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Die Institutionen der Europäischen Union - eine Analyse aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik

Diplomarbeit 2006 48 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverze ichnis

1 Gegenstand, Gang und Abgrenzung der Arbeit

2 Der Transaktionskostenansatz der Neuen Institutionenökonomik
2.1 Einordnung der Neuen Institutionenökonomik
2.2 Darstellung des Transaktionskostenansatzes
2.2.1 Verhaltensannahmen des Transaktionskostenansatzes
2.2.2 Arten von Transaktionskosten
2.2.3 Dimensionen einer Transaktion
2.3 Die Messung von Transaktionskosten

3 Der Binnenmarkt und seine Bedeutung für den Transaktionskostenansatz
3.1 Die vier Freiheiten des Binnenmarktes
3.2 Die Senkung der Transaktionskosten durch den Binnenmarkt
3.3 Kritische Betrachtung des Binnenmarktes

4 Analyse der Europäischen Währungsunion aus Sicht des Transaktionskostenansatzes
4.1 Die Transaktionskostensenkung durch die EWU
4.1.1 Die Berechnungen der Kommission der Europäischen Gemeinschaften
4.1.2 Die Berechnungen der ifo Studie
4.1.3 Die Berechnungen von Hugo Rodríguez Mendizábal
4.1.4 Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse der Berechnungen
4.2 Die Transaktionskosten der EWU
4.2.1 Die Transaktionskosten der ersten Stufe der EWWU
4.2.2 Die Transaktionskosten der zweiten Stufe der EWWU
4.2.3 Die Transaktionskosten der dritten Stufe der EWWU
4.3 Bewertung der EWU aus Sicht des Transaktionskostenansatzes
4.4 Die fiskalpolitischen Regelungen in der EWU aus Sicht des Transaktionskostenansatzes
4.4.1 Die fiskalpolitischen Probleme der EWU
4.4.2 Die Dimensionen der Transaktionen in der EWU
4.4.3 Die fiskalpolitischen Regelungen des Maastrichter Vertrages
4.4.4 Der Stabilitäts- und Wachstumspakt

5 Ausblick: Der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum

6 Schlussfolgerungen aus der Arbeit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

1 Gegenstand, Gang und Abgrenzung der Arbeit

Mit den Niederlagen der Referenden zur europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlanden hat die Europäische Union (EU) einen starken Rückschlag erlitten. Seit dem wird immer öfter die Frage nach den Kosten und nach dem Nutzen der EU laut. Im Rahmen dieser Arbeit werden diese Fragen aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik analysiert. Dabei erfolgt die Analyse aus Sicht eines Ansatzes der Neuen Institutionenökonomik, des Transaktionskostenansatzes, und konzentriert sich auf die Institutionen „Binnenmarkt“ und „Europäische Währungsunion“.

Die Arbeit beginnt mit einer Einordnung der Neuen Institutionenökonomik. Um den Transaktionskostenansatz näher zu erklären, werden die Verhaltensannahmen dieses Ansatzes und die verschiedenen Arten und Dimensionen von Transaktionskosten erläutert. Zudem wird auf die Messung von Transaktionskosten eingegangen.

Der dritte Gliederungspunk dient der Darstellung des Binnenmarktes und seiner Bedeutung für den Transaktionskostenansatz. Zudem erfolgt eine kritische Betrachtung dieser Institution.

Im Hauptpunkt der Arbeit, dem vierten Gliederungspunkt, erfolgt eine Analyse der Europäischen Währungsunion (EWU) aus Sicht des Transaktionskostenansatzes. Mit Hilfe dreier Berechnungen wird die Einsparung von Transaktionskosten durch die EWU geschätzt. Des Weiteren wird ein Überblick über die Kosten dieser Institution gegeben, um die EWU abschließend aus Sicht des Transaktionskostenansatzes zu bewerten. Außerdem wird auf die fiskalpolitischen Regelungen in der EWU aus Sicht des Transaktionskostenansatzes eingegangen.

Im fünften Gliederungspunkt wird der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum vorgestellt und aus Sicht des Transaktionskostenansatzes betrachtet.

Der letzte Gliederungspunkt beinhaltet Schlussfolgerungen aus der Arbeit.

2 Der Transaktionskostenansatz der Neuen Institutionen-ökonomik

2.1 Einordnung der Neuen Institutionenökonomik

Die Neue Institutionenökonomik ist die Anwendung der ökonomischen Analyse zur Erklärung wirtschaftlicher Institutionen. Sie wird vertreten durch R. Coase, A. Alchian, H. Demsetz, D. North, O.E. Williamson, E.G. Furubotn und anderen.[1] Der Kerngedanke der Neuen Institutionenökonomik besteht darin, dass die Schaffung und die Benutzung von Institutionen und Organisationen den Einsatz realer Ressourcen erfordern, bzw. Transaktionskosten verursachen.[2] Den Transaktionskosten wurde erstmals 1937 von Ronald Coase in seinem Artikel „The Nature of the Firm“ Beachtung geschenkt. Coase kam in diesem Artikel zu dem Ergebnis, dass die Benutzung des Preismechanismus Kosten verursacht, so dass es in manchen Fällen kostengünstiger sei, eine Transaktion nicht über Märkte, sondern innerhalb eines Unternehmens abzuwickeln. Erst in den 70er Jahren wurde durch Williamson das Phänomen der Transaktionskosten wieder aufgenommen.[3] Im Gegensatz zu den älteren Institutionenökonomen versuchen die Vertreter der Neuen Institutionenökonomik eine Integration in das neoklassische Grundgerüst. Sie erreichen auf diese Weise eine Erweiterung der neoklassischen Theorie um die Kategorien „Transaktionskosten“ und „Institutionen“. In diesem Rahmen wollen sie Erkenntnisse über die Entstehung, die Wirkung und den Wandel von Institutionen im ökonomischen Kontext gewinnen. Die Neue Institutionenökonomik unterscheidet sich insbesondere durch die Einbeziehung der Transaktionskosten von dem, was als heutige Mainstream-Ökonomik bezeichnet werden kann, denn die Modelle des ökonomischen Mainstreams beziehen sich weitestgehend auf eine Welt, in der die Transaktionskosten null sind.[4]

Der Begriff „Neue Institutionenökonomik“ steht jedoch nicht für eine in sich geschlossene Theorie. Es lassen sich unter ihm drei Ansätze subsumieren: Die Property-Rights-Analyse, die positive Vertretungstheorie und der Transaktionskostenansatz.[5]

Der Transaktionskostenansatz, der von Williamson bezeichnet wurde, behauptet, dass der Zweck ökonomischer Institutionen die Einsparung von Transaktionskosten ist.[6] Folglich müssen die Transaktionskosten, die durch die Schaffung einer Institution einerseits eingespart werden, größer sein, als die Transaktionskosten, die für die Schaffung, Erhaltung und Veränderung dieser Institution andererseits ausgegeben werden müssen.

Für den Begriff „Transaktionskosten“ besteht keine einheitliche Definition. Generell lassen sich alle Kosten, die bei der Errichtung, Benutzung, Erhaltung und Veränderung von Institutionen entstehen, als Transaktionskosten bezeichnen.[7] Sie können auch als Kosten, die mit dem Tausch von Verfügungsrechten an Gütern und Produktionsfaktoren verbunden sind, charakterisiert werden.[8] Eine genauere Beschreibung der Transaktionskosten erfolgt im Gliederungspunkt 2.2.2. Um bereits an dieser Stelle ihre Bedeutung herauszustellen, sei erwähnt, dass Transaktionskosten einigen Schätzungen zufolge in modernen Marktwirtschaften bis zu 50 bis 60 % des Nettosozialproduktes ausmachen. In diesen Schätzungen sind die Transaktionskosten, die bei der Einrichtung neuer Institutionen und Organisationen entstehen, noch nicht enthalten.[9]

Es bleibt noch zu klären, was der Begriff „Institution“ im Sinne der Neuen Institutionenökonomik bedeutet, denn in der Literatur existiert auch für ihn keine einheitliche Definition. Man kann eine Institution generell verstehen als eine Regel oder ein Regelsystem, einen Vertrag oder ein Vertragssystem, durch den oder die das Verhalten von Individuen kanalisiert wird.[10]

2.2 Darstellung des Transaktionskostenansatzes

2.2.1 Verhaltensannahmen des Transaktionskostenansatzes

Für den Transaktionskostenansatz haben zwei Grundannahmen über das menschliche Verhalten zentrale Bedeutung: Die begrenzte Rationalität und der Opportunismus.

Die begrenzte Rationalität der Menschen unterstellt, dass die Wirtschaftssubjekte aufgrund unvollständiger Informationen und natürlicher Schranken des Verstandes nur beschränkt rational handeln können.[11] Diese Annahme hat zur Folge, dass eine Transaktion nicht vollständig im Voraus geplant und durch vertragliche Vereinbarungen abgesichert werden kann. Daher können Ereignisse, die während der Vertragslaufzeit auftreten, nicht gänzlich in dem ursprünglichen Vertrag berücksichtigt werden.[12] Infolgedessen ist das Konzept des relationalen Vertrages im Transaktionskostenansatz von großer Bedeutung. Im Gegensatz zu einem umfassenden Vertrag, der Leistung und Gegenleistung für alle Eventualitäten festlegt, lässt der relationale Vertrag Lücken in der Vereinbarung.[13] Relationale Verträge müssen daher oft im Nachhinein abgeändert bzw. ergänzt werden.

Die zweite Verhaltensannahme, der Opportunismus, ist eine stärkere Version des eigennützigen Strebens nach Vorteilen.[14] Es wird unterstellt, dass die Menschen versuchen ihre eigenen Interessen und Vorteile auch unter Zuhilfenahme von List und Tücke durchzusetzen bzw. zu erreichen.[15] Um dieses Verhalten des Vertragspartners zu verhindern, müssen Sicherungen in einen Vertrag eingebaut werden. Diese vertraglichen Sicherungen sollen eine gegenseitige glaubwürdige Zusicherung beider Partner, die Bedingungen des Vertrages zu erfüllen, gewährleisten.[16]

2.2.2 Arten von Transaktionskosten

Wie bereits in Gliederungspunkt 2.1 erwähnt, haben Institutionen im Sinne des Transaktionskostenansatzes den Zweck Transaktionskosten zu senken. Um nun eine genauere Vorstellung von dem Begriff „Transaktionskosten“ zu erlangen, sollen in diesem Abschnitt verschiedene Arten von Transaktionskosten dargestellt werden.

Transaktionskosten lassen sich nach den Sektoren, in denen sie entstehen, untergliedern. Bei einer solchen sektoralen Klassifizierung unterscheidet man Markttransaktionskosten, Unternehmenstransaktionskosten und politische Transaktionskosten.

Die Markttransaktionskosten bezeichnen die Kosten der Benutzung des Marktes und bestehen aus drei verschiedenen Kostenarten. Die erste Kostenart bezeichnet jegliche Such- und Informationskosten, die den Marktteilnehmern bei der Anbahnung von Verträgen entstehen. Die Kosten des Abschlusses von Verträgen werden unter der zweiten Kostenart zusammengefasst. Hierzu zählen die Verhandlungs- und Entscheidungskosten, die vor allem bei schriftlichen Verträgen einen hohen Stellenwert einnehmen. Die dritte Kostenart umfasst die Kosten der Überwachung und Durchsetzung vertraglicher Leistungspflichten.

Die Unternehmenstransaktionskosten bestehen aus den Kosten der Einrichtung, Erhaltung oder Änderung einer Organisationsstruktur und den Kosten des Betriebes einer Organisation. Die Kosten des Betriebes beinhalten zum einen die Informationskosten (z.B. in Form von Kosten der Messung der Leistung von Arbeitskräften oder in Form von Kosten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung seitens des Managements) und zum anderen die Kosten im Zusammenhang mit der physischen Übertragung von Gütern und Dienstleistungen über eine trennbare Schnittstelle (z.B. Transportkosten innerhalb eines Unternehmens).

Die politischen Transaktionskosten umfassen die Kosten der Einrichtung, Erhaltung und Veränderung der formalen und informellen politischen Ordnung eines Systems (z.B. Kosten der Schaffung der Rechtsordnung, der öffentlichen Verwaltung und der Gerichtsbarkeit) und die Betriebskosten des Gemeinwesens (z.B. laufende Ausgaben für Gesetzgebung, Verkehr und Bildung).[17]

Zudem lassen sich die Transaktionskosten in feste und variable Kosten einteilen. Fixe bzw. feste Transaktionskosten sind spezifische Investitionen oder „versunkene Kosten“ (sunk cost), die bei der Errichtung oder Bereitstellung einer Institution entstehen. Variable Transaktionskosten sind von der Anzahl bzw. dem Wertumfang einer Transaktion abhängig.[18]

Eine weitere Differenzierung von Transaktionskosten stellt die zeitliche Klassifikation dar. Williamson unterscheidet ex-ante und ex-post Transaktionskosten. Ex-ante Transaktionskosten können in Anbahnungskosten (z.B. Kosten der Informationssuche oder der Beschaffung) und Vereinbarungskosten (z.B. Kosten der Verhandlung, der Vertragsformulierung oder der Einigung) unterteilt werden. Die Kontrollkosten (z.B. Kosten der Sicherstellung der Einhaltung von Vereinbarungen) und die Anpassungskosten (z.B. Kosten für die Durchsetzung von Änderungen) zählt Williamson zu den ex-post Transaktionskosten.[19]

2.2.3 Dimensionen einer Transaktion

Nach Williamson lassen sich drei Dimensionen einer Transaktion unterscheiden, die je nach ihrer Ausprägung unterschiedlich hohe Transaktionskosten verursachen: Unsicherheit, Häufigkeit und Spezifität.

Die Unsicherheit einer Transaktion kann sich auf zukünftige unbekannte Ereignisse und auf die Unsicherheit über ein mögliches opportunistisches Verhalten des Transaktionspartners beziehen. Je höher die Unsicherheit ist, um so eher lohnt es sich, einen detaillierten Vertrag zu entwerfen, sorgfältig zu verhandeln und geeignete Schlichtungsgremien zu bestimmen. Folglich sind die Transaktionskosten bei Unsicherheit relativ hoch.

Die zweite Dimension bezieht sich auf die Häufigkeit, mit der die Transaktionspartner miteinander zu tun haben. Bei einer langfristigen Geschäftsbeziehung bilden sich nach und nach routinierte Verfahren heraus und durch die regelmäßige Interaktion lernen die Partner das Verhalten des jeweils anderen kennen. Wenn eine Geschäftsbeziehung auch in Zukunft weitergeführt werden soll, sinkt bei zunehmender Häufigkeit auch das Risiko, dass sich der Transaktionspartner opportunistisch verhält.

Die dritte und wichtigste Dimension ist die Spezifität von Investitionen bzw. der Grad an Wiederverwendbarkeit des Investitionsgegenstandes in andere Verwendungszwecke. Nach Williamson lassen sich sechs Arten von Spezifität, die für die Höhe von Transaktionskosten relevant sind, unterscheiden: Sach- und Humankapital-Spezifität, Spezifität aufgrund der geografischen Lage, „dedicated assets“, Markennamen und temporäre Spezifität. Die wichtigste Spezifität ist die Sachkapital-Spezifität. Diese lässt sich anhand des Beispiels einer Maschine zeigen, die nur für eine bestimmte Verwendung produktiv ist. Der Inhaber benutzt diese Maschine nur, um ein bestimmtes Produkt für einen Transaktionspartner herzustellen. Sein Transaktionspartner könnte durch opportunistisches Verhalten die Quasi-Rente der Maschine abschöpfen, indem er mit der Beendigung der Geschäftsbeziehung droht, falls er keine günstigeren Vertragskonditionen erhält. In diesem Fall könnte der Inhaber der Maschine den Opportunismus des Vertragspartners durch eine vertraglich vereinbarte Abnahmeverpflichtung verhindern. Folglich ist das Potenzial zur Abschöpfung der Quasi-Rente umso größer, je höher die Spezifität einer Investition ist. Je spezifischer eine Investition ist, umso wichtiger wird auch eine genaue vertragliche Absicherung. Es bleiben jedoch immer Spielräume für opportunistisches Verhalten erhalten, da man einen Vertrag niemals so ausgestalten kann, dass er alle Eventualitäten enthält.[20]

2.3 Die Messung von Transaktionskosten

Nachdem nun die verschiedenen Arten von Transaktionskosten und die Dimensionen einer Transaktion, die sich auf die Höhe der Transaktionskosten auswirken, erläutert wurden, stellt sich die Frage nach der Messbarkeit von Transaktionskosten. Ihre Messung stellt ein Problem dar, da in der amtlichen Statistik keine Daten über ihre Höhe existieren. Da folglich für die Erfassung von Transaktionskosten nicht auf Primärdaten zurückgegriffen werden kann, wurden mehrere Ansätze zur Messung von Transaktionskosten entwickelt. Es existieren einige Ansätze zur ordinalen Messung von Transaktionskosten. Bei diesen Ansätzen werden durch einen Vergleich von Transaktionskosten, auf Basis der Gegenüberstellung von Institutionen mit derselben Aufgabe in verschiedenen Staaten, Rückschlüsse auf die gesamtwirtschaftlichen Transaktionskosten ermöglicht. Hierbei vergleicht man beispielsweise die Kosten für einen Telefonanschluss oder die Zeit für die Abfertigung einer Ladung in verschiedenen Ländern und zieht anschließend Rückschlüsse auf die gesamtwirtschaftlichen Transaktionskosten. Damit solche Rückschlüsse möglich sind, müssen jedoch viele verschiedene Transaktionsarten untersucht werden.[21]

Des Weiteren wurde von Wallis und North ein Konzept zur kardinalen Messung von Transaktionskosten auf gesamtwirtschaftlicher Ebene entwickelt. Bei dieser Messung werden die gesamtwirtschaftlich aggregierten Transaktionskosten, die zugleich Bestandteil der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sind, erfasst.[22] In diesen gesamtwirtschaftlichen Transaktionskosten sind die von Privathaushalten und Unternehmen über den Markt bezogenen Transaktionsleistungen, die Transaktionsleistungen innerhalb eines Unternehmens und die Transaktionskosten des öffentlichen Sektors enthalten.[23] Dieses Konzept nutzten Wallis und North beispielsweise, um den Transaktionskostensektor in Amerika zu untersuchen. Hierbei schätzten sie für jeden Sektor die Anzahl der Arbeiter in verschiedenen Berufen und den Prozentsatz an Transaktionsleistung für jeden Beruf. Dann benutzten sie die Gehälter dieser Arbeiter, um den Transaktionsleistungsanteil vom BIP für jeden Sektor zu berechnen. Die gewichteten Durchschnitte dieser Anteile am BIP Amerikas für verschiedene Jahre sind in Abbildung 1 dargestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Anteil des Transaktionskostensektors am amerikanischen BIP von 1870 bis 1970 verdoppelt hat und im Jahre 1970 schließlich 54,7 % ausmachte.

Als 100 %-ige Transaktionsleistungen wurden hierbei beispielsweise folgende Berufe betrachtet: Buchhalter, Anwälte, Richter, Manager, Vorarbeiter, Postbooten, Polizisten und das Militär. Zu den Industriezweigen, in denen viele Nicht-Transaktionsleistungen erbracht werden, gehören beispielsweise die Landwirtschaft, der Bergbau und der Transport.[24]

Abbildung 1: Transaktionskosten in % des BIP von Amerika

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wallis, J. / North, D. C, 1986, S. 121.

In dem Konzept von Wallis und North werden jedoch nicht alle Transaktionskosten berücksichtigt. Insbesondere bleiben die Aktivitäten der privaten Haushalte (z.B. die Suche nach optimalen Einkaufsmöglichkeiten oder die Überprüfung der Vertrauenswürdigkeit eines Geschäftspartners) unberücksichtigt.[25]

Bereits die genaue Bestimmung einer Tätigkeit wie die der Informationssuche, die Transaktionskosten verursacht, stellt sich als schwierig heraus, denn es existiert keine genaue Abgrenzung, welche Kosten bzw. Tätigkeiten zu der Informationssuche zählen und welche nicht.[26] Außerdem spielt die Intention einer Handlung eine wichtige Rolle, denn sie ist entscheidend für den Status der Kosten, die sie erzeugt. Da jedoch die Absicht einer Handlung oftmals nicht offen gelegt wird, ist eine Zuordnung der Kosten zu den Transaktionskosten oder Nicht-Transaktionskosten nicht möglich. Allein diese zwei Beispiele zeigen, dass eine exakte Messung von Transaktionskosten unmöglich ist.[27]

Im Bereich des Transaktionskostenansatzes muss man sich folglich mit der Schätzung der Höhe von Transaktionskosten behelfen.

3 Der Binnenmarkt und seine Bedeutung für den Transaktionskostenansatz

3.1 Die vier Freiheiten des Binnenmarktes

Der Binnenmarkt umfasst den freien Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr. Der freie Personenverkehr wird insbesondere durch den Wegfall von Grenzkontrollen, die Harmonisierung der Einreise-, Asyl-, Waffen- und Drogengesetze und die Niederlassungs- und Beschäftigungsfreiheit für EG-Bürger gewährleistet. Der freie Warenverkehr soll durch den Wegfall von Grenzkontrollen, die Harmonisierung oder gegenseitige Anerkennung von Normen und Vorschriften und eine Steuerharmonisierung gesichert werden. Die Liberalisierung der Finanzdienste, die Harmonisierung der Banken- und Versicherungsaufsicht und die Öffnung der Transport- und Telekommunikationsmärkte sollen einen freien Dienstleistungsverkehr garantieren. Schließlich wird der freie Kapitalverkehr durch eine größere Freizügigkeit für Geld- und Kapitalbewegungen, Schritte zu einem gemeinsamen Markt für Finanzdienste und eine Liberalisierung des Wertpapierverkehrs erreicht.[28]

3.2 Die Senkung der Transaktionskosten durch den Binnenmarkt

Durch den Binnenmarkt konnten für die Einwohner und die Unternehmer der EU Transaktionskosten gesenkt werden. Im Folgenden sollen einige Beispiele dieser Kostensenkungen dargestellt werden. Die Einwohner der EU können heute in den meisten EU-Ländern ohne Grenzkontrollen einreisen. Dadurch verkürzt sich für sie vor allem die Wartezeit an den Grenzübergängen bzw. entfällt diese Zeit. Zudem hat sich der bürokratische Aufwand für Wirtschaftssubjekte, die in einem anderen EU-Land studieren oder arbeiten möchten, verringert.[29] Durch diese Erleichterungen erspart sich die Bevölkerung der EU Transaktionskosten. Aufgrund der Harmonisierung von Normen und der Einführung von Mindestanforderungen wird dem Verbraucher beim Kauf von Waren aus der EU eine Sicherheit vermittelt. Er muss beispielsweise beim Kauf von Elektrosteckern, die in einem anderen EU-Mitgliedsland hergestellt wurden, keine Informationskosten mehr aufzuwenden, denn er braucht nicht mehr in Erfahrung zu bringen, ob er sie gebrauchen kann, da sie größtenteils einheitlichen europäischen Normen entsprechen. Beim Kauf eines Fahrzeuges, das in einem anderen Mitgliedsland hergestellt wurde, muss der Käufer in seinem Land keine Betriebserlaubnis mehr beantragen.[30]

[...]


[1] Vgl. Richter, Rudolf: Institutionen ökonomisch analysiert: Zur jüngeren Entwicklung auf einem Gebiet der Wirtschaftstheorie. Tübingen 1994, S. 3.

[2] Vgl. Richter, Rudolf / Furubotn, Eirik G.: Neue Institutionenökonomik: Eine Einführung und kritische Würdigung. 3. Aufl., Tübingen 2003, S. 39.

[3] Vgl. Pappenheim, Rainer: Neue Institutionenökonomik und politische Institutionen: Zur Anwendung der ökonomischen Theorie auf politische Institutionen und Organisationen. Frankfurt am Main 2001, S. 187 f.

[4] Vgl. Eissrich, Daniel: Systemtransformation aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik. Frankfurt

am Main 2001, S. 50 f.

[5] Vgl. Richter, R. / Bindseil, U.: Neue Institutionenökonomik. In: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Jg. 24, H. 3, März 1995, S. 134.

[6] Vgl. Thiele, Mouna: Neue Institutionenökonomik. In: Das Wirtschaftsstudium, Jg. 23, H. 23, Dezember 1994, S. 994.

[7] Vgl. Richter, Rudolf / Furubotn, Eirik G., 2003, S. 57.

[8] Vgl. Dietrich, Vera: Institutionen, Wettbewerb und Strukturwandel in der EWWU. Implikationen für die Integrationsgewinne. In: Beihefte der Konjunkturpolitik, Zeitschrift für angewandte Wirtschafts- forschung, Funktionsbedingungen der Währungsunion, H. 47, 1999, S. 149.

[9] Vgl. Richter, Rudolf / Furubotn, Eirik G., 2003, S. 53.

[10] Vgl. Erlei, Mathias / Leschke, Martin / Sauerland, Dirk: Neue Institutionenökonomik. Stuttgart 1999, S. 23 – 25.

[11] Vgl. Thiele, Mouna, 1994, S. 994.

[12] Vgl. Pappenheim, Rainer, 2001, S. 188.

[13] Vgl. Thiele, Mouna, 1994, S. 994.

[14] Vgl. Pappenheim, Rainer, 2001, S. 188.

[15] Vgl. Eissrich, Daniel, 2001, S. 54.

[16] Vgl. Pappenheim, Rainer, 2001, S. 188.

[17] Vgl. Richter, Rudolf / Furubotn Eirik G., 2003, S. 59 – 63.

[18] Vgl. Richter, Rudolf, 1994, S. 6.

[19] Vgl. Frambach, Hans / Eissrich Daniel: Transaktionskosten – konzeptionelle Überlegungen zu einem fundamentalen und kontrovers diskutierten Ansatz der Neuen Institutionenökonomik. In: Ipsen, Dirk / Peukert, Helge (Hrsg.): Institutionenökonomie: Theoretische Konzeptionen und empirische Studien, Frankfurt am Main 2002, S. 46.

[20] Vgl. Pappenheim, Rainer, 2001, S. 189 f.

[21] Vgl. Eissrich, Daniel, 2001, S. 154 – 156.

[22] Vgl. ebenda, S. 157 f.

[23] Vgl. ebenda, S. 160.

[24] Vgl. Wallis, J. / North, D. C.: Measuring the Transaction Sector in the American Economy 1870 – 1970. In: Engerman, S. / Gallman, R. (Hrsg.): Long-term factors in American economic growth. Chicago 1986, S. 121.

[25] Vgl. Eissrich, Daniel, 2001, S. 163 f.

[26] Vgl. Frambach, Hans / Eissrich Daniel, 2002, S. 50.

[27] Vgl. ebenda, S. 56.

[28] Vgl. Boden, Martina: Europa – was habe ich denn davon? : Kosten und Nutzen auf den Punkt gebracht. München 1994, S. 49.

[29] Vgl. Ohne Verfasserin bzw. Verfasser: Vorteile des Binnenmarkts. Online im Internet: http://ec.europa.eu/internal_market/top_layer/benefits_de.htm, 23.10.2006, S. 1.

[30] Vgl. Boden, Martina, 1994, S. 55.

Details

Seiten
48
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638594554
ISBN (Buch)
9783638737128
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68411
Institution / Hochschule
Fachhochschule der Deutschen Bundesbank - Schloss Hachenburg
Note
2+
Schlagworte
Institutionen Europäischen Union Analyse Sicht Neuen Institutionenökonomik

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