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Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Historische Wurzeln

2. Von der Eugenik zur Euthanasie
2.1. Ein Buch, dass die Geschichte beeinflusst
2.2. Die Thesen von Binding und Hoche

3. Hitlers Machtergreifung
3.1. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses
3.2. Erste Euthanasiemaßnahmen

4. Alles beginnt mit dem 1. September 1939
4.1. Sterilisierungsstopp und Euthanasiebeginn
4.2. Die Vergasungen
4.3. Erste Widerstände

5. Die Fortführung der Euthanasie
5.1. Die Kindereuthanasie
5.2. Der angebliche Euthanasie-Stopp

6. Zukünftige Entwicklung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Da dieses Thema ein sehr heikles Thema ist, möchte ich nur kurz erklärend voranstellen, dass Euthanasie eigentlich ja Sterbehilfe heißt. Die Nationalsozialisten aber missbrauchten diesen Begriff zur Umschreibung der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Somit müsste ich im Text das Wort Euthanasie eigentlich immer in Anführungszeichen setzen. Das unterlasse ich aber der Einfachheit halber.

Desweiteren möchte ich voranstellen, dass ich in meiner Hausarbeit sehr viele Zitate benutzt habe. Die Gründe liegen sicherlich auf der Hand: Solche Grausamkeiten, die sich in dieser Zeit zugetragen haben, kann man einfach mit eigenen Worten nicht beschreiben.

Hohenmölsen, den 17.09.2001

Anja Schellenberg

1. Historische Wurzeln

Blickt man in der Geschichte weit zurück, so stößt man bereits in der Zeitrechnung vor Christi auf eine diskriminierende Behandlung Behinderter. Diese Diskriminierung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

In Mittelalter und Antike wurde die Tötung und Aussetzung von Missgestalteten und Behinderten stillschweigend geduldet. Bei den Griechen und Römern galten Schönheit, Sittlichkeit und körperliche Tüchtigkeit als Ideal. Hier hatten die Behinderten keinen Platz. Um nur einige Beispiele zu nennen, wurden missgebildete Kinder in den Brunnen geworfen, im Wochenbett erstickt, kastriert, den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen, verkauft oder in Sklaverei gegeben.

Sogar die Philosophen jener Zeit propagierten die Eliminierung Behinderter. Sokrates bezeichnete minderwertige Kinder als großes Übel, für Platon galt die Kindestötung als normal, Aristoteles war für Abtreibung und Seneca für die Aussetzung alter gebrechlicher Menschen.

Selbst Luther hielt verkrüppelte und missgebildete Kinder „für eine massa carnis (einen Fleischklumpen), sine anima (ohne Seele), an denen man das homicidium (den Menschenmord) wagen müsse, damit des Teufels Werk beseitigt würde.“ 1)

2. Von der Eugenik zur Euthanasie

2.1. Ein Buch, dass die Geschichte beeinflusst

Am 24.11.1859 erschien in London ein Buch, welches die Geschichte beeinflußte und später als Grundlage der Euthanasie diente. Es war das Buch „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“ von Charles Darwin.2) 3)

In diesem Buch geht es um die natürliche Auslese beim Kampf ums Dasein; die Tüchtigen überleben, solche, die sich nicht anpassen können, gehen zugrunde. Aber: Charles Darwin spricht hier von Pflanzen und Tieren!

Die Menschen, die später dann diese biologischen Thesen auf die Sozialgemeinschaft, also auf menschliche Verhältnisse übertrugen, werden Sozialdarwinisten genannt. Einer dieser Sozialdarwinisten ist der deutsche Zoologe Ernst Haeckel. Er übertrug 1868 den Kampf ums Dasein auf die Völkergeschichte und fügte in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ die künstliche Auslese hinzu, zu der unter anderem auch die Todesstrafe zähle, da sie dem Verbrecher verbiete, seine verbrecherischen Anlagen zu vererben.

Auch Friedrich Nietzsche wird oft von den Sozialdarwinisten zitiert.

Den großen Durchbruch der Auslese- und Vernichtungsideologie schafften aber erst 1920 zwei angesehene Wissenschaftler.

2.2. Die Thesen von Binding und Hoche

Im Jahre 1920 erschien die nur 62 Seiten umfassende Broschüre „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“. Verfasst wurde sie von dem Psychiater Alfred Erich Hoche und dem Juristen Karl Binding.

Sie propagierten in dieser Broschüre die Sterbehilfe bei Todkranken und die Tötung minderwertiger Kranker und Behinderter. Wenn ein qualvoller Tod bevorstehe, würde man einfach die Todesursache durch eine andere von der gleichen Wirkung austauschen. Diese wäre aber schmerzlos und „ ... keine ‚ Tötungshandlung im Rechtssinne’, sondern nur eine Abwandelung der schon unwiderruflich gesetzten Todesursache, deren Vernichtung nicht mehr gelingen kann: Es ist in Wahrheit eine reine Heilhandlung.“ 4)

Karl Binding unterscheidet in diesem Buch zwei Gruppen von Menschen, deren Leben vernichtet werden kann. Einmal sind das jene Personen, die infolge einer Krankheit oder Verwundung unrettbar verloren sind und den dringenden Wunsch nach Erlösung zu erkennen gegeben haben. Bei der anderen Gruppe handelt es sich um „unheilbar Blödsinnige“. Binding schreibt dazu:

Sie haben weder den Willen zu leben, noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müßte. Ihr Leben ist absolut zwecklos, aber sie empfinden es nicht als unerträglich. Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke - außer vielleicht im Gefühl der Mutter oder der treuen Pflegerin. Da sie großer Pflege bedürfen, geben sie Anlaß, daß ein Menschenberuf entsteht, der darin aufgeht, absolut lebensunwertes Leben für Jahre und Jahrzehnte zu fristen ... . Wieder finde ich weder vom rechtlichen, noch vom sozialen, noch vom sittlichen, noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund, die Tötung dieser Menschen, die das furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden und fast in jedem Entsetzen erwecken, der ihnen begegnet, freizugeben – natürlich nicht an Jedermann!“ 5)

Im zweiten Teil der Broschüre weist Alfred E. Hoche besonders auf die Belastungen hin. Die Behinderten würden dem Nationalvermögen nur Nahrungsmittel, Kleidung und Heizung entziehen. Sie wären absolut nutzlos. Dieser Gedanke wurde später oft von den Nationalsozialisten aufgegriffen.

Hoche prägte unter anderem die Begriffe „Ballastexistenzen“ oder „geistig Tote“, die er zur Beschreibung der Behinderten verwendete. Der bedeutsamste Begriff aber, den Binding und Hoche prägten, war der Ausdruck „lebensunwert“.

Das Werk von Binding und Hoche hatte in den 20er Jahren eine wachsende Wirkung auf die Bevölkerung. 1922 zum Beispiel veröffentlichte der Liegnitzer Stadtrat Borchardt in der „Deutschen Strafrechtszeitung“ einen Entwurf zum „Gesetz über die Freigabe der Tötung unheilbar Geistesschwacher“. Vor allem aber die Sterilisierung zur Rassenveredelung, Verbrechensbekämpfung und Verhinderung lebensunwerten Nachwuchses war ein großes Thema zu dieser Zeit.

Sogar Schreckensvisionen von der Machtergreifung der Minderwertigen wurden verbreitet. So veröffentlichte 1927 der Theologe Dr. Joseph Mayer in Freiburg das Buch „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker“. Darin schreibt er:

„Die Betrachtung unseres gegenwärtigen Anormalenelendes zeigte uns ein düsteres Bild. Aber der Ausblick in die Zukunft ist noch trüber. Die Anormalen vermehren sich so, daß Gefahr droht. Man rechnet bei ihnen mit einer doppelt so großen Fruchtbarkeit als bei den Normalen. Das ist ganz natürlich; denn während die Tüchtigen immer mehr, sei es mit oder ohne Schuld, die Schwangerschaften und Geburten einschränken, kennen die geistig und körperlich Minderwertigen weder moralische Hemmungen noch soziale Rücksichten, um ihren Geschlechtsverkehr zu regeln.“ 6)

[...]


1) Solarova, S., Geschichte der Sonderpädagogik, 1983, S. 231

2) Erbgesundheitslehre, griech. eugenes = wohl geboren

3) Sterbehilfe bei tödlichen Erkrankungen, griech. Ableitung vom „leichten Tod“

4) Klee, E., „Euthanasie“ im NS-Staat, 1999, S. 21.

5) Ebd., S. 22

6) Klee, E., Dokumente zur „Euthanasie“, 2001, S. 41

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638142809
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6786
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Euthanasie Zeit Nationalsozialismus Proseminar Entkrüppelung Rehabilitation Geschichte Sonderpädagogik

Autor

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Titel: Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus