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Pygmalien von George Bernard Shaw - My Fair Lady von Alan Jay Lerner: ein Vergleich

Seminararbeit 1996 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Figur des Pygmalions

3. Vergleich von Shaws Pygmalion und S.6 Lerners My Fair Lady im Einzelnen
3.1. Bühnengestaltung
3.2. mitwirkende Charaktere
3.3. Songs
3.4. charakterliche Veränderungen
3.5. London-Broadway

4. Schlußbemerkung

5. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich das Libretto des amerikanischen Musicals My Fair Lady von Alan Jay Lerner mit seiner literarischen Vorlage, George Bernard Shaws Theaterstück Pygmalion, A Romance in Five Acts vergleichen.

Dabei sollen solche Abwandlungen und Veränderungen der litera­rischen Vorlage betont werden, die durch ihre musicalspezifische Besonderheit aus dem Theaterstück Pygmalion das Musical My Fair Lady entstehen ließen. Hierbei werde ich u.a. die Büh­nengestaltung, die Songs und die Anzahl der mitwirkenden Charaktere berücksichtigen.

Zu den größten Verschiebungen in My Fair Lady führt jedoch die veränderte Dar-stellung einiger Cha­raktere, worauf ich im punktuellen Vergleich besonderes Gewicht legen werde.

Auf die geringfügigen Änderungen, die für das Verständnis eines amerikanischen Publikums vorgenommen werden mußten, wird hingewiesen werden.

Einleitend werde ich mich mit der Figur des Pygmalions befassen wie sie sich in der Literatur von der griechischen Antike bis in unsere Zeit darstellt und dabei im Besonde-ren berücksichtigen, wie sich die verschiedenen Werke sowohl auf Shaws Pygmalion, wie auch auf Lerners My Fair Lady auswirken.

2. Pygmalion

So wie Shaws Pygmalion Lerners My Fair Lady zu Vorlage diente, so bediente sich Shaw einer altbekannten Vorlage, die jedoch immer wieder abgewandelt wurde.

Bereits in der griechischen Antike stößt man auf die Figur des Pygmalion. Pygmalion ist ein König von Zypern, der sich in ein Elfenbeinbild der Göttin Aphrodite verliebt. Er versinnbildlicht die Figur, die sich in das perfekte Abbild verliebt.

Ovid wandelt die Figur des Pygmalions in seinen Metamorphosen in sofern ab, als er sich nicht nur in ein perfektes Abbild verliebt, sondern daß er dieses auch selbst geschaf­fen hat. Ovids Pygmalion, ebenfalls König von Zypern, sucht die perfekte Frau. Als er sie nicht findet, schnitzt er sie sich in Elfenbein und verliebt sich in sein Werk. Aphrodite erhört sein Bitten, der Statue Leben zu verleihen und Pygmalion heiratet sie.

Bei Jean Jaques Rousseau ist Pygmalion ein Bildhauer der die perfekte Statue ge­schaffen hat. Er nennt sie Galathée und fleht Venus an, ihr Leben zu verleihen. Pygma­lion wird erhört. Galathée erkennt ihr Selbst, ihre Eigenständigkeit als Wesen, welche ihr von Pygmalion auch zuerkannt wird.

Franz von Suppés Operette "Die schöne Galathée" ist ein frivoler Abklatsch. Galathée ist lediglich Lust- und Kaufobjekt, die von Pygmalion als Besitz betrachtet und behandelt und auf seinen Wunsch hin von Venus wieder in eine Statue zurück verwandelt wird, als er ihrer nicht mehr Herr wird.

In gewisser Hinsicht scheint Shaws Pygmalion eine Synthese aus Ovids, Rousseaus und Suppés Abhandlungen zu sein. Professor Higgins, welcher die Figur des Pygmalion verkörpert, erkennt Menschen, die in einer derartigen Weise wie Eliza sprechen, jedes Vorhandensein einer Seele und das Recht auf Leben ab.[1] Er arbeitet an Eliza (Galathée) mit der Euphorie eines Künstlers, der aus einem rohem Felsbrocken etwas Vollkomme­nes schaffen möchte.[2] Anders als in den vorhergehenden Versionen wird Eliza nicht erst im Nachhinein "Seele" verliehen, sondern sie ist bereits bevor sie zu Higgins kommt eine eigenständige Persönlichkeit, was jedoch von Higgins unerkannt bleibt.[3] Wie in Suppés Operette behandelt und betrachtet er Eliza als sein Werk und sein Eigentum, was im fünften Akt deutlich wird, als Eliza das Haus verlassen hat und Higgins sie wie einen verloren Gegenstand von der Polizei su­chen läßt.[4] Anders als bei Rousseau, wo Galathée erst nach ihrer Vollendung und Bele­bung ihr Selbst erkennt, ist sich Eliza ihrer Persön­lichkeit und der Verwandlung, welche sie durch die Bearbeitung von Higgins und Picke­ring erfährt, die ganze Zeit über be­wußt.[5] Higgins erkennt sie jedoch - im Gegensatz zu Rousseaus Pygmalion - erst dann als respektables Lebewesen an, als diese sich vollstän­dig von ihrem "Erschaffer" lossagt.[6] Immer wieder wird zunächst von Mrs Pearce, dann von Mrs Higgins und später von Eliza selbst die Frage aufgeworfen, was aus ihr nach ihrer "Vollendung" geschehen soll. Higgins weigert sich darüber nachzudenken, da ihn nur der Prozeß der Wandlung selbst fasziniert. Ihm wäre daher auch eine Rückverwand­lung im Sinne Suppés recht, was hier die Rückkehr in die Gosse bedeutet.[7] Angesichts der Unmöglichkeit einer Rückverwand­lung und in Anbetracht des Verlustes der Unab­hängigkeit[8] ist Elizas Weigerung, sich ihm zu versklaven[9] eine Charakterstärke eigen, die Higgins soziale Unreife nur noch deut-licher betont. Ganz klar hat Eliza erkannt, daß es wenig erstrebenswert ist, sich den Part­ner nach seinem Idealbild zu verändern oder zu erschaffen[10], was Higgins, auch nachdem Eliza ihn endgültig verlassen hat, nicht begrei­fen wird. Diesem Ansatz ist eine aufgeklärte Sozialkritik zu eigen, der sich Lerners My Fair Lady verschließt.

In beiden Stücken hat sich Higgins bis zum Schluß nicht wesentlich verändert, Elizas Person ist jedoch von vornherein auf Veränderung in jedem Sinne ausgelegt. So wird nicht nur ihre Aussprache, die Kleidung und die Manieren geändert, sondern auch die Sprache an sich, ihre Haltung, ihr Gefühl für gesellschaftliche Maßstäbe und ihr Selbst­wertgefühl verändern sich. Das soziale Gefälle, das zu Anfang des Stückes spürbar ist, hat sich zum Ende hin eher umgedreht, als daß es nun ausgeglichen wäre. Die plötzlich durchschimmernde Möglichkeit der Veränderung Higgins, die Alan Jay Lerner Higgins in My Fair Lady in letzter Minute verleiht, sowie Elizas Aufgabe ihrer Selbstachtung, um "der Liebe willen", die im Happy End als nicht so tragisch empfunden, wenn überhaupt bemerkt wird, entsprechen nicht dem bisherigem Fluß der Handlung. Obwohl Lerner von Shaw die Textpassagen übernommen hat, in denen Eliza auf Respekt ihrer Person gegen-über besteht,[11] degradiert er sie in der letzten Szene zu einem verstehendem und forde-rungslosem Weib, die dem Mann zugesteht, daß er seine Manieren und sein Verhal­ten nicht wirklich verändern muß, wenn seine Gefühle für sie erkennbar sind.[12] Somit ist, was Shaw der Sage um Pygmalion an Tiefe gegeben hat, von Lerner wieder genommen worden. (Dieses soll keine Kritik im eigentlichem Sinne sein, denn natürlich hat das Mu-sical von seiner Beschaffenheit her ganz anderen Maßstäben zu genügen.)

3. Der Vergleich von Shaws Pygmalion und Lerners My Fair Lady im Einzelnen

Um einen genauen Vergleich der beiden Stücke vorzunehmen, müßte man eine Art textliche Gegenüberstellung vornehmen, bei der auf die jeweiligen Textverschiebungen, Textkürzungen, neu eingefügte Passagen und Personen, gestrichene oder veränderte Charaktere gleich an entsprechender Stelle hingewiesen würde. Da dieses Vorgehen leider den Rahmen dieser Hausarbeit sprengt, muß auf diese Ausführlichkeit verzichtet und mit den auffälligsten Abwandlungen vorlieb genommen werden. Somit wird das Hauptaugenmerk auf die Bühnengestaltung, die mitwirkenden Charaktere, die Songs, die charakterlichen Veränderungen der wichtigsten Charaktere und den Kontrast zwischen London und Broadway gerichtet.

3.1. Bühnengestaltung

Da das Musical von je her auf ausgefeilteste Bühnentechnik der Broadway-Theater rechnen konnte, und das New Yorker Publikum auch, was die Bühnenbilder angeht, mit außergewöhnlicher und extravaganter Gestaltung verwöhnt war, war es nicht nur mög­lich, sondern sogar zwingend notwendig, die eher schlicht gehaltene Bühnengestaltung von Shaws Pygmalion in ein bemerkenswert auffälliges Spektakel mit raschen Bildfolgen umzugestalten, damit das Musical My Fair Lady überhaupt eine Chance hat, sich am Broadway zu behaupten.

Insgesamt wurden aus fünf Akten achtzehn Szenen in zwei Akten, woraus man bereits auf die schnelle Bildabfolge in My Fair Lady schließen kann. Um diese zu ermöglichen bediente sich Lerner mehrerer Tricks.

Im Wesentlichen hat er die Szenen gestückelt. So schafft er es z.B. den 5. Akt des Pygmalions, welcher nur im Salon der Mrs.Higgins spielt, in fünf verschiedene Szenen mit entsprechenden fünf verschiedenen Bildern zu fächern. Dieses ermöglicht nicht nur eine farbenprächtige Abwechslung sondern verleiht dem Stück auch das hohe Tempo, welches in der Regel dem Musical eigen ist.

Ein besonderer Kunstgriff Lerners besteht darin, Episoden, die im Pygmalion nur er­zählt werden, szenisch auszugestalten. Dies sind insbesondere das Kneipenmilieu des Alfred Doolittle in den Szenen 2 und 4 im ersten Akt und der 3.Szene im zweiten Akt, und die glanzvolle Ballszene am Ende des ersten Aktes. In gewissem Sinne zählt auch Freddys Szene in der "Wimpole Street" (1.Akt, Szene 8) hierzu, da dieses Warten im Pygmalion nur erzählt wird,[13] obwohl das Bühnenbild der Wimpole Street auch bereits im Pygmalion verwendet wird (zweite Hälfte vom 4.Akt).

Auch fügt Lerner gestalterische Komponenten hinzu, denen kein handlungstragendes Element zugrunde liegt und die somit eher der Ausschmückung des Bühnenbildes dienen. Zunächst sind in diesem Zusammenhang die drei Straßenkünstler in Szene 1 im ersten Akt zu nennen, die durch ihre akrobatischen Kunststücke und Tanzschritte die Szene optisch enorm bereichern und ein für das Musical typisches Element einbringen.[14] Auch die Ascot Gavott (1.Akt, Szene 7) beinhaltet nichts, was die Handlung weiterführen würde und dient allein der optischen Gestaltung, welche durch die unnatürliche Steifheit der Damen und Herren an die Traumsequenzen früherer Musicals erinnert.[15]

[...]


[1] "A woman who utters such depressing and disgusting sounds has no right to be anywhere - no right to live. Remember that you are a human being with a soul and the divine gift of articulate speech [...]." G.B. Shaw, Pygmalion, S.1-94 und A.J.Lerner, My Fair Lady, S.95-191 in Pygmalion and My Fair Lady, hrsg. von Richard H. Goldstone (New York: Signet, 1975), hier S. 11. Alle weiteren Zitate aus diesem Buch nur unter Angabe der Seitenzahl, bzw. im direktem Vergl. ggf. zuzügl. des Titels des jeweiligen Stückes; bei Zitaten im Text erfolgt dieAngabe der Seitenzahl in Klammern im Text.

[2] "But you have no idea how frightfully interesting it is to take a human being and change her into a quite different human being by creating a new speach for her.", "[We're] Inventing new Elizas." S.53.

[3] "You will jolly soon see whether she has an idea that I havnt put into her head or a word that I havnt put into her mouth. I tell you I have created this thing out of the squashed cabbage leaves of Covent Garden [...]." S.78. "Higgins (looking at her in cool wander): The creature is nervous, after all." S.64.

[4] "Mrs Higgins: [...]What right have you to go to the police and give the girl's name as if she were

[...] a lost umbrella, or something?" S.73.

[5] "[...] but now I cant go back to it. You told me, you know, that when a child is brought to a foreign country, it picks up the language [...], and forgets its own. Well, I am a child in your country. I have for­gotten my own language, and can speak nothing but yours." S.80.

[6] "Higgins: [...] By George, Eliza, I said I'd make a woman of you; and I have. I like you like this.

Liza: Yes: you turn round and make up to me now that I'm not afraid of you, and can do without you.

Higgins: Of course I do, you little fool. Five minutes ago you were like a millstone round my neck.

Now youre a tower of strength: a consort battleship. [...]" S.88.

[7] "Well, when Ive done with her, we can throw her back into the gutter; and then it will be her own busi­ness again; [...]" S.23. "Why didnt you leave me where you picked me out of - in the gutter? You thank God it's all over, and that now you can throw me back again there, do you?" S.64. "[...] If you cant stand the coldness of my sort of life, and the strain of it, go back to the gutter.[...]" S.87.

[8] "Oh! if I only could go back to my flower basket! I should be independent of both you and father and all the world! Why did you take my independence from me? Why did I give it up? I'm a slave now, for all my fine clothes."S.85.

[9] "You think I must go back to Wimpole Street because I have nowhere else to go but father's. But dont you be too sure that you have me under your feet to be trampeld on [...]." S.87.

[10] "Higgins: Can he make anything of you? Thats the point.

Liza: Perhaps I could make something of him. But I never thought of us making anything of one another; and you never think of anything else. I only want to be natural." S.86.

[11] "[...] but I'm not dirt under your feet."Pygmalion, S.86 und My Fair Lady, S.185, "That's not a proper answer to give me."Pygmalion, S.87 und My Fair Lady, S.185, "But don't you be too sure that you have me under your feet to be trampled on and talked down."Pygmalion, S.87 und My Fair Lady, S.185.

[12] "(Higgins straightens up. If he could but let himself, his face would radiate unmistakable relief and joy. If he could but let himself, he would run to her. Instead, he leans back with a contented sigh pushing his hat forward till it almost covers his face.) Higgins (softly): Eliza? Where the devil are my slippers? (There are tears in Eliza's eyes. She understands.)"My Fair Lady, S.191.

[13] "Freddy: ... I spend most of my nights here. It's the only place where I'm happy." S. 68.

[14] Da das Musical ein Mischprodukt verschiedener Theaterformen des Broadway ist, vereinigt es auch ebenso viele spezifische musicaltypische Merkmale in sich. Akrobatische Einschübe entspringen eher einer Vaudeville und Revue geprägten Vorgeschichte, während das extravagante Bühnenbild sichtlich der Extravaganza zuzuschreiben ist.

[15] z.B. in Oklahoma! von Rodgers und Hammerstein (1943).

Details

Seiten
18
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638600880
ISBN (Buch)
9783638955072
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68962
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
keine Benotung
Schlagworte
Pygmalien George Bernard Shaw Fair Lady Alan Lerner Vergleich Musicals Musicalverfilmungen

Autor

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