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Ovid, Metamorphosen III339-510: Echo und Narziss

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung
1.1 Die Motivation der Narzissgeschichte: die erste Vorstufe
1.2 Die Echofigur: die zweite Vorstufe

2 Hauptteil: Das Schicksal des Narziss
2.1 Metrische Analyse III 442-473
2.2 Übersetzung
2.3 Textkritik

3 Rezeption des Mythos

4 Literaturangaben

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erzählung Ovids von Echo und Narziss. Als Vorlage für diese Geschichte dienten Ovid verschiedene griechische Sagen, die folgende Bestandteile gemeinsam hatten: die Schönheit des Knaben Narziss und dessen Begehrlichkeit, seine Hybris gegenüber Eros, die Quelle, das todbringende Spiegelmotiv und die Verwandlung in eine Narzisse. Ovid war vermutlich der erste, der Echo in den Mythos einfügte. Da die Echofigur bei der Komposition der Erzählung ein wichtiges Element darstellt, ebenso, wie die Weissagung des Tireisias’, soll der Mythos im Ganzen betrachtet und untersucht werden. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit der Gestalt des Protagonisten, d.h. der Fokus ist auf den Teil der Erzählung gerichtet, der die direkte Rede Narziss’ beinhaltet. Begonnen wird die Arbeit also mit der Vorgeschichte, d.h. mit der Entstehung Narziss’, dem Orakelspruch des Tireisias und der Echofigur. Dann, im Anschluss an die Betrachtung der direkten Rede von Narziss folgt die metrische Analyse der Zeilen 442- 473, die Übersetzung des selben Abschnittes und die kurze Erörterung von drei textkritischen Problemen. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick auf die Rezeption des Mythos.

1.1 Die Motivation der Narzissgeschichte: die erste Vorstufe

Narziss ist der Sohn der Wasernymphe Liriope, die vom Flussgott Cephisos einst vergewaltigt wurde. Das Produkt dieses Gewaltakts, der ja eigentlich ein Liebesakt sein sollte, ist Narziss, den man schon als infantem –als Kind- lieben konnte (345). Das Passiv von amari lässt die fehlende Eigenschaft des aktiven Liebens, die Narziss entbehrt, bereits anklingen. Narziss ähnelt seiner pulcherrima mater nicht nur äußerlich, sondern trägt auch die Last ihrer traumatischen Erfahrung in sich, was an seinem Verhalten gegenüber Echo sichtbar wird. Seine Mutter Liriope befragt kurz nach der Geburt ihres Sohnes indirekt nach seinem Tode, indem sie den Seher Tiresias befragt, ob ihrem Sohn denn ein langes Leben beschert sein werde. Seine Antwort lautet: si se non noverit -wenn er sich nicht wahrnimmt-, wodurch er vor dem verhängnissvollen Spiegelbild des Knabens warnt. Die Aussage des Sehers bezieht sich auf das delphische γνωθι σαυτόν –Erkenne Dich selbst-. Umgekehrt wird es durch die Verneinung, welche durch die zwei Zäsuren umrahmt und zusätzlich durch die Anapher bzw. Alliteration betont ist.[1] Die Aussage heißt also, Narziss wird nur so lange leben, solange er sich selbst nicht sieht bzw. erkennt. Das Verb noscere beinhaltet zwei Wahrnehmungsstufen, d. h. Narziss wird ein langes Leben beschert sein, wenn er sich erstens: visuell nicht wahrnimmt und zweitens: er sich seiner selbst nicht bewußt wird. Der Orakelspruch ist der Ursprung, von dem aus die Geschichte motiviert wird, denn er bestätigt die Unfehlbarkeit des Tireisias, die durch Art des Todes und die novitas furoris- die Neuheit des Wahnsinns am Ende bewiesen wird.[2]

Unser Protagonist Narziss ist also ein junger Mann von sechszehn Jahren, äußerlich höchst attraktiv, jedoch innerlich von einem hochmütigen Wesen, was so gar nicht zu seinem Äußeren zu passen scheint: sed fuit in / tenera / tam dura superbia forma. Die Zartheit seiner Gestalt wird durch die zwei Zäsuren hervorgehoben, die tenera einrahmen, das Hyperbaton tenera … forma spiegelt auch auf der Textebene wieder, das die schroffe Hochmut von einem zarten Äußeren umgeben ist. Aufgrund seines Hochmuts, den in der Regel lediglich die Götter ungestraft haben dürfen, ließ er sich von den vielen Jünglingen und jungen Mädchen, die ihn begehrten nicht verführen.[3] Diese Zeilen verfasste Ovid nach dem Vorbild der Verse Catulls (62, 42): multi illum pueri, multae optavere puellae … nulli illum pueri, nullae optavere puellae.[4] Ovid variiert sie, setzt für pueri iuvenes und für optavere cupiere. Durch die Antithese wird die Unerfüllbarkeit des Verlangens unterstrichen. Auch wählt er cupiere mit Bedacht, denn es ist weitaus stärker als optavere und betont dadurch die Begehrlichkeit des Narziss, bei dem alle Liebesmüh vergeblich ist.[5]

1.2 Die Echofigur: die zweite Vorstufe

Als Beispiel einer enttäuschten Bewerberin wird die Nymphe Echo eingeführt. Echo wird vor allem durch ihre akustischen Eigenschaften (vocalis, resonabilis) charakterisiert. Ursprünglich geschwätzig vereitelte sie der Juno durch longe sermone -lange Rede- die amorösen Umtriebe ihres Gatten Juppiter, weswegen Juno sie mit der Beschränkung ihrer Sprechfähigkeit bestrafte. Nunmehr kann sie einzig die letzten Worte fremder Rede wiederholen. Sie spiegelt quasi fremde Worte akustisch wider, wodurch ihr Wesen für Andere auf den Widerhall iterierter Rede reduziert wird. In dem Bedürfnis zu kommunizieren ist sie also von Anderen abhängig, d. h. zur Passivität verdammt und daher, um ihren Mangel zu kompensieren ganz nach außen gekehrt.[6] So trifft sie auf den schönen Narziss, der während der Jagd seine Begleiter verliert. Von seiner Anmut fasziniert, entbrennt sie stehenden Fusses in Liebe zu ihm, folgt ihm verstohlen und ersucht mit ihm zu kommunizieren. Auf die Rufe Narziss’, der ihre Anwesenheit bemerkt hatte, folgt ihr Widerhall. Durch die Zäsuren, die zwischen den Worten Narziss’ und deren Wiederholung steht, wird das zeitlich etwas versetze Erklingen des Echos herausgearbeitet: ’ecquis adest? / et ’adest’, ’huc coeamus ait / … … / ’coeamus’ / retullit Echo.[7] Narziss’ Neuierde ist geweckt, jedoch spiegelt Echo lediglich seine Stimme wider, quasi als sinnvolle Vorstufe[8] zur optischen Spiegelung seiner äußeren Gestalt. Echo, in ihrer Kommunikationsfähigkeit höchst behindert, bringt es dennoch fertig ihm eine unmissverständliche Liebeserklärung (’sit tibi copia nostri!’) zu machen.[9] Diese Offenbarung verrät die Bereitschaft Echos zur völligen Selbstaufgabe. Sie wagt sich den Schutz des Waldes zu verlassen, um sich dem Ersehnten an den Hals zuwerfen (388/9) und ihm ihre völlige Hingabe zu versprechen. Aber jeder Versuch Echos mit Narziss in Kontakt zu treten und damit ihrer Einsamkeit zu entrinnen, scheitert und macht ihre Einsamkeit sogar noch schlimmer.[10] Narziss, der von der körperlichen Zuwendung Echos verschreckt wurde, flieht und weist das Mädchen zurück. Ganz seiner hochmütigen, spröden Art entsprechend, tut er dies in derber Weise: …’manus complexibus aufer! ante’ ait’ emoriar, quam sit / tibi / copia nostri’ -Lass die Hände weg von den Umarmungen, eher sterbe ich, als dass ich dir zur Verfügung gereiche- (391/2), wobei -Dir- tibi durch den Einschluss zweier Zäsuren noch hervorgehoben wird. Auf die Doppeldeutigkeit dieser Worte, die ein Teil des Pseudodialogs zwischen Narziss und Echo bzw. ein Teil von Narziss’ Selbstgesprächs sind, weist Cancik hin.[11] Echo jedenfalls wird durch diese zurückweisenden Worte derart verletzt, dass der stetig wachsene Schmerz ihrer Entleiblichung Vorschub leistet bis ihr Dasein schließlich auf den Widerhall ihrer Stimme reduziert wird (393-401). Diese bleibt trotz ihrer Körperlosigkeit weiter bestehen: … et in aera sucus corporis omnis abit; … vox manet … . Mit der Echofigur liefert Ovid ein ausführliches Beispiel der Unzulänglichkeit Narziss’, die Zuneigung anderer zu erwidern, jedoch ist es nicht Echo, die die Götter um Vergeltung bittet, sondern ein anderer der verschmähten Bewerber[12]: ’sic amet ipse licet, sic non potiatur amato!’ - ’Es gebührt, dass er selbst so liebe, wie man ihn nicht lieben darf!’ Unerwiderte Liebe also soll die Strafe für Narziss sein, denn er hatte wohl unüberlegt geäußert, als er sprach: ante’ …’ emoriar, quam sit / tibi / copia nostri’, womit er sich eher den Tod wünschte, als eine amor mutuus mit Echo einzugehen.[13] Die Göttin Nemesis[14] erhört die gerechte Bitte der Verschmähten und gibt dem Ersuchen statt (406).

[...]


[1] Vgl. Kommentar von Bömer S. 538

[2] Dörrie, H.: Echo und Narcissus. S. 60

[3] Vgl. Kommentar von Bömer

[4] Vgl. Kommentar von Bömer. S. 542

[5] Dörrie, H.: Echo und Narcissus. S. 66 ff

[6] Ringleben, J.: Woran stirbt Narziß? S.9 ff

[7] Die in der Antike sehr beliebte Technik der „Echospielerei“ ist Ovid durch die „lebendige Einordnung des Echos in die laufende Rede“ besonders gut gelungen. →Vgl. Kommentar von Bömer S. 547

[8] Cancik, H. Spiegel der Erkenntnis. S. 46

[9] Dörrie, H.: Echo und Narcissus. S. 63

[10] Ringleben, J.: Woran stirbt Narziß? S.8

[11] Cancik, H. Spiegel der Erkenntnis. S. 49

[12] Mit despectus 404 bleibt offen, ob es sich um einen Bewerber oder eine Bewerberin handelt, zuletzt wurde aber coetus viriles erwähnt. Vgl. Dörrie S. 64 & Kommentar von Bömer S.550

[13] Dörrie, H.: Echo und Narcissus. S. 64

[14] Nemesis wurde im attischen Rhamnus kultisch verehrt, sie galt als Gottheit, deren Aufgabe es u.a. war die Hybris verschmähter Liebe zu bestrafen, Dorrie macht aus ihr eine Göttin der Gerechtigkeit. Vgl. Kommentar von Bömer S. 551

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638612241
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68945
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Klassische Philologie
Note
2,3
Schlagworte
Ovid Metamorphosen III339-510 Echo Narziss

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Titel: Ovid, Metamorphosen III339-510: Echo und Narziss