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Zur Aktualität der Moralkritik von Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Friedrich Nietzsche
2.1 „ Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“: Entfaltung der Idee von Herren- und Sklavenmoral
2.2 Herkunft des Begriffs „Schuld“ oder „Jene andre ‚düstre Sache’“
2.3 Das „schlechte Gewissen“: „Diese unheimlichste und interessanteste Pflanze unserer irdischen Vegetation“
2.4 Lösungsansätze: „Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf“

3. Sigmund Freud
3.1 Freuds Moralkritik: „Das Unbehagen in der Kultur“
3.2 „Schuldgefühl“ und „schlechtes Gewissen“: Die „Triebsubliminierung“
3.3 Folgen und Lösungsansätze oder die „Schicksalsfrage der Menschenart“

4. Fazit

5. Quellenangabe

1. Einleitung

Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.
Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.
Friedrich Nietzsche, „Der Antichrist“[1]

Dieses Zitat aus Friedrich Nietzsches Werk „Der Antichrist“ fasst seine Moralkritik und seine Konzeption der Genealogie der Moral kurz zusammen. Es wird deutlich, dass Nietzsche die zu seiner Zeit existierende Moral stark kritisiert und ablehnt. Nietzsche fasst mit diesem Ausdruck in seinem Werk „Der Antichrist“ aus dem Jahre 1888 die Grundzüge seiner Moralkritik nochmals auf. Diese hatte er ein Jahr zuvor in seinem Werk „Zur Genealogie der Moral“ entfaltet, mit der er sich so bis heute einen Namen als Moralkritiker gemacht hat.

Verwendet man heutzutage die Namen Freud und Nietzsche in einem Satz, erscheint es einem im ersten Moment etwas seltsam. Was hat der kontroverse Philosoph Nietzsche mit dem heute vorwiegend als Psychoanalytiker bekannten Freud zu tun? Neben dem zeitlichen Aspekt, den beide gemeinsam haben, gibt es weitere Ähnlichkeiten, vor allem auf den Gebieten der Psychoanalyse und der Frage nach der Moral und deren Wertigkeit. Beide haben sich in diesen Bereichen aktiv eingesetzt und ihre Gedanken darüber niedergeschrieben.

In meiner Hausarbeit werde ich mich auf die verschiedenen moralkritischen Ansätze von Nietzsche und Freud konzentrieren. Für beide ist die Moral einer der „Übeltäter“, die zur „Schuld“ und zum „schlechtem Gewissen“ führen. Zentral ist hierbei die Verinnerlichung der Moral und deren Werte. Schwerpunkte meiner Hausarbeit bildet daher neben der Herkunft der Begriffe „Schuld“ und „schlechtes Gewissen“ bei beiden Autoren die Aktualität der Ansätze beider Moralkritiker heute. Weiterhin werden die Auswirkungen der Ansätze für das Individuum und die Frage nach Lösungsvorschlägen beider eine Rolle spielen.

„Schuld“ wird heutzutage in unterschiedlichen Sinnen verwendet. Das Spektrum reicht vom sozialen Aspekt mit Bedeutungen wie „schuld haben“ über „schuldig sein“ bis hin zum finanziellen Aspekt: „schuldenfrei sein“[2]. Der Begriff „Schuld“ kann also im Sinne eines sittlichen Versagens oder im Sinne einer Verpflichtung zu einer – meist finanziellen – Leistung verwendet werden. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) gibt es sogar ein eigenes Kapitel über Schuld, Schulden und Schuldverhältnisse, das Schuldrecht. Dies zeigt, dass der Begriff „Schuld“, deren Verwendung und deren Herkunft auch in der heutigen Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt.

2. Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche gilt noch heute als einer der bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts, dessen Gedanken sich bis in die Moderne verbreiten. Philosophiehistoriker sehen ihn als „den Moralisten und kompromisslosen Kritiker der religiösen Überzeugungen und sozialen Institutionen seiner Zeit“[3]. 1844 als Sohn eines protestantischen Pfarrers in Röcken geboren, prägte die Theologie den ersten Teil seines Lebens und auch seine Werke[4]. In dem Werk „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ wird jedoch seine stark abneigende Haltung gegenüber dem Christentum deutlich. Er sieht in der Religion ein Übel der überholten und nicht mehr haltbaren Moral seiner Zeit und kritisiert diese scharf. Nietzsche will jedoch nicht nur die Moral an sich kritisieren, sondern deren Ursprünge und Sinnlosigkeit erforschen. Er nimmt die Moral nicht mehr als gegebene Institution an, die man nur noch begründen und den Menschen plausibel machen muss. Nietzsche geht weiter: er will den „Werth dieser Werthe [...]selbst erst einmal in Frage“ stellen[5]. Nietzsche benutzt hierbei bewusst den Begriff „Werth“ um zu zeigen, dass Moral und deren Werte nicht universell sind, sondern partikulär. Er will nachweisen, dass „sich Moralsysteme im Zeitablauf und aus den gegebenen sozialen Umständen heraus entwickeln“[6] und dass sie sich im Laufe der Menschheit schon gewandelt haben.

Die „Genealogie der Moral“ soll hierbei Nietzsches vorherige Werke „Also sprach Zarathustra“ und Jenseits von Gut und Böse“ erläutern. Nietzsche kritisiert zunächst scharf die Vorgehensweise der „englischen Moralgenealogen“[7], zu denen er beispielsweise auch Paul Reè zählt, welche die Moral nach darwinistischem Modell erklärten. Diesen Philosophen fehle laut Nietzsche der „historische Geist“[8], sodass er deren Erklärungsversuche als nicht akzeptabel anerkennen kann.

Nietzsche will der Moral in drei Abhandlungen zu Leibe rücken. In der Vorrede führt er in die Thematik ein, um in der ersten Abhandlung die Herkunft der Begriffe „Gut und Böse“ sowie „Gut und schlecht“[9] zu bestimmen. Auf die Begriffe „Schuld, schlechtes Gewissen und Verwandtes“[10] geht er in der zweiten Abhandlung ein. Geschlossen wird das Werk mit der dritten Abhandlung, die sich mit der Frage „was bedeuten asketische Ideale?“ auseinandersetzt[11].

Ich werde mit Nietzsches Schwerpunkt der Moralkritik beginnen, der auf dem Gegensatz zwischen Herrenmoral und Sklavenmoral liegt. Anschließend möchte ich mich mit zwei weiteren Aspekten seiner Kritik, der Herkunft der Begriffe „Schuld“ und „schlechtes Gewissen“, beschäftigen. Des Weiteren werde ich Nietzsches eventuelle Lösungsmöglichkeiten – einen Weg aus den Fängen der Moral zu finden – erläutern. Die Frage nach der Aktualität der Ansätze werde ich in meine Ausführungen integrieren.

2.1 „ Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seinen gut“ : Entfaltung der Idee von Herren- und Sklavenmoral

Nietzsche kritisiert die ethische Moral als solche, das heißt, Ethik und Moral sind für ihn an und für sich, unabhängig von den zeitlichen und gesellschaftlichen Umständen, schlecht. Zentral hierbei ist auch seine Idee, dass es im Lauf der Geschichte eine Umwertung der Werte gab. Es gäbe also keine immerwährenden und allgemeingültigen Werte, sondern abwechselnde. Werte, die heute wertgeschätzt würden, wurden früher mit Füßen getreten. Moral ist für ihn daher ein Irrweg der menschlichen Entwicklung. Im Zentrum dieser Entwicklung steht für Nietzsche die Gegenüberstellung von „Herrenmoral“ und „Sklavenmoral“ in Verbindung mit den Begriffen „gut und schlecht“, aus denen sich seiner Ansicht nach im Laufe der Zeit die Begriffe „gut und böse“ entwickelten[12].

Der Begriff „gut“ stammt laut Nietzsche nicht etwa „von denen her, welchen ‚Güte’ erwiesen wird“, sondern von den „‚Guten’ selber“[13]. Der Ursprung des Gegensatzes zwischen „gut“ und „schlecht“ liegt also im „Pathos der Distanz“[14], der Abgrenzung der Vornehmen zu allen anderen. Des Weiteren galt früher derjenige als „gut“, der rein, also sauber, war. Dies waren die vornehmen Menschen, wie beispielsweise Priester, da nur sie es sich leisten konnte, sich regelmäßig zu waschen. Um diesen Status zu erhalten, hielten sie sich vom Schmutz der Unreinen fern.

Die Guten waren also die Vornehmen, die Herrschenden, die Starken, die Aristokraten. So lässt sich laut Nietzsche der Begriff „gut“ auf die Grundbegriffe „‚vornehm’, ‚edel’“ zurückführen[15]. Die Aristokraten beanspruchten daher die Attribute rein und edel für sich. Im Gegensatz dazu standen die Schlechten, die Beherrschten, die Schwachen. Das Wort „schlecht“ führt Nietzsche hierbei auf den Begriff „schlicht“ zurück[16].

Laut Nietzsche hat im Laufe der Zeit eine Umwertung der Werte stattgefunden, in der die Moral relativiert wurde. Nietzsche stellt sich drei Stufen der Moralentwicklung vor. Zu Beginn existierten die Werte der Vornehmen, die „Herrenmoral“. Sie fühlten sich stark, sagten zu sich selber und ihren Taten stets und „noch frohlockender Ja“[17] und lebten ihre Stärke voll und ganz aus. Ihre Triebe mussten sie nicht unterdrücken, sondern konnten sie in Rauschzuständen – wenn erforderlich – auch an den Schwachen auslassen. Es ist legitim, dass sie an den „Schwachen“ ihre Lust an Gewalt auslassen. Für Nietzsche haben die Starken auch keine Möglichkeit, diese Triebe zu unterbinden. Laut Nietzsche „bedarf [es] für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus“[18]. Böses im konventionellen Sinn ist also nur Zeigen von Stärke.

Genau diese Möglichkeit des Vermeidens unterstellen die Schwachen ihnen aber. Sie entwickelten im Laufe der Zeit ein Ressentiment, die „Sklavenmoral“, die von einem tief sitzenden und lange gewachsenen Hass herrührt. Sie waren es, die stets und ständig unterdrückt, ausgebeutet und gequält wurden und es ertragen haben. Sie machten es sich jedoch zur Stärke, dass auch sie die Möglichkeit zur Bösartigkeit und Aggressivität hätten, diese aber nicht verwirklichten. Diese freiwillige Absage an das Ausleben ihrer Triebe legten sie sich als Tugend zu Gute und verurteilten das Handeln der „Starken“ als „schlecht“. Die „Starken“ wurden so zu den „Bösen“ und die ursprünglich „Schwachen“ wurden zu den „Guten“. Diese Umwertung der aristokratischen Werte in jüdische Werte nennt Nietzsche den „Sklavenaufstand in der Moral“[19], welche er um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges herum datiert[20].

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist. In: Friedrich Nietzsche. Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung, Der

Antichrist, Ecce homo, Dionysos-Dithyramben, Nietzsche contra Wagner. 2. Auflage München, Berlin/New

York: 1988: S. 170

[2] Klien, Horst (Hrsg.): Der Große Duden. 16. Auflage. Leipzig: 1972: S. 421

[3] Danto, Arthur C.: Friedrich Nietzsche. In: Klassiker des philosophischen Denkens Band 2. 4. Auflage

München: 1988: S. 231

[4] Vgl. Ebd.: S. 230

[5] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. Zur

Genealogie der Moral. 8. Auflage. München: 2005 (=Kritische Studienausgabe 5): S. 253

[6] Danto, Arthur C.: Friedrich Nietzsche. In: Klassiker des philosophischen Denkens Band 2. 4. Auflage

München: 1988: S. 254

[7] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. Zur

Genealogie der Moral. 8. Auflage München: 2005 (=KSA 5): S. 251

[8] Ebd.: S. 258

[9] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. Zur

Genealogie der Moral. 8. Auflage. München: 2005 (=KSA 5): S. 257

[10] Ebd.: S. 291

[11] Ebd.: S. 339

[12] Kurt Tucholsky: zit. n.: http://www.zit.at/show_name.php3?name=674

[13] Ebd.: S. 259

[14] Ebd.: S. 259

[15] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. Zur

Genealogie der Moral. 8. Auflage. München: 2005 (=KSA 5): S. 261

[16] Ebd.: S. 261

[17] Ebd.: S. 271

[18] Ebd.: S. 274

[19] Ebd.: S. 268

[20] Vgl. Ebd.: S. 262

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638594714
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68611
Note
2,3
Schlagworte
Aktualität Moralkritik Friedrich Nietzsche Sigmund Freud Proseminar Moderne Kritik Begründungen

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