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Überlegung zur Kulturrevolution

Essay 2006 3 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China

Leseprobe

Ludwig-Maximilians-Universität München

Institut für Sinologie

Grundkurs chinesische Geschichte II – Das 20. Jahrhundert

Rike Pätzold

Essay

Überlegung zur Kulturrevolution

Die Große Proletarische Kulturrevoltion war wohl mit der blutigen Zerschlagung des Studentenprotests am Platz des Himmlischen Friedens 1989 dasjenige Kapitel in der neueren Geschichte Chinas, das die gesamte Welt am meisten bewegt hat. Die Bilder von Rotgardisten, die sich an die ‚Maobibel’ klammernd ‚Klassenfeinde’ bekämpfen, stehen für diese Episode – obwohl, wie Stéphane Courtois in einem Auszug aus seinem Schwarzbuch des Kommunismus darlegt, es nie das ‚erklärte Ziel der Kulturrevolution’ gewesen sei ‚eine bestimmte Schicht der Bevölkerung auszurotten’ (vgl. Courtois S. 571). Was war aber das ‚erklärte Ziel der Kulturrevolution’ und: ist es überhaupt angebracht, von einem solchen Ziel auszugehen oder hat sich die Kulturrevolution nicht erst gerade definiert durch die Interessenwidersprüche und Machtrangeleien auf oberster Parteiebene? Im Folgenden versuche ich anhand des vorliegenden Textes und weiterer herangezogener Literatur dieser Frage nachzugehen und sie zu diskutieren.

Courtois beschäftigt sich eingehend mit den offensichtlichsten Akteuren der KR – mit Mao Zedong und den Roten Garden. Mit dem desaströsem Ausgang des Großen Sprungs hatte Mao zum größten Teil das Vertrauen der Landbevölkerung eingebüßt und auch der Unterstützung der Intellektuellen war er seit den Säuberungen 1957 verlustig gegangen. Für eine (allerdings von ihm gelenkte) Revolution von unten, die seine politischen Konkurrenten ausschalten und ihn zurück zur Macht verhelfen sollte, mußte er auf den (übrigens sehr großen) Teil der Bevölkerung ausweichen, der zu jung war, als daß er die oben genannten Ereignisse hätte miterleben können und dessen Frust sich weniger gegen seine Person als auf die Partei als solche richtete. Mangelhafte Schulbildung aufgrund ängstlicher Lehrer und glorifizierende Erzählungen über den Langen Marsch und andere Heldentaten der Kommunisten taten ihr Übriges. Für diese jungen Menschen war Rebellion und Revolution letzlich das Ventil, über welches sie all ihrem Un- und Übermut Luft machen konnten und für Mao waren sie ein willkommenes Werkzeug, um mit diesem (noch) gesteuerten Chaos seine Widersacher ihrer Basis zu berauben, indem er nach und nach den gesamten Parteiapparat ‚säubern’ ließ. Den Methoden der Rotgardisten um Revisionisten, Klassenfeinde, Kapitalisten usw. herauszufiltern waren mit der Garantie, daß sie keinerlei von Bestrafung zu fürchten hätten, buchstäblich keine Grenzen gesetzt. Auch schlossen sich noch weitere Gruppen den Schülern und Studenten an: Courtois nennt hier (S. 578) rachehungrige Funktionäre, Opportunisten, Arbeiter mit Forderungen nach Lohnerhöhungen und festen Arbeitsverträgen etc., die sich eigentlich nur in dem Wunsch, alle Autoritäten zu attackieren, einig waren. Das führte bald zu heftigen Kämpfen zwischen Fraktionen, die sich nicht anders definieren konnten als dadurch, daß sie gegen etwas waren.’ (vgl. Courtois S. 577)

In Courtois’ Text wird (nur am Rande) noch ein weiterer Akteur außerhalb der Roten Garden angesprochen: Lin Biao. Zwar spricht ihm Courtois keine Schlüsselrolle zu – eher verwendet er im Zusammenhang mit dessen Person die Attribute ‚mittelmäßig’, ohne eigene Ideen’, ‚ohne den erforderlichen politischen Rückhalt’ (vgl. S. 574), aber er befand sich immerhin in einer Schlüsselposition als zweiter Mann hinter Mao in der Parteihierarchie und als Oberster Befehlshaber der VBA. In der Kulturrevolution sah er die Chance, ‚das Militär und seine eigene Position zu einer neuen Funktion im politischen Kräftefeld zu führen.’ (vgl. Spengler 1976, 134.)

Auch Jiang Qing, Maos dritte Frau, wurde durch persönliches Machtbestreben angetrieben. Ihr gab die Kulturrevolution die Chance, sich endlich auch vor einer breiten Öffentlichkeit zu profilieren: erstens als Künstlerin (als Schauspielerin war ihr in jungen Jahr der Erfolg verwehrt geblieben[1] ) und zweitens als politische Persönlichkeit, war sie doch jahrelang eifersüchtig auf Deng Yingchao und (insbesondere) Wang Guangmei, die ihre Ehemänner Liu Shaoqi und Zhou Enlai auch bei wichtigen politischen Ereignissen meist an ihrer Seite hatten und die sich immer größer werdender Beliebtheit erfreuen konnten, während sie selbst mehr und mehr in Vergessenheit geriet. Während man die Roten Garden mit der Zerstörung der ‚Alten Vier’ in Verbindung bringt, fühlte sich Jiang Qing zur Schaffung einer neuen, revolutionären Kultur berufen. Zunächst dabei von Lin Biao unterstützt, beanspruchte auch sie bald, das Erbe Maos anzutreten, und ein Kampf um die Nachfolge entbrannte zwischen ihr, Lin Biao und Zhou Enlai.

[...]


[1] Vgl. Spence 2001, 706.

Details

Seiten
3
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638630351
Dateigröße
339 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70606
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Sinologie
Note
1,0
Schlagworte
Kulturrevolution Grundkurs Geschichte Jahrhundert

Autor

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