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'Das Amulett' von Conrad Ferdinand Meyer als kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturkampf im Deutschen Reich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Das Amulett als kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturkampf im Deutschen Reich
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert
2.3. Die Struktur der Erzählung
2.3.1. Die Klassifizierung des Textes
2.3.2. Der Rahmen der Novelle
2.4. Die Erzählfigur Hans Schadau
2.5. Ideologiekritische Struktur

3. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Den Hauptgegenstand der folgenden Arbeit bildet Conrad Ferdinand Meyers erste veröffentlichte Erzählung „Das Amulett“. Conrad Ferdinand Meyer, am 11. Oktober 1825 in Zürich geboren, wurde durch seine Eltern, den Lehrer Ferdinand Meyer, der als gemäßigter Liberaler dem Regierungsrat und dem Großen Rat angehörte, und somit den von der französischen Juli-Revolution ausgelösten radikaldemokratischen Bestrebungen der Zeit ablehnend gegenüber stand und dessen Frau Elisabeth Meyer, die deutliche Züge einer religiösen Fanatikerin trug, bereits in frühster Jugend mit politischen und religiösen, konfessionellen Konflikten konfrontiert. Meyer, der durch diese prägenden Konflikte für die Themenbereiche der Politik und des Christentums sehr sensibilisiert wurde, entwickelte daher bereits in jungen Jahren ein starkes Interesse an tagespolitischen sowie religiösen Fragen. Die prägenden Ereignisse in seiner Kindheit, wie unter anderem der Kontakt mit seinen Nachbarn Carl und Julius Fröbel, die der aufkeimenden sozialistischen Bewegung angehörten und durch die er mit fortschrittlich-oppositioneller Literatur in Kontakt kam, welche Ihn schwer beeindruckte, formten Meyer zu einer Art Rebellen gegen gesellschaftliche Zwänge. Gezeichnet von Depressionen und seelischer Instabilität, verfiel Meyer in fortgeschrittenem Alter in eine zeitweilige Resignation, die an Stelle der Rebellion trat, da er merkte, dass aktiver Widerstand gegen gesellschaftliche Zwänge in seiner Lage ähnlich sinnlos ist, wie das gerade gescheiterte revolutionäre Aufbegehren der Völker gegenüber einer scheinbar unabwendbaren, fatalen geschichtlichen Eigengesetzlichkeit. Mit der Fähigkeit, sich ohne Widerstand den gegebenen Verhältnissen anzupassen, erlernte er die Sprache der verstellten, indirekten Kritik - der Ironie. Meyer versuchte in einigen seiner Novellen durch seine Ironie, in denen oftmals das Prinzip der polaren Themenstellung enthalten ist, unentwegt zwischen den Polen zu vermitteln und einen Ausgleich zwischen Gegensätzlichem zu erreichen. Er selber nimmt in seinen Texten durch seine sokratische Sichtweise dabei zumeist selbst keine klare oder eine nur sehr liberale Position ein. Diese Vorgehensweise impliziert natürlich eine gewisse Kritik an den vorherrschenden Zuständen. Im Amulett wird diese Kritik durch Erörterung konfessioneller Streitfragen und durch die Gegenüberstellung von Charakteren der beiden Konfessionen deutlich. Durch sein Interesse an der Epoche der französischen Glaubenskriege (Hugenottenkriege), das er dem Paris-Aufenthalt 1857 verdankt, ist es nicht weiter verwunderlich, dass Meyer zwischen den großen politischen und religiösen Differenzen des ausgehenden sechzehnten und beginnenden siebzehnten Jahrhunderts und den nationalen, sozialen und ideologischen Machtkämpfen seiner Zeit gewisse Parallelen sah. Durch das Bestreben in vielen seiner Werke, kraft der historischen Analogie, den Konflikt von Recht <-> Macht und Politik <-> Sittlichkeit zu illustrieren und die literarisch vermittelte geschichtliche Erfahrung in die Gegenwart einzubinden (vgl.1), und inspiriert durch den sich erneuernden Lauf der Geschichte sowie einen Quelltext über die Bartholomäusnacht, den Meyer bei dem befreundeten Historiker Hans Georg von Wyss anforderte (vgl.2), führt er im Amulett dem Leser die Folgen dieses Glaubenskonflikts am Beispiel der exakt nachgezeichneten Bartholomäusnacht, also des Brudermordes in seiner monumentalen, vollkommen sinnlosen Ausprägung, vor Augen (vgl.3). Vor diesem Hintergrund lässt sich „das Amulett“ durchaus als kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturkampf im Deutschen Reich deuten.

2. Das Amulett als kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturkampf im Deutschen Reich

2.1. Inhaltsangabe

Schadau, der Sohn eines früh verstorbenen Kriegsmannes und Ich-Erzähler der Novelle, schließt 1611 in der Schweiz mit einem alten Herrn namens Boccard ein Grundstücks-Geschäft ab. Im Arbeitszimmer des Herrn finden sich zwei Gegenstände, ein durchschossener Filzhut und ein Amulett, die Schadau an den Sohn des alten Boccard, Wilhelm, erinnern. Der Tod Boccards steht bis zu diesem Zeitpunkt noch in einem unbekannten Zusammenhang mit dem Schicksal des Erzählers. Aus diesem Grund schreibt Schadau die Geschichte nach der Begegnung mit dem alten Boccard auf.

Die politische Lage seiner Zeit ist von Religionsstreit geprägt. Spaniens Alba besetzt die Niederlande und bedroht das calvinistische Genf. Frankreich gewährt den Hugenotten seit 1570 Zugang zu allen Ämtern, und der Admiral Coligny plant die Befreiung der Niederlande. Ein Krieg steht also bevor, und der junge Schadau will hierin für die protestantische Sache gegen Alba kämpfen. Hierzu lässt er sich von einem Fechtmeister aus Böhmen ausbilden, bis sich herausstellt, dass dieser wegen Mordes gesucht wird. Er kann sich durch Flucht vor der Festnahme retten. Auf dem Weg nach Paris, wo er sich den Admiralstruppen anschließen möchte, lernt Schadau neue Freunde kennen. Seinen Landsmann Wilhelm Boccard, den ehrwürdigen Parlamentsrat Chatillon aus Genf sowie dessen hübsche Nichte Gasparde. Wilhelm Boccard ist der einzige Katholik in der Runde und ein Disput über den Unterschied der Konfessionen bringt zutage, dass er sich der ,,Muttergottes von Einsiedeln" verbunden fühlt. Weiter stellt sich heraus, dass Gasparde das Patenkind des so verehrten Admirals ist und für Schadau ein Wörtchen einlegen möchte. Tatsächlich wird Schadau, als er in Paris bei dem Admiral vorstellig wird, zum Privatsekretär des mit Kriegsvorbereitungen viel beschäftigten Mannes. Als er zu Besuch beim Parlamentsrat ist, legt dieser die Hoffnungen dar, die mit dem bevorstehenden Krieg verknüpft sind, nämlich die Glaubensspaltung durch den gemeinsamen Kampf für die Freiheit der Niederlande zu überwinden. Zur gleichen Zeit hört man in der gegenüberliegenden Kirche einen katholischen Priester gegen die "Ketzer" predigen. In der aus der Kirche strömenden Menge erscheint Graf Guiche, ein Höfling des königlichen Bruders, welcher der hübschen Gasparde unverschämt zuwinkt. Sie aber präsentiert ihren neuen Beschützer - Schadau. Am nächsten Morgen beim Admiral lernt Schadau den jungen König kennen. Dessen kindisches Verhalten beunruhigt ihn sehr, hängt doch das Schicksal der Hugenotten von diesem König ab. Auf der Straße begegnet Schadau seinen Freund Boccard, welcher nun zur Schweizer Leibgarde des Königs gehört. Zufällig treffen sie Graf Guiche welcher den Hugenotten Schadau anrempelt. Ein Duell wird daraufhin sehr unausweichlich. Zum großen Leidwesen Wilhelms ist Schadau ein langsamer Fechter und den Beistand der "Lieben Frau von Einsiedeln" verschmäht er auch noch, weil er als Calvinist der Prädestination vertraut. Das Duell am nächsten Morgen geht gut aus. Der Degen des überlegenen Guiche prallt am Amulett der "Lieben Frau" ab, welches Boccard ihm heimlich ins Wams gesteckt hatte. Die Nachricht, dass der treue Kirchgänger Graf von Guiche von einem Hugenotten erstochen worden ist, beunruhigt den Admiral und den Parlamentsrat sehr, denn die Lage der Protestanten in Paris ist schon schwierig genug. Einzig Gasparde erahnt den Zusammenhang und ihre Liebe ist Schadau nun gewiss. Einen Monat später spitzt sich die Lage der Protestanten zu. Auf den Admiral wurde ein Attentat verübt, der Pöbel von Paris wird gegen die hugenottischen Außenseiter immer ausfälliger. Der verwundete Admiral bestimmt, dass Schadau seine Gasparde an Ort und Stelle heiraten und nach Deutschland in Sicherheit bringen soll. Letzteres misslingt vorerst, da Schadau nach der Hochzeit verhaftet wird. In dieser Nacht läuten die Glocken Sturm und auf Befehl des Königs (Einfluss der Mutter Katharina v. Medici) wird unter den Hugenotten von Paris ein Blutbad angerichtet, der Admiral wird getötet. Am Morgen kommt Boccard in Schadaus Zelle. Dieser bittet ihn im Namen der ,,Muttergottes von Einsiedeln" ihn zu seiner Frau zu lassen. Wilhelm nimmt ihn in der Tracht der Schweizer Königlichen auf die Straße mit. Sie kommen gerade recht, um Gasparde vor der Meute zu retten, doch Boccard wird erschossen. Auf der Flucht treffen Gasparde und Schadau am Stadttor den böhmischen Fechtmeister wieder, bei dem der Schweizer einst Unterricht hatte. Der Katholik macht kein Hehl daraus an der Ermordung des Admirals beteiligt gewesen zu sein, revanchiert sich aber bei Schadau für die damals ermöglichte Flucht, indem er ihm einen Passierschein für die Ausreise in die Schweiz verschafft. Dort angelangt lassen sich die beiden in dem Haus des schon verstorbenen Oheims nieder. (vgl.4)

2.2. Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert

In historischer Sicht fällt zuerst einmal auf, dass Entstehung und Erscheinen von Meyers Gesamtwerk (1871-1891) unmittelbar mit den Höhepunkten des schweizerischen wie auch des Kulturkampfes im Deutschen Reich (1870-1887) zusammenfallen. Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert lässt sich prinzipiell als politisch-weltanschauliche Auseinandersetzung zwischen dem konservativen, romtreuen Katholizismus und den modernen nationalliberalen Staaten beschreiben. Im Mittelpunkt des Kulturkampfes stand die Frage, inwiefern sich Staat und Kirche gegenseitig zu beeinflussen haben. Es stand die Idee vom modernen Nationalstaat, dem System traditionaler Normen und Werte, das vorwiegend noch von der katholische Kirche vertreten wurde, gegenüber. Demgemäß manifestierte sich der kulturgeschichtliche Konflikt

[...]


1Knapp, G.P.: C.F. Meyer: Das Amulett, Historische Novellistik auf der Schwelle zur Moderne; Schöningh Verlag; Paderborn; 1985; S. 34

2Knapp, S. 27

3Knapp, S. 94

4http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Novellen/meyer1.htm

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638595872
ISBN (Buch)
9783638802765
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v69150
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für deutsche Philologie
Note
2
Schlagworte
Amulett Conrad Ferdinand Meyer Auseinandersetzung Kulturkampf Deutschen Reich Meyers Prosawerk

Autor

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