Es ist für mich unmöglich, die Welt durch die Augen eines anderen Individuums zu sehen. In dieser Weise bleiben die Menschen stets voneinander entfremdet.

Indem also der Andere mir als ein neues Zentrum erscheint, strukturiert sich die Welt, inklusive meines Daseins, entsprechend seiner Sichtweise um. Er nimmt unvorhersehbaren Einfluss auf meine Situationen [1].

„So ist plötzlich ein Gegenstand erschienen, der mir die Welt gestohlen hat. [...] Die Erscheinung des Andern in der Welt entspricht also einem erstarrten Entgleiten der Welt, die die Zentrierung, die ich in derselben Zeit herstelle, unterminiert“ (Sartre, 1998, S.461f.).

Wenn der Andere seine Welt entwirft, ordnet sich ihm das Universum, dass ich wahrnehme, unter. Es entgeht mir in der Weise, in der Andere es sieht. Während der Begegnung mit einem Menschen entgleitet mir meine Welt und fließt quasi wie durch ein Abflussrohr ab. Das Nichts taucht in meinem Leben auf. Ich fühle mich bedroht.

Man darf sich dieses Ereignis jedoch nicht als einen konstanten Zustand vorstellen. Denn wie mir der Andere als Mensch begegnet und eine Desintegration meiner Welt darstellt, so sieht er in mir ebenfalls eine Person, die wiederum ihn zum Objekt machen kann. Der Kreislauf des Erblickens und Erblicktwerdens wiederholt sich fortwährend .

Das Zusammentreffen mit einem Menschen wirft noch einen anderen Gesichtspunkt auf. Indem ich zunächst von außen in die Welt hinein sehe, kann ich mich selbst nicht wahrnehmen und an mir selbst keine Eigenschaften erkennen. Mir fehlt jegliche Objektivität für mich, da ich ja selbst Subjekt bin.[2]

Erst durch das Erscheinen eines Subjekt-Andern werde ich ein Objekt für ihn und erschaffe zugleich den Entwurf einer Welt für mich. Der Andere ist die Bedingung meiner Objektivität. Meine Identität ist somit von anderen Menschen abhängig. Ich kann als menschliches Wesen nicht für-mich existieren, sondern erfahre stets mein Für-Andere-Sein.

[...]


[1] Für Sartre hat der Ausdruck Situation eine spezielle Bedeutung, die auf S. 5 näher erläutert wird.

[2] Um mich selbst beschreiben zu können, muss ich mir selbst bewusst sein. Bewusstsein ist jedoch immer intentional, d.h. Bewusstsein von etwas, von einem Objekt. Das Problem liegt darin, dass ich für mich nicht zugleich Subjekt und Objekt sein kann.

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638144407
ISBN (Buch)
9783656205463
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7072
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Blick Schamgefühl Jean-Paul Sartres Werk Sein Nichts

Autor

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Titel: Der Blick und das Schamgefühl in Jean-Paul Sartres Werk "Das Sein und das Nichts"