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Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung

Seminararbeit 2007 33 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung: Die Bedeutung des Faktors Bildung - Tendenzen in der Bildungspolitik

2. Verteilungspolitische Argumente für die öffentliche Finanzierung der Hochschulbildung

3. Empirische Untersuchungen zu den Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Die Methodik
3.1. Querschnittsanalyse versus Längsschnittsanalyse
3.2. Das Ergebnis der Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte: Das Konzept der Nettotransferkalkulation
3.2.1. Die Steuer- oder Einnahmeninzidenz
3.2.2. Die Verteilung der Erträge: Die Ausgabeninzidenz

4. Die historischen Wurzeln der Diskussion um die Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung: Die Friedman-These und ihre Nachwehen

5. Empirische Studien zu den Umverteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung im Querschnitt
5.1. Die Studie von Hansen und Weisbrod
5.2. Die Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte
5.3. Die Untersuchung von Grüske
5.4. Die Antwort auf Grüske: Die Studie von Sturn und Wohlfahrt im Auftrag des DSW 13 Nico Schmidt Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung
5.5. Die Untersuchung von Sturn und Wohlfahrt für Österreich
5.5.1. Die Verwendung des Äquivalenzeinkommens bei Sturn und Wohlfahrt
5.5.2. Die Ergebnisse der Studie von Sturn und Wohlfahrt
5.6. Die Studie von Barbaro für Deutschland
5.6.1. Die Nettotransferkalkulation von Barbaro
5.6.1.1. Die Verteilung der Erträge
5.6.1.2. Die Verteilung der Steuerlast
5.6.1.3. Die Nettoinzidenz

6. Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Umverteilung für die BRD 1983 14

Abbildung 2: Umverteilung für Österreich auf Basis ungewichteter Haushaltsnettoeinkommen 16

Abbildung 3: Umverteilung für Österreich auf Basis gewichteter Haushaltsnettoeinkommen 16

Abbildung 4: Studentenrepräsentationseffekt für die BRD 1997 18

Abbildung 5: Nettoinzidenz für die BRD 1997 21

Abbildung 6: Verteilung der Haushalte mit und ohne Kindern auf die Einkommensdezile 22

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1: Nettotransfers für Kalifornien 1964 9

Tabelle 2: Nettotransfers für Kalifornien 1964 (2) 10

Tabelle 3: Umverteilung in der BRD 1983 12

Tabelle 4: Umverteilung in der BRD 1983 (2) 14

Tabelle 5: Umverteilung für Österreich 16

Tabelle 6: Verteilung der Erträge der Hochschulsubventionen für die BRD 1997 19

Tabelle 7: Einnahmeninzidenz für die BRD 1997 20

Tabelle 8: Nettoinzidenz für die BRD 1997 20

Tabelle 9: Querschnittsanalysen seit 1969 24

1. Einleitung: Die Bedeutung des Faktors Bildung - Tendenzen in der Bildungspolitik

„Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft“1heißt es im Koalitionsvertrag, den CDU, CSU und SPD am 11. November 2005 abschlossen. Diese Erkenntnis ist (wider erwarten) nicht bloß eine politische Floskel, sondern eine empirisch belegte Tatsache: Denn eine Analyse der Ursachen des Wirtschaftswachstums für den OECD-Raum ergab, dass das Pro-Kopf-Einkommens-Niveau eines Landes, dessen Grundbildungsniveau den internationalen Durchschnitt um 1 Prozent übertrifft, um 1,5 Prozent über dem anderer Länder liegt. Investitionen in Humankapital determinieren daher durchaus die Rate des technischen Fortschritts und des wirtschaftlichen Wachstums einer Volkswirtschaft.2

Gerade für eine rohstoffarme Volkswirtschaft wie die Deutsche ist der Bestand an Humankapital eine der wichtigsten Ressourcen - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der absehbaren demographischen Entwicklung. Daher ist es inzwischen auch allgemeiner Konsens, dass der Faktor Bildung einen erheblichen Einfluss auf Wachstum, Beschäftigung und Einkommensverteilung einer Volkswirtschaft hat und das die institutionelle Umsetzung der Humankapitalbildung - die Organisation der Bildung - ein entscheidendes Instrument der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist.3Aus diesem Grund scheint eine genaue Analyse des deutschen Bildungssystems geboten.

Internationale Vergleiche und nationale Befunde zeigen, dass das deutsche Bildungssystem nicht leistungsfähig genug ist, um den Faktor Humankapital in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen.4Dies gilt auch für den Hochschulbereich: Trotz des Trends der vergangenen Jahre hin zu mehr tertiären Abschlüssen konnte der seit den 80er Jahren angestaute Rückstand im internationalen Vergleich nicht ausgeglichen werden. Im Gegenteil: Die Zuwachsraten bei den Studienanfängerzahlen liegen5- genau wie die Quote der Hochschulabsolventen6- deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Das gilt auch für den Anteil der Bildungsausgaben am BIP, der in der BRD einen Wert von 5,3 Prozent annimmt.7Knapp ein Viertel der Bildungsausgaben werden in Deutschland dabei im Hochschulbereich getätigt.8Während die staatlichen Ausgaben für den Tertiärbereich im OECD-Raum seit 1995 um 37 Prozent stiegen, lag die Zuwachsrate in Deutschland lediglich bei 14 Prozent.9

Auch hinsichtlich der Aufteilung der Finanzierungslast in öffentliche und private Mittel unterscheiden sich die Bildungssysteme innerhalb der OECD deutlich.10In Deutschland wird bspw. ein Großteil der an den Hochschulen erbrachten Bildungsleistungen aus dem Steueraufkommen finanziert.11Da hingegen der Anteil der privaten Mittel, die für den Elementarbereich aufgebracht werden müssen in der BRD deutlich höher ist, als in anderen entwickelten Volkswirtschaften, stellte der SVR eine Schieflage in der Finanzierungsstruktur des deutschen Bildungssystems fest.12 Angesichts der enormen Finanzmittel, die durch die öffentliche Finanzierung der Hochschulen gebunden werden, ist die Finanzierung des tertiären Bildungssektors einer der zentralen Aspekte der Bildungspolitik.13In der politischen Diskussion um eine Reform des Hochschulwesens nimmt in der BRD eine mögliche Einführung von Studiengebühren schon lange einen dominierenden Platz ein. Nach dem Urteil des BVG, das Ende Januar 2005 ein generelles Verbot von Studiengebühren, das auf der sechsten Novelle des Hochschulrahmengesetzes basierte und von der rot-grünen Regierungskoalition eingeführt wurde, für unwirksam erklärte, wurde diese Debatte weiter angeheizt. Die Diskussion um eine Einführung von Studiengebühren (oder aber die Beibehaltung des Status quo der öffentlichen Hochschulfinanzierung) wird immer wieder über effizienzpolitische Argumente und daher auf Basis der Theorie des Marktversagens geführt.14Wird ein Marktversagen diagnostiziert, kann die Wirtschaftspolitik durch ein korrigierendes Eingreifen in das Marktgeschehen ein effizienteres Marktergebnis generieren.15 Die Markversagensargumente, die eine staatlich finanzierte Hochschulausbildung rechtfertigen könnten, sind: Positive Externe Effekte, imperfekte Kreditmärkte für Bildungskredite, die fehlende Möglichkeit der Versicherung gegen Bildungsrisiken, fehlende Nachfragesouveränität und die Einschätzung der Hochschulbildung als öffentliches Gut.16 Argumente für und wider der Einführung von Studiengebühren basieren außerdem immer wieder auf unterschiedlichen Einschätzungen bezüglich den Umverteilungswirkungen des aus Steuermitteln finanzierten Hochschulstudiums. Nachdem diese Arbeit Argumente für die öffentliche Hochschulfinanzierung vorstellt, werden die Umverteilungswirkungen der gebührenfreien Hochschulausbildung genauer beleuchtet. Dazu wird die generelle Methodik der Umverteilungsanalyse erläutert, ehe ein Überblick über die empirischen Studien von Hansen und Weisbrod (1969), Pechman (1970), Grüske (1994), Sturn und Wohlfahrt (1999 und 2000) und Barbaro (2003) gegeben wird, bei dem Ergebnisse und methodische Weiterentwicklungen im Vordergrund stehen. Im letzten Kapitel dieser Arbeit wird die Frage, ob eine Einführung von Studiengebühren aus distributiver Sicht sinnvoll ist, unter dem Hintergrund der gewonnenen Erkenntnisse beantwortet.

2. Verteilungspolitische Argumente für die öffentliche Finanzierung der Hochschulbildung

In Deutschland wird ein Großteil der für ein Studium anfallenden Kosten aus dem Steueraufkommen finanziert. Dies wird vor allem mit distributionspolitischen Argumenten begründet, denn durch die Subventionierung der Kosten der Hochschulbildung soll allen Bevölkerungsteilen die Partizipation an der tertiären Bildung ermöglicht werden.17Tatsächlich fallen durch die Finanzierung der Hochschulen aus dem Steueraufkommen Zahler und Nutznießer der Hochschulbildung auseinander - es ist daher Konsens, dass die Verteilungseffekte des Bildungssystems wesentlich von Art und Finanzierung der (Hochschul-)Bildung abhängen.18

Eine Überprüfung, inwieweit das oft geforderte Ziel der Chancengleichheit im tertiären Bildungssektor nicht nur proklamiert, sondern auch verwirklicht ist, macht eine genaue Analyse der Umverteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung nötig. Eine solche Analyse ist allerdings auch aus anderen Gründen wichtig: Der öffentlich finanzierte Bildungssektor stellt eine der großen staatlichen Ausgabenkategorien dar und bindet immense öffentliche Mittel. Politik und Wissenschaft sind alleine aus diesem Umstand daran interessiert, zumindest die Grundrichtung der distributiven Effekte die vom Bildungssektor ausgehen, zu kennen. Eine Analyse der distributiven Folgen der öffentlichen Hochschulfinanzierung ist außerdem hilfreich wenn es darum geht, zu beurteilen, ob eine Reform der Hochschulfinanzierung in der BRD geboten ist.19Es gibt mittlerweile eine Fülle (leider nur teilweise empirische) Literatur, die sich mit den distributiven Effekten der öffentlichen Hochschulfinanzierung und alternativer Finanzierungsszenarien auseinandersetzt und die analysiert, wer im Status quo (und alternativen Finanzierungssystemen) wem das Studium finanziert.20

Bei der Untersuchung der Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung ist es von großer Bedeutung zwei verschiedene Betrachtungshorizonte zu unterscheiden: Die kurze und die lange Frist. Die Analyse der kurzfristigen Wirkungen wird durch sogenannte Querschnittsanalysen durchgeführt, während die Untersuchung der Distributionswirkungen in der langen Frist eine Längsschnittsanalyse nötig macht.21 Im folgenden Kapitel der Arbeit sollen diese beiden Analysekonzepte voneinander abgegrenzt werden.

3. Empirische Untersuchungen zu den Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Die Methodik

3.1. Querschnittsanalyse versus Längsschnittsanalyse

Die kurzfristigen Verteilungswirkungen der Hochschulsubventionierung werden in sogenannten Querschnittsanalysen untersucht. Diese analysieren die Umverteilungswirkungen steuerfinanzierter Hochschulbildungssubventionen zwischen Haushalten in verschiedenen sozioökonomischen Positionen.22Als Klassifikationsmerkmal für die Einteilung der Haushalte in arm und reich wird deren Einkommen genutzt, da dieses im Allgemeinen als guter Wohlstandsindikator gilt. Mit Hilfe der Nico Schmidt Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung Querschnittsanalyse lässt sich die Frage beantworten, welche Haushalte im betrachteten Zeitraum (meistens ein Jahr) zu den Nettogewinnern bzw. Nettoverlierern der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung gehören und welche Umverteilungswirkungen sich daraus ergeben.23

Konkret heißt das: Eine Querschnittsanalyse lässt im Endeffekt einen Schluss darüber zu, ob die öffentliche Finanzierung der Hochschulbildung einkommensnivellierend (einkommensdifferenzierend) wirkt; also, ob es zu einer Umverteilung von Haushalten mit hohem (niedrigem) Einkommen hin zu Haushalten mit niedrigem (hohem) Einkommen kommt.24 Umverteilungseffekte zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern, die sich aus der Kombination von gebührenfreiem Studium und höherem Einkommen nach abgeschlossener tertiärer Ausbildung zweifelsohne ergeben und ein möglicher einkommensbedingter sozioökonomischer Aufstieg der Haushalte im Zeitverlauf, können in der kurzfristigen Querschnittsbetrachtung genauso wenig berücksichtigt werden, wie andere langfristige Effekte von Humankapitalinvestitionen.25Die Frage nach diesen beantwortet alleine die Längsschnittsanalyse. Um korrekte und umfassende Schlüsse über die distributiven Auswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung ziehen zu können, müssten demnach eigentlich auch deren langfristige Effekte berücksichtigt werden. In der empirischen Literatur besteht inzwischen sogar Einigkeit darüber, dass Längsschnittsanalysen aussagekräftiger sind, als Querschnittsanalysen. Die Lebenszyklusbetrachtungen sind allerdings methodisch sehr anspruchsvoll und aufwendig und daher letztendlich auch fehleranfällig.26Nicht zuletzt aus diesem Grund sind die meisten der bisher publizierten empirischen Untersuchungen Querschnittsuntersuchungen. Trotz aller methodischen Mängel und der wichtigen Aspekte, die von der Querschnittsbetrachtung negiert werden, ist die kurzfristige Analyse doch ein wichtiges Instrument, um zu einer sachlich korrekten Diskussion über die Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung beizutragen.

Die Nicht-Empirische Literatur ignoriert oft den wichtigen Unterschied zwischen kurzer und langer Frist und vermischt die unterschiedlichen Aussagen der beiden Betrachtungsebenen.27Aus diesem Grund werden die Ergebnisse empirischer Studien auch häufig falsch interpretiert, was einer sachgerechten Diskussion über die Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung Nico Schmidt Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung oftmals im Weg steht.28Der Deutlichkeit wegen soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass im weiteren Verlauf dieser Arbeit das Hauptaugenmerk auf die Querschnittsanalyse gelegt wird.

3.2. Das Ergebnis der Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte: Das Konzept der Nettotransferkalkulation

Um Träger und Nutzer von finanzpolitischen Maßnahmen zu ermitteln, spielt der Inzidenzansatz in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion eine entscheidende Rolle. Unter dem Begriff der Inzidenz versteht man die Auswirkungen finanzpolitischer Maßnahmen des Staates auf die Einkommensverteilung.29 Eine Inzidenzanalyse untersucht daher quasi, wer von den Umverteilungswirkungen einer Staatsintervention belastet und wer begünstigt wird, d.h. wer Verlierer und wer Gewinner einer wirtschaftspolitischen Maßnahme ist.

Im Rahmen der Hansen-Weisbrod-Pechman-Debatte (siehe Abschnitt 5.2.) kreierte Pechman eine „neue“ Methode, die Umverteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung inzidenztheoretisch zu untersuchen30: Die sogenannte Nettotransferkalkulation (NTK).31 Die Grundidee einer NTK ist es, die Bevölkerung (die Haushalte) in Einkommensgruppen einzuteilen und dann zu überprüfen, ob die geschichteten Haushaltsgruppen von der öffentlichen Hochschulfinanzierung profitieren oder nicht. Zu diesem Zweck wird der Anteil an Leistungen, den jede Einkommensgruppe aus dem öffentlich finanzierten tertiären Bildungssektor erhält, den Steuerzahlungen gegenübergestellt, mit denen die Einkommensgruppen zur Finanzierung der Bildungssubventionen beitragen. Übersteigt der Finanzierungsbeitrag einer Einkommensgruppe deren empfangene Leistungen, ist diese Einkommensgruppe Nettoverlierer (vice-versa).32Basierend auf diesem inzidenztheoretischen Konzept des Nettotransfers lassen sich Gewinner der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung bestimmen. Den Nettogewinnern müssen auf der anderen Seite wiederum Nettoverlierer gegenüberstehen, da - der Logik des Konzeptes der Umverteilungsanalyse folgend - die Summe der Nettoeffekte gleich Null sein muss.33

Das grundsätzliche Ergebnis einer NTK hängt dabei von zwei Faktoren ab: Von der Verteilung der Erträge der öffentlichen Hochschulfinanzierung und vom Steuerinzidenzeffekt. Die Verteilung der Erträge wird vor allem vom sogenannten „Studentenrepräsentationseffekt“ determiniert; also davon, ob eine Einkommensklasse eine ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechende Anzahl an Studenten in das höhere Bildungssystem entsendet.34

Die Steuerinzidenz gibt an, welchen Teil der Kosten der Hochschulbildungssubventionen jede Einkommensklasse über das Steuersystem zu tragen hat.35

Da Steuern Einnahmen des Staates darstellen, kann die Inzidenz der Steuerlast auch als Einnahmeninzidenz bezeichnet werden. Die Erträge, die Haushalte aus der öffentlichen Hochschulfinanzierung ziehen, kommen durch Ausgaben des Staates zustande; die Inzidenz der Erträge kann daher auch als Ausgabeninzidenz bezeichnet werden.

Die Differenz zwischen Einnahmen- und Ausgabeninzidenz ist das Ergebnis der Nettotransferkalkulation: die Nettoinzidenz bzw. der Nettotransfer. Beinahe alle neueren empirischen Studien bedienen sich des methodischen Mittels der NTK, was sicherlich nicht zuletzt auf die unbestreitbaren Vorteile dieses Konzeptes zurückzuführen ist.36

3.2.1. Die Steuer- oder Einnahmeninzidenz

Inwiefern eine Einkommensklasse zur Finanzierung der Hochschulbildung beiträgt hängt von der Ausgestaltung des Steuersystems ab, da alle Haushalte durch ihre Steuerzahlungen die Kosten der Subventionierung der Hochschulausbildung mittragen.37Um die Steuerseite dabei möglichst einfach zu halten wird angenommen, dass ein proportionales Steuersystem vorliegt.38Inhaltlich bedeutet dies, dass jeder Haushalt in gleicher relativer Höhe zur Hochschulfinanzierung beiträgt: Werden 2 Prozent der gesamten Steuereinnahmen für Subventionen in höhere Bildung verwendet, liegt der Finanzierungsbeitrag jedes Haushaltes daher bei 2 Prozent seiner Steuerschuld.39Auch die im Verlauf dieser Arbeit noch vorgestellten empirischen Studien von Grüske (1994), Sturn und Wohlfahrt (1999 und 2000) und Barbaro (2003) machen von dieser Annahme gebrauch.

Wird die Annahme eines proportionalen Steuersystems für die BRD in Frage gestellt, dann eher dahingehend, dass das Steuersystem progressiv ausgestaltet ist.40 Obengenannte Studien unterschätzen daher aufgrund der konservativen Annahme eines proportionalen Steuersystems eher die einkommensnivellierende Wirkung der öffentlichen Hochschulfinanzierung, als sie zu überschätzen.

3.2.2. Die Verteilung der Erträge: Die Ausgabeninzidenz

Entscheidend für die Verteilung der Leistungen, die Haushalte aus dem System der öffentlichen Hochschulfinanzierung erhalten, ist die sozioökonomische Zusammensetzung der Studierendenschaft der in Abschnitt 3.2. bereits beschriebene Studentenrepräsentationseffekt.41Außerdem spielt auch die Struktur der Erträge eine wichtige Rolle für deren Verteilung auf die verschiedenen Einkommensklassen. Die Erträge die Haushalte mit Studierenden in Deutschland erhalten, setzen sich aus mehreren Positionen zusammen: Zum einen erhalten Studenten eine reale Leistung in Form des gebührenfreien Studiums das aus den Steuereinnahmen finanziert wird, zum anderen erhalten sie auch monetäre Erträge wie Kindergeld (oder den Kinderfreibetrag) und einen Ausbildungsfreibetrag, den jeder Haushalt mit Kindern geltend machen kann.42Diese Freibeträge gehören zwar nicht im engeren Sinne zum Bereich der öffentlichen Hochschulfinanzierung, sollten aber trotzdem berücksichtigt werden, da deren Anspruchsberechtigung unmittelbar an den Studentenstatus gekoppelt ist.43

Studenten haben außerdem die Möglichkeit BAföG zu beantragen, dessen Höhe in erster Linie vom Einkommen der Eltern abhängt. Da es das generelle Ziel des BAföG ist, Kindern aus weniger wohlhabenden Familien ein Studium möglich zu machen, ist es wenig überraschend, dass die Inzidenz des BAföG klar progressiv ist.44Die Entlastungen, die Haushalten mit Studierenden aufgrund der obengenannten Freibeträge entstehen, wachsen (gemessen in absoluten Zahlen) mit dem Einkommen. Werden allerdings relative Zahlen herangezogen ist die Inzidenz dieser Freibeträge weniger klar.45

4. Die historischen Wurzeln der Diskussion um die Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung: Die Friedman-These und ihre Nachwehen

Seit weit mehr als einem Jahrhundert diskutieren Politiker, Wissenschaftler und Öffentlichkeit über die Umverteilungswirkungen der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung.46Als die SPD im Jahr 1875 auf ihrem Parteitag ihr Gothaer Programm verabschiedete, machten die Sozialdemokraten zum ersten Mal ihre Forderung nach einem gebührenfreien Studium deutlich.47Schon damals erntete die Partei Kritik aus ihr nahestehenden Kreisen: von Karl Marx und Friedrich Engels.48Mit dieser Kritik war die These der regressiven Verteilungswirkung der öffentlichen Hochschulfinanzierung - von der Umverteilung von unten nach oben - geboren.

Auch der wohl berühmteste Ökonom der „Chicago-School“ Milton Friedman vertrat diese These - die daher auch als Friedman-These bezeichnet wurde49- und berichtete von einem „perversen Einkommensumverteilungseffekt“ der von der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung ausginge.50Die Friedman-These klingt vielleicht paradox51, die Grundgedanken die dahinter stecken Nico Schmidt Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung sind jedoch durchaus intuitiv: Denn studieren an den deutschen Hochschulen vornehmlich Kinder aus wohlhabenderen Haushalten52, sind es auch diese, die am meisten von der öffentlichen Hochschulfinanzierung profitieren; vor allem wenn man berücksichtigt, dass auch weniger wohlhabende Haushalte Steuern zahlen und so die Bildungssubventionen mitfinanzieren.53Dieser, auf den ersten Blick einleuchtende Gedankengang, wird bis heute von vielen Wissenschaftlern und Politikern als Argument für die Einführung von Studiengebühren genutzt - obwohl die empirische Literatur der vergangenen Jahre zumindest Zweifel an der Stichhaltigkeit der Argumentation zulässt.

Hans-Olaf Henkel, ehemaliger BDI-Vorsitzender behauptete bspw., die Abwesenheit von Studiengebühren sei unsozial, da eine kleine Elite ihre Hochschulausbildung von der gesamten Bevölkerung bezahlt bekäme.54Auch Bert Rürup, der Vorsitzende des SVR, berief sich implizit auf Friedman, als er davon sprach, dass die „gegenwärtige Form der Hochschulfinanzierung alles andere als gerecht“ sei und eine „Umverteilung von unten nach oben“ bedinge.55Exemplarisch für den bis heute weitverbreiteten Glauben an die Umverteilung von unten nach oben durch die öffentliche Finanzierung der Hochschulausbildung, lässt sich das volkswirtschaftliche Standardwerk von Woll (1985) zitieren. In diesem heißt es: „Eine (...) Besonderheit der Hochschulpolitik in der Bundesrepublik ist das Finanzierungssystem der Ausbildung, das den erklärten Zielen der „gerechten“ Einkommensverteilung zuwiderläuft. (...) Die „Armen“ subventionieren letztlich die „Reichen“; auch der Milliardärssohn studiert auf Kosten des Hilfsarbeiters“.56Die Liste der (prominenten) Vertreter der Friedman-These von der perversen Umverteilungswirkung der öffentlichen Hochschulfinanzierung ließe sich an dieser Stelle übrigens beliebig weiterführen.

Im kommenden Kapitel der Arbeit werden verschiedene ältere und neuere Ansätze vorgestellt, die die distributiven Folgen der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung aus empirischer Sicht beleuchten und so letztendlich auch die Stichhaltigkeit der Friedman-These untersuchen.

5. Empirische Studien zu den Umverteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung im Querschnitt

5.1. Die Studie von Hansen und Weisbrod

Die Arbeit von Hansen und Weisbrod im Jahr 1969 war die erste, in der die Verteilungswirkungen der öffentlichen Hochschulfinanzierung empirisch untersucht wurden.57Die Autoren analysierten - motiviert von der weiterhin schwelenden Diskussion um die Gültigkeit der Friedman-These - die Verteilungseffekte in Kalifornien im zeitpunktbezogenen Querschnitt, wobei sich die Studie auf Daten

[...]


1Vgl. Koalitionsvertrag 2005, S. 40

2Vgl. OECD 2006b, S.6.Dies bestätigt auch die neue Wachstumstheorie. Vgl. Arnold 1995 und Lucas 1998

3Vgl. Sachverständigenrat 2004, S. 430

4Vgl. Ebenda, S. 422

5Die Zahl der Studierenden stieg in Deutschland zwischen 1995 und 2004 um 8 Prozent, während im OECD- Mittel im gleichen Zeitraum eine Zuwachsrate von 49 Prozent verzeichnet wurde. Vgl. OECD 2006, S. 6f.

6Liegt die Rate der Hochschulabsolventen zwischen 25 und 30 Jahren in der BRD bei rund 23 Prozent, stieg dieser Wert im OECD-Mittel auf etwa 31 Prozent. Vgl. Sachverständigenrat 2004, S. 447

7Der Wert liegt im OECD-Mittel bei 5,6 Prozent (gewichtet nach Größe: 6,4 Prozent). Vgl. OECDa 2006, S.3

8Vgl. Sachverständigenrat 2004, S. 431

9Vgl. OECDa 2006, S.13

10Vgl. Dohmen 2004, S.12 , OECDa 2006, S.4 und Sachverständigenrat 2004, S. 432 (Abb. 128 und 129)

11Vgl. Sachverständigenrat 1998, S. 251

12Dies ist darauf zurückzuführen, dass der private Finanzierungsanteil in dem Bereich am höchsten sein sollte, in dem Bildung den größten individuellen Ertrag bringt - also im Hochschulbereich. Vgl. Sachverständigenrat 2004, S. 432 (Abb. 127, 129)

13Vgl. Sturn und Wohlfahrt 1999, S. 5

14Vgl. Musgrave et al. 1980

15Vgl. Kupferschmidt und Wigger 2006, S. 2 ff., Schmidtchen 2006, S.6 und Sturn und Wohlfahrt 1999, S. 6 f.

16Vgl. Kupferschmidt und Wigger 2006, S.1 ff., Pechar 2004, S. 48 ff. und Schmidtchen 2006, S.6ff.

17Chancengleichheit ist daher ein wichtiges Stichwort, wenn es um die Rechtfertigung des gebührenfreien Studiums geht. Vgl. Schmidtchen 2006, S.12 und Sturn und Wohlfahrt 1999, S.2

18Vgl. Sachverständigenrat 1998, S. 251 und Sturn und Wohlfahrt 1999, S. 6

19Vgl. Barbaro 2005, S.1f.

20Vgl. Sturn und Wohlfahrt 2000, S. 2

21Bei der Untersuchung der Distributionseffekte muss zwischen der Analyse von Kindern aus verschiedenen Haushalts-Typen und der Analyse zwischen gebildeten und weniger ausgebildeten Individuen in deren Lebenszyklen unterschieden werden. Vgl. Barbaro 2003a, S. 461

22Zugespitzt kann man sagen, dass die Querschnittsanalyse untersucht, wie Hochschulsubvention die

Einkommensverteilungen zwischen armen und reichen Haushalten beeinflussen. Vgl. Barbaro 2001a, S. 4

23Als Nettogewinner (-verlierer) gelten in diesem Zusammenhang diejenigen Haushalte, bei denen der Saldo aus Erträgen, die sie aus der öffentlichen Finanzierung der Hochschulausbildung ziehen, und der Abgaben, die sie zur Finanzierung der Hochschulsubventionen beitragen, positiv (negativ) ist.

24Eine einkommensnivellierende Umverteilung wird dabei allgemein als gesellschaftspolitisch wünschenswert angesehen. In diesem Fall spricht man auch von einer Umverteilung von reich zu arm (von oben nach unten). Umgekehrt kann eine Umverteilung von arm zu reich auch als Umverteilung von unten nach oben bezeichnet werden.

25In der Querschnittsbetrachtung wird bspw. auch nicht berücksichtigt, dass Akademiker - bedingt durch die progressive Einkommenssteuer in Deutschland - im Laufe ihres Erwerbslebens relativ viel zur Steuer- finanzierung des Hochschulwesens beitragen und somit ein Teil ihres „angestauten“ Einkommensvorteils kompensiert wird. Daher wird auch nicht beantwortet, wie sich die öffentliche Hochschulfinanzierung heute auf die Einkommensdispersion von morgen auswirkt. Vgl. Sturn und Wohlfahrt 2000, S.53f. und Barbaro 2003b, S.6

26Vgl. Barbaro 2001b, S. 526 f., und Kupferschmidt und Wigger 2006, S. 18

27Vgl. Barbaro 2003a, S. 461

28Vgl. Sturn und Wohlfahrt 2000, S. 53

29Vgl. Bohnet 1999, S. 163 und Brümmerhoff 2001, S. 251

30Nicht die Gegenüberstellung von Erträgen und Lasten, sondern die Schichtung der Haushalte nach ihrem Einkommen war dabei die Neuerung.

31Blaug erläuterte das Konzept der Nettotransferkalkulation folgendermaßen: „The redistributive effects of

higher education subsidies are the joint outcome of two entirely distinct distributions: the distribution of higher education subsidies among families and the distribution of taxes among families.” Vgl. Blaug 1982, S.212

32Vgl. Barbaro 2003b, S. 4

33Vgl. Wohlfahrt 2003, S. 4

34Der Studentenrepräsentationseffekt gibt also an, ob eine Einkommensklasse proportional viele Studenten entsendet. Vgl. Barbaro 2005, S. 22

35Vgl. Barbaro 2005, S. 22

36Zu diesen zählen vor allem deren Klarheit und Deutlichkeit. Außerdem sind die Ergebnisse einer NTK in der wissenschaftlichen Politikberatungen einfacher anzubringen. Vgl. Barbaro 2005, S. 21

37Vgl. Barbaro 2005, S. 22

38Diese Annahme impliziert, dass die Regressivität der indirekten Besteuerung durch die Progressivität der

direkten Besteuerung ausgeglichen wird. Wie Grüske (1978) und Pechman (1980) herausfanden, entspricht diese Annahme einer akzeptablen Annäherung an die tatsächliche Steuerlast in der BRD. Vgl. Barbaro 2005, S. 22 und Wohlfahrt 2003, S. 6

39Vgl. Janeba et al.2006, S. 4

40Bedau und Teichmann wiesen nach, dass in Deutschland die Regressivität der indirekten Steuern die

Progressivität der Einkommenssteuer nicht kompensieren kann, so dass das gesamte Steuersystem zumindest leicht progressiv ist. Vgl. Bedau und Teichmann 1995

41Vgl. Barbaro 2003b, S. 4

42Vgl. Sachverständigenrat 1998, S. 251

43Vgl.Barbaro 2005, S. 23

44Vgl. Barbaro 2003a, S.463

45Vgl. Barbaro 2005, S. 23

46Vg. Barbaro 2001a, S.1

47Vgl. Barbaro 2001b, S. 523

48Die Finanzierung der Hochschulausbildung aus öffentlichen Mitteln hieße „faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel (zu) bestreiten“. Vgl. Marx und Engels 1962, S.30

49Sturn und Wohlfahrt 1999, S. 9

50Vgl. Friedman 1962, S.105

51Immerhin besagt sie im Hinblick auf die Diskussion um eine Einführung von Studiengebühren, dass nicht Studiengebühren sozial ungerecht seien, sondern der Status quo der gebührenfreien Hochschulausbildung.

52Der SVR stellte fest, dass 63 Prozent aller Beamtenkinder, aber nur 18 Prozent der Arbeiterkinder im

studierfähigen Alter eine Hochschule besuchen und fast 90 Prozent aller Studenten aus Haushalten mit mittlerem und höherem Einkommen stammen. Vgl. Sachverständigenrat 1998, S.447

53Barbaro schloss, dass der Prozess der sozialen Selektion und Allokation der Studenten im tertiären Bildungssektor die Begründung für die Friedman-These war. Vgl. Barbaro 2003a, S.464

54Vgl. „Süddeutsche Zeitung“ vom 28.02.2000

55Vgl. „Die Zeit“ vom 20.02.2005

56Vgl. Woll 1984, S. 293 f.

57Vgl. Barbaro 2005, S. 9 und Wohlfahrt 2003, S. 2

Details

Seiten
33
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638614016
ISBN (Buch)
9783638673761
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69797
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Finanzwissenschaft/ Volkswirtschaftspolitik
Note
1,3
Schlagworte
Verteilungseffekte Hochschulfinanzierung Querschnittsbetrachtung Seminar Bildungsökonomie

Autor

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Titel: Verteilungseffekte der öffentlichen Hochschulfinanzierung - Querschnittsbetrachtung