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Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysisch-christlichen Denkens und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 38 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Nihilismus – Versuch einer Analyse
1.1 Das Licht der Vernunft – Der Schatten des Nihilismus
1.1.1 Vom „ersten Anfang“ der Metaphysik
1.2 Metaphysik – als Rache am Sein
1.3 Nihilismus – als Entwertung der obersten Werte

2. Ansätze zur Überwindung des Nihilismus
2.1 Das asketische Ideal
2.2 Eine neue Moral
2.3 Die ewige Wiederkehr des Gleichen
2.4 Vom Tode Gottes zu einem neuen religiösen Bewusstsein
2.5 Amor fati – das dionysische Jasagen zum Leben

SCHLUSSBETRACHTUNGUNDAUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

„Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. (...) Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom der an´s Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“[1]

Inzwischen haben Weltkriege und Schreckensherrschaften die Prophezeiung Nietzsches wahrgemacht. Aber die Augen und Ohren sind vielleicht noch nicht genug gespitzt und die Bedeutung des von Nietzsche verkündeten Nihilismus ist noch nicht tief genug in unser Bewusstsein eingedrungen oder wird vielmehr herausgehalten. Nietzsche hatte noch keine Erfahrung mit dem Nationalsozialismus oder dem stalinistischen Totalitarismus, auch nicht mit der Möglichkeit der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit durch die Atombombe oder den destruktiven Konsequenzen einer globalisierten Marktwirtschaft. Insofern wird es interessant sein zu erfahren, welche Antwort jemand auf die Krise unseres Zeitalters gibt, der von all dem noch nichts wusste und den Nihilismus doch schon heraufdämmern sah.

Die Reaktionen, die sich in unserem Kulturraum auf die gegenwärtigen Krisen hin zeitigen, richten sich vornehmlich mit den Mitteln der Vernunft auf ein Außen, auf eine Verbesserung der Um- und Mitwelt. So gilt es bspw. die zweifellos bedrohlichen Atomkraftwerke abzuschaffen, die Gentechnik streng zu kontrollieren und in der dritten Welt die Pille zu verteilen, um der Überbevölkerung entgegenzuwirken; für die Beseitigung des Übels in der Welt gilt es als unhinterfragbares Programm die Demokratie global zu verbreiten und wenn das politische System, möglicherweise der Weltstaat, diese politischen und technologischen Ideen realisiert, so die Hoffnung, wird sich das größtmögliche Wohl für die Mehrzahl der Menschen verwirklicht haben.

Nietzsche hingegen hat eine andere Antwort auf die Frage nach dem mieslichen Grundgefühl unserer Zeit gegeben. Ein zentraler Satz seines Philosophierens lautet: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet.“ Die Folge daraus ist die Sinnlosigkeit, der Nihilismus. Für Nietzsche ist es also das geschichtliche Ereignis des Nihilismus, durch das sich uns der Ekel vor dem Leben aufdrängt. Dieser Pfahl im Fleische, diese Gefahr der Gefahren, dass nichts mehr einen Sinn hat, treibt uns in tiefe Auseinandersetzungen mit den Fragen nach dem Sein oder vielmehr Nicht-Sein. Von diesem Geschehnis sagt Nietzsche, dass hiermit eine völlig neue Geschichte beginnt. Und all dies ist nur zu verstehen unter der Prämisse, dass Gott tot ist. Nietzsche hat sich drangemacht zu denken, was zu denken ist, wenn Gott tot ist, nachdem er von uns Menschen getötet wurde und er machte sich damit zum Wegbereiter der Postmoderne. Im Vollzug dieser Arbeit geht es darum ein verstehendes Annähern an das zu erreichen, was sich für Nietzsche mit dem „Tod Gottes“ begeben hat, zu welcher Existenz wir nun, seiner Auffassung gemäß, genötigt sind. Denn jetzt, so schreibt er in der fröhlichen Wissenschaft, bewegt sich der Mensch fort von allen Sonnen, stürzt fortwährend rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten. Es gibt kein oben und kein unten mehr, alle irren durch ein unendliches Nichts. Und Nietzsche fragt: „Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“[2] Der fortgesetzte Prozess der Modernisierung in den säkularisierten Gesellschaften der westlichen Welt scheint dies zu bestätigen. Bei ihren individuellen Gliedern verbreiteten sich zunehmend Gefühle der Entfremdung und der Unsicherheit, wohl nicht zuletzt bedingt durch den Zerfall der Integrationskraft traditioneller metaphysisch verankerter Strukturen. Es zeitigt sich die Auflösung unserer Gesellschaft in viele bindungslose Einzelne. Die mühsam erkämpfte Freiheit, auf je eigene Art glücklich zu werden, erweist sich als Last. Und vielleicht ist es eine Überforderung, das individuell gestaltbare Leben in „transzendentaler Obdachlosigkeit“ zu bestehen, losgelöst von traditionellen Bindungen und Bräuchen, die hinfällig geworden bzw. nur noch für eine im schwinden begriffene Minderheit bedeutsam zu sein scheinen. Die erlangte Freiheit verlangt einen hohen Preis. Persönliche Identität ist zum Problem geworden. Der Inhalt des Lebens, für den sich ein Ich von sich aus entscheiden vermag, kann schon allein aus diesem Grunde als unverbindlich und kraftlos erscheinen, weil er nämlich eine Sache willkürlicher Entscheidung ist. Das Ende der Metaphysik bekommt, wenn wir diese Dimension sehen, eine geschichtsrevolutionäre Bedeutung.

Entlang der Deutungen Nietzsches wollen wir uns auf den Weg machen, die wirkmächtigen Zuflüsterungen der abendländischen Philosophiegeschichte näher zu betrachten, die unser Vorverständnis und Denken ganz eigentlich bedingen. Wir wollen eintreten in jenen Dialog, der die fraglose Selbstverständlichkeit der abendländischen Metaphysik aufbricht und hinterfragt. Auf diesem Wege wollen wir einige grundlegende Gedanken Friedrich Nietzsches, wie: „ die ewige Wiederkehr des Gleichen“, „der Tod Gottes“, „der Übermensch“, „der Wille zur Macht“ und „Amor fati“ eingehender betrachten, um so einem Verständnis seiner Nihilismus-Auffassung näher zu kommen. Es wird indes deutlich werden, dass sich im Denken Nietzsches neben der Verkündigung vom Tode Gottes und dem daraus hervorgehenden Nihilismus auch Ansätze zur Überwindung des Nihilismus finden, die es, im Anblick dieser „Ehrfurcht gebietenden Katastrophe“, fortzuschreiben gilt. Eine Aufgabe des abendländischen Denkens wird es schließlich sein, Lebenslehren zu finden, welche die Heraufkunft einer neuen Kultur begünstigen, oder mit Nietzsche gesprochen, nach dem Zerbrechen der alten Tafeln neue Tafeln zu beschreiben. Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Überwindung des Nihilismus deutet Nietzsche selbst nach Indien, namentlich zur Lehre des Buddhismus. „Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in vollkommner Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend; dasselbe Ideal zum gleichen Schlusse zwingend; der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte vor der europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha (...).“[3]

Im Folgenden wird es darum gehen eine Analyse des Nihilismus zu versuchen. Diese Analyse orientiert sich v. a. an den Texten Friedrich Nietzsches, bezieht aber auch Gedanken Martin Heideggers und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie[4] mit ein. Die Besinnung auf den Buddhismus jedoch nicht, um in der Fremde zu bleiben, sondern um in ihr das Eigene besser erkennen zu lernen. Ein Aspekt der das Denken von Nietzsche und Heidegger (und der Postmoderne) auszeichnet ist zum einen die Betonung des Endes der Metaphysik und zum andern die Kombination dieser Analyse mit der Forderung nach einem irgendwie neu geartetem Denken, dem Vollzug einer radikalen Zäsur. Hier mag von der buddhistischen Philosophie eine inspirierende Kraft ausgehen, auf die im Rahmen dieser Auseinandersetzung jedoch nur angespielt werden kann. Die Leitfragen, an denen sich die vorliegende Arbeit orientiert und indessen mögliche Antworten andeutet, lassen sich folgendermaßen formulieren: Was verbirgt sich hinter dem Topos vom Tode Gottes? Welche Möglichkeiten bleiben, um die nihilistische Gleich-Gültigkeit zu überwinden? Gibt es für das zukünftige Europa die Hoffnung für eine nach-post-moderne Kultivierung der Seele?

Die vorliegende Arbeit gliedert sich unterdessen in zwei Hauptteile. Der erste Hauptteil enthält den Versuch einer Analyse des Nihilismus. Im zweiten Hauptteil werden Ansätze zur Überwindung des Nihilismus skizziert.

1. Nihilismus – Versuch einer Analyse

1.1 Das Licht der Vernunft – Der Schatten des Nihilismus

„Der Nihilismus steht vor der Tür: Woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“[5] Für Nietzsche deuten die Zeichen und Spuren dieses kommenden Geschicks allesamt darauf hin, dass die Ankunft des „unheimlichsten aller Gäste“ mit der Geschichte der abendländischen Metaphysik in Zusammenhang steht und folglich mit der okzidentalen Vernunftgeschichte. Eine Denkgeschichte, die sich im Glanz der europäischen Aufklärung auf glorreiche Weise vollendet hat und ihren weltumspannenden Siegeszug seither ununterbrochen fortsetzt. Ein Siegeszug, indem sich alles unter die unbedingte Herrschaft und Anerkennung der Vernunft zu beugen hat.

Diesem Siegeszug der Vernunft setzt Nietzsche in seinem Aufsatz Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne eine Geschichte entgegen, die die Hybris des Denkens höhnisch zur Entlarvung bringt, indem er die misliche Lage von denkenden Wesen angesichts des unendlichen und kontingenten Weltraums wie folgt beschreibt: „In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte‘: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mußten sterben. – So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur auswirkt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben."[6] An anderer Stelle kommentiert Nietzsche den raschen Tod der klugen Tiere mit deutlichen Worten: "Es war auch an der Zeit: denn ob sie schon viel erkannt zu haben, sich brüsteten, waren sie doch zuletzt, zu großer Verdrossenheit, dahinter gekommen, daß sie alles falsch erkannt hatten. Sie starben und fluchten im Sterben der Wahrheit. Das war die Art dieser verzweifelten Thiere, die das Erkennen erfunden hatten."[7]

Es ist dies ein ernüchterndes Fazit, das sich einer Geschichte entgegenstellt, die vor mehr als 2000 Jahren ihren Anfang nahm in der Metaphysik des Platon und Aristoteles, eine Geschichte, die für Nietzsche zugleich die Geburtsstunde und historische Entfaltung des Europäischen Nihilismus markiert. Denn für Nietzsche ist es ist die metaphysische Sehnsucht nach einer reinen, wahren, intelligiblen Welt, die für ihn zwangsläufig mit einer sukzessiven Degradierung der Sinnlichkeit, der Leiblichkeit, der Diesseitigkeit einhergeht. Dieser dualistische theologie- und philosophiegeschichtliche Prozess der sukzessiven Entwertung des In-der-Welt-seins zu Gunsten eines über-sinnlichen idealen, wahren, intelligiblen Jenseits ist für Nietzsche ganz eigentlich die Bedingung für die Heraufkunft jenes Schattens, den er Nihilismus nennt. Nihilismus korrespondiert für Nietzsche demnach untrennbar mit der Geschichte der Metaphysik. Nihilismus ist der Schatten, den er mit dem Untergang der Metaphysik heraufkommen sieht: „Was ich erzähle ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden, denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an.“[8] Die europäische Geistesgeschichte von Platon über das Christentum wird also von Nietzsche als eine Geschichte gelesen, in der sich die Logik des Nihilismus sukzessive entfaltet, bis sie dann im 19. Jahrhundert erkennbar und im 20. und 21. Jahrhundert dominierend hervortritt.

Neben den Geschichtsdeutungen Nietzsches soll ein kurzer Exkurs zu einigen grundlegenden Überlegungen Martin Heideggers dazu beitragen, die Entstehungsbedingungen für die geschichtliche Entfaltung des Nihilismus anschaulicher zu machen.

1.1.1 Vom „ersten Anfang“ der Metaphysik

Heidegger nennt den philosophischen Aufbruch bei den Griechen den ersten Anfang[9] .

In diesem Anfang wird zwar das Sein unter den Namen Natur (jusiV) und Unverborgenheit / Wahrheit (alhJeia)[10] erfahren, es wird aber, gemäß Heidegger, diese Erfahrung nicht denkerisch bewältigt. Das Verhältnis der Unverborgenheit (Wahrheit) zur Verborgenheit (Seyn – als infinite Potenz) gehört hier konstitutiv zusammen und bleibt denkerisch unbestimmt. Daher wird auch, so Heidegger, das Verhältnis der Wahrheit (im Sinne der Un-verborgenheit) zur Natur, die aus dem Verborgenen ins Dasein hervorkommt, nicht eigens bedacht. Das Walten der Natur, das wir in Hinsicht auf die Unverborgenheit als die ereignende Ent-bergung der Verborgenheit in die Unverborgenheit unseres In-der-Welt-seins bestimmen können, bleibt im vorsokratischen Dasein dunkel. Die Vorsokratiker haben demnach die Un-verborgenheit (Wahrheit) nicht als Wesensgrund der Natur denken müssen. Und dieses Ungedachte ist es, was Heidegger auf seinen Denkweg brachte, der sich aus einem ständigen Dialog mit dem griechischen Anfang der Philosophie und dem daraus folgenden metaphysischen Denken her ergab.[11] Unverborgenes ist also immer schon ein Hervorgebrachtes. Dieses schöpferische Walten der Natur ist daher ursprünglicher als das von ihr hervorgebrachte Anwesende, weil es die Wahrheit des Ursprungs selbst ist, dem die Dinge ihre Her-kunft wie Zu-kunft verdanken. Somit ist für Heidegger die Verborgenheit konstitutiv für die Unverborgenheit und folglich ein Grundzug der „Sachen“ selbst. In Anspielung auf Nietzsche sagt Heidegger schließlich: „ Das Wesen der Wahrheit ist die Un-wahrheit“ [12]. Dieser Sachverhalt wird jedoch, gemäß Nietzsche und Heidegger, im Fortgang der abendländischen Denkgeschichte durch den Beginn der Metaphysik bei Platon und Aristoteles immer mehr verschüttet. Darum kann Heidegger behaupten, dass es den vorsokratischen Natur-Philosophen in gewisser Weise noch um das Seyn selbst in seiner sich entziehenden Wahrheit ging, während sich mit Platon und Aristoteles die Grundfrage nach der Wahrheit des Seyns in die Leitfrage nach dem Sein von Seiendem verwandelt. In dem Moment, in dem die Wahrheit des Seyns jedoch zu etwas Seiendem wird, verschwindet das Nichtsein aus dem Blickfeld des Denkens. Das Seyn wird nun selbst zum höchsten Seienden, unter dem die Metaphysik Gott versteht. Gott, im Sinne des höchsten Seienden, wird schließlich im Mittelalter zum alles begründenden Grund des Seienden erklärt.

Die folgenreiche Identifizierung von Seyn und Gott in der Scholastik treibt die von Aristoteles initiierte abendländische Ontotheologie letztendlich ihrer Vollendung zu. Die ontotheologische Verfassung der Metaphysik, in der sich die Verdinglichungstendenz unseres Daseins verabsolutiert hat (durch die Verstandesphilosophie), zwingt den abendländischen Menschen schließlich dazu, alles Seiende auf der Grundlage einer Subjekt-Objekt-Spaltung sowie als Ursache und Wirkung, also kausal zu verstehen. Damit gerät aber die von Heidegger wiederentdeckte Eigentümlichkeit des Seins (Natur/Wahrheit) als Unverborgenheit und des Seyns als Verbergung und unbestimmte Möglichkeit des Seienden, die den ontischen Charakter des Seins geradezu aufbricht, immer mehr in Vergessenheit[13]

Wir werden demzufolge nicht fehl gehen zu sagen, Kernpunkt der Heideggerschen Philosophie ist die ontologische Differenz, die jenen Umstand bezeichnet, dass in der bisherigen Geschichte der Metaphysik die Frage nach der Wahrheit des Seyns vergessen wurde, da das Seyn fälschlicherweise zu einem Seienden transformiert wurde (als Untersuchungs-„Gegenstand“ der Metaphysik musste es durch diese notwendigerweise objektiviert werden) und es damit zu einer In-eins-setzung von Seyn und Seiendem gekommen sei. Diese In-eins-setzung bezeichnet er auch als Seynsvergessenheit. Mit der ontologischen Differenz will Heidegger das ursprüngliche Verhältnis von Seyn und Seiendem wiederherstellen, um so die Frage nach dem verloren gegangenen Sinn von Sein neu stellen zu können, indem er diesmal nicht, wie das europäische Denken vor ihm, das Seyn von außen (wodurch es zwangsläufig zu einem Seienden transformiert wird) analysiert, sondern indem er die traditionelle Metaphysik von innen heraus zu destruieren beabsichtigt.

Wir haben nun aus der Grundstellung Heideggers heraus die Entstehungsbedingungen der Geschichte des Nihilismus - in Rohform - aufzuklären versucht. Deutlich wird, dass die Fragen nach dem Wesen des Ursprungs und der Geschichte der abendländischen Seynsvergessenheit wesentlich sind, um das Phänomen des Nihilismus zu begreifen.[14] Denn der metaphysische Irrtum beruht, gemäß Heidegger, auf dem Glauben das im Licht der Vernunft erkannte und indes unverborgen gemachte Sein, wäre identisch mit der Erkenntnis der Wahrheit. Das (denkerisch notwendigerweise „verdinglichte“) Sein erkennen hieße folglich die Wahrheit erkennen. Die Rückführung des Nihilismus auf die Grundannahmen der Metaphysik - also dem Glauben daran die Wahrheit des Seyns mit den Mitteln des Denkens, auf dem Boden von Kausalität und Subjekt-Objekt-Spaltung, ergründen zu können - bedeutet demnach, dass die Metaphysik nicht die Realität des Seins im Blick hat, sondern eine Illusion, die, folgen wir Nietzsche, über die als unerträglich erlebte Realität des Lebens hinwegtäuscht.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich, folgen wir Heidegger, die metaphysische „Wahrheit“zum einen durch das Ergebnis einer erkenntnistheoretischen

Fehleinschätzung des Erscheinenden ergibt und zum anderen, folgen wir Nietzsche, das Resultat der Verdrängung der Gefahr des Nihilismus darstellt. Denn durch die Metaphysik haben sich die Menschen, so Nietzsche, aus einer von ihnen als unerträglich erfahrenen Welt geflüchtet. Sie haben sich eine fiktive und imaginäre Welt des ewig bleibenden und des wahren intelligiblen Seins erfunden, um sich vor der Wirklichkeit der ewigen Veränderung, die sie nicht ertragen können, zu schützen. Nietzsches aufregende Grundthese lautet unterdessen, dass der Intellekt primär überhaupt kein Instrument der Erkenntnis ist, sondern vielmehr ein Mittel zur Erhaltung des Individuums im Daseinskampf, der Intellekt sozusagen dazu dient die Illusion von Sinn zu generieren, da das Leben ohne Sinn unerträglich wäre.

Nietzsche entlarvt also das metaphysische Denken als Täuschung, als Lüge, als Gauklerspiel. Er konstatiert hierzu: „Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher ´Wahrheit´ hiess, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu ´verbessern´ als die List das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus (...). Der Begriff ´Gott´ erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, (...) Der Begriff ´Jenseits´, ´wahre Welt´ erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt“[15]. Nietzsche verweist im Anblick dieser „Ehrfurcht gebietenden Katastrophe einer zweitausendjährigen Katastrophe einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit“, nach Indien, wo sich, „in vollkommener Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend, dasselbe Ideal (die redliche Suche nach Wahrheit) zum gleichen Schlusse zwingend, der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte vor der europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha“[16] /[17]. Der Nihilismus bricht dem gemäß dann aus, wenn die Menschen erkennen, dass in den Prozessen der Natur und Geschichte nichts erreicht wird. Und wenn der geschichtliche Prozess kein (ontisches) Ziel hat, auf das er angelegt ist, dann bleibt nur der unendliche Prozess des ewigen Werdens übrig. In allem Sein (im Sein der Natur, der Geschichte, dem menschlichen Sein) gibt es nun kein auch nur imaginiertes Ziel, keinen auch nur vorgestellten Zweck mehr, der an sich „wahr“ und richtig ist. Diese „wahre Welt“, hellenistisch-christlich ausgelegt als übersinnliche Welt der Ideen, wird von Nietzsche als Symptom einer Geisteshaltung gelesen, in der sich das abendländische Menschentum der Natur des Lebens widersetzt und damit einen destruktiven, unheilvollen Widerstreit initiiert. Für Nietzsche ist es der unerbittliche Glaube an das Licht der reinen Vernunft, der im Laufe der Zeit das physische In-der-Welt-sein allmählich vergiftet, indem es die Lebewesen von sich selbst entfremdet und abspaltet, in einem „inneren“ Widerstreit zwischen dem als tatsächlich Erlebten und den metaphysischen Anschauungen eines denkenden Ego, was letztendlich in die nihilistische Selbstverneinung und Selbstverachtung führt.[18]

[...]


[1] Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 2, 3

[2] Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft. KSA 3. 481.

[3] Nietzsche: KSA 5. Zur Genealogie der Moral. 409f.

[4] Die Auseinandersetzung findet mit dem Theravada-Buddhismus statt. Diese Herausforderung ist für jüdisch-christlich Gläubige die zweifellos problematischere, da der Theravada-Buddhismus durchaus als atheistisch bezeichnet werden kann. In der Begegnung mit dem Mahayana-Buddhismus oder dem Hinduismus finden sich deutlichere Anknüpfungspunkte, indes die Vorstellungen von Götterwelten, von Schöpfer- und Erlösergottheiten gegenwärtig sind. Wer sich einer solchen Herausforderung stellt, muss den Geist einer inhaltlichen Toleranz kultivieren, einen Geist, der die echte Absolutheit des Glaubens nicht zugleich als Ausschließlichkeit deutet.

[5] Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 1, 12; KSA 12. Nachlass. 125

[6] KSA 1. Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. 875

[7] KSA 1. Ueber das Pathos der Wahrheit. 760

[8] Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 2, 9

[9] Vgl. Böhler: 1996. 23ff.

[10] Begriffe und Namen aus dem Alt-Griechischen werden folgend nur in der deutschen Übersetzung wiedergegeben.

[11] Vgl. Böhler: 1996. 23ff.

[12] Heidegger: Vom Wesen der Wahrheit, 175. In: Wegmarken. 1978. Zit. n. Böhler: 1996. 26

[13] Vgl. Böhler: 1996. 28ff.

[14] Es wird aufschlussreich sein uns mit diesen Fragen an die buddhistische Philosophie zu wenden, da die Sache selbst solch einen interkulturellen Dialog nahe legt. Die Besinnung auf den Buddhismus jedoch nicht, um in der Fremde zu bleiben, sondern um in ihr das Eigene besser erkennen zu lernen.

[15] KSA 6. Ecce homo 373f.

[16] KSA 5. Genealogie der Moral. 409. (In Klammern: Anmerkung des Autors)

[17] Es lässt sich hier eine deutliche Verweisungslinie hinein ins Zentrum der buddhistischen Lehre ziehen: Aus einem unerträglichen existentiellen Mangelgefühl heraus resultiert das Bedürfnis diesen Mangel, diese Leere, dieses Nichts, die Sinn- und Bedeutungslosigkeit des Seins mit Sinn, mit Wert, mit Wichtigkeit zu füllen. Getrieben von der Sehnsucht das existentielle Mangelerleben zu stillen, bedingen sich endgültig Bedürfniserfüllung versprechende Illusionen, die das Dasein erträglich machen, dem Leiden einen Sinn geben. So vollzieht sich, buddhistisch gesprochen, das Phänomen der Weltentstehung, so bedingt sich das Erleben von Ich und Welt.

[18] Die buddhistische Psychologie betrachtet diesen Widerstreit als grundlegend für die menschliche Existenz. Das Verhältnis zwischen Triebtendenz und (moralischer) Anschauung, die sich nicht selten und bisweilen in vehementem Widerspruch zueinander befinden, bedingen als „innerer“ Konflikt schmerzhaftes Erleben. Schließlich ist es die Summe der Tendenzen, die Hinneigung- und Abneigung bewirken und mithin das „Blendwerk“ Ich und Welt generieren. (raga – dosa – moha; Hinneigung – Abneigung - Blendung). (vgl. Debes: 1997. 889ff.)

Fernerhin gehen wir wohl nicht fehl, betrachten wir auch die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse als System, das diese Existenzbedingungen als Grundlage nimmt und hieraus das Modell von ES, ICH und Über-ICH ableitet. Die sich auf das seelische Wohlbefinden negativ auswirkende Abspaltungen und Verdrängungen entstehen aus dem Konflikt triebbedingten Begehrens (ES) einerseits und den Anforderungen des Über-ICH (gesellschaftliche Erwartungen, Ich-Ideale, Gewissen) andererseits.

Details

Seiten
38
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638586740
ISBN (Buch)
9783638672498
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67940
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Nihilismus Eine Krankheit Genealogie Denkens Anmerkungen Philosophie Wozu Gott Buddhistische Leidbewältigung Provokation Christentums

Autor

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Titel: Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysisch-christlichen Denkens und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie