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Ostdeutschlands Städte im Wandel. Von der 'sozialistischen Stadt" zur "schrumpfenden Stadt" und zukünftige Perspektiven.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Städtebau in der DDR
2.1 Leitbilder - Anspruch - Verwirklichung
2.2 Gründe für das Scheitern

3. Entwicklung nach der politischen Wende
3.1 Chancen und Risiken der Stadterneuerung
3.2 Schrumpfung auf allen Ebenen?
3.3 Schrumpfung als Vorzeichen eines generellen Epochenwandels?

4. Schrumpfung als neues städtisches Leitbild
4.1 Zum Umgang mit städtischer Schrumpfung - wider die Unumkehrbarkeit der Moderne
4.2 Perspektiven des „Stadtumbau Ost“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 19. Januar 2006 beschloss der deutsche Bundestag, den Palast der Republik in Berlin endgültig abzureißen und durch ein Neubebauung der Spreeinsel, deren Fassade an das im Krieg zerstörte Stadtschloss erinnern soll, zu ersetzen. Die nun seit Jahren andauernde und kontrovers geführte Diskussion um die Zukunft des ungeliebten Bauwerks können stellvertretend stehen für die Debatte um die Stadterneuerung in den neuen Bundesländern seit der Wende. Aus städtebaulicher Perspektive stellt sich die Frage, wie mit dem Vermächtnis von 40 Jahren sozialistischer Stadtplanung umgegangen werden soll, und wie das Erbe nachhaltig in ein vereintes Deutschland integriert werden kann.

Nach einer kurzen Phase der Aufbruchstimmung und der mit der Hoffnung auf „blühende Landschaften“ verbundenen Euphorie, hat sich in Ostdeutschland ein Zusammenwirken verschiedenster Schrumpfungsprozesse bemerkbar gemacht, die den Städten ihre existentielle Basis zu entziehen drohen. Ein rapider Rückgang der Bevölkerungszahlen, Wohnkomplexe mit bis zu 30 Prozent Leerstand, steigende Arbeitslosigkeit und Ausdünnung der wirtschaftlichen Infrastruktur sind hierfür kennzeichnende Stichwörter.

Nun ist das Schrumpfen von Städten keineswegs ein ganz neues Phänomen. Von Hartmut Häußermann und Walter Siebel wurde das Schrumpfen 1987 als unabwendbare Begleiterscheinung postindustrieller Gesellschaften prognostiziert und mit tiefgreifenden Veränderungen in der Produktionsweise erklärt. Im Gegensatz zum Ruhrgebiet etwa wurden die ostdeutschen Städte nach der Wende allerdings auf sehr abrupte und schonungslose Weise in den Zustand des Schrumpfens gestürzt. Außerdem kommen hier weitere, eigenständige Prozesse hinzu, die die Situation gegenüber der restlichen Bundesrepublik erheblich verschärfen. Deshalb ist es angebracht, den Schwund der Städte in Ostdeutschland auf gesonderte Weise zu betrachten.

In der folgenden Arbeit werde ich der Frage nachgehen, welche Prozesse speziell die Transformation ostdeutscher Städte nach der Wende beeinflusst haben und welche Perspektiven sich für den Umbau anbieten. Dabei gehe ich davon aus, dass soziale Integration, Nachhaltigkeit und Urbanität die Leitbilder für eine erfolgreiche Stadtentwicklung darstellen. Theoretisch werde ich dabei vor allem auf die Überlegungen von Häußermann/Siebel und Wolfgang Engler zurückgreifen, die der Ansicht sind, dass der Problematik des Schrumpfens nur durch einen bewussten „Wandel ohne Wachstum“ begegnet werden kann. Im ersten Kapitel gehe ich dabei auf Probleme ein, die mit dem städtebaulichen Erbe der DDR verbunden sind. Im zweiten werde ich die verschiedenen Prozesse nach 1989 und ihre Ursachen beschreiben. Und im letzten Kapitel folgen Perspektiven für einen möglichem Umgang mit dem Schrumpfungsprozess auf.

2. Städtebau in der DDR

2.1 Leitbilder - Anspruch - Verwirklichung

Auch wenn es in den 40 Jahren DDR-Geschichte kein universelles Einheitsbild der „sozialistischen Stadt“ gab, lassen sich doch bestimmte Leitbilder und Merkmale finden, die für den Städtebau in der DDR prägend waren. Unter der Voraussetzung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung war der Städtebau - frei von marktwirtschaftlichem Profitinteressen - auf das Gemeinwohl des Volkes ausgerichtet. Dieser Leitgedanke sollte durch die uneingeschr-änkte staatliche Inanspruchnahme des Bodens und der Einbindung des Bauens in die zentralistische Planwirtschaft verwirklicht werden. Die Schffung von Wohnraum sowie die Vermeidung sozialer Segregation und die Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen waren oberste Ziele der sozialistischen Städtebaupolitik (Hannemann 2003: 17).

Im „Aufbaugesetz“ von 1950 wurden diese Ziele in 16 Grundsätzen ausgearbeitet.

In ihnen wird die Stadt als die „wirtschaftlichste und kulturreichste Siedlungsform für das Gemeinschaftsleben der Menschen“ und zugleich in Struktur und architektonischer Gestaltung als „Ausdruck des politischen Lebens und des nationalen Bewusstseins des Volkes“ bezeichnet. Als Ziel des Städtebaus gilt „die harmonische Befriedigung des menschlichen Anspruchs auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung“. Dem Verkehr wird eine „dienende Funktion“ zugewiesen. (Flierl 1991: 51)[1]

Das Aufbaugesetz wurde als Gegenmodell zur Charta von Athen von 1933 verstanden und strebte ein ganzheitliches Verständnis der Stadt an. Im Gegensatz zur funktionalen Aufteilung des städtischen Raumes wurde „eine gesellschaftlich zentrale und baulich dominante Mitte“ (ebd.) betont.

Dass teilweise ein starker Widerspruch zwischen Anspruch und Verwirklichung sozialistischer Ideale bestand wird klar, wenn man die tatsächliche Stadtentwicklung in 40 Jahren DDR betrachtet. Thomas Hoscislawski hat diese in fünf Phasen zusammengefasst, indem er sich an den jeweiligen Bauprogrammen der Partei- und Staatsführung orientiert. In den verschiedenen Phasen zeigt sich vor allem ein Bemühen um die Schaffung neuen Wohnraums, was letztendlich, paradoxerweise zur urbanen Krise der DDR geführt hat.[2]

Nach der ersten Phase (1950-55) der Wiederbebauung kriegszerstörter Gebiete folgte eine Phase der konsequenten Industrialisierung des Bauwesens (1956-65). Rationelles und billiges Bauen standen hier im Vordergrund. Nach sowjetischem Vorbild wurde die Wohnungsbauwirtschaft auf die industrielle Plattenbauweise umgestellt, was als effzientes Mittel zur Einsparung von Arbeitskräften und zur möglichst schnellen Beseitigung des Wohnungsdefizits angesehen wurde. Hoscislawski zufolge lag dieses 1958 bei 730000 Wohneinheiten (ebd. 17). Die in Montagebauweise errichteten Wohnungen wurden vor allem auf freien, zusammenhängenden Geländen am Rand der Städte errichtet, weil dies der neuen Bauweise unter rationellen und praktischen Gesichtspunkten entgegenkam. Die konzentrierte Bauweise wurde noch zusätzlich durch zunehmend zentralisierte Fernwärmeversorgung aus großen Heizwerken begünstigt.

Dies führte dazu, dass sich sich die Bauwirtschaft auf komplexe Wohnungszusammenhänge auf der „grünen Wiese“ konzentrierte.

Wurden im Jahr 1955 noch 31% aller Wohnungen auf Standorten mit 1-20 WE errichtet, so schrumpfte der Anteil dieser Kleinstandorte bis 1963 auf 9%. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Anteil von Wohnungen, die auf Großstandorten mit über 800 WE errichtet wurden von 15% auf 50% . (ebd. 17)

Zwangsläufig, so hebt Hoscislawski hervor, blieben dabei die ausreichend verfügbaren Flächen in den Innenstadtgebieten - bis auf repräsentative Zentrumsbauten - unbebaut.

Nach der intensiven Ausdehnung des Wohnungsbaus am Rand der Stadt war es vorgesehen, sich im nächsten Fünfjahresplan (1966-70) der Erneuerung der Innenstädte zu widmen. Schon Mitte der 60er Jahre waren die Nachteile der extensiven Stadtentwicklung (der nach außen gewandten Erweiterung der Städte) offensichtlich, wie etwa die wachsenden Kosten für die städtische Infrastruktur und den Verkehr und die permanente Verringerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Durch eine neue ökonomische Politik, zum Beispiel durch die Einführung einer Bodennutzungsgebühr, wurde versucht, zu einer intensiven Baupolitik (nach innen gewandte Ausdehnung) überzugehen. Doch da aufgrund anhaltender wirtschaftlicher Schwierigkeiten nach dem Mauerbau 1961 die Wohnungsbauwirtschaft ebenfalls in Rückstand geraten war, konnte das Ziel der kostenintensiveren Innenstadtentwicklung nicht verfolgt werden.

Mit der Ernennung Erich Honeckers zum neuen Generalsekretär der SED 1971 erfolgte gleichzeitig ein genereller Kurswechsel der Politik. Unter dem Schlagwort Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik wurde in den Jahren 1971-85 der Wohnungsbau zum Kernstück der Sozialpolitik erklärt. Den rückgehenden Geburtenziffern in den 60er Jahren sollte vor allem durch eine schleunige Verbesserung der Wohnverhältnisse entgegengetreten werden. 1973 beschloss das Zentralkomitee der SED ein „umfangreiches Wohnungsbauprogramm mit dem Ziel, durch den Neubau bzw. die Modernisierung von 2,8 - 3 Mio. Wohnungen bis 1990 sowohl das quantitative wie qualitative Wohndefizit zu beseitigen“ (ebd. 19). Hierbei wurde auf eine massive Fortführung des komplexen Wohnungsbaus am Stadtrand gesetzt.

Erst im letzten Fünfjahresplan von 1986-90 konnte der ursprüngliche Plan einer Hinwendung zur Innenstadterneuerung verwirklicht werden. Rund 50% der neuen Wohnungen entstanden nun in den Kernstädten (ebd. 20). In den teilweise heruntergekommenen Altstadtgebieten, wurden sowohl Neubauten errichtet als auch Modernisierungsmaßnahmen durchgesetzt. 1990 schließlich war das quantitative Ziel zur Schaffung von ausreichend Wohnraum erfüllt. „Zwischen 1971 und 1990 hatte sich der Bestand in der DDR - unter Abzug der abgebrochenen Wohnungen - von 6,06 auf 7,07 Mio WE erhöht. Dieser Wohnungszahl standen 1990 jedoch lediglich 6,78 Mio. Haushalte gegenüber“ (ebd. 20). Allerdings war der Zustand vieler Wohnungen in der DDR Ende der 80er Jahre immer noch von starken Mängeln gekennzeichnet.

So waren 1989 noch 18 % der Wohnungen in der DDR ohne Bad oder Dusche, 24 % ohne Innentoilette und 53 % ohne moderne Heizungssysteme ausgestattet. Schätzungsweise 500.000 WE waren wegen baulicher Mängel überhaupt nicht mehr vermietbar und warteten auf den Einsatz der knappen Modernisierungs- oder Abbruchkapazitäten. (ebd. 20)

2.2 Gründe für das Scheitern

Aufgrund der dargestellten Entwicklung kann man von einem Scheitern des Städtebaus in der DDR sprechen. Für den Gegensatz zwischen Anspruch und Verwirklichung des Städtebaus waren mehrere Faktoren verantwortlich. Soziologen und Stadtplaner aus der ehemaligen DDR wie Fred Staufenbiel und Bernd Hunger machen nicht zuletzt die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Zustand ihrer Städte für die revolutionären Ereignisse im Oktober 1989 verantwortlich, welche schließlich zum Ende der DDR führten. Die grundlegenden Ursachen für das Scheitern der Stadtpolitik werden vor allem in der politischen und ökonomischen Krise, der abnehmenden demographischen Entwicklung und der Unfähigkeit der Planwirtschaft, sich den Bedürfnissen und Entwicklung innerhalb der Gesellschaft anzupassen gesehen.

Fred Staufenbiel nennt den Lösungsansatz des Zentralkomitees zur sozialen Wohnungsfrage ein antiurbanistisches Konzept, welches letztlich zur Perforation der Städte geführt habe (20). Vor allem das unter Erich Honecker 1973 beschlossene Wohnungsbauprogramm widersprach letztlich den Anforderungen an ganzheitliche Stadtpolitik, indem es sich im Grunde auf Stadterweiterung beschränkte. Dies führte dazu, dass mit der Erweiterung zunehmend die Lebensqualität in den Städten abnahm.

Die Widersprüche und das Konfliktpotential [...] taten sich in dem Maße auf, wie mit fortschreitender Realisierung der auf die industrielle Großtechnologie orientierten Baupolitik in einer zentralistischen Kommandowirtschaft - die aus der aktuellen Lebensweise der Menschen resultierende Ansprüche an ihre Stadt, an die Alltagskultur der städtischen Erlebnisräume ignorierte - und den physischen Verfall von Innenstadtgebieten nicht aufhielt, sondern deren radikalen Verfall zuließ. (Staufenbiel: 1991, 18)

Mit dem schlechten Zustand der Wohnsubstanz kam die Abwanderung der BewohnerInnen in die Randgebiete und somit auch ein Bedeutungsverlust des Städtischen, der sich in längeren Arbeitswegen und der Abnahme kultureller und gesellschaftlicher Stadtöffentlichkeit niederschlug.

Zwar wurde versucht, unter dem Leitbild der Zentralität, die Innenstädte mit Gebäuden und „Anlagen der Bildung, Kultur und Erholung, der Tagungen, Kongresse und Begegnungen, also zentrale(n) Einrichtungen der Kommunikation“ (Flierl: 1991, 59) auszustatten. Paradigmatisch hierfür stehen zum Beispiel das Berliner Zentrum mit dem Palast der Republik, politischen Institutionen, Fernsehturm und Marx-Engels-Forum, das Zentrum Leipzigs mit Universität und Gewandhaus oder die Stadthalle von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) mit dem Hotel Kongreß. Doch konnte dies aufgrund geringer EinwohnerInnendichte, eines schwachen Personennahverkehrs und des gering ausgebildeten Angebots an Handel und Gastronomie nur mäßig zur Steigerung der Urbanität und des politisch-kulturellen Dialogs beitragen (ebd. 60).

Bezüglich des industriell-komplexen Wohnungsbaus muss man zu dem Schluss kommen, dass er, abgesehen von der Perforation der Innenstädte auch nicht den individuellen Ansprüchen der BewohnerInnen gerecht werde konnte.[3]Ausgehend von dem Ziel sozialer Gleichheit und der Nivellierung von Klassenunterschieden verstand sich der Wohnungsbau als Vergegenständlichung sozialistischer Interessen. Diese ideologische Instrumentalisierung der Architektur verurteilt Bernd Hunger als „normative Gleichmacherei“:

[...]


[1]Flierl zitiert hier aus Bolz, Lothar. „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus.“ Vom Deutschen Bauen. Reden und Aufsätze. Berlin 1951, 32-52.

[2]im folgenden beziehe ich mich, wenn nicht anders vermerkt, ausschließlich auf Hoscislawski (2004).

[3]Eine detaillierte Analyse des industriellen Wohnungsbaus in der DDR mit seinen technischen, sozialen, kulturellen und ideologischen Implikationen finndet sich in Hannemann, Christine. Die Platte. Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR. Wiesbaden: Vieweg, 1996.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638616232
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70476
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
Ostdeutschlands Städte Wandel Stadt Perspektiven ZIvilisationsprozess

Autor

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Titel: Ostdeutschlands Städte im Wandel. Von der 'sozialistischen Stadt" zur "schrumpfenden Stadt" und zukünftige Perspektiven.