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Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Infrastruktur von Kommunen

Diplomarbeit 2006 105 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Themeneingrenzung
1.3 Vorgehensweise

2 Demographie
2.1 Grundlagen der Demographie
2.2 Determinanten der Demographie
2.2.1 Fertilität
2.2.2 Mortalität
2.2.3 Migration
2.3 Demographische Trends in Deutschland
2.4 Strukturwandel von Familien
2.4.1 Haushaltsformen
2.4.2 Änderung der Familienstrukturen bei der Pflege
2.5 Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2050
2.6 Auswirkungen auf das Arbeitsangebot bis 2050
2.7 Zwischenfazit

3 Infrastruktur von Kommunen
3.1 Grundlagen zur Infrastruktur
3.2 Definition und Aufgabe von Kommunen
3.3 Zusammenhänge zwischen Demographie und Infrastruktur
3.4 Zukunftsfähige Infrastrukturentwicklung
3.5 Demographische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Infrastruktur von Kommunen
3.5.1 Kinderbetreuung
3.5.2 Bildungsversorgung
3.5.3 Pflegebedarf
3.5.4 Seniorengerechte Wohnangebote
3.5.5 Medizinische Versorgung
3.5.6 Wohnungsmarkt
3.5.7 Öffentlicher Personennahverkehr
3.5.8 Netzinfrastruktur

4 Demographische Entwicklung in Kassel
4.1 Bevölkerungsentwicklung
4.2 Bildungswesen
4.3 Pflegebedarf
4.4 Wohnen
4.5 Gewerbe
4.6 Zielsetzungen der Stadt Kassel
4.7 Bevölkerungsentwicklung in Hessen

5 Zusammenfassung und Ausblick

Abbildungen im Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer seit 1952

Abb. 2: Entwicklung der Lebenserwatung Neugeborener

Abb. 3: Entwicklung des Wanderungssaldos bis 2001

Abb. 4: Annahmen zur Entwicklung des Wanderungssaldos bis 2050

Abb. 5: Ausländische Bevölkerung nach ihrer Herkunft

Abb. 6: Einpersonenhaushalte nach Gemeindegrößenklassen in % aller Privathaushalte der jeweiligen Gemeindegrößenklassen

Abb. 7: Anteil der in nichtehelichen Lebensgemeinschaften lebenden Bevölkerung unter 65 Jahren nach Alter, 2006

Abb. 8: Anteil der Pflegebedürftigen nach Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2001

Abb. 9: Versorgung von Pflegebedürftigen

Abb. 10: Neun Varianten der Bevölkerungsvorausberechnung

Abb. 11: Entwicklung der Bevölkerung in DeutschlandAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Lebendgeborene und Gestorbene in Deutschland bis zum Jahr 2050Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland

Abb. 14: Altenquotienten bei verschiedenen AltersabgrenzungenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 15: Bevölkerungsentwicklung 2003 bis 2020 in den Landkreisen und kreisfreien Städten (in Prozent)

Abb. 17: Anteil der Frauen und Männer an der jeweiligen Altersklasse nach Anzahl der Erkrankungen (in %) im Jahr 2002

Abb. 18: Pflegepotential und Pflegebedürftige

Abb. 19: Einrichtungen der Altenhilfe

Abb. 20: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Kassel von 1995 - 2006

Abb. 21: Altersjahrgänge in der Stadt Kassel zum 01.01.2006

Abb. 22: Altersjahrgänge in der Stadt Kassel zum 01.01.2006

Abb. 23: Pflegebedürftige in Kassel bis 2050

Abb. 24: Pflegekulturelle Orientierungen und soziale Milieus

Abb. 25: Bevölkerungsprognose von hessischen Großstädten

Abb. 26: Pflegebedarf nach Altersgruppen

Abb. 27: Voraussichtliche Übergänge vom Jahrgang 4 in den Jahrgang 5

Abb. 28: Demographische Prozesse als Herausforderung für die Stadt Kassel

Abb. 29: Demographische Prozesse als Herausforderung für die Stadt Kassel

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands

Tab. 2: Wohnsituation in Deutschland

Tab. 3: Anpassungsfähigkeit und betriebstechnische sowie investive Maßnahmen bei Auslastungsproblemen für die Ver- und Entsorgungssysteme

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Konsequenzen des demographischen Wandels in Deutschland sind seit Jahrzehnten bekannt. Bevölkerungsforscher weisen immer wieder auf den demographischen Wandel hin. In Deutschland war Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal ein negatives natürliches Bevölkerungssaldo zu beobachten. Seitdem stagnieren die Geburtenzahlen auf dem niedrigen Niveau von 1,4 Kindern pro Frau.[1] Da es Anfang der 1990er Jahre zu starken Zuwanderungen kam, setzte sich kaum einer mehr intensiv mit dem Thema der demographischen Entwicklung auseinander. Erst seitdem die Entwicklungen in den ostdeutschen Bundesländern sichtbar wurden, gerieten die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die städtischen Strukturen verstärkt in die politische Diskussion. Seit dem beschäftigen sich immer mehr Kommunen mit der demographischen Entwicklung. Für eine Kommune ist es wichtig, zukunftsfähige Anpassungsstrategien zu entwickeln, um sich auf den demographischen Wandel einzustellen. Für die kommunale Entwicklungsplanung sind die Bevölkerungsentwicklung und die Bevölkerungsstruktur entscheidende Bezugsgrößen. Dies betrifft vor allem die Auslastung bestehender Infrastruktureinrichtungen und die für die Zukunft erforderlichen Neuinvestitionen.

Für die Gegenwart und Zukunft stellt die demographische Entwicklung eine der größten Herausforderungen dar. Der demographische Wandel ist in Deutschland durch eine steigende Lebenserwartung der Bevölkerung bei gleichzeitigem Rückgang der Geburtenzahlen unter das Reproduktionsniveau gekennzeichnet. Daraus resultieren eine zunehmende Alterung und die quantitative Abnahme der Bevölkerung. Der demographische Wandel ist so tief greifend, dass alle Lebensbereiche von ihm betroffen sind. Im Bereich der sozialen Infrastruktur muss sich die Bereitstellung von Kinderbetreuung, Pflegeheimen und Tagesstätten verändern, um den Bedürfnissen und dem Bedarf der Gesellschaft zu entsprechen. Der demographische Wandel wird sich jedoch räumlich sehr differenziert auswirken. In strukturschwachen und ländlichen Regionen wird es zu starken Einwohnerverlusten kommen. Dabei wird in vielen Regionen die Tragfähigkeit von Infrastruktureinrichtungen gefährdet sein. In anderen Regionen, wie z.B. im süddeutschen Raum und hier besonders in München, wird der demographische Wandel weniger stark ausfallen. Es wird zwar auch hier zu Veränderungen in der Altersstruktur kommen, aber die Bevölkerung wird größtenteils nicht rückläufig sein.

Jede dieser demographischen Prognosen, besonders wenn sie dreißig oder sogar fünfzig Jahre in die Zukunft weisen, sollte man mit Vorsicht genießen, da Änderungen in den verschiedenen Bereichen zu erheblichen Veränderungen in der Prognose führen können. Denn wer hätte z.B. in den 1950er Jahren mit der Einführung und der Wirkung der Pille rechnen können.

1.2 Zielsetzung und Themeneingrenzung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Infrastruktur von Kommunen. Es soll ein Überblick über die Problematik des demographischen Wandels gegeben werden, welche Probleme auf Deutschland in den nächsten Jahrzehnten zukommen, wenn nichts getan wird. Das Ziel der Arbeit ist es, neben diesem Überblick zukunftsfähige Anpassungsstrategien als Reaktion auf den demographischen Wandel zu entwickeln und am Beispiel der Stadt Kassel anzuwenden.

Die enorme Komplexität des demographischen Wandels bedarf einer sinnvollen Eingrenzung des Themas. In Abstimmung mit dem Betreuer bildet die Begriffsdefinition der Demographie eine Grundlage dieser Arbeit. Als Nächstes interessiert die Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2050, die Veränderungen in der Größe und vor allem im Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland unter aus heutiger Sicht realistischen Annahmen zeigt. Diese Annahmen wurden unter den wichtigsten Determinanten der Bevölkerungsvorausberechnung getroffen: der Fertilität, der Lebenserwartung sowie der Außenwanderungen. Im Folgenden werden dann Anpassungsstrategien für verschiedene Bereiche der Infrastruktur gezeigt. Diese Strategien werden schließlich auf die Stadt Kassel angewandt.

Auf die weiteren Einzelheiten der Untergliederung wird näher in der Vorgehensweise eingegangen.

Das Themengebiet des demographischen Wandels ist so umfangreich, dass nicht auf alle Details eingegangen werden kann, so dass der Anspruch auf Vollständigkeit nicht erfüllt ist.

1.3 Vorgehensweise

In Anschluss an die Einleitung, werden im zweiten Abschnitt ein demographisches Grundwissen und aktuelle Trends in der demographischen Entwicklung dargelegt. Des Weiteren wird auf den Strukturwandel sowie auf die Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2050 eingegangen.

Im dritten Abschnitt werden erst einmal die Grundlagen der Infrastruktur näher erläutert, bevor dann auf die Zusammenhänge zwischen der Demographie und der Infrastruktur eingegangen wird. Nachdem dies erläutert ist, steht die Entwicklung der Infrastruktur von Kommunen unter demographischen Gesichtspunkten im Vordergrund. Hierbei werden die aus der demographischen Entwicklung resultierenden Konsequenzen aufgezeigt. Als erstes erfolgt die Betrachtung der Entwicklung der sozialen Infrastruktur. Weiterhin wird betrachtet, inwiefern sich die demographische Entwicklung auf die technische Infrastruktur mit den Bereichen des öffentlichen Personennahverkehrs und der Wasserversorgung auswirkt.

Aufbauend auf dem resultierenden Ergebnis soll im Abschnitt 4 auf die demographische Entwicklung der Stadt Kassel eingegangen werden. Zuerst wird eine Prognose für die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Kassel bis zum Jahr 2050 gegeben. Danach werden zukunftsfähige Anpassungsstrategien für die verschiedenen Bereiche der Infrastruktur entwickelt. Bevor auf die Bevölkerungsentwicklung in Hessen eingegangen wird, werden die Zielsetzungen der Stadt Kassel, wie sie die demographische Entwicklung bewältigen will, erläutert.

Der Abschnitt 5 soll die Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick für die Zukunft geben.

2 Demographie

Der Begriff Demographie stammt aus dem Griechischen und bedeutet ,,Volk beschreiben“. Es wird mit Zahlen und Kennziffern beschrieben, wie sich die Bevölkerungszahl und ihre Strukturen (Alter, Geschlecht, Familienstand, Nationalität) durch demographische Ereignisse verändern.[2] Um die Aussagen im Bereich der Demographie zu verstehen, soll daher zu Beginn dieser Arbeit ein gewisses demographisches Grundwissen vermittelt werden.

2.1 Grundlagen der Demographie

Die Demographie beschäftigt sich mit dem Stand und der Entwicklung menschlicher Bevölkerungen sowie den wechselseitigen Beziehungen zwischen Elementen der Bevölkerungsstruktur und den wirtschaftlichen, sozialen und anderen Merkmalen einer Gesellschaft.[3] Das wichtigste Instrument der Demographie ist die Bevölkerungsstatistik. Sie erfasst die Bevölkerung nach Zahl und Struktur zu einem bestimmten Zeitpunkt mittels einer Bevölkerungszählung oder einem Mikrozensus und stellt damit den Ausgangspunkt einer jeden demographischen Analyse dar.[4]

Die Methoden der Demographie lassen sich grundsätzlich in Struktur- und Ereignisanalysen differenzieren. Bei der Strukturanalyse werden die Merkmale Alter, Geschlecht und Familienstand einer Bevölkerung zu einem gegebenen Zeitpunkt untersucht.[5] Ergebnisanalysen untersuchen hingegen die Häufigkeiten gewisser Ereignisse in Populationen, innerhalb eines bestimmten Zeitraums und geben diese Ereigniswahrscheinlichkeiten mittels demographischer Verhältniszahlen an.[6]

Um die Bevölkerungsveränderung zwischen zwei bestimmten Zeitpunkten zu berechnen, wird die folgende demographische Grundgleichung verwendet:

Bevölkerung (t1) = Bevölkerung (t0) + Geburten – Sterbefälle + Zuzüge – Fortzüge

Die Zahl der Bevölkerung wird mittels der demographischen Grundgleichung fortgeschrieben. Dies basiert auf den Ergebnissen einer Bevölkerungszählung. Dabei verändert sich die Ausgangsbevölkerung (t0) auf Grund von demographischen Ereignissen. Hierzu zählen die Geburten, Sterbefälle sowie die Zu- und Fortzüge.[7]

2.2 Determinanten der Demographie

Die demographische Entwicklung wird durch die drei Hauptdeterminanten Fertilität, Mortalität und Migration bestimmt. Diese drei Faktoren beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung und daher werden sie im Folgenden näher dargestellt.

2.2.1 Fertilität

Die Fertilität ist die erste Determinante der Demographie. Sie ist ein Bestandteil der natürlichen Bevölkerungsentwicklung, welche Geburten und Sterbefälle umfasst. Diese natürlichen, demographischen Ereignisse verändern die Bevölkerungszahl und -struktur.[8] Um das natürliche Bevölkerungssaldo herauszubekommen, werden Geburten und Sterbefälle eines Beobachtungszeitraums einander gegenübergestellt. Von einem positiven Bevölkerungswachstum wird dann gesprochen, wenn in einem räumlich abgegrenzten Gebiet die Anzahl der Geburten gegenüber der Anzahl der Sterbefälle überwiegen.

Die Fertilität bezeichnet die Geburtenhäufigkeit, d. h. die tatsächliche Realisierung von Nachkommen in einer Bevölkerung.[9] Die absolute Zahl an Geburten hängt vom generativen Verhalten einzelner Individuen ab. Dies sind alle allgemein akzeptierten Normen und Verhaltensweisen, die den Kinderwunsch und seine Realisierung beeinflussen. Die einfachste Messgröße zur Beurteilung der Fertilität ist die Geburtenziffer (rohe Geburtenziffer). Sie bezieht sich auf die absolute Bevölkerungszahl und ergibt sich aus der Zahl der Lebendgeburten eines Jahres je 1.000 Einwohner.[10] Entscheidend für die Geburtenhäufigkeit sind aber die Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren, also der potenziell gebärfähige Teil einer Bevölkerung. Bei dieser Messziffer wird somit nicht die Gesamtbevölkerung berücksichtigt, sondern nur der gebärfähige Teil einer Bevölkerung.[11] Die meisten Industrieländer unterschreiten jedoch schon seit den 1970er Jahren die “magische Schwelle“ von 2,1 Kindern pro Frau, die reichen würde um eine Elterngeneration vollständig zu ersetzen.[12]

2.2.2 Mortalität

Die zweite Determinante der Demographie ist die Mortalität, worunter man die Zahl der Sterbefälle einer Bevölkerung innerhalb eines bestimmten Zeitraums versteht. Die Sterblichkeit wird mittels der Sterberate wiedergegeben, sie wird definiert durch die Zahl der Sterbefälle je 1.000 Einwohner pro Jahr.[13] Die Lebenserwartung ist mit Mortalität eng verbunden und gilt als die wichtigste demographische Messziffer zur Beurteilung der Sterblichkeitsverhältnisse. Der Begriff Lebenserwartung bezieht sich auf die durchschnittliche Anzahl von Lebensjahren, die ein Mensch auf Grund der zu einem Zeitpunkt geltenden altersspezifischen Sterblichkeitsverhältnisses noch leben wird.[14] In Folge des medizinischen Fortschritts und der veränderten Lebensbedingungen ist die Höhe der Lebenserwartung einem ständigen Wechsel unterzogen. Sie ist ein guter Indikator für die Qualität der Gesundheitsversorgung und den Lebensstandard eines Landes, z.B. soziales Umfeld, ausreichend Heizung, warme Kleidung, Qualität von Wohnung und Arbeitsplatz etc.[15] So ist die Lebenserwartung von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Im Vergleich von Mann und Frau haben Frauen eine längere Lebenserwartung. Die Differenz zwischen Männern und Frauen wird als Übersterblichkeit bezeichnet.

Einflussgrößen für die Mortalität sind vor allem:[16]

- Ökologische Determinanten (Vorsorge vor Naturkatastrophen, Umwelt)
- Sozioökonomische, politische und kulturelle Determinanten (z.B. Verbesserung des Arbeitsschutzes, Verringerung der körperlichen Arbeit, bessere Ernährung, Krieg)
- Medizinische Determinanten (z.B. Schutzimpfungen, Hygienevorschriften)

2.2.3 Migration

Die Migration ist der dritte wichtige Bestimmungsfaktor in der Bevölkerungsentwicklung. Sie wird als die Veränderung der Bevölkerung nach Zahl und Struktur durch Zu- und Fortzüge definiert.[17] Um das Wanderungsvolumen darstellen zu können, bedarf es der Berechnung des Wanderungssaldos. Hierbei wird die Summe aus Zu- und Fortzügen gebildet. Um die Nettowanderungsrate zu ermitteln, muss die Differenz zwischen Zu- und Abwanderungen je 1.000 Einwohner berechnet werden.[18]

Migration kann in drei Formen erfolgen:

- Emigration (Auswanderung) ist das freiwillige oder erzwungene Verlassen des Heimatlandes auf Dauer. Sie erfolgt aus wirtschaftlichen, politischen oder anderen individuellen Gründen.
- Immigration (Einwanderung). Hierbei verlegt eine Person dauerhaft ihren Wohnsitz in ein anderes Land.
- Permigration (Durchwanderung).

Wanderungsgründe lassen sich durch verschiedene Punkte begründen. Zum einen gibt es die berufs- und ausbildungsbedingten Motive sowie familiäre oder ruhestandsorientierte Gründe.[19] Migration kann hinsichtlich Alter, Geschlecht und Qualifikation zu selektiven Umverteilungsprozessen führen und so die Bevölkerungsstruktur verändern.[20] Meist wandern die Menschen von benachteiligten und strukturschwachen Regionen in wirtschaftlich stärkere Räume ab. Migration verändert die Struktur sowie die räumliche Verteilung der Bevölkerung und damit die Siedlungsstruktur.

2.3 Demographische Trends in Deutschland

In der demographischen Entwicklung zeichnen sich besorgniserregende Trends ab. Die wichtigsten Stichworte zur gegenwärtigen Entwicklung der Bevölkerung sind: Schrumpfung, Heterogenisierung, Alterung und regionale Disparitäten. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen, dass die Bevölkerungszahl abnehmen wird und deutliche Verschiebungen in der Altersstruktur und somit im Bevölkerungsaufbau auftreten werden. Die Bevölkerungsentwicklung wird zu einem zentralen Problem für die wirtschaftliche, infrastrukturelle und soziale Entwicklung der Gesellschaft.

(1) Niedrige Geburtenziffer

Die Geburtenentwicklung verlief seit Mitte der 1950er Jahre in den alten Bundesländern und in der ehemaligen Deutschen Demokratische Republik (DDR) nahezu parallel. Beide Teile Deutschlands haben Anfang der 1960er Jahre die höchste zusammengefasste Geburtenziffer der Nachkriegszeit von 2,5 Kindern pro Frau erlebt.[21]

Seit dem Jahre 1964 begannen die Geburtenzahlen in der ehemaligen DDR, zwei Jahre später im früheren Bundesgebiet (Westdeutschland), zu sinken. Dieser Geburtenrückgang, von dem man zuerst vermutete, dass er nur temporär sei, hatte ganz Europa relativ gleichzeitig erfasst. Abb.1 zeigt, dass die Geburtenentwicklung ab Mitte der 1970er Jahre in beiden Teilen Deutschlands sehr unterschiedlich verlief. Im früheren Bundesgebiet herrscht seither ein stabil niedriges Geburtenniveau. Es werden im Durchschnitt je Frau 1,4 Kinder geboren.[22]

Die ehemalige DDR wirkte dem ab Mitte der 1970er Jahre mit umfangreichen staatlichen Förderungsmaßnahmen für Familie und Kinder entgegen. So kam es, dass die zusammengefasste Geburtenziffer im Jahr 1980 auf 1,94 Kinder pro Frau stieg.[23] Danach ging auch in der ehemaligen DDR die Geburtenhäufigkeit zurück. Es vollzog sich ein starker Einbruch, der auf die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die in den neuen Ländern mit der deutschen Wiedervereinigung einhergingen, zurückzuführen war. Die zusammengefasste Geburtenziffer erreichte im Jahr 1994 ihren Tiefpunkt mit 0,77 Kindern je Frau. Seit Anfang der 1990er Jahre kam es zu einer Anpassung an das westliche Verhaltensmuster, d. h. die Frauen bekamen ihre Kinder erst im höheren Alter. Das durchschnittliche Alter von verheirateten Müttern bei der Geburt des ersten Kindes ist im Zeitraum von 1970 bis 2000 von 24,3 auf 29 Jahre gestiegen.[24] Seit Mitte der 1990er Jahre nahm die Geburtenhäufigkeit in den neuen Ländern wieder zu und nähert sich dem niedrigen Niveau der alten Bundesländer von 1,4 Kindern pro Frau.[25] Eine zusammengefasste Geburtenziffer von 1,4 Kindern pro Frau bedeutet, dass jede Elterngeneration nur zu etwa zwei Dritteln durch Kinder ersetzt wird. Um die gegenwärtige Bevölkerungszahl zu erhalten, müssten im Durchschnitt pro Elternpaar etwas mehr als 2 Kinder geboren werden. Wenn man berücksichtigt, dass etwas häufiger Jungen geboren werden als Mädchen und man die natürliche Mortalität der Mädchen von circa 1 Prozent heranzieht, so müssten 208 Kinder pro 100 Frauen als Minimum geboren werden, die, wenn sie erwachsen sind, selbst wieder mindestens zwei Kinder bekommen und so die vorangegangene Generation ersetzen.[26]

Abb. 1: Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer seit 1952

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2003): Bevölkerung Deutschland bis 2050: 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 11.

Die demographische Krise ist auf einen allgemeinen Wandel in den Einstellungen der Menschen zurückzuführen.[27] Dafür verantwortlich sind eine Reihe von ökonomischen, sozialen und psychologischen Faktoren, die zu einem Bestandteil des sozialen Lebens geworden sind. Zu nennen sind besonders die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderkosten und das Selbstverwirklichungsstreben der heutigen Elterngeneration.[28] Erwerbstätigkeit, berufliche Karriere oder auch konsumorientierte Lebensstile haben heutzutage einen höheren Stellenwert als Familie und Kinder. Der hohe kinderlose Anteil von Frauen mit Hochschulabschluss deutet darauf hin, dass es im Rahmen der gegebenen Bedingungen schwierig ist, Beruf und Kinder zu vereinbaren.[29] Hingegen sind Familien mit drei oder mehr Kindern häufig bei Paaren zu finden, die beide keinen Ausbildungsabschluss besitzen.[30] Langfristig gesehen dürfte sich die Geburtenhäufigkeit auf einem niedrigen Niveau von 1,4 Kindern pro Frau stabilisieren.

(2) Wachsende Lebenserwartung

Die Lebenserwartung der Menschen ist während des letzten Jahrhunderts deutlich angestiegen. Ein 1910 geborener Junge hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von 47 und ein Mädchen von 51 Lebensjahren. Im Jahre 2000 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei einem neugeborenen Jungen bei ca. 75 und bei einem Mädchen bei ca. 81 Lebensjahren. Dies ist auf die Fortschritte im Gesundheitswesen, Hygiene, Ernährung, die Wohnsituation und die Arbeitsbedingungen der Menschen zurückzuführen.[31] Auch bei der älteren Bevölkerung hat sich die durchschnittlich zu erwartende weitere Lebenszeit verlängert. Heutzutage lebt ein 60-jähriger Mann noch etwa 19 Jahre.[32]

In der Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland bis zum Jahr 2050 wurden drei Annahmen zur Entwicklung der Lebenserwartung getroffen, wie in der nachfolgenden Abb. 2 zu sehen ist. Die Lebenserwartung wird nach der mittleren Annahme L2 bei einem neugeborenen Jungen im Jahr 2050 bei 81,1 Jahren und bei einem Mädchen bei 86,6 Jahren liegen.

Abb. 2: Entwicklung der Lebenserwatung Neugeborener

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2003): Bevölkerung Deutschland bis 2050: 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 15.

(3) Wanderungen

Die Migration ist eine demographische Komponente, die die Bevölkerungsentwicklung bestimmt. In den 1990er Jahren kamen zwei Trends zum Vorschein. Zum einen war es die Ost-West-Verlagerung der Bevölkerung und zum andern die Internationalisierung der demographischen Entwicklung durch Außenwanderungsgewinne.[33] Für die gesamtdeutsche Betrachtung sind die Außenwanderungen, d. h. die Wanderungen über die Grenzen Deutschlands von Bedeutung. Sie setzen sich aus den Zu- und Fortzügen der deutschen und der ausländischen Bevölkerung zusammen. Der Wanderungssaldo ist für die künftige Bevölkerungszahl und die Altersstruktur ausschlaggebend. Auf der einen Seite wird der Wanderungssaldo von der Migrationspolitik in Deutschland bestimmt und auf der anderen Seite hängt er von den Entwicklungen in den Herkunftsländern ab.[34] Wie man in der Vergangenheit gesehen hat, sind die Wanderungen ausländischer Personen erheblichen Schwankungen ausgesetzt.[35] Die Abb. 3 zeigt die Entwicklung des Wanderungssaldos. In den Jahren zwischen 1955 und 1973 gab es eine Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften. Nachdem es 1973 einen Anwerberstopp gab, wurde das Wanderungsgeschehen vorwiegend von den Familienangehörigen geprägt.[36] In den 1980er und 1990er Jahren kam es dann zu einer starken Zuwanderung, vor allem von deutschstämmigen Aussiedlern aus Osteuropa, sowie einer großen Zahl von Menschen, die um Asyl baten. Im Jahre 1992 gab es den höchsten Zuwanderungsüberschuss von 780.000 Personen.[37]

Abb. 3: Entwicklung des Wanderungssaldos bis 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2003): Bevölkerung Deutschland bis 2050: 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 21.

Aus den Wanderungsverläufen der letzten fünfzig Jahre ergibt sich, dass das Außenwanderungssaldo vorwiegend positiv war. Es betrug im Jahresdurchschnitt knapp 200.000 Menschen. Die Annahmen über die künftigen Wanderungsentwicklungen sehen einheitlich eine Abnahme des durch die Zuzüge von Spätaussiedlern geprägten Zuwanderungssaldos der deutschen Bevölkerung von 80.000 im Jahr 2003 auf Null im Jahr 2040 vor.[38] Wie die Abb. 4 zeigt, werden für die ausländischen Personen drei Annahmen über die Zu- und Fortzüge ab 2003 nebeneinander gestellt. Die ersten beiden Annahmen gehen dabei von einem jährlichen Wanderungsüberschuss von 100.000 (Annahme W1) bzw. 200.000 (Annahme W2) Personen aus. Diese beiden Annahmen decken den langjährigen Wanderungsdurchschnitt ab. Die dritte Annahme geht von einem höheren Wanderungssaldo aus. Nach der Annahme wird ab 2011 mit einem jährlichen Wanderungssaldo von 300.000 (Annahme W3) Personen gerechnet. Sie berücksichtigt die vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit für Personen aus den 2004 der EU beigetretenen Staaten.[39] Mit diesen Wanderungen geht ein Verjüngungseffekt einher, da die nach Deutschland zuziehenden ausländischen Personen im Durchschnitt jünger sind, als die Fortziehenden.[40]

Abb. 4: Annahmen zur Entwicklung des Wanderungssaldos bis 2050

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2003): Bevölkerung Deutschland bis 2050: 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 24.

Der zweite Trend, der in den 1990er Jahren zum Vorschein kam, war der Ost-West- Abwanderungsprozess. Er setzte in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung ein. Selbst durch Außenwanderungsgewinne konnten die Binnenwanderungsverluste nicht kompensiert werden. Besonders die ländlichen Regionen hatten mit starken Verlusten zu kämpfen.[41] Alle neuen Bundesländer bis auf Brandenburg verloren an Bevölkerung. Die Altergruppe der 18- bis 30-Jährigen verlor dabei überproportional am stärksten.[42] Die Menschen zogen in den Westen mit der Hoffnung, dass damit eine Verbesserung der Lebensqualität einherging.[43] Der Hauptgrund des Fortzugs war die bessere Arbeitsmarktsituation im Westen Deutschlands. In dem Zeitraum von 1991 bis 2005 gab es insgesamt ein Wanderungssaldo des früheren Bundesgebietes gegenüber den neuen Ländern von 948.700 Menschen.[44] Der Abwanderungsdruck in den ostdeutschen Regionen hat sich verringert, gleichzeitig stieg die kleinräumige Mobilität der Ostdeutschen an.[45] Mittelfristig werden die Ost-West-Wanderungen in abgeschwächter Form bestehen bleiben.

(4) Heterogenisierung (Konsequenz von (3))

Die Bevölkerung in Deutschland betrug zum 31.12.2005 82.437.995 Personen. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung beläuft sich dabei auf 7.289.149 Personen, das macht einen Anteil von 8,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung.[46] Die deutschstämmigen Spätaussiedler zählen nicht zu der ausländischen Bevölkerung, da sie durch Anspruchseinbürgerungen Deutsche sind. Außerdem werden unter der ausländischen Bevölkerung auch keine eingebürgerten Deutschen aufgeführt.

Wie in der nachfolgenden Abbildung zu sehen, macht die größte Gruppe mit 27 Prozent die türkische Bevölkerung aus. Das zweitbedeutendste Herkunftsland ist Jugoslawien auch nach der Abspaltung von Kroatien und Bosnien-Herzegowina, gefolgt von Italien.[47] Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller ausländischen Personen betrug im Jahr 2005 16,8 Jahre.

Abb. 5: Ausländische Bevölkerung nach ihrer Herkunft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an die Daten des Statistischen Bundesamtes.

(5) Suburbanisierung

Unter Suburbanisierung ist die Ausdehnung der städtischen Bevölkerung in das Umland einer Stadt zu verstehen. Dieser Prozess vollzieht sich im Westen seit Mitte der 1970er Jahre. Ermöglicht wurde dies durch den Ausbau der Verkehrsnetze, insbesondere durch den ÖPNV.[48] Als weitere Ursache sind die schlechteren Bedingungen für den Wohnungsbau zu nennen und vor allem die gestiegenen Bau- und Bodenkosten. In Ostdeutschland treten seit Mitte der 1990er Jahre verstärkt Stadt-Umland-Wanderungen auf, bevorzugt von jungen Familien.[49] Insgesamt hatten die ostdeutschen Städte (> 20.000 Einwohner) nach der Wende große Bevölkerungsverluste zu verzeichnen. Dieser Verlust entstand sowohl als Folge des Suburbanisierungsprozesses als auch aufgrund der Ost-West-Abwanderung. Durch die Umverteilungsprozesse kommt es, dass die Städte eine Unterauslastung der sozialen Infrastruktur haben. Hier werden teilweise Einrichtungen geschlossen. Die Umlandgemeinden haben hingegen Mühe, die notwendige soziale Infrastruktur bereitzustellen.[50] Ein weiteres Problem, was die Städte betrifft, ist, dass die in den Umlandkreisen lebenden Personen auch Einrichtungen der Stadt benutzen, z.B. Theater, ohne dass die Umlandkreise einen finanziellen Ausgleich zahlen. Trotz aller negativen Betrachtungen gibt es für die Zukunft auch positive Annahmen für die Städte. Aufgrund des demographischen Wandels ist künftig mit einer zunehmenden Zahl kinderloser Haushalte zu rechnen, die ein Leben in der Stadt aufgrund des Freizeitangebots bevorzugen. Des Weiteren gibt es immer mehr ältere Menschen, die bevorzugt in der Stadt wohnen, um besser am kulturellen Leben teilnehmen zu können.[51]

2.4 Strukturwandel von Familien

Infolge des demographischen Wandels zeichnen sich in den Familienstrukturen Veränderungen ab. Der derzeitige Wandel in den Familienstrukturen ergibt sich aus altersstrukturellen Verschiebungen, der niedrigen Heiratsneigung, späteren Eheschließung, steigenden Scheidungshäufigkeiten und einer zunehmenden Anzahl von kinderlosen Ehepaaren.

(1) Eheschließungen

In den letzten Jahrzehnten hat die Ehe an Attraktivität verloren. Die Zahl der Nicht-Heiratenden hat kontinuierlich zugenommen. In der Bundesrepublik Deutschland bleiben 18 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen im Alter zwischen 40 und 44 ledig. Bei den jungen Männern und Frauen werden etwa 30 Prozent ledig bleiben.[52] Die höchsten Ledigenquoten weisen Frauen und Männer mit Hochschulabschluss auf. Nach den aktuellen Zahlen für das Jahr 2005 gab es nur noch 388.451 Eheschließungen. Nicht nur dass weniger geheiratet wird, sondern auch das durchschnittlich höhere Erstheiratsalter, was seit Mitte der 1970er Jahre besteht, ist zu erwähnen.[53] Zurückzuführen ist dies auf die verlängerten Ausbildungszeiten und die Zunahme der nichtehelichen Lebensgemeinschaften. So kommt es, dass heutzutage ledige Frauen bei der ersten Eheschließung im Durchschnitt 29 Jahre und Männer 31 Jahre alt sind.[54]

(2) Scheidungen

Seit den letzten 30 Jahren nimmt die Zahl der Scheidungen zu. Im Jahr 2004 wurden 213.691 Ehen geschieden, dies ist ein absoluter Höchststand. Nur im Jahr zuvor gab es geringfügig mehr Ehescheidungen.[55] Die Hälfte der im Jahr 2004 Geschiedenen hatte zum Zeitpunkt der Scheidung minderjährige Kinder. Das verflixte siebte Jahr, indem am meisten Ehen geschieden werden, gibt es nicht mehr. Heutzutage werden die meisten Ehen im fünften bis sechsten Ehejahr geschieden, aber auch das Scheidungsrisiko zwischen dem 20. und 30. Ehejahr ist sehr hoch. Eine Ursache für die Zunahme der Scheidungen ist die Unabhängigkeit der Frauen im mittleren Lebensalter, da sie eine zunehmende Erwerbstätigkeit haben und nicht mehr wie früher auf den Partner angewiesen sind.[56] Frauen verzichten eher auf Kinder, als auf Selbstständigkeit und berufliche Entwicklung.

(3) Elternschaft

Der Trend der Kinderlosigkeit in Deutschland nimmt zu. Durch das staatliche Rentensystem ist ein sehr wichtiges Motiv für den Kinderwunsch erloschen. Heutzutage wird der Kinderwunsch kaum noch mit der Überlegung verbunden, wie das Leben im höheren Alter gesichert werden kann. Wenn man damals keine Kinder hatte, war dies eine Bedrohung für das eigene Leben. Heutzutage hat man materielle Vorteile, wenn man keine Kinder hat.[57] Mit dem Geld, was bei der Kindererziehung gespart wird, kaufen sich viele lieber ein neues Auto oder auch die Frau kann dadurch, dass sie keine Kinder hat, ihrer Berufstätigkeit nachgehen und Geld verdienen.

Der Trend der Kinderlosigkeit lässt sich an zwei Punkten verdeutlichen. Zum einen nimmt die Zahl der Mehrkindfamilien stetig ab. Das sind die Familien, die drei oder mehr Kinder haben. Zum anderen bleiben etwa ein Drittel der Frauen und Männer eines Jahrgangs komplett kinderlos.[58] In Deutschland lassen sich zwei soziale Milieus ausmachen. Das sind zum einen Paare mit niedrigem Einkommen (nicht sehr niedrigem) und zum anderen unverheiratete und höher qualifizierte Frauen, die dem Karrieremilieu zugeordnet werden.[59] Dies deutet darauf hin, dass es für höher qualifizierte Frauen schwer ist, Beruf und Familie zu vereinbaren. Heutzutage möchten Frauen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren im Durchschnitt nur noch 1,74 Kinder, Männer sogar nur 1,57 Kinder haben.[60] Um die Geburtenrate zu erhöhen und die Probleme zu lösen, die oben beschrieben wurden, müsste eine bessere Familienpolitik betrieben werden. Ein Blick auf Frankreich zeigt mögliche Beispiele, um die Geburtenrate zu erhöhen. Hervorzuheben ist in Frankreich die sehr gute Versorgung mit Kindergrippen und Kindergärten sowie Ganztagsschulen. Dort können alle Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren mit einem Kindergartenplatz versorgt werden.[61] Im Westen Deutschlands sieht die Situation anders aus, dort reicht der Versorgungsgrad für drei- bis unter sechsjährige Kinder von 76 Prozent in Hamburg bis zu 124 Prozent in Rheinland-Pfalz. Dies bedeutet, dass für 100 Kinder in Hamburg im Jahr 2002 nur 76 Plätze zur Verfügung gestanden haben.[62] In den neuen Bundesländern hingegen fand jedes Kind einen Platz. Hinzukommt in den alten Bundesländern, dass etwa 80 Prozent der Kindergärten nur eine Halbtagsbetreuung anbieten.[63] Noch deutlicher ist die Situation bei den Ganztagsschulen. Es gibt kaum noch Länder mit Halbtagsschulen, wie sie in Deutschland üblich sind. Wegen der fehlenden Kindergartenplätze und Ganztagsschulen werden junge Frauen deshalb vor die Entscheidung gestellt, entweder ihren Beruf auszuüben oder Kinder großzuziehen.[64] Sehr häufig werden die Kinder erst einmal hinten angestellt, bis die Karriere gemacht ist, denn durch das Fehlen von Kindergärten und Ganztagsschulen kommt es zu einem großen Einkommensverzicht. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, ist in Deutschland seit dem 1. Januar 2005 das Gesetz zum Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren in Kraft - das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG). Bis zum Jahr 2010 sollen 230.000 zusätzliche Plätze in Kindergärten, Krippen und in der Tagespflege entstehen.[65] Das Ziel ist es, Eltern und Familien zu stärken, gerade in Hinsicht einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, damit junge Menschen ihre Kinderwünsche realisieren können.

Ein weiterer Punkt, der in Frankreich anders geregelt ist, ist das Kindergeld. Dort gibt es ein progressiv nach der Kinderzahl gestaffeltes Kindergeld und einen Familienzuschlag für Bedürftige mit mehr als drei Kindern.[66] Das Kindergeld macht sich dort erst ab dem zweiten Kind bemerkbar. Für das erste Kind wird in Frankreich kein Kindergeld gezahlt. Wenn man die Grundsatzentscheidung getroffen hat und Kinder haben möchte, entscheidet man sich auch für ein Kind. Anders sieht es bei zwei oder drei Kindern aus, dort hängt die Entscheidung sehr stark von ökonomischen Faktoren ab.[67] Und an dem Punkt setzt das französische System an. In Frankreich wird das zweite oder dritte Kind viel stärker als in Deutschland gefördert.

Ab dem 1. Januar 2007 wird in Deutschland das Elterngeld eingeführt.[68] Das Elterteil, das aus dem Beruf aussteigt, erhält im ersten Lebensjahr des Kindes 67 Prozent des früheren Nettolohns, aber maximal 1800 Euro. Dies ist ein wichtiger Schritt für eine bessere Familienpolitik. Damit ist die Betreuung für das Kind im ersten Lebensjahr gesichert, jedoch wird das Geld über das erste Lebensjahr hinaus nicht weiter gezahlt, so dass die Betreuung nach dem ersten Lebensjahr des Kindes aufgrund der fehlenden Betreuungsplätze nicht gesichert ist.

2.4.1 Haushaltsformen

Der Wandel in den Familienstrukturen, wie er oben erläutert wurde, schlägt sich auch in den Haushaltsstrukturen nieder. Der dominante Trend ist die Verkleinerung der Haushalte und die damit verbundene Zunahme der Wohnfläche pro Kopf. Eine der sichtbarsten Auswirkungen des demographischen Wandels sind die Veränderungen von Zahl und Größe der Haushalte.[69] In Deutschland lebten im Jahr 2005 rund 82,5 Millionen Menschen verteilt auf 39,2 Millionen Haushalte.[70] Dies ergibt eine durchschnittliche Haushaltsgröße von 2,11 Menschen. Die Zahl der Haushalte wird sich mit aller Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der zunehmenden Zahl an Scheidungen erhöhen. Die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte steigt dabei kontinuierlich, während sich der Anteil der Haushalte, in denen drei und mehr Personen zusammen leben, verringert. Der Anteil der Einpersonenhaushalte an allen Haushalten in Deutschland lag im Jahr 2005 bei 38 Prozent. Die Zweipersonenhaushalte machten eine Größe von 34 Prozent aus. Die restlichen 28 Prozent verteilten sich auf Haushalte mit drei und mehr Personen.[71]

(1) Einpersonenhaushalte

Die Einpersonenhaushalte sind in Deutschland der häufigste Haushaltstyp, sie machen 38 Prozent aller Haushalte aus. Dies sind vor allem jüngere Menschen, die noch nicht in die Familienbildungsphase eingetreten sind, aber auch ältere Personen, wo der Partner bereits verstorben ist. Die mit Abstand größte Gruppe der Einpersonenhaushalte bilden die Frauen im Alter von 55 Jahren. Dies ist bedingt durch Verwitwung oder Scheidung.[72] Die zweitgrößte Gruppe sind junge Männer im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Aufgrund der verlängerten Bildungs- und Ausbildungszeiten wird die Tendenz des Alleinlebens verstärkt. Oftmals verbergen sich jedoch hinter den Single-Haushalten Partnerschaften ohne gemeinsame Hauhaltsführung (,,living-apart-together“).[73] Für die Ausbreitung der Einpersonenhaushalte gibt es aber auch noch andere Gründe. Zu nennen sind vor allem die gestiegene Lebenserwatung, die gesunkene Stabilität von Partnerschaften und der zeitliche Abstand, der sehr oft zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Zusammenziehen mit dem Partner liegt.[74]

Die meisten Einpersonenhaushalte findet man in Großstädten, wie es die nachfolgende Abb. 6 zeigt. Je größer die Gemeinde ist, desto mehr nimmt die Anzahl der Einpersonenhaushalte zu. Wie die Abbildung zeigt, betrug im Jahr 2005 der Anteil der Einpersonenhaushalte in westdeutschen Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern 28 Prozent.

Abb. 6: Einpersonenhaushalte nach Gemeindegrößenklassen in % aller Privathaushalte der jeweiligen Gemeindegrößenklassen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2006): Leben in Deutschland: Haushalte, Familien und Gesundheit - Ergebnisse des Mikrozensus 2005, S. 15.

[...]


[1] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2004), S. 21.

[2] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2004), S. 7.

[3] Vgl. Brockhaus – Die Enzyklopädie (1966a), S. 406.

[4] Vgl. Brockhaus – Die Enzyklopädie (1966b), S. 656 f.

[5] Vgl. Müller (o.J.), S. 1.

[6] Vgl. ebenda.

[7] Vgl. Münz (2002), S. 2.

[8] Vgl. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (2002), o. S.

[9] Vgl. Höhn (1987), S. 96.

[10] Vgl. Münz/Ulrich (2000), S. 20.

[11] Vgl. Münz/Ulrich (2000), S. 20.

[12] Vgl. ebenda, S. 22.

[13] Vgl. Höhn (1987), S. 70.

[14] Vgl. Münz/Ulrich (2000), S. 14.

[15] Vgl. ebenda.

[16] Vgl. Wikipedia (2006c), o. S.

[17] Vgl. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (2002), o. S.

[18] Vgl. Münz/Ulrich (2000), S. 28.

[19] Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes NRW (2005), o. S.

[20] Vgl. Weiss/Hilbig (1998), S. 1.

[21] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 10.

[22] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2004), S. 21.

[23] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 12.

[24] Vgl. Frevel (2004), S. 59.

[25] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 12.

[26] Vgl. Sinn (2005), S. 385 f.

[27] Vgl. Sinn (2004), S. 67.

[28] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2006), S. 30 f.

[29] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 23.

[30] Vgl. Kaufmann (2005), S. 141.

[31] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 13 f.

[32] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2004), S. 42.

[33] Vgl. Kocks/Bucher (1999), S. 759.

[34] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 20.

[35] Vgl. Sommer (2004), S. 96.

[36] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2004), S. 49.

[37] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 20.

[38] Vgl. Statistisches Bundesamt (2003a), S. 22.

[39] Vgl. ebenda, S. 22 f.

[40] Vgl. ebenda, S. 22.

[41] Vgl. Maretzke (1998), S. 743 ff.

[42] Vgl. Frevel (2004), S. 22.

[43] Vgl. Goltz (2001), S. 67.

[44] Vgl. Statistisches Bundesamt (2006g), o. S.

[45] Vgl. Maretzke (1998), S. 745 ff.

[46] Vgl. Statistisches Bundesamt (2006a), o. S.

[47] Vgl. Frevel (2004), S. 18.

[48] Vgl. Wikipedia (2006d), o. S.

[49] Vgl. Roloff (2003), S. 42 - 44.

[50] Vgl. Wikipedia (2006d), o. S.

[51] Vgl. Roloff (2003), S. 46 f.

[52] Vgl. Frevel (2004), S. 61 f.

[53] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 20.

[54] Vgl. Frevel (2004), S. 62.

[55] Vgl. Statistisches Bundesamt (2006i), o. S.

[56] Vgl. Frevel (2004), S. 62 f.

[57] Vgl. Sinn (2004), S. 74 f.

[58] Vgl. Frevel (2004), S. 59.

[59] Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2003), S. 27.

[60] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 24.

[61] Vgl. Sinn (2005), S. 434.

[62] Vgl. Statistisches Bundesamt (2004), S. LT6.

[63] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 43 f.

[64] Vgl. Sinn (2004), S. 72.

[65] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006b), o. S.

[66] Vgl. Sinn (2005), S. 437.

[67] Vgl. ebenda, S. 438.

[68] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006a), o. S.

[69] Vgl. Birg (2001), S. 137.

[70] Vgl. Statistisches Bundesamt (2006b), S. 12.

[71] Vgl. ebenda, S. 14.

[72] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 11.

[73] Vgl. Frevel (2004), S. 70 f.

[74] Vgl. Henry-Huthmacher/Hoffmann (2006), S. 11.

Details

Seiten
105
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638594196
ISBN (Buch)
9783638711654
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v68152
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Auswirkungen Wandels Infrastruktur Kommunen

Autor

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Titel: Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Infrastruktur von Kommunen