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Dialog oder Kampf der Kulturen?

Die Rolle der Religionen in der Weltpolitik

Referat (Ausarbeitung) 2007 15 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhalt:

Einleitung: Die wiedererwachten Religionen als Akteure der Politik

(Renaissance der Religionen/Revision der Säkularisierungsthese)

1. Der Fundamentalismus (Extremismus) als religiöse Variante eines Kampfes der Kulturen
- Vergleichbare ex­tremistische Geisteshaltung oder Grundüber­zeugung in allen Religionen
- Beobachtungen zum Phänomen religiöser Fundamentalismus bzw. „Religion und Gewalt“

2. Religionen als Akteure im Klima- und Umweltschutz
- „Care of Creation“ als Beispiel für eine religiös motivierte Umweltpolitik in den USA

3. Religionen als Akteure in der Friedenspolitik
- Religiöse Einzelpersönlichkeiten als Friedensstifter
- Friedensarbeit interreligiöser Organisationen und Netzwerke

Schluß: Einschätzungen zur Realpolitik heute
1. Der Dalai Lama und die Rolle des Weltparlaments
der Religionen – Andreas Hasenclever
2. Madeleine Albright
3. Samuel Huntington

Einleitung: Die wiedererwachten Religionen als Akteure der Politik

Die Rolle der Religionen in Politik und Gesellschaft ist ambivalent. Religionen sind so ambivalent wie die Menschen es sind, die sich zu ihnen bekennen. In jedes Menschen Brust gibt es diese beiden Seelen, gibt es Licht und Schatten. Entsprechend lichtvoll können Religionen sein als Quellen des Friedens, des Dialogs und des sozialen Engagements. Auf der anderen Seite gibt es diese grauenvolle, abgründige Seite in den Religionen, wie wir sie vor allen Dingen durch die täglichen Fernseh- und Zeitungsberichte vor Augen geführt bekommen: Religionen als Motoren des Fanatismus und als Motivatoren der Aggression. Das gilt am meisten für Judentum, Christentum und Islam. Gerade diese „prophetischen Religionen“ haben im Laufe ihrer Geschichte eine besondere Neigung zur Unduldsamkeit, zu allein seligmachenden Absolutheits­ansprüchen, ja sogar zu Haß und Gewalt erkennen lassen. Als solche waren Religionen bzw. religiöse Menschen schon immer mächtige Akteure der Politik: sei es im Vordergrund als Kriege führende Päpste, Kalifen und Kolonialherren, sei es im Hintergrund als Berater, die Kriege religiös legitimieren, Waffen segnen und Soldaten ein gutes Gewissen sowie das himmlische Paradies versprechen (wie etwa Martin Luther angesichts der sog. „Türkenkriege“ im 16. Jahrhundert), sei es im Untergrund als religiös motivierte Terrorkämpfer: von der jüdischen Hagana und der „Sternbande“ über die palästinensische HAMAS bis hin zur heute global vernetzten al-Qaida.

Ich betone: diese Ambivalenz der Religionen in der Politik ist kein Merkmal der Religionen allein. Das Oszillieren zwischen Kriegs- und Friedenspolitik, zwischen Kampf und Dialog der Kulturen, zwischen Versöhnungs- und Dämonisierungsstrategien gilt auch für andere Akteure: für Staaten und ihre Regierungen, für Wirtschaftsunternehmen, für zivilgesellschaftliche Organisationen. Überall finden wir dieselbe Ambivalenz, denselben Menschen mit den beiden widerstreitenden Seelen in der Brust. Und es gab und gibt genügend Diktatoren, die als Atheisten auch ganz ohne Religion die Gewalt als wichtigstes Instrument ihrer Herrschaft einsetzen.

Nun aber sind in meinem Beitrag die Religionen gefragt. Daß sie überhaupt im Bereich von Politik und Gesellschaft gefragt sind, wäre für viele Beobachter noch vor zehn, fünfzehn Jahren eine Überraschung gewesen. Heute haben wir uns fast schon daran gewöhnt. Das Stichwort an dieser Stelle heißt: Renaissance der Religionen.

Bis in die 80er Jahre lauteten die Prognosen der meisten Soziologen und Politologen: Religionen verschwinden in dem Maße, wie sich die Gesellschaften modernisieren. Es war dies fast ein allgemeines, unhinterfragtes Credo seit den Tagen Max Webers („Die protestantische Ethik“) und dessen Rede von der „Entzauberung“ der Welt durch Wissenschaft und Technik der Moderne. Ein Prozeß der Säkularisierung und Rationalisierung finde statt, der die Reli­gionen ins Abseits dränge. Sie werde zunehmend marginalisert, privatisiert, und irgendwann werde auch der Letzte begriffen haben, daß er ohne Religion genausogut – oder: in atheistischer Zuspitzung – sogar viel besser leben könne...

Doch der Gang der Geschichte war ein anderer – mal ganz abgesehen davon, daß die Säkularisierungstheorie Ausdruck einer eingeschränken eurozentrischen Perspektive war. Ein Blick in die USA oder nach Afrika, nach Indien oder in die sog. „islamische Welt“ hätte sofort gezeigt, daß von Säkularisierung als globalem Trend keine Rede sein kann, im 20. Jahrhundert nicht, und heute erst recht nicht. In den vergangenen 20 bis 25 Jahren haben sich die Religionen auf der Bühne der Weltpolitik zurückgemeldet. Blicken wir auf die Massenmedien, die Titelseiten, die Leitartikel, die thematischen Serien in den Zeitschriften und Zeitungen! Gehen wir ins Kino: mehr als je zuvor finden sich religiöse Themen, Inhalte und Symbole!

Renaissance der Religionen – das bedeutet, daß die Säkularisierungsthese zu revidieren ist. Führende amerikanische Religionssoziologen sprechen seit einigen Jahren von „De-Säkularisation“ (z.B. Peter L. Berger). Naturwissenschaftler reden einer „Wiederverzauberung der Welt“ das Wort (z.B. der Quantenphysiker und Molekularbiologe Jeremy W. Heyward). Religionen prägen einzelne Menschen und ganze Kulturen viel nachhaltiger, als das in Europa vorausgesehen wurde. Religionen sterben nicht allmählich aus. Säkularisierung ist kein globales Phänomen, sondern ein Sonderweg, eine Ausnahme, die auf bestimmte Regionen der Welt zutrifft, vor allem auf Teile der sog. „Westlichen Welt“. Freilich ist sogar hier zu beobachten, daß etwa religiöse Privatschulen wie Pilze aus dem Boden schießen, während immer mehr staatliche Schulen schließen... Oder daß immer mehr Menschen – gerade auch Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft – für Seminare, Workshops oder Einkehrtage ins Kloster gehen... Die Revision der Säkularisierungsthese in Deutschland hat im Herbst 2001 in Frankfurt bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels begonnen. Jürgen Habermas, unser „religiös unmusikalischer“ Vordenker, sprach von der „postsäkularen Gesellschaft“, auf die wir uns einzustellen hätten.

Daß die Säkularisierungsthese nicht einmal generell für den sog. „Westen“ zutrifft, wird am Beispiel der USA besonders deutlich : sie sind Vorreiter der Moderne und nun auch Postmoderne, der technischen Innovation auf vielen Ebenen und zugleich eine durch und durch religiös geprägte Nation mit einem ausgeprägten Sendungsbewußtsein, mit der höchsten Zahl an Gotteshäusern pro Einwohner weltweit (ca. 1:800). Ohne ein klares religiöses Profil, ohne ein christliches Bekenntnis und ohne eine deutliche Werte-Orientierung können Sie heute nicht der mächtigste Mann der Welt werden...

Im Folgenden möchte ich Ihnen diverse Beispiele anführen für den Zusammenhang zwischen Religion und Politik:

1. Der Fundamentalismus als religiöse Variante eines Kampfes der Kulturen
2. Religionen als Akteure im Klima- und Umweltschutz
3. Religionen als Akteure in der Friedenspolitik

1. Der Fundamentalismus als religiöse Variante eines Kampfes der Kulturen

Die weltweite Renaissance der Religionen geht häufig einher mit dem Fundamentalismus, oder besser: dem religiösen Extremismus. Religionen beleben sich vielerorts in fundamentalistischer Gestalt. Damit bin ich bei der Negativ-Seite der Ambivalenz der Religionen in Bezug auf die Politik.

Seit dem Jahr 2000 kann man eine regelrechte Welle der Fundamentalisierung unter Juden, Christen und Muslimen beobachten. Mancherorts ist der Extremismus dabei, zu einer Massenbewegung zu werden, der immer größere Kreise unter den bislang gemäßigten Gruppierungen erfaßt. Ende der 70er Jahre hatten wir schon einmal eine Welle der Fundamentalisierung unter Juden, Christen und Muslimen. Es waren die fünf extremistischen Schlüsseljahre des 20. Jahrhunderts. Es ging damals Schlag auf Schlag. 1977 muß die Arbeiterpartei Israels bei den Parlamentswahlen eine schwere Niederlage einstecken und wird zum erstenmal in ihrer Geschichte aus der Regierung verdrängt. Neuer Premierminister wird Menachem Begin vom Likud-Block. Seit damals gewannen die religiös-extremistischen Gruppen politisch immer mehr Einfluß, vor allen Dingen der Gush Emunim (= „Block der Getreuen/Gläubigen“), eine nationalistische Siedlerbewegung mit dem Ziel, „Groß-Israel“ wie zu Zeiten König Davids und Salomos wieder zu etablieren (Rabbi Mosche Levinger). – Im selben Jahr 1977 kommt es zu einem Militärputsch in Pakistan. Seither sind in der Regierung General Zia ul-Haqs und seiner Nachfolger islamistische Gruppen (z.B. die Jamaat e-Islami) beteiligt. Pakistan ist seither einer derjenigen Staaten, die am stärksten den militanten Islamismus fördern, v.a. in Bezug auf Afghanistan und die spätere Taliban-Regierung.

1978 wird der konservative polnische Kardinal Karol Wojtila zum Papst gewählt. Johannes Paul II. hat sich in seinem Pontifikat (bis 2005) auf der einen Seite (der Kirchenaußenpolitik) nachhaltig für den Dialog der Religionen und eine Friedenspolitik eingesetzt (zuletzt um den Irak-Krieg zu verhindern) Auf der anderen Seite (der Kircheninnenpolitik) gewannen mit ihm eindeutig extremistische Kräften innerhalb der römisch-katholischen Kirche – Stichwort: Opus Dei (in Deutschland: Kardinal Meisner, Köln) – an Einfluß. Letzteres ist bislang auch unter seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. der Fall.

1979 ist das Jahr der iranischen Revolution unter Ayatollah Khomeini. Mit einem Schlag erkennt die Weltöffentlichkeit, welches gesellschaftsverändernde und politische Potential im Islam steckt. Im selben Jahr besetzen die Sowjets Afghanistan und es beginnt ein fast aussichtsloser Widerstandskampf der Muslime gegen die Besatzer, der 1989 mit dem Sieg der Mudschaheddin, die aus aller Welt gekommen waren, über die Sowjets endet.

Im selben Jahr besetzen zudem 400 sunnitisch-wahhabitische Extremisten die Heilige Stätte Nr. 1 im Islam: die Ka‘ba in Mekka. Anti-Terror-Spezialisten aus Pakistan und Frankreich (!) helfen den Saudis, die Besetzung zu beenden. Es ist ein Schock für die saudischen Herrscher. Die Wahhabiten sind fundamentalistisch fromm, sie führen sich auf als „Hüter der Heiligen Stätten“, doch militante Islamisten sagen ausgerechnet ihnen den Kampf an. Seither sind die Saudis unter enormem Legitimitätszwang, was zur weltweiten Unterstützung des Islamismus führt, um von ihren eigenen Problemen abzulenken.

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Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638613880
ISBN (Buch)
9783640860487
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69651
Note
Schlagworte
Dialog Kampf Kulturen

Autor

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