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Weiße und indigene Kultur in ausgewählten kanadischen Romanen: John Richardsons "Wacousta", Rudy Wiebes "The Temptations of Big Bear" und W.O. Mitchells "The Vanishing Point"

Examensarbeit 2002 81 Seiten

Englisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. John Richardson: Wacousta or The Prophecy (1832)
1.1. Historischer Hintergrund und Handlungsverlauf
1.2. Der Kontrast zwischen Zivilisation und Wildnis
1.2.1. Das Fort und die Garnison
1.2.2. Der Wald und seine Bewohner
1.2.3. Die Gegensätzlichkeit geometrischer Formen
1.2.4. Der See als europäischer Gegenpol
1.2.5. Paradies und Oase als Fortsetzung des Gegenpols
1.2.6. Der Grenzfluss, die Schlucht und die Brücke
1.3. Die Darstellung der Kolonisten und der Natives
1.3.1. Die Wiedergabe der indigenen Kultur
1.3.2. Die Wiedergabe der weißen Kultur
1.3.3. Der Kampf ungleicher Brüder
1.3.4. Das Erscheinungsbild von Governor De Haldimar
1.3.5. Das Erscheinungsbild von Wacousta
1.3.6. Die weißen und indigenen Nebencharaktere
1.4. Die Aufhebung der Dichotomie
1.5. John Richardson und die nationale Identität

2. Rudy Wiebe: The Temptations of Big Bear (1973)
2.1. Historischer Hintergrund und Handlungsverlauf
2.2. Die Darstellung der unterschiedlichen Lebenswelten
2.2.1. Landbesitz und persönliche Habe
2.2.2. Natur, Spiritualität und die Elemente
2.2.3. Die 'zivilisierte' Zerstörung der Natur
2.2.4. Sprache und Kommunikation
2.3. Die Darstellung der weißen und indigenen Charaktere
2.3.1. Erzähler und Erzählstruktur
2.3.2. Die Bedeutung der Sonne
2.3.3. Das Erscheinungsbild der Kolonisten und ihre Sichtweise
2.3.4. Das Erscheinungsbild der Natives und ihre Sichtweise
2.3.5. Kitty McLean als kulturelle Vermittlerin
2.4. Rudy Wiebe als Sprachrohr der Natives

3. W.O. Mitchell: The Vanishing Point (1973)
3.1. Hintergrund und Handlungsverlauf
3.2. Die Selbstfindung des Carlyle Sinclair
3.2.1. Aunt Pearl und ihre puritanische Erziehung
3.2.2. Old Kacky und "The Vanishing Point"
3.2.3. Der Vater und die fehlende emotionale Bindung
3.2.4. Selbstentfremdung und Selbstausgrenzung
3.2.5. Victoria Rider als scheinbar erfolgreiche Selbstprojektion
3.2.6. Selbsterkenntnis und Erleuchtung
3.3. Der Kontrast von Stadt und Reservat
3.3.1. Die Stadt und ihre befremdlichen Bewohner
3.3.2. "Paradise Valley" und "Storm and Misty"
3.3.3. Die Hängebrücke
3.4. Die weißen und indigenen Nebencharaktere
3.4.1. Die weißen Nebencharaktere
3.4.2. Die indigenen Nebencharaktere
3.5. W.O. Mitchell und "The Vanishing Point"

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

To look at the Canadian example, the Indian is Other and Not-self but also must become self. The white Canadian looks at the Indian. The Indian is Other and therefore alien. But the Indian is indigenous and therefore cannot be alien. So the Canadian must be alien. But how can the Canadian be alien within Canada? Terry Goldie (1987:73) As many Canadians feel that they themselves are native to this country, the question of identity remains a dominant discourse within Canadian fiction, both native and national. Martin Brendan (1998:2)

0. Einleitung

Wie der Leser dem Titel entnehmen kann, ist das Ziel dieser Abhandlung eine detaillierte Untersuchung der kontrastiven und kongruenten Darstel- lungsweisen indigener und weißer Kultur anhand von drei kanadischen Romanen, und zwar John Richardsons Wacousta or The Prophecy, Rudy Wiebes The Temptations of Big Bear und W.O. Mitchells The Vanishing Point. Alle drei Romane setzen sich mit einem zwischen beiden Kulturen bestehenden Mentalitätskonflikt auseinander. Überdies beschäftigen sie sich eingehend mit der Vergangenheit Kanadas und der Identität dieser multikulturellen Nation, welche in hohem Maße auch von einer indigenen Tradition geprägt ist. Ein weiteres Ziel dieser Abhandlung ist ein möglichst umfassendes Bild der kanadischen Einstellung gegenüber der indigenen Kultur von der ersten Besiedlung bis zur Neuzeit.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der indigenen Minorität in Kanada setzte erstmals in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein, und zwar mit dem civil rights movement und dem environmental movement. In die- ser Zeit entstand in der kanadischen Öffentlichkeit zum ersten Mal ein kri- tisches Bewusstsein dafür, dass die Identität der kanadischen Nation und deren Geschichte nicht nur auf den Hinterlassenschaften einer britisch- französischen Kolonialzeit beruhen. Mit The Temptations of Big Bear und The Vanishing Point (beide 1973 erschienen) wurden zwei Romane ge- schaffen, die in die unmittelbare Kernzeit dieser Bewegung zu datieren sind.

Die drei Romane unterscheiden sich insofern, als dass jeder von ihnen sich mit einem anderen Jahrhundert der kanadischen Vergangenheit und somit einer anderen Zeitphase der Kolonisation beschäftigt. Der Roman Wacousta or The Prophecy behandelt die Belagerung des Fort Detroit durch die Ottawa und ihren Häuptling Pontiac im Jahre 1763, und somit ein vergleichsweise frühes Stadium dieser Kolonisation. In The Tempta- tions of Big Bear wird mit der Assimilierung der Plains Cree im Zeitraum von 1876 bis 1885 dagegen bereits deren Endphase eingeläutet. The Vanishing Point hingegen befasst sich mit den unmittelbaren Konsequen- zen dieser Assimilationspolitik. Der Handlungsverlauf vollzieht sich wei- testgehend auf dem Gebiet des "Paradise Valley" Reservats der Stonys in der Nähe von Calgary in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Während sich Wacousta or The Prophecy und The Temptations of Big Bear weitestgehend mit dem offenen und gewaltsamen Konflikt zwischen der weißen und indigenen Kultur befassen, geht es in The Vanishing Point um den inneren Konflikt eines Weißen, der erst durch die Konfrontation mit der indigenen Kultur zum Ausbruch kommt. Handelt es sich bei Wa- cousta or The Prophecy um eine eher stereotype Darstellung der beiden Kulturen, so setzen sich The Temptations of Big Bear und The Vanishing Point kritisch mit den beiden Konfliktparteien auseinander. Dies ist vor al- lem auf die Erzählperspektive in den Romanen zurückzuführen. Tritt in Wacousta or The Prophecy ein allwissender, sich unparteiisch gebender Erzähler auf, so erfolgen die Schilderungen in The Temptations of Big Bear weitestgehend aus der Perspektive eines Natives (Big Bear), bzw. beruhen in The Vanishing Point hauptsächlich auf den Ausführungen ei- nes Weißen (Carlyle Sinclair).

Wichtig erscheint noch eine Bemerkung zur Terminologie dieser Abhand- lung: Die Verwendung ideologisch gefärbter Begriffe wie etwa der des "In- dianers" für den Canadian Native stellte sich als unvermeidlich heraus. Dieses ist einerseits auf die immer noch weit verbreitete Nutzung dieser Begriffe in der Umgangssprache zurückzuführen, andererseits auf ihre häufige Verwendung in der Primär- und Sekundärliteratur. Selbstverständ- lich handelt es sich bei diesen Begriffen um Stereotype, und sollten daher keine weitere Verwendung finden. Der Leser dieser Analyse sei an dieser Stelle um Nachsicht gebeten.

Im Übrigen stammen alle den Romanen entnommenen Exzerpte der 1967 erschienenen Edition von Wacousta or The Prophecy, der 1995 erschienenen Edition von The Temptations of Big Bear und der 1973 erschienenen Edition von The Vanishing Point. Aus Platzgründen wurde auf eine detailliertere Angabe im Text verzichtet.

1. John Richardson: Wacousta or The Prophecy (1832)

1.1. Historischer Hintergrund und Handlungsverlauf

Wacousta or The Prophecy erschien 1832 zu einem Zeitpunkt, als die bri- tische Kolonisation in Kanada noch nicht abgeschlossen war. Jedoch be- fasst sich die Handlung mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, also einer früheren Zeitphase der Kolonisation. Als zeitlicher Handlungsrahmen wird dem Roman die Belagerung des Fort Detroit 1763 durch Pontiac und die Ottawa zugrunde gelegt. Dieses historische Ereignis tritt jedoch zugunsten des narrativen Handlungsstrangs weitestgehend in den Hintergrund. Die Handlung besteht aus dem Konflikt zweier rivalisierender Bevölkerungs- gruppen in der kanadischen Wildnis, der dort ansässigen britischen Kolo- nialgarnison einerseits - repräsentiert durch Governor De Haldimar, und den Natives der Ottawa andererseits - repräsentiert durch Wacousta.

Der Roman beginnt mit der Belagerung von Fort Detroit und endet mit ei- nem Friedensabkommen zwischen den konträren Gruppierungen. Die po- litischen Verhältnisse in dieser Region waren zu dieser Zeit sehr instabil (siehe: Parkinson, 1997:460). Erst zu Beginn des Jahres 1763 hatten die beiden Kolonialmächte England und Frankreich ihren Siebenjährigen Krieg (1756-1763) im Vertrag von Paris beigelegt. Darin verpflichteten sich die unterlegenen Franzosen, alle Gebiete östlich des Mississippi an die Briten abzutreten - darunter auch Fort Detroit. Bereits zuvor war Quebec in einer Entscheidungsschlacht am 13. September 1759 auf den "Plains of Abraham" von dem englischen General Wolfe mit einem Sieg über den französischen General Montcalm erobert worden. Dieser Konflikt findet in dem Roman wiederholt Berücksichtigung, wie etwa in Gestalt der "three ill- executed fleur-de-lis, apologetic emblems of the arms of France“ (72) an der Taverne oder der scheinbar beiläufigen Bemerkung Frederick De Hal- dimars bezüglich des „cruel and sanguinary war that had so recently deso- lated this remote part of the British possessions“ (150).

Geschwächt durch die langen Kampfhandlungen waren die Briten kaum in der Lage, die großen Flächen neuen Territoriums ausreichend zu verteidi- gen. Von Süden drängte die amerikanische frontier heran und auch die Natives in der Region, welche sich in ihrem Einflussgebiet gestört fühlten, setzten der britischen Militärpräsenz arg zu (vgl. Duffy, 1996:43). Zudem hatten die Briten begonnen, eine Kette von Befestigungsanlagen vom Oberlauf des Ohio bis zum Lake Superior zu ziehen (vgl. Duffy, 1998:537), eine Maßnahme, die Pontiac und die Natives der Ottawa zusätzlich bedrängte (vgl. 118). So befand sich die Gegend um Fort Detroit zu dieser Zeit in einem regelrechten Spannungsdreieck. Obwohl er wusste, dass er einen Krieg gegen die Briten verlieren würde, versuchte Pontiac dennoch, gewaltsam aus dieser Umzingelung auszubrechen. Zu Beginn des Romans sind bereits sieben von neun britischen Forts der Region Pontiacs fintenreicher Taktik zum Opfer gefallen; lediglich Fort Detroit und Fort Michilimackinac befinden sich noch in britischer Hand.

Auf der Grundlage dieser historischen Tatsachen steht ein fiktiver Hand- lungsstrang im Vordergrund des Romans, wie auch Richardson in seiner Einleitung betont: „The story is founded solely on the artifice of Pontiac to possess himself of those two last British forts. All else is imaginary“ (xvii). Im Wesentlichen geht es um die Fortführung einer Fehde zwischen Gov- ernor De Haldimar und Wacousta, die in Europa ihren Anfang nimmt und in der amerikanischen Wildnis ihr tragisches Ende findet. Wacousta ist aber kein Native, sondern ein Europäer, der sich in einen Wilden verwan- delt hat. Einst verband ihn und den Gouverneur eine innige Freundschaft während ihrer gemeinsamen Dienstzeit als britische Offiziere. Stationiert in den schottischen Highlands, trifft Reginald Morton (alias Wacousta) bei ei- nem Jagdausflug die Liebe seines Lebens - Clara Beverley - die von ih- rem misanthropischen Vater in einem künstlich angelegten Versteck vor einer vermeintlich verkommenen Welt verborgen gehalten wird. Nach ihrer erfolgreichen "Rettung" durch Reginald Morton begeht Charles De Haldi- mar, der zukünftige Gouverneur, Verrat am eigenen Freund, indem er durch eine Intrige eine Heirat der beiden verhindert und Clara selbst ehe- licht. Um Morton als potentiellen Widersacher zu beseitigen, erwirkt De Haldimar dessen unehrenhafte Entlassung aus dem Militärdienst.

Verbittert und enttäuscht wird Morton in Gestalt des Wacousta zu einem gefürchteten Gegenspieler De Haldimars. Tritt er ihm zunächst als franzö- sischer Offizier im französisch-britischen Krieg auf den "Plains of Abra- ham" entgegen (vgl. 272), schlägt er sich anschließend auf die Seite Pon- tiacs und der Ottawa, um grausame Rache an dem inzwischen verwitwe- ten Gouverneur und dessen Kindern zu nehmen. Der Konflikt zwischen den beiden Männern erstreckt sich über den gesamten Roman und endet erst mit ihrem Tod.

1.2. Der Kontrast zwischen Zivilisation und Wildnis

Durch Wacoustas Parteinahme in dem Konflikt zwischen den Natives und der Garnison entsteht zwangsläufig der Kontrast zwischen europäischer Zivilisation und nordamerikanischer Wildnis. Mit beiden Bevölkerungsgruppen prallen zwei Lebenswelten aufeinander, deren Gegensätzlichkeit sich besonders signifikant in der topographischen Situierung des Konfliktes und den daraus resultierenden Grenzziehungen widerspiegelt, die nun im folgenden dargelegt werden sollen.

1.2.1. Das Fort und die Garnison

Die Beschreibung der Garnison und des Forts sticht in dem Roman be- sonders hervor. Beide erscheinen als Schutzinstanzen vor einer bedroh- lich wirkenden Wildnis, die aus dem umliegenden Wald und seinen indi- genen Bewohnern besteht. Die Bewohner des Forts, ein isolierter Ableger der fernen europäischen Zivilisation, versuchen verzweifelt, in dieser fremden Wildnis Fuß zu fassen. Tatsächlich sind sie ihr aber nicht ge- wachsen und daher nahezu schutzlos ausgeliefert. Gleich zu Anfang des Romans wird dieses mit dem Eindringen eines mysteriösen Feindes in das Fort verdeutlicht (vgl. 1). Hierbei handelt es sich um Wacousta, der dem Gouverneur seine bedrohliche Präsenz demonstrieren will, damit aber die gesamte Garnison in Aufruhr versetzt.

Trotzdem wird der trügerische Schutz, den das Fort gegen solcherlei Er- eignisse bietet, von den Soldaten als gegeben angesehen. Die Palisaden des Forts sind für sie die einzigen Garanten gegen eine äußere, meist un- sichtbare Bedrohung durch die ihnen unbekannte Wildnis: "The only ref- uge from the terrors of Richardson's wilderness lies within the garrison. Richardson reverses the claustrophobia which animates most European Gothicism to a fear of unknown, uncivilized space" (Gerson, 1998:504). Die Schutzfunktion dieses "post of danger" (8) wird durch die Beschrei- bung Governor De Haldimars deutlich: "The stronghold of the Saganaw is his safeguard" (111). Aufgrund seiner isolierten Lage und steten Abgren- zung von der Umgebung fungiert das Fort zugleich aber auch als Tren- nungsinstanz von Zivilisation und Wildnis:

The novel deals with the period of Indian rebellion against this stronghold of imperial authority in the wilderness, an event requiring that the fort, which in times of peaceful rule of colonial Natives was ideally meant to be a centre of cultural exchange, be transformed into a military garrison, a fortified architec- tural attempt to present a clearly demarcated boundary between empire and wilderness, British and Other, to differentiate between "us" and "them", subject and object. (Matthews, 2000:136)

Da sich die Garnison durch diese Isolation gleichsam vor den verderbli- chen Einflüssen ihrer Umgebung abzuschotten sucht, beschreibt Mat- thews (2000:140) das Fort weiter als "geographic and psychic space in which and from which colonial authority seeks to preserve the 'purity' of British culture and eliminate anything suggesting a linkage with the threat- ening outside". Durch diese Abschirmung wird das Fort jedoch zu einem regelrecht hermetisch abgeriegelten Lebensraum bzw. Gefängnis. Northey (1976:24) folgert daher: "The garrison which attempts to shut out the forest accentuates the 'prison-house atmosphere' ". Auch Matthews (2000:141) bekräftigt: "The real 'prisoners' of the garrison are not the beings outside it but the inhabitants within it".

Dementsprechend bleibt das Tor des Fort Detroit stets hermetisch verrie- gelt (vgl. 2 u. 139), und auch die Zugbrücke wird nur selten herabgelassen (vgl. 30 u. 89). Auch das Nebentor des Schwesternforts Michilimackinac entspricht nicht seiner eigentlichen Zweckbestimmung als Durchgang, sondern wird zu einer Instanz der Ausgrenzung: "There was another small gate that opened upon the lake shore, but which since the investment of the place had been kept bolted and locked with a precaution befitting the danger to which the garrison was exposed" (159). Die Soldaten selbst - "cooped up" (71) und "hemmed in by savages" (161) - fühlen sich wie in einem Kerker, in dem sie unter armseligsten Bedingungen ihr Dasein fris- ten: "The officers were assembled in the mess-room, partaking of the scanty and frugal supper to which their long confinement had reduced them" (212).

Verstärkt wird diese Isolation durch den anhaltenden Belagerungszustand und die Einsamkeit der Umgebung. So wird das Fort Detroit als "far, dis- tant and isolated" (128) beschrieben, und die es umgebende Wildnis als "lone regions" (1) und "wild and remote district" (162). Auch Fort Michili- mackinac grenzt unmittelbar an die es umgebende Wildnis. Seine Bewoh- ner versuchen - wie auch die des Fort Detroit - diesem Zustand durch Eingriffe in die Natur entgegenzuwirken, um die Abgrenzung zwischen "Zi- vilisation" und "Wildnis" herzustellen: "It is true that art and laborious exer- tion had so far supplied the deficiencies of nature as to isolate the fort" (158). Doch im Gegensatz zu dem Schwesterfort ist der Kampf mit der Wildnis hier noch nicht gewonnen: "Unlike the latter fortress, however, it boasted none of the advantages afforded by culture, neither, indeed, was there a single spot in the immediate vicinity that was not clad in the eternal forest of these regions" (158).

McGregor (vgl. 1998:489) sieht in diesem Isolationsbestreben der Garni- son vor allem den Versuch, die eigene Integrität gegenüber einer Welt zu wahren, die der Garnison fremd, bedrohlich und unberechenbar erschei- nen muss. Sie sieht darin das Verlangen der Kolonisten nach einer kultu- rellen Ordnung in einer an sich wertelosen Wildnis, nach Rationalisierung des Irrationalen. Lecker (1978:47) dagegen sieht in der Isolation des Forts weniger einen intendierten Zustand als vielmehr die unausweichliche Fol- ge einer Konfrontation von weißer und indigener Kultur, also von Zivilisati- on und Wildnis. Letztendlich treffen aber wohl beide Interpretationen der topographischen Angaben in dem Roman zu.

1.2.2. Der Wald und seine Bewohner

Der Wald fungiert in Gestalt des "semicircular sweep of wild forest which circumvented the fort" (7) und des "frowning and belting forest" (163) als wildes Gegenstück zur "zivilisierten" Welt des Forts. Den Kolonisten er- scheint er wie ein unzugängliches Dickicht, welches das Fort einschließt, als "thick and overhanging forest, taking its circular sweep around the fort" (82). Für sie ist der Waldrand die kulturelle Grenze zwischen europäischer Zivilisation und amerikanischer Wildnis. Der Einflussbereich des Waldes reicht aber weit über seine eigentliche Grenze hinaus, wodurch dessen Bedrohlichkeit für die Kolonisten weiter betont wird: "The dark shadow of the broad belt of forest threw all that part of the waste which came within its immediate range into impenetrable obscurity" (9).

Für die Kolonisten ist der Wald nicht nur undurchdringlich, sondern ein re- gelrechter Irrgarten, in dem sie sich nicht orientieren können. Daher er- scheint Frederick De Haldimar die Rückkehr vom Lager der Natives zum Fort Detroit ohne die Führung seiner indigenen Begleiterin Oucanasta als unlösbare Aufgabe: "Absolutely terrified with the misgivings of his own heart, he in the wildness […] now resolved to make the attempt to return alone, although he knew not even the situation of the path he had so recently quitted" (152). Die Wildnis vermittelt den Kolonisten darüber hinaus das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Der Einfluss der Wildnis und das daraus resultierende Unvermögen der Kolonisten, sich ihrer Umgebung anzupassen, ist nahezu übermächtig:

So overpowering and awful is the solemn gloom of an American forest, that to an European, under ordinary circumstances, the effect is a strange sensation of loneliness and inability to move in any direction without being immediately bewildered […]. (Duffy, 1996:26) So wie für die Garnison das Fort fungiert der Wald als Schutz für die Nati- ves. In den Augen der Garnison wird er somit regelrecht zu einer Deckung für ihre erbitterten Feinde: "the forest which was known to afford cover to their merciless foes" (83). Für die Natives, die "dusky warriors [...] whose numbers were alone concealed by the foliage of the forest in which they stood" (209), ist er auch ein willkommener Zufluchtsort bei Gefahr (vgl. 34). Das inmitten des Waldes gelegene Lager der Ottawa fungiert als di- rektes Gegenstück zum Fort der Garnison. Es wird nicht nur durch den umliegenden Wald umsäumt und geschützt - seine Behausungen beste- hen sogar aus Teilen desselben:

The small plain in which lay the encampment of the Indians was a sort of oasis in the forest, girt around with a rude belt of underwood, and somewhat elevated, so as to present the appearance of a mound constructed on the first principles of art. This was thickly, although irregularly studded with tents, some of which were formed in a conical shape, while others were more rudely composed of the leafy branches of the forest. (144) Für die klaustrophobisch veranlagten Kolonisten ist der Wald ein Ort des Terrors, eine grüne Hölle, in der alle möglichen Gefahren lauern, besonders in Gestalt teuflischer Wilder. Als Inbegriff der undurchdringlichen und unerforschten Kräfte der Natur bildet der Wald die ideale Ausgangsbasis für die Rache des unberechenbaren Wacousta.

1.2.3. Die Gegensätzlichkeit geometrischer Formen

Der Kontrast beider Kulturen setzt sich in der Gegensätzlichkeit der geometrischen Formen fort, die jenen jeweils zugeordnet werden. Bei der Beschreibung der Garnison werden in der Regel eckige Formen wie Quadrat und Rechteck oder die Linie verwendet, bei den Natives dagegen dominieren runde Formen wie Kreis, Halbkreis oder die Kurve:

Within this dual universe, each world is defined by its own peculiar shape. Civilization's constructs are square, nature's forms circular. Wacousta's shaping imagery of circles and squares reinforces the thematic polarization of the New World into two antagonistic and complementary forces. (Hurley, 1980:62)

Beispielsweise steht die Garnison in der Eröffnungsszene in quadratischer Militärformation, in deren Mitte der Gouverneur über den Soldaten Frank Halloway wegen Hochverrates zu Gericht sitzt: "The immediate area of the parade was filled with armed men, distributed into three divisions, and forming, with their respective ranks facing outwards, as many sides of a hollow square" (13). Für den Gouverneur scheint diese quadratische For- mation das bewährteste Mittel zu sein, um nach dem Eindringen Wa- coustas in das Fort wieder den gewohnten Zustand der Ordnung und Dis- ziplin unter der Belegschaft herzustellen. Von geometrisch- perfektionistischer Genauigkeit besessen, lässt er innerhalb des größeren Quadrats des Forts die Garnison in quadratischer Formation antreten, und auch der Gefangene Frank Halloway wird zum Verhör in die exakte Mitte beider Quadrate geführt (vgl. 13). Dieses viereckige Arrangement findet auch an anderer Stelle wiederholt explizite Erwähnung: "Presently the gar- rison was formed, presenting three equal sides of a square" (280).

Jones (1994:66) zufolge verdeutlicht diese Formation den Versuch der Garnison, eine klare Trennung zwischen dem imperialen Zentrum des Forts und der Peripherie zu schaffen. Frye (vgl. Hurley, 1992:35) hingegen sieht darin die symbolische Niederlegung eines aggressiven und imperia- listischen Vorherrschaftsdenkens der britischen Kolonialmacht. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass diese quadratische Formation der Garnison vor allem als Schutz gegen äußere Bedrohungen dient. Beispielsweise nimmt eine ausgesandte Militäreinheit bei den ersten Anzeichen eines Alarms sofort diese Aufstellung ein (vgl. 84). Wie sprichwörtlich überle- benswichtig diese für die Garnison ist, spiegelt sich in der Aufforderung Captain Erskines an seine Gefolgsleute: "Quick, men, within the square for your lives!" (32). Daher erscheint das Quadrat weniger als ein Zeichen im- perialer Aggressivität, sondern vielmehr als eine Instanz, die über Leben und Tod entscheidet:

The laws of geometry govern life - and death - in Wacousta as much as those recognized in its voluminous legal codes. Throughout the work, such symmetry reflects the need to control, wilfully to check and dominate the impulsive, the spontaneous, or the irrational. (Hurley, 1992:37) Im Gegensatz zu dem rechteckigen Fort wird der Wald in runden Formen dargestellt (vgl. Hurley, 1980:62), als "semicircularduit of the forest (153). Besonders signifikant sticht die Be- schreibung des darin halbkreisförmig angelegten Indianerlagers hervor:

It was, as has been shown, situate in a sort of oasis close within the verge of the forest, and (girt by an intervening underwood which nature in her caprice had fashioned after the manner of a defensive barrier) embraced a space sufficient to contain the tents of the fighting men, together with their women and children. This, however, included the warriors and inferior chiefs. The tents of the leaders were without the belt of underwood, and principally dis- tributed at long intervals on that side of the forest which skirted the open country towards the river; forming, as it were, a chain of external defence, and sweeping in a semicircular direction round the more dense encampment of their followers. (238) Ähnlich wie sich die Garnison innerhalb des viereckigen Forts in quadrati- scher Formation um ihren Gefangenen Frank Halloway anordnet, gruppie- ren sich die Natives später in zwei konzentrischen Kreisen um ihren Ge- fangenen Frederick De Haldimar: "The chiefs grouped themselves imme- diately around their prisoner, while the inferior warriors, forming an outer circle, stood leaning their dark forms upon their rifles" (154). Selbst sitzend bilden die Natives stets einen Halbkreis (vgl. 132) oder Kreis (vgl. 146) - und auch schlafend liegen sie in dieser Anordnung (vgl. 144). Ebenso wie die Fortbewegung der Garnison in quadratischer bzw. linearer Formation erfolgt, bewegen sich die Natives in bogenförmiger Richtung (vgl. 130 u. 156). Sowohl das Quadrat als auch der Kreis können folglich als Symbole der konträren Kulturen angesehen werden. Ist das Quadrat der Inbegriff weißer Vernunft und Räson, steht der Kreis für das wilde und natürliche Leben der Natives (vgl. Hurley, 1992:38).

1.2.4. Der See als europäischer Gegenpol

In dem Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Wildnis symbolisiert der See bei Fort Michilimackinac, abgesehen von dem Fort selbst, die einzige Möglichkeit der Garnison, sich dem Schrecken der Wildnis zu entziehen. Birgt das Fort angesichts seiner Umschließung durch den Wald und die indigenen Belagerer den faden Beigeschmack eines Gefängnisses, bietet der See für die Garnison zumindest eine temporäre Möglichkeit zur Erlan- gung von Freiheit und Glückseligkeit: "The forest, in a word, formed, as it were, the gloomy and impenetrable walls of the prison-house, and the bright lake that lay before it the only portal through which happiness and liberty could be again secured" (159). Temporär bleibt diese Möglichkeit deshalb, weil mit dem hereinbrechenden Winter und dem Zufrieren des Sees auch der sich auf ihm befindliche Schoner, ein Symbol der Freiheit, bald Opfer der feindlichen Natives würde (vgl. 160). Der See symbolisiert darüber hinaus das "Tor zur Zivilisation". Für die Garnison steht er als Me- tapher für den Zugang zu der unerreichbaren, aber scheinbar besseren europäischen Welt. Als "Fluchtweg in die Vergangenheit" (vgl. McGregor, 1998:489) ist er der Inbegriff der Sehnsüchte und der Nostalgie der Soldaten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als der Hölle der Wildnis zu entkommen und in die alte Welt Europas zurückzukehren:

When the eye turned woodward it fell heavily and without interest upon a dim and dusky point known to enter upon savage scenes and unexplored countries, whereas whenever it reposed upon the lake it was with an eagerness and energy that embraced the most vivid recollections of the past, and led the imagination buoyantly over every well-remembered scene that had previously been traversed, and which must be traversed again before the land of the European could be pressed once more. (159) Nach Matthews (vgl. 2000:148) ist es vor allem die Angst der Garnison vor einer ihr fremden Wildnis, welche die Soldaten dazu verleitet, in ihren Ge- danken an einer vermeintlich besseren, europäischen Welt festzuhalten.

1.2.5. Paradies und Oase als Fortsetzung des Gegenpols

Der bereits erwähnte Kontrast zwischen alter und neuer Welt findet seine Fortsetzung in dem Motiv des Paradieses. Während das in der kanadi- schen Wildnis gelegene Lager der Natives als "sort of oasis in the forest" (144) und "sort of oasis close within the verge of the forest" (238) be- schrieben wird, erweist sich das in der alten Welt gelegene Versteck von Clara Beverley in den schottischen Highlands als "this garden - this para- dise - this oasis of the rocks" (253) und als "oasis of the mountains" (257). Clara selbst wird, umringt von paradiesischen Blumen und Früchten (vgl. 258), von Reginald Morton zur Göttin dieser Oase gekürt (vgl. 254). Als di- rektes Gegenstück zu dem europäischen Paradies von Clara Beverley fungiert das Lager der Natives in der amerikanischen Wildnis. Obwohl als Oase gepriesen, ist es jedoch keine idyllische Pastorale, sondern vielmehr ein Ort des Schreckens und des Terrors. Mit seinen Zelten voller dunkler, menschlicher Skalpe (vgl. 112) ist es die Verkörperung des Schattens, der Gewalt und der Barbarei: "Pontiac's camp, also opposed to the civilized world of army and fort, is not idealized into pastoral but rather emerges within the context of savagism" (Monkman, 1979:89).

Interessant erscheint hier die Tatsache, dass viele europäische Religions- gruppen - unter ihnen besonders die Puritaner - die Zeit der amerikani- schen Kolonisation als Möglichkeit gepriesen haben, der europäischen Verderbtheit zu entfliehen, und in der neuen Welt auf der anderen Seite des Ozeans ein "Eden der Unschuld" zu erschaffen (vgl. Berkhofer, 1978:72). Richardson hingegen verkehrt in seinem Roman diesen Mythos dahingehend, dass er in Europa das eigentliche "Paradies" ansiedelt, und in der nordamerikanischen Wildnis den Ort des moralischen Verfalls. Da- her bezeichnet Hurley (1992:128) den Transfer von der alten in die neue Welt auch treffend als "fall from a pastoral idyllic landscape into a desolate wilderness".

1.2.6. Der Grenzfluss, die Schlucht und die Brücke

Die zwischen beiden Kulturen bestehende Kluft und der Versuch, diese zu überbrücken, wird in dem Roman sehr bildlich dargestellt. Die Lebenswel- ten der Garnison und der Natives werden nämlich durch einen tiefen, dunklen Abgrund und einen darin fließenden Fluss voneinander getrennt. Lediglich eine schmale Holzbrücke verbindet die beiden Lebenswelten:

The narrow but deep and rapid river alluded to by the Canadian as running midway between the town and Hog Island, derived its source far within the forest, and formed the bed of one of those wild, dark, and thickly wooded ravines so common in America. […] Within a few yards of its mouth, as we have already observed, a rude but strong wooden bridge, over which lay the high road, had been constructed by the French […]. (82) Ist der in den Tiefen des Waldes entspringende Fluss der Lebenswelt der Natives zuzuordnen, so muss die Brücke als das künstliche Produkt der Kolonisten gesehen werden, die sich auf diese Weise einen Zugang zu der Lebenswelt der Natives verschaffen wollten. Der Abgrund und die darüber verlaufende Brücke bilden aber nicht nur eine topographische Demarkationslinie zwischen Zivilisation und Wildnis, sondern auch eine Trennlinie zwischen mentalen Polaritäten:

The dual worlds of civilization and nature, garrison and wilderness, alien British soldier and native Indian, intellect and impulse, reason and passion, order and disorder, stasis and mobility, the familiar and the unexplored, consciousness and unconsciousness, the prosaic and the magical, reality and dream are focused and brought into convergence along an ideal boundary or border: a haunted ravine […]. (Hurley, 1992:33) Die Spiegelung dieser Trennlinie zwischen Zivilisation und Wildnis findet sich auch in Europa. Dort wird nämlich die Oase Clara Beverleys als Inbe- griff der Wildnis ebenfalls durch eine tiefe Schlucht von der Zivilisation der Garnison getrennt (vgl. 251). Ihre Beschreibung ähnelt sehr ihrem ameri- kanischen Gegenstück. Die Brücke in der amerikanischen Wildnis erhält im Hinblick auf die konträren Kulturen unterschiedliche Bedeutungen. Ei- nerseits ist sie Bindeglied zwischen "zivilisierter" und "primitiver" Domäne (vgl. Duffy, 1983:122), andererseits versinnbildlicht sie durch die Schlucht die Trennlinie zwischen den beiden Welten (vgl. Duffy, 1983:127). Genau hier treffen die Lebenswelt der Kolonisten und die der Natives aufeinander: "A narrow passage over the river ravine, with the forest on one side and the town on the other, is the meeting place of the conflict between two ways of life" (Northey, 1976:24-25).

Diese Brücke, deren Name auch historisch als "Bloody Bridge" belegt ist (vgl. Hurley, 1992:33), wird wiederholt zu einem signifikanten Ort der ge- waltsamen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Kulturen. Hier kommt es zu der Exekution Frank Halloways (alias Reginald Morton und Neffe von Wacousta) durch den Gouverneur (vgl. 85), das blutige Zu- sammentreffen von Wacousta und der Garnison (vgl. 278-79) sowie zu der letzten Schlacht zwischen den Natives und der Garnison (vgl. 290-91). Als "fatal bridge" (103) bekannt, wird die Brücke zum Tatort sowohl weißer (vgl. 85) als auch indigener (vgl. 292) Gräueltaten. Sie ist auch der Ort des gewaltsamen Todes der beiden rivalisierenden Familien De Haldimar und Morton. Werden dort Charles und Clara De Haldimar durch Wacousta ge- tötet, kommen dort auch beide Reginald Mortons (alias Wacousta und Frank Halloway) durch die Hand des Gouverneurs ums Leben.

1.3. Die Darstellung der Kolonisten und der Natives

Abgesehen von der topographischen Situierung verdeutlicht sich der Kul- turkonflikt vor allem in der Figurenkonstellation des Romans. Hier ist zu- nächst eine Betrachtung des allgemeinen Erscheinungsbildes beider Kul- turen angebracht. Anschließend werden ihre Repräsentanten Governor De Haldimar und Wacousta sowie die weißen und indigenen Nebencha- raktere näher beleuchtet.

1.3.1. Die Wiedergabe der indigenen Kultur

Die Darstellung der indigenen Kultur fällt in dem Roman sehr zwiespältig aus. Ihre Vertreter sind ähnlich wie die Wildnis jedoch überwiegend die klaren Antagonisten der Garnison: "Considered as a single entity, the for- est and its inhabitants display similar characteristics of mysteriousness, cruelty, and unpredictability" (Duffy, 1996:99). Auf die Garnison wirken die Natives daher wie eine dunkle Masse (vgl. 170) oder geisterhafte Schat- ten:

Likewise confronted with the unknown and unlived in, Richardson's garrison inhabitants fill in the visual blur with the monstrous apparitions of hallucina- tion. The gigantic, spectral Wacousta and his wolf-dog Onondato preside over a land of the dead populated by the shades of Hades; the Indians are perceived by the British as shadows, ghosts, monsters, spectres, mad ani- mals, giants, and demons eerily gliding through a hellish wilderness […]. (Hurley, 1992:49)

Unverhältnismäßig oft treten die Natives als regelrechte Ausgeburten der Hölle in Erscheinung. Ihre Bezeichnungen reichen von "fierce and danger- ous enemies" (83) und "merciless foes" (83) über "fierce devils" (34) und "howling devils" (39) bis hin zu den personifizierten Abgesandten Satans in Gestalt einer "fiend-like band" (33), einer "legion of devils" (292) oder von "whooping hell fiends" (231). Als "bad guy[s], savage and ungovern- able, a symbol of the dark forces of anarchy" (Francis, 1997:62) entspre- chen die Natives dem Stereotyp einer den Kolonisten feindlich gesonne- nen Natur. Mit ihrer grauenhaften Kriegsbemalung wirken sie wie entsetz- liche Teufel: "The fires of the Indians were now nearly extinct, but the faint light of the fast dawning day threw a ghastly, sickly hue over the counte- nances of the savages, which rendered them even more terrific in their war paint" (154). Diese blutrünstigen Barbaren erscheinen oberflächlich betrachtet auch die Einzigen zu sein, die zu furchtbaren Gräueltaten fähig sind:

With his bloody scalping-knife closely clutched between his teeth, and his tomahawk in his right hand, this fierce warrior buffeted the waves lustily with one arm [...] Presently a desperate splash was heard near the stern of the boat, and the sinuous form of the first savage was raised above the gun- wale, his grim face looking devilish in its smeared war-paint, and his fierce eyes gleaming and rolling like fire-balls in their sockets. (182) Weiter werden die Natives mit tierischen Bezeichnungen versehen und als irrationale, instinktiv handelnde Wesen auf eine animalische Ebene redu- ziert. Durch ihre Bezeichnung als Bluthunde (vgl. 106 u. 143) oder Ratten (vgl. 183) wird ihnen jeglicher menschlicher Status aberkannt. Selbst Wa- cousta wird des öfteren mit den Tieren der Wildnis gleichgesetzt. So wird er beispielsweise an einer Stelle als ein Tier wahrgenommen, das sich durch das Unterholz kämpft (vgl. 145), und auch der eigenen Person legt Wacousta eine animalische Triebhaftigkeit zugrunde: "There is an instinct about me enabling me to discover a De Haldimar as a hound does the deer by scent" (274). Selbst ein lebloses Kanu wird unter ihm zu einer wil- den Kreatur, die von einem animalischen Instinkt geleitet über das Wasser schnellt (vgl. 236). Begleitet wird Wacousta meist von seinem Wolfshund Onondato (vgl. 105-106), mit dem er auch verglichen wird:

'The wolf-dog, whose eyes glared like two burning coals through the sur- rounding gloom', resembles its master who has just been presented as a shadowy creature whose only visible feature is his glaring eye. Wacousta is the leader of a pack of wolf-like figures […]. (Hurley, 1992:188-189)

In dem Roman wird sogar die Sprache der Natives auf einer animalischen Ebene festgemacht. In Gesprächen äußern sie nur selten richtige Worte, geschweige denn ganze Sätze. Sie drücken sich vielmehr in gutturalen Lauten aus, wie etwa dem klischeebeladenen "ugh!", welchem situations- bedingt jeweils eine andere Bedeutung zukommt (vgl. 113, 114 u. 115). Im Kampf besteht ihre Kommunikation aus wütenden Schreien (vgl. 35) oder markerschütterndem Kriegsgeheul (vgl. 206). Natürlich darf auch der ste- reotype Triumphschrei nicht fehlen: "A triumphant cry was next pealed from the lips of the warrior - a cry produced by the quickly repeated appli- cation and removal of one hand to and from the mouth" (74). Nach Lutz (vgl. 1985:7) sind diese Laute als rudimentär bildliche Darstellung eines Indianerklischees anzusehen, deren Bedeutung anscheinend nur von "er- fahrenen" Kolonisten eruiert werden können:

By one unaccustomed to those devilish sounds, no distinction could have been made in the two several yells that had been thus savagely pealed forth; but those to whom practice and long experience in the warlike habits and customs of the Indians had rendered their shouts familiar, at once divined, or fancied they divined, the cause. (25) In dem Roman finden sich aber auch positive Darstellungen der Natives. Wie die anfängliche Bemerkung des Major Blackwater verdeutlicht, wird in dem Roman zwischen "barbarischen" Wilden und "noblen" Wilden unter- schieden: "God bless me, how singular! How could the savage contrive to obtain admission? or was he in reality an Indian?" (6). Besonders deutlich wird diese Differenzierung in einer Szene, in der sowohl harmlose Natives und bedrohliche Wilde friedlich nebeneinander zu finden sind:

Moreover, the light swift bark canoes of the natives often danced joyously on its [the lake's] surface, and while the sight was offended at the savage skulk- ing among the trees of the forest, like some dark spirit moving cautiously in its course of secret destruction, and watching the moment when he might pounce unnoticed upon his unprepared victim, it followed with momentary pleasure and excitement the activity and skill displayed by the harmless paddler in the swift and meteor-like race that set the troubled surface of the Huron in a sheet of hissing foam. (159) Das parallele Erscheinen teuflischer und nobler Wilder ist für diese Art von Roman durchaus nichts Ungewöhnliches, denn "in der frontier romance des ausgehenden achtzehnten und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts finden sich red devils und noble savages gleichzeitig" (Lutz, 1985:147). Auch in der Beschreibung der Wohnung von Clara und Made- line De Haldimar, deren Dekor eine deutliche Verwebung europäischer und indigener Kunst mit der nordamerikanischen Natur aufweist (vgl. 164), wird den Natives eine überaus geistreiche Kultur zugesprochen. Betrach- tet man diese zwiespältige Darstellung der Natives, so kann man sagen, dass sich ein konsistentes Feindbild nicht aufrechterhalten lässt - wie auch Jones (1994:52) feststellt: "Thus, while 'savagery' in Wacousta is as- sociated with Indians to the point where they seem to be its paradigmatic example, it cannot be read finally as simply inherent to them".

1.3.2. Die Wiedergabe der weißen Kultur

Angesichts der Konzentration des Romans auf die Darstellung der indige- nen Kultur rückt das Erscheinungsbild der weißen Kultur weitestgehend in den Hintergrund. Auffallend betont wird jedoch die emotionale Bindung in- nerhalb der Garnison: "In those lone regions both officers and men, in their respective ranks, were, by a communionship of suffering, isolation, and peculiarity of duty, drawn towards each other with feelings of almost fra- ternal affection" (1). Die Verschmelzung von männlicher Empfindsamkeit und militärischem Pflichtbewusstsein wird besonders deutlich bei der Be- stattung der Kinder des Gouverneurs: "Tears fell unrestrained over the bronzed cheeks of the oldest soldiers, while many a female sob blended with and gave touching solemnity to the scene (297). Eine ähnlich emotio- nale Reaktion der Soldaten findet sich auch anlässlich der rührenden Szene zwischen Frank Halloway und seiner Frau kurz vor dessen Exeku- tion: "All who witnessed it were painfully affected, and over the bronzed cheek of many a veteran coursed a tear" (80).

Diese Hervorhebung von Gefühlen der Trauer, der Zuneigung oder des Mitleids verursacht zunächst eine unbewusste Identifikation des Lesers mit der vermeintlich "guten" Seite, da er in den weißen Charakteren angesichts ihrer Emotionalität einen "guten Kern" zu entdecken glaubt. Dieser Eindruck wird jedoch zunehmend durch das rigide Erscheinungsbild der Garnison und des Gouverneurs unterminiert. Besonders deutlich spiegelt sich dieses in den mechanischen Bewegungen der Soldaten (vgl. 71) und ihrer steifen Haltung (vgl. 18-19) wider.

1.3.3. Der Kampf ungleicher Brüder

Am deutlichsten manifestiert sich der Konflikt zwischen den kulturellen Gruppierungen in dem krassen Gegensatz ihrer Repräsentanten Governor De Haldimar und Wacousta: "Garrison and wilderness constitute two soli- tudes, like the two men who preside over them, Colonel de Haldimar and Wacousta" (Hurley, 1992:33). Das eigenartige Spannungsverhältnis, in dem sich die Temperamente beider befinden, wird besonders in der Fest- stellung Wacoustas deutlich: "He, all coldness, prudence, obsequiousness and forethought. I all enthusiasm, carelessness, impetuosity and inde- pendence" (250). Verkörpert der Gouverneur die Instanz britischer Autori- tät und Dominanz, repräsentiert Wacousta die intuitive, triebhafte und lei- denschaftliche Figur des anarchistischen Rebellen:

Colonel de Haldimar and Wacousta […] are doubles-by-division or by oppo- sition. They are set within the dual cosmology they express - the border world of garrison and wilderness. Here the forces of restraint, repression, and reason present in the imported European culture presided over by Gov- ernor de Haldimar are at war with those of spontaneity, passion, and irra- tionality as expressed in the criminal outcast Wacousta and the North American Indian. (Hurley, 1992:83)

Von Hurley (1992:71) werden beide Repräsentanten aber auch als "two characters of opposing yet complementary temperaments who are strangely bonded" charakterisiert. Das ambivalente Verhältnis der beiden Kontrahenten hat in Gestalt eines "struggle-of-brothers" Motivs durchaus biblische oder mythologische Parallelen, wie etwa in dem Konflikt zwi- schen Kain und Abel (vgl. Hurley, 1992:12) oder den Göttern Poseidon und Zeus (vgl. Hurley, 1992:92-93). Der Gouverneur und Wacousta wer- den zu archetypischen Kräften, die sich in einem teils widersprüchlichen, teils komplementären Verhältnis zueinander befinden. Da beide kräftemä- ßig gleich sind, kann ihr Kampf nur mit dem Tod beider enden. Ihr Konflikt ist jedoch weit mehr als nur ein Kampf von Verräter und Opfer bzw. "Gut" gegen "Böse". Vielmehr werden sowohl dem Gouverneur als auch Wa- cousta eine Reihe von positiven und negativen Zügen verliehen, die sie in einer steten Balance zwischen Sympathie und Widerwärtigkeit halten. Diese werden in den nun folgenden Abschnitten detaillierter dargelegt.

1.3.4. Das Erscheinungsbild von Governor De Haldimar

Der Gouverneur präsentiert sich als ernster, strenger und gnadenloser Of- fizier, der den Schauplatz mit arroganter und unbewegter Miene betritt (vgl. 15) und gemessenen Schrittes hochmütig wieder verlässt (vgl. 21). Die erhöhte Sitzposition (vgl. 115 u. 131) verstärkt den Eindruck seiner Ar- roganz und Überheblichkeit. Seine positiven Attribute wie Besonnenheit, Wachsamkeit und Voraussicht rücken daher kaum in den Vordergrund. Durch seine strenge Vorgehensweise und respekteinflößende Haltung sucht er stets die Kontrolle über sich und andere zu bewahren:

De Haldimar's quest to have and to hold power and position has become his life and has cost him his human features […] The Governor resembles an efficient, merciless machine exacting unquestioning obedience and grinding out robot-like conformity - a machine that works incessantly and works at keeping everything under control. (Hurley, 1992:102) Das herausragendste Merkmal des Gouverneurs ist sein stechender und prüfender Blick: "He is constantly scrutinizing and staring at people, usu- ally in an accusing, inquisitorial manner" (Hurley, 1992:56). Dafür gibt es unterschiedliche Belege, wie etwa "the governor fixed his penetrating eyes on the speaker, as if he would have read his innermost mind" (21) oder "the former cast on the terrified Canadian one of those severe and search- ing looks which he so well knew how to assume" (76). Die einschüchtern- de Wirkung dieses Blickes, dieses "sly yet scrutinizing glance" (260) und "cold, quiet, smirking look that usually distinguished him" (260), wird ein- drucksvoll durch Sir Everard Valletort belegt: "His words were as caustic as his looks, and could both have pierced me to the quick" (22).

Da er durch seine Mimik seine wahren Gedanken und Gefühle zu verber- gen sucht, wirkt der Gouverneur kalt und unnahbar. Kommt es bei ihm dennoch zu einem Gefühlsausbruch, scheint er bestrebt, seine Fassung möglichst schnell wiederzugewinnen und seine unangefochtene Autorität wiederherzustellen, wie in den folgenden Beispielen deutlich wird: "Aware of the emotion he was betraying, he suddenly checked himself, and as- sumed his wonted stern and authoritative bearing" (16) bzw. "The Colonel again assumed the dignity of demeanor which had been momentarily lost in sight of in the ebullition of his feelings" (234). Wie er selbst bei extremer seelischer Belastung gegen die eigenen Emotionen ankämpft, zeigt sich in seiner Reaktion auf den Tod seiner Tochter Clara: "How felt - how acted Colonel De Haldimar throughout this brief but terrible scene? He uttered not a word. With his arms still folded across his breast he gazed upon the murder of his child, but he heaved not a sigh, he shed not a tear" (293).

[...]

Details

Seiten
81
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638821711
ISBN (Buch)
9783638822473
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67954
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Englisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Weiße Kultur Romanen John Richardsons Wacousta Rudy Wiebes Temptations Bear Mitchells Vanishing Point

Autor

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Titel: Weiße und indigene Kultur in ausgewählten kanadischen Romanen: John Richardsons "Wacousta", Rudy Wiebes "The Temptations of Big Bear" und W.O. Mitchells "The Vanishing Point"