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Gattungskritik als methodische Grundlage für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bibel

Hausarbeit 2006 14 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriff der Gattungskritik

3 Die Methode der Gattungskritik
3.1 Gattungskompetenz
3.2 Sitz im Leben
3.3 Beispiele für den Wandel des Sitzes im Leben

4 Arten von Gattungen in den synoptischen Evangelien
4.1 Gattungen des Redestoffs
4.1.1 Logien bzw. Weisheitsworte
4.1.2 Prophetische und apokalyptische Worte
4.1.3 Ich-Worte
4.1.4 Gesetzesworte und Gemeinderegeln
4.1.5 Gleichnisse
4.2 Gattungen des Erzählstoffs
4.2.1 Wundergeschichten
4.2.2 Legenden
4.2.3 Die Leidensgeschichte
4.3 Zwischenformen

5 Anwendung der Gattungskritik
5.1 Der Text (Die Heilung eines Gelähmten, Mk 2,1-12)
5.2 Textbeschreibung
5.3 Gattungsbestimmung
5.4 Der Sitz im Leben
5.5 Die Intention

6 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit im Rahmen des Proseminars „Biblische Methodenlehre“ beschäftigt sich mit der Gattungskritik. Dabei wird zunächst der Begriff der Gattung geklärt, der die Methode der Gattungskritik ausmacht, bevor die Gattungskompetenz als unvermeidbare Voraussetzung zum Lesen und Verstehen verschiedenartiger Texte anschaulich dargestellt wird. Auch der „Sitz im Leben“ ist ein wichtiger Teil der Gattungskritik, der hier näher vorgestellt wird, bevor ausführlich die in den synoptischen Evangelien vorkommenden Gattungen samt Untergruppen beschrieben und durch Bibelstellen veranschaulicht werden. Danach, wenn die Voraussetzungen durch die theoretische Vorarbeit gegeben sind, wird die Gattungskritik an einer Bibelstelle Anwendung finden. In einem Schlussteil werden die Ausführungen reflektiert werden.

2 Begriff der Gattungskritik

Gattungskritik bezeichnet die Methode, die Gattung eines Textes näher zu untersuchen und sie dabei mit anderen, vergleichbaren Texten, die Gemeinsamkeiten ausweisen, zu vergleichen. Dabei sollten einige Dinge beachtet werden, die dann bei der Interpretation des Textes nützlich sein können. Formkritik ist demnach die Methode, sich mit der Form eines Einzeltextes auseinanderzusetzen.

Die Begriffe „Gattung“ und „Form“ werden in der historisch-kritischen Exegese oftmals synonym verwendet, da die Art der Einzeltexte und die Gattungen in der Heiligen Schrift als Gesamtheit verstanden werden müssen.

Die Gattungskritik geht davon aus, dass eine Verbindung zwischen Form und Inhalt eines Textes besteht. Der Anlass, die Situation und die Intuition haben demnach Einfluss auf den Stil der Schrift.

Das größte Problem bei der Bestimmung einer Gattung ist die Individualität des Redaktors. Jeder Mensch hat einen persönlichen Stil zu schreiben und selbst wenn man noch so sehr versuchen würde, sich streng an eine Gattung zu halten, wäre es doch unmöglich in einem allgemeinen Stil, mit dem anderer verglichen, zu schreiben, sondern die Art wäre immer unterschiedlich, wenn auch möglicherweise nur minimal.[1]

Das macht die Gattungsbestimmung schwierig, dass man sich bei ihr nicht von der persönlichen Note des Autors/Redaktors beeinflussen lässt.

Außerdem bestehen Texte selten aus reinen Gattungen, sondern setzen sich aus Mischformen zusammen. Sie haben eine formale sowie eine inhaltliche Seite, um ihrer Interpretationen gerecht zu werden, dürfen sie „nie isoliert voneinander gesehen werden“.[2]

3 Die Methode der Gattungskritik

Zunächst untersucht die Gattungskritik den Text, seine Struktur, den Satzbau, die Wörter und die Auffälligkeiten. Danach wird der Text mit ähnlichen Texten verglichen, in denen gleiche Wörter und Formen Umgang finden. Mit diesen Informationen soll die Gattung bereits bestimmt werden und wie diese sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Dann soll der „Sitz im Leben“, der sozio-kulturelle Hintergrund untersucht werden, der allerdings sowohl in der ältesten Form des Textes, als auch in einer neueren Form des späteren Redaktors Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Mit diesen Informationen schließlich kann die Intention eines Textes bestimmt werden.[3]

3.1 Gattungskompetenz

Gattungskompetenz ist die Fähigkeit, Texte richtig einzuordnen. Bei schwierigerer Literatur mag das nicht so einfach sein, als wenn „nur“ Zeitungsberichte, Märchen oder Kochrezepte unterschieden werden sollen.

„Wie wichtig diese Gattungskompetenz (…) sein kann, zeigt ein berühmt gewordenes Experiment, das der spätere amerikanische Filmregisseur Orson Wells im Jahre 1938 durchführte. Er berichtete in einer nach der Gattung „Reportage“ gestalteten Hörfunksendung von der Invasion von Marsbewohnern in New Jersey und löste damit panikartige Reaktionen bei den Hörern der Sendung aus. Ihnen war nicht bekannt, dass Orson Wells den Stoff (…) in eine andere Gattung, eben die einer Life-Reportage, umgesetzt hatte. Der Sender hatte alle Mühe, dies aufzuklären und seine Hörer zu beruhigen“.[4]

Allerdings kann man die Gattungskompetenz auch als literarisches Mittel nutzen, als Mittel der institutionellen Kommunikation, wenn bewusst eine fremde Gattung gewählt wird, was, anders als bei der Invasion der Marsbewohner, den Menschen sofort eindeutig auffällt. So wie die Traueranzeige von Greenpeace Deutschland, die um den „Deutschen Wald“ trauert, der „nicht mehr ist“.[5]

3.2 Sitz im Leben

Als „Sitz im Leben“ bezeichnet man das soziale Umfeld aus dem heraus ein Text entsteht. Um ihn zu bestimmen, werden Vorkenntnisse über das jeweilige Thema vorausgesetzt. Der Einzeltext darf nicht in sich geschlossen betrachtet, sondern als Teil eines Ganzen gesehen werden. Die Frage ist, warum der Text von wem auf diese Art und Weise geschrieben wurde. Wurde er von einem späteren Redaktor überarbeitet? Zu welchem Zweck? Wer hat ihn geschrieben und in welchem Umfeld hat diese Person gelebt?

Diese Fragen sind sehr wichtig um einen Text interpretieren zu können, da vor allem die Zeit die verschiedensten Situationen stark verändert und sie nicht missverstanden werden sollen. So herrscht z.B. in der heutigen Zeit ein anderes Verständnis bzgl. Geschlechterverhältnissen, Todesstrafe oder Unglaube. Außerdem bedeutet es heute etwas anderes, wenn Menschen eine spezifische Wegstrecke innerhalb einer bestimmten Zeit zurücklegen.

3.3 Beispiele für den Wandel des Sitzes im Leben

Das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22, 1-14):

Der Ursprüngliche Sitz im Leben dabei ist die Verkündigung Jesu vom Kommen der Gottesherrschaft. Die Gattung „Gleichnis“ soll dabei die Beweiskraft der Aussage stärken. Während aber die Hörer Jesu Juden waren, sind die Adressaten der Redaktors Matthäus jetzt Christen, was sich auch auf die Intention des Textes auswirkt. Jesus wollte seine Hörer auf die Gefahr aufmerksam machen, wenn seine Einladung abgelehnt wird. Matthäus aber bemerkt, dass „nicht jeder getaufte Christ auch einen christlichen Lebenswandel führt. Seine Intention: Ermahnung der Gemeinde zu einem der Berufung würdigen Verhalten“.[6]

So dienten auch Wundergeschichten ursprünglich der Mission, während sie im späteren Kontext der Evangelien der Veranschaulichung der Botschaft Jesu dienen.

[...]


[1] Vgl. Söding, Thomas, Wege der Schriftauslegung, S. 39.

[2] Utzschneider, Helmut, Arbeitsbuch literaturwissenschaftlicher Bibelauslegung, S. 118.

[3] Vgl. Söding, Thomas, Wege der Schriftauslegung, S. 40.

[4] Utzschneider, Helmut, Arbeitsbuch literaturwissenschaftlicher Bibelauslegung, S. 114.

[5] Vgl. ebd., S. 120.

[6] Vgl. Söding, Thomas, Wege der Schriftauslegung, S. 47.

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638596268
ISBN (Buch)
9783638768528
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68793
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Gattungskritik Grundlage Auseinandersetzung Bibel

Autor

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