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Faszination Videokunst

Wahrnehmungsmöglichkeiten von Zeit und Realität zwischen Kunst und Unterhaltung

Hausarbeit 2006 22 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeit und Wahrnehmung

3. Videokunst
3.1 Von den Anfängen bis Heute
3.2 Videokunst als Ausdrucksmittel

4. Exkurs: Bill Viola

5. Video – Kunst oder Unterhaltung?

6. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In unserem Seminar „Mediatisierung des Alltagslebens. (Über)-Lebensstrategien in Zwischenräumen“ befassten wir uns mit Texten und Theorien, die unter anderem von der immer weiter fortschreitenden Technisierung unseres Alltags handelten. Dabei diskutierten wir über die Einflüsse und Neuerungen der so genannten „Neuen Medien“ auf unser Alltagsleben und die Künste. Wir schauten entsprechende Filme und Videos darüber an und machten uns zudem Gedanken über zukünftige Möglichkeiten aber auch Probleme, die sich daraus für uns und die Kunst ergeben würden.

Als besonders interessant empfand ich dabei den Aspekt Zeit – insbesondere Geschwindigkeit und Dauer, Halbwertzeit und Fortschritt der Technisierung. Was ist eigentlich Zeit? Und was bedeutet sie für uns? Oder warum ist sie für die neuen Medien und die Kunst so wichtig? Vor allem in der Videokunst ist die Auseinandersetzung mit der Zeit besonders intensiv verarbeitet worden. Darum möchte ich mich in dieser Hausarbeit mit dem Thema Videokunst auseinandersetzen und aufzeigen, wie diese sich im Laufe der Jahre verändert hat, auch und gerade unter Berücksichtigung der immer besser werdenden technischen Möglichkeiten. Was genau ist Videokunst und was macht ein Video zu Kunst? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch diese Kunstform für die Ausstellungsorte, die Künstler und die Betrachter?

Aufmerksam wurde ich auf das Thema durch die in Bremen gezeigte Ausstellung von Bill Viola.[1] Die dort installierten Exponate faszinierten mich in einer Weise, wie ich es bis dato bei anderen Ausstellungen nicht erfahren hatte. Durch die langsam stattfindende Veränderung der gezeigten Videos und den Fragen, die man sich beim Betrachten derselben unweigerlich stellen musste, entstand eine Spannung beim Zuschauen, der man sich nur schwer entziehen konnte. Die Zeit und Aufmerksamkeit, die man einem solchen Kunstobjekt schenkt, ist durch die so entstandene Spannung deutlich höher als bei einem sich nicht verändernden Objekt. Zumindest war das die Erfahrung, die ich machte. Da sich Bill Viola in seinen Werken im Besonderen mit Zeit und Vergänglichkeit sowie Leben und Tod auseinandersetzt, werde ich häufiger Bezug auf ihn nehmen und ihm ein eigenes Kapitel widmen.

Zunächst jedoch werde ich im folgenden Abschnitt auf die Begriffe von Zeit und Wahrnehmung eingehen und diese in einem Zusammenhang mit der Videokunst diskutieren. Daran anschließend werde ich auf die Geschichte der Videokunst eingehen, von ihren Anfängen bis in die heutige Zeit. Dem folgt das Kapitel über Bill Viola und schließlich die Auseinandersetzung mit der Frage:

Gibt es eine Grenze zwischen Video und Kunst, Kunst und Unterhaltung bzw. muss es diese geben?

2. Zeit und Wahrnehmung

Was ist Zeit und wie mache ich diese erlebbar?

Unser menschliches Empfinden von Zeit ist von ihrem ständigen Fortgang geprägt. Die Gegenwart in der wir uns befinden, ist für uns nie wirklich existent. Sie ist wie ein schmales Fenster, welches sich ohne Unterbrechung von der Vergangenheit kommend unaufhörlich in die Zukunft verschiebt. Anders formuliert könnte man auch sagen, dass sich die Zukunft beständig in Vergangenheit verwandelt. In dem Moment in dem wir etwas erleben, ist es bereits vergangen und nicht mehr gegenwärtig, entzieht sich somit unserem Einfluss. Vergangenes und Zukünftiges kann nur in der Gegenwart empfunden werden und auch unsere Wahrnehmung kann nur dort stattfinden.[2] Unsere Wahrnehmung prägt somit unsere Gegenwart und macht diese für uns erlebbar.

Die Wirkungen die Medien, wie zum Beispiel Video, auf uns haben, liegt in der Art wie wir als Nutzer diese wahrnehmen.

Bezug nehmend auf Marshall McLuhan wird unsere Wahrnehmung, ob bewusst oder unbewusst, von den Medien beeinflusst. Die Medien prägen die Wahrnehmungsmuster ihrer Nutzer und nehmen somit Einfluss auf deren jeweilige Sinnesorganisation.

Zum Beispiel ermöglicht das Fernsehen an Ereignissen live teilzuhaben, die wenige Meter oder tausende Kilometer von uns entfernt stattfinden können. Die Ereignisse kommen zu uns nach Hause, wir müssen dafür nicht mal die Couch verlassen. Durch die so erzeugte Nähe zu fernen Ereignissen, an denen wir trotzdem Teil haben können, verändert sich unsere Wahrnehmung von Entfernungen. Alles was im Fernsehen passiert, ist scheinbar gleich nah und fern. Außerdem verwischt das Fernsehen unser Gefühl für Vergangenheit und Gegenwart, indem ständig zeitlich disparate Ereignisse gleichzeitig im Fernsehen ausgestrahlt werden. Das Medium selbst suggeriert eine scheinhafte Allgegenwart. Was davon geschieht wirklich live und was wurde schon vor längerer Zeit aufgezeichnet?

Die Erfindung des Videos war für die künstlerische Darstellung von Zeit eine Revolution. Erst durch die Videotechnik war es möglich, die Gegenwart aufzunehmen und gleichzeitig – oder nur leicht zeitversetzt - wiederzugeben. Anderen Medien, wie Film oder Fotografie, war dieses so nicht möglich – sie konnten nur die Vergangenheit reproduzieren. Im Gegensatz zum Film werden die Bilder bei der Videotechnik in Realzeit aufgenommen und auf einer Magnetspule gespeichert, dadurch können sie schon während des Filmens betrachtet werden oder unmittelbar danach.

„Die Bildinformation eines Tapes ist elektromagnetisch gespeichert. […] Die Videokamera kodiert die empfangenen Lichtstrahlen in abstrakte Werte. Sie werden bei der Wiedergabe auf den Bildschirm in einzelne Bildpunkte, sogenannte Pixel, umgewandelt. Es gibt also keine Aufeinanderfolge der Bilder wie im Film. Wir haben es vielmehr mit Bildern zu tun, die sich in permanenten Umwandlungsprozessen befinden. Jeder einzelne Pixel kann heute elektronisch oder digital bearbeitet, eliminiert, überlagert, umgekehrt, eingefärbt oder ersetzt werden.“[3]

Beim Film werden Einzelbilder erzeugt, die in einer aufwendigen Nachbearbeitung zu einem Ganzen zusammen geschnitten werden und durch ihre schnelle Abfolge dem Zuschauer eine Illusion von Bewegung vermitteln, dadurch allerdings nicht die Jetztzeit, also die direkte Gegenwart, wiedergeben können. In ihrer Technik orientiert sich die Filmkunst vor allem an der Fotografie.[4]

Aufgrund der Reproduzierbarkeit der Realzeit wurde das Zeiterleben ein wichtiger Bestandteil der Videokunst. Das Medium Video ermöglichte es erstmals ein Bruchstück der Zeit zu konservieren, zu duplizieren und damit gegenständlich zu machen. Durch die gleichzeitige Möglichkeit von Aufnahme und Wiedergabe (Closed-Circuit Verfahren) konnten Liveerlebnisse zugleich erlebt und festgehalten werden. Videokünstler der ersten Generation experimentierten zunächst mit der neuen Technik und den Wahrnehmungsmöglichkeiten der Zeit. Zum Beispiel zeigte die Videoinstallation „Wipe Cycle“ von 1969 den Betrachtern ihr aktuelles, elektronisches Spiegelbild in dem sie auf einer neunteiligen Monitorwand zeitversetzt die gefilmten Betrachter wiedergab, wie diese kurz zuvor aus dem Fahrstuhl in die Galerie getreten waren und etwas später sich selbst auf dem Monitor anschauten. Damit wurde der Betrachter gleichzeitig zum Objekt seiner Betrachtungen, er war gezwungen sich selbst wahrzunehmen.[5] Das Beobachten wurde beobachtet, die Vergangenheit wurde repräsentiert und zugleich wurde die Gegenwart als beständiger Zerfall dargestellt.

Das Spiel mit der Wahrnehmung faszinierte die Videokünstler ebenso sehr, wie das Spiel mit der Zeit. Anders als beim Blick in den Spiegel konnte man durch die Aufzeichnung auf Video einen viel objektiveren Blick auf sich selbst werfen und so erstmals erfahren wie man selbst von anderen Personen erlebt wird.

„…the first time you see yourself on tape, it’s the first genuine view from the outside of what the inside is like. A mirror is like an extension of the inside because you have to keep your eyes focused on it, and you’re always looking at your eyes focused into a mirror. But with tape, you see yourself in every gesture, your kinetic are revealed; it’s all suddenly outside; and it’s the first time you’ve met the outside. Videotape sends a quality of the whole, and it’s that poignant sense of the real whole that gives it strength.”[6]

Das eigene Spiegelbild ist für den Betrachter begrenzt in seiner Erscheinung – es steht immer im Zusammenhang mit der Raumperspektive. Ändert der Betrachter seine Position, so verändert er auch die Raumperspektive und damit sein Spiegelbild. Das Kamerabild hingegen nimmt alles auf, was sich in seinem Blickwinkel befindet ohne dabei die Raumperspektive zu verändern.[7]

Ergänzend dazu möchte ich bemerken, dass zumindest aus meinem Empfinden heraus menschliche Erinnerungen nicht immer korrekt und auch nicht so detailgetreu sein können, wie das eine Videoaufzeichnung kann. Zwar kann das Auge ebensoviel sehen, wie die Videokamera, allerdings ist es dem Gehirn nicht möglich all diese Informationen gleichzeitig zu verarbeiten – so sehen wir grundsätzlich mehr, als unsere Sinne tatsächlich wahrnehmen können. Die Videoaufzeichnung kann uns daher durch ihre objektive Genauigkeit als Gedankenstütze dienen und uns einen ganz anderen Weg der Wahrnehmung durch ihre Perspektive vermitteln.

Sie kann uns aber auch täuschen und verwirren durch ungewohnte oder überraschende Darstellungen von Dingen, die uns eigentlich vertraut sind oder durch gezielte Manipulation der Bilder. Zum Beispiel kann man durch gezieltes Verlangsamen oder Beschleunigen der Bilder eine ganz andere Wahrnehmung von Zeit erschaffen. „Ascension“ ein Werk von Bill Viola aus dem Jahre 2000 zeigt exemplarisch dafür einen Mann, der leblos treibend unter Wasser gefilmt wird. Man stellt sich die Frage, ob er noch am Leben ist oder bereits tot. Er steigt sehr langsam auf, um danach wieder herabzusinken. Dies geschieht in einer Zeitspanne, die kein lebender Mensch unter Wasser aushalten würde. Wie hat der Künstler das inszeniert, gefilmt und nachbearbeitet? Bei diesem Werk wird deutlich, dass Zeit die Bedrohung des Lebens ist, je länger es dauert um so mehr muss der Zuschauer annehmen, dass es sich bei der gezeigten Person um eine Leiche handelt. Das Fortschreiten der Zeit bringt den Tod.

[...]


[1] Bill Viola – Video, vom 16. April 2006 bis zum 27. August 2006 in der Kunsthalle Bremen.

[2] Vgl. Torcelli, Nicoletta: Video Kunst Zeit. Von Acconci bis Viola. Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar, 1996, Seite 41.

[3] Walther, Ingo F. (Hrsg.): Kunst des 20. Jahrhunderts. Teil 2. Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln, 2000, Seite 596.

[4] Vgl. Meyers Lexikonredaktion (Hrsg.): Meyers Grosses Taschenlexikon in 24 Bänden. Band 7 Farn-Gap. 4., vollständig überarbeitete Auflage, B.I.-Taschenbuchverlag und F.A. Brockhaus AG, Mannheim, 1992, Seite 75.

[5] Vgl. Torcelli, N., Seite 39.

[6] Statement von Gilette, zitiert nach Torcelli, N., Seite 37.

[7] Vgl. ebd., Seite 42.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638620109
ISBN (Buch)
9783638671897
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69533
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Schlagworte
Faszination Videokunst Mediatisierung Alltagslebens Zwischenräumen

Autor

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Titel: Faszination Videokunst