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Pflegefamilie oder Heim? Die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den Erziehungskontexten - Ein Vergleich

Hausarbeit 2002 19 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen

Erziehungshilfe Heim

Vor- und Nachteile der Heimerziehung

Erziehungshilfe Pflegefamilie

Vor- und Nachteile des Sozialisationsfeldes Pflegefamilie

Identitätsentwicklung in den beiden Erziehungshilfen Heim und Pflegefamilie

Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorgegebeneFragestellungder Hausarbeit lautet: Ist das diffuse, sozialisatorische Milieu einer Pflegefamilie besser für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen als das strukturierte, durch spezifische Rollenbeziehungen geprägte, Milieu einer Heimeinrichtung?

Möchte man dieser Fragestellung nachgehen, so erweist es sich als schwierig, wenn nicht gar unmöglich beide Erziehungssysteme miteinander zu vergleichen.

Jedes für sich bietet besondere Vor- und Nachteile. Jedes für sich kann nur nach subjektiven Empfinden der heranwachsenden jungen Menschen beurteilt werden. Aus diesem Grund möchte ich mich bei der Erörterung dieser Frage ausschließlich darauf konzentrieren, die für die Identitätsentwicklung eines jungen Menschen entscheidenden Punkte herauszuarbeiten.

Wenn ein Kind nicht in seiner Herkunftsfamilie aufwachsen kann und Hilfe zur Erziehung beansprucht wird, so bieten sich drei grundsätzliche Möglichkeiten der Unterbringung des Betroffenen. Die Adoption, Heimerziehung oder Pflegefamilie. Immer stellt sich die Frage, welche der drei Formen als die am besten geeignete betrachtet werden kann. Kinder, die aus ihrer Ursprungsfamilie herausgerissen werden, aus welchen Gründen auch immer, befinden sich in der Situation, dass sie mindestens schon eine Trennung hinter sich haben. Oft führt dies dazu, dass sie unter schweren traumatischen Erlebnissen leiden. Das wiederum ruft in ihnen ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit, welches gleichzeitig das zentrale Bedürfnis des Kindes darstellt, hervor. Glücken kann die Erziehung nur, wenn existenzielle Grundbedürfnisse des Kindes befriedigt werden (Zwernemann 2001:192).

Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen

An dieser Stelle möchte ich eine wichtige Voraussetzung für die Bearbeitung des Themas, nämlich die Sozialisation bzw. die Identitätsentwicklung eines Menschen, darstellen. Diese Darstellung soll vor allem darauf verweisen, was für ein Kind in seiner Entwicklung von besonderer Bedeutung ist. Als weiteres soll sie als Vergleichsmaterial zur einer Heim bzw. Pflegefamilienerziehung dienen und auf mögliche Abweichungen verweisen.

Identität stellt ein dynamisches, prozesshaftes Konzept dar. Sie muss immer wieder hergestellt werden. Sie hat immer etwas mit der biographischen Entwicklung von Menschen zu tun. Dabei spielt das Wissen um die eigene Herkunft, seine Wurzeln die entscheidende Rolle. Die Selbsvergewisserung, vor allem im jungen Erwachsenenalter ist von herausragender Bedeutung, da sie zu einer gelingenden Lebenspraxis dazugehört (Gehres 2002).

DieSozialisationund dieIdentitätsausbildungeines Kindes stellen einen komplexen Prozess dar. Unmittelbar nach der Geburt stellt sich das Neugeborene als körperlich, geistig und seelisch hilflos dar, wodurch es vollkommen auf soziale Hilfe angewiesen ist. Die Hilfe soll dem Kleinkind günstige Entwicklungschancen eröffnen. In der Regel wird diese durch eine feste Bezugsperson, meist die Mutter, realisiert. Sie stellt dem Kind nicht nur Nahrung zur Verfügung, sondern steuert die Vielzahl der Lernvorgänge, die das Kind in seiner Entwicklung durchläuft. Hier bildet das Kind im Idealfall das„Urvertrauen“aus und lernt durch Lob, Anerkennung und Strafe. Darüber hinaus versichert sich das Kind ständig der emotionalen Nähe. Der Lernprozess verläuft umso erfolgreicher, „je intensiver, eindeutiger und widerspruchsfreier der Interaktionsprozess zwischen wenigen Bezugspersonen und Kind verläuft.“ (Heitkamp 1989:100). Es besteht ein konsistentes Lebensumfeld, indem das Kind die Übersicht über die jeweiligen Bezugspersonen besitzt. Weitere Faktoren, die die Entwicklung eines Kindes fördern, können zum Beispiel aus dem Klima des persönlichen Angenommenseins und der Wertschätzung erwartet werden, aber auch durch ein freundlich gestaltetes Interaktionsfeld und ein überschaubares Lernfeld, in dem „der junge Mensch wiederkehrende Erfahrungen in Lernvorgänge einordnen und internalisieren kann und dabei Sicherheit und Selbstvertrauen gewinnt.“ (Heitkamp 1989:101). Die bezeichneten Voraussetzungen lassen sich jedoch nur dann aufrechterhalten, wenn das Familienleben nicht durch Beziehungsstörungen oder andere Defekte, z. B. materieller Art, geprägt sind.

Meadgeht davon aus, dass ein Kind zuerst von seinen Eltern lernt. Zuerst reagiert es auf die Eltern, später entwickelt sich ein Bild der eigenen Person, welches es nur ausbilden kann, wenn vorher ein Bild von anderen entstanden ist. Die„Ich-Identität“(Self) bildet sich aus dem Zusammenspiel zwischen„I“und„Me“, wobei das „I“ den Organismus an sich, die Kreativität und die eigenen Bedürfnisse des Individuums beschreibt, das „Me“ dagegen die soziale Umwelt, Werte, Normen und Erwartungen der Gesellschaft an das Individuum darstellen. Das Kind durchläuft den Prozess der Identitätswerdung indem es sowohl im Spiel(play),bei der Übernahme der Mutter- bzw. Vater-Rolle, als auch im organisierten Spiel(game),bei der Anwendung von Regelwerken, wie sie zum Beispiel im Fußball vorkommen (dabei steht das Verhalten des Kindes nicht nur in Abhängigkeit vom Regelwerk, sondern auch von allen Mitspielern), lernt die jeweiligen Vorgehensweisen zu übernehmen und zu deuten. Somit geht Identität immer aus der Gesellschaft hervor (Baldwin 1986:106-122). Auch nach Erikson entsteht Identität „an den Schnittstellen von persönlichen Entwürfen und sozialen Zuschreibungen.“ (Krappmann 1999:66).

DieSozialisationsforschunggeht davon aus, dass sich die individuelle Persönlichkeit im aktiven Austauschprozess mit gesellschaftlichen Gegebenheiten ausformt. Sozialisation findet immer statt, auch wenn die bewusst-willentliche Komponente des Erziehens fehlt (Wiswede 1985:112). Grundsätzlich kann zwischen drei Arten der Sozialisation unterschieden werden.

- der primären (durch Elternhaus, Herkunftsfamilie bestimmt),
- sekundären (durch Gleichaltrige, Schule usw.) und
- die tertiären (durch wechselnde Umgangspersonen, Beruf und Arbeit) (Wiswede 1985:113).

Die Forscher gehen davon aus, dass die Prägkraft innerhalb der Phase derprimären Sozialisationaußerordentlich groß ist, innerhalb der späteren Lebensjahre nimmt diese ab. Auf der anderen Seite kann festgehalten werden, dass zwar die ersten Lebensjahre als besonders wichtig gehalten werden, jedoch ein Individuum lebenslang vor neuen Rollensituationen steht und dadurch immer wieder neuen Lernprozessen unterworfen bleibt (Wiswede 1985: 114).

Mit dersekundären Sozialisationnimmt die Attraktivität der Eltern als Bezugspersonen stets ab und verlagert sich in die Gleichaltrigengruppen. Den Eltern werden Orientierungen zugesprochen, die sich an Erfolgsorientierung, Aufgabenbewältigung und Zukunftsorientierung festmachen. DenPeersdagegen eher die Entwicklung des Selbstbildes, Entwicklung sozialer Motive wie Kontakt, Affiliation (Wechsel der Loge eines Freimaurers; Tochtergesellschaft), Kommunikation. Hier werden bestimmte Rollen zum Ausdruck gebracht und Konfliktsituationen bewältigt (Wiswede 1985:115).

Dietertiäre Sozialisation, auch als Erwachsenensozialisation bezeichnet, findet als ein lebenslanger Prozess statt. Sie wird vor allem mit der Berufsrolle, mit wechselnden Berufsrollen usw., in Verbindung gebracht. Die Verhaltenseinstellungen sind hier mehr vom jeweiligen Arbeitsbereich abhängig und deshalb für die weitere Diskussion in dieser Hausarbeit ungeeignet, da sie für die Kindes- und Jugendsozialisation innerhalb von Pflegefamilie bzw. Heimerziehung als unbedeutend erscheinen (Wiswede 1985: 115/116).

Der Familie, als besondere soziale Einheit, wird folglich eine besondere Bedeutung eingeräumt. Außer Frage steht auch, dass „die Beziehungsqualität, in der ein Kind aufwächst, für sein Überleben essentiell und von prägender Bedeutung für den weiteren Lebensweg ist.“ (Kreppner 1999:183). Die Besonderheit der Familie liegt nicht zuletzt in der Vielfältigkeit der verschiedenen Beziehungen. Sowohl die Beziehung zwischen Eltern und Kind, als auch die Beziehungsstruktur innerhalb der Familie werden zunehmend als bedeutend betrachtet. Deutlich wurde auch, dass zur Pflegeperson eine besondere emotionale Bezogenheit besteht. „Informationen über Beziehungen sind also von außerordentlicher Bedeutung für die Konstruktion der Lebenswelten, wie sie Kinder gerade in Zeiten individueller Entwicklungsschübe beim Heranwachsen in ihren Familien vornehmen.“ (Kreppner 1999:189).

Zusammenfassend kann man an dieser Stelle bemerken, dass die Besonderheit von Familie darin liegt, dass alle Beteiligten die Beziehungen (die Anzahl derer) überschauen und untereinander feste Beziehungen ausbauen können. Es wird darauf verwiesen, dass vor allem in den ersten Lebensjahren eines Menschen ein fester Bezugspunkt von besonderer Bedeutung ist. Später spielen jedoch die Beziehungen innerhalb von Gleichaltrigengruppen eine größere Bedeutung.

Erziehungshilfe Heim

Fällt der Begriff „Heimerziehung“, so werden damit nach wie vor Vorurteile verbunden. Horrorvorstellungen der Vergangenheit von Wegschließen und Einsperren, „Anstaltserziehung“ und „Massenversorgung“ werden in Erinnerung gerufen. Früher bestand im Heim nicht der Anspruch auf Bedürfnisse nach Beziehungen, Privatheit oder Intimität, was sich jedoch bis zum heutigen Tage grundlegend geändert hat. Die Vorstellungen einer Form des Überwachens und Strafens, von pädagogischer und psychologischer Unkenntnis geprägt, sind überholt. „Heimterror“ hat an sich mit institutionellen Strukturen nichts mehr zu tun, wenn dieser stattfinden sollte, dann ist er immer auch Personen zuzuschreiben. Heimerziehung heute muss jedoch nicht gleichzeitig schlechte Erziehung bedeuten. Heime schaffen zum einen Betreuungsangebote in der Nähe der Lebenswelt der betroffenen Kinder und Jungendlichen. Sie bieten ein attraktives Umfeld, das Bindungsmöglichkeiten bereithält. Auf der anderen Seite bedeutet jedoch die Unterbringung in einem Heim, wie auch in einer Pflegefamilie, dass verwandtschaftliche und freundschaftliche Verhältnisse abbrechen und die Fremduntergebrachten in Abhängigkeit von Erziehern(-innen) fallen (Winkler 2000:210). Zum anderen stellen Heime heute sehr unterschiedliche Betreuungskonzepte vor, die von Kleineinrichtungen in familienähnlicher Zusammensetzung, Außenwohngruppen für ältere Jugendliche, über Betreutes Einzelwohnen, Klassisches Heim und Alternative Wohnprojekte, bis zur Innenwohnguppe einer größeren Institution oder Tagesgruppenangeboten reichen.

Die Erfahrung einer Heimunterbringung kann grundsätzlich zwei Seiten haben. „(…) in der Ordnung und Ressourcen des Alltags werden die Lebensbedürfnisse der Menschen ebenso gestaltet und befriedet wie verstellt (…).“ (BMFSFJ 1998:38). Familien bzw. Lebenswelten der Kinder können schädigend für die Heranwachsenden sein, häufig sind sie Auslöser für ein Hilfeangebot. Es ist deshalb notwendig, neue und entlastende Orte zu schaffen. Moderne Heimerziehung orientiert sich längst stärker an Bedürfnissen der betroffenen Kinder. Trotz aller (Vor-) Urteile gehört Jugendhilfe als unvermeidlicher Teil zur gesellschaftlichen Infrastruktur. Heime stehen gleichzeitig für eine verantwortungsvolle Pädagogik. Möchte man auf die Wichtigkeit der Heimerziehung verweisen, dann muss man bemerken, dass Heime heute überhaupt nicht mehr in ein Bild zu fassen sind. Der Begriff „Heim“ taugt nicht mehr, um die Vielfalt der Angebote zu beschreiben. Gleichzeitig muss man darauf hinweisen, dass sich Heimerziehung nach wie vor nicht abschaffen lässt (Winkler 2000:208).

Vor- und Nachteile der Heimerziehung

Vorteileder Heimerziehung liegen heute darin, dass sie über eine gute Ausstattung, eigene Räume für die Bewohner und klar definierte Bereiche verfügen. Das alltägliche Lebensniveau ist vergleichsweise höher als in Familien. Die Jugendlichen werden zur Selbständigkeit, vor allem in Sachen Haushaltsbewältigung, erzogen. Ihre Freizeitaktivitäten sind größtenteils gesichert. Die Ebene der Beziehungen bietet höchst unterschiedliche Umgangsformen und Erziehungsstile. Durch Individualisierungsprozesse werden die Jugendlichen stärker an die Betreuer gebunden (Winkler 2000:210). Auch der Umgang mit Gleichaltrigen, die Bildung von Gleichaltrigenkohorten, gilt als vorteilhaft. Heimerziehung heute ist darauf bedacht, „Kindern Regeln zugänglich zu machen, über die sie sich stabilisieren können.“ (Winkler 2000:217). Sie bietet Muster der Verlässlichkeit und schafft Interpretationshorizonte für das eigene Handeln.

Nachteileder Heimerziehung liegen auch heute noch darin, dass es schwierig ist, Verbindlichkeiten durchzusetzen. Es finden zum Beispiel Kämpfe ums morgendliche Aufstehen statt (Winkler 2000:211). „Eine Pädagogik, die auf Alltagsorientierung, auf den Aufbau von Kompetenzen zur alltäglichen Lebensbewältigung zielt, kann sich kaum auf Ordnungsmuster verlassen, bleibt aber eingebunden in soziale Regelungen, denen man schwer entkommt. Die alltägliche Offenheit schafft Konfliktsituationen, weil Ordnungsmuster gleichsam dünner werden. Heimerziehung muss daher sehr viel mehr Anfragen seitens der Jugendlichen aushalten, mehr Formen individueller Lebensführung mittragen und erproben; sie muss damit rechnen, dass die Kinder und Jugendlichen eigene Handlungsweisen entwickeln und Wege gehen, die auf eine schwer zu beschreibende Weise in einem Dunkelfeld von zwar sozial und kulturell Zulässigem und doch nur mühsam Auszuhaltendem liegen.“ (Winkler 2000:211). Heime führen sogleich Kulturkämpfe, die an zwei Grenzen stoßen, einerseits auf gesellschaftliche Vorstellungen darüber, was erlaubt und verboten ist, andererseits auf die Belastbarkeit von Kindern und Jugendlichen. Ein weiteres Problem stellen unausgeglichene Machtbalancen zwischen Kindern und Betreuern dar. Nicht selten erzeugen diese Abhängigkeiten und führen somit zur Unselbständigkeit. Extreme Gefahr wird auch darin gesehen, dass die in Erziehung gegebene Asymmetrie in prekäre Verhältnisse umgemünzt wird. Das Leben im Heim kann für viele Jugendliche auch dadurch belastend wirken, dass sie eine Scheinwelt aufbauen, in der sie leben. „Heime sind keine Familien, sondern eine andere Form des pädagogisch organisierten Lebens – darin liegt ein Nachteil für sie, aber auch eine Chance.“ (Winkler 2000:217). Eine sehr bedeutende Schwierigkeit liegt darin, dass „Heime heute einen wachsenden Bedarf mit weniger Ressourcen bei gleichzeitig steigender fachlicher Qualität und Effizienz begegnet werden soll.“ (Winkler 2000:224).

Erziehungshilfe Pflegefamilie

Lange Zeit hatte auch die Erziehungshilfe Pflegefamilie mit Vorurteilen zu kämpfen. Lange Zeit wurden hier Kinder missbraucht, um die eigene Lebenssituation, zum Beispiel finanziell, zu verbessern. Doch gelten die meisten dieser Vorurteile heute genauso wenig, wie die gegenüber der Erziehungshilfe Heim. Pflegefamilien wird jedoch insgesamt eine stärkere Erziehungskompetenz zugeschrieben. Vorurteile konnten hier besser abgebaut werden.

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Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638143639
ISBN (Buch)
9783638787017
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6910
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – ÿnstitut für Sozialwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Pflegefamilie Heim Identitätsentwicklung Kindern Jugendlichen Erziehungskontexten Vergleich Identiät Kontexten

Autor

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