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Die Sakralarchitektur Gottfried Böhms in Köln

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 35 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Kirchenbau in Köln nach 1945

2. Kurzbiographie Gottfried Böhms

3. Die Kölner Kirchen Gottfried Böhms
3.1 Kapelle St. Kolumba
3.1.1 Außenbau
3.1.2 ... Innenraum
3.2.. Pfarrkirche St. Anna
3.2.1 Städtebauliche Situation und Außenbau
3.2.2 Innenraum
3.3.. Rektoratskirche St. Theresia
3.3.1.. Städtebauliche Situation
3.3.2 Außenbau
3.3.3 Innenraum
3.4. Pfarrkirche und Pfarrzentrum St. Gertrud
3.4.1. Städtebauliche Situation und Außenbau
3.4.2 Innenraum
3.5... Pfarrkirche Christi Auferstehung
3.5.1. Städtebauliche Situation und Außenbau
3.5.2 Innenraum

4. Die Kölner Kirchen als Spiegelbild Böhms stilistischer Entwicklung 1949-

5. Schaffung sakraler Räume bei Gottfried Böhm
5.1.. Liturgische Erneuerungen
5.1.1. Die Gestalt der Kirche
5.1.2... Innenraum und liturgische Ausstattungsstücke
5.2. Sakralität durch Stimmung, Tradition und Bildhaftigkeit

6. Literatur

1. Einleitung: Kirchenbau in Köln nach 1945

Die Stadt Köln war durch die Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges nach 1945 zu etwa 40% zerstört. Diese enormen Zerstörungen führten in den Wiederaufbaujahren zu einem immensen Bauvolumen. Köln stellt sich daher, vor allem im dichteren Innenstadtbereich, als eine Stadt der 1950er und 1960er Jahre dar. Dieses architektonische Zeugnis der Aufbaujahre der Bundesrepublik wurde inzwischen von der Denkmalpflege als schützenswert erkannt. Neben zahlreichen Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungsbauten entstanden auch Kirchenbauten in großer Zahl neu. In der Geschichte Deutschlands wurden nie innerhalb eines Jahrzehnts so viele Kirchen errichtet wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, auch nicht in den Jahren um 1900. In der katholischen Erzdiözese Köln waren die Zerstörungen besonders groß. Hier waren 163 Kirchen und 33 Kapellen so sehr zerstört, dass sie entweder vollständig neu gebaut werden mussten oder dass die Wiederherstellung den Umfang eines Neubaus hatte.[1] Dennoch war nicht nur der Aufbau zerstörter Kirchen, sondern auch Neubau in neuen Siedlungsgebieten erforderlich. Aufgrund der Zuzüge aus den ehemaligen Ostgebieten sowie Bevölkerungsverschiebungen, vor allem durch Verminderung der Bewohnerzahlen in den innerstädtischen Gebieten, bestand ein Bedarf an neuen Kirchen.

Die katholischen Bistümer der Rheinlande wiesen nach dem Zweiten Weltkrieg erneut - wie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jh.s - eine Vielfalt herausragender Bauten auf. Das Erzbistum Köln wurde zu einem führendem Zentrum der Sakralarchitektur, da es einerseits durch ein relativ hohes Steueraufkommen begünstigt war, andererseits waren der Kölner Kardinal Josef Frings und der Diözesanbaumeister Willy Weyres neuen Bauideen aufgeschlossen.[2] Drei Generationen bedeutender Architekten arbeiteten in den Nachkriegsjahrzehnten im Kölner Kirchenbau. Der ältesten gehörten Dominikus Böhm (1880-1955) und Rudolf Schwarz (1897- 1961) an. Von ihrem Schaffen zeugen u.a. die Pfarrkirchen St. Joseph in Köln-Rodenkirchen (1955-56) von Böhm sowie St. Christophorus in Köln-Niehl (1959) von Schwarz. Zu der mittleren Generation gehören Emil Steffann (1899-1968), welcher die Pfarrkirchen St. Laurentius in Köln-Lindenthal (1961) und St. Hedwig in Köln-Höhenhaus entwarf, Hans Schwippert (1899-1974), von dem die Pfarrkirche St. Bartholomäus (1959) stammt, Karl Band (geb. 1900), Josef Bernhard (1902-59) sowie Fritz Schaller (geb. 1904). Band hat zahlreiche Kirchenbauten für Köln entworfen. Dazu gehören der Wiederaufbau der Kirche St. Joahnn Baptist (1960-62), die Pfarrkirchen St. Brictus in Köln-Merkenich (1961-63) und St. Clemens in Köln-Niehl (1964) sowie die Filialkirche St. Johannes der Evangelist in Köln-Stammheim (1969-70). Joseph Bernhard schuf u.a. die Pfarrkirchen St. Georg in Köln-Weiß (1953/54) und St. Joseph in Köln-Dünnwalde (1958). Von Fritz Schaller stammen die Pfarrkirche St. Bruder Klaus in Köln-Mülheim (1957), das Kloster Zum Guten Hirten sowie die Pfarrkirchen St. Thomas Morus (1963) in Köln-Lindethal und St. Urban in Köln-Mülheim (1964-65). Der jüngsten Generation gehört Hans Schilling (geb.1921) an, von dem die Pfarrkirchen St. Alban (1957-59), St. Franziskus in Köln-Bilderstöckchen (1958-60), St. Martinus in Köln-Esch (1966-69) und St. Maximilian Kolbe in Köln-Porz-Eil (1968) sowie die Filialkirche St. Viktor in Köln-Vogelsang (1968) errichtet wurden. Zu dieser Generation gehört zudem Gottfried Böhm, der zweifellos auch zu den bedeutendsten Kirchenarchitekten dieser Zeit zählt.

War der Kirchenbau in den 1950er und 1960er Jahren ein wichtiges Anliegen der Zeit und führten hohes Kirchensteueraufkommen und zukunftsgläubige Planungen für stetig wachsende Pfarreien zu einer Blüte des Kirchenbaus,[3] endete spätestens Mitte der 1970er Jahre die rege Kirchenbautätigkeit im Erzbistum Köln, da der Bedarf gedeckt war und neue Gemeinden danach nur noch selten entstanden.[4] Zudem machten gesellschaftliche Veränderungen, zurückgehende Kirchenbesucher-Zahlen und über den Gottesdienst hinausgehende Bedürfnisse den neuen Typ des Sakralbaus, den multifunktionalen Kirchenbau, erforderlich.[5]

2. Kurzbiographie Gottfried Böhms

Der Architekt Gottfried Böhm wurde 1920 in Offenbach/ Main als Sohn von Dominikus und Maria Böhm geboren.[6] Er studierte 1942-47 Architektur an der Technischen Hochschule München. Aufgrund seines Interesses an der Bildenden Kunst studierte er gleichzeitig Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. An vielen seiner späteren Bauten war er selbst für die Ausstattung der Bauten mit Bildender Kunst tätig. Pehnt sieht in diesem Studium zudem den Grund für die skulpturale Auffassung seiner Bauten, welche sich nicht nur auf die Behandlung des Volumens im Ganzen bezieht, sondern auch im Baudetail, in der plastischen Ausbildung der Konstruktionsglieder sowie an Einzelheiten im Inneren zu erkennen ist. Im Gegensatz zum Großteil der zeitgenössischen Architekten ist das Ornament bei Böhm nicht verpönt, sondern findet als besonderer Gestaltungswille reiche Anwendung.[7]

In den Jahren 1947-50 und 1952-55 arbeitete Gottfried Böhm im Büro des Vaters. Zwischenzeitlich war er 1950 in der Wiederaufbaugesellschaft der Stadt Köln unter Leitung von Rudolf Schwarz tätig.[8] Zudem machte er 1951 eine Reise durch die USA. Dort arbeitete er ein halbes Jahr bei dem Architekten Brother Cajetan Baumann in New York und konnte die Größen des modernen Bauens wie Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe kennenlernen.

Während der letzten Kriegsjahre und bis zur Währungsreform 1948 hatte er unter seinem Vater kleinere Aufgaben übernommen.[9] Die meisten Aufträge betrafen den Wiederaufbau von Kirchen. Zu Beginn der 1950er Jahre folgten größere Kirchenbauten, die teilweise alleine, teilweise in Kooperation mit seinem Vater geschaffen wurden. Nach dem Tod seines Vaters 1955 übernimmt Gottfried Böhm dessen Büro. Zeigt die Werkliste Böhms bis Ende der 1960er Jahre fast ausschließlich Sakralbauten für die Katholische Kirche, so nehmen seit etwa 1970 profane Aufgaben den weitaus größten Teil des Auftragsvolumens ein. Der Wiederaufbau zerstörter Kirchen war abgeschlossen bzw. der Bedarf an Neubauten der Katholischen Kirche weitgehend gedeckt.

Gottfried Böhm hat zahlreiche deutsche und internationale Auszeichnungen bekommen,[10] er lebt und arbeitet in Köln-Marienburg.[11]

3. Die Kölner Kirchen Gottfried Böhms

Der Schwerpunkt von Gottfried Böhms Schaffen lag in den 1950er bis 1970er Jahren, als seine zahlreichen sakralen Bauten entstanden, zweifellos im Rheinland, in Köln und seinem Umland. Die Zahlen der von Böhm entworfenen Kirchenbauten gehen in der teilweise lückenhaften Literatur auseinander. Bei Bollenbeck und Blodiau werden zehn Kirchenbauten, davon nur ein Wiederaufbau, genannt, die von Böhm in Köln geschaffen worden. Im Erzbistum Köln schuf er hingegen 17 Kirchen, davon ebenfalls ein Wiederaufbau.[12] In Pehnts Werkverzeichnis[13] werden die folgenden Kirchen- und Kapellenbauten genannt. Die Kapelle St. Kolumba (1947-50) gilt als Anfang von Gottfried Böhms selbständigem Schaffen, wenn auch die Pfarrkirchen St. Joseph in Köln-Kalk (1951-52) und St. Anna in Köln-Neu-Ehrenfeld (1955-56) noch zusammen mit seinem Vater Dominikus Böhm entstanden. In den 1950er Jahren entwarf er zudem die Rektoratskirche St. Theresia in Köln-Mülheim (1954-55), die Waisenhauskapelle Zur Heiligen Familie in Köln-Sülz (1955/57-59), die Pfarrkirchen St. Fronleichnam in Köln-Porz-Urbach (1957-59) und St. Nikolaus, Kloster vom Guten Hirten in Köln-Sülz (1958) sowie die Universitätskirche St. Johannes der Täufer in Köln-Lindenthal (1958-65). Böhm ergänzte den Turm (1959-60) der Pfarrkirche Maria Königin in Köln-Marienburg, die nach Plänen seines Vaters entstanden war. Die Kapelle des Hildegardis-Krankenhauses in Köln-Lindenthal (1961), der Wiederaufbau der Kirche St. Paul (1965) sowie die Pfarrkirchen St. Gertrud (mit Pfarrzentrum) in Köln-Nippes (1962-66), Christi Auferstehung in Köln-Melaten (1968-70) und in Köln-Brickendorf (1968) sind die Sakralbauten Böhms der 1960er Jahre in Köln.

Aus der Vielzahl der Bauten wählte ich die wichtigsten und für die weitere Diskussion aussagekräftigsten Beispiele heraus, die im folgenden vorerst einzeln genauer betrachtet werden, bevor ich zu den Zusammenhängen komme.

3.1 Kapelle St. Kolumba

Die kleine Kapelle St. Kolumba oder Madonna in den Trümmern an der Brückenstraße im Zentrum der Kölner Innenstadt war die erste eigene Bauaufgabe Gottfried Böhms. Die frühgotische Kirche St. Kolumba, deren Baugeschichte in römische und merowingische Zeiten zurückreicht, war wie viele Kölner Kirchen im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden. Nur die Umfassungsmauern sowie eine spätgotische Marienfigur am Chorpfeiler waren von der Kirche erhalten geblieben. Das Überdauern der Madonnenfigur wurde in der Öffentlichkeit als besonderes Zeichen des Himmels gesehen. Für die Kölner bedeutete das Überdauern des Kultbildes ein Hoffnungszeichen, ein „Symbol des Lebens”, einen „ungeheuren Ansporn für den Wiederaufbau”.[14] Es wurde daher der Entschluss gefasst, eine Kapelle zu errichten. 1947-50 entstand der eigentliche Kapellenbau, die Sakramentskapelle wurde erst 1952-57 angefügt.[15]

2.1.1 Außenbau

Der ursprüngliche Neubau der St. Kolumba-Kapelle, dem Studien für andere Lösungen vorausgingen,[16] fügt sich in den Bestand des zerstörten Altbaus ein. Er besteht aus dem Schiff mit Vorraum, bei dem Sockelteile des alten Turmes mitverwendet wurden, sowie einem oktogonalen Chor, der in Anschluss des Schiffes innerhalb der erhalten Umfassungsmauern des Altbaus entstand. Die Turmmauern wurden für das kurze Kapellenschiff ergänzt, die großen rund- bzw. spitzbogigen Öffnungen weitgehend verschlossen und mit kleineren, der Kapelle angepassten Öffnungen versehen. Ein Gesimskranz aus Resten der Gewölbegrate des Altbaus[17] sowie ein zeltförmiges Dach schließen diesen Bauteil nach oben ab. Der Wasserspeier in Gestalt eines Bären, ein Motiv aus der Legende der Heiligen Columba, entwarf Böhm selbst.[18] Das von einem flachen Zeltdach bedeckte Oktogon ist eine Stahlbeton-Rahmenkonstruktion, deren Flächen entweder als Fenster ausgebildet oder mit Trümmersteinen ausgefüllt sind. Ist der gotische Vorgängerbau beim Schiff noch teilweise im original vorhanden, wird mit der Vertikalität der schlanken, hochrechteckigen Fenster des Chors die gotische Anlage frei rezipiert.

In seinen bescheidenen Ausmaßen und der Wiederverwendung von geborgenem Material des Vorgängerbaus ist die St. Kolumba-Kapelle charakteristisch für die frühe Nachkriegszeit. Es wurde hier jedoch nicht nur aus ökonomischen Gründen und aufgrund fehlenden Baumaterials altes Material wiederverwendet. Die Aura des Altbaus und die Historizität des Ortes sollten bewahrt werden, wobei die Trümmersteine des Vorgängerbaus dem Neubau seine Legitimation gaben.

Dagegen zeigt die nördlich anschließende, 1957 geweihte Sakramentskapelle eine kompromisslos moderne Formensprache. Die Straßenfassade des streng kubischen Baukörpers setzt sich aus einem geschlossenen Sichtbetonsockel sowie einer oberlichtartigen feinmaschigen Gitterstruktur zusammen.

3.1.2 Innenraum

Die kleine Raumfolge im Inneren der Kapelle besteht aus Vorraum, kurzem Schiff und Choroktogon. Man betritt den Vorraum von der Seite, nicht wie im Vorgängerbau in der zentralen Achse. Chor und Schiff sind durch einen gotischen Spitzbogen in Form eines Triumpfbogens voneinander getrennt. Hier wird zwischen zwei unterschiedlichen Funktionen und damit unterschiedlichen Gestaltungsauffassungen geschieden. Der Chor ist als Aufbewahrungsort der geborgenen Madonnenfigur und liturgisches Zentrum durch die stark durchbrochenen Wände besonders erhellt. Die 1954 von Ludwig Gies geschaffenen[19] Buntglasfenster in hellen Farben, welche eine Engelsscharr darstellen, nobilitieren das Licht als ein scheinbar himmliches. In der Mitte des Chors steht erhöht der Altar in Tisch- bzw. Opfersteinform.

Dem hellen, modern wirkenden Chorbereich wird der dunkler gehaltene Gemeindebereich in altem Mauerwerk gegenübergestellt, dem neuen, hoffnungsvollen Zeichen der Madonna die seit Jahrtausenden bestehende Gemeinde. Ein ausgelagertes und wieder eingesetztes Glasfenster von Jan Thorn-Prikker von 1911 sowie ein Katharinenfenster von Georg Meistermann im Vorraum,[20] jeweils in kräftigen Farben, tauchen diesen Raum in gedämpftes Licht.

Dennoch gibt es auch Elemente, die beide Räume miteinander verbinden. Der Fußboden beider Teile wurde aus Trümmerteilen verlegt.[21] Für die Kapelle wurde Böhms erste Hängedecke ausgeführt. Er lehnte sich dabei an die Rabbizgewölbekonstruktionen im frühen Werk seines Vaters an.[22] Chor und Schiff sind mit leichten, hängenden Betondecken überspannt, die an die Stoffgehänge eines Zeltes erinnern. Im Schiff liegt über der Mitte des Raumes in Längsrichtung ein Stahlträger, an den ein Stahlnetzwerk gehängt und von oben mit Beton belegt wurde. Durch das Gewicht des Betons ergab sich die hängende Form,[23] welche außen an der geschwungenen Giebelform abzulesen ist.

Der spätere Anbau der Sakramentskapelle fällt vollständig aus dem stimmigen Gesamtkonzept der Kapelle. Er schließt sich ohne inhaltlichen Zusammenhang nördlich an das Schiff der Kapelle an und ist durch spärliche Beleuchtung in ein mystizierendes Licht getaucht. Die Straßenfront als einzige nicht umbaute Seite lässt aufgrund ihres feinmaschigen Gitterfensters nur wenig Licht in den Innenraum. Zusätzlich fällt durch eine kleine Oberlichtkuppel etwas Licht auf den zentral stehenden, eigenwilligen Tabernakelaltar von Elisabeth Tresckow.[24] Die zahlreichen Kerzen des Tabernakels sollen ihn als kultischen Mittelpunkt des Raumes aus der Dunkelheit herausheben.

Bereits im Jahr der Fertigstellung des Erweiterungsbaus 1957 kam es zu Überlegungen für den Wiederaufbau der Pfarrkirche St. Kolumba innerhalb der alten Mauern unter Einbeziehung der Kapelle.[25] Es wurden zwei Projekte entwickelt, die zum einen eine gleichmäßige Halle mit Hängedecke, zum anderen ein großes Oktogon vorsahen.[26] Beide wurde nicht ausgeführt, ebenso das 1997 von Gottfried Böhm und Friedrich Steinigeweg entworfene Projekt eines Diözesanmuseum an der selben Stelle,[27] wofür Peter Zumthor einen Gegenentwurf lieferte.

3.2 Pfarrkirche St. Anna

Der Neubau der katholischen Pfarrkirche St. Anna auf dem Christine-Teusch-Platz in Köln-Neu-Ehrenfeld entstand 1955/56 nach Entwurf von Dominikus und Gottfried Böhm anstelle eines kriegszerstörten Vorgängerbaus unter Verwendung des erhaltenen Westturms. Dem war 1954 ein begrenzter Wettbewerb vorausgegangen, dessen Pläne im August 1954 genehmigt wurden.[28] Der neoromanische Vorgängerbau, 1907/08 von Adolf Nöcker errichtet,[29] wurde durch Bombenangriffe 1942 und 1944 so schwer zerstört, dass man sich nicht für einen Wiederaufbau entschied.

3.2.1 Städtebauliche Situation und Außenbau

Die Pfarrkirche St. Anna hat eine wichtige städtebauliche Stellung innerhalb des Stadtteils Neu-Ehrenfeld. Sie folgt hierin teilweise ihrem Vorgängerbau. Die Kirche funktioniert innerhalb der spätklassizistischen Planung als Blickfang. Sie steht auf dem Christine-Teusch-Platz (ehem. Ottoplatz) in der Achse der Eichendorffstraße. Der Turm ist über diese Achse auf den Boulevard der Gürtelstraße (Ehrenfeldgürtel) ausgerichtet, dient jedoch auch in der Querachse der Ottostraße als Orientierung. Die konsequentere axiale Ausrichtung des Vorgängerbaus wurde teilweise aufgehoben, indem die ursprüngliche Ostung der Kirche aufgegeben wurde. Der heutige Chor ist zum erhaltenen Westturm ausgerichtet. Der Eingang entstand anstelle des alten Chores. Damit ging die Achse Eichendorffstraße - Turm mit Zugang - Kirchenschiff - Chor verloren. Dennoch blieb der Turm städtebauliches Zeichen in der alten Achse.

St. Anna ist eine dreischiffige Hallenkirche in Stahlbetonskelett-Konstruktion, welche aus vier Betonbindern besteht, die aus zwei Reihen Pfeilern und einer geschwungenen Dachverbindung gebildet werden. Dabei bindet die fünfte Achse das alte Turmmassiv ein. Die Wandflächen wurden anschließend eingestellt. Die rotbraunen Längswände sind aus Trümmer-Ziegel-Splitt-Beton der Ruine der alten Kirche gegossen. Lichtbänder trennen sie vom Dach. Die Eingangsfront und teilweise die Chorwand sind über die gesamte Fassadenhöhe verglast. Die Kirche zeigt sich in einer äußerst klaren, sachlichen Architektur. Die großflächige Unterteilung der Fassaden wird durch das Skelett vorgegeben. Während die Seitenwände vollständig ungegliedert sind, zeigen die Glasflächen ein gleichförmiges quadratisches Raster. Die Sachlichkeit des Baus wurde ursprünglich unterstrichen durch die vollständige Materialsichtigkeit von Beton, Glas und Werkstein sowie das Sichtbarmachen der Konstruktion mittels der verglasten Stirnseiten. Indem die filigrane Konstruktion außen sichtbar wird, erhält der gesamte Bau eine leichte Wirkung. Der massive Charakter der Seitenwände wird durch die erwähnten Lichtbänder aufgehoben, welche die Wände vom Dach trennen. Dadurch wird klar, dass die Wände keine tragende Funktion besitzen, das Dach wirkt schwebend. Der leichte Charakter des Kirchenschiffes wird auch nicht durch das mächtige Werkstein-Portal beeinträchtigt, welches der Eingangsseite vorgestellt ist, da es deutlich von der Fassade abgerückt ist. Das Portal korrespondiert im Material sowie in den schweren Formen mit dem Turm. In der Aussparung der Portalscheibe war eine Madonnenfigur vorgesehen. Trotz der Leichtigkeit des Baus entsteht durch seine Großzügigkeit sowie das schwere Portal eine Monumentalität, welche durch die erhöhte Lage, die Freitreppe sowie die ehrenhofartigen Flügelbauten betont wird.

Die ursprüngliche Wirkung des Entwurfs Böhms ist durch Modernisierung und Veränderung Anfang der 1970er Jahre[30] beeinträchtigt worden. Die Wände aus Trümmer-Ziegel-Splitt-Beton hatten den Nachteil, dass sie Feuchtigkeit anzogen. Daher wurden die Außenwände mit einer ornamenthaften, postmodernen Verkleidung aus Kupferbändern und Schieferplatten verkleidet.[31] Im Zuge dieser Arbeiten wurde der Turm renoviert und vermutlich der rechte der beiden Seitenflügel verändert.

[...]


[1] Vgl. Weyres, S. 11.

[2] Vgl. Kahle, S. 83.

[3] Ebenda, S. 82.

[4] Vgl. Bollenbeck, S. 25.

[5] Vgl. Kahle, S. 82.

[6] Vgl. Darius, S. 8.

[7] Vgl. Pehnt, S. 10/12.

[8] Vgl. Darius, S. 8.

[9] Ebenda, S. 12.

[10] Ebenda, S. 8.

[11] Vgl. Pehnt, S. 166.

[12] Vgl. Bollenbeck, Blodiau 1995, S. 67f.

[13] Vgl. Pehnt, S. 167-69.

[14] Böhm zitiert bei Pehnt, S. 44.

[15] Vgl. Pehnt, S. 44.

[16] Ebenda.

[17] Vgl. Raèv 1988, S. 77.

[18] Vgl. Pehnt, S. 46.

[19] Ebenda.

[20] Vgl. Pehnt, S. 46.

[21] Vgl. Raèv 1988, S. 77.

[22] Ebenda, S. 76.

[23] Ebenda, S. 77.

[24] Vgl. Pehnt, S. 46.

[25] Vgl. Raèv 1982, S. 31.

[26] Vgl. Raèv 1988, S. 78/79.

[27] Vgl. Pehnt, S. 44.

[28] Vgl. D. Böhm S. 526.

[29] Vgl. Kier 2000, S. 196.

[30] Oder 1977/78?

[31] Vgl. Heyberg, S. 3.

Details

Seiten
35
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638611503
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68813
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1
Schlagworte
Sakralarchitektur Gottfried Böhms Köln

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Titel: Die Sakralarchitektur Gottfried Böhms in Köln