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Die Volksrepublik China - Großmacht oder Nebenakteur der Weltwirtschaft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. „Weltmacht“ und „Weltwirtschaftsmacht“

II. Die chinesische Volkswirtschaft in historischer Perspektive

III. Die chinesische Volkswirtschaft am Ende des 20. Jahrhunderts
III.1 Die absolute und relative Größe der chinesischen Volkswirtschaft
III.2 Chinas Einbindung in die internationale Arbeitsteilung
III.3 Chinas Einbindung in die supranationalen Gremien der Weltwirtschaft
III.4 Die Bedeutung des Renminbi (RMB) im internationalen Währungssystem
III.5 Wettbewerbskraft chinesischer Unternehmungen
III.6 Probleme der chinesischen Volkwirtschaft

Schluss: China – eine Weltwirtschaftsmacht?

Literatur

Einleitung

Kreft bestimmt den Aufstieg der Volksrepublik China und der gleichzeitige Niedergang der Sowjetunion als die beiden wichtigsten Entwicklungen seit den achtziger Jahren, die ihm zufolge das Gesicht der Welt nachhaltig verändert haben und unsere Gegenwart prägen. Innerhalb weniger Jahre ist die Volksrepublik China von der Peripherie in das Zentrum der internationalen Politik gerückt. Die Wurzeln dieses Aufstiegs des „Reichs der Mitte“ sieht Kreft in dem radikalen ökonomischen Kurswechsel unter Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre begründet.[1] Seit Beginn dieser Wirtschaftsreformen hat die Volksrepublik ein jährliches Wirtschaftswachstum von neun bis zehn Prozent erreicht, was den chinesischen Wirtschaftsleistungen die Bezeichnung „Wirtschaftswunder“ eingebracht und dazu geführt hat, dass viele Experten in China die Weltmacht des 21. Jahrhunderts sehen[2]: „China, it is claimed, has become the fourth growth pole of the world economy after the United States, the European Community and Japan.“[3] Hirn zufolge „[gab es] in der Weltgeschichte [...] bisher nichts Vergleichbares. Noch nie hat ein so großes Volk, ein so riesiges Land sich in einer solchen Geschwindigkeit auf seinen Weg in die Weltwirtschaft gemacht.“[4]

Die Einschätzungen darüber, ob China nun als (werdende) Weltwirtschaftsmacht zu bezeichnen ist oder nicht, gehen jedoch weit auseinander. So konstatiert Przystup: „The 21st century promises to be the century of China.“[5] Segal hingegen vertritt die Ansicht, China sei „overrated as a market“ und „at best a minor [...] part of the global economy.“[6] Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Frage, ob China zu Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich den Status einer Weltwirtschaftsmacht eingenommen hat oder eher als Regionalmacht im asiatischen Raum zu sehen ist.

Hierbei findet eine Beschränkung auf den ökonomischen Aspekt der Weltmachtfrage statt, also auf die Frage, ob es sich bei China in wirtschaftlicher Hinsicht um eine Großmacht handelt. Evident ist jedoch, dass auch viele andere Faktoren wie die Größe Chinas, seine Bevölkerungsgröße, der Besitz von Atomwaffen, der ständige Sitz im Sicherheitsrat und die chinesische Kultur dazu beitragen, dass China als Großmacht angesehen wird. Die isolierte Analyse des ökonomischen Bereichs erscheint jedoch als gerechtfertigt, da Fehlbier zufolge erst der Anstieg des chinesischen Einflusses im globalen Wirtschaftssystem dazu führte, dass sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit mehr und mehr auf China richtete.[7]

Die Arbeit beginnt mit einer Definition der Begriffe „Weltmacht“ und „Weltwirtschaftsmacht“ (Kapitel I). Nachfolgend wird ein kurzer Blick auf die historische Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft geworfen (Kapitel II). Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Analyse der Volksrepublik China am Ende des 20. Jahrhunderts (Kapitel III). Diskutiert werden hier in Orientierung an den von Taube aufgestellten Kriterien für eine Weltwirtschaftsmacht[8] die absolute und die relative Größe der chinesischen Volkswirtschaft (III.1), Chinas Einbindung in die internationale Arbeitsteilung (III.2) und seine Einbindung in die supranationalen Gremien der Weltwirtschaft (III.3), die Bedeutung des Renminbi im internationalen Währungssystem (III.4) und die Wettbewerbskraft chinesischer Unternehmungen (III.5). Ausführlich thematisiert werden in einem weiteren Unterkapitel aktuelle Probleme der chinesischen Volkswirtschaft (III.6). Abschließend wird gefragt, ob die im Vorhergehenden dargestellten Fakten es erlauben, China als (zukünftige) Weltwirtschaftsmacht zu betrachten oder nicht.

I. „Weltmacht“ und „Weltwirtschaftsmacht“

Eine Weltmacht ist Meder zufolge

ein Staat, der im internationalen Staatensystem aufgrund seiner wirtschaftlichen, politischen und militärischen Stärke eine Vormachtstellung einnimmt und globalen Einfluss ausüben kann.[9]

Murray nennt als Kriterien für eine Weltmacht militärische Macht, wirtschaftliche Potenz und innerstaatliche Stabilität.[10] Ikenberry und Kupchan kritisieren an Definitionen wie den beiden eben angeführten die zu starke Beschränkung auf Militär und Wirtschaft. Ihrer Ansicht nach muss auch die Ideologie eines Staates und sein ordnungspolitisches Verhalten im internationalen System bei der Frage, ob einem Staat der Status einer Weltmacht zukommt, berücksichtigt werden.[11] Auch Brzezinski geht über die Kriterien der politischen und militärischen Stärke hinaus und nennt als weitere Bedingungen die technologische Entwicklung eines Staates, seine internationale Popularität und seine kulturelle Attraktivität.[12]

Taube weist darauf hin, dass ein Staat nicht notwendig jedes der genannten Kriterien für den Rang einer Großmacht erfüllen muss und dennoch diesen Status innehaben kann. Als Beispiel nennt er die UdSSR während des „Kalten Kriegs“, die in diesem Zeitraum unbestreitbar in politischer und militärischer Hinsicht eine Supermacht darstellte, nicht jedoch in Bezug auf die Weltwirtschaft.[13]

Wie schon in der Einleitung erklärt, beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf den ökonomischen Aspekt, also auf die Frage, ob es sich bei China in wirtschaftlicher Hinsicht um eine Großmacht handelt. Taube bestimmt mehrere Kriterien, die eine Volkswirtschaft erfüllen muss, um als Weltwirtschaftsmacht fungieren zu können. Vorhanden sein muss ihm zufolge sowohl eine beträchtliche absolute Größe der Volkswirtschaft als auch eine herausragende relative Größe gegenüber anderen Volkswirtschaften. Weitere Kriterien sind die Existenz von inländischen Unternehmen die in der Lage sind, sich in globalen Oligopolmärkten zu behaupten, eine intensive Einbindung der betreffenden Volkswirtschaft in die internationale Arbeitsteilung auf den Ebenen des Güter- und des Kapitalverkehrs und die Bereitstellung einer international akzeptierten Währung. Des Weiteren muss eine Weltwirtschaftsmacht in die supranationalen Gremien, die für die Regelsetzung grenzüberschreitender ökonomischer Interaktionen zuständig sind, voll eingebunden sein.[14] Die Analyse der gegenwärtigen chinesischen Volkswirtschaft im dritten Kapitel dieser Arbeit folgt den von Taube aufgestellten Kriterien.

Die Kriterien, die sich auf die Integration einer Volkswirtschaft in die internationale Arbeitsteilung beziehen (Einbindung in den internationalen Güter- und Kapitalverkehr, Einfluss auf das der Weltwirtschaft zu Grunde liegende Regel- und Normenwerk, Existenz einer international nachgefragten Währung) sind deshalb wichtig, weil eine Volkswirtschaft allein durch ihre absolute Größe nicht zur Weltwirtschaftsmacht wird:

Eine große Volkswirtschaft, die nicht in Interaktion mit anderen Volkswirtschaften tritt, [spielt] letztlich in der ‚Weltwirtschaft’ keine Rolle [...]. Sie führt stattdessen ein isoliertes Dasein; ihre Existenz oder Nicht-Existenz ist für die übrige Weltwirtschaftsgemeinschaft ohne Konsequenz.[15]

II. Die chinesische Volkswirtschaft in historischer Perspektive

Die chinesische Volkswirtschaft erlebte während der frühen Qing-Dynastie einen lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung. 1820 erwirtschaftete China ungefähr ein Drittel des globalen Brutto-Inlandsprodukts (BIP). Allerdings fand zu dieser Zeit kaum ein wirtschaftlicher Austausch mit anderen Weltregionen statt. Ab dem frühen 19. Jahrhundert erlebte China einen beständigen ökonomischen Niedergang, und so betrug sein Anteil am Welt-BIP in der Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch ca. 5 Prozent.[16] Als die kommunistische Partei 1949 offiziell die Führung Chinas übernahm, war das Land in wirtschaftlicher Hinsicht völlig zerrüttet.[17]

Während der ersten Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft wurde ein zentralverwaltungswirtschaftliches System etabliert. Wesentliches Merkmal der chinesischen Volkswirtschaft bis 1978 war, dass der Umfang und die Verwendung des Sozialprodukts strikt zentralistisch bestimmt wurden.[18] Die wirtschaftlichen Kontakte zur „1. Welt“ und zur „2. Welt“ wurden fast vollständig ausgesetzt und China führte „ein isoliertes Inseldasein“.[19] Zhang beschreibt die chinesische Volkswirtschaft wie folgt: „A developing economy of an unusual size, traditionally self-sufficient, and a command economy controlled and closed-off by a Communist regime.“[20] Mao maß dem internationalen Handel bei seinem Vorhaben, China zu industrialisieren, nur einen geringen Stellenwert zu; „foreign aid and investment were rejected outright as symbols of dependence and foreign exploitation.“[21] Selbstversorgung wurde zu einem zentralen wirtschaftspolitischen Prinzip. Exporte dienten allein dazu, die Devisen für den Import von Gütern zu beschaffen, die benötigt wurden, im Inland jedoch nicht hergestellt werden konnten. Das Ziel beim Außenhandel war eine ausgeglichene Handelsbilanz.[22] In dieser Periode stabilisierte sich der Anteil Chinas am Welt-BIP bei ca. 5 Prozent, die chinesische Volkswirtschaft wuchs also mit dem Weltdurchschnitt.[23]

[...]


[1] Vgl. Kreft, Heinrich: China – die kommende Großmacht. Vom Objekt zum Akteur der internationalen Politik. Aus Politik und Zeitgeschichte 2000 (51). http://www.bpb.de/publikationen/JIQR7N.html, 25.11.2006.

[2] Vgl. Taubmann, Wolfgang: Wirtschaftsgeographische Grundlagen und aktuelle räumliche Veränderungen (Beitrag zum Seminar: China als aufsteigende Weltmacht des 21. Jahrhunderts, Februar 2001). www.bpb.de/veranstaltungen/9GAVHD,0,0,Wirtschaftsgeographische_Grundlagen, 25.11.2006.

[3] Zhang, Yongjin: China in International Society since 1949. Alienation and Beyond. New York 1998, 194.

[4] Hirn, Wolfgang: Herausforderung China. Wie der chinesische Aufstieg unser Leben verändert. Bonn 2006, 10.

[5] Przystup, James J.: Thinking about China. In: Canyon, A.M. (Ed .): Assessment of China into the 21st Century. New York 1997, 73. Zitiert nach Meder, Steffen: China im 21. Jahrhundert. Regional- oder Weltmacht? München 2000, 11.

[6] Segal, Gerald: Does China matter? In: Foreign Affairs 1999 (78), 24-36, hier 24 und 28.

[7] Vgl. Fehlbier, Tobias: Chinas wirtschaftlicher Aufstieg. In: 360°. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft. 2006 (1), 22-35, hier 23.

[8] Vgl. Taube, Marcus: China als Weltwirtschaftsmacht: Potenziale und Defizite (Beitrag zum Seminar: China als aufsteigende Weltmacht des 21. Jahrhunderts, Februar 2001). www.bpb.de/veranstaltungen/ HHS5CV,7,0,China_als_ Weltwirtschaftsmacht, 25.11.2006.

[9] Meder (2000), 15.

[10] Vgl. Murray, Geoffrey: China – The Next Superpower. New York 1998, 1ff.

[11] Vgl. Ikenberry, G. John/Kupchan, Charles A.: The Legitimation of Hegemonic Power. In: Rapkin, David R. (Ed.): World Leadership and Hegemony. Boulder 1990, 49. Zitiert nach Meder (2000), 15.

[12] Vgl. Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt 1999, 45ff.

[13] Einer Einstufung als Weltwirtschaftsmacht widersprechen die absolute Größe der Volkswirtschaft der UdSSR, die Intensität ihrer weltweiten Wirtschaftsbeziehungen, die Einflusslosigkeit des Rubels und der nur indirekte Einfluss auf das Regelwerk des internationalen Wirtschaftsverkehrs. In der „Zweiten Welt“ fungierte die UdSSR jedoch als uneingeschränkt herrschende ökonomische Großmacht. Vgl. hierzu detaillierter Vgl. Taube (2001).

[14] Vgl. Taube (2001).

[15] Taube, Marcus: Die Rolle der VR China in der Weltwirtschaft: Supermacht oder Nebendarsteller? In: Luther, Susanne/Opitz, Peter J.: Chinas Rolle in der Weltpolitik. Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 25. München 2000, 139-152, hier 139.

[16] Vgl. Taube (2000), 140f.

[17] Vgl. hierzu detaillierter Weiss, Udo: Die Basis der Außenpolitik: Chinas wirtschaftliche Entwicklung im Überblick. In: Ansprenger, Franz/Groeling, Erik von (Hg.): Die Außenpolitik Chinas. Entscheidungsstruktur, Stellung in der Welt, Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland. München 1975, 49-81, hier 49ff.

[18] Vgl. Müller, Markus/Wellmann, Dennis: Vom Plan zum Markt. Transformationsökonomie China. In: 360°. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft. 2006 (1), 10-21, hier 13.

[19] Taube (2000), 141.

[20] Zhang (1998), 195.

[21] Vgl. Ross, Madelyn C.: China’s International Economic Behaviour. In: Robinson, Thomas W./Shambaugh, David (Ed.): Chinese Foreign Policy. Theory and Practice. Oxford 1994, 435-452, hier 441. China nahm zwar keine ausländische Hilfe entgegen, startete selbst aber ein Entwicklungshilfeprogramm in der Mitte der 50er Jahre. Vgl. hierzu detaillierter Ross (1994), 440.

[22] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Volksrepublik China. Informationen zur politischen Bildung 289. Bonn 2005, 15.

[23] Vgl. Taube (2000), 141.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638611329
ISBN (Buch)
9783638920940
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68701
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Wissenschaftliche Politik
Note
1,3
Schlagworte
Volksrepublik China Großmacht Nebenakteur Weltwirtschaft Außenpolitik

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