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Real Life: Version 2.0 - Gedanken zu Leben im Netz von Sherry Turkle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 24 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bemerkungen zur Methodik Turkles

3. Das Ich: Teilhaber oder Illusion? Das Selbst
3.1. Sigmund Freud
3.2. Jaques Lacan
3.3. Varianten des Selbst

4. Der Schauplatz des Karneval
4.1. MUDs
4.2. Semiotische Räume

5. Maskierungen
5.1. Rollenrepertoires
5.2. Masken und Therapeutik

6. In den Fängen der Fantasie
6.1. Die Übertragung
6.2. Interpretatorische „Leerräume“

7. Die „Bürden der Leiblichkeit“

8. Das panoptische Netz

9. Schluss

Bibliographie

„ (...) denn persona bedeutet eigentlich eine Schauspielermaske, und allerdings zeigt Keiner sich wie er ist, sondern Jeder trägt eine Maske und spielt eine Rolle.“

(Schopenhauer, Psychologische Bemerkungen)

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit einer Schrift auseinander, die von Sherry Turkle, einer amerikanischen Psychologin, 1995 verfasst wurde. Unter dem Titel „Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet“ finden sich in den ersten beiden Teilen des Buches neben Untersuchungen über ästhetische Gesichtspunkte der verschiedenen Computer-Interfaces auch Beobachtungen zur künstlichen Intelligenz sowie zu Problemen der Selbstauffassung des Menschen aufgrund der beständig sich erweiternden Fähigkeiten seiner Computer. Aufgezeigt werden zuletzt Ansätze, die einen Nachvollzug des Zusammenhangs von Emergenz und Wissenschaftstheorie erlauben.

Diese sorgfältig recherchierten Themenkomplexe finden jedoch in dieser Untersuchung keine bzw. nur marginale Berücksichtigung. Das Hauptaugenmerk soll auf dem dritten Teil des Werkes liegen. Dort wird geschildert, warum es angesichts der Nutzung verschiedenster Rollen problematisch ist, Identität als Forderung an das Subjekt zu stellen. In diesem Kontext erfährt auch das Problem der Machtverhältnisse im Netz eine eingehende Beleuchtung. Größtenteils aber sind die überaus interessanten Ausführungen Turkles lückenhaft, die Begrifflichkeiten sind in ihrer Vielfalt nur unzureichend differenziert und teilweise erweisen sich Annahmen als vage, was die Lektüre stellenweise erschwert. Es soll nun der Versuch unternommen werden, die bruchstückhaften Inhalte systematisch und in kritischer Auseinandersetzung darzustellen.

Zuerst erfolgt, nach Hinweisen auf die methodischen Besonderheiten, die während der Recherchen Turkles Anwendung fanden ,eine kurze, skizzenhafte Zusammenschau von Konzeptionen des Ich bzw. des Subjekts, auf die die Autorin oftmals rekurriert. Merkmale der Umgebungen, in denen das Spiel der Identitäten seinen Platz hat, werden nachgezeichnet, um im Anschluss daran das Verhältnis des Nutzers zu seinen Masken zu klären, aus dem heraus die therapeutische Dimension der Kommunikation in Chat-Rooms abzuleiten sein wird. Charakterisiert wird auch das Problem der Leiblichkeit, dessen Komplexität im Internet noch um diverse Nuancen angereichert zu sein scheint. Am Ende werfen die positiven Aspekte des neuen Mediums die Frage auf, inwiefern sich Fantasien von Freiheit und Autonomie im Internet als Trugbilder erweisen.

2. Bemerkungen zur Methodik Sherry Turkles

Erste wichtige Hinweise auf Problemfelder innerhalb des Buches zeigen sich bereits im Hinblick auf die darin benutzte Arbeitsmethode. Zunächst soll verdeutlicht werden, inwieweit die Autorin ihr Forschungsgebiet eingegrenzt hat. Dies erscheint nötig, um möglichen Deutungen vorzubeugen, die die eigentliche Zielsetzung der Untersuchung untergraben bzw. missachten und um darzustellen, wie weit der Rahmen zu fassen sein wird, innerhalb dessen eine Wertung der gelieferten Ansätze greifen kann.

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass zahlreiche wichtige Aspekte, die eine Annäherung an das Phänomen Internet und den praktizierten Umgang mit diesem erlauben würden, weitgehend bruchstückhaft, unscharf und uneinheitlich dargestellt sind. Somit ist es nur schwer möglich, die vielfach variierenden und oftmals diffusen Begrifflichkeiten zu durchschauen, die zur Kennzeichnung von Identitätsauffassungen im „Netz“ herangezogen werden.[1]

Hinsichtlich des begrifflichen Instrumentariums ist festzuhalten, dass dieses sich zu einem Großteil aus der psychologischen bzw. sozialwissenschaftlichen Schulung,[2] die die Autorin erfahren hat, sowie aus der Auseinandersetzung mit Denkern des Poststrukturalismus und der Postmoderne speist.[3] Diese Einflüsse haben ihre Techniken der Beschreibung menschlicher Selbstdeutungen maßgeblich beeinflusst, und es verwundert daher nicht, dass einige Schlüsse, die sie aus den Aussagen der Interviewpartner zieht, verkürzend erscheinen, weil sie eng an dieses Vokabular gebunden sind.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Untersuchungsergebnis besitzt auch die Zusammensetzung der befragten Personengruppen. Unter den 1000 Befragten waren neben etwa 300 Kindern größtenteils Studierende an amerikanischen Universitäten, die in Seminaren oftmals postmoderne Theorien rezipiert haben, ein Umstand, der sich auf die Selbstdarstellung in Bezug auf Online-Kommunikation merklich ausgewirkt hat. In diesem Kontext wird deshalb auch von einer „Art self-fulfilling-prophecy“ (Sandbothe, 1999:Abs.8) gesprochen. Das bedeutet keineswegs, dass das Internet die Theorien postmoderner Denker bewahrheitet, sondern vielmehr zeigt es Lebensvollzüge auf, die sich primär auf diese Gedanken stützen und sie auch umsetzen.

Eine letzte, wichtige Bemerkung zur methodischen Gestaltung bezieht sich auf jene Umgebungen im Internet, in denen die mannigfaltigen Maskenspiele überhaupt erst realisiert werden können, von denen Turkle so ausgiebig berichtet hat: Die MUDs (Multi-User-Domains) markieren den „Ort“ des Internet, in dem fraglich wird, was Identität noch bedeuten kann (Vgl. Kap. 4). Die dort vorhandene Möglichkeit einer auch fiktiven Gestaltung des Selbst eröffnet einen Raum für den spielerischen Umgang mit vielfach changierenden Selbstauffassungen und bietet der Psychologin somit eine artifizielle Umgebung, die den Ausgangspunkt für ihre Beobachtungen darstellt. Damit ist auch die etwaige Vermutung ausgeschlossen, Turkle könnte ihre Schlüsse auf sämtliche Bereiche des Internet ausdehnen, was schlichtweg nicht stimmt. Ihr geht es um diese eine bestimmte Nutzungsform des Mediums Computer.

Im Anschluss an diese einleitenden Überlegungen soll es jetzt darum gehen, einen Teil der genutzten Begrifflichkeiten differenzierter darzustellen, als es in Turkles Untersuchung geschehen ist. Dies geschieht in Bezug auf die Autoren innerhalb der psychoanalytischen Tradition, namentlich Sigmund Freud und Jacques Lacan, die im Ringen um den Begriff des Subjektes das „Ich“ als Zentrum verabschiedeten. Primär sollen diese Erläuterungen eine Stütze darstellen, mit der die Nuancierungen, die sowohl die Analytikerin als auch die befragten User in ihre Ausführungen über Identität, Ich und Selbst einfließen lassen, nachvollzogen werden können.

3. Das Ich: Teilhaber oder Illusion? Das Selbst.

3.1. Sigmund Freud

Sherry Turkles Feststellung, dass Freud „das Selbstverständnis des Menschen als eines bewussten, intentionalen Subjekts“[4] (Turkle, 1999:466) erschüttert hat, weist bereits auf die Bedeutung hin, die sie seiner Theorie beimisst. Offen bleibt nur, inwiefern er „das Ich dezentrierte“ (Ebd., 223), denn eine genauere Darstellung des psychischen Apparates liefert sie nicht. Dabei wäre dies deshalb angebracht, weil in zahlreichen Passagen des Buches explizit auf Zusammenhänge von Freuds Ich-Vorstellung und des Spiels mit Netz-Identitäten angespielt wird, ohne diese konkret zu formulieren. Da zudem der ebenso häufig angesprochene Lacan auf den Begründer der Psychoanalyse rekurriert, ist es unumgänglich, für das Verständnis der späteren Ausführungen innerhalb dieser Arbeit eine kurze Darstellung des menschlichen Seelenlebens, wie Freud es entworfen hat, zu geben.

Die älteste der „Instanzen“, wie er selbst die Teile des psychischen Apparates nennt, ist das Es (Freud, 1972:9). Es beinhaltet ererbte bzw. angeborene Merkmale und zeichnet sich insbesondere durch seine gleichsam chaotische bzw. irrationale Struktur aus. Als Sitz der Leidenschaften respektive der Triebe ist das Es ein „imposanter Anarchist“ (Meyer-Drawe, 2000b:117), der keiner anderen Instanz den Gehorsam schuldet.[5]

In der ersten Kindheitsperiode entwickelt sich aus dem noch undifferenzierten Ich-

Es, einem Teil des Es also, unter Einfluss der Außenwelt die Ich-Instanz bzw. das Ich. Seine Funktion ist zunächst die eines Vermittlers zwischen Es und Außenwelt, und es ist beständig an die komplexe Aufgabe der „Selbstbehauptung“ gebunden. Dies deutet bereits in die Nähe eines Ich-Konzepts, das durch einen genuin aktiven Zug gekennzeichnet ist (Vgl. Freud, 1972:9-12).[6]

Im Fortgang der kindlichen Entwicklung fundiert der elterliche Einfluss die Genese

einer dritten Instanz innerhalb des Ichs, die in Freuds früheren Schriften zunächst als „Ich-Ideal“ aufgefasst wird, später aber eine Umdefinition in „Über-Ich“ erfährt (Freud, 1975 :296).[7] Diese verinnerlichten „idealisierten Eltern-Imagos“ (Turkle, 1999:220) sind deshalb als „Inbegriff der Fremdbestimmung“ (Meyer-Drawe, 2000b:118) aufzufassen, da sich in ihnen Momente des elterlichen Verhaltens niederschlagen, die nunmehr als Eigenbestand der Psyche dem Ich gegenüberstehen.

Das freudsche Ich ist somit nicht mehr Souverän, der seinen Untertanen gebietet,

sondern es spielt eine höchst aktive Rolle, indem es zwischen Es, Über-Ich und der Außenwelt vermitteln muss, die jeweils spezifische Anforderungen anmelden. Diesen drei „Zwingherren“ (Ebd., 117) zu dienen gestaltet sich für das Ich als ein Anspruch, den es nur mühsam erfüllen kann, will es sich seiner Existenz erfolgreich erwehren. Freud beschreibt dies mit der Metapher des Kampfes und formiert so das Ich als unruhig pendelnde Instanz, die auf dem Konfliktfeld der Seele ständig die eigene Position aufs Neue behaupten muss (Freud, 1972:55).

[...]


[1] An dieser Stelle ist es angebracht, auf das in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche Register zu verweisen. Dort finden sich zahlreiche Verweise, z.B. auf Konzepte des „Ich“ oder auch auf Beschreibungen des Selbst, das mitunter als „flexibles“, „multiples“ oder etwa „gespaltenes“ und dergleichen mehr aufgefasst wird. (Vgl. Turkle, 1999:528 ff.)

[2] Auf diesen Umstand wird aber implizit hingewiesen. (Ebd., 519)

[3] Näheres über die Studienzeit von S. Turkle sowie ihre erst ablehnende Haltung in Bezug auf Schriften von Denkern wie Lacan , Foucault oder Derrida etwa, ist im Kapitel Französische Lektionen nachzulesen. (Ebd., 18 ff.)

[4] Nach Husserl z.B. ist mit „Intentionalität“ das Bewusstsein-von-etwas bezeichnet, d.h. intentionale Akte sind stets auf etwas gerichtet. Hier wird aber eher, wenn auch etwas unglücklich, auf die Fraglichkeit von Autonomievorstellungen des Menschen angespielt.

[5] Thomas Mann fasst in seinem Aufsatz „Freud und die Zukunft“ sehr treffend zusammen, welche Eigentümlichkeiten das Es kennzeichnen: „Denn das Unbewusste, das Es, ist primitiv und irrational, es ist rein dynamisch. Wertungen kennt es nicht, kein Gut und Böse, keine Moral. Es kennt sogar nicht die Zeit, keinen zeitlichen Ablauf, keine Veränderung des seelischen Vorgangs durch ihn.“ (Freud, 1972:138)

[6] Auch hierzu findet sich in Manns Aufsatz eine passende Beschreibung: „Was nun das Ich selbst und überhaupt betrifft, so steht es fast rührend, recht eigentlich besorgniserregend damit. Es ist ein kleiner, vorgeschobener, erleuchteter und wachsamer Teil des »Es« (...).“ (Ebd., 139)

[7] Nach dem Erscheinen des Aufsatzes „Das Ich und das Es“ verschwindet der Begriff Ich-Ideals nahezu gänzlich aus Freuds Schriften. (Vgl. Freud, 1975:280)

Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638142960
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6805
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Real Life Version Gedanken Leben Netz Sherry Turkle Bildung Identität

Autor

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