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Die Russische Revolution

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 42 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Februar Revolution

3. Die „Doppelregierung“ und die Abberufung Nikolai des II’ en

4. Doppelherrschaft oder Multi-Herrschaft?

5. Die Wortfreiheit

6. Das Kriegs-Problem und die April Krise

7. Die Koalitionsregierung und das anwachsen sozialer Unruhen

8. Die Sommerkrise von 1917

9. Der Zusammenbruch der staatlichen Institutionen und der Gesellschaft

10. Die Machtergreifung durch die Bolschewiken

11. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Folgen der russischen Revolution von 1917 gelten auch heutzutage für viele Menschen als die abschreckenden „Lehren der Geschichte“. Mit dem Sieg der Bolschewiken begann für die russischen Bevölkerung, und vor allem für die Intelligenz-Elite, die Zeit der Verfolgung und des Leidens. Die Ursprüngliche Bolschewistische Idee von 1903 – Weltrevolution und die Auflösung aller Staaten und Klassen in einem kommunistischen Reich – wurde auf die rücksichtsloseste Art und Weise ins genaue Gegenteil gekehrt und die Menschen litten noch mehr als zuvor. Die kommunistischen Anführer der nachfolgenden Generationen sprachen wiederum von einer unumgänglichen Revolution aus dem Herzen des Volkes, welches sich aus den repressiven staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen lösen wollte. Doch wie stark war die ideologische Überzeugung der protestierenden Massen 1917 wirklich? Waren es die bolschewistische Ideologie und Lenin, die die Menschen dazu gebracht hatten auf die Straße zu gehen und für ihre Rechte zu kämpfen, oder kam die von dem Volk ausgehende Revolte den bolschewistischen Kräften entgegen? Haben Lenin und seine Helfer die Massen bewegt, oder waren sie einfach zur rechten Zeit am rechten Ort?

Mit diesen Fragen soll sich auch die nachfolgende Abhandlung befassen. Nach einer genauen Darstellung der Ereignisse und der Vorstellung aller, im Staat konkurrierender, Interessensverbände und Parteien sollen die oben aufgestellten Fragen im Fazit diskutiert werden.

2. Die Februar Revolution

Mitte Februar des Jahres 1917 beschloss die Petrograder[1] Regierung über die Einführung des Karten-Systems. Als Reaktion darauf kam es vor den leeren Regalen in den Geschäften zu Handgemengen. Betriebe schlossen wegen unregelmäßigen Belieferungen und die am 14. Februar tagende nationale Duma übte erneut laute Kritik an den zuständigen Ministern und forderte deren Rücktritt. Abgeordnete legaler Arbeiterparteien schlossen Bünde mit den illegalen und radikalen Gruppierungen und planten eine gemeinsame Demonstration am offiziellen Tag der Frau (8. Mai). Die Bolschewiken, welche auch zu diesem Zeitpunkt nicht von der Zugkraft der Bewegung überzeugt waren, kamen erst später hinzu.[2]

Die Demonstration verlief ruhig. Die zahlreich teilnehmenden Studenten und Spaziergänger verliehen Ihr einen Stadtfestcharakter. Im Stadtinneren gab es viele antizaristische Ansprachen. Die Machthabenden sahen in dem Aufstand allerdings bloß die Angst vor dem Hunger und begnügten sich damit, dem Volk genügend Getreidereserven zuzusichern.

In den nächsten Tagen streikten fast alle großen Betriebe; die Bewegung wurde größer und aggressiver, so kam es auch zu vielen Zusammenstößen mit der örtlichen Polizei. Sowohl die Teilnehmer als auch die Beobachter waren von der Passivität der Regierung und der Zugkraft der Bewegung überrascht. Die Lage im Staat und zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen wurde immer verwirrender. Trotz der Anweisungen des Zaren, die Unruhen einzustellen, konnten die Demonstranten nicht aufgehalten werden. In der Nacht zum vierten Tag führte die örtliche Polizei unter General Habalov zahlreiche Razzien durch. Die führenden Köpfe illegaler Organisationen wurden verhaftet.

Am vierten Tag, dem 26. Februar, strömten wieder Kolonnen von Arbeitern ins Stadtzentrum. Soldaten bezogen Ihre Positionen, weigerten sich allerdings den Befehl auf Demonstranten zu schießen, auszuführen. Also Folge davon nahmen die Offiziere die Waffen an sich und erschossen 150 Menschen. Während sich die Kundgebung auflöste und man die Verletzten behandelte, rief die, sich als Sieger fühlende, Regierung den Notstand aus. Trotz warnender Ratschläge des damaligen Vorsitzenden Rodsjanko wurde die Duma aufgelöst.

Zum Morgen des 27. Februar wurde die Arbeiterbewegung durch die Soldaten, welche ihren Offizieren den Befehl, ins Volk zu schießen nicht verzeihen konnten, erweitert. Die Arbeiter und Soldaten „verbrüderten“ sich, besetzten das Waffenarsenal, rissen über 40 000 Waffen an sich und marschierten zum Palast. Die Revolution war „vollendet“.[3]

3. Die „Doppelregierung“ und die Abberufung Nikolai des II’ en

Obwohl der Zar die Duma aufgelöst hatte, beschlossen die Abgeordneten, nach dem Vorbild der französischen Revolutionäre 1789, die Versammlungen und Sitzungen weiter abzuhalten. Sie alle standen vor einer Frage: wie sollte man auf die Demonstranten, welche sich dem Palast in welchem die Duma tagte immer mehr nährten, reagieren. Trotz noch geteilter Meinung über eine geeignete Reaktion schritt der Abgeordnete Wladimir Iljitsch Kerenski auf die Terrasse und begrüßte das Volk. Dieser Geste sei dank blieb der Bund zwischen dem Volk und dem Parlament erhalten.

Zur gleichen Zeit hielt eine aus Arbeitern, aktiven Menschewiken und Abgeordneten der Menschewiken-Partei bestehende Gruppierung in einem der Palastsäle das erste Treffen des Rats der Arbeiter ab. Unter der Bezeichnung „vorläufiges, ausführendes Komitee des Rats der Arbeiter“ proklamierte sich eine Gruppe Aktivisten zum führenden Stab der Revolution. Um den Verlauf der Revolution geregelt koordinieren zu können wurden zugleich auch Kommissionen für Versorgung und Militär eingerichtet. Um so schnell wie möglich auf legitimer Basis handeln zu können, wurde der Rat noch am gleichen Abend gewählt.

Die rund 50, auf die Schnelle gewählten Abgeordneten, sowie 200 Aktivisten ohne Mandat, traten um 21 Uhr des gleichen Abends zusammen und beschlossen über die Struktur und die führenden Köpfe des Rats. Nach der inneren Ausgestaltung traf der Rat seinen ersten Beschluss: die Herausgabe der revolutionären Tageszeitung „Iswestija“ (Nachrichten). Auf den Rat der Bolschewiken wurde auch eine Soldaten-Fraktion gegründet. Die Bolschewiken, welche in der Gruppe der Initiatoren eine kaum merkbare Minderheit darstellte, wollten ihre Machtstellung ausbauen und schlugen vor jeder sozialistischen Partei oder Organisation zwei Plätze im Rat zuzuweisen. Da die meisten Parteien und Organisationen, wie auch die Bolschewiken, nicht an dem kleineren Komitee teilnahmen wurde dieser Vorschlag mit einer Mehrheit angenommen. In den nächsten Tagen kamen nun auch die Vertreter anderer Parteien in den Rat. Pochend auf den Grundsatz der Repräsentativität verdrängten sie schnell die frei gewählten Abgeordneten, welche keine Partei hinter ihrem Rücken vereinigen konnten, aus ihren Zuständigkeiten. Nach dieser inneren „Reorganisation“ rissen nun auch, ungewollt und überraschend für alle, die „professionellen“ Politiker die Macht über den Rat der Arbeiter wieder an sich.[4]

Mit wachsenden Sorgen beobachtete die Duma die Gründung des Rates der Arbeiter. Unwillens, an den Rand des Geschehens zurückgedrängt zu werden, distanzierte sie sich vorsichtig aber dennoch deutlich vom Zarismus und gründete, unter dem Vorsitz von Radsjanko, das Komitee zur Wiederherstellung der Ordnung. Dieses, unter der Mehrheit der Kadetten (Partei der Bourgeosie) stehende, Komitee wurde zur ersten Etappe auf dem Weg der Regierungsbildung; die Duma riss die Macht wieder an sich. Der Rat protestierte gegen die nicht abgesprochenen Initiativen der Duma, musste aber, zugunsten der gemeinsamen Sache- dem Kampf gegen der Zarismus-, weichen. Der Rat war im Inneren noch nicht gefestigt genug um die Macht übernehmen zu können. Man hatte auch Angst vor Racheakten seitens der Armee und des Zaren. Darum einigte man sich darauf, der Duma die volle Verantwortung zu überlassen. Schwelgend in nostalgischen Erinnerungen an die Räte der 1905er Jahre, wollten die Mitglieder den Rat als die „proletarische Zitadelle“ in einem Bourgeoisen Staat sehen. Stark und selbstbewusst sollte er die Interessen der Arbeiterklasse gegenüber der Bourgeoisie vertreten.[5]

Diese Vorstellungen erklären auch die Position der Ratsleiter in ihrem Verhältnis gegenüber den Abgeordneten der Duma. Die Mehrheit der Vorsitzenden war zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass die Revolution die Bourgeoisie-Phase noch nicht erreicht hatte. Handlungen seitens der sozialistischen Minister würden nichts bringen, mehr noch: die revolutionäre Bewegung könnte vollständig diskreditiert werden. Aus diesem Grund lehnten die führenden Köpfe des Rates eine Beteiligung an der Regierung ab. Aus Angst vor militärischen Repressionen erkannte man die, durch die Duma gebildete, Regierung offiziell an und sicherte Ihr Unterstützung zu. Diese Anerkennung wurde von einer mündlichen Abmachung zwischen Duma und Rat begleitet. Der Rat sicherte seine Unterstützung nur in dem Maße zu, in welchem die Regierung ihren demokratischen Kurs verfolgen würde. Mit Ausnahme der Bolschewiken und der Anarchisten, welche mit den Parolen „Alle Macht den Räten“ auf die Straßen zogen, stimmten alle sozialistischen Parteien und Organisationen der Abmachung zu. Diese Abmachung bedeutete die Begründung zweier unterschiedlicher und antagonistischer Kräfte in einem Staat: die höheren Schichten unter der Regierung sowie die Arbeiter und Soldaten unter den Räten.[6]

Auch die Duma war bereit, auf Kompromisse einzugehen; wie groß die Angst vor dem Zaren auch war, noch mehr fürchtete man sich vor einer Militärdiktatur unter den Räten. Und dies nicht zu unrecht, erließ der Rat doch noch kurz vorher den Befehl Nr. 1, welcher durch die Einbeziehung des Militärs in die Regierung die Gewaltenteilung praktisch aufhob.

Bei dem Treffen in der Nacht des 1.März, überschätzten die beiden Lager, bei der Diskussion um die Verhinderung einer Konterrevolution, maßlos die Macht des Anderen. Jeder dachte die andere Seite sei stark genug die aufkommenden Kräfte im Staat zu zügeln. Man entschied sich für eine gemäßigte Lösung des Problems: um die rebellierenden Menschen zu beruhigen, sollte in der revolutionären Zeitung „Iswestija“ die Zustimmung des Rates zu der Regierung durch die Duma verkündet werden. Man entschied sich auch vor einer neuen Wahl keine Entscheidungen bezüglich einer neuen Regierungsform zu treffen. Beide Seiten blieben, nach der inneren Konsolidierung, mit dieser Lösung zufrieden. Die Duma konnte stolz darauf sein, dass die Revolutionäre ihre Regierung anerkannt hatten. Der Rat wiederum sah die Regierung der Duma als eine „Geisel“ in der eigenen Hand; da diese laut Abmachung nur eine vom Rat gebilligte Politik machen durfte.

Fördernd für den, zwischen der Duma und dem Rat erreichten Kompromiss, war die Ungewissheit über die Pläne und Einstellungen des Zaren und seiner Armee. Währenddessen machte sich Nikolaus der II auf den Weg zu seinem Zaren-Dorf und befahl dem Generaloffizier Petrograd wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch weder die Offiziere, deren Soldaten sich weigerten, noch der Zar, erreichten die Nähe von Petrograd. Schon auf halben Weg erfuhr der Zar von dem Sieg der Revolution. Auf den Rat seitens seiner Untergebenen, welche die Dynastie noch retten wollten, gab er am 2. März den Thron an seinen Bruder, Michail Aleksanrdowitch ab. Doch diese Nachricht erreichte das Volk, welches nun die Republik forderte, viel zu spät. Da dem neuen Zaren keine Sicherheit garantiert werden konnte gab auch dieser seine Regentschaft ab. Am 3. März siegte die Revolution genauso überraschend wie sie auch angefangen hatte.[7]

4. Doppelherrschaft oder Multi-Herrschaft?

Die vorläufige Regierung, welche am 2. März das Komitee der Duma ersetzte, bestand zum größten Teil aus dem progressiven Block, also aus Politikern welche für eine parlamentarische Regierung nach westlichen Standards plädierten. An die Macht gekommen, verfolgten Sie das Ziel die staatlichen Strukturen zu erneuern und den Krieg zu gewinnen. Die wirtschaftliche und öffentliche Ordnung sollte dabei so wenig wie möglich gestört werden. Trotz gleicher Ziele und Pläne für Russland spaltete sich das Lager bei der Frage über den Umgang mit dem Rat der Arbeiter. Manche, allen voran Miljukow und Guchkow, waren für ein absolutes Minimum an Entgegenkommen gegenüber dem Rat. Sie wollten mit allen Mitteln den Sieg und die Stabilisierung der neuen Regierung sichern. Diese Strategie erforderte eine sofortige Ordnung in der Armee und im Staat. Zur gleichen Zeit konnte man mit dem Fortsetzen des Krieges die Revolution eindämmen und das Fehlen der nötigen Reformen mit der Abwesenheit des Friedens entschuldigen. Das andere Lager (hier vor allem Nekrasov, Tereschenko, Kerenski) plädierte für mehr Kooperation mit dem Rat. Man forderte effektivere Zusammenarbeit und die Erfüllung wichtiger Forderungen des Rates. Mit Hilfe dieser Taktik wollte man den, für einen Sieg benötigten, Patriotismus der Bevölkerung wieder wecken. Zwischen den beiden Fronten hin und her gerissen und das größte gemeinsame Ziel- die Normalisierung der Ordnung- nicht aus den Augen verlierend, einigte die Regierung eine mittlere Linie. Diese widersprach zwar keinem der beiden Lager, konnte aber auch keine große Mehrheit hinter sich vereinigen.

Die am 6. März von der Regierung verkündeten Menschenrechte (Bürgerfreiheit, Religions- und Glaubensfreiheit u.a.) wurden, vor allem im Hinblick auf die Ziele und den Sieg der Revolution, nicht als eine Errungenschaft der neuen Regierung angesehen. Die Deklaration vom 6. März appellierte an den Patriotismus der Soldaten und forderte diese auf, mit allen Kräften in den Krieg zu ziehen. Zugleich aber traute man sich noch nicht offiziell die Republik auszurufen; und auch sonst berührte die Erklärung nicht die brenzligsten sozialen Punkte (Versorgung und die Argarwirtschaft). Gewillt ihren demokratischen Willen zu betonen, berief die Regierung viele spezialisierte Kommissionen, welche mit der Ausarbeitung einzelner Punkte des demokratischen Programms betraut wurden.

Nach dem Bericht des Zuständigen für die Versorgungssicherheit - die Reserven in Petrograd und Moskau reichen nur noch für wenige Tage, riss die Regierung das Brot-Monopol an sich.[8]

Neben der vorläufigen Regierung bildeten die Räte der Arbeiter die zweite Macht im Staat. Diese waren, im Unterschied zu den Räten von 1905, gemischt und nicht nur reine Arbeiter-, Soldaten- und Christenräte, was die Diskriminierungen und Streitigkeiten von früher verhinderte. Im Unterschied zu den Räten von 1905, waren die Neuen auch wesentlich stärker politisiert.

Die Kontrolle lag bei gemäßigten Sozialisten, Menschewiken und Eseren[9]. Sogar bei den Bolschewiken, welche nach ihren Inhalten näher an den Arbeitern zu verorten waren, gab es im Rat nur einen Vertreter der Arbeiterklasse (Alexander Schljapnikow). Der Machtzuwachs professioneller Politiker innerhalb der Räte ging auf den starken Rückgang der Arbeiter und Soldaten innerhalb dieser zurück. Zwar erkannten die letztgenannten die revolutionäre Rolle des Rates an, fühlten sich allerdings in weniger offiziellen Organisationen (wie Betriebs- und Kommunalräten) wohler. Gesellschaftliche Organisation und Kommunikation verlief auf allen Ebenen durch die zahlreichen neu gebildeten Räte, welche sich stetig vermehrten und ihre Arbeitsbereiche ausweiteten. Diese Umstände führten zu der Tatsache, dass die zahlreichen Unterräte, trotz ihrer Bekenntnisse zum Zentrum, sich immer mehr zu autonomen Machtzentren entwickelten.[10]

Der Zentralrat erkannte die Macht der Arbeiter, welche sich bis dahin lediglich in einzelnen Betriebsorganisationen organisierten, an, und rief diese zur Zusammenarbeit in Form von Betriebsräten- und Komitees auf. Ihrer Stellung wohl bewusst erstellten sie einen Katalog an Forderungen, die wichtigste unter Ihnen die Einführung des Acht-Stunden-Tages. Diese mussten vorab erfüllt werden. Am 10. März kam es zu einem Abkommen zwischen Arbeitern und Betrieben. Die wichtigste Forderung, die Einführung des Acht-Stunden-Tages (bei einer 47-Stunden-Woche), wurde durchgesetzt. Die noch immer unzufriedenen Betriebskomitees forderten weiterhin die völlige administrative, finanzielle und technische Kontrolle über die Betriebe. Mit diesen Forderungen gingen sie, mit Ausnahme der Anarchisten welche die Übernahme der Betriebe im Ganzen und die Festnahme der Bourgeoisie forderten, wesentlich weiter als andere Organisationen. Diese Tatsache führte zu Konflikten zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen.

Auch die Kommunalräte waren Organisationen, welche sich als Folge der Aufrufe des Petrograder Rates bildeten. Der zentrale Gedanke bei der Gründung dieser klassenübergreifenden Verbunde war die Unterstützung der Revolution. Dabei sollten Sie als ausführendes Organ des Rates agieren. Mit den Fabrikarbeitern als Vorbild vernetzten sich nun auch die Kommunalräte zu größeren Verbunden. Nun regelten auch sie, neben den Betriebsräten, die wichtigsten Lebensbereiche der Bürger. Damit wurden sie zu starken autonomen Machtzentren welche mit der Regierung und den Räten konkurrierten.

Mit dem Ziel die Revolution zu schützen, rief der Petrograder Rat die Arbeiter auf eine Miliz, die Rote Armee, zu gründen. Ausgerüstet wurde diese mit den im Februar aus dem Arsenal entwendeten Waffen. Zunächst unterstand die Rote Armee den Betriebs- und Kommunalräten, und bestand aus jungen Arbeitern, welche neben dieser Tätigkeit auch weiterhin ihren Beruf ausübten. Mit der Zeit löste sich auch diese Organisation aus den Fesseln der Abhängigkeit, und entwickelte sich zu einem weiteren autonomen Machtzentrum, welcher später, bei den Ereignissen im Oktober, eine entscheidende Rolle spielte.[11]

Die Februar Revolution gab einen wichtigen Impuls an die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen, wie zum Beispiel in Polen oder der Ukraine. Einige größere nationale Minderheiten (Ukraine und Litauen) bildeten eigene sozialistische Parteien und arbeiteten, unter dem Internationalismusprinzip, mit den russischen sozialistischen Parteien zusammen. Doch die meisten der nationalen Bewegungen lehnten es ab, in einem Rat, welcher unter der Mehrheit russischer Parteien und Verbände stand, zu agieren und gründeten eigenständige Machtzentren sowie später auch Regierungen. So entstand auch die Ukrainische Rada, welche am 4. März zusammenkam, die innere Autonomie ausrief und bereits im Juni die nationale Unabhängigkeit der Ukraine verkündete.

Die nationalen Bewegungen wurden immer mächtiger und stellten daraufhin weitergehende Forderungen. Sprach man im Februar noch lediglich über die Unabhängigkeit Finnlands und Polens, so stellten bereits im März auch Litauen und Lettland gleichlautende Forderungen. Auch die Kaukasisch-Türkischen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten lieferten Ihrem Beitrag zu dem Machtdurcheinander.

Vor dem Hintergrund all dieser unterschiedlichen Vorstellungen und Meinungen, welche den Zusammenhalt im Land gefährdeten, unternahm die junge und überforderte Regierung nur die nötigsten liberalen Reformen, welche die Situation „abkühlen“ sollten. Am 6. März verkündete die Regierung das Manifest, welches die Autonomie Finnlands wiederherstellte. Doch weder die Polen, welche auf später vertröstet wurden, noch die Finnen, die in der neuen Regierung eine Wiedergeburt des alten Regimes hinter neuen Gesichtern sah, waren mit diesen Lösungen zufrieden. Auch die am 19. März nochmals verkündeten und bestätigten Freiheiten und Diskriminierungsverbote konnten die Bevölkerung des Vielvölkerstaates nicht beruhigen.[12]

5. Die Wortfreiheit

Wie auch schon im Rahmen der Revolution von 1905, verkündete auch die 1917er Revolution die Freiheit des Wortes. Arbeiter, Soldaten, Christen, jüdische Intelligenz, muslimische Frauen, armenische Lehrer und noch viele mehr schickten Resolutionen, Petitionen und Bitten an die Räte, Zeitungen, Parteien und Regierungsmitglieder. Die in dem Buch der Beschwerden der russischen Revolution aufgehobenen Briefe zeigen die schwierige Situation der Menschen damaliger Zeit und machen die große Bedeutung sowie die hohen Erwartungen, welche in die Revolution und die neue Regierung gesetzt wurden, deutlich.

Die Arbeiter forderten größtenteils die Verwirklichung des, von der sozial-demokratischen Partei aufgestellten, Programm-Minimums: acht Stunden Tag, Sozialversicherung, betriebliche Selbstorganisation sowie eine Gehaltserhöhung um 25% (welche ein normales Auskommen sichern sollten). Nur eine geringe und kaum merkbare Anzahl der Arbeiter machte ihre kritische Meinung zum Krieg deutlich. Nur ein paar Arbeiter der Petrograder Großbetriebe äußerten ihren Unmut über die Fortführung des Krieges; die Mehrheit der Arbeiter, vor allem die Angestellten aus kleineren Betrieben, verteidigten den patriotischen Kurs der Regierung. Erst als die Kriegsfrage Ende April zum vorherrschenden Thema wurde, sprachen sich auch die Arbeiter für eine Welt ohne Annexion und Kontribution aus; in den Monaten März/ Anfang April beschäftigte man sich eher mit Fragen betrieblicher Kontrolle und der Arbeiterorganisation.[13]

Die wichtigsten Forderungen der Christen drehten sich um die Aufteilung der Böden an die Bauern. Brach liegende und nicht genutzte Flächen sollten auf die Menschen verteilt werden, die sie auch bebauen. Auch die Rolle und die Entwicklung der dörflichen Gegenden sowie eine gerechte Verteilung der Mittel zwischen den Bauern gehörten zu denn wichtigen Themen. Im Gegensatz zu den vielen Überschneidungen, welche es zwischen sozialistischen Parteien und Arbeiterorganisationen gab (so zum Beispiel die Bewertung des Krieges und der Revolution), gab es nicht mal einen kleinen Anteil an Überschneidungen zwischen den christlichen Bauern und den sozialistischen Parteien. Mit der Ablehnung aller, seitens der Regierung und der Räte initiierten Programmen und Vorhaben schlugen die Christen ihren eigenen, nicht minder radikalen Weg innerhalb der Revolution ein. Verglichen mit dem Jahr 1905 schätzten die Großbauern die Lage als wesentlich kritischer und bedrohlicher ein. Regierungsdokumenten zufolge wurden in diesem Monat auf dem Land allerdings nur 50 „Vorfälle“ aufständischer Art gemeldet.[14]

[...]


[1] Später Leningrad und heute Sankt Petersburg

[2] Vgl. Burdschalow E. N., Wtoraja russkaja revoluzija. Wostanie w petrograde w fewrale 1917 goda, (Die zweite russische Revolution. Der Aufstand in Petrograd im Februar 1917), Moskau 1967, S. 28-35.

[3] Vgl. Ebd. S. 79-123.

[4] Vgl. Ebd. S. 146-201.

[5] Vgl. Bochanow A. N., Krupnaja Burschusasija w Rosije s 1914 goda, (Russische Bourgeoisie nach 1914), Moskau 1992, S. 98-103.

[6] Vgl. Gaponenko, L. S., Rabochij klass w rosii b 1917 godu. (Die russische Arbeiterklasse im Jahre 1917), Moskau 1970, S. 29-45.

[7] Vgl. Burdschalow E. N.,Wtoraja russkaja revoluzija. Wostanie w pwtrograde w fewrale 1917 goda, (Die zweite russische Revolution. Der Aufstand in Petrograd im Februar 1917), Moskau 1967, S. 236-252.

[8] Vgl. Ebd. S. 301-326.

[9] Intellektuelle, kleine oder mittlere Bourgeoisie, welche in den Räten die Kontrollkammer der Regierung, welche diese zu stärkeren demokratischen Reformen anspornen sollte, sahen.

[10] Vgl. Gaponenko, L. S., Rabochij klass w rosii b 1917 godu. (Die russische Arbeiterklasse im Jahre 1917), Moskau 1970, S. 78-93.

[11] Schkartan O. I., Problemi sozialnoj strukturi rabochewo klassa, (Strukturprobleme der Arbeiter Klasse), Moskau 1970, S. 34-72.

[12] Starzew W. I., 27 fewralja 1917 goda (am 27. Februar des Jahres 1917), Moskau 1984, S. 117-135.

[13] Vgl. Gaponenko, L. S., Rabochij klass w rosii b 1917 godu. (Die russische Arbeiterklasse im Jahre 1917), Moskau 1970, S. 124-143

[14] Kabanow W.W., kristianskoje chosjajstwo – do i wo wremja wojennogo kommunisma, (Die christlichen Bauern – die Zeit vor und während des militärischen Kommunismus), Moskau 1988, S. 45-73.

Details

Seiten
42
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638621533
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69890
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Russische Revolution Anarchismus

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Titel: Die Russische Revolution