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Italienische Städte im sozialen und demographischen Wandel

Essay 2006 10 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die italienische Bevölkerungsstruktur im Wandel
2.1 Der demographische Wandel

3. Italien, der heterogene Raum

4. Das Wachstum der italienischen Städte
4.1 Das Wachstum der Großstädte
4.2 Die Stadt Mailand

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Italien hat sich in den 1950/60er erfolgreich vom Agrar- zum Industriestaat gewandelt und gilt seit Beginn der fordistischen Wirtschaftsentwicklung als wichtigster Industriestaat im Mittelmeerraum. Das Wachstum der Wirtschaft war jedoch nicht nur durch ökonomische Faktoren bestimmt, sondern ebenso durch die Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen. Italien hat sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht modifiziert, auch das generative Verhalten der Bevölkerung hat sich dem der Partnerstaaten der EU angepasst. Da die Attraktivität der Städte mit dem positiven Wandel der Wirtschaft zunahm, war das Wachstum dieser unabwendbar. Die Großstädte wuchsen infolge der starken Landflucht und brachten immense Stadtregionen hervor. Die Stadtentwicklung, der soziale Wandel als auch die Veränderungen der Wirtschafts- und Erwerbsstruktur stellen demnach eine enge Verflechtung im Zuge der Industrialisierung dar und haben den Prozess der Verstädterung enorm beeinflusst.

2. Die italienische Bevölkerungsstruktur im Wandel

2.1 Der demographische Wandel

Die italienische Bevölkerung wuchs seit 1901 (33,8 Mio.) bis in die Nachkriegszeit (1961: 50,6 Mio.) enorm. Der Wandel zur Stagnation ergab sich erst in den 1970er Jahren, so dass die Bevölkerungszahlen seither nur noch geringfügig steigen. Die stationäre Entwicklung resultiert aus dem gewandelten generativen Verhalten, welches einen Fertilitätsrückgang aufweist. Der natürliche Saldo (1996: -0,3‰) bildet zusammen mit Deutschland (-1,1‰) den niedrigsten Wert innerhalb der EU und die Geburten- unterschreiten seit 1993 kontinuierlich die Sterbeziffern.[1] Der italienische Bevölkerungsprozess war bis zum Zensus 1981 (Zählung findet dekadisch statt) durch seine Gleichförmigkeit und Begrenztheit gekennzeichnet, so dass in Italien sprunghafte Ab- und Zunahmen, mit Ausnahme der WK, fehlen. „Die Verdoppelung der Bevölkerung von 25 auf 50 Millionen hat exakt 100 Jahre gedauert und den Zeitraum von 1861 bis 1961 umfaßt.“[2] Es sei jedoch anzumerken, dass seit Gründung des italienischen Nationalstaates 1861 eine große Anzahl an Überseemigranten verzeichnet werden kann.

Die Kontinuität des Wachstums ist demnach auch ein Zeichen der schlechten Arbeitsmarktsituation. Migration ist, ob national oder international, in Italien traditionell ein Ventil zur Überwindung wirtschaftlicher Schwächephasen und zur Existenzsicherung ökonomisch benachteiligter Regionen gewesen.[3] Die starken innerstaatlichen Disparitäten beziehen sich jedoch nicht nur auf ökonomische Faktoren, auch die Bevölkerungsstruktur und –dynamik ist (und war) geprägt durch das Nord-Süd-Gefälle. Die regionalen demographischen Unterschiede haben sich angeglichen; der Mezzogiorno hat unlängst seine Funktion als Garant (Ausgleich) für das Bevölkerungswachstum durch seinen hohen Geburtenüberschuss verloren.[4] Die ehemals typischen Merkmale des Südens, wie die sehr hohe Säuglingssterblichkeit oder der geringe Anteil unehelicher Geburten, gehören der Vergangenheit an. Auch der Altersaufbau, die Tendenz zur Urnenform, ähneln sich sowohl in Nord- als auch in Süditalien. Der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat äußert sich gleichermaßen in der Abnahme der Heiraten, demgegenüber steigen die Zahlen der Ziviltrauungen, dem Anstieg des Alters der Frauen bei Erstgeburten und der Verminderung der Kinderzahl je Frau (1991/95: 1,33/1,18). Die typische italienische Großfamilie wurde abgelöst durch die Kernfamilie, folglich werden die Familien kleiner (1981/91/95: 3,0/2,8/2,7 Personen).[5] Abschließend kann festgestellt werden, dass sich die demographischen Unterschiede der Apenninhalbinsel zusehends verwischen und Italien sich nicht nur in ökonomischer Hinsicht innerhalb der EU integriert hat.

2.2 Der soziale Wandel

Der Fortschritt der Wirtschaft ist nicht einzig auf die ökonomischen Komponenten zurückzuführen, der Wandel der Gesellschaft hat dem beigetragen. Der soziale Wandel bezeichnet „meist freiwilliges Ausscheiden aus dem durch Geburt gegebenen sozialen Umfeld mit dem Ziel, in einer anderen, meist höher empfundenen gesellschaftlichen Ebene Fuß zu fassen, um die eigene wirtschaftliche Existenz zu verbessern“[6]. Sozialer Wandel kann als Prämisse für jeglichen Umschwung gelten und ging in Italien einher mit dem Verlassen der ruralen Gebiete; der Arbeitsmigration vor allem in den Norden des Landes. Der Ausstieg aus dem gewohnten sozialen Milieu wird mit der Verbesserung der sozialen Mobilität verbunden, zumindest aber mit der Verbesserung der finanziellen Einkünfte. Sozialer Wandel impliziert auch immer die Dynamik der gesellschaftlichen Veränderung, wobei zu beachten sei, dass der Wandel stets von der Qualifikation des Akteurs abhängig ist. D.h. das Input der Akteure ist von immenser Bedeutung und wird darüber hinaus durch eine hohe räumliche Mobilität begünstigt. Sozialer Wandel vollzieht sich räumlich betrachtet zwar nicht gleichmäßig, jedoch kann konstatiert werden, dass er von den Impulszentren nach außen streut.

So kam es beispielsweise zur Arbeitsmigration eines großen Anteils von Dorfbevölkerungen, die kollektiv migrierten. Diesbezüglich kann angenommen werden, dass die Bindungen an die sozialen Institutionen, z.B. Großfamilie, schwächer geworden sind, was ebenfalls an der Verminderung der Familienmitglieder aufgrund des generativen Verhaltens liegen mag und somit nicht nur am Reiz der höheren Einkünfte in den Zielgebieten. Die Wanderung ganzer Dörfer hat zur Folge, dass sich die Migranten in den Stadtregionen stark konzentrieren, wenn nicht sogar segregieren. Die bestehenden alten sozialen Netze werden oft kaum ausgebaut. Konflikte unter den Stadtbewohner ergeben sich vor allem dann, wenn die Zugewanderten innerhalb eines Quartiers in der Minderheit sind.[7]

Letztlich sei zu bemerken, dass sozialer Wandel stets von weiteren Komponenten, wie Demographie, Ökonomie, Veränderung der Erwerbsstruktur, Verstädterung etc., abhängig ist.

3. Italien, der heterogene Raum

Italien kann nicht als homogener Raum verstanden werden, da er sich ohnehin in kulturgeographischer Sicht in zwei Räume teilt: in Süditalien, den Mezzogiorno und in Nord- und Mittelitalien.[8] Dieser Umstand wurde durch die späte Einigung 1861 des kapitalistischen Nordens und des feudalistischen Südens Italiens nicht begünstigt. „Nicht von ungefähr fällt Italien seitdem in zwei so unterschiedliche, alle Wirtschafts- und Lebensbereiche umfassende Teilgebiete.“[9] Die räumliche Trennung ist aber vielmehr durch die großen Verkehrsachsen und bestehende Bevölkerungsagglomerationen, die Industrialisierung und den Kosten für Bauland bestimmt. Die Stadtregionen (áree metropolitane) der Apenninhalbinsel lassen sich in drei Typen aufteilen: die Stadtregionen Nord-, Mittel- und Süditaliens.

Norditalien wird beherrscht von einer 30-50km breiten Zone der Po-Ebene zwischen den Provinzen Turin und Údine, wo auf 7% der Landesfläche ein Viertel der Bewohner Italiens lebt. Unter den Dichtezonen Norditaliens nehmen die Agglomerationen Mailand und Turin eine Sonderstellung ein.[10]

Die Stadtregionen Mittelitaliens heben sich aufgrund ihrer Lagegunst und wirtschaftlichen Bedeutung heraus, wobei die Hauptstadt Rom eine Sonderstellung einnimmt. Das Städtenetz südlich der Toskana ist in drei Hauptachsen gegliedert. Die wichtigste mit circa 1,5 Mio. Einwohnern reicht von Livorno über Pisa nach Florenz, dieses Gebiet ist trotz der Durchdringung mit ländlichen Räumen, die typisch für die Toskana ist, auffallend verstädtert. So weist die Region eine hohe Bevölkerungsdichte, viele industrielle Klein- und Mittelbetriebe und ein dichtes Siedlungsnetz auf. Mittelitalien nimmt eine Art Übergangsstellung zwischen dem hochentwickelten Norden und dem sozioökonomisch angeschlagenen Süden des Landes ein.[11]

Im Unterschied zu Mittelitalien, dass neben Rom nur Florenz als Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern hat, hat Süditalien sechs Stadtregionen: Neapel-Salerno, Bari, Tarent, Catánia, Palermo und Cágliari. Den Städten und Stadtregionen Süditaliens fehlt es im Gegensatz zu denen Nord- und Mittelitaliens jedoch an Eingliederung in den Gesamtraum, oft sind sie von vornherein durch ihre geographische Lage schwerer zu erschliessen. Das Wachstum der südlichen Stadtregionen ereignete sich langsamer als der des Nordens und war vor allem durch natürliches Bevölkerungswachstum und nicht durch Migration bestimmt. Auch die Bemühungen des Staates einer monetären Unterstützung, wie in Form von Kapitalzuwendungen oder Steuervorteilen, konnte die Balance zwischen Nord und Süd nicht herstellen.[12]

[...]


[1] Siehe Rother, Klaus (2001): Italien am Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Geographische Rundschau, Bd. 53, Heft 4, S. 4.

[2] Siehe Achenbach, Hermann (1983): Regionale Merkmale der natürlichen Bevölkerunsdynamik in Italien. In: Erdkunde-Archiv für wissenschaftliche Geographie, Bd. 37, Heft 3, S. 176.

[3] Siehe ebd.

[4] Siehe Rother, Klaus (2003): Italiens Bevölkerung im Wandel der Gegenwart. In: Europa Aktuell, 11. Jahrgang, Heft 3, S. 138.

[5] Siehe Rother, Klaus (2001): Italien am Beginn des 21. Jahrhunderts, S. 5.

[6] Siehe Wagner, Horst-Günter (2001): Mittelmeerraum, Geographie-Geschichte-Wirtschaft-Politik, Darmstadt, S. 117.

[7] Siehe ebd., S. 117-133.

[8] Siehe Rother, Klaus/Tichy, Franz (1985): Italien: Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik, Darmstadt, S. 153-157.

[9] Siehe Sabelberg, Elmar (1997): Ein, zwei oder drei Italien? Zur kulturgeographischen Gleiderung Italiens. In: Breuer, Toni (Hrsg.), Geographische Forschung im Mittelmeerraum und in der neuen Welt, Passauer Schriften, S. 25.

[10] Siehe Geske, Rainer (1993): Italien – drei ökonomische und soziale Großräume. In: Erdkundeunterricht, Bd. 45, Heft 2, S. 57-58-

[11] 1Siehe Rother, Klaus/Tichy, Franz (1985): Italien: Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik, S. 162.164.

[12] Siehe ebd., S. 164-165.

[13] Siehe ebd., S. 165-166.

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638612050
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68913
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Geographisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Italienische Städte Wandel Stadtgeographie Stadtplanung Italien

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Titel: Italienische Städte im sozialen und demographischen Wandel