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Frédéric Beigbeders gesellschaftskritischer Roman 99 francs - Gemeinsamkeiten mit Michel Houellebecq bezüglich Weltsicht, Selbstverständnis als Autor und Realismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt und Grundthesen in 99 Francs – Rundumschlag gegen die Welt der Werbung und des Kapitalismus

3. Der Niedergang der von Werteverfall und Individualismus geprägten kapitalistischen Gesellschaft

4. Das öffentliche Auftreten und das Selbstverständnis als Autor – Beigbeder und Houellebecq als Seismographen einer in sich kranken Gesellschaft?

5. Realismus bei Beigbeder und Houellebecq

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur.
7.2. Sekundärliteratur
7.3. Interviews

1. Einleitung

„Et ce n’est pas par hasard que Houellebecq intervient dans la discusion provoquée par le best-seller de Beigbeder, 99 francs, pour défendre celui-ci “.[1] .

Selten wurde über einen Roman derart kontrovers diskutiert. Selten ging die Schere zwischen Bewunderung und Verachtung für einen Schriftsteller soweit auseinander. Mit 99 francs, wo er mit dem Leben und der Welt der Werbebranche und des kapitalistischen Systems abrechnet, ist Frédéric Beigbeder ein Roman gelungen, der ihn nicht nur in den Bestseller-Listen zahlreicher Länder an die Spitze katapulierte, sondern der ihm auch eine Nominierung für den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis, einbrachte. Gleichzeitig blieb jedoch die Zahl der Gegner Beigbeders groß und deren Kritik massiv.

Beigbeder begann die Arbeit an 99 francs erst auf den Impuls Houellebecqs hin, der ihm eines Tages befahl :

„Arrête de faire des livres sur tes soirées mondaines et tes boîtes de nuit, écris sur ce qui est le centre de pouvoir aujourd’hui, sans quoi il n’y a pas de nouvelle économie, ni presse, ni politique : la pub.“[2]

Im Folgenden stellte sich Houellebecq in der öffentlichen Diskussion über Beigbeders Werk klar auf dessen Seite. Unter anderem durch die Veröffentlichung seines Pamphlets La privatisation du monde[3], wo er Beigbeders Kritik an Kapitalismus, Globalisierung und dessen Sicht auf die Welt der Werbung teilte, und ihm so im Kampf gegen seine Kritiker beistand. Die klare Parteinahme Houellebecqs für Beigbeder wirft die Frage auf, welche Verbindungen und Gemeinsamkeiten es zwischen den beiden französischen Schriftstellern geben könnte.

Die vorliegende Arbeit stellt sich zur Aufgabe diese Gemeinsamkeiten zu ergründen. Hierbei soll im Besonderen die Sicht der beiden Autoren auf die Gesellschaft, ihr Selbstverständnis als Autor, sowie der literarischen Umsetzung unter dem Aspekt der Wirklichkeitsillusion betrachtet werden.

Klar im Mittelpunkt dieser Arbeit soll Beigbeders Roman 99 francs[4] stehen, von dem ausgehend Gemeinsamkeiten mit Houellebecq erarbeitet werden sollen. Es wird aber gegebenenfalls nicht darauf verzichtet werden frühere Werke Beigbeders heranzuziehen, oder ihn aus Zeitungsinterviews zu zitieren, was vor allem zum Einblick in sein Selbstverständnis als Autor für sinnvoll erachtet wird. Zur Veranschaulichung und zum besseren Verständnis von Houellebecqs Ansichten werden hierzu dessen Roman Les particules élémentaires[5] sowie sein Essaysammlung Interventions[6] zu Rate gezogen. Wie für Beigbeder sollen auch für Houellebecqs Sicht seiner Funktion und seines Verständnisses als Schriftsteller Interviews betrachtet werden.

Beginnen wird die vorliegende Arbeit mit einer kurzen Zusammenfassung des Romans 99 francs, wo die Thematik und die Hauptaussagen herausgearbeitet werden sollen. Hierbei soll in knappen Zügen Beigbeders allgemeine Kapitalismus- und Globalisierungskritik Platz finden. Auf eine ausführliche Auflistung Beigbeders Argumente diesbezüglich soll aber im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden, da das Hauptaugenmerk allein auf die Auswirkung des kapitalistischen Systems auf die Gesellschaft und das Individuum gelegt werden soll. Dies soll in Kapitel drei erarbeitet werden, wo die Sicht der beiden Autoren auf die aktuelle Gesellschaft untersucht und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Im darauffolgenden Kapitel(4) wird das Selbstverständnis der Beiden als Autor und die Möglichkeit mit Hilfe der Literatur in die Gesellschaft einzugreifen, im Mittelpunkt stehen. Nachgegangen werden soll in diesem Zusammenhang der Art und Weise, wie sich die Autoren Gehör in der Öffentlichkeit verschaffen, und auch dem Bild, das sie der Öffentlichkeit über sich vermitteln. Im fünften Kapitel wird die literarische Umsetzung der Weltsicht und des Selbstverständnisses der Schriftsteller untersucht. Hierbei soll unter anderem anhand des literaturtheoretischen Ansatzes des Realismuseffekts gezeigt werden, wie es beiden Autoren gelingt durch eine möglichst realistische Darstellung die Wirkung auf den Leser zu verstärken.

In einem abschließenden Kapitel (6) sollen Ergebnisse zusammengefasst und im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit bewertet werden.

2. Inhalt und Grundthesen in 99 Francs – Rundumschlag gegen die Welt der Werbung und des Kapitalismus

Der Inhalt von 99 Francs ist schnell erzählt: Octave Parango, ein kleines Rad in der Werbebranche beschließt den Ausbruch in die Freiheit mit Hilfe eines Enthüllungsroman über die Werbebranche zu erzwingen: „j’écris un livre pour me faire virer“[7]. Er lässt den Leser an seinen Beobachtungen aus der Werbewelt teilhaben. Sein Vorhaben ist trotz aller Anstrengungen und Provokation gegenüber Arbeitgeber, Kollegen und Kunden nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Sein provokantes Auftreten wird in der Agentur geschätzt und anstatt entlassen zu werden, wird er sogar befördert. Erst der Ritualmord an einer Rentnerin aus Miama, die als Teilhaberin an Rentenfonds von Octave und dessen Begleitern als Schuldige für die Ungerechtigkeit der Welt auserkoren wird, bringt ihm letztlich die ‚Freiheit’ des Gefängnisses.

Beigbeders Roman kann als Rundumschlag gegen die Welt der Werbung und das kapitalistische System an sich gesehen werden. Als Insider schreibt er über die uneingeschränkte Macht der „Impératrice“[8] Werbung[9], sowie deren negativ ausgerichtetes Menschenbild[10], das den Menschen zu einem, auf den stupiden Kaufakt konditionierten Wesen, ohne freien Willen[11] und individuelle Freiheit[12] reduziert[13], ein Menschenbild, das nicht selten mit Rassismus einhergeht[14].

Beigbeders Kritik bezieht sich letztlich nicht allein auf die Werbebranche, sondern sie wird auf eine allgemeine Kapitalismus und Globalisierungskritik ausgeweitet.

Er kritisiert die Macht der Wirtschaft[15], deren stetiges Streben nach Wachstum[16], die Ausrichtung der Unternehmen am Aktienkurs[17] sowie die Tatsache, dass sich die einzelnen Völker und Kulturen einer globalisierten Welt kaum mehr von einander unterscheiden[18]. Das Verhältnis zwischen den westlichen Industriegesellschaften und den Entwicklungsländern ist nach Beigbeder zwar von Mitleid[19] geprägt, aber ernsthafte Bemühungen des Westens deren Lage zu verbessern kann er nicht erkennen. Im Gegenteil, er sieht Afrika „comme contre-exemple aux pubeux, pour qu’ils soient[…]soulagés de constater qu’il y a pire ailleurs.“[20]

Auch wenn in Houellebecqs Romanen keine explizite Kritik gegen die Macht der Werbung und gegen das kapitalistische System im Allgemeinen zu finden ist, so teilt er doch Beigbeders Ansichten zu großen Teilen, wie aus seinem Text La privatisation du monde und seiner Essaysammlung Interventions[21] hervorgeht. Gemeinsamkeiten bzgl. allgemeiner Kapitalismus- respektive Globalisierungskritik können in dieser Arbeit nicht eingehend untersucht werden, da das Hauptaugenmerk auf die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft, sowie auf die Wirkung des Kapitalismus auf das Individuum gelegt wurde. Dies soll im folgenden Kapitel erarbeitet werden:

3. Der Niedergang der von Werteverfall und Individualismus geprägten kapitalistischen Gesellschaft

Beigbeder und Houellebecq besitzen eine ähnliche Sicht auf die aktuelle Welt. Die beiden Autoren „veulent montrer la dégradation de l’être moral dans notre société contemporaine“[22]. Der Verlust der Moral und der traditionellen Werte ist auf den wirtschaftlichen Liberalismus, also auf das kapitalistische Wirtschaftssystem, wie es sich seit der industriellen Revolution entwickelt hat, begründet. „Tout comme le libéralisme économique sans frein, et pour des raison analogues, le libéralisme sexuel produit des phénomènes de pauperisation absolue[23]. Diese „pauperisation absolue“ zeigt sich im libertären westlichen Gesellschaftsgefüge vor allem an den Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen, „[qui ne sont] plus séparé[s] du marché“[24]:

„Nous vivons non seulement dans une économie de marché, mais plus généralement dans une société de marché, c’est-à-dire un espace de civilisation où l’ensemble des rapports humains, et pareillement l’ensemble des rapports de l’homme au monde, sont médiasés par le biais d’un calcul numérique simple faisant intervenir l’attractivité, la nouveauté et le rapport qualité-prix.“[25]

Die Gesellschaft ist von Geld geprägt. Beigbeder geht hierbei noch ein wenig weiter, wenn er seine Figur Octave schreiben lässt: „Tout s’achète: l’amour, l’art, la planète Terre, vous, moi.“[26] Nach Beigbeder ist also jeder käuflich, „le monde entier est prostitué. Payer ou être payé, telle est la question“[27]. In einem in der Zeit erschienenen Interview interpretiert er so auch den Titel 99 francs: „mein Buch ist eine Ware[...] Der Preis ist der Titel : 99 francs. Darüber steht mein Name. Soll heißen ich bin käuflich, eine Hure“[28]. Houellebecq äußert sich im oben angesprochenen Pamphlet, in dem er Beigbeder verteidigt, zum Titel 99 francs in ähnlicher Weiße : Es sei ein „concept[...] génial: donner comme titre à un livre son prix de vente, c’est exprimer avec franchise la nature d’un monde où l’argent est la réalité ultime“[29].

[...]


[1] Asholt, Wolfgang, Deux retours au réalisme ? Les récits de François Bon et les romans de Michel Houellebecq et de Frédéric Beigbeder, in : lendemains. Der zeitgenössische französische Roman (27/2002), S. 52.

[2] Interview von Garcin, Jérôme, Frédéric Beigbeder raconte, « Comment j’ai été licencié », in : Le Nouvel Observateur (1968), 31/8/2000, S. 59f.

[3] Houellebecq, Michel, La privatisation du monde, in: Le Nouvel Observateur (1968), 31/8/2000, S. 58.

[4] Beigbeder, Frédéric, 99 francs, Paris, Gallimard folio, 2000.

[5] Houellebecq, Michel, Les particules élémentaires, Paris, J’ai lu, 1998.

[6] Houellebecq, Michel, Interventions, Paris, Flammarion, 1998.

[7] Beigbeder, francs, S. 17.

[8] Ders., S. 22.

[9] „[…]elle fiance la télévision, dicte la presse écrite, règne sur le sport[…], modèle la société, influence la sexualité, soutient la croissance[…]“ : Ders., S. 52.

[10] „dans ma profession, personne ne souhaite votre bonheur, parce que les gens heureux ne consomment pas“ : Ders. S. 19.

[11] „C’est moi qui décide aujourd’hui ce que vous allez vouloir demain“ : Ders., S. 22.

[12] „Vous croyez que vous avez votre libre arbitre, mais un jour à l’autre, […], vous l’achetrez […]croyez moi, je connais mon boulot.“ : Ders., S. 21.

[13] Vgl. : Ders., S. 41.

[14] „Je ne suis pas rassiste mais les Noirs c’est trop segmentant,[…] Ce n’est pas ma faute si notre produit est blanc, et que donc, pour le vendre, il faut montrer des Blancs “: Ders., S. 93; Interessant sind hierzu auch die häufigen Vergleiche mit dem Vorgehen der NS-Propaganda indem Hitler und Göbbels zitiert werden: „Si vous désirez la sympathie des masses, vous devez leur dire les choses les plus stupides[…]“: Ders., S. 39; Beigebder äußert sich zum Rassismus in der Werbebranche auch in einem Interview : „Das Prinzip ist das gleiche : Wie verpacke ich etwas hübsch und nett ohne meine wahren Absichten offen zu legen? Hitler und Goebbels waren Meister der Kommunikation“ allerdings sei „der Rassismus[...] jetzt diskreter[...]sie [sehen] niemals Werbung mit Schwarzen“: Interview von Kläsgen, Michael: Ein Kritiker erregt die Branche. Der Werbeexperte Frédéric Beigbeder rechnet mit seiner Branche ab, in: Die Zeit(43/2000), 14.9.2000, S. 32.

[15] „Les hommes politiques ne contrôlent plus rien ;c’est l’économie qui gouverne…c’est l’orchestre qui gouverne le chef“ : Beigbeder, francs, S. 42.

[16] „Il a la Foi. Il l’a appris dans la Haute École: en la Croissance tu Croiras“ : Ders., S. 27.

[17] Hierfür steht der Ritualmord an der Rentnerin aus Miami, die als Teilhaberin an US-Rentenfonds als Schuldige für das nicht funktionierende System ausgemacht wird. Der Mord kann als Abrechnung mit der vorherrschenden Unternehmensphilosophie des Shareholder- Value gesehen, nach welcher der Erfolg einer Firma allein am Aktienkurs gemessen wird und die in ihrer ausgeprägtesten Form jegliche Rücksicht auf Arbeiter, Umwelt und Öffentlichkeit vermissen lässt: „En Europe, les entreprises licencient des milliers d’employés pour rapporter plus de fric aux retraités de Miami. “: Ders., S. 208.

[18] „Pour la première fois dans l’histoire de la planète Terre, les humains de tous les pays avaient le même but : gagner suffisamment d’argent pour pouvoir ressembler a une publicité“: Ders., S. 33 ; Die Literaturwissenschaft spricht hier von der „Macdonaldisierung der Welt“, nach der die Menschheit auf eine gleichförmige, mediengesteuerte und am Konsumverhalten westlicher Industriegesellschaften orientierte Einheitskultur zu steuere; Vgl.: Schulze-Englerer, Frank, Art. Globalisierung und Globalisierungstheorien, in: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie . Ansätze - Personen – Grundbegriffe hrsg. von Ansgar Nünning, Stuttgart 2004, S. 232.

[19] Vgl.: Beigbeder, francs, S.141.

[20] Ders., S. 141.

[21] Vgl. hierzu vor allem den Text Approches du désarroi, wo er ein Kapitel „Le monde comme supermarché et comme dérision“ nennt: Houellebecq, Michel, Interventions, Paris, Flammarion, 1998, S. 71.

[22] Wesemael, Sabine van, L'esprit fin de siècle dans l'œuvre de Michel Houellebecq et de Frédéric Beigbeder, in : Territoires et terres d'histoires: Perspectives, horizons, jardins secrets dans la littérature française d'aujourd'hui, Amsterdam 2005, S. 20.

[23] Houellebecq, Michel, Extension du domaine de la lutte, Paris, J’ai lu, 1994, S. 114. Hier zeigt sich auch Houellebecqs Grundthese, nach der die Verarmung der Gesellschaft auch auf den sexuellen Liberalismus, provoziert durch die 68er-Bewegung, zurückzuführen ist – „le libéralisme sexuel, c’est l’extension du domaine de la lutte, son extension à tous les âges de la vie et à toute les classes de la société. " : Ebenda., S. 115. Auf diese Grundthese Houellebecqs kann in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden.

[24] Wesemael, L’esprit, S. 18.

[25] Houellebecq, Interventions, S. 63.

[26] Beigbeder, francs, S. 17.

[27] Beigbeder, francs, S. 187.

[28] Interview von Kläsgen, Kritiker, S. 32.

[29] Houellebecq, privatisation, S. 58.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638614153
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69819
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Frédéric Beigbeders Roman Gemeinsamkeiten Michel Houellebecq Weltsicht Selbstverständnis Autor Realismus Gegenwartsroman

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