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Die Ideologiekritik der kritischen Theorie und ihr Bezug zur Pädagogik

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die kritische Theorie der Gesellschaft
2.1. Grundannahmen
2.2. Die nachbürgerliche Kultur
2.3. Der autoritäre Sozialcharakter
2.4. Der totalitäre Kapitalismus
2.5. Die Ideologiekritik der kritischen Theorie

3. Horkheimer: Grundannahmen und Ideologiekritik
3.1. Die „Dialektik der Aufklärung“ als aufklärerische Ideologiekritik
3.2. Horkheimers Ideologiebegriff
3.3. Horkheimers Ideologiekritik
3.4. Kritik am ökonomischen Materialismus, Wissenssoziologie,
Liberalismus und Positivismus

4. Habermas: Die Überwindung von Horkheimers Standpunkten
4.1. Habermas` Ideologiekritik: „Technik und Wissenschaft als Ideologie“
4.2. Die „Theorie des kommunikativen Handelns“
4.3. Die Kritik an der „Dialektik der Aufklärung“

5. Die Bedeutung der Ideologiekritik der kritischen Theorie für die Pädagogik
5.1. Ideologiekritik und pädagogische Wissenschaft
5.2. Ideologiekritik und die pädagogische Praxis

6. Schlussbemerkung

Quellenangaben

1. Einleitung

Die kritische Theorie der Gesellschaft, die im Frankfurter Institut für Sozialforschung ihren institutionellen Rahmen fand, ist eine der bedeutendsten sozialphilosophischen Theorien des letzten Jahrhunderts. Diese Theorie soll hier zunächst in ihren Grundzügen dargestellt werden, bevor genauer auf die Ausprägungen der Theorie nach Horkheimer und Habermas eingegangen wird. Besonderes Augenmerk soll auf den Themenkomplex Ideologiekritik und ihre Bedeutung für die Pädagogik gelegt werden.

Die kritische Theorie der Gesellschaft wurde im Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelt, das 1924 in Frankfurt am Main gegründet wurde, um eine fächerübergreifende Sozialforschung zu etablieren. Diese Forschung orientierte sich stark an den Theorien von Karl Marx. Es sollte eine umfassende Gesellschaftstheorie entwickelt werden, v. a in bezug auf drei Themenkomplexe: die Analyse der Beziehung von materieller und geistiger Kultur, die Frage nach der Vermittlung von sozioökonomischen Strukturen und den sozialpsychologischen Dispositionen der Menschen und die politisch- ökonomische Problematik, z. B. die Frage nach Planwirtschaft oder Kapitalismus. In der späteren Ausprägung der Theorie wurde auch die abendländische Vernunfttradition Gegenstand der Kritik. Die kritische Theorie sah sowohl die Subjekte als auch die Objekte aller Wissenschaft als gesellschaftlich begründet an, was die Notwendigkeit der Reflexion ihrer Handlungs-bedingungen nach sich zieht. Dadurch grenzt sie sich von der traditionellen Theorie ab, die eine Trennung von wissenschaftlichem Objekt und dem betrachtenden Subjekt voraussetzt. (vgl. Dubiel 1988, S. 17- 22).

Im Folgenden soll besonders auf die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno eingegangen werden, wie auch auf Horkheimers Aufsatz „Ideologie und Handeln“. Hauptsächlich aus diesen beiden Quellen sollen die Grundlagen von Horkheimers Auffassung über Ideologiekritik herausgearbeitet werden, die dann mit Habermas` Positionen – vor allem bezogen auf seine Werke „Theorie des kommunikativen Handelns“ und „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ – verglichen werden.

2. Die kritische Theorie der Gesellschaft

2.1. Grundannahmen

Die kritische Theorie sieht sich als eine Theorie des totalitären Spätkapitalismus. Sie beruht auf der Grundannahme, dass die Bestimmungsmerkmale der liberalistischen Deutungsmuster historisch durch den Übergang zu einer totalitären Gesellschaftsordnung außer Kraft gesetzt wurden. Diese liberalistischen Deutungsmuster leben also nur noch als Bewusstseinsform weiter, der aber keine Entsprechung in der Gesellschaft zu Grunde liegt. Dadurch wurde die Weltanschauung des Liberalismus zur Ideologie. Der Liberalismus wird durch das Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaften im 19. Jahrhundert charakterisiert, das die Trennung von ökonomischer und politischer Sphäre, das Prinzip von Eigentum, „freier“ Arbeit und Tausch (von Gütern wie von Arbeitskraft), Gewaltenteilung und Repräsentativ-system sowie die Annahme der formalen Gleichheit aller Bürger einschloss. Der Wert des Individuums hing somit von seiner Leistung ab. Die kritische Theorie sieht sich als Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft, die – unter anderem - den Übergang von der späten Weimarer Republik zur totalen NS- Gesellschaft zu erklären versucht. In diesem Übergang wurden die liberalistischen Merkmale nach und nach abgeschafft. Der Spätkapitalismus wurde verstanden als totale Gesellschaftsform nach der Ära des liberalen Kapitalismus; durch seine totalitären Formen sollte sich der Kapitalismus in der Krise selbst stabilisieren. (vgl. Dubiel 1988, S. 23- 25).

2.2. Die nachbürgerliche Kultur

Um die nachbürgerliche Kultur zu erklären, stellte Horkheimer in Auseinandersetzung mit der marxistischen Theorie zunächst eine materialistische Theorie der Kultur auf, die sich auf die Weimarer Republik bezog. Sie besagt, dass die kulturellen Bewusstseinsformen von den ökonomischen Verhältnissen zwar abhängig sind, aber trotzdem einen gewissen Eigensinn besitzen. Er geht also von einem Verhältnis zwischen Basis und Überbau aus. Es muss eine Vermittlung zwischen diesen beiden Sphären geben, die durch das individuelle Bewusstsein geschieht. Es stellt sich also die Grundfrage, wie sich die ökonomischen Verhältnisse ins kollektive Bewusstsein umsetzen. Dies wird mit den Mitteln einer materialistisch reflektierten Sozialpsychologie zu erklären versucht. Es sollten also Fragestellungen der politischen Ökonomie mit der psychoanalytischen Sozialpsychologie verbunden werden. (vgl. Dubiel 1988, S. 25- 29).

Im NS- System hat sich jedoch das Verhältnis von der Basis zum Überbau - u. a. wegen der Abschaffung des bürgerlichen Individualismus durch die Führerideologie, die Monopolisierung der Wirtschaft und die Aufhebung einer relativ selbstständigen Sphäre der Kultur - verändert, wodurch die materialistische Theorie der Kultur ihre Grundlage verloren hat. (vgl. Dubiel 1988, S. 29f).

2.3. Der autoritäre Sozialcharakter

Nachdem die marxistische Revolution der Arbeiterklasse, für die alle theoretischen Kriterien erfüllt waren, in den 20er Jahren nicht stattgefunden hatte und statt dessen die Arbeiter für das nationalsozialistische Regime mobilisiert wurden, suchte der Kreis um Horkheimer hierfür eine sozialpsychologische Erklärung. Die Psychoanalyse Freunds wurde in die marxistische Theorie integriert. Erich Fromm stellte die Grundannahme auf, dass sich Freuds Theorie auch auf Gruppen anwenden lässt und sich Bewusstseinsformen von Klassen als Reaktionen auf unbewusste Triebreaktionen erklären lassen. Der Sozialcharakter der Klassen wird als abhängig von den klassenspezifischen Lebensverhältnissen gesehen. Er erklärte dies durch die gesellschaftliche Veränderbarkeit des Sexualtriebes, der zwar eine konstante Grundlage hat, sich aber nur in spezifischen gesellschaftlichen Formen äußert. Dies beeinflusst die Enstehung des individuellen Charakters und – wegen der gesellschaftlichen Beeinflussung – auch die Enstehung von klassenspezifischen Charakterprägungen. Fromm sieht den „proletarischen Sozialcharakter“ als geprägt durch ein solidarisches, ambivalenzfreies, liebendes Ich an, während dem „bürgerliche Sozialcharakter“ als typische Merkmale Sparsamkeit und Statusneid zugeschrieben werden. Durch eine Studie des Instituts für Sozialforschung über das Arbeiterbewusstsein unter der Leitung von Fromm wurde diese Annahme allerdings empirisch widerlegt, da 70% der Befragten ambivalente Charakterstrukturen aufwiesen und weder als autoritär noch als revolutionär eingestuft werden konnten. Dies wurde als Erklärung dafür gesehen, dass es in der Arbeiterklasse kaum Widerstand gegen das NS- Regime gab. (Dubiel 1988, S. 40- 46).

Ebenfalls in den Themenkomplex des autoritären Sozialcharakters fällt die Annahme der kritischen Theorie, dass v. a. im Faschismus der gesellschaftliche Zwang blind und kritiklos hingenommen werde. Adorno erklärte dies durch den Übergang von familiären Aufgaben auf die Gesellschaft, wodurch Formen gesellschaftlicher Autorität nicht mehr vermittelt durch den Vater, sondern unmittelbar auf das Kind trafen. Der gesellschaftliche Zwang wird also als unmittelbar erlebt und nicht mehr im Ich reflektiert, was zur Ich- Schwächung und zu Verschmelzungsbedürfnissen mit der gesellschaftlichen Macht führt. (vgl. Dubiel 1988, S. 47- 49).

Adorno u. a. untersuchte in den Studien zum autoritären Charakter, die im amerikanischen Exil entstanden, außerdem die persönlichkeitsstrukturellen Bedingungen für die Empfänglichkeit gegenüber faschistischer und rassistischer Propaganda. Der „faschistische Sozialcharakter“ wurde zum Thema. In der empirische Studie zeigten sich nach Adorno die Charaktermerkmale des „autoritären Charakters“, der durch Konventionalismus, autoritäre Unterwürfigkeit, Stereotypisierung, allgemeine Feindseligkeit, Machtdenken etc. gekennzeichnet ist. Als Gegensatz dazu sah die Forschergruppe den „demokratischen Charakter“, der Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz verinnerlicht hat. (vgl. Dubiel 1988, S. 54- 58).

2.4. Der totalitäre Kapitalismus

Anfang der 40er Jahre wurde der Nationalsozialismus am Institut für Sozialforschung umfassend untersucht. Die frühe kritische Theorie in den 30er Jahren interpretierte die Machtergreifung Hitlers nicht als historische Zäsur, sondern als Folge des Widerspruchs zwischen der nachliberalen, monopolkapitalistischen Wirtschaftsorganisation der Weimarer Republik und deren liberaler politischer Kultur. Dadurch entstand ein Spannungsverhältnis zwischen dem politischen Überbau und der ökonomischen Basis, das der Nationalsozialismus aufhob. Während der eine Teil des Instituts für Sozialforschung daran festhielt, dass auch im fortgeschrittenen kriegswirtschaftlichen Stadium der NS-Staat eine dem Monopolkapitalismus angemessene Form darstellte, waren Pollock, Horkheimer und Adorno der Meinung, dass sich der nationalsozialistische Staat zu einem neuen Ordnungstyp entwickelt und das Primat der Politik über die Wirtschaft wieder errichtet habe. (Dubiel 1988, S. 63- 69).

2.5. Die Ideologiekritik der kritische Theorie

Die Vertreter der kritischen Theorie der Gesellschaft kritisierten die „Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“ (Marcuse 1967, zitiert nach Salamun 1988, S. 99).

Hauptpunkte der Kritik waren die instrumentalistische Tendenz, Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen unter den Aspekt der Herrschaft und Kontrolle zu stellen, die Blindheit für den historischen Gesamtzusammenhang einer Gesellschaft, die Konformität gegenüber dem Bestehenden, die Tendenz zum Stabilisieren der gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse und das Ausgrenzen von Wertentscheidungen aus dem Bereich der Vernunft. Außerdem kritisierten sie ein Wissenschaftsverständnis, das sich selbst als wertfrei und unabhängig vom gesellschaftlichem Kontext ansieht, um so die Sensibilität für die technokratische Ideologie der Gesellschaft zu schärfen (s. a. Kap. 4.1.).

(vgl. Salamun 1988, S. 99- 100).

3. Horkheimer: Grundannahmen und Ideologiekritik

Max Horkheimer, 1895 in Stuttgart geboren, kann als einer Hauptautoren der kritischen Theorie gesehen werden. Er wurde 1930 Direktor des Instituts für Sozialforschung und emigrierte wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit 1934 in die USA, wohin auch das Institut im gleichen Jahr verlegt wurde. Dort schrieb er gemeinsam mit Adorno die „Dialektik der Aufklärung“. 1950 wurde das Institut in Frankfurt wieder eröffnet, zu dieser Zeit war Horkheimer auch Rektor der Universität Frankfurt. Er starb 1973 in der Schweiz. (vgl. Wiggershaus 1998, S. 9- 17, 124- 128).

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Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638605441
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67844
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1.3
Schlagworte
Ideologiekritik Theorie Bezug Pädagogik

Autor

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