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Erinnern und Vergessen bei Patrick Modianos. Die Romane "Dora Bruder" und "Pour que tu ne perdes pas dans le quartier"

Masterarbeit 2019 74 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Patrick Modiano
2. 1 Leben und Werk
2.2 Literarische Einordnung
2.2.1 Nouveau Roman
2.2.2 Gegenwartsliteratur

3. Gedächtnis
3.1 Einführung
3.2 Kollektives Gedächtnis
3.2.1 Kulturelles Gedächtnis
3.2.2 Historisches Gedächtnis
3.3 Individuelles und kollektives Trauma
3.4 Individuelle und kollektive Identität
3.5 „ Erinnerungsorte “ und „ Nicht-Orte “

4. Vergessen
4.1 Die Dynamik des kulturellen Gedächtnisses
4.2 Techniken des Vergessens
4.3 Formen des Vergessens
4.3.1 Automatisches Vergessen
4.3.2 Verwahrensvergessen
4.3.3 Selektives Vergessen
4.3.4 Strafendes und repressives Vergessen
4.3.5 Defensives und komplizit ä res Vergessen
4.3.6 Konstruktives Vergessen
4.3.7 Therapeutisches Vergessen

5. Ged ä chtnis in der Literatur

6. Dora Bruder
6.1 Inhalt
6.2 Historischer Kontext
6.3 Analyse
6.3.1 Erinnerungsträger

7. Pour que tu ne perdes pas dans le quartier
7.1 Inhalt
7.2 Analyse
7.2.1 Identität
7.2.2 Erinnerungsträger
7.2.3 Orte und Zeit

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Für die meisten Menschen stellen der Zweite Weltkrieg und der Holocaust die größten kollektiven Traumata unserer Zeit dar. Das unvorstellbare Ausmaß der systematischen Vernichtung und Auslöschung von zig Millionen Leben besitzt einen starken Aspekt der „Nachträglichkeit“ (Freud); auch wenn die Mehrheit der Zeugen dieser Zeit nicht mehr unter uns sind, auch wenn wir selbst das Grauen des Krieges nicht miterlebt haben, sind wir von seinem Wirken betroffen. Es stellt sich die Frage, wie ein Verbrechen diesen Ausmaßes geschehen konnte.

Hierbei wird der historischen Bildung eine enorme Bedeutung zuteil: Wir müssen eine Lehre aus der Vergangenheit für die Gegenwart ziehen. Wir dürfen die Fehler der älteren Generationen nicht wiederholen. Die Bildung und Erziehung des modernen Menschen muss auf der Grundlage eines humanistischen und demokratischen Menschenbildes erfolgen, neue Ideale der Gerechtigkeit und der Solidarität müssen internalisiert werden.

Wir wiederholen stetig den Appell „So etwas wie der Holocaust darf nie wieder passieren!“ Darin sind wir uns alle einig, und doch geraten so viele Verbrechen in Vergessenheit oder einige werden sogar nie aufgedeckt, nie ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt. Wir befinden uns tatsächlich im Zeitalter des Vergessens und das trotz der technisch-fortgeschrittenen Hochkultur. Im Grunde wird das Vergessen hierdurch sogar begünstigt, da wir einer unheimlichen Informationsflut ausgesetzt sind und unsere Gedächtnisse eine Höchstleistung bezüglich der Selektion von Informationen leisten.

Auch wenn das Selektieren einen ganz natürlichen Zustand der Innovation und des Fortschritts darstellt, dürfen einige Geschehnisse niemals vergessen werden; gemäß unserem Menschenbild dürfen niemals Verbrechen jeglicher Art, Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Rassismus etc. akzeptiert werden, der Weg dahin muss abgesperrt werden. Aus diesem Grunde stellt die Gedächtnisarbeit, die Schaffung von Erinnerungskulturen, eine unverzichtbare Tätigkeit dar. Sie ist auch notwendig, damit die Leiden der Opfer gebührend anerkannt werden, die gesellschaftliche Solidarität gefördert wird und vor allem damit unser Bild des Menschen auf einer ihm würdigen Basis geformt wird.

Doch es stellt sich die Frage, was konkret gegen das Vergessen unternommen wird. Es haben sich viele ritualisierte Gedenkmöglichkeiten etabliert, viele habitualisierte Verfahren haben sich durchgesetzt, um die Verbrechen des Krieges zu vergegenwärtigen. Dieses Wissen ist in unseren Bildungsplänen fest verankert und stellt eine wichtige Instanz der Bildung dar. Doch handelt es sich dabei nicht gleichzeitig auch um Formen des Neutralisierens, um die Beschäftigung mit einer abgeschlossenen Vergangenheit, die für die Gegenwart nicht von besonderer Bedeutung ist? Das Lernen von Fakten und historischem Wissen ist unbestritten enorm wichtig, doch inwieweit ist dieser Bereich in der Lage Mitgefühl zu wecken?

Historisches Wissen neigt leider auch dazu, Menschen als ein Kollektiv darzustellen und einzelne Schicksale, bis auf wenige Ausnahmen von bedeutenden Persönlichkeiten, auszublenden. Menschen werden objektiviert, indem sie in Zahlen ausgedrückt werden. Natürlich ist die Zahl von sechs Millionen Opfern des Holocaust unvergleichlich schockierend, doch sie ist dennoch nur eine Zahl. Historische Bildung reicht für die Vergegenwärtigung vergangener Verbrechen demnach nicht aus. Andere Formen der Vergegenwärtigung sind unbedingt notwendig.

Die Literatur stellt einen ergänzenden Bereich der Vergegenwärtigung der Vergangenheit dar, denn durch ihre ästhetischen Formen und Möglichkeiten werden menschliche Schicksale verbildlicht, ihre Leiden und Freuden werden visualisiert: Menschen werden als Menschen dargestellt, nicht als Zahlen und Fakten, was unser Mitgefühl weckt, und wodurch wir einer durchaus authentischeren Vergegenwärtigung nahe kommen.

Insbesondere im Hier und Jetzt ist die Gedächtnisarbeit von besonderer Bedeutung. Mit Präsidenten und Politikern wie einem Trump in den USA, einem Putin in Russland, einem Erdogan in der Türkei, einem Viktor Orban in Ungarn, einem Salvini in Italien, um nur einige von ihnen zu nennen, werden die Grundsteine für neue Verbrechen, Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen gelegt. Der weltweite Trend menschenverachtender Regierungsführer, das Rücken in das rechte politische Lager ist meiner Ansicht nach beängstigend. Wieso lernen wir nicht aus der Geschichte? Was läuft falsch?

Aus dieser aktuellen Dringlichkeit von Vergegenwärtigung der Vergangenheit begründet sich die folgende Masterarbeit, die sich mit der Erinnerungsarbeit des nobelpreisgekrönten Schriftstellers Patrick Modiano beschäftigen wird. Patrick Modiano gilt als einer der wichtigsten französischen Autoren unserer Zeit. Er sieht es als seine Bestimmung an, dem kollektiven Vergessen der Vergangenheit durch die heutige Gesellschaft entgegenzuarbeiten. In seiner Nobelpreisrede betont der Autor die enorme Wichtigkeit der Erinnerungsarbeit in der heutigen Zeit, denn er habe den Eindruck, dass das Gedächtnis heute viel unsicherer sei und stetig gegen Amnesie und Vergesslichkeit angekämpft werden müsse. Dem Autor nach ist es nur möglich, einzelne Fragmente der Vergangenheit, flüchtige und fast unsichtbare Spuren menschlicher Schicksale, einzufangen. Ausgehend von dieser Situation, misst er dem Romanautor eine wichtige Aufgabe zu: „C'est sans doute la vocation du romancier, devant cette grande page blanche de l'oubli, de faire ressurgir quelques mots à moitié effacés, comme ces icebergs perdus qui dérivent à la surface de l'océan.“ (Modiano 2015: 30).

Modiano betont weiterhin, dass die Zeit nach dem Krieg eine Zeit darstellt, die vergessen werden will, es handele sich um eine Zeit, an die sich ihre Zeugen und Nachfahren nicht erinnern möchten. Auch mit der einseitigen Darstellung der deutschen Besatzungszeit in Frankreich, der komplette Ausblendung der Kollaboration der Franzosen mit dem deutschen Feind, so, als ob alle Franzosen der besagten Besatzung gegenüber widerständisch gewesen seien und somit der Ausblendung der Zusammenarbeit des Vichy-Regimes mit den Besatzern, jeglicher Behörden, wie Polizisten, Juristen und sogar Zivilisten, die sich genauso wie die Nazis schuldig gemacht haben, ist Modiano nicht einverstanden und bringt dies durch sein Werk zur Geltung.

Die folgende Masterarbeit trägt deshalb den Titel „Gedächtnisarbeit – Erinnern und Vergessen in ausgewählten Werken Modianos“. Die Arbeit besteht aus zwei Teilen, in dem ersten Teil (Kapitel 1-5) wird das Thema theoretisch fundiert, indem das Gedächtnis im literatur- und kulturwissenschaftlichen Kontext untersucht wird.

Geläufige Begrifflichkeiten werden vorgestellt, Abgrenzungen definiert und verschiedene Konzepte unterschiedlicher Wissenschaftler untersucht. Im zweiten Teil werden in Bezug auf zwei Romane Modianos, Dora Bruder und Pour que tu ne perdes pas dans le quartier, die diversen Funktionen des Gedächtnisses, die Dialektik des Erinnerns und Vergessens, die verschiedenen Verfahrensweisen und Mechanismen von Modianos Gedächtnisarbeit untersucht und abschließend in einem Fazit zusammentragen.

2. Patrick Modiano

2.1 Leben und Werk

Patrick Modiano wurde am 30.07.1945 in Boulogne-Billancourt, in der Nähe von Paris, geboren. Seine Mutter Luisa Colpeyn war Schauspielerin, sein Vater Albert Modiano führte zwielichtige Geschäfte ohne besonderen Erfolg. Modiano wuchs in instabilen familiären Verhältnissen auf. Er war oft mit seinem jüngeren Bruder Rudy bei Freunden der Eltern untergebracht und besuchte später mehrere Internate in Paris und Umgebung (vgl. Cima 2003: 5).

Diese Zeit als Kind, die später Einfluss auf das Schreiben des Autors hat, definiert er so:

Je crois que certains épisodes de mon enfance ont servi de matrice à mes livres, plus tard. Je me trouvais le plus souvent loin de mes parents, chez des amis auxquels ils me confiaient et dont je ne savais rien, et dans des lieux et des maisons qui se succédaient. (Modiano 2015: 23).

Während seiner Kindheit erschien ihm dieser Zustand als normal, erst später bemerkte er, dass seine Kindheit rätselhaft wirkt, und versuchte mehr über die Menschen, denen ihn seine Eltern anvertraut hatten, zu erfahren. Auch versuchte er mehr über die zahlreichen Orte in Erfahrung zu bringen, an denen er als Kind untergebracht war. Doch: „Mais je n'ai pas réussi à identifier la plupart de ces gens ni à situer avec une précision topographique tous ces lieux et ces maisons du passé.“ (Modiano 2015: 23).

Sein Geburtsjahr, das Jahr 1945, das ebenfalls einen großen Einfluss auf sein Werk hat, beschreibt Modiano mit diesen Worten:

Je suis comme toutes celles et ceux nés en 1945, un enfant de la guerre, et plus précisément, puisque je suis né à Paris, un enfant qui a dû sa naissance au Paris de l'Occupation. Les personnes qui ont vécu dans ce Paris-là ont voulu très vite l'oublier, ou bien ne se souvenir que de détails quotidiens, de ceux qui donnaient l'illusion qu'après toute la vie de chaque jour n'avait pas été si différente de celle qu'ils menaient en temps normal. (Modiano 2015: 13 f.)

Weiterhin führt er die Anerkennung der Nobelpreisakademie für seine „l'art de la mémoire avec lequel sont évoquées les destinées humaines les plus insaisissables“ (ebd. 29) auf sein Geburtsjahr zurück, in dem Städte zerstört wurden und eine ganze Bevölkerung verschwand, was ihn für die Themen Erinnerung und Vergessen sensibilisierte (vgl. ebd. 29 f.).

Sein erstes Trauma erlebte Modiano 1957, als sein Bruder Rudy, seine einzige familiäre Bezugsperson, starb (vgl. Cima 2003: 5). Als ein weiteres Trauma beschreibt Modiano die Biografie seines Vaters. Der jüdische Albert Modiano wurde in der Besatzungszeit während einer Razzia festgenommen, doch konnte er den Nazis entkommen (vgl. ebd. 6). Patrick Modianos Jugend war von einer Identitätskrise geprägt; die Frage, ob er selbst Jude sei und was das für ihn bedeute, beschäftigte ihn sehr (vgl. ebd.).

Nach dem Baccalauréat schrieb er sich an der Sorbonne ein, um nicht zum Militärdienst zu müssen und hielt sich mit ‚kleinen Beschäftigungen‘ über Wasser. Bei diesen Beschäftigungen handelte es sich nicht immer um legale bzw. ‚ehrenhafte‘ Jobs (vgl. ebd. 7). Seinen ersten Roman La Place de l ’É toile, indem er die Geschichte eines jungen Mannes schildert, der (die meiste Zeit) während der Kollaborationszeit von einer Identität in die andere schlüpft, veröffentlichte er 1968. Mal gibt der Protagonist sich als Jude, mal als Kollaborateur aus, doch damit sind seine (angenommenen) Identitäten nicht begrenzt (vgl. Modiano 1968).

Für sein Erstlingswerk erhielt er den Prix Roger-Nimier und den Prix Fénéon (vgl. Cima 2003: 7 f.). Seitdem hat er mit dem Schreiben nie aufgehört, veröffentlichte um die 30 Romane und erhielt viele weitere Preise, u. a. den Grand Prix du Roman und den Prix Goncourt (Munzinger-Archiv 2015). Am 09. Oktober 2014 erhielt er den Nobelpreis für Literatur: „Pour l’art de la mémoire avec lequel il a évoqué les destinées humaines les plus insaisissables et dévoilé le de l’Occupation.“ (Koch/Lange 2015: 4).

Ab seinem ersten Roman treten gewisse „caractéristiques modianesques“ (Cima 2003: 8) hervor: „des récits autodiégétiques, plus ou moins autofictionnels, rétrospectifs, ce que Modiano nommera par la suite des ‚autobiographies rêvées‘“ (ebd.). Die von ihm immer wieder behandelten Themen lassen sich folgendermaßen klassifizieren: „la quête de l’identité, la dialectique oublier / se souvenir, la focalisation sur deux périodes: les années de guerre, les années 60“ (ebd.).

Modiano selbst äußert sich zu diesen immer wieder auftauchenden Merkmalen seiner Bücher folgendermaßen:

Je croyais les avoir écrits les uns après les autres de manière discontinue, à coups d'oublis successifs, mais souvent les mêmes visages, les mêmes noms, les mêmes lieux, les mêmes phrases reviennent de l'un à l'autre, comme les motifs d'une tapisserie que l'on aurait tissée dans un demi-sommeil. (Modiano 2015: 13 f.).

Paris, den Ort, an dem alle Romane des Autors spielen, bezeichnet er als „ma ville natale, est liée à mes premières impressions d’enfance, et ces impressions étaient si fortes que, depuis, je n’ai jamais cessé d’explorer les ‚mystères de Paris‘“ (ebd. 24). Der Autor verknüpft die Themen des Verschwindens, der Identität und des Zeitablaufs mit der Topografie der Großstädte (vgl. ebd. 28). Dies bedeutet, für Modiano ist die Großstadt überfüllt mit verschiedenen Erinnerungen. Jedes Viertel, jede Straße könne eine Erinnerung auslösen, und oft löse dieselbe Straße aufeinander folgende Erinnerungen aus, und so kehre dank der Topographie einer Stadt das ganze Leben eines Einzelnen in Schichten in das Gedächtnis zurück (vgl. ebd. 26). Und auch das Leben „des autres, de ces milliers et milliers inconnus, croisés dans les rues ou dans les couloirs du métro aux heures pointe“ (ebd.).

Das Studium alter Pariser Verzeichnisse, worin hunderttausende fremde Namen und Adressen aufgeführt waren, bewegte Modiano seine ersten Bücher zu schreiben. Es genügte dem Autor, den Namen eines Fremden, seine Adresse und Telefonnummer in den alten Dokumenten zu unterstreichen, um sich vorzustellen wie das Leben dieser Person gewesen sein könnte (vgl. ebd. 26 f.):

On peut se perdre ou disparaître dans une grande ville. On peut même changer d'identité et vivre une nouvelle vie. On peut se livrer à une très longue enquête pour retrouver les traces de quelqu'un, en ayant au départ qu'une ou deux adresses dans un quartier perdu. (ebd. 28).

Trotz einer Kindheit und Jugend in fragwürdigen familiären Verhältnissen führt Modiano seit Jahren ein glückliches Familienleben. Er hat am 12. September 1970 Dominique Zehrfuss geheiratet und hat zwei Töchter mit ihr. Mit seinem Vater aber hatte er bis zu dessen Tod keinen Kontakt (vgl. Cima 2003: 8).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Werk Modianos durch eine unzertrennliche Beziehung zwischen Fiktion und Fakt, Geschichte, Erinnerung und Vergessen auszeichnet (vgl. Böhm 2015: 5). Des Weiteren verleiht der Autor seinen Ich-Erzählern oft seinen eigenen Vor- oder Nachnamen. Sein Werk stellt eine Art Mischform aus autobiographischen, biographisch-historischen, aber auch fiktionalen Elementen dar (vgl. ebd. 7). Seinen Schreibstil definiert Modiano folgendermaßen:

Je suis incapable d’écrire directement une autobiographie, alors c’est comme si je rédigeais la novellisation du film de ma propre vie. J’éparpille mes souvenirs ici et là, je recolle sans cesse des lambeaux de réalité, rien que des lambeaux. Je suis incapable d’écrire une pure fiction (Cima 2003: 15 f.).

In den Werken Modianos werden Erinnerungsprozesse zum eigentlichen Gegenstand der Erzählung, die Werke reflektieren über die Dialektik des Erinnerns und Vergessens und bringen die Schwierigkeiten einer Rekonstruktion der Vergangenheit zur Geltung. Dabei stehen die Fragmentarisierung des Gedächtnisses, die bruchstückhaften Erinnerungen, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden müssten, bei dem jedoch entscheidende Teile verlorengegangen sind, im Vordergrund (vgl. Böhm: 8).

2.2 Literarische Einordnung

2.2.1 Nouveau Roman

Modianos erstes Werk erschien 1968, also über 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Zweite Weltkrieg veränderte nicht nur das Bewusstsein der Menschen, die zu Zeugen des „Grauens“ wurden, was sich in einer Art „gesteigertem Gefühl <von der> Sinnlosigkeit menschlicher Existenz“ (Hartwig/Stenzel 2007: 214) widerspiegelte, sondern auch die Literatur der Nachkriegszeit (vgl. ebd.). Zu den literarischen Epochen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frankreich zählen u. a. der Existentialismus (1940-1960), die sogenannte absurde Literatur (1950er und 1960er Jahre), die Experimentalliteratur (1960er und 1970er Jahre) und der Postmodernismus (auch als „Dekonstruktion“) bezeichnet (vgl. ebd. 114).

In diesem zeitlichen Rahmen taucht der Begriff „Nouveau Roman“ in den 1950er und 1960er Jahren zuerst beim Verlag Minuit auf, der verschiedene Autoren mit teils sehr unterschiedlichen Schreibstilen unter einer gemeinsamen Verlagspolitik zusammenbringt. Zu diesen Autoren werden u. a. Samuel Beckett, Michel Butor, Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute und Claude Simon gezählt (vgl. ebd. 221). Der Nouveau Roman wird als „Ausdruck einer Krise des Romans, aber auch einer Krise des Bewusstseins allgemein“ bezeichnet, die Wirklichkeit ist „nicht mehr darstellbar, lediglich subjektiv begreifbar“ und das hat „eine Abkehr vom Erzählen kohärenter Geschichten und eine Hinwendung zur Selbstbespiegelung des Erzählens als Erzählen“ zur Folge (vgl. ebd.).

Der Nouveau Roman definiert sich durch seine Vielgestaltigkeit, die keine „einheitliche Strömung“ im Sinne einer merkmalspezifischen Gattung darstellt (vgl. Coenen-Mennemeier 1996: 7). Das grundlegende Ziel, die „Erneuerung des Romans“ (ebd. 4), und die Distanz zu „kohärenten Handlungen, kompakter Figurenpsychologie, lineare<r> Zeit und gedeutete<n> Räume<n>“ (ebd. 1 f.) sowie die Aufgabe des „Held<en> als Identifikationsfigur“ und des „Gesellschaftsbezug<s>“ (Gröne/Reiser 2010: 131) bringen die Autoren unter der Bezeichnung „Nouveau Roman“ zusammen. Das Plädoyer Pour un nouveau roman von Robbe-Grillet gilt als „das erste Manifest“ (Coenen-Mennemeier 1996: 2) dieser Autorenschaft.

So weist etwa Robbe-Grillets Werk La jalousie (1957) Besonderheiten wie „wiederkehrende Motive, offenes Ende, keine Kohärenz und den Verzicht auf Tiefe und Bedeutsamkeit im Erzählen“ auf. Zudem ist auch die „Unterscheidung zwischen <der> Innen- und Außenwelt des Erzählers nicht möglich“ (vgl. Hartwig/Stenzel 2007: 221f.). In Butors Werk La modification (1957) lassen sich Ähnlichkeiten zu Robbe-Grillet im Sinne der Kohärenzlosigkeit finden. Hier gehen „Erinnerung und zukünftige Pläne, Traum und Wirklichkeit [...] nahtlos ineinander über, so dass die chronologische Anordnung aufgebrochen wird“ (ebd. 222).

Modianos erste Werke, vor allem La Place de l ’é toile, La Ronde de Nuit und Les Boulevards de ceinture, erinnern durch ihre „fragmentarisierende, kaleidoskopartige Erzähltechnik“ (Köhler 2001: 81 f.) an den Nouveau Roman. Auch wenn sich der Autor nicht der Verlagspolitik der Nouveau Romanciers anschließt, weist sein Werk zumindest Elemente in Bezug auf eine „atmosphère à l’ère du soupçon“ (Blanckeman 2014: 20) auf.

2.2.2 Gegenwartsliteratur

Die gegenwärtige französischsprachige Literatur ist nicht durch einen konkreten Stil gekennzeichnet, allerdings weist sie spezifische wiederkehrende Elemente auf, die im Folgenden zusammengefasst aufgeführt werden.

Zunächst sind „Texte des Minimalismus“ (Hartwig/Stenzel 2007: 231) zu nennen. Diese zeichnen sich durch „episodenreiches Erzählen“ (ebd.) aus, aber sie sind dennoch relativ handlungsarm und erinnern durch die Zusammensetzung zusammenhangsloser Sequenzen an „Montagen“ (ebd.), die die zerstückelte Wahrnehmung der Protagonisten betonen. Sie weisen formal wie inhaltlich, z. B. durch „stilistische Freiheiten“ und „skurrile Themen“ (ebd.), viele Parallelen zum Nouveau Roman auf. Die Protagonisten sind keine überdurchschnittlichen, vorbildhaften Personen im Besonderen, die im Sinne des Gemeinwohls agieren, sondern „verfolgen nur individuelle Ziele“ in meist zufälligen „Alltagsgeschichten“ (ebd. 232). Die Gegenwartsliteratur setzt sich nicht das Ziel, bestimmte Vorkommnisse und Situationen bewertend zu deuten oder zu analysieren, sie legt keinen besonderen Wert auf historische oder soziologische Deutungen, sie genügt sich mit der detailfreien Aufführung bestimmter Ereignisse, das Deuten überlässt sie zumeist dem Leser (ebd. 232). Eine weitere Besonderheit der gegenwärtigen Literatur stellt ihre „Selbstbezüglichkeit“ (ebd. 233) dar, d. h. „das Schreiben über das Schreiben“ (ebd.) wird thematisiert. Erwähnenswert ist hier Lyotards Untersuchung La Condition Postmoderne (1979), die das „Ende der großen Erzählungen“ (ebd. 231) ankündigt. Nach Jean-François Lyotard verfolgt die postmoderne Literatur keine übergeordneten Ziele und weist die Notwendigkeit ihrer Legitimation durch universale Gültigkeit ihrer Regeln zurück (ebd.). Stattdessen strebt sie die „Abkehr von Theorien und Idealen“ und ihre „Entpolitisierung“ an, und verzichtet hierbei auf ihren „Anspruch auf Zeitdiagnosen“ (ebd.). Sie ist lediglich durch ihre Heterogenität zu bezeichnen, wobei Raum für Dissens geschaffen wird. Sie setzt sich für „kleine Erzählungen“ (ebd. 232) ein, die Regeln mit lokaler Gültigkeit schaffen und „auf Denkbares nur anspielen“ (ebd. 230).

Modianos literarischer Stil ist schwer zu kategorisieren. Bestimmten Stilrichtungen ordnet er sich nicht unter, sondern schafft durch eine Mischung mehrerer zeitgenössischer Richtungen seinen individuellen Stil. Sein Schreiben lässt an Collagen denken, seine Protagonisten sind keine Helden, er verzichtet auf chronologische Abfolgen, seine Erzähler erzählen nicht immer die Wahrheit oder leiden an Gedächtnislücken, so dass sie die Vergangenheit selbst nicht mehr kennen. In diesem Kontext charakterisiert Blanckeman Modianos Schreiben folgendermaßen:

L’art à l’économie de Patrick Modiano est célèbre: écriture du moindre mot mais de la plus extrême résonance, style concis jusqu’au trait syncopé, voix contractée, ouverte sur le silence. Si elle obéit à des dispositions propres à l'écrivain, cette pétique minimale ne saurait s'isoler d'une évolution plus générale des formes romanesques. (Blanckeman 2014: 29).

3. Ged ä chtnis

3.1 Einf ü hrung

Das Gedächtnis stellt einen hochkomplexen, schwer zugänglichen Bereich dar, mit dem sich viele wissenschaftliche Disziplinen wie Biologie, Psychologie, Soziologie, die Geschichtswissenschaften sowie die Literatur- und Kulturwissenschaft beschäftigen. Sein Gegenstandsfeld ist also „transdisziplinär“ und in einer „arbeitsteiligen Form“ zu untersuchen (vgl. Assmann 2008: 183). Die Literatur- und Kulturwissenschaft interessiert sich im engeren Sinne für das sogenannte kulturelle Gedächtnis, „das sich langfristig in Texten und Bildern, Vorstellungen und Praktiken als ein kulturelles Erbe aufbaut“ (Assmann 2008: 183).

Die Bezeichnung „Gedächtnis“ ruft im Deutschen unabdingbar das Wort ‚Erinnern‘ hervor, da diese sich gegenseitig bedingen. Erinnern bezeichnet die Tätigkeit des Zurückblickens, was „an ein lebendiges Bewusstsein gebunden“ ist, wobei es das Gedächtnis, welches metaphorisch einem „externen Speicher gleichgesetzt werden kann“, unbedingt voraussetzt (vgl. ebd. 184).

Eine weitere Differenzierung kann zwischen dem aktiven und dem passiven Gedächtnis vorgenommen werden. Das aktive Gedächtnis bezeichnet die „aktiven Erinnerungen eines Subjekts“ (ebd. 185), bei denen das Subjekt die handelnde Rolle in der Erinnerung trägt, wohingegen das passive Gedächtnis Erinnerungen beschreibt, in denen die erinnernde Person das „Objekt einer Erinnerung“ (ebd.) darstellt, also nicht mehr selbst Handlungsträger ist. Im Französischen lässt sich diese Unterscheidung durch je me souviens vs. il me souvient wiedergeben (vgl. ebd.). Zwei andere Begriffe, m é moire volontaire vs. m é moire involontaire, beschreiben das Gegensatzpaar von bewusster und unkontrollierter Erinnerung (vgl. ebd. 186).

Eine weitere Unterscheidung findet sich zwischen dem sogenannten episodischen und dem semantischen Gedächtnis. In dem episodischen (auch autobiographischen) Gedächtnis speichern sich unsere persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen ab. Es bildet ein wichtiges Element unserer Identitätskonstruktion, denn ohne Erinnerungen an unser vorheriges Leben haben wir auch keine Identität mehr, da diese sich durch unsere Handlungen und Erfahrungen bildet (vgl. ebd. 187). Wohingegen im semantischen Gedächtnis das „durch gezieltes Lernen erworben<e>“ (ebd. 187) Wissen gespeichert wird und das somit das episodische Gedächtnis ergänzt (vgl. ebd. 188).

Da unsere persönlichen Erinnerungen bedingt sind durch unsere Perspektive und Wahrnehmung, ist das episodische Gedächtnis zudem höchst unzuverlässig und „rekonstruierbar“ (ebd. 185). Im Vergleich dazu ist das semantische Gedächtnis zuverlässig und weniger variabel; da das abgesicherte Wissen nicht auf die persönliche Perspektive beschränkt ist, unterliegt es keinen Schwankungen (vgl. ebd. 187).

Eine weitere Unterscheidung ist die zwischen dem verkörperten/prozeduralen und dem ausgelagerten Gedächtnis. Im prozeduralen Gedächtnis werden „habitualisierte Handlungen <, die> ohne Bewusstsein vollziehbar“ sind, wie Radfahren oder Schwimmen, gespeichert (vgl. ebd. 189). In diesem Sinne ist das Wissen nicht auslagerbar. Im semantischen und episodischen Gedächtnis abgespeichertes Wissen ist dahingegen auslagerbar durch Schrift, Sprache, Bilder etc. Das ausgelagerte Wissen kann das Gedächtnis an sich nicht ersetzen, es jedoch bedeutend erweitern und sozusagen wie ein externer Speicher fungieren, denn „ausgelagertes Wissen kann immer wieder gelernt, memoriert, subjektiv angeeignet und somit auch wieder verkörpert werden“ (ebd.).

3.2 Kollektives Ged ä chtnis

Das Gedächtnis einer Gruppe, z. B. einer konkreten Gesellschaft, wird auch als „kollektives Gedächtnis“ bezeichnet; es wird nicht unbedingt als Gegensatz zum Gedächtnis des Einzelnen, dem sogenannten individuellen Gedächtnis, betrachtet, sondern eher als eine Erweiterung von diesem, beide als zwei Teile eines dynamischen Konstrukts. Demnach ist das Gedächtnis nicht isoliert zu betrachten, sondern als ein Produkt von Wechselbeziehungen im sozialen und politischen Kontext, in Interaktion mit anderen, als Reaktion oder Bezug auf andere kollektive sowie individuelle Gedächtnisse (vgl. A. Assmann 2008: 193).

Der Begriff „kollektives Gedächtnis“ wurde erstmals von dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs und dem französischen Mentalitätshistoriker Jacques le Goff geprägt. Halbwachs beschreibt mit dem Terminus m é moire collective (1959) die soziale Bedingtheit des Gedächtnisses, also dass jede Erinnerung ein „kollektives Phänomen“ darstellt, „da jeder Mensch in materiale, mentale und soziale Bezugsrahmen (cadres sociaux) eingebunden ist und damit Teilhaber an einer kollektiven symbolischen Ordnung sei“ (Hartwig/Stenzel 2007: 251). Demnach sind das individuelle und kollektive Gedächtnis gar nicht trennbar, sondern stehen in einer Wechselbeziehung (ebd.).

Im weiteren Sinne, wenn das verkörperte bzw. ausgelagerte Gedächtnis auf die Gesellschaft bezogen wird, wird von „Speichergedächtnis“ gegenüber dem „Funktionsgedächtnis“ gesprochen. Wissen, das im Archiv ausgelagert ist und „bei Bedarf abgerufen werden“ (Assmann 2008: 190) kann, stellt das passive Gedächtnis der Gesellschaft dar und wird als Speichergedächtnis bezeichnet. Das Funktionsgedächtnis der Gesellschaft bezeichnet das aktive Gedächtnis, also die für die soziale Identität relevanten Bestände und Informationen, worauf sich die kulturelle Identität stützt und die durch Bildung vermittelt werden (ebd.). So sind auch kanonisierte Werke, Autoren etc. Bestandteil des Funktionsgedächtnisses, da sie „immer wieder gelesen, gesehen, gehört, wiedererkannt, angeeignet, auswendig gelernt“ (ebd.) und somit wieder verkörpert werden.

3.2.1 Kulturelles Ged ä chtnis

In diesem Sinne unterscheidet der Kulturwissenschaftler Jan Assmann (2008) zwischen drei Formen des Gedächtnisses, dem individuellen, kommunikativen und kulturellen Gedächtnis (vgl. J. Assmann 2008: 109). Demnach ist das Gedächtnis auf der inneren Ebene eine Angelegenheit unseres neuro-mentalen Systems, nämlich unseres persönlichen Gedächtnisses (individuelles Gedächtnis). Auf sozialer Ebene wird das Gedächtnis für die Kommunikation und die soziale Interaktion benötigt, um das Leben in Gruppen und Gemeinschaften zu ermöglichen; und wiederum das Leben in der Gemeinschaft ermöglicht es uns, ein Gedächtnis aufzubauen (vgl. ebd.).

Die Unterscheidung Assmanns zwischen dem kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis wird als Ergänzung zum Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Halbwachs angesehen. Kulturelles Gedächtnis ist eine Form des kollektiven Gedächtnisses in dem Sinne, dass es von mehreren Personen geteilt wird und diesen Personen eine kollektive/kulturelle Identität vermittelt (vgl. J. Assmann 2008: 110). Halbwachs trennte allerdings sein Konzept von Traditionen, Überlieferungen und Übertragungen, was von Assmann unter dem Begriff „kulturelles Gedächtnis“ aufgegriffen wird. Demnach besteht die Unterscheidung darin, dass Halbwachs` Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Assmann in das kommunikative und kulturelle Gedächtnis aufgeteilt wird, und somit den Aspekt des kulturellen mit einbezieht (vgl. J. Assmann 2008: 110).

Das kulturelle Gedächtnis wird objektiviert und in symbolischen Formen gespeichert. Dadurch kann es sowohl von Situation zu Situation als auch von einer Generation zur anderen mithilfe externer Objekte, die als Erinnerungsträger funktionieren, übertragen werden (vgl. J. Assmann 2008: 111). Dies geschieht in Interaktion mit menschlichen Erinnerungen, aber auch mit Dingen wie äußeren Symbolen. Auch wenn ‚Dinge‘ keine eigene Erinnerung haben, sind sie Erinnerungsträger, sie beinhalten Erinnerungen, indem sie bei uns Erinnerungen auslösen, die wir in sie investiert haben. Erinnerungsträger können Feste, Riten, Geschichten, Texte, Landschaften und andere lieux de m é moire (Pierre Nora) sein (vgl. J. Assmann 2008: 111).

Als Merkmale des kulturellen Gedächtnisses nennt Jan Assmann die Gruppenbezogenheit, die Speicherung von Wissen einer bestimmten Gruppe; die Rekonstruktivität, also die Konstruktion der Geschichte aus der Gegenwart; die Geformtheit, um als Medium überlieferbar zu sein; die Organisiertheit, also seine institutionelle Absicherung; die Verbindlichkeit, auf ein normatives Selbstbild bezogen und die Reflexivität, da es auf sich selbst Bezug nimmt (vgl. Hartwig/Stenzel 2007: 252).

Das kommunikative Gedächtnis allerdings lebt nur in der alltäglichen Interaktion und Kommunikation, es wird weder institutionalisiert, noch vermittelt, und überdauert deshalb eine Zeitspanne von drei interagierenden Generationen in der Regel nicht (vgl. J. Assmann 2008: 111). Kurz: „Das kommunikative Gedächtnis ist die lebendige Erinnerung, die von konkreten Menschen verkörpert und mündlich weitergegeben wird.“ (Hartwig/Stenzel 2007: 252).

Astrid Erll definiert das kulturelle Gedächtnis als das Zusammenspiel von Gegenwart und Vergangenheit in soziokulturellen Kontexten (2008: 2). Damit ist die Rekonstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit aus der gegenwärtigen Perspektive mithilfe von Medien, Institutionen und Praktiken gemeint (vgl. Erll 2008: 5). Durch Medien vermittelte Erinnerungen müssen immer wieder von der Gesellschaft aufgegriffen und aktualisiert werden, damit z. B. Denkmäler, Rituale oder Bücher ‚lebendig‘ bleiben, denn nur so können sie sich auf die Gesellschaft auswirken (vgl. Erll 2008: 5).

Die Schaffung eines kollektiven Gedächtnisses, eines sozialen Gruppengedächtnisses, ist auch ein wichtiges Element der politischen Bildung und notwendig, um den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft zu ermöglichen (vgl. Keller 2014: 28). Sie ist die Voraussetzung für die Bildung einer „Wir-Identität“ (Assmann 2008: 191). Diese beruht auf gemeinsamen Erinnerungen, geteiltem Wissen sowie Normen und Wertorientierungen, die eine Gruppe, z. B. Nationen, Ethnien, Staaten, gemeinsam haben (vgl. ebd.).

So ist auch die Beherrschung grundlegender Symbolsysteme wie Schrift und Sprache und die Konstruktion gemeinsamer Geschichte ein Teil dieses Konstrukts (vgl. Keller 2014: 28 f.). Das kollektive/kulturelle Gedächtnis wird u. a. „mithilfe unterschiedlicher symbolischer Medien wie Texten, Bildern, Denkmälern, Jahrestagen, und Kommemorationsriten“ und anderer kultureller Überlieferungen gebildet (ebd.). Das kulturelle Gedächtnis muss also erst ‚gemacht / konstruiert’ werden, da Gruppen natürlicherweise über kein gemeinsames Gedächtnis verfügen; es muss durch Denkmäler, Museen, Bibliotheken, Archive und andere Gedächtnisinstitutionen bewahrt und vermittelt werden (vgl. J. Assmann 2008: 111).

3.2.2 Historisches Ged ä chtnis

Andreas Huyssen benutzt den Begriff „Historical Memory“ (Huyssen 2003: 1), um das Verhältnis einer Gemeinschaft zu ihrer Vergangenheit zu bestimmen. Nach Huyssen prägt die Vergangenheit die Gegenwart durch moderne Reproduktionsmedien wie Fotografie, Film, Musik oder durch das Internet, aber im gleichen Maße auch durch die Geschichtswissenschaften und die Museumskultur (vgl. ebd.).

Die moderne Stadt repräsentiert mit ihren Monumenten, Museen, Palästen, öffentlichen Räumen und Regierungsgebäuden die materiellen Spuren der historischen Vergangenheit in der Gegenwart zum Preis der Zerstörung der Vergangenheit, die das Vergessen mit sich bringt (vgl. ebd. 1 f.). Damit ist gemeint, dass die städtischen Gebäude und Museen sowohl einen historischen Charakter tragen als auch einen Aspekt des Zerstörens und Vergessens, da durch die immerwährenden Neubauten der Abriss alter Gebäude, Straßen u. ä. eine Löschung des Vergangenen bedeutet.

Somit neigen wir dazu, Städte und Gebäude als Palimpseste des Raumes zu betrachten, doch sind die meisten Gebäude überhaupt keine Palimpseste, denn „(t)he same space cannot have two different contents, but may well put different things in one place: memories of what there was before, imagined alternatives to what there is“ (ebd. 7). Dies bedeutet, dass der gegenwärtige Raum mit Spuren der Vergangenheit verschmilzt, was aber dennoch Verlust und Löschung der Vergangenheit bedeuten muss, da ihre Ursprünglichkeit nicht mehr gänzlich vorhanden ist.

3.3 Individuelles und kollektives Trauma

Die American Psychological Association, kurz APA, definiert den Begriff „Trauma“ als emotionale Reaktion auf ein schreckliches Ereignis wie einen Unfall, eine Vergewaltigung oder eine Naturkatastrophe (vgl. Rowell/Thomley 2013). Im Falle eines schrecklichen Ereignisses, das eine schwere psychische Belastung verursacht, tritt meist ein Trauma auf, das das Unterbewusstsein betrifft.

Die Menschen können unmittelbar nach dem Ereignis einen Schock erleiden oder sie sind nicht in der Lage zu erkennen, was wirklich passiert ist, und versuchen, dies zu leugnen. Sie können aber auch an langfristigen Störungen leiden, die als „Posttraumatische Belastungsstörungen“ bezeichnet werden, kurz PTBS, einschließlich extremer unvorhersehbarer Emotionen, Rückblenden, angespannter Beziehungen und sogar körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Übelkeit (vgl. ebd.).

Andere Symptome von PTBS sind Alpträume, Panikattacken und Halluzinationen. Manchmal gelingt es einigen Menschen, ihre Erfahrungen gänzlich auszublenden, so, dass sie sich vollständig an das Ereignis nicht erinnern. In Zeiten extremen Stresses oder Schreckens grenzen sich die Menschen von anderen ab und bilden eine mentale Blockade, um sich vor der Realität zu schützen (vgl. Goldhill 2015).

Für gewöhnlich bleibt das Trauma unverarbeitet, diskret und im Unterbewusstsein verborgen, da die meisten Menschen sich weigern, über ihre schlechten Erfahrungen zu sprechen oder zu schreiben. Dabei weigern sie sich auch, mit ihren traumatischen Erfahrungen umzugehen, obwohl ignorierte Traumata nicht verschwinden. Folglich haben Menschen, die an PTBS leiden oder nur schlechte Erinnerungen haben, Mühe, nach ihren traumatischen Erfahrungen ein neues Leben zu beginnen. Zusammenfassend lässt sich sagen: „A trauma is an experience of such intensity that it overwhelms the mind's capability for dealing with it.“ (Wirth 2004: 37).

Ein Trauma, das Gruppen von Personen gleichzeitig passiert, wird als „kollektives Trauma“ bezeichnet (vgl. ebd.). Ein kollektives Trauma kann durch Krieg, Völkermord, Sklaverei, Terrorismus und Naturkatastrophen (vgl. Garrigues 2013) verursacht werden. Da es über Generationen und Gemeinschaften hinweg weitergegeben werden kann, kann es auch als historisches, vererbtes oder kulturelles Trauma eingestuft werden. Das Trauma ruft extreme Gefühle hervor wie „extreme fear - frequently, fear of death - terror, powerlessness, and total hopelessness“ (Wirth 2004: 37). Aleida Assmann bezeichnet beispielsweise den Holocaust als „kollektives Geschichts-Trauma“ (Assmann 2008: 192) und misst seiner „Nachträglichkeit“ eine bestimmende Rolle bei. Hiermit ist gemeint, dass einerseits die traumatischen Erlebnisse des Holocausts erst nach 1980 erzählbar wurden, da bis dahin die politischen und gesellschaftlichen Umstände die historische Auseinadersetzung mit ihnen nicht erlaubten. Andererseits beschreibt diese von Freud stammende Formulierung die unbewusste Vererbung und Weitergabe des Traumas „im Sinne einer familiären oder Leidgenossenschaft“ (ebd.) an die nächsten Generationen.

3.4 Individuelle und kollektive Identität

Der Mensch differenziert sich von allen anderen, er ist ein Individuum. Seine Individualität wird bestimmt durch „Zahlen (Geburtsdatum, Passnummer), Bilder, Adressen sowie unveränderliche körperliche Merkmale wie die Augenfarbe“, seinen Fingerabdruck und seine DNA (vgl. A. Assmann 2008: 209). Diese Merkmale werden im „Rahmen einer staatlichen Identitätsbürokratie“ erfasst, um der Person Schutz und Bürgerrechte zu gewähren (vgl. ebd.).

Identität ist allerdings kein Konstrukt, das ausschließlich auf äußerliche Identitätsmerkmale begrenzt ist, sie wird „auch von innen hervorgebracht“, sie ist eine Form der Selbsterkenntnis und Selbstinszenierung (vgl. ebd.). Die Identität beinhaltet Aspekte des Geschlechts, Alters oder der sozialen Zugehörigkeit, sie wird aber nicht nur von außen zugeschrieben, sondern auch durch „Wahl und innere Anstrengung“ gebildet (vgl. ebd. 211 f.).

Im gegenwärtigen Roman wird Identität nicht mehr als ein „durch Herkunft oder Klasse“ (ebd. 213) vorbestimmtes Konstrukt behandelt, sondern im Sinne der Identitätsentwicklung als „eine konstruktive Aufgabe der Einzelnen“ aufgefasst (vgl. ebd.). Nach Jan Assmann (2008: 109) ist Erinnerung, die Fähigkeit, die es uns ermöglicht, sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene ein Bewusstsein für das Selbst, für die Identität, zu entwickeln.

Dies definiert Locke „als ein reflexives Selbstverhältnis“, also, „dass sich eine Person als ein Selbst im Wandel der Zeit erkennt“ (Locke zit. nach A. Assmann 2008: 213 f.), demnach also seine Identitätsentwicklung auf seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Vergangenheit, auf seine Perspektive in der Gegenwart und auf seine Erwartungen an die Zukunft stützt.

Die individuelle Identität ist gekennzeichnet durch das Zusammenwirken der Inklusions- und der Exklusions-Identität. Erstere bezeichnet die Erfüllung bestimmter Verhaltensnormen und rollenspezifischer Erwartungen der Gesellschaft, d. h. eine Anpassung an und Einordnung in das gesellschaftliche System im direkten Bezug zur Sozialstruktur. Wohingegen die Exklusionsidentität sich aus den Merkmalen und Eigenschaften des Individuums, die ihn von anderen Individuen abgrenzen, entsteht. Diese Abgrenzung bedeutet für das Individuum auch eine Art Unabhängigkeit, welche die Notwendigkeit sich ‚zu beweisen‘ mit sich bringt: „In der Exklusionsidentität wird die (triviale, natürliche) Unverwechselbarkeit des Individuums zur (kulturellen) Einzigartigkeit gesteigert. Diese Einzigartigkeit verbindet sich mit dem neuen kulturellen Wert der Authentizität“ (A. Assmann 2008: 219).

Darüber hinaus wird die individuelle Identität durch die kollektive Identität ergänzt und geformt. Unter „kollektiver Identität“ wird eine geteilte Identität verstanden, die einer Gruppe von Personen gemeinsam ist und ihren inneren Zusammenhalt sichert. Sie ist „das Resultat der Ausbildung gruppenspezifischer Kulturformen“ und kann auch als „kulturelle Identität“ bezeichnet werden (vgl. Hartwig/Stenzel 2007: 245). Dies bedeutet die Internalisierung geteilter Normen und Wertorientierungen, Umgangsformen, Traditionen, Kulturgüter, die Weltsicht etc. innerhalb einer Gemeinschaft und deren Weitergabe an die nächste Generation (vgl. ebd. 245 f. und Keller 2014: 29).

Neben der Voraussetzung für das gesellschaftliche Dasein birgt die kollektive Identität allerdings auch Risiken wie „Vereinheitlichung von Individuen (oder) Pauschalurteile über Kulturgemeinschaften“ (Hartwig/Stenzel 2007: 246). Denn „Homogenisierung vollzieht sich bereits bei der Übernahme weitgehend unbewusster Verhaltensmuster.“ (A. Assmann 2008: 223). Aus diesem Grund ist es wichtig bei der Schaffung einer gemeinsamen Identität, die Wahrung der Individualität nicht zu vernachlässigen. Denn Individuen besitzen unterschiedliche Identitäten entsprechend den verschiedenen Gruppen, Gemeinschaften, Glaubenssystemen, politischen Systemen usw., denen sie angehören, und ebenso vielfältig sind ihre kommunikativen und kulturellen, kurz: kollektiven, Erinnerungen (vgl. J. Assmann 2018: 113).

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Details

Seiten
74
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346202109
ISBN (Buch)
9783346202116
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v704039
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
bruder dora erinnern modianos patrick pour romane vergessen

Autor

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Titel: Erinnern und Vergessen bei Patrick Modianos. Die Romane "Dora Bruder" und "Pour que tu ne perdes pas dans le quartier"