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Das Kaiser Wilhelm Denkmal auf dem Kyffhäuser - Ein Symbol der Reichseinheit -

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 58 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis und Abbildungsnachweis

Einleitung

1. Rund um den Kyffhäuser
1.1. Das Kyffhäusergebirge
1.2. Deutungsmuster und Interpretation des Begriffs „Kyffhäuser“
1.3. Die Rothenburg
1.4. Die Reichsburg Kyffhausen

2. Die Rezeption des Mittelaltermythos im Zeitalter der Romantik
2.1. Die Entstehung von Sagen und Mythen
2.2. Die deutsche Kaisersage
2.2.1. Inhalt und Probleme
2.2.2. Von Friedrich II. zu Friedrich I
2.2.3. Wünsche und Hoffnungen in der deutschen Kaisersage
2.2.4. Der Kyffhäuser als Ort der Kaisersage
2.3. Die deutsche Kaisersage im 19. Jahrhundert
2.3.1. Die Herausbildung der Nationalgeschichtsschreibung
2.3.2. Politische und gesellschaftliche Verhältnisse im 19. Jahrhundert
2.3.3. Barbarossa als literarischer Gegenstand
2.3.4. Die Reichsgründung von 1871 als Erfüllung der deutschen Kaisersage
2.4. Das Kyffhäuserdenkmal ein national-monarchisches Denkmal

3. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Bedeutung der deutschen Kriegerverbände beim Bau des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
3.1. Die deutschen Kriegervereine
3.1.1. Entstehung und Entwicklung der Kriegervereine
3.1.2. Die Reichseinigungskriege als Schlüsselerlebnis
3.1.3. Die Kriegervereine als politische Gruppierungen
3.1.4. Aufgabenbereiche der Kriegervereine
3.2. Der Bau des Kyffhäuserdenkmals
3.2.1. Ideen und Initiativen zum Denkmalbau
3.2.2. Der Kyffhäuser als Standort für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
3.2.3. Projektausschreibung, Finanzierung und Baubeginn
3.2.4. Die Grundsteinlegung
3.2.5. Die Einweihungsfeier
3.2.6. Zur politischen Bestimmung des Denkmals

4. Erbe und Tradition des Kyffhäuserdenkmals
4.1. Träume und Schäume - der Kyffhäuser als Nationalfeststätte
4.2. Das Denkmal in der Weimarer Zeit
4.3. Das Denkmal in der Zeit des Faschismus
4.4. Das Denkmal in der Zeit des Sozialismus
4.4.1. Diskussionen um den Abriss des Denkmals
4.4.2. Umgestaltungspläne und die Rettung des Denkmals
4.4.3. Das Denkmal in der DDR
4.4.4. Das Denkmal nach der Wiedervereinigung

5. Nation - Denkmal - Identität

Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis und Abbildungsnachweis

Abbildung 1: aus: Kuntzemüller, Otto; Die Denkmäler Kaiser Wilhelms des Großen in Abbildungen mit erläuterndem Text, Brmen 1902,

Abbildung 2: Hartung, Ulrich; Rund um den Harz. 33 Wanderungen und Ausflüge, Berlin 1993,

Abbildung 3: aus: Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992,

Abbildung 4: aus: Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992,

Abbildung 5: aus: Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992,

Abbildung 6: aus: Frotscher, Sven; Der Kyffhäuser. Natur, Geschichte, Architektur, Denkmale Europas, Arten 1996,

Abbildung 7: aus: Friz, Diana Maria; Kyffhäuserbund und Kyffhäuserdenkmal, Wiesbaden 1996,

Abbildung 8: aus: Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992,

Abbildung 9: aus: Frotscher, Sven; Der Kyffhäuser. Natur, Geschichte, Architektur, Denkmale Europas, Arten 1996,

Einleitung

“Bald naht der festliche Tag, an welchem die Hülle von dem Denkmal fallen wird, welches die deutschen Kriegerverbände ihrem großen Heldenkaiser Wilhelm, dem Weißbart, auf dem Gipfel des Kyffhäusers, dem Berge der Kaisersagen, errichtet haben. Schon rüsten sich Kaiser Wilhelm II., der würdige Enkel des unvergleichlichen Helden und Friedensfürsten, und Deutschlands Fürsten, sowie die Vertreter der deutschen Kriegerverbände aus Nord und Ost, Süd und West des Vaterlandes zum Marsche nach der “goldenen Aue” und hinauf zu der hehren Stätte, von wo demnächst das erhabenen Standbild herabschauen wird auf die Lande und reden von des Reiches Einigkeit, Macht und Herrlichkeit.”[1]

Mit diesen einleitenden Worten aus dem Gedenkblatt Bruno Emil Königs anlässlich der Errichtung des Kaiser Wilhelm Denkmals auf dem Kyffhäuser vom 18.6.1896 ist die vorliegende Arbeit in nahezu allen Bereichen umrissen.

Nach einigen einführenden Bemerkungen rund um den Kyffhäuser, bei denen Lage, Begriff und Bauwerke kurz betrachtet werden, steht im zweiten Abschnitt die Sage um Barbarossa im Mittelpunkt. Dabei werde ich der Bedeutung der Rezeption des Mittelalters im 19. Jahrhundert nachgehen und anhand des Mythos um Barbarossa den Zusammenhang zwischen ihm und Wilhelm I. zu verdeutlichen versuchen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die zum Bau des Denkmals führten, werden im dritten Abschnitt erörtert. Dabei wird vor allem den Kriegervereinen besondere Aufmerksamkeit geschenkt, indem auch auf ihre Entwicklung und Bedeutung im Kaiserreich eingegangen wird. In diesem Zusammenhang wird auch ihre Selbstinitiierung anhand der Einweihungsfeier des Denkmals verdeutlicht. In dem letzten Abschnitt wird der Fragestellung nach Erbe und Tradition im Umgang mit dem Denkmal vom Kaiserreich bis in unsere heutige Zeit nachgegangen, bevor zum Abschluss einige Gedanken zum Thema Nation-Denkmal-Identität geäußert werden, die Grundlage für weitere Arbeiten und Diskussionen zu diesem Thema sein können.

Zum Themenbereich des Kyffhäusers gibt es eine umfangreiche Literaturbasis, die von Reisebeschreibungen über Sagen bis hin zu wissenschaftlich thematischen Abhandlungen reicht. In meiner Literaturauswahl habe ich versucht, aus allen Bereichen eine Vielzahl von Quellen zu schöpfen, um einen möglichst umfang- und facettenreichen Einblick in die Geschichte des Kaiser Wilhelm Denkmals zu bekommen. Auf einzelne Werke sei aber bereits an dieser Stelle hingewiesen. Zur Sage um Barbarossa diente mir neben dem HZ Artikel von Georg Voigt von 1871 vor allem das Werk von Stefanie Barbara Berg, in dem neben hilfreichen Quellenangaben eine gute Zusammenfassung zur Beurteilung Barbarossas im 19. und 20 Jahrhundert zu finden war. Einen guten Überblick über die deutschen Kriegervereine fand ich in dem Werk Rohkrämers und im Aufsatz von Düding, die beide neben der Bedeutung auch die Akzeptanz der Kriegervereine in der Bevölkerung untersuchen. Als Basisliteratur für den gesamten Themenkomplex diente mir das Werk von Gunther Mai anlässlich der 100 Jahrfeier des Denkmals 1996. Mittels literarischer Quellen und Literatur aus der Zeit des Denkmalbaus wird die Darstellung des Themenkomplexes meines Erachtens nach anschaulicher. Auf weitere Literatur wird im Text hingewiesen und kann dem Literaturverzeichnis entnommen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesamtansicht des Kaiser-Wilhelm-Denkmals um 1900.

1. Rund um den Kyffhäuser

1.1. Das Kyffhäusergebirge

Das Kaiser Wilhelm Denkmal auf dem Kyffhäuser befindet sich auf dem gleichnamigen kleinsten deutschen Mittelgebirge im Norden Thüringens. Idyllisch und ansprechend hat dies Hermann Ferschke in einem Beitrag in der Zeitschrift „Die Gartenlaube” von 1896 beschrieben. Darin heißt es: „Derselbe liegt bekanntlich im nördlichen Thüringen und wird durch das Helmethal, welches die “Goldenen Aue” genannt wird, vom Südharz getrennt; der waldgekrönte Bergzug zwischen den beiden größeren Städten Nordhausen und Sangerhausen, von welchem bisher der einsame alte Turm melancholisch herabblickte und der jetzt von dem majestätischen Kaiser Denkmal gekrönt wird - das ist der Kyffhäuser.”[2]

1.2. Deutungsmuster und Interpretation des Begriffs „Kyffhäuser“

Der Name Kyffhäuser weist auf eine typisch mythologische und historische Überlieferung hin. Herkunft und Deutung der Bezeichnung „Kyffhäuser“ regten immer wieder zu Untersuchungen an, die aber aufgrund der spärlichen Quellenlage zum Begriff „Kyffhausen“ keine eindeutige Antwort zulassen. Auf einige Varianten sei an dieser Stelle hingewiesen. Albrecht Timm verweist in seiner Arbeit auf einige Chronisten, die Schreibweise und Deutung des Kyffhäusers gar mit dem lateinischen confusio (Verwirrung, Vermischung) verbinden. So gebrauchte der Einbecker Chronist des Stadtpfarrers Theoderich Engelhus folgende Vermutung, dass die Römer vom Kyffhäuser aus die benachbarten Länder nicht nur verwirrt sondern gar verwüstet hätten. Da den Thüringern das Wort Confusion allerdings zu schwer fiel nannten sie es nach ihrer Mundart Kipphusen oder Kiffhausen.[3] Heute erscheint uns diese Deutung doch eher fabelhaft.

Andere Begriffsbestimmungen wirken dagegen plausibler. So z.B. die Namensformen „Cufese“, „Cuphese“, „Cuffese“ oder „Kufhuse“, die in ihrem Grundwort „Huse“ auf eine Baulichkeit, also auf ein Haus, verweisen. Hier wird die Analogiebildung zu anderen Bezeichnungen, die auf -hausen enden, deutlich. In dem Wort „Cuf“ scheint die niederdeutsche Bezeichnung für Kuppe oder Kopf enthalten. Danach ließe sich der Kyffhäuser als „Haus auf der Kuppe eines Berges“ auslegen.[4]

Eine dritte und letzte Deutungsmöglichkeit soll hier noch angesprochen werden. Sie leitet den Namensteil „Kiff“ oder „Kyff“ von keifen, streiten ab und bezieht sich aber auch auf die Herleitung des Wortes Haus von „huse“. Damit wäre der Kyffhäuser eine Art Streithaus, eine Bezeichnung für eine Burg oder burgähnliche Befestigungsanlage.[5]

Die Bezeichnungen des Kyffhäusers im Sinne einer Burganlage, die bereits aus dem 13. Jh. stammen, finden durchaus ihre Berechtigung. So gab es auf dem Gebirge zwei alte Burganlagen, die heute nur noch in ihren Grundresten erhalten sind.

Auf dem nach Norden hin steil abfallenden Hauptkamm befinden sich zwei sehenswerte Bauwerke: Zum einen die am westlichen Ende über dem kleinen Ort Kelbra 439 m hoch gelegene Rothenburg mit dem benachbarten Bismarckturm. Und zum anderen die am östlichen Ende über dem Ort Tilleda liegende ehemalige Reichsburg Kyffhausen auf deren Mauerresten sich stolz das Denkmal Kaiser Wilhelms erhebt.

Auf beide dieser Bauwerke soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

1.3. Die Rothenburg

Die Rothenburg verdankt ihren Namen wohl ihrem roten Sandstein, aus dem sie errichtet wurde. Erbaut wurde sie in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts und ist seit dem mit der wechselvollen thüringischen Geschichte eng verbunden. Im Mittelalter befand sich die Burg im Besitz verschiedener Adelsgeschlechter der Rothburger, der Beichlinger, der Wettiner, der Schwarzburger und der von Tütchenrode und sicherte auf diese Weise ihre Herrschaft im nördlichen Thüringen. Der Verfall der Anlage setzte erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein, da sie ab diesem Zeitpunkt unbewohnt blieb. Im 19. Jahrhundert erlebte die Rothenburg die Konstituierung des Kyffhäuserverbandes deutscher Studenten. Im Jahre 1906 errichteten die Studenten an der Nordmauer der mittelalterlichen Burganlage einen Bismarckturm, ein wuchtiger Zylinderbau aus großen Steinblöcken, dessen Turm von einem Kranz von Adlern bekrönt ist, nach den Entwürfen Wilhelm Kreis’. Ende der 30er und Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts fanden umfangreiche Grabungen und Restaurationsarbeiten an der Burganlage statt. Dabei konnte vor allem der runde Bergfried erhalten werden, der durch eine Ringmauer und dem stattlichen zweigeschossigen Palas ergänzt wird.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Bismarckturm auf der Rothenburg

1.4. Die Reichsburg Kyffhausen

Trotz des monumentalen Denkmals Kaiser Wilhelms, lassen sich noch immer die Spuren und Überreste der ehemals staufischen Reichsburg Kyffhausen erkennen. Allem voran die 22 m hohe Ruine des Barbarossa Turms westlich vom Denkmal gelegen. Mit über 600 m Länge war die Reichsburg Kyffhausen eine der größten und wehrhaftesten Burganlagen des Hochmittelalters. Wahrscheinlich wurde sie während der Sachsenkriege unter den Saliern Heinrich IV. und Heinrich V., zum Schutz der kaiserlichen Pfalz Tilleda errichtet. Tilleda war eine der bedeutendsten Pfalzen des Reiches und wurde im 10. Jahrhundert erbaut. 1174 weilte auch Barbarossa dort.

Anfang des 12. Jh. begann der Sachsenherzog Lothar von Supplinburg mit dem Wiederaufbau und dem Ausbau der Anlage, nachdem sie 1118 zerstört worden war. Wenige Zeit nachdem sie unter Kaiser Friedrich I. vollendet, wurde sie 1178 von den Thüringern zerstört und verfiel danach. Im 14. Jahrhundert geriet sie in den Besitz der Thüringischen Landgrafen, welche 1407 die Grafen Heinrich und Günther von Schwarzburg mit Burg und Berg belehnten. Im Besitz der Schwarzburger befand sich die Burg dann von 1667 bis 1918, also auch noch zum Zeitpunkt des Denkmalbaus.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Burg Kyffhausen, Rekonstruktion der Gesamtanlage von Hermann Wäscher, Feder/Tusche

Die Burg bestand ursprünglich aus drei Teilen, der Ober,- der Mittel- und der Unterburg. Doch es nagte nicht nur der Zahn der Zeit an der gesamten Anlage, sondern für den Denkmalbau wurden sogar Ende des 19. Jahrhunderts ganze Teile der Mittelburg abgerissen.

Hermann Ferschke beschriebt in der Zeitschrift „Die Gartenlaube” aus dem Jahr 1896 in einem gelungenen metaphorischen Vergleich die alte Burganlage und das neu errichtete Denkmal wie folgt: „Der Kyffhäuser, der in mächtiger Höhe über der Goldenen Aue thront, von dessen Zinnen der Blick den waldreichen Harz und das grüne Thüringen umspannt, trug bis jetzt auf seinem Haupte, gleich einem verwelktem Lorbeerkranz, die Trümmer einer kaiserlichen Burg, die von dem Glanze des alten Reiches und von dessen Niedergang erzählten - die Neuzeit hat ihm eine neue herrliche Krone aufs Haupt gedrückt: ein Denkmal, wie es sinnreicher in deutschen Landen nicht errichtet werden konnte.”[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: E. Dietzsch, Der Kiffhäuser, Lithographie nach einem Kupferstich von Varoll

Diese von Ferschke angesprochene Verbindung zwischen Altem und Neuem, zwischen Reichsburg und Denkmal, ist kennzeichnend für das 19. Jahrhundert, wie noch zu beweisen sein wird. Dem Mittelalter kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Dies ist nicht zuletzt an der gemeinsamen Darstellung des mittelalterlichen Kaisers Friedrich I. und dem Hohenzollernkaiser Wilhelm I. im Kyffhäuserdenkmal zu erkennen. Im zweiten Teil komme ich daher nun auf die Rezeption des Mittelalters im Zeitalter der Romantik zu sprechen und werde neben dem Zusammenhang zwischen Wilhelm I. und Friedrich I., sowie deren Umsetzung im Denkmalbau, vor allem dem Mythos um Barbarossa besondere Aufmerksamkeit schenken.

2. Die Rezeption des Mittelaltermythos im Zeitalter der Romantik

Um viele bedeutende Berge und Burgen ranken sich Sagen um Könige und Helden aus längst vergangenen Zeiten, egal ob Kaiser Karl der Große in Odenberg bei Fritzlar; Siegfried, Arminius und Ariovist auf Schloss Geroldseck oder Wittekind in dem Berge bei Mehnen an der Weser. Doch keine von alle denen hat eine so große Bedeutung erlangt, wie die Sage von Kaiser Friedrich auf dem Kyffhäuser. Diesen Mythos kann man auch heute noch erahnen, wenn man den Kyffhäuserberg ersteigt und seine Augen über die Reste der mittelalterlichen Burganlage, das gigantische Denkmal Wilhelms I. und die liebliche Landschaft am Fuße des Gebirges schweifen lässt.

2.1. Die Entstehung von Sagen und Mythen

Warum besitzen die Sagen so große Bedeutung und sind bis in unsere heutige Zeit erhalten geblieben? Diesbezüglich lassen sich zwei Gründe nennen. Zum einen wird die „Masse der geschichtlichen Vorfälle und Beziehungen (auf einen) rein menschlichen Kern der Sozialverhältnisse reduziert.“[9] Und zum anderen gewinnen die Menschen als Gestalter dieser Verhältnisse an Bedeutung. In der Sage findet somit eine für den Volksgeist geschaffene Persönlichkeit Ausdruck. Im Bezug auf den Kyffhäuser bedeutet dies konkret, dass das Mittelalter mit Hilfe eines Mythos neu erfunden wurde.[10]

Der Rückgriff auf und die Wiederentdeckung vergangener Kulturen ist ein Charakteristikum für das 19. Jahrhundert und lässt sich als Folgeerscheinung der Französischen Revolution verstehen. Auch wenn es zunächst den Anschein trägt, dass der romantische Rückgriff auf die Vergangenheit, der dem aufklärerischen Vorgriff auf die Zukunft entsprach, restaurativ sei, so spiegelt sich darin doch vor allem der radikale Umsturz überkommener Ordnungen im Namen einer neuen Zivilisation wider.[11]

Der Weg zur Volksanschauung führt vom Wesen der Dinge und Menschen, also von der Geschichte, über Religion und Sage zum Mythos. Mittels diesem kann man zum einen auf reduziertem Maße eine Erklärung für die Vergangenheit und zum anderen Deutungsmuster für die Gegenwart und die Zukunft finden, kurzum die Geschichte als Ganzes verstehen lernen. Auf Barbarossa bezogen heißt das: Seine Bedeutung lässt sich vor allem aus seinem Wirken und seinem Schaffen erklären. Dadurch, dass er ein freies Menschentum, wenn auch unbeabsichtigt, durch den Friedensschluss mit den Langobarden ermöglicht hat, lässt sich seine historische Rolle verstehen. Sein Kaisertum wurde zum Ideal.[12]

Barbarossa erschien den Geschichtsschreibern als ideale Herrschergestalt, als Höhepunkt mittelalterlicher Blüte und Größe. Er wurde zur Verkörperung des nationalen Macht- und Einheitsgedanken und zur Symbolfigur deutscher Hoffnungen auf die Wiedererlangung der vergangenen Reichsherrlichkeit. In diesem Zusammenhang ist es allerdings notwendig einige Ausführungen zur deutschen Kaisersage zu machen. Diese ist als solche nicht so einfach und einheitlich wie es im ersten Moment erscheint. In meiner Argumentation beziehe ich mich dabei auf den Aufsatz Georg Voigts aus der Historischen Zeitung von 1871, dem Jahr der deutschen Reichseinigung.

2.2. Die deutsche Kaisersage

2.2.1. Inhalt und Probleme

Kurz gesagt handelt die Sage vom alten Kaiser, der nicht gestorben ist, sondern verborgen an einem geheimen Ort lebt und eines Tages wiederkehrt, um das Reich wieder aufzubauen und zu alter Herrlichkeit und Blüte zu führen. Diese Sage, auch als Kyffhäusersage bezeichnet, wurde aber im Laufe der Jahrhunderte immer wieder unterschiedlich umgedeutet. Gleich blieb dabei aber stets das unheimliche Verschwinden des Kaisers, wie folgender kurzer Abriss beweist: „Vom Papste in den Bann gethan, irrte der große Kaiser umher. Kein Priester las ihm die Messe, keine Kirchen- und keine Kapellenpforte that sich ihm auf. Da mochte Friedrich nicht mehr auf Erden wandeln. Darum legte er sein Gewand ab, das ihm aus dem Lande India verehrt worden war, nahm ein Fläschchen mit duftendem Wasser zu sich, bestieg sein Leibroß und ritt in einen finsteren Wald, nur gefolgt von einem einzigen Ritter. Im Walde drehte der Rotbart ein Wunschringlein, das er am Finger trug, und wünschte sich dabei fort von der Welt. Und siehe da! - Er verschwand und ward nicht mehr gesehen.”[13] Um dieses Verschwinden und die Erwartung seiner Wiederkehr ranken sich nun die vielfältigsten Sagen, die an dieser Stelle nur angesprochen werden können.

Von Beginn an war es nie eindeutig geklärt, ob sich die Sage auf Friedrich I. Barbarossa bezieht und auch als Ort seines Aufenthaltes war nicht von Anfang an der Kyffhäuser bestimmt. Erst seit der Ballade Friedrich Rückerts von 1813, in der es heißt: „Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich“, ist es zur festen Vorstellung geworden, dass es Barbarossa ist, der auf dem Kyffhäuser sitzt und den Tag der deutschen Einheit erwartet. Dies nahmen dann auch wenige Jahre später die Gebrüder Grimm in ihrer Sammlung lokaler und regionaler Sagen auf, indem sie die Sage 1816 dem Titel: „Friedrich Rothbart auf dem Kyffhäuser“ gaben.[14]

2.2.2. Von Friedrich II. zu Friedrich I.

Ursprünglich bezog sich die Sage aber auf Friedrich II. Dessen plötzlicher Tod in Apulien regte die Phantasie der Zeitgenossen an, dass ihr Kaiser nicht gestorben sei, sondern an einem fremden Ort seiner Wiederkehr harrt. Grund für die Sympathie zu Friedrich II. war die Tatsache, dass er der letzte Kaiser war, der mit voller Kraft den Kampf gegen das Papsttum und seine Pfaffen führte und somit als Garant der Freiheit für das Volk erschien.[15]

Das Volk allerdings, das der Heroengestalt des alten Kaisers erwartete, sprach zunehmend nur von Kaiser Friedrich, da es sich nicht auf die gelehrte Unterscheidung der drei oder vier Friedriche einließ. Dies wäre ein Grund, warum in den Sagen nur vom dem einen „Kaiser Friedrich“ die Rede ist und keine Unterscheidung in Friedrich I. oder II. vorgenommen wird.

Diese Reduzierung auf einen Kaiser Friedrich dürfte denn wohl auch der Hauptgrund für die Umdeutung von Friedrich II. auf seinen Großvater Friedrich I. sein. Bereits die Zeitgenossen der Grimms, Uhland und Hartwig, fanden dafür einfache Erklärungen. Uhland sah den Grund darin, dass sich beide Friedriche in ihren Handlungen und Taten nur schwer trennen lassen und schrieb daher: „Beide Friedriche werden wohl auch sagenhaft verschmolzen sein.“[16] Auch Hartwig sah eine Begründung in der Verschmelzung beider Gestalten indem er sagt: „Da man schon lange einzelne Züge aus dem Leben des Einen Kaisers auf den Anderen übertragen hatte, so konnte die Verwechslung beider in der Sage leicht vor sich gehen.“[17] Somit wurde Barbarossa erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Hauptträger der Kaiseridee. Im gesamten Mittelalter hatte niemand mit der deutschen Kaisersage Barbarossa gemeint. Erst im 17. und 18. Jahrhundert begann ein langsames Herantasten an Kaiser Rotbart, wobei dessen Bartwuchs Grund für die Umdeutung war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schon seit Urzeiten trug Friedrich I. den Beinamen Rotbart. Der um den Tisch oder durch den Tisch gewachsene Bart wurde in dieser Zeit zum stehenden Hauptzug der Sage. Die Vorstellung des schlafenden Kaisers, dessen Bartwuchs auch Symbol der unablässig und unaufhaltsam fortschreitenden Zeit ist, konnte somit nur von Friedrich I. erfüllt werden.[18]

Abbildung 5: Barbarossa im Kyffhäuser, Illustration von Adolf Erhard, aus: Deutsches Balladenbuch, Leipzig 1852.

2.2.3. Wünsche und Hoffnungen in der deutschen Kaisersage

Die Geistesströmungen und das mythische Fortleben von Kaiser Friedrich blieb aber über die Jahrhunderte konstant. Anfangs erhoffte man seine Rückkehr „Mit großer Heeresmacht (...) um die entartete Kirche zu reformieren.“[19] So lassen sich auch die in der Ballade Rückerts und in der Grimmschen Sage auftauchenden Raben erklären, die als Metapher für die alte reformbedürftige Kirchenherrschaft zu deuten ist. Friedrich tritt also als Erretter von der Pfaffenherrschaft auf.

[...]


[1] König, Bruno Emil; Der Kyffhäuser seine deutschen Kaisersagen und deren ruhmreicher Abschluß. Ein Gedenkblatt an die Errichtung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Leipzig 1896, S. 3.

[2] Ferschke, Hermann; Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser, in: Die Gartenlaube, illustrierte Familienblatt (24) 1896, Berlin/Leipzig, S. 398.

[3] Timm, Albrecht; Der Kyffhäuser im deutschen Geschichtsbild (=Historisch-politische Hefte der Ranke-Gesellschaft 3), Göttingen 1961, S. 9f.

[4] Vgl. Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992, S. 14.

[5] Vgl. ebenda.

[6] Vgl. zur Rothenburg: Müller, Horst, Der Kyffhäuser, Leipzig 1992, S. 15-19; Hartung, Ulrich; Von Kelbra zum Kyffhäuserdenkmal, zur Burg Kyffhausen und zur Kaiserpfalz Tilleda, in: ders.; Rund um den Harz, Berlin 1993, S. 209-214; zum Bismarckturm: Seele, Sieglinde/Kloss, Günther; Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen. Eine Bestandsaufnahme, Petersberg 1997, S. 107.

[7] König, Der Kyffhäuser, S. 4.; Vgl. ausführlich zur Reichsburg Kyffhausen: Müller, Horst; Der Kyffhäuser, Leipzig 1992, S. 28-60. Vgl. weiterhin, Arndt, Monika; Das Kyffhäuser-Denkmal. Ein Beitrag zur politischen Ikonographie des Zweiten Kaiserreiches, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Köln 1978, S. 75f.

[8] Ferschke, Die Gartenlaube, S. 397.

[9] Walther, Helmut G.; Abschied von der Geschichte und Mythenzauber. Das Mittelalter des 19. Jahrhunderts in Richard Wagners „Ring der Nibelungen“, in: Segl, Peter (Hrsg.); Mittelalter und Moderne. Entdeckung und Rekonstruktion der mittelalterlichen Welt, Sigmaringen 1997, S. 266.

[10] Vgl. Timm, S. 18f.

[11] Vgl. Hartwich, Wolf-Daniel; Deutsche Mythologie. Die Erfindung einer nationalen Kunstreligion, Berlin/Wien 2000, S. 9.

[12] Vgl. Walther, S. 269f.

[13] König, S. 5.

[14] Vgl. Voigt, Georg; Die deutsche Kaisersage, in: HZ (26) 1871, München, S. 132.

[15] Vgl. Voigt, S. 179.

[16] Uhland, Ludwig; Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage, Bd. 1, Stuttgart 1865, S. 498.

[17] Hartwig, Otto; Über die Entstehung und Fortbildung der Sage von der Wiederkunft Kaiser Friedrichs des Staufers, Kassel 1860, S. 23.

[18] Vgl. Voigt, S. 185.

[19] Voigt, S. 143.

Details

Seiten
58
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638611152
ISBN (Buch)
9783640677191
Dateigröße
6.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68671
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Kaiser Wilhelm Denkmal Kyffhäuser Symbol Reichseinheit Deutsche Denkmäler Jahrhundert
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