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Persuasion und Streitgespräch. Formen der Darstellung gegnerischer Meinung in fünf "face à face" des französischen Fernsehsenders France 2

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 36 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Stand der Forschung
1.2 Quæstio

2 Zu dem Korpus

3 Analyse des Korpus
3.1 Kompetitives Streitgespräch ff i
3.1.1 Rationale Darstellungsweisen und ihre Isotopien
3.1.2 Emotionale Darstellungsweisen und ihre Isotopien
3.1.3 Aufnahme und Durchschauen der gegnerischen Meinung
3.2 Weitere Streitgespräche (ff ii-ff v)
3.2.1 ff ii
3.2.1.1 Isotopien
3.2.1.2 Aufgreifen der gegnerischen Meinung
3.2.2 ff iii
3.2.2.1 Isotopien
3.2.2.2 Aufgreifen der gegnerischen Meinung
3.2.3 ff iv
3.2.3.1 Isotopien
3.2.3.2 Aufgreifen der gegnerischen Meinung
3.2.4 ff v
3.2.4.1 Isotopien
3.2.4.2 Aufgreifen der gegnerischen Meinung

4 Ergebnis

Literaturverzeichnis

A. Anhang - Textkorpus I
A.1 ff i
A.2 ff ii
A.3 ff iii
A.4 ff iv
A.5 ff v

B. Auszug aus Hoepffner 2004 (Internetseite)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Stand der Forschung

Die Forschungsliteratur, die für diese Arbeit konsultiert worden ist, beinhaltet häufig, aufgrund der weiteren Thematik z.B. von Dissertationen, einen großen Anteil theoretischer Ausführungen und stellt eine, vielfach detaillierte Analyse, eher an das Ende. Textkorpora werden dabei eingehend und in vielfältiger Hinsicht untersucht, das spezielle Thema dieser Arbeit wird dabei auch, aber als eines von vielen behandelt. Aus diesem Grunde stellt sich diese Arbeit zur Aufgabe, die Darstellung der gegnerischen Meinung und nur diese zu untersuchen.

Ein wichtiger Bestandteil der Darstellung gegnerischer Meinung ist die Refutatio. Hierzu wurde besonders die umfangreiche Darstellung Jacques Moeschlers in dessen Dissertation über „Dire et contredire“ (Moeschler 1982) hinzugezogen und auf das der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegte Korpus übertragen. Moeschler beschreibt die Refutatio in pragmatischer Hinsicht besonders hinsichtlich ihrer illokutionären Kraft (cf. Moeschler 1982:57) und weist ihr den Charakter der Argumentativität zu, der besagt, daß eine Widerlegung für den Sprecher zu einer Verpflichtung führe, diese auch zu begründen. (Cf. Moeschler 1982:73) Da die Refutatio bei Moeschler zu dem Typus der polemischen Negation (cf. Moeschler 1982:39) gezählt wird, ergibt sich für sie eine entscheidende Rolle in Konversationen, bei denen unterschiedliche Meinungen dargestellt und verteidigt werden sollen und damit die jeweils gegnerische Meinung widerlegt werden soll. Dabei kann die Refutatio auch als Diskursakt angesehen werden, da neben ihrem Argumentativitätscharakter die interaktionelle Bedingung von entscheidender Bedeutung für die Annahme der Widerlegung sei:

„La condition interactionnelle impose à l’énonciataire [ sc. der Empfänger der Widerlegung] de statuer sur l’appropriété de l’acte illocutoire de réfutation, c’est-à-dire de l’évaluer. Si l’énonciataire approuve la réfutation, alors elle est in effect (réussie) […].“ (Moeschler 1982:73)

Die pragmatische Bedeutung der Refutatio im Hinblick auf ihren Empfänger stellt Moeschler mit den Bedrohungsgraden für das Gegenüber der Konversation dar. (Cf. Moeschler 1982:102) Dabei ist die Rektifikatio, d.h. die Widerlegung der Beziehung zwischen Prädikat a oder b und einem Argument der Aussage p, durch die Formel NICHT (p) sondern q dargestellt, wobei ein Term t aus p im Focus der Negation zu stehen hat und gleichzeitig ein antonymer Term t* zu t in q existieren muß. Ein Beispiel hierfür: NICHT (TÖTEN (JEAN, MARIE)) sondern TÖTEN (PIERRE, MARIE). (Cf. Moeschler 1982:95) Die zweite Bedrohungsstufe wird als propositionelle Refutatio (Satzwiderlegung) bezeichnet und betrifft die Gesamtheit der Aussage p, keinen Term davon. Dabei werden die Präsuppositionen bewahrt und ein Argument für die Widerlegung vorgebracht: NICHT (p) da q, z.B. NICHT (GROSSARTIG SEIN (FILM)) da NICHT (AUSZEICHNEN (FILM)). (Cf. Moeschler 1982:96) Der dritte und bedrohlichste Grad der Widerlegung ist die Präsuppositionswiderlegung; dabei wird auch der Empfänger der Refutatio selber angegriffen. Diese Widerlegung stellt sich folgendermaßen dar: NICHT (p) da q’ mit q’ Negation des Präsuppositionsinhalts q von p, q Focus der Negation und q’ Argument für NICHT (p). Ein Beispiel hierfür ist: NICHT (AUFHÖREN (Gaston, Rauchen)) da NICHT (RAUCHEN (Gaston)). (Cf. Moeschler 1982:97,101)

Zur Spezifizität der im Fernsehen ausgestrahlten, überhaupt eine Öffentlichkeit als Zuschauer und Mitakteur angehenden Diskurse äußerte Lucas Entscheidendes. Nach seiner Erkenntnis ist die Ausführung von Sprechakten in öffentlichen (Fernseh-)Diskursen stets auf den Dritten, die Öffentlichkeit nämlich, ausgerichtet; er spricht von dem „Konstitutionsfaktor ‚Trialogizität‘“ (Lucas 1992:20). Die Teilnehmer eines solchen Diskurses – Lucas konzentriert sich in seiner Arbeit auf politische Diskussionen – richten sich an der Wirkung auf diese Öffentlichkeit in ihrer Rolle als Ermöglicher einer „Machtstabilisierung und -verschiebung“ (Lucas 1992:22), also als potentielle Wähler, aus; ohnehin bestehen solche Diskussionsrunden nur wegen der Öffentlichkeit. (Cf. Lucas 1992:25)[1] Diese wichtige Spezifizierung des Begriffs der Diskussion, bei Lucas auf die politische Diskussion im Fernsehen beschränkt, kann auch auf Fernsehdiskussionen von Nicht-Politikern zu nicht-politischen Themen übertragen werden. Sobald Öffentlichkeit im Spiel ist, müssen die Diskussionsteilnehmer darauf bedacht sein, a) ein möglichst gutes Bild abzugeben und b) entweder ihre Argumente überzeugend zu übermitteln oder die Argumente des Gegners bzw. den Gegner selbst herabzuwürdigen. (Cf. Lucas 1992:29s,243) Lucas spricht hier von „kompetitive[n] Diskussionen“ (Lucas 1992:28) im Unterschied zu deliberativen Diskussionen, in denen eine Entscheidungsfindung beabsichtigt ist (cf. Lucas 1992:28), und weist der ersteren eindeutig persuasive Absichten zu. (Cf. Lucas 1992:29) Der französische Begriff face à face wird aus diesen Feststellungen heraus in dieser Arbeit mit Hilfe des deutschen Begriffs ‚kompetitives Streitgespräch‘ übertragen, da erkennbar werden wird, daß auch in den Streitgesprächen des vorliegenden Textkorpus keine Einigung erzielt werden soll, sondern zwei unterschiedliche Positionen dargestellt werden sollen, und nachher dem Zuschauer überlassen ist, ob er eine der dargelegten Positionen unterstützt und, in einem positiven Fall, welche der beiden. Dadurch gewinnt die Sprache, die in den öffentlichen Streitgesprächen gepflegt wird, die Aufgabe zu überzeugen, persuasiv oder manipulativ zu sein, wobei der Unterschied zwischen Persuasion und Manipulation durch die Fortdauer der Meinungsänderung bei dem Zuschauer bestimmt ist. Martínez Arnaldos drückt dies knapp und präzise so aus: „Estamos, pues, ante una manipulación.“ (Martínez Arnaldos 2001:279a) Außerdem formuliert er die beiden wesentlichen Bestandteile der Persuasion: „En la persuasión, a parte de la vía racional, es necesario que se produzca también un proceso emotivo.“ (Martínez Arnaldos 2001:279b) Es wird daher auch Teil dieser Arbeit sein, rationale und emotionale Bestandteile der Darstellung gegnerischer Meinung aufzuzeigen.

1.2 Quæstio

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach den Formen der Darstellung geg­nerischer Meinung in französischen Fernsehdiskussionsrunden. Die Frage lautet insbesondere, ob in den untersuchten kompetitiven Streitgesprächen Gemeinsamkeiten der Darstellung gegnerischer Meinung aufzufinden sind, und im Falle ihres Auffindens, inwieweit sie die Meinungen des Gegners, den Gegner selbst und die Öffentlichkeit anbetreffen.

2 Zu dem Korpus

Dieser Arbeit liegen als Korpus fünf sogenannte face à face zugrunde, die innerhalb der 13-Uhr-Nachrichten des Fernsehsenders France 2 im November und im Dezember 2004 ausgestrahlt wurden und bei denen sich unter Moderation des Nachrichtensprechers zwei Vertreter gegensätzlicher Meinungen einen Schlagabtausch zu einem bestimmten aktuellen Thema lieferten. Dabei ist die Gruppe, aus denen die Teilnehmer eingeladen werden, nicht auf Politiker beschränkt, es erscheinen genauso Firmenchefs, Schüler, Vereinsvorsitzende, Anwälte, Journalisten, Beamte in leitenden Positionen, Ärzte. Es sind in der Tat diese Gruppen, aus denen sich die Teilnehmer der kompetitiven Streitgespräche, die das Korpus dieser Arbeit bilden, speisen. Die ausgewählten Texte sind, zur besten Sendezeit in den Hauptnachrichten des französischen Fernsehsenders ausgestrahlt, besonders öffentlichkeitswirksam und werden das Bemühen der Beteiligten erkennen lassen, die Ziele des Streitgesprächs (möglichst positive Selbstdarstellung; überzeugende eigene Argumente/Trivialisierung der gegnerischen Argumente) zu verwirklichen.

Das erste face à face, das am 16.11.2004 ausgestrahlt wurde [ff i], widmet sich der Frage nach der Legitimität der vom französischen Gesundheitsministerium initiierten Werbekampagne gegen Alkoholmißbrauch.

Dabei treten sich Dr. Philippe Batel [bat], Leiter der Suchtstelle des Krankenhauses Beaujon de Clichy in der Nähe von Paris, und Alain Marty [mar], Vorsitzender und Gründer des Vereins Wine Business Club, gegenüber. Diese Runde, wie die übrigen auch, wird von dem Moderator und Nachrichtensprecher Christophe Hondelatte [hon] geleitet.

Das zweite face à face, vom 29.11.2004 [ff ii], behandelt den sogenannten blinden Lebenslauf (cv aveugle), der in einer Gesetzesinitiative in die französische Nationalversammlung eingebracht werden sollte. Hier streiten sich der Vorsitzende des Vereins SOS Racisme, Dominique Sopo [sop], und die Chefin der Firma Multilignes Conseil und Vorsitzende des Vereins Ethic (Entreprises de Taille Humaine et Indépendantes et de Croissance), Sophie de Menton [men].

In dem face à face Nummer 3 vom 30.11.2004 [ff iii] sitzen sich der Historiker und Ehrenvorsitzende des Institut Napoléon, Jean Tulard [tul], und der Journalist Guy Konopni­cki [kon], Verfasser eines Artikels über die Feierlichkeiten zur 200-Jahr-Feier der Kaiserkrönung Napoléon I. in der Zeitschrift Marianne (Marianne 397, 27.11. bis 03.12.2004), gegenüber.

Das vierte face à face vom 01.12.2004 [ff iv] beschäftigt sich mit der Frage, ob der französische Abschluß der weiterführenden Schule (baccalauréat) reformiert werden sollte. Anlaß gab die Ankündigung des damaligen Erziehungsministers François Fillon, einen Großteil der Bakkalaureats-Prüfungen durch über das Schuljahr verteilte Klassenarbeiten zu ersetzen (contrôle continu). Es streiten sich der Leiter der Zeitschrift L’Étudiant, René Silvestre [sil], und die stellvertretende Vorsitzende der Schülergewerkschaft La Fidèle, Laura Bohssein [boh].

Das fünfte face à face vom 03.12.2004 [ff v] schließlich diskutiert über die geplante Einführung einer automatisch zu verhängenden Mindeststrafe für rückfällige Straftäter. An dieser Runde nehmen der Anwalt und erste stellvertretende Vorsitzende der Conférence des Bâtonniers de France et d’Outre-Mer (Konferenz der Präsidenten der Anwaltskammern Frankreichs und der französischen Überseegebiete) Maître Frank Natali [nat] und der Abgeordnete der U.M.P. in der französischen Nationalversammlung und Referent des Gesetzes über die innere Sicherheit von Nicolas Sarkozy, Christian Estrosi [est], teil.

Eine aussprachegetreue Transkriptionsweise der Äußerungen der Diskussions­teilnehmer ist in dieser Arbeit nicht beabsichtigt, da keine phonetische, sondern eine pragmatische Analyse betrieben werden wird. Bei der Transkription im anhängenden Korpus bedeutet ‚(XXX)‘ eine sehr schwer oder gar nicht verständliche Stelle, etwa wenn sich Redebeiträge überlagern oder der Sprecher sehr schnell oder undeutlich spricht; wenn Teile von Beiträgen nicht genau wiedergegeben werden konnten, stehen sie in runden Klammern. Anmerkungen im Korpus sind kursiv gesetzt und mit eckigen Klammern umschlossen.

3 Analyse des Korpus

Die Streitgespräche beginnen alle auf ähnliche Art und Weise: Der Moderator hon begrüßt die Zuschauer, die dadurch darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie Teil des Streitgesprächs sind, mit dem ritualisierten Satz „Voici le face à face de 13 heures.“ (Cf. ff i/1/hon, ff ii/1/hon, ff iii/1/hon, ff iv/1/hon, ff v/1/hon)[2], der der Ausstrahlung eine gewisse Kontinuität gibt und eindeutig ihre Institutionalität markiert, die sie von nicht-öffentlicher Konversation unterscheidet. Als Unterschiede zwischen öffentlicher und nicht-öffentlicher Konversation legt Lucas vor allem folgende Dichotomien dar: Festlegung der Gesprächsdauer[3], Festlegung der Teilnehmerzahl, ständige Interaktion, Beschränkung der Rededauer, Festlegung der Sprecherabfolge, Festlegung der Gesamtredezeit der Teilnehmer. (Cf. Lucas 1992:41-44) Die Bezeichnung face à face gibt dem Zuschauer darüber hinaus zu verstehen, daß stets zwei Diskutanten an dem Streitgespräch teilnehmen und beide unterschiedliche Meinungen vertreten.

3.1 Kompetitives Streitgespräch ff i

Das Thema dieses Streitgespräches ist die Frage nach der Vertretbarkeit der von dem französischen Gesundheitsministerium unternommenen Werbekampagne gegen den Alkoholmißbrauch. Diese Frage ist stets, bei allen Äußerungen, als Hintergrund mitzudenken, da sich alle Äußerungen letztlich darauf beziehen. Als allgemeine Präsupposition ist daher zunächst einem der Teilnehmer die positive, dem anderen die negative Beantwortung dieser Frage zuzuordnen. Wir werden später erkennen, daß auf einmal beide Diskutanten die Kampagne ausdrücklich nicht befürworten. Durch die Vorstellung der Teilnehmer seitens des Moderators kann die Öffentlichkeit gleich erschließen, wer der Befürworter und wer der Ablehner ist, was Zeit spart und den Teilnehmern erlaubt, mit ihrem ersten Redebeitrag in die Diskussion einzusteigen. Da die Verteilung der Meinungen der Teilnehmer von vorneherein bekannt ist, kann sich schon der erste Redebeitrag auf die gegnerische Meinung beziehen, die sich aus dem Kontext ergibt. Die Untersuchung folgt auf der einen Seite rationalen und auf der anderen Seite emotionalen Darstellungsweisen gegnerischer Meinung und untersucht besonders Isotopien und Negation bzw. Refutatio. Dabei verbinden sich oft mehrere Strategien miteinander, weswegen die Einordnung kasuistisch erfolgt.

[...]


[1] Lucas’ Übernahme aus: Walther Dieckmann, „Öffentlich-dialogische Kommunikation als inszenierte Kommunikation. Allgemeine Beschreibung und zwei Fallstudien“, in: Sprache und Kommunikation in politischen Institutionen, ed. Walther Dieckmann, 1983. (= Linguistische Arbeiten und Berichte 19)

[2] Nachweise aus dem Korpus haben stets diese Form: Abkürzung des Streitgesprächs (ff i, ff ii, ff iii, ff iv oder ff v)/Zeile/Abkürzung des Sprechers (vgl. Abkürzungsverzeichnis und 2, S. 6). Da die Streitgespräche transkribiert vorliegen (cf. Anhang), unterbleibt die Nennung von Minute und Sekunde in der Aufzeichnung.

[3] Der zweite Teil der Dichotomie ist stets mitzudenken, hier also: Nicht-Festlegung der Gesprächsdauer.

Details

Seiten
36
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638609593
ISBN (Buch)
9783638681148
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68339
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Romanisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Persuasion Streitgespräch Formen Darstellung Meinung Fernsehsenders France Sprachverwendung Medientexten Gegenwart“

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