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Die Entwicklung der 'Spannung' im Drama am Beispiel von Ljudmila Razumovskajas "Dorogaja Elena Sergeevna"

von Andy Schober (Autor) Natalja Flaming (Autor)

Hausarbeit 2007 11 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Gliederung:

1 Einleitung:

2 Aufbau der Spannung
2.1 Partielle Informiertheit
2.2 Parameter zur Steigerung der Spannungsintensität
2.3 Was-Spannung und Wie-Spannung
2.4 Finalspannung und Detailspannung

3 Messbarkeit von Spannung

Schlusswort:

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung:

Die Spannung stellt ein Grundbedürfnis des Menschen dar. Sie ist gekennzeichnet durch die Frage „Wie geht es weiter?“ und strebt nach Lösung bzw. nach Entspannung. Nach Fill (2003:10) ist der Spannungsbedarf stündlich, täglich und sogar lebenslang beim Menschen vorhanden. Er entwickelte sich in den frühesten Evolutionsstufen des Homo Sapiens aus der Notwendigkeit der Beschaffung von Nahrung und wird heute gesichert durch das Berufsleben, durch soziale Kontakte, durch sportliche Aktivitäten und andere Freizeitbeschäftigungen. Jedoch wird der Spannungsbedarf weitestgehend immer mehr auch durch Kunst, Literatur und andere kulturelle Gestaltungsmöglichkeiten gedeckt, sowie auf unterschiedlichster Art und Weise durch die Sprache.

Wie eben schon erwähnt spielt die Spannung bei der Textproduktion eine ebenso große Rolle. Sie entscheidet darüber ob ein Text weiter gelesen wird oder nicht. Der Spannungsbegriff wird durch zwei Begriffe unterschieden – ‚tension’ und ‚suspense’.

Tension stellt dabei eine Art Spannung dar, die aus Gegensätzen wie ‚abstrakt und konkret’ oder ‚ernst und ironisch’ resultiert und eher statisch ist. Diese Art von Spannung ist vorrangig, aber nicht ausschließlich in Gedichten anzutreffen (Wenzel 2001:22).

Dieser Begriff der Spannung ist „nicht dramenspezifisch […], sondern ein allgemeines Merkmal ästhetisch strukturierter Texte“ (Pfister 2000:142) und wird deswegen bei der Analyse dramatischer Texte außen vorgelassen und findet keine weitere Beachtung. Aus diesem Grund ist die Spannung für das Drama im Sinne von ‚suspense’ zu sehen. Dabei setzt diese Art von Spannung „eine narrative Textstruktur voraus…[und]…ist damit der engere, spezifischere sowie interessantere Spannungsbegriff“ (Wenzel 2001:22). ‚Suspense’ ist auf den Handlungsverlauf orientiert und weist somit eine ständige dynamische Änderung des Spannungspotentials auf. Gemäß Fill (2003:70f.) ist ‚suspense’ zu definieren „als das angenehme Gefühl der Erwartung im Leser […], das durch angedeutete, aber noch nicht gegebene Informationen entsteht.“

In den folgenden Ausführungen werde ich das Problem der Spannung, d.h. wie man Spannung und mit welchen Mitteln man sie erzeugt, näher am Beispiel des Dramas ‚Dorogaja Elena Sergeevna’ von der zu den wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen Russlands zählenden Ljudmila Razumovskaja beschreiben.

2 Aufbau der Spannung

Das Drama „Dorogaja Elena Sergeevna“ ist in seinem Aufbau von Spannung typisch für diese Gattung. Wie in der Einleitung schon erwähnt ist die Spannung auch in diesem dramatischen Werk im Sinne von ‚suspense’ zu sehen. Das Spannungspotential verläuft dynamisch und der Leser ist im Verlauf der Handlung des Öfteren ‚gespannt’ (suspense) welchen Gang die Geschichte nimmt. Ljudmila Razumovskaja verwendet in ihrem Werk alle Formen des dramatischen Erzählens. In meinen folgenden Ausführungen werde ich mich näher auf die Mittel des Spannungsaufbaus wie „Partielle Informiertheit“, das Zusammenwirken mehrer Spannungsbögen (Finalspannung und Detailspannung), den Einsatz verschiedener Parameter zur Steigerung der Spannungsintensität sowie die Verwendung eines solchen Aufbaus, der im Bezug zur Spannungsentwicklung sowohl auf den Ausgang, als auch auf den Gang der Handlung ausgerichtet ist (Was-Spannung und Wie-Spannung).

2.1 Partielle Informiertheit

Das eigentliche Spannungspotential ist das Ergebnis einer nur teilweisen bzw. einer partiellen Informiertheit des Lesenden in Bezug auf folgende Ereignisse von den handelnden Figuren. Somit würden sowohl die totale Informiertheit über kommende Handlungssequenzen, als auch die totale Offenheit und Unvorhersagbarkeit der zukünftigen Ereignisse keine Entwicklung von Spannung mit sich bringen (Pfister 2000:142f.). Die Spannung ergibt sich gemäß Pfister (2000:143) „immer im Spannungsfeld von Nichtwissen und antizipierender Hypothese aufgrund gegebener Informationen.“ Die Kunst der Spannungsentwicklung liegt dementsprechend darin eine Neugier beim Leser zu wecken, was nur erreicht wird indem der Leser Informationen über bereits Geschehenes erhält, aber ebenso im Unklaren bleibt über zukünftige Ereignisse, um eigene Schlussfolgerungen für den Leser zu ermöglichen (Pütz 1977:11).

Im Bezug zum Drama „Dorogaja Elena Segeevna“ kommt es zur Anwendung der partiellen Informiertheit. Zum Beispiel weiß der Leser, dass der Geburtstag der Mathelehrerin der Anlass für den Besuch der Jugendlichen ist.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem Ljalja zu Pascha eine Bemerkung äußert, die dem Leser auf einen zweiten Grund/dem eigentlichem Grund des Besuchs schließen lässt, welcher ihm jedoch zu diesem Moment des Handlungsverlaufs noch unklar ist.

2.2 Parameter zur Steigerung der Spannungsintensität

Ein unmittelbar beeinflussender Faktor der Spannungsintensität und somit auch der Spannung stellt den Grad der Identifikation des Lesers mit den Figuren/Hauptfiguren dar. Je stärker die Identifikation ist, desto besser kann der Leser sich Vorstellungen über mögliche Risiken machen, den weiteren Verlauf besser mitverfolgen und um so mehr wird der Rezipient auf folgende Handlungen gespannt sein. Dieser Parameter wird dabei meist durch den Text gesteuert, indem gleich zu Beginn in der Einführung die Hauptfiguren näher Vorgestellt werden (Pfister 2000:144). Das Darstellen des vermeintlich ‚unbeschwerten Lebens’ der Jugendlichen, welche eine Lebenseinstellung an den Tag bringen, die der Bezeichnung einer ‚Null-Bock’-Stimmung gleichkommen würde und die Angst der Schüler vor dem Versagen sowie dem damit verbundenen Abrutschen in niedere soziale Schichten, hat dabei nicht nur sozialkritische Funktion an die Erziehung unserer Kinder bzw. an die Entwicklung unserer Gesellschaft, sondern soll gleichzeitig ein Identifikationsangebot für den Leser im Bezug auf die Ängste und Probleme der Teenies im Drama bereitstellen. Ebenfalls die detaillierte Vorstellung der ‚Elena Sergeevna’ soll es dem Rezipienten ermöglichen sich gut in ihr tristes und graues Leben hineinzuversetzen.

Ein zweiter Parameter zur Steigerung der Spannungsintensität ist die Größe des involvierten Risikos - je höher das Risiko, um so höher die Spannung. Dabei steigt die Spannung auch je höher die Spanne zwischen dem Erreichen und dem Nichterreichen des Ziels ist. Um das Risiko zu maximieren verwendet man das ‚Alles-oder-Nichts’ Prinzip. Bei diesem Prinzip steht nicht selten das höchste Gut des Menschen, sein Leben, auf dem Spiel (Pfister 2000:144f.) In ‚Dorogaja Elena Sergeevna’ bringt die Pädagogin ihr weiteres Leben mit dem Schlüssel zum Safe in Verbindung, indem sie lieber sterben würde, bevor sie ihren Schülern den Schlüssel aushändigt. Auch die Theorie der ‚Fallhöhe’, bei der die Figuren des Dramas einen sozialen Abrutsch riskieren gehört zur „Technik spannungsintensivierender Maximierung des Risikos“ (Pfister 2000:145). In dem Moment als Elena Sergeevnas Schüler sich dazu entscheiden leere Blätter bei der Matheprüfung abzugeben und von ihrer Lehrerin zu verlangen ihnen den Schlüssel zum Safe auszuhändigen, um die schlechten Prüfungen mit Besseren auszutauschen, und dabei vor nichts zurückschrecken, auch nicht vor Gewalt, gehen sie das Risiko ein als Straftäter dazustehen oder bei Erfolg die Schule mit einem sehr guten Abschluss zu beenden, womit ihnen die Türen zu den besten Universitäten und somit zu einem weiteren erfolgreichen Leben mit Führungspositionen offen stehen.

Die Spannung ist weiterhin abhängig von der Anzahl zukunftsorientierter Informationen, von denen der Leser eine Auskunft über in Zukunft liegende Handlungen erhält. Dieser Parameter findet seine Anwendung in der Form von ankündigenden Planungsreden, in Schwüren, Prophezeiungen und Träumen (Pfister 2000:145). Die Dialoge zwischen Walodja und Viktor sowie zwischen Walodja und Pascha, in denen es um die Versuche geht, ihre Lehrerin durch vorsätzliche Anwendung von Gewalt (Pascha vom Hochhaus zu stürzen bzw. die Vergewaltigung Ljalja’s) zu erweichen, geben Aufschlüsse über ihr weiteres Vorhaben. Ebenso der Schwur der Frau Sergeevna lieber zu sterben bevor sie ihren Schülern den Schlüssel überreicht und die Träume der Jugendlichen über ihr besseres, im Wohlstand verlaufendes Leben, haben zukunftsorientierte Intentionen.

Aus dem Wissen um Pläne und mögliche Hindernisse ergibt sich auch wieder die partielle Informiertheit und somit die Erhöhung des Spannungspotentials. Ein weiterer Weg der die Spannung anwachsen lässt ist die zusätzliche ‚zeitliche Terminierung’ (Pfister 2000:145) der Lösung des Problems oder der Aufgabe. Wenn die Schüler es nicht schaffen, den Schlüssel bis zum nächsten Morgen ausgehändigt zu bekommen, dann werden ihre schlechten Leistungen bewertet und alles war umsonst. Abschließend ist noch zu sagen, dass egal wie hoch das Risiko oder die Schockeffekt sind, ohne Informationen über die Zukunft kann keine Spannung entstehen (Pfister 2000:145f.).

Ein letzter Parameter zur Spannungssteigerung stellt der Informationswert dar. Einem Vorgang kommt ein um so höherer Informationswert zu, je geringer die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens ist. D.h. je geringer die Wahrscheinlichkeit des Eintretens ist, um so größer wird das Spannungspotential (Pfister 2000:146). Auf Grund einer schwer zu lösenden Aufgabe wird die Lösung immer unwahrscheinlicher.

Da Jelena Sergeevna eine Frau mit Prinzipien ist, zeigt sie sich während der gesamten Handlung nicht ein Mal dazu bereit den Schlüssel auszuhändigen und ihr Eid, eher zu sterben bevor sie den Schlüssel überreicht, lassen ein Erreichen des Ziels ihrer Schutzbefohlenen zu keinem Zeitpunkt aussichtsreich erscheinen, was die Spannung von Minute zu Minute ganz nach diesem Prinzip erhöht.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638623971
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v70058
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Spannung Drama Beispiel Ljudmila Razumovskajas Dorogaja Elena Sergeevna Gattung

Autoren

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Titel: Die Entwicklung der 'Spannung' im Drama am Beispiel von Ljudmila Razumovskajas "Dorogaja Elena Sergeevna"