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Historisch-systematische Auseinandersetzung mit Herbarts Begriff der Bildsamkeit

Hausarbeit 2006 30 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Biographie Herbarts

2 Systemtheorien
2.1 Systemtheoretische Ansätze
2.2 Ansprüche und Lösungsansätze
2.3 Die Einheit von System – Umwelt – Differenzen
2.3.1 Das System
2.3.2 Die Systemstruktur
2.3.3 Einheit eines Systems
2.3.4 Differenz zwischen System und Umwelt

3 Bildsamkeit als systemischer Ansatz nach Herbart
3.1 Der systematische Ansatz bei Herbart
3.2 Der Edukand als System von Operationen
3.3 Das ‚Gemüth’ als System
3.4 Das System der Selbsterhaltung
3.5 Das System der Lebenskräfte
3.6 Das Zusammenwirken von Selbsterhaltung und Lebenskraft

4 Folgen für die pädagogische Theorie

5 Herbarts Verständnis der Bildsamkeit im Vergleich mit der Kontingenzformel des Erziehungssystems von Luhmann
5.1 Humane Perfektion
5.2 Bildung
5.3 Lernfähigkeit

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Einleitung

Bildsamkeit wurde schon bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles) als Faktum und im Laufe der Jahrhunderte als unverzichtbares Phänomen der Menschenbildung vorausgesetzt.

Der Begriff der Bildsamkeit wurde mit wenigen Ausnahmen auch im Deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel) sowie bei den klassischen, romantischen und aufklärerischen Dichtern (Goethe, Schiller, Wieland u.a.m.) als pädagogischer Terminus gehandelt, wie Bernhard Schwenk in seiner Publikation von 1967[1] nachwies.

Hingegen wurde der Begriff erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den ‚pädagogischen Klassikern’ (allerdings nicht alle, z. B. Pestalozzi) weitläufig verwendet. Schließlich war es dann Johann Friedrich Herbart, der dafür verantwortlich war, dass der Terminus Bildsamkeit zum Grundbegriff der Pädagogik ausgerufen wurde.

Da dieser Terminus mittlerweile als antiquiert zählt und in den meisten deutschen Wörterbüchern[2] nicht mehr verwendet wird und auch in aktuellen Publikationen der ‚Allgemeinen Pädagogik’[3] mittlerweile sehr rar geworden ist, wurde die systematische Erforschung Herbarts Verständnis von der Bildsamkeit als Grundlage seiner pädagogischen Theorie bisweilen vernachlässigt. Somit liegt die Annahme nahe, dass sich dieses Defizit auch in den bisherigen Rezeptionen und Rekonstruktionen von Herbarts pädagogischer Theorie widerspiegelt.

Diese Arbeit versucht nun, Herbarts pädagogischen Ansatz mit neueren systemtheoretischen Forschungsansätzen zu vergleichen. Entscheidend ist die Bildsamkeit in den Mittelpunkt zu stellen und hierbei die ‚Erfahrung der Bildsamkeit’ als Aktivität, also als Operation zu betrachten. Abschließend werden dann der Begriff der Bildsamkeit nach Herbart und die Kontingenzformel von Luhmann auf Gemeinsamkeiten hin überprüft.

1 Biographie Herbarts

Johann Friedrich Herbart wurde am 4. Mai 1776 als Sohn eines studierten oldenburgischen Regierungsbeamten und einer Arzttochter in Oldenburg geboren. Lesen und schreiben lernte er bei seiner Mutter und erhielt bis 1788 Privatunterricht in Geschichte und Geographie sowie in den alten Sprachen. Danach besuchte er von 1788 – 1794 eine Lateinschule, die noch während seiner Schulzeit als Gymnasium anerkannt wurde. Nach dem Abitur studierte Herbart von 1794 – 1797 Jura und Philosophie in Jena.

Er studierte in Jena unter Fichte und trat dem republikanischen ‚Bund freier Männer’ bei, der sich aus Schülern Fichtes zusammensetzte. Hier lernte er nicht nur Dramen von Schiller und Goethe kennen, er schloss auch mit Schiller persönliche Bekanntschaft.

War Herbart am Anfang noch ein begeisterter Zuhörer Fichtes, so stellte er schon bald Fichtes Transzendentalphilosophie als philosophische Schwärmerei dar. Trotzdem war Herbarts Denken sehr wohl Fichtes Ansätzen verpflichtet, auch wenn dies Herbart selbst verborgen blieb. Der Grund hierfür liegt möglicherweise in der frühen Begegnung mit Pestalozzi. 1797 unterbrach Herbart sein Studium und ging für drei Jahre als Hauslehrer bei einem Berner Aristokraten in die Schweiz. Vor dem Hintergrund seiner eigenen praktischen Erfahrung als Hauslehrer, war er von Pestalozzis elementarisierenden Lernmethode fasziniert. Aufgrund dieser Begegnung, rückte für Herbart die Klärung der zeitlichen Konstitution menschlichen Lernens in den Mittelpunkt. Herbart erhoffte sich die Pädagogik so in den Rang einer besonderen Wissenschaft zu heben. Von 1800 – 1802 nahm Herbart Hauslehrertätigkeit in Bremen an, um sich auf seine akademische Karriere vorzubereiten. Im Oktober 1802 legte Herbart dann binnen zwei Tagen die Kolloquien einer Promotion und Habilitation in der Universität Göttingen ab. Die mit der Verleihung der venia legendi gemachte Auflage zur schnellstmöglichen Nachreichung einer Dissertation und einer Habilitationsschrift, hat Herbart nie erfüllt.

Da Herbart sich allerdings in den nächsten Jahren aufgrund seiner Publikationen einen Namen in der Pädagogik sowie in der Philosophie machte, wurde die Einhaltung der Auflage nie angemahnt.

Im Wintersemester 1802/03 hielt Herbart als Privatdozent seine ersten Vorlesungen an der Universität Göttingen. Vorlesungen über Pädagogik, aus denen seine ersten großen Schriften, die ‚Allgemeine Pädagogik’ von 1806 und die ‚Allgemeine praktische Philosophie’ von 1807 – erschienen 1808 - hervor.

1809 verließ Herbart die Universität Göttingen und besetzte in Königsberg den Lehrstuhl Kants. Hier gründete er ein ‚Seminar für Studienreferate’ (Didaktisches Institut, Seminarium für Gelehrte und Höhere Schulen zu Königsberg in Preußen) mit angeschlossener Internatsschule. Als wissenschaftliche Arbeiten sind hier nur seine Pädagogischen Briefe oder Briefe über die Anwendung der Psychologie auf Pädagogik von 1832 zu erwähnen.

Im Jahre 1833 kehrte er dann wieder nach Göttingen zurück und übernahm dort die Professur für Philosophie, nachdem er vergeblich darauf gehofft hatte Hegels Nachfolger in Berlin zu werden. In seiner zweiten Göttinger Phase schrieb er 1835 den ‚Umriß pädagogischer Vorlesungen’ und wandte sich ansonsten bis zu seinem Tode am 14. August 1841seiner Idee zu, die Psychologie in den Rang einer exakten Wissenschaft zu erheben, scheiterte aber damit.[4]

2 Systemtheorien

Bildsamkeit ist als eine besondere Struktur beschreibbar und stellt eine spezifische Funktion dar. Wechselseitig aufeinander bezogene Komponenten können hierbei voneinander unterschieden werden. Das Zusammenspiel dieser Komponenten kann als Selbstorganisation interpretiert werden, da der Edukand seine Aktivitäten selbst organisiert und damit die Bedingungen für den Erzieher beeinflusst. Somit wird der Edukand zum Akteur der Erziehung und trägt zu dem Miteinanderumgehen von Erzieher und Edukand aktiv bei.

Die Aktivitäten des Edukanten lassen sich zu Veränderungen in der Umwelt und Aktivitäten von anderen Akteuren deutlich abgrenzen, indem man seine Aktivitäten als Prozesse des Organismus bestimmt. Die Dimensioniertheit der Aktivität des menschlichen Organismus hat Herbart in seinem Konzept der Bildsamkeit erfasst und zur Grundlage seiner pädagogischen Theorie gemacht. Sie umfasst organische, psychische und soziale Aktivitäten des Edukanden.[5]

Diese Aspekte lassen einige Parallelen zu systemtheoretischen Ansätzen erkennen.

Zur Prüfung der Rekonstruierbarkeit von Herbarts Konzept der Bildsamkeit mit systemtheoretischen Ansätzen, beziehungsweise zur Falsifizierung eines systemtheoretischen Ansatzes in Herbarts pädagogischer Theorie gilt es nun also zuerst die Systemtheorie und ihre Ansätze, sowie im weiteren Verlauf ihre Ansprüche und Lösungsansätze aus pädagogischer Sicht darzustellen.

2.1 Systemtheoretische Ansätze

Die systemtheoretischen Ansätze entstanden in der Mitte des letzten Jahrhunderts und haben vor allem in anwendungsorientierten Disziplinen der Wissenschaft wichtige Fortschritte gebracht. Es gibt mittlerweile aus vielen verschiedenen Disziplinen diverse Theorien, welche der Systemtheorie angehörig sind. Die anwendungsorientierten Ansätze sind hierbei für die pädagogische Thematisierung in verschiedenen Hinsichten relevant und können im Hinblick auf die Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung von Nutzen sein.

In erster Linie wird sich das Begriffsinstrumentarium auf Niklas Luhmanns Allgemeiner Theorie sozialer Systeme[6] beschränken. Trotzdem müssen hier noch andere systemtheoretische über Luhmanns Ansatz hinausgehende Forschungsperspektiven der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Exemplarisch seien hier die ‚Kybernetik’ von Norbert Wiener[7], die ‚Autopoesistheorie’ von Humberto Maturana und Francisco Varela[8], die ‚soziale Systemtheorie’ von Peter M. Hejl[9], sowie die ‚Synergetik’ von Hermann Haken[10] genannt.

Hierbei soll keine Metatheorie entstehen, sondern lediglich die verschiedenen systemtheoretischen Ansätze unter dem Gesichtspunkt der Selbstorganisation zusammengefasst werden. Aufgabe einer Theorie der Selbstorganisation ist es, „das spontane Entstehen von Ordnungsstrukturen in Systemen, die ihrer Umgebung gegenüber prinzipiell autonom sind“[11], zu beschreiben. Indem nun ein Konzept des Ordnungsaufbaus durch Selbstorganisation von organismischer Aktivität aus pädagogischer Perspektive entwickelt wird, ergibt sich die Möglichkeit diesen Ansatz auf Herbarts Konzept der Bildsamkeit anzuwenden.

2.2 Ansprüche und Lösungsansätze

Der Anspruch der von systemtheoretischen Ansätzen erhoben wird liegt darin, dass ein die Komplexität der Phänomene des thematisierten Sachverhaltes berücksichtigender theoretischer Aussagenzusammenhang entworfen wird. Damit zusammenhängend, ist der Anspruch darauf, eine Bestimmung des untersuchenden Sachverhaltes allein auf das Zusammenspiel der ihn konstituierenden Komponenten zurückzuführen.[12]

Beide Ansprüche zusammen erheben den Anspruch der Systemtheorie einen Sachverhalt als einen sich verändernden Zusammenhang von Komponenten durch Kausalgesetze zu erklären, indem eine Ursachenforschung der Veränderungen durchgeführt wird, die dem Zusammenspiel dieser Komponenten inhärent sind.

Die Systemtheorien beziehen ihre Lösungsvorschläge auf diese beiden Ansätze. So sieht der Lösungsvorschlag zur nichtreduktiven Erfassung der Komplexität vor, den Sachverhalt als eine Einheit von System – Umwelt – Differenzen zu thematisieren.

Der zweite Lösungsvorschlag sieht vor, sich selbst organisierende Systeme als Grundlage der Bestimmung der System – Umwelt – Differenz zu nutzen. Dies basiert auf dem Konzept der autopoietischen Systeme, in denen das Entstehen einer Einheit von Differenzen als Selbstorganisation erfasst wird.

2.3 Die Einheit von System - Umwelt – Differenzen

In diesem Abschnitt werden der Begriff, die Struktur und die Einheit des Systems erläutert und abschließend die System – Umwelt – Differenz dargestellt. Dies dient dem einheitlichen Begriffsverständnis und soll vor späteren Fehlinterpretationen getroffener Aussagen schützen.

2.3.1 Das System

Nach Luhmann wurde der Begriff ‚System’ seit der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert allmählich in die Wissenschaftssprache eingeführt. Er wird mittlerweile in dreierlei Weise verwendet:

[...]


[1] Schwenk, Bernhard: „Bildsamkeit“ als pädagogischer Terminus. In: Holtkemper, Frank-Josef (Hrsg.): Pädagogische Blätter, Heinrich Döpp-Vorwald zum 65. Geburtstag, Ratingen 1967, S. 180-207.

[2] Duden 23.Auflage, Mannheim 2004

[3] Vgl. Hierdeis, H./ Hug, Th (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik , 4.Auflage, Baltmannsweiler 1996 Vgl. Treml, Alfred K.: Allgemeine Pädagogik. Grundlagen, Handlungsfelder und Perspektiven der Erziehung, Stuttgart/ Berlin/ Köln 2000

[4] Vgl. Asmus, W.: Johann Friedrich Herbart. Eine pädagogische Biographie. Heidelberg 1970 Vgl. www.wipaed.wiso.uni-goettingen.de/~ppreiss/didaktik/herb96a.html (08.12.2005)

[5] Vgl. Kehrbach, Karl/ Flügel, Otto (Hrsg.): Herbart, J.F.: Sämtliche Werke, in chronol. Reihenfolge. Aalen 1964 Vgl. Benner, Dietrich (Hrsg.): Johann Friedrich Herbart: Systematische Pädagogik. Stuttgart 1986

[6] Vgl. Lenzen, D./ Luhmann N. (Hrsg.): Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem. Lebenslauf und Humanontogenese als Medium und Form. Frankfurt a. M. 1997 Vgl. Luhmann, N.: Das Phänomen des Gewissens und die normative Selbstbestimmung der Persönlichkeit. In: Böckle, F./ Böckenförde E.-W. (Hrsg.): Naturrecht in der Kritik. Mainz 1973. S.223 – 243 Vgl. Luhmann, N.: Zweckbegriff und Systemrationalität. Über die Funktion von Zwecken in sozialen Systemen. Frankfurt a. M. 1973

[7] Wiener N.: Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine. Düsseldorf 1992

[8] Maturana, H.R./ Varela F.J.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern, München, Wien 1987

[9] Hejl, P.M.: Die zwei Seiten der Eigengesetzlichkeit. Zur Konstruktion natürlicher Sozialsysteme und zum Problem ihrer Regelung. In: Schmidt, S.J. (Hrsg.): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, 2. unveränderte Auflage Frankfurt a. M. 1992. S. 167-213

[10] Haken, H./ Wunderlin, A.: Synergetik: Prozesse der Selbstorganisation in der belebten und unbelebten Natur.

In: Dress, A./ Hendrichs, H./ Küppers, G. (Hrsg.): Selbstorganisation. Die Entstehung von Ordnung in Natur und Gesellschaft. München, Zürich 1986. S.35-60

[11] Stadler, M./ Kruse, P.: Konstruktivismus und Selbstorganisation: Methodologische Überlegungen zur Heuristik psychologischer Experimente. In: Schmidt, S.J. (Hrsg.): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, 2. unveränderte Auflage Frankfurt a.M. 1992. S.146-166

[12] Vgl. Luhmann, N.: Systemtheorie, Evoluationstheorie und Kommunikationstheorie. In: Luhmann, N.: Soziologische Aufklärung. Bd. 2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Opladen 1975. S.193-203

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638755757
ISBN (Buch)
9783638782135
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69832
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Historisch-systematische Auseinandersetzung Herbarts Begriff Bildsamkeit Lernen Lehren

Autor

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