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Benito Mussolini und die Fascination des Marxismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 14 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ideologische Biographie B. Mussolinis
2.1. Mussolini und der revolutionäre Sozialismus
2.2. Der erste Weltkrieg und die Frage nach der Intervention
2.3. Vom Duce des Sozialismus zum Duce des Faschismus

3. Die politische und soziale Doktrin des Faschismus
3.1. Zur Bedeutung der Doktrin
3.2. Der Staat als Zentrum der faschistischen Weltanschauung
3.3. Die Negation des Marxismus im Nationalfaschismus

4. Feindliche Nähe. Die Totalitarismusdebatte am Scheideweg zwischen Fortschritt und Irrationalität

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als im Herbst 1997 Stéphan Courtouis´ Werk das „Schwarzbuch des Kommunismus“ in den französischen Buchhandlungen erschien, entfesselte sich eine wilde Debatte, deren Echo eine tiefe Kerbe in den bis Dato eingefahrenen Historikerstreit schlug. Innerhalb eines Monats verkauften sich alleine in Frankreich 130000 Exemplare des besagten Buches und erstmalig fielen Begriffe wie Auschwitz und Holocaust in einem Satz mit den Verbrechen des sowjetischen GULag-Archipels. Der Diskurs nahm eine empfindliche Wende, als der Nationalsekretär der französischen KPF Robert Hue den Vertretern derartiger Vergleiche selbst faschistische Motive unterstellte. Das ganze Ausmaß jener diskursiven Empfindlichkeit zeigte sich jedoch erst, mit der deutschsprachigen Veröffentlichung des Buches im Mai 1998. Stimmen wurden laut, das „Schwarzbuch des Kommunismus“ wiege mittels der Gegenüberstellung der jeweiligen Opferzahlen, das Ausmaß der beiden Verbrechen gegeneinander ab und beraube damit die nationalsozialistische Massenvernichtung ihrer Einzigartigkeit.

Spätestens aber mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen dem deutschen Totalitarismusforscher Ernst Nolte und dem französischen Historiker Francois Furet, drängte sich dem Leser eine provokante Fragestellung auf:

Besteht die Möglichkeit, dass die scheinbare Divergenz der beiden Weltanschauungen des Kommunismus und des Faschismus eine mörderische Nähe kaschiert?

Wie in kaum einem anderen Beispiel zeigt sich, wie leicht sich Wissenschaft und politische Intervention überschneiden, wenn man sich dieser brenzligen Frage nicht mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl und größtmöglicher Neutralität annimmt. Aber gerade aus dieser Schwierigkeit heraus, erweist sich die genauere Betrachtung der ideologischen Biographie einer Person als unabdingbar: Die des Politikers Benito Mussolini. Kein anderer Mann stand innerhalb einer Lebensspanne den beiden Bewegungen jeweils so nahe wie der italienische Staatsmann, welcher sich innerhalb weniger Jahre vom „Duce“ des Sozialismus zum „Duce“ des Faschismus wandelte.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die ideologischen Meilensteine Mussolinis einer näheren Betrachtung zu unterziehen, um dabei der Beantwortung der Frage nach einer potentiellen Nähe der beiden Weltanschauungen näher zu kommen. Konnte lediglich eine 180-Grad-Wendung zur Transformation des Politikers führen, oder erweist sich die zweidimensionale Darstellung derart komplexer Sachverhalte als schlichtweg unzureichend?

2. Die ideologische Biographie B. Mussolinis

2.1. Mussolini und der revolutionäre Sozialismus

Erstmalig im Jahr 1912 trat der derzeitige sozialistische Parteisekretär von Forli in das Licht der parteilichen Öffentlichkeit. Mittels der Ausschließung der beiden rechten Reformisten Bissolati und Bonomi, führte Benito Mussolini die totgeglaubte revolutionäre Fraktion der Partito Socialista Italiano (PSI) zu einem neuen Aufschwung.

Wie die meisten sozialistischen Demagogen entstammte Mussolini nicht dem hoffnungstragenden Proletariat, sondern dem jungen Kleinbürgertum Italiens. Sein Vater war Hufschmied und führte seinen Sohn auf Grund seines politischen Hintergrundes, früh zu den Grundfesten marxistischer Theorie. Im Zuge seiner Parteitätigkeit entwickelte er sich zu einem der eifrigsten Vertreter des revolutionären Sozialismus.

So klassisch sich seine revolutionäre Positionierung in den ersten Jahren offenbarte, so fern erscheint die Theorie nach einer frühzeitigen faschistischen Grundsteinlegung. Jegliche Unterstellung nationalistischer Tendenzen verblasst unter der internationalen Weltanschauung Mussolinis und sein Bezug zum staatlichen Militär offenbart sich in der typischen Stigmatisierung der Armee als Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klassen.

Erst eine tiefer gehende Betrachtung seiner revolutionären Befangenheit bringt Spuren an den Tag, welche sich erstmals mit den Spuren einer faschistischen Theoriekonstruktion decken. Eine dieser Spuren begleitet Mussolinis feurige Ablehnung der reformistischen Bestrebungen.

Obgleich Mussolini die philosophischen Grundsätze des Marxismus durchaus beherrschte und die Worte des großen „Vaters und Lehrers“ der proletarischen Bewegung nur allzu gerne zur Untermauerung seiner Thesen verwendete, verstand er sich doch stets als Mann der Tat. Umso abschätziger blickte er auf jenen „Sozialismus der Advokaten“ hinab, welcher in seiner Vorliebe zur parlamentarischen Kompromissbildung die Grundpfeiler zur Klassenkollaboration setze. Aber nicht nur in den reformistischen Bestrebungen, sondern auch in denen der Syndikalisten, sah er eine Schwächung der revolutionären Entschlossenheit. Einzig und allein der revolutionäre Idealismus könne den Sozialismus davor bewahren, in „eine Art korporativistischer und egoistischer Arbeiterzunft-bewegung“[1] zu verfallen. Ganz im Geiste Lenins spricht er von einer „Spontaneität“ der Massen, welche nur durch den Willen der ideologisch gefestigten Berufsrevolutionäre auf die rechte Bahn gebracht werden könne. Ziel sei die Organisation der Partei als ein Gefüge von Kriegern und Soldaten, denn Mussolini will das Proletariat „vorbereiten und an den Krieg gewöhnen für den Tag des ‚großen Blutbades’, wenn die beiden feindlichen Klassen zusammenstoßen werden in der äußersten Erprobung.“[2]

Nicht die Gewaltbereitschaft des Revoluzzers ist es, welche erste Anzeichen auf eine faschistische Abstraktion des Marxismus offenbart; Die Gewalt als Mittel der Befreiung geknechteter Klassen, Staaten oder Völker findet seine Rechtfertigung in der Literatur einer jeden totalitären Ideologie. Vielmehr sind es Mussolinis neu erwachter Elitegedanke und sein Voluntarismus, welche auf eine spätere staatsautoritäre Auffassung des Politikers verweisen. Mussolinis Bewusstwerden eines wachsenden italienischen Kleinbürgertums zeugte ihm von der Unreife seines Landes, hinsichtlich der Erreichung eines prärevolutionären Zustandes im marxistischen Sinne. Doch statt sich zurückzulehnen und auf ein vielleicht niemals stattfindendes Entflammen der Volksspontaneität zu warten, beschließt Mussolini das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Abermals im Sinne Lenins, erhofft er sich, die schlafende Masse des Proletariats mittels einer elitär-autoritären Führung zu erwecken. Noch über fünfzehn Jahre später zeugt die Doktrin des Faschismus von Mussolinis Unglaube an einen Selbstlauf der Geschichte. Der Staat allein sei es erst, „welcher im Bewusstsein seiner eigenen sittlichen Einheit dem Volke einen Willen gibt...“[3]

Von der an Anarchismus grenzenden Staatsverneinung des jungen Mussolini, bis hin zur Absolutisierung des Staates als einzige Wirklichkeit des Individuums, ist es ein weiter Weg. Dennoch liegt der Verdacht nahe, dass in diesen Tagen die Saat jenes Zweifels keimte, dem am Ende Mussolinis gänzliche Verneinung des marxistischen Funktionalismus entsprang.

[...]


[1] Zitiert in: Nolte, Ernst: Der Faschismus in seiner Epoche. Action francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus. Mit einem Rückblick nach fünfunddreißig Jahren, 10. Aufl., München 2000, S 205.

[2] Zitiert in: ebd, S.206.

[3] Mussolini, Benito: Die politische und soziale Doktrin des Faschismus, Leipzig 1934, S.12 f.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638607148
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68563
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Seminar für Politische Wissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Benito Mussolini Fascination Marxismus Totalitarismus Jahrhundert

Autor

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