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Der Fall von der Evolutionsleiter: Eine Analyse der Gesellschaften im Roman Die Zeitmaschine von H.G.Wells und dem Film Planet der Affen

Examensarbeit 2006 106 Seiten

Englisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1: Die Evolution und ihre Einflüsse
a) Die Evolutionstheorie und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten
b) Das Evolutionsthema in der Science Fiction
c) Das Evolutionsthema in Die Zeitmaschine
d) Der Affe als nächster Verwandter des Menschen: Möglichkeit eines „Planet der Affen“ außerhalb der Kinoleinwand?

Kapitel 2: Planet der Affen: Ursprünge eines modernen Filmmythos
a) Der Weg von Pierre Boulles Roman auf die Kinoleinwand
b) Die Veröffentlichung des Films und die Reaktionen der Kritiker
c) Der anhaltende Erfolg in den 70er Jahren: Erklärung für ein gesellschaftliches Phänomen

Kapitel 3: Der Fall der Menschheit: Das Konzept der Gesellschaften in Planet der Affen und Die Zeitmaschine
a) Eine Studie der Protagonisten: Der Zeitreisende und George Taylor
b) Der Prozess der Devolution: Ein Vergleich der Eloi mit den Resten der Menschheit in Planet der Affen
c) Adam und Eva im Paradies? Die Funktion von Weena und Nova
d) Die herrschenden Klassen: Affen, Morlocks und ihr Gesellschaftskonzept
e) Der Einsatz von Symbolen am Beispiel der Sphinx und der Freiheitsstatue

Kapitel 4: Science-Fiction als Warnung

Literatur- und – Filmverzeichnis
Primärliteratur:
Zitierte Sekundärliteratur:
Konsultierte Sekundärliteratur:
Filme:
DVD
TV- Programme:
Bilderquellen
Bücher:
Onlinequellen

Einleitung

„It is an error to imagine that evolution signifies a constant tendency to increased perfection” (T.H. Huxley, Evolution and Ethics 247).

Als Charles Darwin im Jahre 1859 sein Werk Die Entstehung der Arten (Originaltitel: The Origin of Species) veröffentlichte, landete er damit nicht nur einen Welterfolg (das Buch soll innerhalb eines Tages ausverkauft gewesen sein), sondern musste sich auch heftigster Kritik erwehren. Vor allem von Seiten des Klerus wurde Darwin angefeindet, stellte sein Werk doch die Schöpfungslehre in Frage, und rüttelte damit an den Grundfesten der Kirche. Die Wissenschaft meinte es besser mit ihm. Trotz einiger anfänglicher Kritik, wurde Darwin bald von einem großen Kreis von Wissenschaftlern unterstützt. Dadurch verbreiteten sich die allgemein als Evolutionstheorie bekannten Lehren Darwins, und mündeten bald auch im Sozialdarwinismus, dessen Anhänger vor allem das Recht des Stärkeren innerhalb der Gesellschaft propagierten.

Zu den Unterstützern Darwins, die halfen seine Lehren zu etablieren, gehörte auch der Biologieprofessor Thomas Henry Huxley. Huxley war einer der ersten der die Lehren von Darwin unterstützte, wenngleich er sie keinesfalls unkritisch aufnahm. Dennoch setzte er sich so leidenschaftlich für Darwins Grundidee ein, dass er sich den Spitznamen Darwins Kampfhund (Bulldog) einhandelte. Im Jahre 1884 sollte dieser inzwischen fast 60jährige Mann, den Weg des 18jährigen Studenten Herbert George Wells kreuzen. Wells bezeichnete den Tag als er die Normal School of Science in London zum ersten Mal betrat, im Nachhinein als einen der größten Tage seines Lebens (Wells, Autobiography 199). Wells belegte Kurse in Biologie und Zoologie bei Huxley und war von dessen Unterricht begeistert:

„This biological course of Huxley`s was purely and strictly scientific in its character“ (Wells , Autobiography 203 ).

Wells war tief beeindruckt von der Ausstrahlung und den Lehren dieses Mannes. Zwar dauerte der Kurs nur ein Jahr und die Nachfolger Huxleys konnten Wells Feuer für die Wissenschaft nicht am kochen halten, doch sollte dieses Jahr dennoch eine signifikante Bedeutung für den weiteren Weg von Wells haben.

Auch wenn die Biologie am stärksten durch die Lehren Darwins und Huxleys beeinflusst wurde, so hatten diese beiden Männer im Rückblick betrachtet einen sicher nicht beabsichtigten Einfluss auf das Genre der Science-Fiction Literatur. Denn wenn auch Wells die Normal School of Science in London bald wieder verließ, so hatte er durch die Schriften Darwins und den Unterricht bei Huxley ein Interesse für Biologie und die Evolution entwickelt, welches alle seine frühen „Romanzen“ prägen sollte. Indirekt kann man sie sogar als Initiatoren dieses Genres betrachten, denn trotz den Geschichten von Jules Verne, die schon viele Elemente der heute bekannten Science-Fiction beinhalteten, gilt Wells als Begründer der modernen Science-Fiction, und hätte seine Werke sicher nicht ohne die Begeisterung für Darwin und Huxley geschrieben. Sowohl in Krieg der Welten (Orig. War of the Worlds) als auch in Die Insel des Dr. Moreau (Orig. The Island of Dr. Moreau), thematisiert er Möglichkeiten eines Eingriffs in die Evolution von außen. Aber bereits sein erstes Werk Die Zeitmaschine (Orig. The Time Machine) beschäftigte sich vornehmlich mit den Möglichkeiten des Verlaufs der Evolution.

Die Zeitmaschine war der große Durchbruch als Autor. Für Wells kam dieser Erfolg keinen Moment zu früh, kämpfte er doch zu diesem Zeitpunkt quasi seinen eigenen „Kampf ums Dasein“. Seit Jahren lebte der inzwischen 28jährige Wells am Rande des Existenzminimums, und versuchte sich unter anderem als Lehrer und Autor. In seiner letzteren Funktion hatte er bereits in den 1880er Jahren im Science Schools Journal eine Geschichte mit dem Titel The Chronic Argonauts veröffentlicht. Aus dieser Geschichte entwickelte sich sukzessive der Roman Die Zeitmaschine. Im Jahre 1895 veröffentlichte die Zeitung The New Review schließlich Die Zeitmaschine. Sie erschien in 5 Ausgaben, unterteilt in ebenso viele Abschnitte. Noch im selben Jahr wurde Die Zeitmaschine auch als Buchform bei den Verlagen Heinemann in London und Holt in New York veröffentlicht (Williamson 51).

Bei den Lesern war der Roman ein voller Erfolg, und auch die Kritiker waren Wells weitgehend wohl gesonnen. So lobte z.B. Richard Holt Hutton in der Zeitung Spectator Wells Buch als „ a very clever story“ (Hutton 34). Vor allem priesen die Kritiker den faszinierenden Aspekt der Zeitreise, aber sie erkannten auch wie gekonnt sich Wells den Möglichkeiten der Evolution annahm. In einer Kritik deren Autor nicht mehr genau zu bestimmen ist, wird dieser Aspekt überschwänglich gelobt:

His invention of the Time Machine was good, but his description of the ultimate evolution of society into the aristocrats and the capitalists who live on the surface of the earth in the sunshine, and the toilers who are doomed to live in the bowels of the earth in black darkness, in which they learn to see by the evolution of huge owl-like eyes, is gruesome and horrible to the last point (Unsigned Notice, Man of Genius 33).

Der beschriebene Teil stellt den Mittelteil des Buches dar, und ist jener welchen ich hier hauptsächlich thematisieren werde. Wells machte sich in seinem Porträt der Eloi und der Morlocks, so die Namen der menschlichen Nachfahren, nicht nur Gedanken in welche Richtung sich das viktorianische England entwickelt, sondern auch welche biologischen Änderungen die Menschheit im Laufe der Evolution erfahren muss. Geschickt benutzt er Darwins Theorien, um eine „Was wäre wenn“ Geschichte für die Menschheit zu stricken.

Der Einfluss von Darwins und Huxleys Erkenntnissen sollte aber noch weiter reichen. Der Affe war ja ein besonderer Teil der Evolutionslehre gewesen. Darwin hatte herausgestellt, dass Affen und Menschen wohl von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Huxley hatte eine intensive Studie der physischen und psychischen Merkmale des Affen vorgenommen. Einen dieser Aufsätze hatte Darwin sogar in seine 1874er Auflage von Die Abstammung des Menschen involviert (Descent 231-240). Aufgrund der gemeinsamen Vorfahren, konnte man also durchaus die folgenden Fragen stellen: Hätte die Evolution anders verlaufen können? Könnte womöglich heute auch eine affenähnliche Spezies an der Spitze der Evolution stehen?

Diese Fragen thematisierte schließlich der französische Autor Pierre Boulle in seinem 1963 erschienenen Buch La Planéte des Singes. Ein Buch welches die Möglichkeit von Affen auf der obersten Sprosse der Evolutionsleiter darstellte, erregte natürlich auch die Aufmerksamkeit amerikanischer Filmproduzenten. Trotz einigerSchwierigkeiten, fand die Verfilmung von La Planéte des Singe s, 1968 unter dem Titel Planet der Affen (Orig. Planet of the Apes) den Weg auf die Kinoleinwand. Der Filmwurde ein Riesenerfolg, und sollte zu einem modernen Klassiker des Science-Fiction Kinos werden. Über 70 Jahre nach H. G. Wells` Roman Die Zeitmaschine hatte wieder eine Geschichte die Menschen begeistert, welche den Fall des Menschen von der Evolutionsleiter thematisierte.

Die folgende Arbeit wird beide kurz vorgestellten Klassiker der Science-Fiction miteinander vergleichen. Dabei wird analysiert werden, wie auf unterschiedliche Weise nicht nur die Position des Menschen als führende Spezies der Evolution infrage gestellt wird, sondern auch wie beide Werke versuchen dem Menschen eine Warnung zukommen zu lassen. Die Warnung, dass der Weg auf der Evolutionsleiter keineswegs für alle Zeiten nach oben führen muss. Verschiedene Umstände können nämlich auch zum Fall von dieser Leiter führen.

Ich werde mich zunächst kurz der Theorie von Charles Darwin widmen, und zeigen welche verschiedenen Möglichkeiten sich durch diese für den Menschen, in Bezug auf den Verlauf der Evolution, bieten. Dabei werden auch die Überlegungen Huxleys in seinem Werk Evolution und Ethics eine wesentliche Rolle spielen. Davon ausgehend, werde ich skizzieren wie diese Möglichkeiten in der Science-Fiction Literatur und dem Science-Fiction Kino thematisiert wurden. Nach dieser Einführung in die biologischen Aspekte und deren Thematisierung in der Science-Fiction, werde ich mich der Analyse widmen, wie H.G. Wells mit Darwins und Huxleys Ansichten in Die Zeitmaschine verfahren ist. Der abschließende Abschnitt dieses ersten Kapitels wird sich dann mit der Stellung der Affen in der Natur befassen. Es wird in diesem Kapitel vornehmlich geklärt werden, warum der Mensch die Spitze der Evolution darstellt, und ob die Möglichkeit besteht diese Stellung auch wieder zu verlieren.

Das zweite Kapitel der Arbeit wird sich dann dem Filmphänomen Planet der Affen zuwenden. Wie wird hier abermals das Thema der Evolution verwendet, um der aktuellen menschlichen Gesellschaft eine Warnung zukommen zu lassen?

Das abschließende Kapitel nimmt dann direkte Vergleiche zwischen den Elementen beider Geschichten vor. Es werden Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten deutlich werden, wie beide Geschichten versuchen den Lesern bzw.Zuschauern deutlich zu machen, in welche missliche Lage die Menschheit geraten kann.

Um diese schrecklichen Aspekte deutlich zu machen, wurden die Protagonisten, ebenso wie die futuristischen Gesellschaftsstrukturen, unter bestimmten Gesichtspunkten kreiert. Dabei wird auch mit einer bestimmten Symbolik gearbeitet, umeine möglichst schockierende Wirkung zu erzielen, und damit die Warnung zu unterstreichen. Es ist weiter meine Intention zu zeigen, dass Science-Fiction keinesfalls ein belächeltes Genre sein sollte. Bücher wie Die Zeitmaschine und Filme wie Planet der Affen erfüllen eine sehr wichtige Funktion für die Gesellschaft. Sie heben die Verwundbarkeit des Menschen hervor und regen dazu an, die eigene Gesellschaft kritisch zu betrachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Die Zukunft als darwinistischer Albtraum: Aus der einen Hälfte der Menschheit sind die affenähnlichen Morlocks entstanden. Das Bild zeigt eine Szene aus der Verfilmung von The Time Machine aus dem Jahre 2002 von Regisseur Simon Wells.

Kapitel 1: Die Evolution und ihre Einflüsse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a) Die Evolutionstheorie und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten

Ich werde nun kurz die weithin bekannten Theorien von Charles Darwin skizzieren. Dabei geht es mir nicht um eine genaue Untersuchung, ob und inwieweit einzelne Aspekte der Theorie heute noch der Wahrheit entsprechen. Ich werde in dieser Vorstellung von Darwins Theorien auch nicht detailliert auf Vorgänger wie Lamarck und Malthus eingehen. Auch Alfred Wallace Russel, der seine eigenen Theorien zur natürlichen Auslese fast zeitgleich zu Darwin darstellte, werde ich weitgehend ignorieren. Ich möchte Darwins Theorien lediglich als Ausgangspunkt nehmen, um zu zeigen welche Möglichkeiten sich daraus für die Entwicklung des Menschen, und damit auch für die Science-Fiction Literatur ergeben. Schließlich bildeten Darwins Ausführungen auch den Ausgangspunkt für Wells, bei der Schaffung seiner futuristischen Gesellschaft in Die Zeitmaschine. Als zweiten wichtigen Ansatzpunkt verfolge ich einige von Thomas H. Huxleys Ausführungen in seinem Buch Evolution and Ethics. Wie ich ja in der Einleitung deutlich gemacht habe, hatte der Unterricht Huxleys einen nicht unerheblichen Einfluss auf den jungen Menschen H. G. Wells. Die Ansichten, die Huxley in diesem Buch über den Verlauf der Evolution äußert, spiegeln einige sehr wichtige Aspekte wider, die Wells auch für sein Buch Die Zeitmaschine berücksichtigte.

Wenden wir uns nun den Theorien Darwins zu, und seinen Ausführungen warum die Menschheit die Spitze der Evolutionsleiter erklommen hat. Darwins Die Entstehung der Arte n war 1859 erstmals erschienen und ein voller Erfolg. In weiteren Werken führte er seine Themen, die er in Die Entstehung der Arten schon eingeführt hatte, noch weiter aus. Was waren nun die Kernthesen, die einerseits den Klerus in Aufruhr versetzten, andererseits die Biologie revolutionierten? Eine der am häufigsten diskutierten, und auch für diese Untersuchung die wichtigste, ist sicherlich der „Kampf ums Dasein“. Was verstand Darwin darunter?

„A struggle for existence inevitably follows from the high rate at which all organic beings tend to increase“ (Origin 50).

Er definiert es also, als das Bedürfnis aller Lebewesen sich möglichst zahlreich zu vermehren. Inwieweit ist dies nun wichtig für die Entwicklung des Menschen und seinen Aufstieg auf der Evolutionsleiter? Eine weitere Hypothese auf der Darwins Evolutionstheorie aufgebaut ist besagt, dass die Welt nicht unveränderlich ist, sondern sich kontinuierlich verändert. Davon ausgehend, musste sich der Mensch also stattfindenden Veränderungen anpassen, und er muss dies so gut getan haben, dass er heute die führende Spezies auf der Erde ist. Auch Darwin stellte 1871 die Spitzenstellung des Menschen auf der Erde heraus:

Man in the rudest state in which he now exists is the most dominant animal that has ever appeared on earth. He has spread more widely than any other highly organised form: and all others have yielded before him. (Descent 67)

Damit stand für Darwin also fest, dass der Mensch in seinem damaligen Zustand bereits die Spitze der Evolution darstellte. Dafür muss man eine erfolgreiche Gestaltung des „Kampf ums Dasein“ voraussetzen. Wie aber läuft der „Kampf ums Dasein“ ab, und warum konnte der Mensch daraus bisher so erfolgreich hervorgehen? Schauen wir uns daher zunächst an, wie laut Darwin, der „Kampf ums Dasein“ in der Natur vonstatten geht. Dafür sollte man zunächst die grundlegenden Elemente dieses Kampfes ins Auge fassen.

„ Evolution bedeutet, daß Vererbung und Selektion sich entfalten und gemeinsam den Teppich des Lebens knüpfen“ (Rose 119).

So erklärt Michael R. Rose, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität von Kalifornien, den Vorgang der Evolution. Mit der Vererbung und der Selektion nennt er damit auch die beiden wesentlichen Elemente des „Kampf ums Dasein“, als maßgeblich für den Ablauf der Evolution. Genau dies sind nämlich die ausschlaggebenden Kräfte, die in diesem Kampf wirken. Darwin sieht ja diesen Kampf als notwendige Folge des stark entwickelten Strebens aller Lebewesen sich zu vermehren. Würde dies ohne Hindernisse vonstatten gehen, so stellt Darwin fest, würde die Zahl der Nachkommen exponentiell so stark zunehmen, dass kein Land dazu in der Lage wäre, für alle die nötige Nahrung bereitzustellen. In einfachen Worten lässt sich das so zusammenfassen:

Die Erde hat nicht genug Nahrung für alle Lebewesen, wenn diese sich uneingeschränkt fortpflanzen können. Also muss um die vorhandenen Ressourcen eine Art Ausscheidungskampf stattfinden. Diese Erkenntnis Darwins hatte in der Lehre von Malthus in der Tat einen Vorläufer. Dieser thematisierte in seinem Buch Essay on the Principle of Population dass der Bevölkerungswachstum exponentiell steigt, die Nahrung aber nur linear. Daher drohe eine Überbevölkerung der Erde, auf der dann nicht mehr alle genug Nahrung hätten. Darwin selbst stellt heraus, dass er diese als Bevölkerungsgesetz bekannte Theorie, in verstärkter Form auf das Tier – und Pflanzenreich übertrug (Origin 51). Wer geht aus diesem Kampf aber erfolgreich heraus? Etwas vereinfacht ausgedrückt, derjenige welcher von der Evolution begünstigt wird.

Darwin hatte bei seiner Reise mit der H.M.S. Beagle auf die Galapagos Inseln zahllose Exemplare von verschiedenen Tieren gesammelt. Nach seiner Rückkehr, arbeitete er daran diese zu klassifizieren. Bei diesen Klassifizierungen, wurden Darwin die vielen unterschiedlichen Variationen der Arten gewahr. Mit der Schöpfungslehre war dies nicht länger zu erklären. Diese verschiedenen Variationen einer Art konnten nicht in einer statischen Welt des Lebens entstanden sein. Die wahrscheinlichste Erklärung war, dass diese Arten gemeinsame Vorfahren hatten. Damit hatte Darwin einen weiteren Baustein für den Aufbau seiner Theorie gefunden: Die Vererbung.

Wie wirken nun Vererbung und Variation beim „Kampf ums Dasein“? Als häufigste Anlässe für Veränderungen sieht Darwin physikalische Wechsel, wie z.B. beim Klima oder der Einwanderung neuer Arten in ein Gebiet. Im ersten Fall werden sich die dort lebenden Wesen den veränderten Gegebenheiten anpassen müssen. Einzelne Arten werden dies nicht schaffen, und bei einer solchen Veränderung im Klima aussterben (Origin 64). Im zweiten Fall wird es zu einer Veränderung der Beziehung unter der bisherigen Bewohnerschaft kommen. In solchen Fällen kann eine Veränderung bei einer Art, zum Vorteil über eine andere führen. Wenn zum Beispiel ein Lebewesen einen langen Hals hat, und damit leichter an Früchte in der Baumkrone gelangt, kann es damit einen Vorteil gegenüber anderen Bewohnern dieses Gebietes haben. Da sich diese physische Eigenschaft vererbt, wird diese Art damit, für unter Umständen viele Generationen, einen Vorteil gegenüber anderen Arten in diesem Gebiet haben. Die Variationen innerhalb einer Generation sind aber begrenzt, so dass eine sichtbare Veränderung mehrere Generationen benötigt. Michael R. Rose erläutert dies wie folgt:

Hat ein Organismus seine Eigenschaften hinsichtlich Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeit verbessert, dann wird sein Beitrag zur nächsten Generation wahrscheinlich auch größer sein. Weist umgekehrt ein Organismus irgendwelche Schwächen auf, die das Überleben oder dieReproduktion betreffen, dann wird sein Beitrag geringer ausfallen (83).

Somit wirken sich also positive physische Merkmale auf die Überlebensfähigkeit, und damit auf den Grad der Fortpflanzungstätigkeit aus. Daher werden sich begünstigte Arten im Laufe der Zeit stärker vermehren, während viele andere Arten aussterben, und damit als Verlierer aus dem „Kampf ums Dasein“ hervorgehen.

Zwar gab es auch einige Einwände gegen Darwins Theorie, wie das Fehlen von Zwischenstufen, aber viele dieser Gegenargumente konnten entkräftet werden, so dass Darwins ausgearbeitete Hypothesen sich in der Tat meist als richtig erwiesen. Darwin selbst räumte ein, dass nicht alle Variationen eine Folge der natürlichen Zuchtwahl und des „Kampf ums Dasein“ sind.

Wir haben nun einen der Kernpunkte von Darwins Ausführungen über die Evolution gesehen. Von der Natur begünstigte Arten setzen sich durch, andere werden zurückgedrängt oder sterben eventuell ganz aus. Der Mensch hat sich, wie ja auch Darwin eingeräumt hat, unbestritten an die Spitze der Evolution gesetzt. Daher ist es notwendig, die Gründe für diesen Aufstieg des Menschen darzulegen. Wenn auch der Mensch also ein Teil dieses Kampfes ist, so muss auch er im Laufe der Jahrmillionen Variationen erfahren haben, die ihm zu seinem heutigen Status als „dominierendem Tier“ verholfen haben. Was waren also, laut Charles Darwin, die Gründe für diesen Aufstieg an die Spitze der Evolution?

Es ist auch heute längst nicht alles über die Entwicklung des Menschen, und seiner sämtlichen Vorfahren bekannt. Doch am Anfang der Entwicklung zum heutigen Menschen stand, da ist sich die Wissenschaft weitgehend einig, dass sich irgendwann ein Affe aufrichtete. Die Bipedie (Zweibeinigkeit) war die Folge hiervon. Die Spekulationen darüber warum der Mensch zum aufrechten Gang überging, sind auch heute noch umstritten. Da sich aber anscheinend auf verschiedenen Kontinenten unabhängig der zweibeinige Gang entwickelte, schließt man auch nicht aus, dass unterschiedliche Gründe für diese Entwicklung verantwortlich sein könnten. Zu den populärsten Annahmen zählen, dass der Mensch handwerkliche Arbeiten besserdurchführen konnte, dass er im Wasser besser nach Nahrung suchen und vor eventuellen Feinden fliehen konnte oder auch die Ansicht, dass er, mit der Entstehung der Savanne, sich schneller fortbewegen konnte. Für Darwin stand jedenfalls unumstößlich fest:

Man alone has become a biped; and we can, I think, partly see how he has come to assume his erect attitude, which forms one of his most conspicious characters. Man could not have attained his present dominant position in the world without the use of his hands, which are so admirably adapted to act in obedience to his will. Sir C. Bell insists that the hand supplies all instruments, and by its correspondence with the intellect gives him universal dominion (Descent 71).

Ohne Frage, erwies der aufrechte Gang dem Menschen beim Prozess der Evolution einen großen Dienst. Denn nun waren die Hände frei, um sich Werkzeuge und Waffen herzustellen und er war nicht mehr in dem Maße auf seine eigenen Körperkräfte angewiesen, wie zuvor. Louis de Bonis, Professor für Paläontologie an der Universität Portiers, fasst den Dienst, den der aufrechte Gang dem Menschen erwiesen hat, so zusammen: „Die Evolution des Menschen nahm einen radikal anderen Weg. In seinem Fall entstand genau das Gegenteil von Spezialisierung: Er ist ein Generalist (Evolution der Primaten 8) .

Mit den freigewordenen Händen konnte sich der Mensch also nun Waffen und Werkzeuge herstellen. Dies war der Beginn einer technischen Evolution, die bis heute anhält. Die Folge war die zunehmende Kontrolle der Umwelt durch die Menschen. Dadurch änderte sich seine Welt grundlegend und er war nicht länger hilfloses Opfer. Dennoch könnte er die Welt natürlich nicht in dem Maße beherrschen, wenn er hier in seiner Entwicklung stehen geblieben wäre. Der aufrechte Gang und die Herstellung von Werkzeugen waren vielmehr Initiatoren einer weiteren Reihe von Entwicklungen, durch die der Mensch die Spitze der Evolution erklomm.

Das Gehirn des Menschen war natürlich ebenfalls ein wesentlicher Faktor bei diesem Aufstieg. Was das angeht, ist man aber ebenfalls noch auf allerlei Vermutungen angewiesen. Wann begann die Größe des Gehirns beim Menschen zu wachsen? Und was waren die Gründe dafür? Die wechselseitige Einflussnahme von aufrechtem Gang und Vergrößerung des Gehirns ist jedoch mittlerweile weitgehend akzeptiert. Darwin unterstreicht den Einfluss der Gewichtszunahme des Gehirns, auf die Entwicklung des aufrechten Ganges.

„ The gradually increasing weight of the brain and skull in man must have influenced the development of the supporting spinal column, more especially whilst he was becoming erect” (Descent 75).

Nun kann man umgekehrt daraus schließen, dass auch der Mensch seine Fertigkeiten im Herstellen von Werkzeugen nur dann verfeinern konnte, wenn er seine Gehirnleistung verbessern konnte. So muss hier eine Wechselwirkung stattgefunden haben. Darwin hebt hervor, dass die Größe des Gehirns und die intellektuellen Fähigkeiten in unmittelbarer Verbindung zueinander stehen.

The belief that there exists in man some closer relation between the size of the brain and the development of the intellectual faculties is supported by the comparison of the skull of savage and civilised races, of ancient and modern people, and by the analogy of the whole vertebrate series ( Descent 74)

Durch die Herstellung von Werkzeugen und Waffen wurde der Mensch zunehmend unabhängig von seinem eigenen Körper, lernte die Natur stärker zu kontrollieren und erlangte gleichsam einen zunehmenden Anstieg im Intellekt. Hier sei noch einmal betont, dass sich dieser Prozess über einen Zeitraum von Millionen von Jahren abspielte. Die hier skizzierte Entwicklung ist vom biologischen Standpunkt auch eher ungenau, da viele Arten aus der Familie des Menschen (Hominiden) im Laufe der Jahre ausgestorben sind, die zunächst durchaus noch Teil dieser Entwicklung waren. Auf verschiedene andere Gattungen wie z.B. den Neandertaler, soll an dieser Stelle aber nicht eingegangen werden. Wenn ich hier vom Menschen spreche, beziehe ich mich dabei immer ausschließlich auf das Endprodukt Homo sapiens. Den direkten Vorfahren aus denen dieser Homo sapiens hervorging, fehlten nun nur noch wenige Eigenschaften, die den Menschen schließlich zum „ dominierenden Tier“ machten.

Natürlich muss man an dieser Stelle auch auf die Zähmung des Feuers zum Sprechen kommen. Auch dieses stellt eine Art Werkzeug dar, da es dem Menschen erlaubte die Tiere durch seinen Gebrauch fern zu halten, und eine neue Art der Nahrungsaufnahme bewirkte. Es begünstigte nämlich die Aufnahme gekochter fleischlicher Nahrung. Umstritten ist hier aber auch, ab wann dem Menschen dies zur Verfügung stand. Ernst Mayr meint, wenn es tatsächlich so wichtig gewesen sei, müsste es unseren Vorfahren zu einem recht frühen Zeitpunkt zur Verfügung gestanden haben. Genaue Erkenntnisse über den Zeitpunkt gibt es aber nicht. (Mayr 300). Jedenfalls muss sich die Abkehr von rohem Fleisch auch auf die Konstituierung des Schädels, und somit auf die physische Entwicklung des Menschen ausgewirkt haben.

Ein Merkmal, das den Menschen gewiss von allen anderen Bewohnern der Erde unterscheidet, ist seine Fähigkeit die artikulierte Sprache zu gebrauchen. Darwin ist sich sicher, dass auch Tiere nicht gänzlich ohne eine Sprache sind. So merkt er z. B. an, dass Affen über ein umfangreiches Repetoire an Gesten verfügen, und sogar das Bellen von Hunden durchaus als eine Sprache verstanden werden kann. Weiter sagt er aber: „The habitual use of articulate language is, however, pecular to man“ (Descent 107).

Die Sprache scheint also das deutlichste Merkmal zu sein, was den Menschen vom Rest des Tierreiches abhebt. Wie ist der Mensch nun zur Sprache gelangt? Auch hier kann man davon ausgehen, dass es eine Folge der vorher eingetretenen Entwicklungen war. Die Intelligenz des Menschen wurde sicher, durch das vermehrte Herstellen immer komplexerer Werkzeuge, zunehmend größer. Außerdem sind die Hominiden wohl nach der Eiszeit zunehmend umher gewandert. Eine der populärsten Theorien über die Entwicklung des Homo sapiens spricht vom Out of Africa Model. Laut diesem Modell, hat sich der Homo sapiens durch eine Auswanderung aus Afrika zunehmend über den Kontinent verbreitet. Durch dieses Umherwandern und das damit verbundene Gemeinschaftsleben, sowie den Handel untereinander, wurde es irgendwann notwendig stärker und differenzierter zu kommunizieren. Winfried Henke und Hartmut Rothe betonen in ihrem Buch Menschwerdung die Tatsache, dass das Zusammenleben in großen Gruppenverbänden den Gebrauch von artikulierten Lauten fördert:

Mit steigender Gruppengröße ist jedoch aus rein zeitlichen Gründen eine intensive gegenseitige physische Kontaktaufnahme aller Gruppenmitglieder nicht mehr gewährleistet, so dass andere Interaktionen kompensierend hinzutreten müssen. Der akustischen Kombination wird in diesem Zusammenhang eine erhebliche Bedeutung beigemessen (116).

In solchen Gemeinschaften muss die Stimme wohl zunehmend benutzt worden sein. Laut Darwin, muss dies dann Auswirkungen auf die Entwicklung der Stimmorgane gehabt haben:

As the voice was used more and more, the vocal organs would have been strengthened and perfected through the principle of the inherited effects of use; and this would have reacted on the power of speech. But the relation between the continued use of language and the development of the brain, has no doubt been far more important (Descent 110).

Neueste Erkenntnisse lassen freilich auch darauf schließen, dass sich vor ca. 200 000 Jahren beim Homo sapiens das so genannte Sprachgen FOXP2 verbreitet hat und er infolgedessen die artikulierte Sprache entwickeln konnte (Kramer 151). In jedem Falle war die artikulierte Sprache einer der letzten Schritte, der es dem Menschen ermöglichte, seine Herrschaft über die Erde auszuüben.

Der nächste Fortschritt war dann die Schrift. Diese gestattete es den Menschen sich nicht nur untereinander zu verständigen, sondern ihre Gedanken auch über die Generationen weiterzugeben. Wissen konnte somit konserviert werden und ging nicht verloren. Wenn wir aber davon ausgehen, dass die ältesten Zeugnisse von Schriften zutreffen, wurde zum ersten Mal vor etwa 5400 Jahren in Mesopotamien eine Schrift entwickelt (Bonis, Evolution des Menschen 138). Von der Herauskristallisierung des Homo sapiens als dominierende Lebensform, bis zur Entwicklung der Schrift, sind also noch einmal 1 bis 200 000 Jahre ins Land gegangen. Es war also ein Prozess von mehreren Millionen Jahren, bis der Mensch all die grundlegenden Fähigkeiten besaß die wir heute kennen, und die ihn an die Spitze der Evolutionsleiter bringen sollten.

Der Mensch setzt sich also durch den aufrechten Gang, seine intellektuellen Fähigkeiten verbunden mit der Gehirngröße, sowie seinen Gebrauch der artikulierten Sprache und deren schriftlicher Form vom Rest der Tierwelt ab. Ist der Mensch deshalb etwas besonderes, und daher kein Teil mehr dieser Tierwelt? Kann er daher für sich eine eigene Klassifizierung beanspruchen? Charles Darwin beantwortete diese Frage vor über einem Jahrhundert mit „nein“.

Wie wir im späteren Abschnitt welcher den Affen thematisiert noch sehen werden, ähneln Menschenaffen in vielen ihrer wesentlichen Eigenschaften dem Menschen. Auch Charles Darwin wies immer wieder auf die Ähnlichkeiten mit den Menschenaffen hin. Dabei nannte er vor allem die Beschaffenheit des Körperbaus und die Ähnlichkeiten im Bau des Gehirns. Über das Bedürfnis des Menschen sich als eigene Art zu klassifizieren, urteilte er etwas spöttisch:

„ If man had not been his own classifier, he would never have thought of founding a separate order for his own reception” (Descent 176).

Mit anderen Worten gehört der Mensch in die Reihe der Primaten und nicht in eine eigens kreierte Kategorie. Affen und Menschen besitzen nämlich wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Der Genetiker André Langaney soll einst lapidar auf die Anmerkung „der Mensch stamme vom Affen ab“, entgegnet haben:

„ Der Mensch stammt nicht vom Affen ab, denn er ist nun einmal ein Affe“ ( zit. in Bonis, Evolution der Primaten 10).

Laut diesen Folgerungen, kann man also darauf schließen, dass der Mensch ein vollwertiges Mitglied des Tierreiches der Erde ist. Dennoch hat er sich Werkzeuge und Maschinen geschaffen, mit denen er die Fähigkeit besitzt die Natur zumindest teilweise zu kontrollieren. Ist nicht anzunehmen, dass der Mensch noch bessere Mittel entwickeln wird, um der Natur endgültig die Stirn zu bieten? Findet nur noch eine Evolution auf technischer Ebene statt, und der Mensch hat sich außerhalb des kosmischen Prozesses gestellt? Untersuchen wir, ausgehend von Darwins Evolutionstheorie, nun die weiteren Möglichkeiten für die zukünftige Entwicklung des Menschen.

Wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, hat die Science-Fiction in den über 100 Jahren seit dem Erscheinen von Die Zeitmaschine, sich das Evolutionsthema vielfach zum Anlass genommen „Was wäre wenn Geschichten“ zu stricken, die Darwins Theorien als Ausgangspunkt nahmen, und die Entwicklung des Menschen weitererzählten. Welche Szenarien sind dabei möglich?

Der Körper des Menschen hat sich, wie bereits schon erwähnt, seit längerer Zeit nicht mehr verändert. Dennoch ist auch diese Ansicht relativ, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich der Prozess der Evolution des Menschen über Millionen Jahre erstreckt hat. Also ist es legitim, von einer weiteren Veränderung der physischen Gegebenheiten des Menschen auszugehen. Änderungen z.B. im Klima, könnten den Menschen ja durchaus zu einer weiteren Anpassung zwingen. Verschiedene Szenarien in der Science-Fiction gehen ja noch weiter, und sehen die Evolution soweit fortschreiten, dass der Mensch irgendwann die körperliche Form ganz verlässt, und nur noch als körperloses Wesen existiert. Dadurch würde er dann auch vor den Gefahren seiner Umwelt endgültig gefeit sein. Auch die Möglichkeit eines Einflusses auf die Evolution von außen, wird immer wieder erwogen. Kann der Mensch künstlich in seine eigene Evolution eingreifen? Kann er sich selbständig verbessern, und damit der Natur einen Schritt voraus sein? Oder findet eine Evolution tatsächlich nur noch auf der technischen Ebene statt? Viele Werke der Science-Fiction setzen quasi die Steigerung der menschlichen Hilfsmittel ins Unermessliche voraus.

All diese Szenarien gehen von einem mehr oder weniger positiven Verlauf der Evolution aus. Zwar wird auch der Eingriff des Menschen in den Verlauf der Evolution immer wieder kritisch hinterfragt, doch wird ja, bei all den genannten Möglichkeiten, zumindest angenommen, dass der Höhepunkt der Evolution noch nicht erreicht ist, und der Mensch sich immer weiter in eine mehr oder weniger positive Richtung entwickelt. Doch wie wir in dieser Arbeit ja noch sehen werden, war die Science-Fiction seit H. G. Wells auch immer wieder dazu in der Lage, den unermesslichen Fortschritt in Frage zu stellen. Den Grundstein für einen kritischen Umgang mit dem menschlichen Entwicklungsprozess hat sicher auch Professor Huxley gelegt.

Huxley, ein bekannter Zoologe, war ja nun als „Darwins Kampfhund“ bekannt. Er verteidigte Darwins Lehren mit einer Leidenschaft, die ihresgleichen suchte. Legendär sind dabei seine Auseinandersetzungen mit dem Bischof von Oxford Samuel Wilberforce, und auch mit Robert FitzRoy, dem Kapitän der H.M.S. Beagle.

Huxley wusste um die Richtigkeit von Darwins Theorie, und setzte sich daher auch mit den Folgen auseinander, die sich dadurch für die Menschheit ergaben. Wie Stover herausstellt, sah Huxley einen Dualismus zwischen ethischem und kosmischem Prozess (History 127). Die menschliche Gesellschaft ist also nicht zwangsweise Teil des

Evolutionsschemas, sondern kann sich unabhängig von dem in der Natur ablaufenden Fortgang der Evolution entwickeln. Huxley stimmt den Theorien Darwins zu, unterstreicht aber gleichfalls, dass sich der Mensch über seine animalischen Instinkte hinaus entwickeln kann. Huxley glaubte somit, dass sich der Mensch gegen den kosmischen Prozess stellen muss. So führt er aus:

„Let us understand, once and for all, that the ethical progress of society depends, not on imitading the cosmic process...but in combating it” (zit. in Stover 127).

Huxley hat Darwins Theorien vom Prozess der Evolution voll akzeptiert. Anders als Darwin aber ist Huxley nicht vollends davon überzeugt, dass die Evolution sich nur gut für den Menschen auswirkt. Darwin hatte ja in Die Entstehung der Arten von einer Entwicklung des Menschen, bis hin zur Perfektion gesprochen (Origin 368). Huxley stellte sich also gegen diese Annahme, und sah die Möglichkeit eines Falles des Menschen von der Evolutionsleiter. In Evolution und Ethics merkt er über den Prozess der Evolution an:

And again, it is an error to imagine that evolution signifies a constant tendency to increased perfection. That process undoubtedly involves a constant remodelling of the organism in adaption to new conditions; but it depends on the nature of those conditions whether the modifications effected shall be upward or downward. Retrogressive is as practicable as progressive metamorphosis (247).

Laut Huxley, muss der Prozess der Evolution also keineswegs nur vorwärts verlaufen. Eine Rückentwicklung ist durchaus möglich. Huxley geht davon aus, dass auch Entwicklungen eintreten können, die für eine komplexe Lebensform wie den Menschen schädlich sind.

If our globe is proceeding from a condition in which it was too hot to support an but the lowest living thing to a condition in which it will be too cold to permit of the existence of any others, the curse of life upon its surface must describe a trajectory like that of a ball fired from a mortar; and the sinking half of that course is as much part of the general process of evolution as the rising (Evolution and Ethics 247-248).

Huxley sieht den Prozess der Evolution also sehr viel pragmatischer als Darwin selbst. Die Umstände können sich nämlich auch zum Nachteil für eine komplexe Lebensform entwickeln. Wenn der Verlauf der Evolution eine gewisse Zeit nach oben weist, kann es auch irgendwann wieder nach unten gehen. Daher spricht Huxley vom Entgegenstellen des Menschen gegen den kosmischen Prozess. Denn wenn ihm dies gelingt, kann der kosmische Prozess der Menschheit nicht mehr gefährlich werden. Dabei sieht er Moral und Ethik, als wesentliche Mittel des Menschen an:

He tries to escape from his place in the animal kingdom, founded on the freedevelopment of the principle of non-moral evolution, and to establish a kingdom of Man, governed upon tile principle of moral evolution. For society not only has a moral end, but in its perfection, social life, is embodied in morality (Evolution and Ethics 252).

Huxley bedachte also bereits vor über 100 Jahren, eine Entwicklung die den Menschen von dem in der Natur ablaufenden Prozess wegführen kann. Doch wie bereits in dem obigen Zitat deutlich wird, sah er nicht die technische Entwicklung als beste Möglichkeit die Natur zu kontrollieren an, sondern die moralische Entwicklung sollte den Menschen schließlich zu mehr als einem Teil des Tierreiches machen. Ein idealer Staat könnte die Menschheit dieses Ziel erreichen lassen:

A state when, every man having reached the point of absolute self-negation, and having nothing but moral perfection to strive after, peace will truly reign, not merely among nations, but among men, and the struggle for existence will be at an end” ( Evolution and Ethics 255).

Huxley war allerdings auch die Utopie eines solchen Staates klar. Er stellte die Unmöglichkeit einer solchen Welt heraus, solange Nationen sich untereinander bekriegen und der Mensch sich auf der Erde exponentiell ausbreitet. Somit herrscht nämlich immer eine Knappheit der Ressourcen. Wie Darwin, so sucht also auch Huxley den Anschluss an die Theorie von Malthus. Aber nur durch seine moralische Weiterentwicklung, kann der Mensch den „Kampf ums Dasein“ beenden

Dieser abgehandelte Teil der Arbeit sollte einen kurzen Überblick über Darwins Evolutionslehre, und die damit verbundenen Möglichkeiten für die Menschheit geben. Es sollte ersichtlich werden, dass Darwin den Menschen zwar einerseits nur als Tier ansah, aber auf der anderen Seite auch von einem positiven Verlauf der Evolution ausging. Ich habe die Grundlagen vorgestellt, mit denen der Mensch die Spitze der Evolutionsleiter erklommen hat. Was diese Grundlagen betrifft, wird noch die Frage zu klären sein, ob der Mensch diese auch wieder verlieren kann oder ob vielleicht auch andere Gattungen wie die Menschenaffen, sich diese aneignen können. Ich denke, die zurückliegenden Seiten konnten zweifelsfrei die derzeitige Spitzenstellung des Menschen auf der Evolutionsleiter deutlich machen. Es wurde aber auch eine skeptischere Ansicht vorgestellt, die den positiven Entwicklungsprozess keinesfalls als gegeben ansieht. Die Frage ist nun, in welche Richtung sich der Mensch bewegen wird. Wir können natürlich heute noch nicht sagen was die Zukunft bringt, aber die Science-Fiction kann uns Möglichkeiten einer Vor- oder Rückwärtsbewegung des Evolutionsprozesses zeigen.

Der folgende Abschnitt wird nun einige Beispiele zeigen, wie das Thema der Evolution in der Science-Fiction behandelt wurde.

Darwin, Wells und Huxley: Bilder

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: 3mal Charles Darwin. Als junger Mann, als älterer Mann mit seinem bekannten Bart, und als Karikatur, die seine Ansichten über die Beziehung von Affe und Mensch parodiert.(von links nach rechts)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abb. 3: Der Begründer der modernen Science-Fiction und der Mann der ihn, und seine Werke, stark beeinflusste. H.G. Wells und Thomas Henry Huxley (von links nach rechts).

b) Das Evolutionsthema in der Science Fiction

Der vorangegangene Abschnitt hat ja bereits die verschiedenen Möglichkeiten thematisiert, welche sich aus der Evolutionstheorie von Charles Darwin ergeben. Bevor ich mich nun den beiden Hauptwerken widme die in dieser Arbeit analysiert werden sollen, lohnt es sich einen Blick darauf zu werfen, wie die Science-Fiction insgesamt von dem Evolutionsthema Gebrauch gemacht hat, und inwieweit die vorgeschlagenen Prognosen positiv oder negativ waren. Ich werde dabei kurz einige Arbeiten vorstellen, die auf das Genre der Science-Fiction einen ähnlichen Einfluss hatten, wie die noch zu analysierenden Arbeiten Die Zeitmaschine und Planet der Affen.

Ohne dem weiteren Verlauf dieser Arbeit zu weit vorgreifen zu wollen, kann man natürlich die große Skepsis ansprechen, die Wells in Die Zeitmaschine, in Bezug auf den Verlauf der Evolution der Menschheit, ausdrückt. Sehr viel positiver kann man dagegen die Botschaft sehen, die Wells in seinem dritten größeren Werk Krieg der Welten vermittelt, wenngleich er dabei nicht die Entwicklung der Menschheit im Verlaufe einiger hundert tausend Jahre behandelt. Man mag nun fragen, wie eine Invasion von Außerirdischen auf der Erde überhaupt mit Darwinismus und Evolution zusammenhängt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass H.G. Wells Buch nur oberflächlich etwas mit modernen und oft inhaltsleeren Invasionsgeschichten wie Independence Day zu tun hat. In der Tat kommt in Krieg der Welten die Thematisierung des Fortbestehens der Menschheit im Zuge der Evolution, am stärksten zum Tragen. Wells geht in Krieg der Welten sicherlich von der Tatsache aus, dass der Mensch, wie Charles Darwin sagte, das „dominierende Tier“ der Erde ist. Was aber passiert, wenn dem Menschen dieser Platz von einer höher entwickelten Spezies, die von außen eindringt, streitig gemacht wird? Vergleichbar ist dies mit dem Eindringen einer Art, in das Habitat einer anderen. Wie Darwin ja herausstellt, ändern sich so die Verhältnisse in einem Gebiet, und es muss zu einem „Kampf ums Dasein kommen“. In Krieg der Welten kommt es daher zu einem Krieg zweier Spezies.

Die Marsbewohner in Krieg der Welten dringen in die Welt der Menschen ein, und verursachen so einen neuen „Kampf ums Dasein“. Der Unterschied zum Kampf in Natur ist vornehmlich der, dass es hier zu einer direkten gewaltsamen Auseinandersetzung kommt, während in der Natur meist lediglich ein Wettstreit um die vorhandenen Ressourcen stattfindet. Die Marsbewohner scheinen dabei ein Opfer des Evolutionsprozesses in ihrer Heimat zu werden. So wird die Invasion auf der Erde, als ihre einzige Rettung vor der drohenden Vernichtung beschrieben (War of the Worlds 10).

Ihre Operation ist aber, wie der Leser am Ende des Romans erfährt, zum Scheitern verurteilt. Zwar ist der Mensch technisch weit unterlegen, doch hat er sich durch viele Millionen Jahre der Evolution dem Leben auf diesem Planeten angepasst. Diese Aussage am Ende des Romans bietet eine weit positivere Botschaft als in Die Zeitmaschine. Doch werden im Verlauf des Romans auch wieder Ängste deutlich, die Wells schon in Die Zeitmaschine zum Ausdruck brachte.

Dabei geht es vor allem um die Verdrängung eines Teils der Menschen in den Untergrund. Der Artillerist, den der Protagonist im Laufe des Romans kennen lernt, spricht davon, dass ein Teil der Menschheit sich unter die Erde zurückziehen müsse, um dort den Widerstand zu formieren. Dabei drohe allerdings die Gefahr einer Verwilderung und die Umwandlung in eine Art Ratte. (War of the Worlds 182). Hierbei kommt die Furcht zum Ausdruck, die Wells vor einem Leben im Untergrund hatte. Wie wir noch sehen werden, hat er ein solches Leben teilweise selbst beobachtet und es immer wieder als Gefahr für die Menschheit herausgestellt.

Dennoch erringt der Mensch in Krieg der Welten am Ende den Sieg. Dabei zeigt das Ende des Buches, am stärksten die darwinistische Prägung von Wells. Die Beschreibung der Widerstandskraft die der Mensch durch die Evolution entwickelt hat, bietet daher auch einen recht positiven Abschluss. Denn wie Wells schreibt, hat sich der Mensch durch seine Opfer das Erstgeburtsrecht auf der Erde teuer erkauft. Nun ist es an ihm, wie er seine Zukunft weiter gestaltet (War of the Worlds 195).

Für H.G. Wells waren die Möglichkeiten der Evolution Thema aller seiner frühen Romane. Am Ausführlichsten beschäftigte er sich damit sicher in Die Insel des Dr. Moreau. Im Verlauf dieses Romans gelingt es dem Wissenschaftler Dr. Moreau auf einer Insel Kreaturen zu züchten, die zur Hälfte Tier und zur Hälfte Mensch sind. Lange bevor Organtransplantationen zur gängigen Praxis in Krankenhäusern gehörten, thematisierte Wells die Vivisektion von Spezies zu Spezies, und zeigte damit, wie weit er seiner Zeit voraus war. Der Roman stellt dabei immer wieder die Frage was den menschlichen Geist ausmacht und wie schnell eine Rückentwicklung passieren kann, wenn die menschliche Gesellschaft ihre Regeln verliert. Moreau gelingt es nämlich den Kreaturen das Sprechen beizubringen, sowie eine Gesellschaft zu schaffen die auf seinen Regeln basiert und der er selbst als eine Art Gottheit vorsteht. Sprache, Gesetze und Religion sind schließlich wichtige Elemente, die bei der Entstehung der menschlichen Zivilisation eine große Rolle gespielt haben. Doch nach dem Tod Moreaus gelingt es dem Schiffsbrüchigen Prendick nicht mehr, die entstandene Gesellschaft der Tiermenschen zusammenzuhalten. Die Tiermenschen degenerieren wieder in einen Zustand, in dem sie von ihren animalischen Instinkten geleitet werden.

Einerseits zeigt der Roman die Möglichkeit, dass der Mensch eine eigene künstliche Evolution in Gang setzt. Andererseits ist der Ton hier aber sehr viel pessimistischer als in Krieg der Welten, da gezeigt wird, dass jede Gesellschaft eigentlich hauptsächlich durch Regeln und Gesetze zusammengehalten wird. Was passiert aber, wenn diese Gesetze plötzlich nicht mehr existieren? Setzt danach der Niedergang der Menschheit an, so wie bei der Gesellschaft der Tiermenschen im Roman? Die Insel des Moreau unterstreicht jedenfalls, dass nur eine sehr dünne Linie zwischen Bestie und Mensch besteht.

In den letzten 110 Jahren der Science-Fiction Literatur hat sich aber nicht nur H.G. Wells den evolutionären Möglichkeiten angenommen. Wie verheerend eine zu hohe technische Entwicklung sein kann, wird vor allem auch in Aldous Huxleys Schöne Neue Welt (Orig. Brave New World) deutlich. Hier werden die Menschen nach Bedarf gezüchtet und nicht mehr auf natürlichem Wege geboren. All dies dient zur Stabilität einer vordergründig glücklichen Gesellschaft. Durch diese Geburtenkontrolle und Normung der Gesellschaft, hat scheinbar auch der „Kampf ums Dasein“ geendet. Doch schon bald muss der Leser feststellen, dass nicht alle Menschen in dieser Gesellschaft glücklich sind und anders denkende schlicht auf Inseln verbannt werden, wo sie dann in der Isolation leben dürfen. Auch Huxley wirft damit einen kritischen Blick auf die Technisierung der Gesellschaft, sowie die künstliche Veränderung der menschlichen Rasse.

Dem Frankenstein Thema einen künstlichen Menschen zu schaffen, hat sich in moderner Form Isaac Asimov angenommen. In Büchern wie Ich, der Robot ( I, Robot) oder Geliebter Roboter (Earth is Room Enough) nahm er sich der Schaffung künstlicher Menschen an, und fragte sich, inwieweit diese auch Gefühle entwickeln können. Eine Frage, die mittlerweile immer wieder Thema der Science-Fiction ist. Man denke nur an den Androiden Data aus der Fernsehserie Star Trek: Das nächste Jahrhundert (Orig. Star Trek: The Next Generation).

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Details

Seiten
106
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638616348
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70497
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Forschungs-und Lehrbereich Anglistik
Note
2,0
Schlagworte
Fall Evolutionsleiter Eine Analyse Gesellschaften Roman Zeitmaschine Wells Film Planet Affen

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Titel: Der Fall von der Evolutionsleiter: Eine Analyse der Gesellschaften im Roman Die Zeitmaschine von H.G.Wells und dem Film Planet der Affen