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Kognitive Dissonanz im Umweltbewusstsein der Deutschen

Magisterarbeit 2006 123 Seiten

Politik - Internationale Politik - Klima- und Umweltpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problem
1.1.1 Sigmund Jähn: Planet Erde bewahren!
1.1.2 Bedeutung der Umwelt für den Menschen
1.1.3 Gefahren für die Umwelt vorhanden
1.1.4 Erkenntnisse und Empfehlungen des IPCC
1.1.5 Klimaschutz-Protokoll von Kyoto
1.1.6 Phasen der Umweltpolitik
1.1.7 Bürger an Umweltschutz immer weniger interessiert
1.1.8 Was ist Umweltbewusstsein?
1.1.9 Einstellung und Verhalten des Bürgers im Mittelpunkt
1.1.10 Fazit: Problem zweiteilig
1.2 Forschungsfragen
1.2.1 Theoretischer Ansatz
1.2.2 Kognitionen
1.2.3 Umweltbewusstsein
1.2.4 Konsonanz bzw. Dissonanz
1.2.5 Verhaltensänderungen
1.3 Gliederung

2 Forschungsstand in der Umweltbewusstseinsforschung
2.1 Genereller Ansatz
2.2 Studientypen
2.3 Bisherige Forschungsergebnisse

3 Überblick über die Einstellungs- und Verhaltenstheorien
3.1 Politische Einstellung und Umwelteinstellung vergleichbar?
3.1.1 Der Begriff „Einstellung“
3.1.2 Der Begriff „Verhalten“
3.1.3 Vergleich zwischen Politik und Umwelt
3.1.4 Fazit: Vergleichbarkeit gegeben
3.2 Ökopsychologie
3.2.1 Ökologische Psychologie
3.2.2 Umweltpsychologie
3.3 Watson: Behaviorismus und Stimulus-Response
3.4 Festinger: Kognitive Dissonanz
3.5 Ajzen: Dreikomponenten-Modell
3.6 Zaller: Receive – Accept – Sample
3.7 Noelle-Neumann: Schweigespirale
3.8 Minimalismus
3.9 Converse: Belief-Systems
3.10 Lodge / Taber: Urteilsheuristiken
3.11 Schemata
3.12 Frames bzw. Elitendiskurse
3.13 Rational Choice

4 Theorie der kognitiven Dissonanz
4.1 Kognitionen
4.1.1 Definition
4.1.2 Zustandekommen von Kognitionen
4.1.3 Wichtigkeit von Kognitionen
4.2 Konsonanz und Dissonanz
4.2.1 Beziehungen
4.2.2 Entstehung von Dissonanz
4.2.3 Verringerung von Dissonanz
4.2.4 Vermeidung von Dissonanz
4.2.5 Stärke der Dissonanz
4.3 Psychischer Druck
4.4 Druckreduzierung
4.4.1 Änderung des Verhaltens
4.4.2 Änderung der Realität
4.4.3 Änderung des Wissens
4.4.4 Änderungswiderstände
4.5 Forcierte Einwilligung
4.5.1 Androhen einer Strafe
4.5.2 Anbieten einer Belohnung
4.5.3 Höhe der Strafe bzw. Belohnung
4.6 Zwischenfazit

5 Auswertung und Diskussion der empirischen Daten
5.1 Hypothesen
5.1.1 Positive Einstellung gegenüber Umweltschutz
5.1.2 Einstellung umweltverträglicher als Verhalten
5.1.3 Verhalten nur von zugehöriger Einstellung erklärt
5.2 Datenmaterial
5.2.1 Datensatz
5.2.2 Nomenklatur
5.2.3 Qualität der Daten
5.2.4 Messfehler
5.2.5 Gewichtung nach Ost/West
5.3 Variablen
5.3.1 Unabhängige und abhängige Variablen
5.3.2 Vorhandene und ausgewählte Variablen
5.4 Themenfelder
5.4.1 Konsum
5.4.2 Ökosteuer / Zahlungsbereitschaft
5.4.3 Klimaschutz
5.4.4 Nachhaltigkeit
5.4.5 Naturschutz
5.4.6 Verkehr
5.4.7 Thematische Indizes
5.5 Messung der Dissonanz
5.5.1 Differenzen
5.5.2 Multiple Regressionsanalysen
5.5.3 Umweltbewusstseins-Typen
5.6 Zwischenfazit

6 Änderung von Einstellung und Verhalten
6.1 Anreizsystem
6.2 Akteure

7 Zusammenfassung und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Materialbilanz

Abbildung 2: Weltweite Emissionen von CO2-Äquivalenten seit 1950

Abbildung 3: Anstieg der durchschnittlichen weltweiten Temperatur seit 1860

Abbildung 4: Zustimmung zur Aussage „Umweltschutz als eines der wichtigsten Probleme“

Abbildung 5: Dissonanzstärke als Funktion von Wichtigkeit bzw. Attraktivität

Abbildung 6: Dissonanzstärke vor und nach forcierter Einwilligung

Abbildung 7: Häufigkeitsverteilung der Umweltbewusstseins-Typen (in %)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Einstellungsdimensionen nach Ajzen

Tabelle 2: Eigenschaften des verwendeten Datensatzes

Tabelle 3: Wertebereich und Interpretation der Index-Differenzen

Tabelle 4: Differenzen

Tabelle 5: Definition der Umweltbewusstseins-Typen

Tabelle 6: Anreizsystem

Tabelle A1: Berechnung des Gewichtungsfaktors für Ost bzw. West

Tabelle A2: Verwendete Variablen

Tabelle A3: Normierungs- und Invertierungsprinzip für alle Variablen

Tabelle A4: Faktorenanalyse

Tabelle A5: Verwendete Variablen für Indexbildung

Tabelle A6: Thematische Indizes

Tabelle A7: Regressionskoeffizienten bezüglich i_VK

Tabelle A8: Regressionskoeffizienten bezüglich i_VZ

Tabelle A9: Häufigkeitsverteilung EIN (monatliches Netto-Einkommen)

Tabelle A10: Häufigkeitsverteilung BIL (Bildungsabschluss)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problem

1.1.1 Sigmund Jähn: Planet Erde bewahren!

Der erste ostdeutsche Kosmonaut, Sigmund Jähn, beschreibt nach seinem Flug ins Weltall 1978 den Planeten Erde als verwundbar und als hütenswert. Wenn Jähn von „der Menschheit wichtigste[r] Aufgabe“ (Kelley 1989: 140) spricht, die Erde zu bewahren, dann äußert er damit ganz offensichtlich Unbehagen darüber, wie die Menschheit mit dem Planeten zur Zeit seines Zitates umgehe. Die Bewahrung der Erde scheint für ihn keine Selbstverständlichkeit zu sein, obwohl doch das Wohl der Erde für künftige Generationen die Lebensgrundlage darstellt. Für ihn besteht folglich eine Inkonsistenz oder Dissonanz zwischen dem Umgang der Menschen mit der Erde und seiner eigenen Wunschvorstellung, die Erde für zukünftige Generationen zu erhalten. Heute, fast 30 Jahre später, stellt sich die Frage, ob diese Aussage noch aktuell ist, oder ob die Menschheit seit 1978 das Ziel Sigmund Jähns erreicht hat, im Einklang mit der Natur zu leben und so die Umwelt für die Nachwelt zu erhalten.

Um dieser Frage nachzugehen und differenzierte Antworten zu finden, ist es zunächst notwendig, die Bedeutung der Umwelt für den Menschen zu erkennen. Erst dann kann die Bedrohung quantifiziert werden und notwendige Schritte zum Schutz der Umwelt lassen sich daraus ableiten. Ob, wie und von wem in der Bevölkerung diese erforderlichen Schritte zum Schutz der Umwelt erkannt und dann auch umgesetzt werden, soll die empirische Untersuchung dieser Arbeit darlegen, indem die Konsonanz und die Dissonanz im Umweltbewusstsein der deutschen Bevölkerung erforscht werden.

1.1.2 Bedeutung der Umwelt für den Menschen

Für den Begriff „Umwelt“ gibt es nach Lutz Wicke eine weiteste Fassung, die den soziologischen, räumlichen und biologischen bzw. ökologischen Umweltbegriff umfasst (Wicke 1993: 5 f.). Dieses Verständnis von „Umwelt“ geht jedoch zu weit für die vorliegende Arbeit. Selbst der eingeschränkte Umweltbegriff, der die räumliche und die biologische Umwelt enthält, ist noch zu breit gefasst. Erst der engste Umweltbegriff der biologischen bzw. ökologischen Umwelt befasst sich ausschließlich mit dem Zustand von Luft, Wasser, Boden, Pflanzen und Tierwelt und umfasst folglich die so genannten „Grundbereiche des Umweltschutzes“ (Buchwald 1980: 3 f.).

Welche Bedeutung hat nun die Umwelt im engsten Sinne für den Menschen? Ist es für menschliches Leben wichtig, dass die ökologische Umwelt in ihrer biologischen Funktion erhalten bleibt oder kann man auf einen Teil der Umwelt oder gar ganz auf sie verzichten? Im ersten Fall wäre der Schutz der Umwelt wichtig und Sigmund Jähns Zitat wäre ein guter Einstieg dafür. Im zweiten Fall, dass man nämlich auf die Funktionalität der Umwelt teilweise bis ganz verzichten kann, wäre der Schutz der Umwelt unwichtig.

Zur Beantwortung dieser Frage lässt sich die Materialbilanz von Helge Majer heranziehen (siehe Abbildung 1). Er zeigt darin die enge Verknüpfung zwischen Ökonomie – was hier als das menschliche Leben allgemein oder die menschlichen Aktivitäten bezeichnet werden soll – und der Ökologie bzw. Umwelt im engsten Sinne.

Abbildung 1: Materialbilanz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Majer 2001: 336

Helge Majer bringt diese Materialbilanz als zentrales Element der Ökologischen Ökonomen in die Diskussion ein, da sich „die Ökonomie langfristig nur entwickeln [kann], wenn die Tragfähigkeit der Öko-Systeme beachtet wird.“ (Majer 1999: 323). Die Ökonomie (Wirtschaft) nutzt die Ökologie (Ökosysteme), indem sie Rohstoffe und Energie aus den Quellen entnimmt und Fläche nutzt. Schad- und Reststoffe werden an Senken abgegeben und dort von den Medien Luft, Boden und Wasser aufgenommen. Hier tauchen als explizite Nennung einige Begriffe wieder auf, die Konrad Buchwald als „Grundbereiche des Umweltschutzes“ bezeichnet (s.o.). Anja Knaus und Ortwin Renn formulieren den gleichen Gedankengang, dass nämlich die Umwelt für den Menschen erhalten werden muss, indem sie von der „bedürfnisbefriedigenden Funktion der knappen natürlichen Umwelt“ sprechen (Knaus / Renn 1998: 43 ff.). Nur eine intakte Umwelt kann die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, da ein Großteil der materiellen Bedürfnisse wie Nahrung und Konsumgüter ja gerade mit Hilfe der von der Umwelt bereitgestellten Mittel erzeugt wird.

Neben den Vertretern der Ökologischen Ökonomie sei hier auch noch Hans Jonas erwähnt, der die gleiche Fragestellung nach der Bedeutung der Umwelt für den Menschen aus ethischer Sicht beantwortet: „Es ist zumindest nicht mehr sinnlos, zu fragen, ob der Zustand der außermenschlichen Natur, die Biosphäre als Ganzes und in ihren Teilen, die jetzt unserer Macht unterworfen ist, eben damit ein menschliches Treugut geworden ist und so etwas wie einen moralischen Anspruch an uns hat – nicht nur um unsretwillen, sondern auch um ihrer selbst willen und aus eigenem Recht.“ (Jonas 1986: 29). Aus seinen Überlegungen zum „Prinzip Verantwortung“ leitet Hans Jonas den Schutz des „Treuguts“ Natur ab, also den Schutz der Umwelt.

1.1.3 Gefahren für die Umwelt vorhanden

Die Forderung nach Schutz der Umwelt im vorigen Abschnitt ist klar nachvollziehbar. Doch wie sieht die Realität aus? Ist die Beanspruchung der Umwelt tatsächlich so hoch, dass Gegenmaßnahmen in Form von Umweltschutz eingeführt werden müssen oder übertreiben die Ökologischen Ökonomen? Dazu ist es zunächst notwendig, den heutigen Zustand der Umwelt naturwissenschaftlich zu analysieren. Aus dieser Betrachtung kann dann eine mögliche Bedrohung abgeleitet werden sowie die Notwendigkeit von Umweltschutzmaßnahmen zur Beseitigung der Bedrohung.

Die Schäden am weltweiten Ökosystemen sind mittlerweile erheblich, dies zeigt das Beispiel Klimaschutz: Es besagt, dass deutliche Klimaveränderungen infolge der sehr hohen Emissionswerte von Treibhausgasen v.a. in den Industrieländern (z.B. CO2, FCKW, siehe Abbildung 2) inzwischen von den meisten Klimaforschern als sicher vorausgesagt werden. Der Bereich Klimaschutz deckt dabei alle Anwendungsgebiete ab, in denen fossile Brennstoffe (Kohle, Erdöl-Derivate, Erdgas, Torf) verbrannt werden, da dies die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erhöht. Das betrifft alle Bereiche, die im weitesten Sinne etwas mit Energie zu tun haben: Bereitstellung von elektrischer Energie („Strom aus der Steckdose“), thermischer Energie (Ölheizung, Gastherme, Fernwärme) und kinetischer Energie (Verkehr, Transport). Weitere klimarelevante Treibhausgase sind teil- und vollhalogenierte FCKW und FKW (Kühlgeräte, Bauschäume) und SF6 (Schallschutzfenster), vgl. dazu auch den Forschungsbericht von Winfried Schwarz und André Leisewitz (Schwarz / Leisewitz 1999) sowie die Greenpeace-Studie (Greenpeace Österreich 2003).

Abbildung 2: Weltweite Emissionen von CO2-Äquivalenten seit 1950

Quelle: Intergovernmental Panel on Climate Change 2005: 11

Nur eine drastische Verringerung dieser Emissionsmengen innerhalb der nächsten Jahrzehnte kann großräumige Störungen des globalen Wasserhaushalts und der Biosphäre infolge des globalen Temperaturanstiegs vermeiden (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Anstieg der durchschnittlichen weltweiten Temperatur seit 1860

Anmerkung: Die Fehlerbalken (I) geben die Messunsicherheit an.

Quelle: Umweltbundesamt 2005: 8

1.1.4 Erkenntnisse und Empfehlungen des IPCC

Das von den Vereinten Nationen eingesetzte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) empfiehlt daher, dass der globale durchschnittliche Temperaturanstieg auf +2 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau von 1750 begrenzt werden müsse (Umweltbundesamt 2005: 17). Andernfalls drohen laut IPCC dramatische Schäden durch Klimazonen-Verschiebungen und extreme Wetterereignisse wie Stürme, Starkniederschläge oder Dürreperioden (Umweltbundesamt 2005: 18). Dieser begrenzte Temperaturanstieg kann jedoch laut IPCC nur eingehalten werden, wenn die globale CO2-Äquivalente-Konzentration bei 400 parts per million (ppm) stabilisiert wird. Diesem Szenario zufolge muss bis 2010 die weltweite Zunahme der Treibhausgas-Emissionen gestoppt werden. Bis 2050 müssen die globalen Treibhausgas-Emissionen auf unter die Hälfte des Niveaus von 1990 sinken. Setzt man internationale Gerechtigkeit gegenüber heute noch unterentwickelten Ländern voraus, dann bedeutet dies für die Industrieländer, dass deren Emissionen bis 2050 sogar um 80% gegenüber 1990 sinken müssen, während die Entwicklungsländer ihre Emissionswerte im Zusammenhang mit ihrer industriellen Entwicklung zunächst noch erhöhen dürfen.

1.1.5 Klimaschutz-Protokoll von Kyoto

Das UN-Klimaschutzprotokoll von Kyoto aus dem Jahr 1998 stellt bei den genannten Klimaschutzbestrebungen nur einen Anfang dar: Es schreibt vor, dass die Staaten, die das Protokoll unterzeichnet und ratifiziert haben, bis spätestens 2012 die Emissionen der sechs wichtigsten Treibhausgase um 5,2% reduzieren müssen. Zu diesen Treibhausgasen zählen CO2, alle Isomere der FCKW-Familie und SF6 (Quaschning 2005). Vergleicht man dieses Ziel mit den Zielen, die das IPCC bis 2050 empfiehlt, ergibt sich sehr deutlich, dass beim Klimaschutz noch großer Handlungsbedarf in den nächsten Jahrzehnten besteht.

1.1.6 Phasen der Umweltpolitik

Das Fazit bis hierher lautet: Die ökologische Umwelt ist lebensnotwendig für den Menschen, der Zustand der Umwelt zum Beispiel beim Thema „globales Klima“ ist bedrohlich und es besteht große Notwendigkeit für Umweltschutzmaßnahmen, im hier verwendeten Umweltschutz-Beispiel also Klimaschutz. Es ist klar, dass diese Situation der geschädigten Umwelt sich nicht von alleine eingestellt hat. Es ist der Mensch, der durch eine Übernutzung der Quellen und Senken (siehe Materialbilanz auf S. 3) dafür verantwortlich zeichnet. Aus Abbildung 3 geht hervor, dass der weltweite durchschnittliche Temperaturanstieg als Hauptindikator der Klimaveränderungen nicht erst seit wenigen Jahren bekannt ist, sondern dass er sich seit mehreren Jahrzehnten immer deutlicher abzeichnet. Ein ähnlicher Verlauf gilt auch für andere Umweltverschmutzungen wie z.B. die Eutrophierung von Gewässern durch Phosphate und Nitrate oder die Entwicklung des Ozonlochs über der Antarktis und über der Arktis.

Die Politik als die oberste gestalterische Kraft in Deutschland weiß aus der Wissenschaft und aus der öffentlichen Diskussion um das Thema der bedrohten Umwelt. Doch was tut die Politik mittels eigener Maßnahmen oder durch Anreize für Bürger oder Unternehmen, um die ökologische Umwelt zu schützen und Umweltschutz deutschlandweit als notwendige Maßnahme einzuführen? Ein Überblick über die Phasen der Umweltpolitik in Deutschland soll dazu dienen, die gesamte Diskussion um den Umweltschutz zeitlich und argumentativ einordnen zu können.

Seit Beginn der 1970er Jahre werden die ersten umweltpolitischen Anstrengungen in Westdeutschland unternommen. Diese Periode bis etwa 1974 bezeichnet man als die „Phase des Aufbruchs“ (Fritzler 1997: 41). In diese Zeit fallen auch die bahnbrechenden Erkenntnisse von Donella und Dennis Meadows in ihrer vom Club of Rome beauftragten Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Sie zeigen darin, dass es Grenzen beim Wachstum von Bevölkerung, Wirtschaft, Rohstoffausbeutung und Umweltverschmutzung gibt und dass diese Grenzen „im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht“ sein werden (Meadows u.a. 1972: 17). Die Autoren mahnen daher bereits 1972 den Weg der Nachhaltigen Entwicklung an, um zu einem Gleichgewichtszustand zwischen Umweltverbrauch und Umweltregeneration zu gelangen.

Doch ab etwa 1974 streben die Wirtschaft und die Gewerkschaften danach, dass der Umweltschutz pausiere oder gar stagniere. Der Grund dafür ist, dass die Arbeitslosenrate in dieser Zeit stark zunimmt und die Vertreter von Industrie- und Arbeitnehmerverbänden fürchten, Umweltauflagen könnten das Wohl der Wirtschaft gefährden. Dies wird als die „Phase der Stagnation“ (Fritzler 1997: 44 f.) bezeichnet.

Die darauf folgende Phase in der westdeutschen Umweltpolitik von 1978 bis 1982 nennt Fritzler die „Phase des Protests“ (Fritzler 1997: 45 ff.). In diesem Zusammenhang entstehen Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und zahlreiche Bürgerinitiativen, weil die Bürger die Umweltsituation, trotz erster umweltpolitischer Maßnahmen, weiterhin als bedrohlich ansehen. 1983 zieht die Partei „Die Grünen“ das erste Mal in den Deutschen Bundestag ein. Im folgenden Jahrzehnt nimmt die Umweltpolitik immer mehr Aufschwung, durchaus auch beflügelt durch den atomaren Super-GAU in Tschernobyl im April 1986. In die späten 1980er und frühen 1990er Jahre fallen zudem zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich intensiv mit einzelnen Bereichen der Umweltzerstörung beschäftigen. So beschreiben z.B. Rainer Grießhammer u.a. in einem Report des Öko-Instituts die Problematik des antarktischen Ozonlochs und des Treibhauseffekts. Sie zeigen auch konkrete Lösungsansätze wie Energiesparen, Effizienzrevolution und Least Cost Planning auf, um den drohenden Klimawandel abzuwenden und eine Zunahme des Ozonlochs zu vermeiden (Grießhammer u.a. 1989: 97 ff.). Als zweites Beispiel dient das Buch „Giftmüll“ von Christiane Grefe und Andreas Bernstorff, in dem die Autoren die Wege von Giftmüllexporten aus den Industrieländern in Entwicklungsländer nachweisen (Grefe / Bernstorff 1991). Das Giftmüll-Exportverbot, das seit 1996 weltweit den Export von Giftmüll aus OECD-Ländern in Nicht-OECD-Länder verbietet, ist in diesem Zusammenhang als umweltpolitischer Erfolg zu bewerten.

Auch Donella Meadows u.a. melden sich, 20 Jahre nach ihrem ersten Bericht, wieder zu Wort und veröffentlichen „Die neuen Grenzen des Wachstums“. Darin zeichnen sie ein viel pessimistischeres Bild vom Zustand der Erde, als sie es noch 1972 vorausgesagt hatten. Sie kommen zum Schluss, dass die „Nutzung vieler natürlicher Ressourcen ... bereits die Grenzen des physikalisch auf längere Zeit Möglichen überschritten“ hat (Meadows u.a. 1992: 13). Sie raten erneut dringend zur Praxis der Nachhaltigkeit.

Doch ab Mitte der 1990er Jahre tritt erneut eine „Phase der Stagnation“ (Fritzler 1997: 51 f.) ein. Wie bereits Mitte der 1970er Jahre gelingt es der Wirtschaft erneut, in der Öffentlichkeit Umweltschutzmaßnahmen als Belastungen darzustellen. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wiedervereinigung Deutschlands tragen dazu bei, dass das Thema Umweltschutz sowohl in der Politik als auch bei den Bürgern an Bedeutung verliert und von seinem Platz unter den wichtigsten Themen verdrängt wird.

1.1.7 Bürger an Umweltschutz immer weniger interessiert

Die Tatsache, dass Umweltschutz von den Bürgern heute als weniger wichtig angesehen wird im Vergleich zur Zeit der „Hochkonjunktur des Umweltschutzes“ in den 1980er Jahren, bildet einen zentralen Pfeiler der weiteren Untersuchungen in dieser Arbeit. Fritzler belegt dieses Desinteresse an Umweltschutz mit einer Grafik (Fritzler 1997: 69), die einen Abwärtstrend in der „Einstellung der Bürger zum Umweltschutz“ seit 1990 nachweist. Das Bundesumweltministerium zeigt in einer ähnlichen Grafik (siehe Abbildung 4) zum Thema „Umweltschutz als eines der wichtigsten Probleme“ seit 1988 einen noch viel deutlicheren Abwärtstrend (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2004: 15). Auch ergibt die Studie „Umwelt 2004“ des Instituts für Demoskopie Allensbach, die im Auftrag des Dualen Systems Deutschland, der Zeitschrift „impulse“ und von der Sendung „ZDF.umwelt“ erstellt wurde, Folgendes: 2004 interessieren sich nur noch 61% der Bürger stark bis sehr stark für Umweltthemen. Im Jahr 2000 sind es bei der gleichen Befragung immerhin noch 65% und im Jahr 1993 sogar 68% (Institut für Demoskopie Allensbach 2004: 10).

Abbildung 4: Zustimmung zur Aussage „Umweltschutz als eines der wichtigsten Probleme“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: 1988-1999 Emnid; 2000-2004 UBA

Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2004: 15

1.1.8 Was ist Umweltbewusstsein?

Bis hierher steht fest, dass die Bedeutung des Umweltschutzes bei den Bürgern seit Mitte der 1990er Jahre wieder sinkt. Doch was genau versteht man nun unter „Bedeutung des Umweltschutzes“? Die Literatur nennt hier den Begriff des „Umweltbewusstseins“. Aber auch dieser Begriff ist für eine Untersuchung noch zu schwammig. Peter Preisendörfer spricht in diesem Zusammenhang von der „Bereitschaft und Fähigkeit jedes einzelnen, [neben der Akzeptanz von Umweltschutz, der Verf.] auch das eigene Verhalten im Alltag in Richtung umweltschonender Alternativen zu überdenken“ (Preisendörfer 1999: 9).

Umweltbewusstsein betrifft also sowohl die Einstellungen und Meinungen als auch die Verhaltensweisen der Menschen. Beides muss übereinstimmen, sonst liegt eine Handlungslücke vor. Diese Begriffsbestimmung des Terminus „Umweltbewusstsein“ und die Möglichkeit einer Handlungslücke liefern einen ersten Untersuchungsansatz: Die Einstellung und das Verhalten bezüglich Umweltschutz bzw. bezüglich einzelner Aspekte des Umweltschutzes geben Auskunft über das Ausmaß und die Ausprägung des Umweltbewusstseins.

Icek Ajzen und Martin Fishbein nennen als Bedingung für das Verhalten vier Elemente oder Dimensionen, die beachtet werden müssen: das Verhalten selbst (action), das Ziel des Verhaltens (target), der Zusammenhang (context), in dem das Verhalten stattfindet sowie die Zeit (time), in der das Verhalten durchgeführt wird (Ajzen / Fishbein 1980: 34 f.). Außerdem sind für die Messung des Ausmaßes des Verhaltens folgende weitere Dimensionen wesentlich: die Größenordnung des Verhaltens (magnitude) sowie die absolute und die relative Häufigkeit (absolute / relative frequency), mit der ein Verhalten statt findet (Ajzen / Fishbein 1980: 35 f.). Aus diesen Überlegungen heraus lassen sich bei den empirischen Untersuchungen in dieser Arbeit Abstufungen der Umwelteinstellungen und des Umweltverhaltens und damit insgesamt des Umweltbewusstseins durchführen. Umweltbewusstsein ist also nicht dichotom (vorhanden vs. nicht vorhanden), sondern es lässt sich zwischen den beiden Polen „vorhanden“ und „nicht vorhanden“ graduell abstufen.

1.1.9 Einstellung und Verhalten des Bürgers im Mittelpunkt

Warum werden gerade die Bundesbürger in ihrer Umwelteinstellung und in ihrem Umweltverhalten untersucht und nicht z.B. Regierungen, Unternehmen oder Behörden? Es ist der privat konsumierende Bürger oder der Bürger, der als Behörden- oder Unternehmensvertreter bezüglich des Konsums umweltrelevante Entscheidungen trifft. Daher ist es von zentraler Bedeutung, welche Umwelteinstellung und welches Umweltverhalten der einzelne Bürger in verschiedenen Feldern des Themas „Umweltschutz“ an den Tag legt. Ein Unternehmen, eine politische Partei, eine Behörde entscheiden systembedingt nicht selbst. Es sind die Bürger eines Landes in ihren jeweiligen Wirkungskreisen, die z.B. als Angestellte oder Inhaber eines Unternehmens die Entscheidungen treffen. Ebenso fallen Entscheidungen in politischen Parteien durch deren Mitglieder oder gewählte Parteifunktionäre. In Behörden sind die Entscheidungsträger Beamte oder Angestellte dieser Einrichtungen. Jeder Grund oder Sachzwang (ein Gesetz, steigende Opportunitätskosten etc.), der z.B. einen Unternehmer zu mehr betrieblichem Umweltschutz bewegt oder sogar zwingt, ist zuvor von ihm selbst oder von Mitarbeitern einer Behörde oder eines Verbands erdacht und formuliert worden. Dabei ist es zunächst egal, ob die Durchführung von Umweltschutzmaßnahmen aus eigenem umweltorientiertem, altruistischem Antrieb heraus erfolgt (endogen) oder ob dies aufgrund der rechtlichen oder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen geschieht (exogen).

Diese prinzipielle Überlegung wird gestützt von der repräsentativen Umfrage „Umwelt 2004“: 80% der Befragten sagen, dass Umweltschutz vor allem Sache eines jeden einzelnen Bürgers sei. Nur 57% verweisen diese Aufgabe an den Staat und 51% an die Wirtschaft (Institut für Demoskopie Allensbach 2004: 19). Die gleiche Befragung ergibt bereits im Jahr 2000 ein ähnliches Bild: 81% sagen „Aufgabe des Bürgers“, 61% verlassen sich auf den Staat und 56% auf die Wirtschaft.

Der Bürger muss ein Umweltschutz-Thema zunächst als wichtig einstufen. Dann muss er für sich selbst Verhaltenskonsequenzen ableiten, um vom Ist-Zustand der Umwelt zu einem verbesserten, umweltfreundlicheren Soll-Zustand zu gelangen. In einem dritten Schritt muss der Bürger aus den abgeleiteten Verhaltenskonsequenzen eigene Verhaltensabsichten entwickeln und diese Absichten auch umsetzen. So gelangt er schließlich von einer umweltschutzorientierten Einstellung zu umweltschutzorientiertem Verhalten.

Doch wie sieht es bei den Bürgern in der Praxis aus? Entspricht ihr Handeln ihren Aussage, dass Umweltschutz Sache jedes einzelnen Bürgers sei? Setzen sie diese Erkenntnis in umweltfreundliches Handeln um? Dass diese Fragestellung nicht nur theoretischer Natur ist, zeigt ein ausführlicher Artikel in der Stuttgarter Zeitung mit dem Titel „Der Test am Kleiderständer fällt ernüchternd aus“ (Langer 2005: 10). Die Autorin kommt zu der Erkenntnis, dass in Deutschland die Konsumenten noch immer primär anhand des Preises entscheiden, welche Artikel sie kaufen. Dies trifft auch dann zu, wenn, wie bei einem Feldversuch des Kaufhauses Karstadt-Quelle, äußerlich identische Produkte sich nur durch die Angabe zur Produktionsweise und daher auch durch den Preis unterscheiden. „Die Fixierung der deutschen Verbraucher auf den Preis ist europaweit einmalig“ zitiert Bettina Langer einen Experten der Stiftung Warentest. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen Einstellung und Verhalten. Dieses Missverhältnis wird auch als Handlungslücke bezeichnet. Und so erklären diese Erkenntnisse, warum „Umwelteinstellung“ und „Umweltverhalten“ zentrale Themen in der Umweltdiskussion sind. Daher untersucht die vorliegende Arbeit die Handlungslücke anhand von kognitiven Dissonanzen und erforscht, ob es Unterschiede in einzelnen Bereichen oder Politikfeldern innerhalb des Themenfelds „Umweltschutz“ (z.B. Konsum, Nachhaltigkeit, Ökosteuer) gibt.

1.1.10 Fazit: Problem zweiteilig

Das zentrale Problem, also die Basis dieser Arbeit, besteht aus zwei Faktoren: Zum einen sind nach Ansicht der Klimaforscher und angesichts des Zustands der Ökosphäre Maßnahmen zu deren Rettung und langfristigen Erhaltung dringend nötig. Zum anderen verliert das Umweltbewusstsein in der deutschen Bevölkerung stark an Bedeutung, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. Unter Umweltbewusstsein versteht man dabei die Einstellung und das Verhalten bezüglich des Umweltschutzes. Hieraus ergibt sich ein Spannungsfeld. Der eine Pol dieses Spannungsfeldes wird von der Notwendigkeit für mehr Umweltschutzmaßnahmen besetzt, der andere Pol von der abnehmenden Bereitschaft der Bürger, notwendige Umweltschutzmaßnahmen durchzuführen.

1.2 Forschungsfragen

Aus dem vielschichtigen Problem, das dieser Arbeit zugrunde liegt und in Kapitel 1.1 beschrieben wird, ergeben sich mehrere Forschungsfragen. Anhand dieser Forschungsfragen wird in der vorliegenden Arbeit theoretisch und empirisch das Thema „Dissonanz im Umweltbewusstsein“ aufgearbeitet. Die Fragen lassen sich grob in fünf Gebiete aufteilen, die im Folgenden der Reihe nach behandelt werden.

1.2.1 Theoretischer Ansatz

Als erstes stellt sich die Frage nach dem theoretischen Ansatz, mit dessen Hilfe die statistischen Befunde im weiteren Verlauf der Arbeit eingeordnet und bewertet werden können:

1. Welcher Forschungsansatz spiegelt die dargestellte Problematik am besten wider und ist hilfreich für die Analyse der Statistikergebnisse?

1.2.2 Kognitionen

Als Forschungsansatz wird in Kapitel 4 die Theorie der kognitiven Dissonanz von Leon Festinger (Festinger 1978) eingeführt. Um die Inkonsistenz im Umweltbewusstsein, also die Dissonanz zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten, untersuchen zu können, ist es wichtig, sich über die zugrunde liegenden so genannten Kognitionen klar zu werden:

2a. Welche umweltrelevanten Kognitionen bestehen bei den befragten Deutschen?

Diese Frage ist sehr weitläufig. Sie wird daher bei der statistischen Auswertung auf die gestellten Umfrage-Fragen, also die Variablen, beschränkt und lautet demnach in abgeänderter Form:

2b. Welche umweltrelevanten Kognitionen wurden in der verwendeten Umfrage bei den befragten Deutschen abgefragt?

Diese Forschungsfrage ist nötig, um eine klare Auflistung der vorhandenen, auswertbaren Variablen zu erhalten.

1.2.3 Umweltbewusstsein

Wie bisher dargestellt, besteht Umweltbewusstsein aus der Einstellung zum Umweltschutz bzw. zu Umweltschutzmaßnahmen und aus umweltverträglichem Verhalten. Es stellt sich also die Frage:

3. Welche Einstellung und welches Verhalten können als umweltverträglich oder umweltunverträglich bezeichnet werden?

Die Beantwortung dieser grundlegenden Frage ist zumindest in erster Näherung notwendig, um bei der empirischen Auswertung festlegen zu können, welche Antworten der Bürger bei einer Befragung zum Umweltbewusstsein als umweltverträglich oder umwelt un verträglich eingestuft werden können.

Wenn geklärt ist, was z.B. als umweltverträgliches Verhalten bezeichnet werden kann, stellt sich als Folgefrage:

4. Wie ist die umwelt(un)verträgliche Einstellung und das umwelt(un)verträgliche Verhalten in der Bevölkerung verteilt?

Dazu muss eine passende Operationalisierung der vorliegenden Umfragedaten gefunden werden, um mittels quantitativer statistischer Analysen diese Forschungsfrage zu beantworten.

1.2.4 Konsonanz bzw. Dissonanz

Wenn die Variablen, also die abgefragten Kognitionen, bekannt sind, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen diesen Kognitionen. Nach der Theorie der kognitiven Dissonanz können Kognitionen in einem konsonanten oder in einem dissonanten Verhältnis zueinander stehen. Daraus ergibt sich konkret die Frage:

5. Welche Konsonanzen bzw. Dissonanzen bestehen zwischen Einstellung und Verhalten?

Die Antwort auf diese Forschungsfrage ist von zentraler Bedeutung, weil sie die Dissonanz im Umweltbewusstsein, also das Thema der Arbeit, darstellt.

1.2.5 Verhaltensänderungen

Wenn man die Problematik des dissonanten Umweltbewusstseins zielgerichtet betrachtet, dann wird schnell klar, dass es bei der Bevölkerung zu einer Verhaltensänderung kommen muss: Umwelteinstellung und Umweltverhalten müssen konsonant und umweltverträglich sein. Diese Feststellung, die schon Kapitel 1.1 grundsätzlich liefert, führt zu den letzten beiden Forschungsfragen:

6. Wie kann es zu einer Einstellungs- und/oder Verhaltensänderung kommen, damit Einstellung und Verhalten umweltverträglich sind?

7. Was müssen die Bürger, die Politik, die Medien oder die Unternehmen tun, damit es in den untersuchten Themenfeldern zu Einstellungs- und Verhaltensänderungen kommt?

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Ziel dieser Arbeit darin besteht, die auf Seite 13 beschriebene Handlungslücke in einzelnen Umwelt-Politikfeldern als so genannte Dissonanzen zu benennen und zu quantifizieren. Dies geschieht mittels der Theorie der kognitiven Dissonanz und einer repräsentativen Umfrage unter der deutschen Bevölkerung aus dem Jahr 2002. Außerdem erforscht die Arbeit Ansatzpunkte, wie man zu mehr umweltverträglichem Verhalten in der Bevölkerung gelangen kann.

1.3 Gliederung

Die vorliegende Arbeit ist in sieben Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel behandelt als grundlegendes Problem die Tatsache, dass ab den frühen 1990er Jahren der Gedanke des Umweltschutzes in Deutschland an Bedeutung verliert, während gleichzeitig große Umweltprobleme, wie z.B. drohende Klimaveränderungen, gelöst werden müssen. Daraus ergibt sich Dissonanz zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten, was als Handlungslücke bezeichnet wird. Die Forschungsfragen werden aus der Problemstellung abgeleitet.

Das zweite Kapitel bietet eine Übersicht über den Forschungsstand im Bereich Umweltbewusstsein und klärt somit, wo die vorliegende Arbeit wissenschaftlich angesiedelt ist.

Im dritten Kapitel folgt ein Überblick über die Forschungsansätze in der Einstellungs- und Verhaltensforschung. Aus diesen Forschungsansätzen wird die Theorie der kognitiven Dissonanz für die empirische Beantwortung der Forschungsfragen ausgewählt.

Kapitel 4 stellt die Theorie der kognitiven Dissonanz von Leon Festinger ausführlich vor. Sie liegt dieser Arbeit als zentraler theoretischer Unterbau zugrunde. Die Theorie muss daher mit Beispielen und in allen notwendigen Einzelheiten erklärt werden, um im empirischen Teil der Arbeit darauf zurückgreifen zu können.

Im fünften Kapitel wird die repräsentative Umfrage „Umweltbewusstsein in Deutschland 2002“ quantitativ ausgewertet. Statistische Methoden dienen der Analyse der Handlungslücke zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten in verschiedenen Politikfeldern des Umweltschutzes. Die Ergebnisse werden diskutiert und die zuvor aufgestellten Hypothesen getestet.

Das Kapitel 6 stellt die Fragen, wie es zu Verhaltensänderungen hin zu umweltverträglichem Verhalten kommen kann und welche Akteure dafür was tun müssen.

Das letzte Kapitel rundet die Arbeit mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf bzw. weitere mögliche Forschungsansätze ab.

2 Forschungsstand in der Umweltbewusstseinsforschung

2.1 Genereller Ansatz

Dieses Kapitel stellt den Forschungsstand in der Umweltbewusstseinsforschung anhand ausgewählter Literatur dar. Die Umweltbewusstseinsforschung wird seit etwa 1970 von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen bearbeitet, so z.B. von der Politologie, der Soziologie, der Psychologie, der Erziehungswissenschaft, der Publizistik, dem Marketing und der Betriebswirtschaft (Lange 2000: 13). Dabei geht die Umweltbewusstseinsforschung von der folgenden prinzipiellen Kausalkette aus: Umweltwissen und Umwelterfahrungen bewirken positive Umwelteinstellungen und Betroffenheit, diese steuern das Umweltverhalten (de Haan / Kuckartz 1998: 13). Diese Kausalkette ist sehr optimistisch und einfach angelegt. Eine so klare Abfolge von Wissen und daraus erwachsendem Verhalten muss zumindest hinterfragt werden, wie dies die Einstellungs- und Verhaltensforschung tut. Icek Ajzen z.B. beschreibt drei unterschiedliche Verhaltensarten (kognitiv, affektiv, konativ) und nicht nur eine einzige, aus der Erkenntnis erwachsende Reaktion in Form von umweltverträglichem Verhalten (Ajzen 1988: 5 ff., vgl. Kapitel 3.5). Die Überzeugungssysteme von Philip Converse (Converse 1964: 206 ff., vgl. Kapitel 3.8) widersprechen sogar der oben genannten Kausalkette, denn Entscheidungen innerhalb eines Überzeugungssystems basieren auf zentralen, festen Überzeugungen und nicht auf Wissen oder Erfahrungen. Wissen und Erfahrungen können die Überzeugungen nur peripher beeinflussen. Diese beiden Beispiele aus der Einstellungs- und Verhaltensforschung sollen die Grenzen der zitierten Kausalkette aufzeigen und den Blick für eine differenziertere Betrachtung öffnen.

Beim Umweltverhalten unterscheidet die Umweltbewusstseinsforschung zwischen Verhaltensintentionen und tatsächlichem Verhalten (de Haan / Kuckartz 1998: 13). Diese Unterscheidung ist sehr sinnvoll, stellt sie doch ein wesentliches Problem der Befragung dar: Solange Verhalten als Verhaltensintention abgefragt wird, ist nicht klar, ob das intendierte Verhalten auch tatsächlich durchgeführt wird. Die Befragung nach bereits durchgeführtem Verhalten liefert ein besseres Ergebnis, obwohl auch diese Befragung unter dem grundlegenden Problem von Befragungen leidet: Es handelt sich um Aussagen über Verhalten, nicht um die objektive und sichere Beobachtung von Verhalten (Gehring / Weins 2000: 52 f.). Diese systembedingten Probleme gelten ebenso für die Befragung nach Umwelteinstellungen. Doch trotz dieser Schwächen ist die Befragung nach Einstellungen und Verhalten die vergleichsweise einfachste Erhebungsform für die Erforschung des Umweltbewusstseins.

2.2 Studientypen

Udo Kuckartz nennt vier wesentliche, unterschiedliche Studientypen bzw. Forschungsansätze in der Umweltbewusstseinsforschung (Kuckartz 1998: 13 ff.):

1. Die theorietestende quantitative Studie untersucht strukturelle Aspekte des Umweltbewusstseins, also z.B. die Zusammenhänge zwischen Umweltwissen, Umwelteinstellung und Umweltverhalten. Es gehe dabei weniger um bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse als um grundlegende Erkenntnisse, so Udo Kuckartz.
2. Der repräsentativen Umweltberichterstattung liegen Umfragen unter der Bevölkerung zugrunde. Wesentliche Merkmale sind: eine große Anzahl zufällig ausgewählter Personen als repräsentative Stichprobe und ein einheitlicher Fragebogen für die Interviews. Dabei geben die Befragten zu verschiedenen Aussagen ihre Antwort auf einer Skala ab, die z.B. von „stimme sehr zu“ bis „stimme überhaupt nicht zu“ reicht. Das Studienergebnis ist laut Udo Kuckartz ein beschreibender Überblick über das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, auch wenn aus der Anlage der Studie theoretische Erkenntnisse abgeleitet werden könnten.
3. Bei der zielgruppenorientierten Studie betrachtet man einzelne Zielgruppen wie Manager, Landwirte, Facharbeiter oder Jugendliche in ihrem Umweltbewusstsein. Besonders die Untersuchungen, Jugendliche und Schüler betreffend, finden weitere Anwendung in der Erziehungswissenschaft. So kann die Wirksamkeit von Umwelterziehung über solch eine Untersuchung getestet werden. Dieser Ansatz ist stark praxisorientiert, da er sich z.B. für eine zielgruppenspezifische Politik eignet.
4. Der vierte Typ ist die qualitative Studie. Sie stellt den Alltagsbezug umweltrelevanter Verhaltensweisen ins Zentrum der Untersuchungen und verwendet dazu sehr kleine Stichproben (10 bis 30 Fälle). Die Probanden werden in offenen Interviews während des gesamten Versuchs zum jeweiligen Umweltthema befragt, was eine äußerst zeitaufwändige Forschungsmethode darstellt.

Die vorliegende Arbeit steht zwischen dem ersten und dem zweiten Typ, da zwar die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten untersucht werden, dies aber anhand empirisch erhobener repräsentativer Umfragen geschieht.

2.3 Bisherige Forschungsergebnisse

Die Umweltbewusstseinsforschung ist in Deutschland bislang zu folgenden Ergebnissen gekommen (de Haan / Kuckartz 1998: 21 f.; Lange 2000: 19 ff.):

- Umweltschutz an sich erfreut sich einer großen Wertschätzung in der Bevölkerung (aber mit abnehmender Tendenz, siehe dazu auch Abbildung 4 auf Seite 10).
- Das Umweltbewusstsein ist geprägt von der Sorge um nachkommende Generationen, weniger um die befragten Personen selbst.
- Das wenig umweltgerechte Verhalten der Bevölkerung steht in großem Kontrast zu ihrer umweltorientierten Einstellung. Hier nennt Udo Kuckartz leider keine Kriterien für umweltgerechtes Verhalten.
- Vorhandenes Umweltwissen führt kaum zu positiver Umwelteinstellung und so gut wie gar nicht zu umweltverträglichem Verhalten.
- Die allgemeine Aufgeschlossenheit einer Person gegenüber Umweltproblemen sagt noch wenig aus über deren tatsächliche Handlungsbereitschaft in speziellen Problemfeldern (siehe Kausalketten-Kritik in Kapitel 2.1).
- Das handlungsrelevante Umweltbewusstsein ist hochgradig fragmentiert: Ist ein Individuum in einem Umwelt-Problemfeld umweltorientiert eingestellt und handlungsbereit, gilt dies nicht zwingend für andere Umwelt-Problemfelder (siehe Kausalketten-Kritik).

Diese Forschungsergebnisse bieten brauchbare Ansatzpunkte für die empirischen Untersuchungen in der vorliegenden Arbeit. Die in dieser Auflistung mehrfach implizit angesprochene Handlungslücke ist Teil der empirischen Untersuchung in Kapitel 5.

3 Überblick über die Einstellungs- und Verhaltenstheorien

Im Bereich der Einstellungs- und Verhaltensforschung gibt es viele sehr unterschiedliche Ansätze, von denen einige wichtige hier kurz dargestellt werden. Auch theoretische Ansätze aus der Psychologie, die der Umweltbewusstseinsforschung inhaltlich verwandt sind, werden kurz vorgestellt. Nur so ist es möglich, die Wahl der Theorie der kognitiven Dissonanz als grundlegende Theorie für diese Arbeit zu begründen. Alle Ansätze beinhalten neben der Erklärung von Verhalten auch mehr oder weniger ausführliche Erklärungen für die jeweils zugrunde liegenden Einstellungen. Zuvor sind jedoch zwei wesentliche Begriffsdefinitionen notwendig.

3.1 Politische Einstellung und Umwelteinstellung vergleichbar?

3.1.1 Der Begriff „Einstellung“

Bei der Darstellung der Einstellungs- und Verhaltensforschung muss zunächst der Begriff der „Einstellung“ definiert werden. Icek Ajzen bezeichnet Einstellungen als Dispositionen oder Neigungen gegenüber Objekten, Personen usw.: „An attitude is a disposition to respond favorably or unfavorably to an object, person, institution or event“ (Ajzen 1988: 4). Als charakteristisches Merkmal von Einstellungen bezeichnet Icek Ajzen „its evaluative (pro – con, pleasant – unpleasant) nature“ (ebd.). Da Einstellungen trotz dieser Konkretisierung ein hypothetisches Konstrukt bleiben und nicht direkt zu beobachten sind, kann nur die Beobachtung der Reaktion auf einzelne Stimuli (z.B. Fragen) Aussagen über die zugrunde liegenden Einstellungen zulassen. Dazu wird in der Regel eine Umfrage durchgeführt: Der befragte Bürger gibt seine Einstellung auf einer Skala zwischen den beiden Gegensätzen „pro“ und „contra“ an, was die Ausprägung seiner Zustimmung oder Ablehnung zum abgefragten Thema widerspiegelt.

Somit kann Einstellung als erklärende Variable für die Analyse und Ableitung von Verhalten fungieren. Jedoch ist Einstellung selbst nur mittelbar messbar:

- Einstellung kann aus dem Verhalten rückgeschlossen werden, welches beobachtet werden kann. Ob eine Kausalität „aus Einstellung erfolgt Verhalten“ tatsächlich gegeben ist, ist mit der reinen Verhaltensbeobachtung nicht eindeutig nachweisbar (siehe auch Kausalketten-Kritik an der Umweltbewusstseinsforschung in Kapitel 2.1). Es könnte auch nur eine zufällige Koinzidenz vorliegen.
- Die zweite Methode der Einstellungsmessung ist die Befragung. Hierbei erhält man von den Befragten Aussagen über deren Einstellungen. Allerdings ist der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zunächst nicht nachprüfbar (Gehring / Weins 2000: 52 f.).

Nur mit erheblichem Aufwand wäre festzustellen, ob aus den genannten Einstellungen auch entsprechendes Verhalten folgt, indem alle Befragten nach der Befragung ohne deren Wissen und ohne weitere Beeinflussungen bei ihrem Verhalten beobachtet werden. Nur, wenn in statistisch ausreichend vielen Fällen die genannte Einstellung dem beobachteten Verhalten entspricht, kann von einer Kausalität und damit von wahren Angaben bei der Einstellungsbefragung ausgegangen werden.

Weitere Überlegungen zu möglichen Messfehlern bei der empirischen Sozialforschung werden in Kapitel 5.2.4 dargestellt. Jetzt soll der Leser jedoch bereits dafür sensibilisiert werden, dass es prinzipiell Messfehler gibt und dass diese systematisch beachtet und so weit wie möglich reduziert werden müssen. Die Möglichkeit, bei der Messung von Einstellung Fehler zu begehen, muss bereits bei der Erhebung und später bei der Auswertung der Daten beachtet werden. Die gleichen Überlegungen, wie sie hier für die Einstellungsmessung angestellt werden, gelten ebenso für die Messung von Verhalten.

3.1.2 Der Begriff „Verhalten“

Der Begriff des Verhaltens bzw. des politischen Verhaltens taucht in der Literatur 1944 in größerem Umfang auf, als Paul Lazarsfeld seine Studie zur US-Präsidentschaftswahl 1940 veröffentlicht, in der er das Wahlverhalten der Bürger untersucht.

Politisches Verhalten ist, ganz allgemein gesprochen, eine sichtbare Reaktion auf ein politisches Objekt. Lester Milbrath bezieht politisches Verhalten im Sinne von politischer Partizipation zunächst (1965) nur auf eine Dimension, nämlich auf Wahlen und wahlbezogene Aktivitäten (Milbrath 1977: 10 ff.). Er erweitert aber später (1977) parallel zu Sidney Verba u.a. die Definition von politischer Partizipation: Die Autoren führen politische Partizipation als eine mehrdimensionale Größe ein. Die Autoren nennen neben dem Akt des Wählens z.B. auch Protestieren, die Teilnahme an Partei- und Wahlkämpfen, das Kommunizieren und sogar das Nichtstun (inaktiv) als Dimensionen politischer Partizipation (Verba u.a. 1978: 312 ff.).

Max Kaase definiert politisches Verhalten bzw. politische Beteiligung so: „Unter politischer Beteiligung werden in der Regel jene Verhaltensweisen von Bürgern verstanden, die diese alleine oder mit anderen freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. ... Diese Einflussnahmen können sich auf eine oder mehrere Ebenen des politischen Systems (Gemeinde, Land, Bund) richten“ (Kaase 2000: 473). Auf den Bereich Umweltverhalten lässt sich diese Definition ebenso anwenden: Das Ziel ist hierbei Umweltschutz. Als Ebenen kann man die unterschiedlichen Politikfelder im Umweltschutz wie Konsum, Energie oder Verkehr bezeichnen.

Es wird klar, dass es den Verhaltensbegriff in der Forschung nicht gibt, sondern dass er durchaus vom jeweils präferierten Verhaltensmodell und damit vom zugrundeliegenden Menschenbild abhängt. Verhalten kann sich grundsätzlich auf unterschiedlichste Objekte beziehen, das politische Verhalten bezieht sich auf die Teilklasse der politischen Objekte.

3.1.3 Vergleich zwischen Politik und Umwelt

Bevor die einzelnen Forschungsansätze zur Einstellungs- und Verhaltensforschung dargestellt werden, ist es wichtig, sich zu fragen, ob es einen Unterschied gäbe zwischen politischer Einstellung und Umwelteinstellung bzw. zwischen politischem Verhalten und Umweltverhalten und wo dieser liege. Nur, wenn es hierbei keinen prinzipiellen Unterschied gibt, ist es zulässig, politologische Einstellungs- und Verhaltenstheorien für die Analyse des Umweltbewusstseins zu verwenden.

Grundsätzlich beschäftigt sich die Einstellungs- und Verhaltensforschung mit der Einstellung und dem Verhalten gegenüber bestimmten Objekten (wie in den Kapitel 3.1.1 und 3.1.2 bereits dargestellt). Hier wird nun geprüft, ob diese Bezugsobjekte bei der politischen Einstellung und bei der Umwelteinstellung bzw. beim politischen Verhalten und beim Umweltverhalten vergleichbar sind. Nur dann können die vorwiegend aus der politischen Einstellungs- und Verhaltensforschung stammenden Theorien und Modelle auch auf Umweltschutz-Objekte und damit auf den Bereich Umweltschutz angewandt werden.

Politische Einstellung zielt ab auf verschiedenste Politikfelder (z.B. Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Umweltpolitik), auf Parteien und auf Politiker als Personen. Der Bürger hat eine Meinung zu diesen Themen; dabei spielt es keine Rolle, ob diese Meinung rudimentärer oder ausgeprägter Natur ist und auf welchen Grundlagen diese Meinung beruht oder wie sie zustande gekommen ist. Umwelteinstellung hingegen zielt ab auf Politikfelder im Umweltbereich (z.B. Abfall, Energie, Emissionen, Naturschutz), auf Organisationen wie Umweltschutzverbände sowie auf prominente Personen als Vertreter von Umweltschutzzielen. Die Umwelteinstellung kann, wie die politische Einstellung, umfassend oder minimalistisch sein.

Das politische Verhalten umfasst, je nach Definition des Verhaltensbegriffs, die Informationsbeschaffung und die Meinungsbildung zu einzelnen Politikfeldern, die aktive und/oder passive Beteiligung an Wahlen und weitere Formen der politischen Partizipation. Umweltverhalten beinhaltet die gleichen drei Dimensionen: Informationsbeschaffung, Meinungsbildung und in ausgeprägtem Maße das praktische Handeln (umweltverträglich oder umwelt un verträglich). Wie bei der Umwelteinstellung die Einstellungen, so sind auch beim Umwelthandeln die Handlungen nur auf Objekte im Bereich Umweltschutz bezogen.

3.1.4 Fazit: Vergleichbarkeit gegeben

Die politische Einstellungs- und Verhaltensforschung ist folglich auch anwendbar auf die Erforschung von Umwelteinstellung und Umweltverhalten, weil es sich in beiden Fällen um Einstellungen und Verhalten bezüglich bestimmter Politikfelder handelt. Die Objekte, auf die sich die jeweilige Einstellung bzw. das jeweilige Verhalten beziehen, sind ähnlich und daher gut vergleichbar. Ob die Bandbreite der Politikfelder sehr breit gestreut ist (politische Einstellung, politisches Handeln) oder auf ein Politikfeld in all seinen Ausprägungen fokussiert ist (Umwelteinstellung, Umweltverhalten), spielt bei der Betrachtung sowie der Wahl der zugrunde liegenden Theorien und der Beobachtungsmethoden keine Rolle. Daher werden im weiteren Verlauf der Arbeit statt politologischer Beispiele solche aus dem Bereich Umwelt angeführt, um die Verbindung zw. Theorie und Thema deutlich herauszustellen.

3.2 Ökopsychologie

Bei der Literaturanalyse zum Thema Umweltschutz und Umweltbewusstsein stößt man neben Literatur, die sich direkt mit Umweltbewusstsein, Umwelteinstellung und Umweltverhalten beschäftigt, auch auf Forschungsansätze, die sich damit befassen, warum ein Mensch aus psychologischer Sicht im Umweltschutz sich so oder anders verhält.

diese Zusammenhänge können als eine psychologische Frage angesehen werden, da es Aufgabe der Psychologie ist, das menschliche Verhalten anhand innerpsychischer Zustände und Prozesse zu beschreiben und zu erklären. Um die Bandbreite der psychologischen Ansätze im Bereich Umweltschutz abschätzen zu können, sind an dieser Stelle zwei wesentliche Theorien innerhalb der Psychologie von Bedeutung.

In der Disziplin Psychologie ergeben sich unterschiedliche Definitionen und Herangehensweisen, die Alexander Grob (Grob 1991: 15 ff.) sehr übersichtlich darstellt: Er unterscheidet „ökologische Psychologie“ und „Umweltpsychologie“ und gibt beiden Begriffen einen Oberbegriff nach Fuhrer: Ökopsychologie. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wird dieses Thema u.a. als Environmental Psychology, Behavioral Ecology oder Ecobehavioral Science bezeichnet.

3.2.1 Ökologische Psychologie

Als ökologische Psychologie beschreibt Alexander Grob die Wissenschaft, die sich mit den Beziehungen des Menschen zu seiner engeren und weiteren Umwelt beschäftigt. Der Terminus „Umwelt“ steht hierbei für die räumliche, materielle und soziale Umgebung, in die der Mensch eingebettet ist (Grobe 1991: 21). „Ökologisch“ steht in der ökologischen Psychologie folglich nicht für „umweltfreundlich“, wie es in der Umweltbewegung seit etwa 1970 sinnverwandt gebraucht wird. Es steht vielmehr allgemein für Umwelt im Sinne von „die Welt um den Menschen herum“. Dies erinnert sehr an den weiteren Umwelt-Begriff, wie ihn Lutz Wicke definiert (Wicke 1993: 5 f., siehe Kapitel 1.1.2). Die ökologische Psychologie wird von Alexander Grob als eher theorieorientiert klassifiziert (Grob 1991: 15), ihre Betrachtungsweise ist allgemein- und sozialpsychologischer Natur.

3.2.2 Umweltpsychologie

Im Gegensatz zur ökologischen Psychologie befasst sich die Umweltpsychologie mit der Umweltproblematik und dem Umweltschutz. Ihr ist eine problem- und anwendungsorientierte Herangehensweise zu eigen (Grob 1991: 15). Daher stellt die Umweltpsychologie eine direkte Nachbarwissenschaft zur Umweltbewusstseinsforschung dar und bedarf im Folgenden einer näheren Betrachtung.

Sigrun Preuss beschreibt in „Umweltkatastrophe Mensch“ (Preuss 1991) zunächst zwei grundlegende Strategien, mit deren Hilfe der Mensch mit der bedrohlichen Situation des katastrophalen Zustands der Ökosphäre umgehen kann: Er kann eine irrationale oder eine rational-technologische Strategie wählen. Die irrationale Strategie erklärt Arthur Koestler als Bewältigungsversuch: Die Menschheit muss so tun, „ als ob ihre Tage nicht schon gezählt wären“ (Koestler 1987: 12, Hervorhebung im Original, d. Verf.). Diese Strategie bietet jedoch ganz offensichtlich keine sinnvolle Lösung der Umweltproblematik, denn wenn der Zustand der Umwelt negiert oder schön geredet wird, ändert sich an ihrem Zustand nichts zum Besseren hin.

Bei der rational-technologischen Strategie sollen technisch-naturwissenschaftliche Modelle, veränderte Verfahrenstechniken und Sanierungsprogramme die Umweltschäden erklären, verhindern oder reparieren. Es handelt sich hierbei um reine Symp­tombekämpfung und end-of-pipe-Technologien, nicht aber um Ursachenbekämpfung. Hans Dieckmann umschreibt diese Situation zutreffend als einen Teufelskreis, „in dem wir anfangen, neue Industrien zu schaffen, um die Schäden der existenten Industrien zu verringern“ (Dieckmann / Springer 1988: 285).

Sigrun Preuss mahnt daher, dass eine dritte, ökologische Strategie fehle, die eine ganzheitliche Sichtweise beinhalte, umweltbewusstes Handeln entwickle sowie den Menschen und die Natur nicht getrennt betrachte (Preuss 1991: 40). Doch solch eine ökologische Strategie müsse berücksichtigen, dass es nur zu einer Kurskorrektur bei der Sichtweise und beim Handeln kommen könne, wenn sich das Bewusstsein der Menschen weiterentwickeln würde. Sigrund Preuss fordert also Verhaltensänderungen durch Bewusstseinsänderungen. Sie liegt damit thematisch nahe bei den Umweltbewusstseinsforschern. Diese erwarten über die in Kapitel 2.1 beschriebene Kausalkette, dass aus Umweltwissen positives Umwelthandeln erwächst. Die Weiterentwicklung des Bewusstseins wiederum setzt voraus, dass die psychologischen Abläufe im Inneren des Menschen bekannt sind und dass man sich der „inneren Grenzen“ (Laszlo 1988: 31) bewusst wird. Sigrun Preuss nennt diese Grenzen des Inneren „Nicht-Erfahrbarkeit“, „Nicht-Bewertbarkeit“, „Nicht-Verkraftbarkeit“ und „Nicht-Handlungsfähigkeit“ (Preuss 1991: 43 ff.).

[...]

Details

Seiten
123
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638616447
ISBN (Buch)
9783638689045
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70518
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,6
Schlagworte
Kognitive Dissonanz Umweltbewusstsein Deutschen

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Titel: Kognitive Dissonanz im Umweltbewusstsein der Deutschen