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Erlebnispädagogik und christliche Jugendarbeit

Hausarbeit 2004 20 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung
1.1 Beispiel aus der Praxis

2. Erlebnispädagogik
2.1 Ansatz und Ziele klassischer Erlebnispädagogik
2.2 Aktuelle Entwicklung in der Erlebnispädagogik
2.3 Unterscheidung von Erlebnispädagogik und touristischen Angeboten in der Natur

3. Christliche Jugendarbeit

4. Inhaltliche Beziehung zwischen Erlebnispädagogik und christlicher Jugendarbeit
4.1 Ganzheitlicher Ansatz
4.2 Metaphorisches Arbeiten
4.3 Reflexion und Interpretation

5. Fazit und weitere Eingrenzung der Fragestellung

6. Konkretion an einem Beispiel
6.1 Erlebnispädagogische Bibelarbeit
6.1.1 Hermeneutik biblischer Texte
6.1.2 Ziel einer erlebnispädagogische Bibelarbeit
6.1.3 Inhalt einer erlebnispädagogischen Bibelarbeit
6.1.4 Mögliche Methoden
6.1.5 Risiko und Chance für die Verkündigung

7. Grenzen von Erlebnispädagogik in der christlichen Verkündigung

8. Ausblick

Verzeichnis der verwendeten und zitierten Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

Erlebnispädagogik hat in den späten 80-ern und den 90-ern des vergangenen Jahrhunderts eine Renaissance erfahren, die bis heute wirksam ist. Besonders im Bereich der Straffälligenhilfe und der Sozialpädagogischen Einzelfallhilfe und der Heimerziehung kommen erlebnispädagogische Elemente zunehmend zum Einsatz. Auch bei Firmen, besonders im Managmentbereich, werden erlebnispädagogische Trainings zur Festigung der Zusammenarbeit in Teams häufig angewandt. Dieser Zweig hat sich inzwischen zu einem kommerziellen Markt entwickelt. In meiner Hausarbeit hier beziehe ich mich auf Erlebnispädagogik im Bereich der Jugendarbeit.

Der CVJM ist seit ca. 150 Jahren im Bereich der christlichen Jugend- und Sozialarbeit aktiv. Neben dem Schwerpunkt der Verkündigung des christlichen Glaubens ist pädagogische Arbeit mit jungen Menschen zur Lebensbewältigung und -planung, auch in Krisensituationen, das wesentliche Arbeitsfeld des CVJM. In Zeiten der “Mulitoptionsgesellschaft” (Peter Gross), Konsumhaltung und Individualisierung der Lebensentwürfe ist die Frage nach tragfähigen Werten und Grundlagen zur Orientierung für junge Menschen wieder verstärkt vorhanden. Das zeigen u.a. der starke Zulauf radikaler Gruppen im politischen oder religiösen Bereich. Hier gibt es für christliche Jugendarbeit ein breites Aufgabenspektrum, um einerseits unser Wertmodell anzubieten, andererseits die Freiheit zur eigenen, wirklichen, Verantwortung und Entscheidung sichtbar zu machen.

Ist Erlebnispädagogik als ganzheitlich-erfahrungsorientierte Lernform sinnvol in die inhaltliche Arbeit christlicher Vereine und Kirchen anwendbar? Wo sind die Chancen und Grenzen? Wo kann, neben dem pädagogischen Anspruch, Erlebnispädagogik in die Verkündigung einfließen und ist es überhaupt sinnvoll, beides zu trennen?

1.1 Beispiel aus der Praxis

Es ist 5 Uhr morgens, die Teilnehmer einer christlichen Ferienfreizeit an der norwegischen Westküste werden unverhofft geweckt und treffen sich alle in der Turnhalle. Sie bekommen vom Leiter gesagt: “Wir möchten euch einladen auf ein Spiel, welches jetzt beginnt und zwei oder drei Tage dauert. Aus diesem Spiel könnt ihr jederzeit aussteigen, aber wir möchten euch ermutigen, euch so lange wie möglich darauf einzulassen. Ihr habt gelernt, was man zum Überleben in der freien Natur hier braucht. In der nächsten halben Stunde könnt ihr eure Sachen packen und alles mitnehmen, was ihr für wichtig haltet außer Uhr, Handy, Essen und Trinken (Ausnahme: Wasser).”

Dies war der Start der größten erlebnispädagogischen Aktion, bei der ich als Trainer mit dabei war, im Sommer 2002. Die Jugendlichen wurden in Gruppen aufgeteilt und mussten zusammen verschiedene Aufgaben bewältigen (z.B. Zielpunkte mit Karte und Kompass auf dem Land und zu Wasser finden, Notunterkunft bauen, einen “Verletzten” transportieren, sich aus der Natur ernähren usw.). Bei jeder Gruppe war ein Trainer, der den Prozess begleitete. Die jungen Menschen kamen an den Rand ihrer physischen und psychischen Kräfte, merkten einerseits die Stärke eines Teams, andereseits auch die Belastung durch augenscheinlich schwache Mitglieder der Gruppe. Die Aufgaben und Teile des Spiels wurden ständig durch die Spielleitung den aktuellen Situationen angepasst. Die Teilnehmer wußten aber nie, was sie als Nächstes erwartet.

Die ganze Aktion hat bei den Jugendlichen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und wurde in der Gesamtgruppe sehr gründlich reflektiert. Dabei ging es vor allem um Fragen wie: Umgang mit eigenen Grenzen und den Grenzen anderer, Anpassen an ungewohnte Situationen, Zusammenarbeit und Einzelkämpfertum, Vertrauen und Teamarbeit. Dies sind klassische Erfahrungen, die in der erlebnispädagogischen Gruppenarbeit zu finden sind.

Viele Sequenzen der Reflexion hätte man aber auch geistlich interpretieren können - bei einer christlichen Freizeit mit Verkündigungsanspruch sogar müssen. Beispielsweise die Unvorhersehbarkeit der folgenden Ereignisse und das Vertrauen, dass jemand (in diesem Fall der Spielleiter) dennoch den Überblick hat, oder das Handeln in Gemeinschaft als christlicher Wert, oder die Spannung zwischen eigener Entscheidung (Lebensweg-Entscheidung) und dem Vertrauen, dass Gott einen nicht fallen lässt, oder die Erfahrung, dass selbst ungewollte Umwege zu einem lohnenswerten Ziel führen. Dies sind alles nur angerissene Gedanken, die anhand des beschriebenen Beispieles zeigen, wo Potenziale beim Zusammendenken erlebnispädagogischer Konzepte und christlicher Jugendarbeit liegen können.

2. Erlebnispädagogik

2.1 Ansatz und Ziele klassischer Erlebnispädagogik

“Bei der Betrachtung der Geschichte zeigt sich, dass die Erlebnispädagogik keine Erfindung der letzten Jahre ist, sondern ein Sammelbecken darstellt, in dem sich viele Methoden zu einem neuen pädagogischen Zweig vermischt haben”[1] Die ersten Ursprünge kann man schon in der Antike bei Platon finden, der die ganzheitliche Bildung (Körper, Seele, Geist) wohl als erster explizit forderte. Konkreter sind die Wurzeln Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Reformpädagogik und der Entdeckung der Jugend als speziellen Lebensabschnitt identifizierbar. Hier seien besonders die Landerziehungsheimbewegung, die Arbeitsschulbewegung und die Jugendbewegung genannt. Ein wesentlicher Vertreter der Reformpädagogik ist A.S. Neill (1813-1972) mit dem Konzept der antiautoritären Erziehung.

In diesem Kontext ist die Arbeit Kurt Hahns (1816-1974) zu sehen, der als Pionier der Erlebnispädagogik im 20. Jahrhundert gilt. Er war selbst kein ausgebildeter Pädagoge, sondern Politiker ohne festes Mandat. So ist schon in den Ursprüngen ein politischer Bezug dieses pädagogischen Konzeptes auszumachen. Wie alle reformpädagogsichen Ansätze richteten sich auch Kurt Hahns Überlegungen gegen verstaatlicht-gleichgeschaltetes Denken in vorgeformten Mustern. Eins seiner Ziele war die Emanzipation der Menschen und die aktive Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben und die Gesellschaft.

Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und des existierenden Schulsystems in Deutschland entwickelte Hahn seine “Erlebnistherapie” und reagierte so auf die von ihm diagnostizierten (sehr verallgemeinerten) “Verfallserscheinungen” in der damaligen Gesellschaft.[2].

Diese sind:

a. Mangel an menschlicher Anteilnahme/Wertschätzung und Verantwortungsübernahme für andere
b. Mangel an Sorgsamkeit, Phantasie und Kreativität
c. Mangel an körperlicher Tauglichkeit
d. Mangel an Initiative und Spontaneität.

Dem stellte Hahn folgende “Therapien” gegenüber, die allerdings nicht einzeln als “Medizin” zu sehen sind, sondern erst in der durchdachten Verknüpfung und Anwendung ihre pädagogische Bedeutung gewinnen:

a. Rettungsdienste (Rettungsschwimmer, Bergrettung, Erste Hilfe usw.)
b. Projekt
c. Körperliches Training
d. Expedition

Rettungsdienste, der aktive Einsatz für das Wohl anderer Menschen, wahr für Hahn zentral. “Beim Rettungsdienst gewinnt der Jugendliche, durch den Einsatz seiner eigenen Existenz für das Wohl des Nächsten, eine neue Beziehung zum Leben”[3] Hier hat Hahn, der konvertierter Jude selbst vom christlichen Menschenbild herkam, einen engen Bezug zum Gleichnis des Barmherzigen Samariters (Lukas 10) hergestellt.

Das Projekt, sowohl im handwerklichen als auch im sozial orientierten Bereich, fordert von den Jugendlichen eine Konzentration auf ein Ergebnis und den Weg dahin. Hahn wollte damit eine “Leidenschaft des Schaffens” und die Freude am Geschaffenen wecken. Das Erfolgserlebnis nach einem bewältigten Projekt (welches zeitlich einen Anfang und ein Ende hat und somit für Jugendliche überschaubar bleibt) ist ebenfalls sehr wichtig.

Körperliches Training:“Der Zweck liegt auf der Hand. Mut, Überwindungskraft und Ausdauer sollten gesteigert werden. Jedoch: Die Schüler lernten, der eigenen Schwäche Herr zu werden und nicht (nur), vorhandenen Stärken zu steigern.”[4] Es ging dabei neben den Individualsportarten vor allem auch um Mannschaftssport, der zusätzlich zur Selbstüberwindung die Kooperationsfähigket und den Teamgeist der Jugendlichen stärkt.

[...]


[1] Jahn 2001, S. 1

[2] vgl. Jahn 2001, S. 5

[3] Jahn 2001, S. 6

[4] Gassner 2002/03

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638614276
ISBN (Buch)
9783638774116
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69998
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,3
Schlagworte
Erlebnispädagogik Jugendarbeit christliche Jugendarbeit

Autor

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Titel: Erlebnispädagogik und christliche Jugendarbeit