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Heimerziehung- sozialisationsfördernd oder sozialisationshemmend? Eine Auseinandersetzung mit den Zielen von Heimerziehung

Vordiplomarbeit 2006 24 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition

3. Geschichte

4. Ziele

5. Konzepte
5. 1. Hilfeplanverfahren
5. 2. Diagnose und Therapie
5. 3. Eltern- und Familienarbeit
5. 4. Teamarbeit
5. 5. Therapeutisches Milieu

6. Erzieher
6.1 Aufgabenbereiche und Kompetenzen
6.2 Qualifikation
6.3 Problembereiche

7. Ausblick / Resumè

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Notwendigkeit von Heimerziehung ist in Zeiten, in denen immer mehr Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind und die Medien fast täglich von misshandelten oder verwahrlosten Kindern berichten, sicher nicht anzuzweifeln. Auch die Forschung bietet eine Fülle von Literatur, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Besonders häufig sind Studien zu finden, die sich mit Erfolg Nutzen von Heimerziehung befassen und anhand von empirischen Langzeituntersuchungen die weitere Entwicklung von ehemaligen Heimkindern darstellen. Viele Autoren stellen auch den Zusammenhang von Theorie und Praxis in den Blickpunkt ihres Interesses und durchleuchten, wie theoretische Konzepte und pädagogische Grundlagen der Heimerziehungsforschung in die Praxis umgesetzt werden. Die Forschung bietet zudem eine sehr große Bandbreite an praktischen Erziehungsratgebern, die sich speziell an Erzieher richten.

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Thema Heimerziehung in der Literatur aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet wird und infolge dessen auch ein breites Spektrum an Positionen über den Nutzen von Heimerziehung vertreten ist. Doch ich denke, dass diese kontroversen Sichtweisen keineswegs schaden, sondern auch ein Segen sein können für die Arbeit in den Erziehungsheimen. Denn Heime sind Orte, in denen die Kinder Anderer von fremden Menschen erzogen werden. Daher ist es wichtig, dass diese Erziehungsarbeit aus einer kritischen Distanz betrachtet und überwacht wird. Bei ungeprüfter Arbeit dieser Institutionen könnten die Kinder in ihrer Entwicklung ernsthaften Schaden nehmen. Doch natürlich sind Heime keine überflüssigen Erziehungsinstanzen,die den Kindern mehr schaden, als das sie zu ihrer positiven Entwicklung beitragen, und meine anfangs in den Raum gestellte These bedarf sorgfältiger Prüfung und wird sich womöglich am Ende meiner Untersuchungen als falsch herausstellen.

Die Motivation für diese Arbeit sehe ich darin, dass das Thema Heimerziehung aus ganz

vielen Blickpunkten der verschiedenen Disziplinen betrachtet werden kann und hier eine Vielzahl pädagogischer Themenfelder zum tragen kommt. So läßt sich die Heimerziehung unter Berücksichtigung verschiedener Sozialisationstheorien betrachten, anhand diverser sozialpädagogischer und heilpädagogischer Maßnahmen, aber auch psychologische Theorien können angewendet werden. Gerade diese Vielschichtigkeit des Themas und dessen hoher Stellenwert für unsere Gesellschaft motivieren mich zu dieser Arbeit und ich könnte mir vorstellen als Pädagoge in diesem Berufsfeld tätig zu sein.

Da das Thema eine so große Bandbreite an unterschiedlichen Herangehensweisen bietet und ich nicht den gesamten Forschungsstand diesbezüglich darstellen kann, werde ich mich auf die Ziele von Heimerziehung konzentrieren und prüfen, inwieweit diese realisiert und umgesetzt werden können. Neben dieser speziellen Betrachtungsweise komme ich in meiner Arbeit jedoch nicht

umher, auch allgemeine Grundlagen zu schaffen. Hierfür werde ich zunächst eine Definition des Heimbegriffes geben und kurz die rechtlichen Grundlagen für eine Heimunterbringung erläutern. Im Anschluss daran thematisiere ich die pädagogischen Konzepte der Heimerziehung, die auch eng mit den Zielen der Heimerziehung und den Kriterien für den Erfolg dieser Unterbringung verbunden sind. Zudem werde ich die Rolle der Erzieher, d.h. die Anforderungen, die an sie gestellt werden und die Qualifikationen, die diese für den Beruf mitbringen müssen, darstellen. Im Schlussteil meiner Arbeit werde ich kurz erläutern, ob Heimerziehung, die an sie gestellten Anforderungen und Ziele auch erfüllen kann.

2. Definition

Unter Heimerziehung versteht man alle stationären Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, wenn die Erziehung oder Versorgung in der Familie nicht mehr gewährleistet ist. In diesen Fällen übernimmt das Heim dann die Erziehungs- und Sozialisationsfunktion. „Heimerziehung als eine Form öffentlicher Erziehungshilfe im Rahmen der Jugendhilfe will Kindern und Jugendlichen, die in Folge einer individuellen, sozialen oder gesellschaftlichen Problematik in ihrer Herkunftsfamilie überfordert oder gefährdet erscheinen, vorübergehend ein neues, pädagogisch konsequent und professionell strukturiertes Erziehungsfeld zum kompensierenden Lernen bieten" (Wagner zit. n. Deutscher Verein für öff. und priv. Erziehung 1986, S. 400). Eine vollstationäre Unterbringung des Kindes oder Jugendlichen sollte jedoch das letzte Mittel sein, wenn Probleme in der Familie entstehen. Wurden Kinder bei Problemen früher sehr schnell in ein Heim eingewiesen, so gehen viele Jugendämter heute tendenziell eher dazu über ambulante Hilfen oder teilstationäre Angebotsformen zu empfehlen, die dem Kind einen regelmäßigen Kontakt zur Familie ermöglichen.

Rechtsgrundllage der Heimerziehung bildet der § 34 KJHG (Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform) in Verbindung mit § 27 SGB VIII. § 34 KJHG besagt, dass Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht oder in einer sonstigen betreuten Wohnform den Kindern und Jugendlichen helfen soll, durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogisch und therapeutischen Angeboten, in ihrer Entwicklung gefördert zu werden. Sie soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen, sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie

1. eine Rückkehr in die Familie zu erreichen versuchen oder
2. die Erziehung in einer anderen Familie vorbereiten oder
3. eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbständiges Leben vorbereiten (vgl. Kinder – und Jugendhilfegesetz).

3. Geschichte

Heimerziehung ist die älteste Form von Kinder- und Jugendfürsorge. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die Findel- und Waisenhäuser des Mittelalter. Die Formen von Erziehung in Heimen war stets mit fürsorgerischen und erzieherischen Zielsetzungen behaftet. Auf der einen Seite verfolgte sie Disziplinierungsmaßnahmen, wie es in Zucht- und Arbeitshäusern betrieben wurde, zielte auf der anderen Seite aber auch darauf ab, Kindern und Jugendlichen im Rahmen der jeweils historisch gegebenen Verhältnisse Lebensorte - und chancen zu eröffnen.

Nach dem zweiten Weltkrieg, im Jahre 1947, wurden aus den ehemaligen Besserungsanstalten und Zwangserziehungsanstalten Heime der „Freiwilligen Erzieherischen Hilfe (FEH)“ und der „klassischen Fürsorgeerziehung (FE)“, die geregelt wurden durch das Jugendwohlfahrtsrecht (JWG). Gleichzeitig wurde die Jugendhilfe aus dem Sozialwesen ausgegliedert und dem Volksbildungswesen zugeordnet. Somit gingen die Heime an die örtlich zuständigen Organe der Volksbildung.

In den 50er Jahren entstand dann das System der Jugendfürsorge, welchem es in erster Linie darum ging, die Sozialisation innerhalb der Familie zu stärken. Demnach hatte die Familienerziehung also klaren Vorrang vor der Heimerziehung und Heimeinweisungen gab es nur, wenn die Eltern die Sozialisationsfunktion nicht mehr erfüllen konnten. Demnach wurde der Heimerziehung „[...] die politische Bedeutung der „Umerziehung“ straffälliger und subkulturell orientierter Kinder und Jugendlicher zugesprochen“ (Erdmann 2004, S.2). Die damaligen Heime ließen sich in zwei Organisationsformen unterteilen. Zum einen gab es Normal- und Spezialheime für schwererziehbare, wobei Schwererziehbarkeit als eine Persönlichkeitsstörung galt, bei denen die üblichen Methoden der Erziehung ihre Wirkung verfehlten. Zum anderen gab es aber auch Heime für delinquente Kinder und Jugendliche, in denen diese unter zu Hilfenahme strafrechtlich verfügter Sanktionen zu „besseren Menschen“ umerzogen werden sollten. Diese Jugendstrafanstalten waren dem Ministerium für Inneres als Strafvollzugsbehörde unterstellt. Insgesamt waren die institutionellen Rahmenbedingungen sehr ungünstig. Anderweitig nicht mehr genutzte Gebäude, die keineswegs sozialpädagogischen Kriterien entsprachen, wurden als Heim genutzt, starre Regelkonzepte ließen Strukturmängel erkennen und es herrschte eine hohe Mitarbeiterfluktuation.

4. Ziele

Die Ziele von Heimerziehung, die in den Konzetionen der Einrichtung festgehalten sind, erscheinen teilweise sehr vage, realitätsfern und sehr allgemein gehalten. Im Grunde ist jedoch das primäre Ziel, wie in der Familie auch, die gelungene Sozialisation des Kindes bzw. Jugendlichen. Aufgabe therapeutischer Heimerziehung ist es daher fehlgelaufene Sozialisation durch therapeutische und pädagogische Hilfen zu korrigieren. Die gelungene Sozialisation von Kindern bzw. Jugendlichen, die im Heim leben hängt jedoch von einer Vielzahl von Faktoren und Einflüssen ab und folgt nicht immer dem idealtypischen Verlauf. So spielt die individuelle Geschichte des Kindes in der Herkunftsfamilie eine entscheidende Rolle und auch die nicht bewältigten Probleme dort entscheiden mit über den Sozialisationserfolg. Auch die institutionellen Ressourcen des Heimes prägen entscheidend die Entwicklung der Kinder. Wichtig ist, dass das Kind lernt seine individuelle Geschichte zu verstehen und die bisher gemachten Erfahrungen in Beziehung zueinander zu setzen. Es muss seine eigene Stellung im komplexen gesellschaftlichen und psycho- sozialen Kontext, unter zur Hilfenahme regelmäßiger Reflexionen, finden und auch die Heimmitarbeiter müssen das Kind als ein individuelles Wesen betrachten, auf das sie ganz gezielt eingehen müssen, indem sie ihm helfen müssen sich bei wichtigen Veränderungen und Krisen weiterzuentwickeln. „Aufgabe der therapeutischen Heimerziehung ist es, fehlgelaufenen Sozialisation durch therapeutische und pädagogische Hilfen zu korrigieren. Die psychisch gestörten Kinder müssen befähigt werden, die im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung auftretenden reife-und lebensbedingten Krisen jweils durch Reorganisation ihrer psychischen Struktur im Sinn der Ausblidung einer autonomen Ichorganisation überwinden zu können“(Muss, S.156).

Wie zu Beginn schon angedeutet, gibt es in der Heimerziehungspraxis eine ganze Reihe von Zielen, die jedoch alle sehr vieldeutig sind und nicht für jedes Kind in gleicher Weise gelten. Einheitlich sind jedoch Ziele, wie Mündigkeit, Selbstbestimmung, Solidarität, Selbstverantwortung, Spontaneität, Mitmenschlichkeit, Leistungsfähigkeit und Liebesfähigkeit. Zudem ist eines der Hauptziele, wie es auch gesetzlich verankert ist, die Reintegration des Kindes, sowohl in die Herkunftsfamilie als auch in die Gesellschaft. Nicht nur das Kind muss sich während des Heimaufenthaltes verändern, auch die Eltern und deren Erziehungspraxis müssen verändert werden. Hilfreich und sinnvoll hierbei kann eine Familientherapie sein. Allerdings kann dies nur in weinigen Fällen gelingen, da viele Eltern häufig nicht bereit sind die Fehler auch bei sich zu suchen und ihr Verhalten zu ändern. Daher ist es nicht bei allen Kindern gleichermaßen möglich diese nach dem

Heimaufenthalt wieder in ihrer Herkunftsfamilie unterzubringen und auch nicht alle Kinder werden in die Gesellschaft intergriert werden können. „Das Ziel, Jugendliche nach ihrer Entlassung aus dem Heim in einen Stadtteil zu intergrieren, in dem sie sozial, kulturell und in der Arbeit Fuß fassen können, setzt voraus, daß schon während des Heimaufenthaltes, rgelmäßige Kontakte zu den Menschen der Umgebung außerhalb des Heimes, im Stadtteil bestehen konnten.(Dalferth, S.71)“. Dieses Ziel stellt auch an das Heim hohe Anforderungen. So muss das Heim einen guten geo- und soziogeographischen Standort haben, es muss zentral gelegen sein und dem Herkunftsmilieu des Kindes entsprechen und eine gute Öffentlichkeitsarbeit ist notwendig, um das Kind zu reintegrieren. „ Um die Vielfalt und Komplexität an Settings unserer Gesllschaft kennenzulernen und entsprechende Strukturen zu erwerben, ist also der Zugang zur Außenwelt zwingend notwendig und auch eine gewisse aktive Teilnahme und Einbindung, da sonst die Sozialisation der Zöglinge auf eine Welt begrenzt und bezogen bleibt (die der Institution), die für die Gesellschaft in die sie entlassen werden und in der sie sich zurecht finden müssen, nicht repräsentativ ist“( Spindler, S.67). Praktisch bedeutet das, dass das Heim nach außen hin geöffnet ist, d.h. ein offensiver Informationsautausch und eine gelungene Selbstdarstellung müssen betreiben werden. Dies kann erreicht werden durch einen Tag der offenen Tür, Filmabende mit den Nachbarn, Sommerfeste, Teilnahme am Geimendeleben, Integration des Heimes und der Heimkinder in ansässige Vereine oder das zur Verfügung stellen von Räumlichkeiten für die Nachbarn. „Standortüberlegungen stellen daher eminent wichtige Voraussetzungen dar, in deren unmittelbarer Abhängigkeit Differenzierungsfragen oder konzeptionelle Probleme erörtert werden müssen“.“Das Scheitern vieler Heimjugendlicher muß somit auch im Zusammenhang mit dem Standort vieler Heime gesehen werden [...]“(Dalferth, S.75).

Ein weiteres wichtiges Ziel ist eine qualifizierte schulische und berufliche Ausbildung der Heimkinder, da nur die Wenigsten von ihnen dem Leistungs- und Konkurrenzdruck der heutigen Wirtschaftslage gewachsen sind. Auch die guten Bildungsabschlüsse der Heimkinder können ihre schlechte Ausganslage kaum verbessern und die Perspektiven müssen realistisch bleiben, besonders im Hinblick darauf, dass die Ausbildung in den Heimen zumeist sehr schlecht ist und nur ein geringes Spektrum an Berufen umfasst. Nur ca. 30 % der Heimkinder erreichen überhaupt einen Lehrabsschluss (vgl Dalferth, S.51). Gründe hierfür können sein, dass es vielen schwer fällt überhaupt einen angemessenen Beruf zu finden und diesen dann auch bis zum Abschluss auszuüben, da

sich viele schwer damit tun Realität und Wunschvorstellungen zu unterscheiden. Zudem ist es für die Heimkinder besonders problematisch am Arbeitsplatz sozial integriert zu werden, da ihnen von vielen Kollegen stigmatisierende Vorstellungen entgegen gebracht werden. Als Resultat dieser Problemlage ergeben sich für die Heime eine Reihe von praktischen Konsequenzen, die dazu beitragen sollen die berufliche Perspektive der Kinder zu verbessern. So sollten die Kindern schon während ihres Heimaufenthaltes zur Arbeit erzogen werden. Außerdem sollten alltagspratktische Fähigkeiten vermittelt und Leistungs,- Konzentrations- und Durchhaltefähigkeit gefördert werden. Zudem gilt es ein Netzwerk von Beziehungen und Kontakten aufzubauen, um gezielt Ausbildungen vermitteln und die Kinder über die diversen Ausbildungsberufe informieren zu können. Es können Berufsberatungen, Vorführungen oder Eignungstests durchgeführt werden und auch die Vermittlung von Praktika ist wichtig für die berufliche Qualifizierung der Jugendlichen. Außerdem dürfen Jugendliche, die bereits über einen Ausbildungsplatz verfügen nicht einfach fallen gelassen werden. Auch bei diesen Jugendlichen muss bei Problemen gezielte Förderung, unter anderem durch Fortbildungen während der Ausbildung oder Nachhilfestunden bei Lernschwierigkeiten, betrieben werden. Diese Maßnahmen können für einen gewissen Zeitraum von einer sozialpädagogisch geschulten Lehrkraft durchgeführt werden, die unter anderem auch schwer vermittelbaren Jugendlichen eine heiminterne Ausblidung ermöglichen kann. Doch vor der Vermittlung von Ausbildungsplätzen steht die schulische Förderung der Heimkinder. Hier ist die Zusammenarbeit von Schule und Heim von besonderer Bedeutung, die das Ziel hat Stigmatisierungen abzubauen und gemeinsame Konzepte zu realisieren. Außerdem sollte das Heim am Elternbeirat teilnehmen, um die Interessen der Kinder zu vertreten und Kontakte zu schaffen. Eine gezielte Hausaufgabenbetreuung im Heim und spielererische Lernannachmittage können Kindern mit Lernschwierigkeiten helfen im Schulalltag besser zurecht zu kommen.

Weiteres Ziel von Heimerziehung sollte die Vermittlung von lebenspraktischen Fähigkeiten und Handlungskompetenzen für den Alltag sein. Dies kann eine Vielzahl von Dingen enthalten. So gilt es den Kindern in Sachen Hygiene, Ungang mit Mobiliar, Haushaltsgeräte, Verkehrserziehung, gesetzliche Bestimmungen, Geld, Verbraucherverhalten, Kochen, Miete und Wohnen die grunglegensten Kentnisse zu vermitteln. Auch die Erziehung zu bestimmten weltanschaulichen, politischen und sozialen Wertehaltungen ist im Erziehungsauftrag der Heimerzieher enthalten. Dazu gehört die Erziehung zu Autonomie, Soziabilität, Emanzipation, Verantwortung und

vernuftgeleitetem Handeln und an oberster Stelle steht die Identitätsentwicklung des Kindes. In welche Richtung diese Erziehung verläuft und in welchem Tempo sie vorranschreitet ist jedoch auch abhängig vom jeweiligen Erzieher und dessen Weltanschauung. Aufgrund dessen sollte er sich seiner Verantwortung den Kindern gegenüber bewusst sein und sich in regelmäßigen Abständen Supervisionen unzterziehen. Die Erziehung zu Sozialiabilität erfordert zudem Konstanz in der Umwelteinbindung, eine möglichst hohe Variablität von Anregngen und den Zungang zu vielen unterschiedlichen Settings. Außerdem ist eine Stabilität im Leben der Kinder, mit dem Bedürfnis nach Struktur und Kontinuität von enormer Wichtigkeit. “Extremer Mangel verschiedenartiger sozialer Anregungen oder eingeschränkter Zugang zu unterschiedlichen Settings kann sich in der Identitäsregulation niderschlagen als übermäßiges Zurgeltung bringen der eigenen Person und persönlichere Autonomie

(sozialer Egoismus), als Rückzug in die Passivität, oder auch darin persönliche Bedürnissbefriedigung nicht mehr im sozialen Austausch zu suchen, sondern in der Phantasie sensorischer Stimulation oder der Überbetonung des eigegen Körpers“(Spindler, S. 64). Zusammenfassend kann man jedoch als übergeordnetes Ziel der Heimerziehung die wichtigste Aufgabe in einer klientenorientierten individuellen Betreuung sehen. Dies beinhaltet, dass ein Hilfeplan zusammen mit jedem Kind erstellt wird, der Raum lässt für die individuelle Persönlichkeit der Kinder und der für jedes Kind ganz unterschiedliche Ziele beinhaltet. So können Stigmatisierungen und Verallgemeinerungen vermieden und die Qualität der Heimerziehung kann erheblich verbessert werden. Weiterhin ist ein wichtiges Ziel der Heimerziehung „die ungleiche Verteilung von Lebenschancen korrigieren, psychische Schäden aufarbeiten und keine neuen schaffen (internetquelle Heimerziehung-Rückblick und Entwicklungsanforderungen nach Thiersch, Almstedt/Munkwitz)“. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Aufgabe von Heimerziehung nur darin zu sehen ist fehlgelaufene Entwicklung zu korrigieren. „Anstatt unsere Bemühungen darauf zu richten, Pathologie zu erkennen und zu korrigieren, sollten wir uns darauf konzentrieren, Ressourcen und Stärken der Menschen zu stützen und zu vergrößern. Menschen kooperieren und ändern sich eher und leichter in einem Umfeld, das ihre Stärken und Ressourcen unterstützt und ihnen eine Auffassung von sich als fähig anbietet- und weniger, wenn man auf ihre Pathologie und Probleme fokussiert (Durrant nach O`Hanlon S. 35)“.

All diese Ziele sind auf der übergeordneten Ebene und dienen als Richtungsweiser für die Zeit nach der Heimentlassung des Kindes oder Jugendlichen. Es gibt jedoch auch

„Teilziele“, die es gilt in der ersten Zeit nach der Heimaufnahme und während des Heimaufenthaltes durchzusetzen. Dies sind die Bearbeitung von Kontaktstörungen mit Gleichaltrigen, das Herauslösen aus einer negativen perr-group, die Komepensation defizitärer familiärer Bedingungen, das Ablösen von familiärer over-protection, die Entlastung des Kindes bei Überforderung durch Schule oder Beruf, das Auffangen aktueller Krisen und die Behandlung von Verhaltensstörungen.Zudem ist es wichtig ein familienersetzendes Umfeld, in der Heimerziehung vor allem durch Kleingruppen, zu schaffen und gezielte Verhaltens- und Familienthearpien durchzuführen (vgl. Scheuber, S. 346/347).

Helmut Lambers hat in seinem Buch „Heimerziehung als kritisches Lebensereignis“ einige Hypothesen aufgestellt, die meiner Ansicht nach den Erfolg und den Sinn von Heimerziehung in komprimierter Form sehr gut erfassen. So kann seiner Ansicht nach Heimerziehung nur dann erfolgreich sein, wenn sie die Bewältigung kritischer Lebensereignisse und damit den Aufbau klärender Lebensperspektiven ermöglicht und wenn sie die Reorganisation eines verlorenen Gleichgewichtes in der Personen- Umwelt-Beziehung wieder herstellen kann. Zudem muss Heimerziehung für jedes Kind die Ausbildung einer individuellen Personalität ermöglichen.

Die Ziele von Heimerziehung sind, wie vorangehend dargestellt sehr komplex und können für jedes Kind eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben. Zudem stellen sie eine sehr hohe Anforderung an die Mitarbeiter eines Heimes. Es ist jedoch wichtig, dass Kinder, die aus welchen Gründen auch immer, im Heim aufwachsen müssen, die gleiche Entwicklung durchlaufen sollten, wie die Kinder, die bei ihren Familien aufwachsen können. Heimerziehung sollte so angelegt sein, dass die Kinder im Heim eine Chancengleichheit erfahren können.

5. Konzepte

Die pädagogische Konzeption eines Heimes ist die Grundlage erfolgreicher Heimerziehungspraxis und bildet die Basis für die Arbeit der Mitarbeiter eines Heimes. Daher ist es wichtig, dass jedes Heim als Ansatzpunkt für die Mitarbeiter eine solche Konzeption hat, die Rat gibt in inhaltlichen Fragen und den Mitarbeitern als Anleitung dienen soll."Je nach Vorliebe und Kompetenzen sind sie ausgerichtet: Lerntheoretsich, psychoanalytisch, gruppenpädagogisch, familienpädagogisch, christlich usw. Sie reflektieren nicht nur den Erziehungsanspruch, sondern auch die Bedingungen, unter denen das Heim mit der Konzeption wirtschaften muß.[...] Auf der einen Seite ist sie so etwas wie eine Handlungsanleitung für Erzieher, andererseits aber auch die Legitimation der Einrichtung, da ja im Heim nicht nur verwahrt, sondern ersatzweise "zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit" (§1,1 JWG) erzogen werden soll (Augustin S. 98)".

Nicht jedes Heim hat die gleichen konzeptionellen Grundlagen und pädagogischen Richtlinien, da nicht jedes Heim die gleiche Intention verfolgt. So unterscheidet sich die Konzeption eines Erziehungsheimes von der einer Außenwohngruppe oder der des betreuten Wohnens. Die Bandbreite dessen, was als Heim bezeichnet wird ist unendlich vielfältig und in diesem Umfang nicht darstellbar. In meinen Betrachtungen und Darstellungen orientiere ich mich daher vor allem an den klassischen Kinderheimen. Doch auch in diesen Heimen gibt es konzeptionlle Verbindlichkeiten und Ansatzpunkte die sich komplett unterscheiden. Daher werde ich im Anschluss die Punkte herausgreifen, die meiner Ansicht nach für die pädagogische Arbeit in den Heimen am wichtigsten und grundlegensten sind.

5. 1. Hilfeplanverfahren

Das Hilfeplanverfahren soll dazu dienen den erzieherischen Auftrag für jedes Kind individuell zu bestimmen. Gemeinsam mit dem Fachdienst des Amtes für Jugend und Familie, den Eltern und Vertretern der Einrichtung wird dieses zwischen demdritten und sechsten Monat nach der Aufnahme des Kindes eingeleitet. Der Hilfeplan beinhaltet die Ziele, die jedes Kind während seines Aufenthaltes erreichen soll, Aussagen über die geplante Aufenthaltsdauer sowie über Vepflichtungen der einzelnen Vertragspartner und wird in regelmäßigen Abständen überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Auf der Grundlage dieses Erziehungsplans wird ein individueller Erziehungs-und Therapieplan für jedes Kind aufgestellt. Hier für ist es wichtig, den biographischen Hintergrund und die schulische Situation des Kindes zu kennen. Auf der Basis dieser Informationen und anhand fachärztlicher Gutachten und testpschychologischer Untersuchungsergebnisse wird dann der Erziehungsplan erstelllt. Zudem kann der Erziehungplan noch als Teilkonzept für jeden einzelnen Therapiebereich der Institution und als Gesamtkonzept erstellt und angewendet werden. „Das Erziehungskonzept unterscheidet sich von Erziehungsplan und von der Erziehungsstrategie vor allem dadurch, daß es die Entscheidungen des Kindes mit einbezieht, daß es ständig fortgeschrieben und den sich verändernden Gegebenheiten angepasst werden muß (Dyck, S. 104)“. Der Erziehungsplan soll Transparenz und Überprüfbarkeit der Erziehungsprozesse im Heim gewährleisten. Er wird immer nach einem bestimmten Schema erstellt. Zu Beginn erfolgt die Beobachtung des Ist- Zustandes, die dazu dient eine psychosoziale Diagnose zu stellen. Als Resultat aus diesen Ergebnissen wird dann der Erziehungsplan mit konkreten Lernzielen und der methodischen Vorgehensweise aufgestellt. Dieser wird während der regelmäßig stattfindenden Teamsitzungen ständig überprüft.

5. 2. Diagnose und Therapie

Für die Erstellung eines Erziehungplans ist es wie zuvor schon erläutert, wichtig mit Hilfe von Verhaltensbeobachtung eine praxisorientierte Einzelfalldiagnostik zu erstellen, um jedem Kind adäquate Hilfe geben zu können. Diese Diagnostik wird von qualifiziertem Fachpersonal durchgeführt und gilt als Entscheidungshilfe, für welche Therapieform für

das jeweilige Kind geeignet ist. Hier gibt es in der Heimerziehung sehr vielfältige und unterschiedliche Therapieformen- und angebote. So können z.B. Psycho- und Verhaltenstherapien zum Zuge kommen. Dies beinhaltet Gesprächstherapien, bei Kindern unter zehn Jahren Spieltherapien und über zehn Jahren Ausdruckstherapien. Hier können aus der Psychologie Therapieformen aus dem neo- anlalytischen Bereich, wie z.B. die Psychoanalyse nach Freud oder nondirektive Therapien nach Rogers angewendet werden. Zudem finden noch eine ganze Menge anderer Therapieformen Platz in der Konzeption eines Heimes. Dies können sein Bewegungstherapie, methodische Gruppenarbeit, bei der durch Gruppenerlebnisse das soziale Funktionieren geschult wird, psychomotorische Übungen, Werktherapie, Sozialtraining, logopädische und motorische Übungen und das Training und die Förderung von lebenspraktischen Fähigkeiten und Kulturtechniken. Natürlich sind diese Therapieformen nur ein Auszug aus der Bandbreite therapeutischer Möglichkeiten, sie geben jedoch die allgemein gebräuchlichsten Ansätze wieder.

5. 3. Eltern- und Familienarbeit

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit eines Heimes besteht in der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen den Eltern des Kindes und den Mitarbeitern des Heimes. Nur so können individuelle Erfolge für das Kind erzielt werden und es kann sich nur dann etwas verbessern, wenn Mitarbeiter und das soziale Umfeld eines Kindes gemeinsam an diesen Erfolgen arbeiten. Elternarbeit bezeichnet jeden vom Heim geplanten und durchgeführten Kontakt mit der Herkunftsfamilie. Die Kernfrage dieser Arbeit ist das Ausmaß der Qualität und Quantität der Einbeziehung der Eltern in den pädagogisch- therapeutischen Prozeß. Die Elternarbeit dient sehr unterschiedlichen Zwecken. Zum einen hilft sie bei der Erforschung und Diagnosestellung der Störung, sie kann trotz physischer Abwesenheit der Eltern ständie psychische Präsenz der Eltern erzielen und sie arbeitet darauf hin, dass das Kind wieder in die Herkunftsfamilie zurückgeführt werden kann. Die Elternarbeit soll außerdem das gestörte Interaktionsfeld "Familie" stabilisieren, da das die Familie ohne professionelle Hilfe kaum bzw. gar nicht bewältigen könnte.Das übergeordnete Ziel besteht jedoch darin den Kontakt zwischen Eltern und Kind nicht abreißen zu lassen bzw. wieder herzustellen und mit den Eltern verbesserte

Erziehungpraktiken einzuüben. Inhaltlich können zur Erreichung dieser Ziele ganz unterschiedliche methodische Vorgehensweisen herangezogen werden. Dies können unter anderem die Erarbeitung individueller Ziele und Konfliktlösungsmöglichkeiten, die Anlayse der Problematik und die Stärkung der Erziehungskompetenzen sein. Zudem gilt es die Bandbreite an Betreuungsangeboten, sowohl in der Vorbereitung als auch in der Nachsorge, aufzuzeigen und in die Wege zu leiten und in beratender Tätigkeit durch Lenkung und Zuwendung, in direktiver und non- direktiver Form zu agieren.Hierbei sollen emotionale Erlebnisinhalte verbalisiert werden, wobei sich der Berater jedoch sachlich und distanziert in den Gesprächsverlauf einbringen soll. Die Elternarbeit kann anhand unterschiedlicher Modelle und Formen ablaufen. Zum einen kann die Form des internen Modells gewählt werden, bei der die Eltern in regelmäßigen Abständen in das Heim eingeladen werden. Inhaltlich können dann informative Einzelgespräche, Elterngruppen oder familientherapeutische Gespräche sattfinden. Die Voraussetzung für diese Variante ist jedoch, dass der Wohnort der Eltern im Einzugsgebiet des Heimes liegt und dass diese Treffen durch qualifiziertes Personal, dass das betreffende Kind gut kennt, geleitet und begleitet werden. Beim externen Modell wird die Familie des Kindes in gewissen Abständen von einem Heimmitarbeiter besucht. Der Vorteil an diesem Modell besteht darin, dass an dem Ort gearbeitet wird, an dem das Problem entstanden ist und kann den Eltern verdeutlichen, dass auch sie an der Entstehung des Problems beteiligt waren. Zudem kann sich der Mitarbeiter eine sehr gute Vorstellung von der Lebenswelt und der Vorgeschichte des Kindes machen. Der Nachteil an diesem Modell ist jedoch der hohe personelle, zeitliche und ökonomische Aufwand, da in den meisten Fällen zwei Heimmitarbeiter (ein Gruppenerzieher und ein Mitarbeiter aus dem gruppenübergreifenden Dienst) an den Besuchen teilnehmen. Beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile und können in den unterschiedlichsten Situationen zur Anwendung kommen. In der Regel werden während des Heimaufenthaltes des Kindes beide Modelle zum Tragen kommen. Neben diesen Modellen können auch noch weitere Formen der Elternarbeit angewendet werden. So kann gerade bei hoher räumlicher Distanz zwischen dem Wohnort der Eltern und dem Standort des Heimes ein Elternbrief Abhilfe leisten. Dieser dient dazu den Konatkt nicht abreißen zu lassen und die Eltern über die Entwicklung des Kindes zu informieren. Dadurch können Angst und Unsicherheit seitens der Eltern abgebaut werden und eine Verbindung zwischen den "Parteien" kann hergestellt werden. Das Telefonat mit den Eltern dient in der Regel dazu die Eltern über

alltägliche Dinge zu informieren und unwichtige Dinge zu besprechen. Der Elternarbeit kommt im pädagogischen Handeln der Heimmitarbeiter ein sehr hoher Stellenwert zu und ist maßgeblich an einer positiven Entwicklung der Kinder beteiligt. Schwierig kann sie sich jedoch gestelten, wenn die Eltern nicht bereit sind sich in diesen Prozeß involvieren zu lassen und den Nutzen dieser pädagogischen Maßnahme verkennen.

5. 4. Teamarbeit

Das Ziel von Heimerziehung ist die ganz individuelle und intensive Betreuung jedes einzelnen Kindes. Diese Ziel kann nur durch eine funktionierende Zusammenarbeit innerhalb des Teams erreicht werden. Das inhaltlich wichtigste Merkmal der Teamarbeit sind die regelmäßig stattfindenden Teamsitzungen bzw. Fallbesprechungen, an der alle Mitarbeiter teilnehmen. Sie dienen dazu Fallbesprechungen durchzuführen, um Erziehungspläne fortzuschreiben, aktuelle und akute Krisenintervention zu planen, therapeutische Fachthemen zu erörtern und die Konzeption des Heimes fortzuschreiben. Weiterhin werden im Team organisatorische und technische Fragen diskutiert, Terminabsprachen getroffen und der Rahmen der pädagogischen Arbeit festgesetzt. Die Teamsitzungen sind für die pädagogische Arbeit im Heim von entscheidenster Bedeutung, da nur so alle Mitarbeiter über jedes Kind informiert werden können und eine optimale Therapie geplant werden kann. Zusätzlich zu den Teamsitzungen empfielt es sich regelmäßige Supervisionen abzuhalten, die von einem externen Supervisor geleitet werden. Diese Supervisionen dienen dazu Fragen der Zusammenarbeit und Kommunikation im Team zu klären, Probleme der pädagogisch- therapeutischen Arbeit zu besprechen und die Arbeit und Leistung jedes Mitarbeiters zu reflektieren. Es können auch ausgedehnte Fallbesprechungen durchgeführt werden. Bei der Intervision, die sich inhaltlich nicht sehr von der Supervision unterscheidet und von einem Leiter der Fachabteilung, in der Regel dem Psychologen, geleitet wird werden bestimmte pädagogische Methoden errörtert und organisatorische Fragen geklärt. Zudem können innerhalb der Intervision auch Fallbesprechungen oder Therapieplanungen durchgeführt werden.

Wichtig für die Arbeit in den Heimen und für den Ablauf der Teamsitzungen ist auch, dass es in fast allen Einrichtungen ein Bezugspädagogensystem gibt. Dieses System beinhaltet, das jeweils ein Mitarbeiter für das Kind als Hauptansprechpartner zuständig ist und anhand exklusiver Beziehungen dem Kind so korrigierende Erfahrungen im Zusammenleben vermitteln kann.Hierbei ist die Kontinuität dieser Beziehungen von enormer Wichtigkeit und soll dem Kind Halt geben und ihm helfen Vertrauen aufzubauen. Dieser Betreuer ist auch dafür verantwortlich die Belange jedes Kindes in die Teamsitzungen einzubringen, den Elternkontakt durchzuführen und die Falldokumentation zu betreiben.

Für den Betrieb des Heimes ist es zudem von entscheidenster Bedeutung, dass die Mitarbeiter in der Lage sind team- und kooperationsfähig zu handeln. Dies kennzeichnet sich durch eine offene Kommuniaktion, eine hohe Reflektionsbereitschaft und eine gute Diskussionsfähigkeit. Weiterhin ist es wichtig dass von allen allgemeingültige Verbindlichkeiten eingehalten werden und dass alle Mitarbeiter sowohl emanzipatorisch als auch solidarisch zusammen arbeiten. Auch ein angstfreies Arbeitsklima, in dem Gleichberechtigung, eine hohe Frustrationstoleranz, Kollegialität und die Fähigkeit zur Auseinandersetzung gegeben sind, prägen entscheidend den Erfolg der Zusammenarbeit und sind somit wichtig für die Entwicklung der Heimkinder.

5. 5. Therapeutisches Milieu

Mit Hilfe des "therapeutischen Milieus" soll der "totalen Institution" der Heime, die einhergeht mit starken Beschränkungen persönlicher Bereiche, der dort lebenden Kinder und Jugendlichen, entgegengewirkt werden. Dies soll durch die Schaffung einer Umgebung, in der die Kinder und deren Individualität im Vordergrund stehen, erreicht werden.Insbesondere das Ich der Kinder und Jugendlichen und deren Urvertrauen sollen gefördert und weiter ausgebaut werden. Inhaltlich kann dies erreicht werden durch die Umsetzung und Einhaltung grundlegender Basisbegriffe. So ist es für die Kinder und Jugendlichen wichtig soziale Verbindlichkeiten zu schaffen, die es durch das Erlernen von Normen und Regeln erzielen sollen eine gewisse Gesellschaftsfähigkeit zu erlangen. Zudem müssen die Mitarbeiter verlässliche Beziehungen zu den Kindern aufbauen, die

geprägt sind durch Vertrauen, Transparenz, Rollenklarheit und Verlässlichkeit. Denn nur so können die Kinder ein Urvertrauen entwickeln. Außerdem sollen in jeder Einrichtung allgeimgültige und für alle akzeptable Regeln geschaffen werden, die sich am Entwicklungsstand der Kinder orientieren. Ein weitere Basis des "therapeuischen Milieus" ist die Tagesstruktur. Jedes Kind hat hierbei einen Tages- bzw. Wochenplan, in dem die Zeiten für Essen, Hausaufgaben, Freizeit und Therapieangebote geregelt werden. Die Pläne richten sich jedoch nach den individuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes und dienen dazu durch die Schaffung einer immer gleich bleibenden Struktur den Kindern Vertrauen und Verlässlichkeit zu vermitteln. Diesen Grundgedanken unterliegt das Konzept des "therapueitschen Milieus", deren wichtigste Vertreter Fritz Redl und Bruno Bettelheim waren. Sie betonen die Wichtigkeit der Gesamtgestaltung einer Einrichtung (Architektur, Räumlichkeiten Mitarbeiter usw.) als Vorraussetzung einer umfassenden Therapie. Die individuelle Betreuung der Kinder und Jugendlichen steht im Vordergrund und soll den Kindern vor allem die Möglichkeit geben sich bei Bedarf zurückzuziehen, ihnen Handlungsspielräume zu geben und ihnen ermöglichen sich an der Gestaltung zu beteiligen. Das "therapeutische Milieu" entspricht der Idealvorstellung einer Umwelt aus Sicht der psychoanalytischen Kindertherapie und soll Gegenwelt zun dem Milieu sein, aus dem die Kinder ursprünglich kommen. An diesen Punkten orientiert sich jedoch auch die Kritik, die am "therapeutischen Milieu" geübt wird. So beinhaltet dies eine gewollte Isolation von der Außenwelt, was den Konzepten der Familienarbeit und den Zielen von Heimerziehung völlig wiederstebt. Zudem wird hier das Kind als alleiniger Symptomträger angesehen, wobei die Probleme und Ursprünge in der Familie des Kindes völlig unberücksichtigt bleiben. Ein weiterer Kritikpunkt am "therapeutischen Milieu" sieht vor, dass es nicht möglich ist jedes Kind individuell zu fördern. Resultierend aus diesen Kritikpunkten sieht es Manfred Spindler in seinem Buch "Leben im Heim" nicht als erstrebenswert an, alle Grundgedanken des "therapeutischen Milieus" in einer Einrichtung ohne Abstriche umzusetzen. Vielmehr ist er der Ansicht, dass die Einrichtungen für sich die wertvollsten Grundgedanken aufgreifen sollen. "Jedoch lassen sich wertvolle und beeindruckende Anregungen gewinnen, die auch in andere Heimstrukturen eingearbeitet werden können ohne dann von einem therapeutischen Milieu sprechen zu können, nur weil es kinderzentrierter weiterentwickelt wurde (Spindler, S. 72)".

Zu Beginn der 60er Jahre kam es dann zu einer grundsätzlichen Infragestellung der bisher gültigen Strukturen und Inhalte von Heimerziehung. Die Hauptkritikpunkte bezogen sich auf die Ergebnisse der Hospitalismusforschung, die den schädlichen Einfluss der institutionellen Unterbringung kleiner Kinder belegte und somit zur Schließung von Säuglingsheimen und einer Bevorzugung von Pflegefamilien führte. Zudem wurde die sozialisationsschädigende und stigmatisierende Wirkung von Heimerziehung kritisiert. Auch das Heim als „totale Institution“, welches den Abbruch von Kontakten, die Beschränkung von Freiheit, demonstrative Entwürdigung durch Verwaltungsrituale und Distanzschaffung beinhaltet, stand unter Beschuß. Im Zuge der "Heimkampangne", die im Kontext der Studentenbewegung eine Heimreform erzwang, etablierten sich Leitlinien, die sich an den Begriffen Dezentralisierung, Entinstitutionalisierung, Entspezialisierung, Regionalisierung, Professionalisierung und Individualiserung orientierten. Von der kontrollierenden Heimerziehung sollte es über die Abschaffung der geschlossenen Unterbringung hin zu einem pädagogisch professionellen Angebot kommen.

Im Zuge der Dezentralisierung wurden hierarchische Strukturen abgeschafft und die Auslagerung von Gruppen in Wohnungen außerhalb des zentralen Heimgeländes gefördert. Somit sollte die Ausbildung von heimspezifischen Subkulturen verhindert und die lebensweltorientierte Heimerziehungspraxis gestärkt werden. Im direkten Zusammenhang hierzu steht die Entinstitutionalisierung, welche die Aufhebung der Trennung zwischen hauswirtschaftlichen, therapeutischen und pädagogischen Funktionen innerhalb einer Einrichtung vorsieht. Dies beinhaltet auch das Aushandeln von Regeln zwischen Kind und Mitarbeiter und eine flexible Nutzung von Ressourcen. Ein weiterer Aspekt der Heimreform umfasst den Begriff der Entspezialisierung. Darunter werden sowohl heiminterne Reformen als auch Veränderungen auf der Ebene zwischen den Heimen verstanden. Heimintern sind damit die Reduzierung, und günstigenfalls die Abschaffung gruppenergänzender Dienste (der Arbeitsteilung zwischen Therapeuten, Psychologen und Erziehungspersonal), und die Aufhebung des Trends gemeint, pädagogische Arbeit nur auf die „Grundversorgung“ zu beschränken. Bezogen auf das Verhältnis der Heime untereinander ist es das Ziel, spezialisierte Zuweisungskrieterien und unterschiedliche Ausstattungsstandards zu definieren, die psychologische Diagnostik mit ihrer an den medizinischen Bereich angelehnten Logik erheblich einzuschränken und die Zulassung von mehr Komplexität im Alltag zu fördern. Ein weiterer Kritikpunkt an den Heimen war die milieuferne Betreuung und Unterbringung der Kinder. Dies soll im Zuge der Regionalisierung, bei der eine milieunahe Unterbringung den Vorteil mit sich bringt, dass die Kinder ihre bisherigen sozialen Beziehungen aufrecht erhalten können, verhindert werden. „Aus der Praxis wird von guten Erfahrungen berichtet, daß Kontakte von Heimkindern zu Gleichaltrigen, von denen man einen negativen Einfluß befürchtete, zwar weiter bestanden, aber die Beziehungen eine andere Bedeutung bzw. einen anderen Stellenwert bekommen hätten (Lernen von Abgrenzung, Widerstand gegen ungerecht empfundenes Handeln von Peer-Group- Mitgliedern)" (Gehres 1997, S.15). Im Zuge der Reformbemühungen sind auch die fachlichen Anforderungen an die Mitarbeiter der Heime gewachsen. Professionalisierung wird hierbei jedoch nicht als Spezialisierung auf einzelne Typen von Störungen verstanden, sondern die Beschaffung des für den Einzelfall wichtigen Wissens, die Aneignung geeigneter Sozialisationsbedingungen und die Fähigkeit zur Interaktion mit Menschen sind die entscheidenden Faktoren dieses Reformaspektes. Neben Fortbildungsangeboten und der Möglichkeit an Supervisionen teilzunehmen sind bei der Ausbildung auch umfassende theoretische Kenntnisse in Pädagogik, Psychologie und Kommunikationswissenschaft notwendig, um im beruflichen Alltag Rollendistanz, Empathiefähigkeit und Ambiguitätstoleranz leisten zu können, was wiederum eine angemessene klientenorientierte Erziehungsarbeit erleichtern kann.Doch letztendlich folgen alle Reformbemühungen dem Ziel, die im Heim organisierten Lebensbedingungen und Erziehungskonzeptionen an den individuellen Voraussetzungen, Bedürfnissen und Interessen der Kinder auszurichten. „Das Kind soll maßgeblich an der Gestaltung seiner Sozialisation beteiligt und einbezogen werden. Nur so sei eine ständige Neuorientierung der Klienten möglich, was angesichts der gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen (der Individualisierung von Lebenslagen bei gleichzeitig erhöhter Abhängigkeit von institutionalisierten Lebenslaufmustern unter Bedingungen sozialer Unterprivilegierung) unabdingbar sei" (Gehres 1997, S.16). Aus genau diesem Grund ist die Individualisierung für eine klientenorientierte Heimerziehungpraxis notwendig, was jedoch wiederum die Reformaspekte Dezentralisierung, Entinstitutionalisierung und Entspezialisierung vorraussetzt.Mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), im Jahre 1990, verfügte Deutschland über ein rechtlich abgesichertes und differenziertes Regelwerk, in dem sich die erzieherischen Hilfen als ein qualifiziertes Leistungsfeld präsentierten. Heimerziehung wurde nun plötzlich nur noch eine „Option“ in der breiten Palette von ambulanten, teilstationären und stationären, familienersetzenden, -ergänzenden und -unterstützenden Erziehungshilfen.

4. Ziele

Die Ziele von Heimerziehung, die in den Konzeptionen der Einrichtung festgehalten sind, erscheinen teilweise sehr vage, realitätsfern und sehr allgemein gehalten. Im Grunde ist das primäre Ziel, wie in der Familie auch, die gelungene Sozialisation des Kindes bzw. Jugendlichen. Diese hängt jedoch von einer Vielzahl von Faktoren und Einflüssen ab und folgt nicht immer dem idealtypischen Verlauf. So spielt die individuelle Geschichte des Kindes eine entscheidende Rolle und auch die nicht bewältigten Probleme in der Herkunftsfamilie entscheiden mit über den Sozialisationserfolg. Wichtig ist, dass das Kind lernt seine individuelle Geschichte zu verstehen und die bisher gemachten Erfahrungen in Beziehung zueinander zu setzen. Es muss seine eigene Stellung im komplexen gesellschaftlichen und psycho- sozialen Kontext, unter zur Hilfenahme regelmäßiger Reflexionen, finden und auch die Heimmitarbeiter müssen das Kind als ein individuelles Wesen betrachten, auf das sie ganz gezielt eingehen müssen, indem sie ihm helfen, sich bei wichtigen Veränderungen und Krisen weiterzuentwickeln. „Aufgabe der therapeutischen Heimerziehung ist es, fehlgelaufene Sozialisation durch therapeutische und pädagogische Hilfen zu korrigieren. Die psychisch gestörten Kinder müssen befähigt werden, die im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung auftretenden reife-und lebensbedingten Krisen jeweils durch Reorganisation ihrer psychischen Struktur im Sinn der Ausblidung einer autonomen Ichorganisation überwinden zu können“ (Muss 1973, S.156).

Wie zu Beginn schon angedeutet, gibt es in der Heimerziehungspraxis eine ganze Reihe von Zielen, die jedoch alle sehr vieldeutig sind und nicht für jedes Kind in gleicher Weise gelten. Einheitlich sind jedoch Ziele, wie Mündigkeit, Selbstbestimmung, Solidarität, Selbstverantwortung, Spontaneität, Mitmenschlichkeit, Leistungsfähigkeit und Liebesfähigkeit. Zudem ist eines der Hauptziele, wie es auch gesetzlich verankert ist, die Reintegration des Kindes, sowohl in die Herkunftsfamilie als auch in die Gesellschaft. Nicht nur das Kind muss sich während des Heimaufenthaltes verändern, auch die Eltern und deren Erziehungspraxis müssen verändert werden. Hilfreich und sinnvoll hierbei kann eine Familientherapie sein. Allerdings kann dies nur in wenigen Fällen gelingen, da viele Eltern häufig nicht bereit sind die Fehler auch bei sich zu suchen und ihr Verhalten zu ändern. Daher ist es nicht bei allen Kindern gleichermaßen möglich, diese nach dem Heimaufenthalt wieder in ihrer Herkunftsfamilie unterzubringen und auch nicht alle Kinder werden in die Gesellschaft intergriert werden.

„Das Ziel, Jugendliche nach ihrer Entlassung aus dem Heim in einen Stadtteil zu intergrieren, in dem sie sozial, kulturell und in der Arbeit Fuß fassen können, setzt voraus, daß schon während des Heimaufenthaltes, regelmäßige Kontakte zu den Menschen der Umgebung außerhalb des Heimes,

im Stadtteil, bestehen konnten" (Dalferth 1982 S.71). Dieses Ziel stellt auch an das Heim hohe Anforderungen. So muss das Heim einen guten geo- und soziogeographischen Standort haben, es muss zentral gelegen sein, dem Herkunftsmilieu des Kindes entsprechen und eine gute Öffentlichkeitsarbeit ist notwendig, um das Kind zu reintegrieren. „Um die Vielfalt und Komplexität an Settings unserer Gesellschaft kennenzulernen und entsprechende Strukturen zu erwerben, ist also der Zugang zur Außenwelt zwingend notwendig und auch eine gewisse aktive Teilnahme und Einbindung, da sonst die Sozialisation der Zöglinge auf eine Welt begrenzt und bezogen bleibt (die der Institution), die für die Gesellschaft in die sie entlassen werden und in der sie sich zurecht finden müssen, nicht repräsentativ ist“ (Spindler 1991, S.67). Praktisch bedeutet das, dass das Heim nach außen hin geöffnet ist, d.h. es muss einen offensiven Informationsautausch und eine gelungene Selbstdarstellung betreiben. Dies kann erreicht werden durch einen Tag der offenen Tür, Filmabende mit den Nachbarn, Sommerfeste, Teilnahme am Gemeindeleben, Integration des Heimes und der Heimkinder in ansässige Vereine oder das zur Verfügung stellen von Räumlichkeiten für die Nachbarn. „Standortüberlegungen stellen daher eminent wichtige Voraussetzungen dar, in deren unmittelbarer Abhängigkeit Differenzierungsfragen oder konzeptionelle Probleme erörtert werden müssen“ (Dalherth 1982, S.75). „Das Scheitern vieler Heimjugendlicher muß somit auch im Zusammenhang mit dem Standort vieler Heime gesehen werden [...]“ (Dalferth 1982, S.75).

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Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638613347
ISBN (Buch)
9783640725168
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69267
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Heimerziehung- Eine Auseinandersetzung Zielen Heimerziehung

Autor

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Titel: Heimerziehung- sozialisationsfördernd oder sozialisationshemmend? Eine Auseinandersetzung mit den Zielen von Heimerziehung