Lade Inhalt...

Nero und die "amici principis" - ein Kaiser als machtpolitisches Instrument seiner Umgebung?

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Hauptbetrachtung
2.1. Nero vor seiner Amtszeit (37-54 n. Chr.)
2.2 Neros Amtszeit unter Seneca und Burrus (54-62 n. Chr.)
2.2.1 Der Einfluss Agrippinas
2.2.2 Erste Unsicherheiten
2.2.3 Die Ermordung des Britannicus
2.2.4 Zunehmende Abgrenzung von Agrippina
2.2.5 Eprius Marcellus
2.2.6 Die vectigalia
2.2.7 Poppea Sabina
2.2.8 Muttermord
2.2.9 Nero nach dem Mord
2.2.10 Cohors amicorum und Neronia
2.2.11 Der Britannien-Konflikt
2.3 Neros Amtszeit nach Seneca und Burrus (62-68 n. Chr.)
2.3.1 Burrus’ Tod und der Untergang Senecas
2.3.2 Delatoren
2.3.3 Panem et circenses
2.3.4 Die pisonische Verschwörung
2.3.5 Nero bis zu seinem Tod

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Das Bild, das wir heute von Nero haben ist äußerst diskutabel und die Vielfalt der Interpretationen, welche die Geschichtswissenschaft hervorgebracht hat, reicht bis hin zu vollständig entgegengesetzten Positionen bezüglich seines Charakters, seiner Macht, seiner Umgebung. Eine große Schwierigkeit bei der Untersuchung der Person Nero und seiner Umgebung ist unsere Abhängigkeit von den wenigen antiken Autoren und Geschichtsschreibern, deren Schriften bis heute überliefert sind. Die wohl wichtigste Frage, die – auf Grund der beschriebenen Sachlage – nur schwer zu beantworten ist, ist die der Macht. War Nero jemals eine eigenständige Persönlichkeit, der mächtige Anführer seines Hofes? Oder war er lediglich Instrument einer machthungrigen Umgebung? Wer traf die wichtigen politischen Entscheidungen in Rom?

In der folgenden Betrachtung soll – in chronologischer Ordnung - der Charakter Neros und dessen Entwicklung im Bezug auf die amici principips - wie sie in der Liste von John Crook[1] genannt werden - und deren Motivation untersucht werden. Es zeigt sich, dass Nero letztendlich kein selbstständiges Interesse am Kaisersamt hatte, sondern von seiner Umgebung in eine Welt geführt wurde, die ihn zu einem gefährlichen Exzentriker werden ließ. Gleichzeitig zeichnet sich eine Entwicklung der kaiserlichen Berater ab, die von einem moralisch begründeten Politikverständnis bis hin zu machtgierigem Opportunismus führt. Es stellt sich außerdem heraus, dass sich, aufgrund Neros geringer Erfahrung in der Staatsführung, ein geschichtlich wohl einzigartiger Kampf um Einfluss auf den princeps entwickelte.

2. Hauptbetrachtung

2.1. Nero vor seiner Amtszeit (37-54 n. Chr.)

Neros Mutter Agrippina spielte bei den ersten Entwicklungen eine äußerst bedeutende Rolle und es liegt nahe, ihr für die erste Zeit in bezug auf den jungen Nero die formenden und beratenden Funktionen zuzuschreiben, die später auch der weitere Kreis der amici principis ausüben sollte. Leider ist wenig bekannt über Neros Charakter in seiner frühen Jugend und so lassen sich lediglich Vermutungen anstellen, die von seinem späteren Verhalten zurückgeführt werden. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass er seiner Mutter zwar nicht explizit widersprochen, sich aber gelegentlich ihren Überforderungen zu entziehen versucht hat.[2]

Neros Laufbahn war von Anfang an geplant und durchdacht[3]. Es ist überwiegend die Handschrift Agrippinas die hier deutlich erkennbar wird und eine derartige Entwicklung Neros wäre ohne seine ehrgeizige Mutter niemals möglich gewesen. Ebenso werden später aber Burrus, Pallas und Seneca großen Einfluss ausgeübt haben. Es stellt sich die Frage, ob Nero jemals die Gelegenheit hatte, ernsthaft eigene Wege einzuschlagen oder sich der mütterlichen „Fürsorge“ zu entziehen. Die Frage, ob Nero überhaupt das Amt des princeps annehmen wollte oder für einen solch verantwortungsvollen Posten geeignet war, wurde von Agrippina niemals berücksichtigt.

Agrippina durfte im Jahre 41, nach der Ermordung Caligulas, aus der Verbannung heimkehren und erhielt ihr konfisziertes Vermögen, sowie ihren damals dreijährigen Sohn zurück. Bezeichnend für die darauffolgende Zeit ist, dass Sie alle ihre Kräfte dafür einsetzte, ihre Machtposition auszubauen und sich materielles Vermögen zu sichern. Und schon hier wird ihr oberstes Ziel deutlich: Nero – oder sogar ihr selbst[4] - den Weg zum Prinzipat zu ebnen. Insofern war Neros Erziehung von Anfang an geprägt von dem rücksichtslosen Machtstreben seiner Mutter[5] und es lässt sich vermuten, dass diese unerwünschte Entwicklungen Neros abzuwenden wusste, indem sie ihm nur wenig Raum für eigenständige Beschäftigung ließ. Nero selbst hatte zu dieser Zeit noch keinerlei aktive Macht inne und es dürfte beinahe unmöglich für ihn gewesen sein, sich den einseitigen Einflüssen seiner erzieherischen Umgebung, zu der ab dem Jahre 49 auch Lucius Annaeus Seneca[6] gehörte, zu entziehen.

Agrippina trieb außerdem die Anbahnung einer Ehe mit Octavia voran, förderte die Adoption Neros durch Claudius und sorgte dafür, dass Nero schon ein Jahr früher als üblich die toga virilis zuerkannt bekam. Es folgte die Ernennung zum princeps iuventutis, ein Titel, der ihn bereits vorab zum Thronerben designierte. Er wurde in die großen Priesterkollegien aufgenommen und für das Jahr 57 vorzeitig zum Konsul ernannt, erhielt außerdem die prokonsularische Gewalt über alle Provinzen des Reiches. Diese Entwicklungen lassen zum großen Teil Agrippinas Handschrift durchblicken. Über Nero selbst ist nur bekannt, dass er schon von Kindheit an ein ausgeprägtes, unstandesgemäßes Interesse an Gladiatorenspielen, Wagenrennen und Theateraufführungen hatte. Eine aktive Beteiligung Neros an der Planung seiner Laufbahn, ein selbstständiges Streben nach Macht ist also vorerst weitgehend auszuschließen.[7] Naheliegender ist, dass er sich bezüglich solcher Zuwendungen eher gleichgültig und desinteressiert verhalten hat. Besonders Seneca scheint psychologisches Geschick bei der Erziehung Neros besessen zu haben[8], indem er es verstand, Nero durch eingeschränkte Vergnügungen auf der richtigen Bahn zu halten. Trotzdem ist es wichtig festzustellen, dass es in der ersten Zeit Neros hauptsächlich Agrippina war, die die Stränge in der Hand hielt.[9] Ihre Vermählung mit Claudius im Jahre 49 markiert ihren ersten Schritt aktiver politischer Einflussnahme auf die kaiserlichen Entscheidungen. Die Ernennung Senecas zum Prätor im Jahre 50 ist wohl auch auf Agrippinas Einfluss zurückzuführen. Seneca und Burrus, der Agrippina ebenfalls seine Stellung verdankte, waren in der ersten Zeit noch sehr stark von ihrer Gunst abhängig und führten ihre entsprechenden Aufgaben gemäß Agrippinas Vorstellungen durch.

2.2 Neros Amtszeit unter Seneca und Burrus (54-62 n. Chr.)

2.2.1 Der Einfluss Agrippinas

Agrippinas Einfluss ist auch noch in den ersten Herrschaftsjahren Neros zu spüren. Seneca und Burrus leiteten den Staat in einer zufriedenstellenden Weise und – was außergewöhnlich ist – verhielten sich gegenseitig scheinbar sehr kooperativ.[10] Beide verstanden es offensichtlich, Nero bei „harmlosen Genüssen“ festzuhalten, wenn dieser sich politischen Angelegenheiten entzog.[11] Die Antrittsrede Neros entstammte mit großer Wahrscheinlichkeit Senecas Hand[12] und auch, als die Parther im Jahre 53 in Armenien eindrangen, war es nicht Nero, sondern Burrus, der mit seiner militärischen Erfahrung die heikle Situation bewältigte. Das wohl wichtigste Anzeichen von Agrippinas noch fortwährendem Einfluss ist die Verteilung von wichtigen Ämtern an vier ihrer amici, Faenius Rufus (praefectus annonae), Arruntius Stella (Aufsicht über die vom Kaiser veranstalteten Spiele), C. Balbillus (Verwaltung der Provinz Ägypten) und P. Anteius (Verwaltung der Provinz Syrien).[13] Es ist anzunehmen, dass es sich hierbei bereits um Versuche handelt, verlorenen Boden wiederzugewinnen. Schenken wir Tacitus in dieser Hinsicht Glauben, so war das Verhältnis zwischen Agrippina, mit Pallas als engem Verbündeten, und Seneca, in einem Lager mit Burrus, schon in dieser ersten Zeit deutlich angeschlagen[14]. Viel wichtiger jedoch ist die Erkenntnis, dass es sich in keinem der Fälle um Nero selbst handelte, der Macht ausübte. Es war ein anfänglich noch gut funktionierender Kreis von Beratern, namentlich Agrippina, Pallas, Seneca und Burrus, die die wichtigen politischen und personellen Entscheidungen trafen. In Anbetracht dieser Annahme ist es ein naheliegender Gedanke, Nero als ein bloßes Instrument seiner um Macht ringenden Umgebung zu sehen[15]. Es bestanden unausgesprochene machtpolitische Verbindungen und Übereinstimmungen zwischen den entsprechenden Personen, die das politische und soziale Geschehen in Rom lenkten und dominierten. Diese beiwesen außerdem ein außergewöhnliches diplomatisches Geschick im Umgang mit inneren und äußeren Problemen. So spiegelten die ersten fünf Herrschaftsjahre Neros, die der Kaiser Trajan später als quinquennium neronis bezeichnen sollte, nach außen hin das Bild eines größtenteils funktionierenden Staates wieder und werden von den antiken Historikern auch weitgehend positiv bewertet.

2.2.2 Erste Unsicherheiten

Die anfangs noch ausgeglichenen Machtstrukturen an Neros Hofe begannen jedoch sehr bald schon zu zerbröckeln und die daraus erwachsenden Unsicherheiten hinterließen einen nicht unerheblichen Eindruck auf den heranwachsenden Nero. Schon im Jahre 55, nur ein Jahr nach Neros Thronbesteigung, gerieten die bestehenden innerhöfischen Verhältnisse merklich ins Wanken: Neros Liebe für die Freigelassene Acte ist ein wichtiges Ereignis in bezug auf seine anfängliche Emanzipation. Hier traten auch erstmals zwei weitere Personen in den Vordergrund, die auch weiterhin in enger Beziehung zum Kaiser stehen sollten: M. Salvius Otho[16], der spätere Kaiser, und Claudius Senecio[17]. Otho, der für seinen Leichtsinn und seinen Mangel an Sittsamkeit bekannt war, gehörte schon bald zu den vertrauten Freunden Neros, brachte ihm also dieselben lasterhaften Gewohnheiten entgegen, die der Kaiser selbst besaß. Nach Sueton soll auch er derjenige gewesen sein, der die schöne Acte an Nero vermittelte.[18] Tacitus weicht insofern davon ab, dass er Acte selbst als diejenige beschreibt, die die Annäherung an Nero betrieb.[19] Claudius Senecio, der Sohn eines kaiserlichen Freigelassenen wird hier von Tacitus lediglich als Mitwisser genannt, allerdings davon auszugehen, dass das enge Vertrauen Neros genoss. Bemerkenswert ist jedoch, dass Nero die Liebesbeziehung[20], die mindestens drei Jahre andauerte, vor seiner Mutter verheimlichte und diese erst später davon Wind bekam. Burrus und vor allem Seneca duldeten Neros Affäre. Seneca unternahm sogar direkte Versuche Neros intimes Verhältnis vor Agrippina zu verbergen, indem er einem seiner Freunde, Annaeus Serenus, auftrug, sich als Liebhaber Actes auszugeben, um den Verdacht von Nero abzulenken.[21] Schon hier finden sich Anzeichen für die Entstehung eines gefährlichen Ungleichgewichts in Neros Umgebung, das Agrippinas Position zunehmend in den Hintergrund verlagerte. Auffällig ist in erster Linie, dass Burrus und Seneca begannen, sich von Agrippina abzugrenzen und sich von einer unbedingten Loyalität ihr gegenüber abwendeten. Die Gründe dafür lassen sich leicht vermuten: Indem sie sich auf Neros Seite schlugen, und sogar seine Ausschweifungen tolerierten, konnten sie zu weit mehr Einfluss über ihn gelangen.[22] Jedoch ist auch hier keine aktive Einflussnahme Neros, der sich zwar zunehmend absondert, sich aber weitgehend auf sein privates Interesse beschränkt, auf die Geschehnisse erkennbar. Es sind ihm nahestehende Personen, die versuchen, sich sein Verhalten zu nutze zu machen und in ihrer Machtstellung davon zu profitieren. Auch M. Salvius Otho und Claudius Senecio werden sich von der vertrauten Nähe zu Nero Vorteile versprochen haben und es ist äußerst fraglich, dass es sich hier um aufrichtige Freundschaftsbeziehungen gehandelt hat.

Die Entlassung des Freigelassenen Pallas im selben Jahr wirft einige Fragen bezüglich der Verantwortlichkeiten auf[23], doch dass sie Agrippina brüskiert haben muss ist weitgehend unstrittig. Dieser hatte es geschafft sich über Claudius’ Regierungszeit hinweg enormen Einfluss am kaiserlichen Hofe zu verschaffen und war zu einem unumgänglichen Machtfaktor geworden. Seine Nähe zu Agrippina – eine sexuelle Beziehung ist nicht auszuschließen – und seine für einen Freigelassenen ungewöhnlich mächtige Position[24], wurde ihm vermutlich letztendlich zum Verhängnis.

[...]


[1] John Crook: Consilium Principis. Imperial Councils and Councellors from Augustus to Diocletian, Cambridge 1955, S.148-190.

[2] Jürgen Malitz: Nero, München 1999, S. 20.

[3] Tac. Ann. XII, 7. Diese These unterstützt auch: Anthony A. Barrett: Agrippina. Mother of Nero, London 1996, S.134/35.

[4] Jürgen Malitz: Nero, S. 19. Malitz zieht diese Möglichkeit in Bezug auf Neros Rechtfertigung nach Agrippinas Tod in Betracht.

[5] Jürgen Malitz: Nero, S. 12.

[6] John Crook: Consilium Principis, S. 150.

[7] Miriam T. Griffin bemerkt hierzu: „[...] Nero had many artistic and athletic interests which prevented him from reaching the proficiency necessary for the major speeches of a princeps.” Miriam T. Griffin: Seneca. A Philosopher in Politics, Oxford 1976, S. 64.

[8] Miriam T. Griffin: Seneca, S. 78. Griffin bestätigt dies und verweist auf Senecas Werk De Ira.

[9] Miriam T. Griffin: Seneca, S. 83.

[10] Tac. Ann. XIII, 2.

[11] Ebd.

[12] Tac. Ann. XIII, 3.

[13] Miriam T. Griffin: Seneca, S. 85. Siehe auch Tac. Ann. XIII, 22.

[14] Tac. Ann. XIII, 2.

[15] Jas´ Elsner / Jamie Masters: Reflections of Nero. Culture, History & Representation, London 1994, S. 3. Die beiden Autoren stellen dieselbe Überlegung in Bezug auf Neros Machtposition an.

[16] John Crook: Consilium Principis, S. 182.

[17] Ebd. S. 158.

[18] Suet. Otho, 2f.

[19] Tac. Ann. XIII, 12.

[20] Jürgen Malitz: Nero, S. 30. Hier wird vermutet, dass die Liebe zwischen den Beiden echt war. So war es auch dieselbe Acte, die Nero 68 zusammen mit zwei Ammen begrub.

[21] Tac. Ann. XIII, 13.

[22] Miriam T. Griffin: Seneca, S. 136. Die Autorin geht von denselben Gründen aus, weist aber darauf hin, dass beide nicht dazu tendierten, sich vollständig von Agrippina abzuwenden.

[23] Tac. Ann. XIII, 14. Tacitus nennt Nero als Verantwortlichen für die Entlassung des Pallas. Agrippinas Zornesausbrüche gegen Seneca und Burrus im selben Abschnitt lassen aber auch auf eine Beteiligung der beiden Berater schließen. Siehe auch: Mriram T. Griffin: Seneca, S.81.

[24] Anthony A. Barrett: Agrippina, S. 77.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638595063
ISBN (Buch)
9783640860036
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68966
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Schlagworte
Nero Kaiser Instrument Umgebung amici principis macht

Teilen

Zurück

Titel: Nero und die "amici principis" - ein Kaiser als machtpolitisches Instrument seiner Umgebung?