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Samuel P. Huntingtons 'Kampf der Kulturen': Eine realistische Theorie?

Seminararbeit 2005 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Huntingtons konflikttheoretische Thesen
2.1. Ausbildung homogener Kulturkreise und kultureller Kampflinien
2.2. Der Islam und der Westen

3. Kritik an Huntingtons Thesen
3.1. Kulturelle Rückbesinnung und Ausbildung homogener Kulturkreise als Folge der
Modernisierung
3.2. Kulturelle Identität als Ursache ethnischer Konflikte
3.3. Der Konflikt zwischen dem Westen und einem homogenen islamischen Kulturkreis

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem 1993 in der Fachzeitschrift „Foreign Affairs“ veröffentlichten Artikel „The Clash of Civilizations?“ und in dem 1996 herausgegebenen Buch „The Clash of Civilizations“ (deutsch: „Kampf der Kulturen“) legte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington seine Thesen einer zukünftigen Neuordnung internationaler Politik dar, wie sie sich nach dem Kalten Krieg entwickeln würde. Demnach würden in Zukunft Konflikte kultureller natur sein, und nicht mehr politischer oder ideologischer. Er teilte die Welt in Kulturkreise ein und beschwor einen zentralen Konflikt zwischen der westlichen und der islamischen Welt.

Seine Vorstellungen stießen bisher in der Fachwelt und der Öffentlichkeit überwiegend auf Kritik, und wurden als Utopie eines zu pro-westlich und konservativ eingestellten Wissenschaftlers angesehen. Doch durch die Anschläge vom 11. September und der zunehmend anti-amerikanischen bzw. anti-westlichen Einstellung von Muslimen in der ganzen Welt, sowie die ständig wachsende Gefahr durch den „islamischen Terrorismus“ erfuhr Huntingtons Werk eine große Renaissance. In der Politikwissenschaft, der Bevölkerung, aber vor allem in den Medien wurde die Frage laut, ob die Prämissen Huntingtons, besonders seine Ansichten über eine islamische Bedrohung, nicht doch realistisch seien. Aus diesem Grund geht diese Hausarbeit der Frage nach, ob sich die konflikttheoretischen Thesen Samuel P. Huntingtons wirklich als eine realistische Theorie betrachtet werden kann.

Hierzu sollen zunächst in Kapitel 2 die konflikttheoretische Thesen Huntingtons rekonstruiert und erläutert werden. Aufgrund des Umfangs einer solchen Arbeit ist es jedoch nicht möglich das gesamte Konzept, welches Huntington in seinem Werk darlegt zu beschreiben. Aus diesem Grund beschränke ich mich auf die Darstellung einiger wichtiger Thesen, die für Huntingtons konflikttheoretische Annahmen essentiell sind. Kapitel 2.1. befasst sich mit Huntingtons Vorstellung einer Ausbildung homogener Kulturkreise und kultureller Kampflinien, sowie der sozio-ökonomischen Modernisierung des 20. Jahrhunderts als deren Ursache. Außerdem wird seine Einteilung der Welt in sieben unterschiedliche Kulturkreise vorgestellt.

In einem weiteren Schritt wird in Kapitel 2.2. spezifisch auf Huntingtons Darstellung eines homogenen islamischen Kulturkreises und dessen Konfrontation mit dem Westen als den größten und entscheidenden Konflikt der nahen Zukunft eingegangen. In Kapitel 3 werden anschließend diese Thesen kritisch betrachtet, und teilweise versucht zu widerlegen bzw. Fehleinschätzungen Huntingtons hervorzuheben.

Vor diesem Hintergrund dient Kapitel 3.1. der Kritik an der Prämisse die Ausbildung homogener Kulturkreise betreffend, sowie der Überlegung, die Modernisierung sei als deren Ursache zu betrachten. Kapitel 3.2. widmet sich anschließend der Kritik an Huntingtons Darlegung, die Ursache ethno-politischer liege in kulturellen Faktoren begründet, während danach Kapitel 3.3. versucht die These eines drohenden Konfliktes des Westens mit einem homogenen islamischen Kulturraumes zu widerlegen. In Kapitel 4 wird am Ende dieser Arbeit einige Schlussüberlegungen angestellt, und versucht die zentrale Fragestellung zu beantworten.

Grundlage hierfür sind u.a. die Werke Harald Müllers und Dieter Senghaas’, die beiden bekanntesten Huntington-Kritiker in Deutschland.

Es ist zu erwähnen, dass die meisten herangezogenen Autoren kaum Einblick in das empirische Material geben, auf das sie in ihren Argumentationen zurückgreifen. In der Literatur werden die gewonnen Erkenntnisse meist nur zusammengefasst. Aus diesem Grund kann an dieser Stelle kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden.

2. Huntingtons konflikttheoretische Thesen

2.1. Ausbildung homogener Kulturkreise und kultureller Kampflinien

Eine zentrale Aussage Huntingtons ist demnach, dass die Unterschiede zwischen Völkern nicht mehr politischer, ideologischer oder ökonomischer, sondern kultureller Natur seien (vgl. Huntington 1998: 21). Selbsterklärtes Ziel Huntingtons ist die Darstellung eines neuen Paradigmas, welches fundierte Aussagen über die künftige Weltpolitik ermöglicht, jedoch räumt er eine nachteilige Vereinfachung der Sachlage durch seine Vorgehensweise ein (vgl. Huntington 1998: 29). Seiner Vorstellung nach lassen sich die Grenzen bzw. Konfliktlinien der Welt nicht zwischen Staaten und Staatsbündnissen erkennen, sondern zwischen Kulturkreisen, deren Identifikationsmerkmale eine gemeinsame Herkunft, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und/oder Traditionen, vor allem aber eine gemeinsame Religion sind. Laut Huntington orientiere sich die gesamte globale Politik entlang sog. „kultureller Kampflinien“ (Huntington 1998: 193), selbst die unterschiedlichsten politischen Strömungen würden durch die jeweilige Kultur definiert. Hierdurch entschiede die kulturelle Identität über das Verhältnis zu anderen Staaten bzw. Organisationen. Bündnisfreiheit und neutrale Positionen wären, nach dieser These, keine Option mehr, woraus sich als Konsequenz, laut Huntington, ein rivalisierender und feindseliger Umgang zwischen Ländern, welche aus verschiedenen Kulturkreisen stammen, erkennen lässt (vgl. Huntington 1998: 193, 331 f.).

Huntington unterteilt die Welt in die folgenden, kontemporären Kulturkreise: den westlichen, den islamischen, den lateinamerikanischen, den sinischen, den japanischen, den afrikanischen, sowie den hinduistischen (vgl. Huntington 1998: 57 f., 246 ff.). Nach Huntington lassen sich die entscheidenden Gründe für die steigende Bedeutung einer Identifikation der Menschen mit einem Kulturkreis in der sozio-ökonomischen Modernisierung des 20. Jahrhunderts finden. Demnach kam es im Zuge dessen zu einer vermehrten Interaktion mit fremden Einflüssen und einer zunehmenden Zerstörung ursprünglicher Identitäten und Herrschaftssysteme, die meist vom westlichen Kulturkreis ausging. Als Folge dessen stieg, laut Huntington, das Bedürfnis nach einer neuen Quelle der Identität, wodurch es im besonderen Maße zu einem Widererstarken traditionell-religiöser, fundamentalistischer Strömungen sei, welchen Huntington eine potentielle politische Bedeutung beimisst (vgl. Huntington 1998: 144 f.). Allerdings setzt Huntington die Modernisierung nicht mit einer zwingenden Verwestlichung der Kulturen gleich. Er bezeichnet sogar die Berufung auf die eigenen kulturellen Werte der Menschen als ein Zeichen des Widerstands gegenüber westlicher Einflüsse (vgl. Huntington 1998: 154).

2.2. Der Islam und der Westen

Als die zentrale kulturelle Konfliktlinie der Zukunft sieht Huntington die Konfrontation des Westens mit dem islamischen Kulturkreis. Nach der westlichen Dominanz der Internationalen Politik im 20. Jahrhundert und einer, laut Huntington, auch zum Beginn des 21. Jahrhunderts prägenden Rolle, sei der Machtverlust des Westens, aufgrund eines moralischen Verfalls innerhalb des westlichen Kulturkreises, nur noch eine Frage der Zeit. Der Rückgang des Sozialkapitals und der Verlust fundamentaler Werte wie Bildung und Familie in der westlichen Welt, und die rasante demographische Entwicklung in den islamischen Ländern (nämlich ein stetiger Bevölkeungszuwachs), würden einerseits zu einem Niedergang der Westlichen Kultur führen, andererseits zu einem Bruchlinienkonflikt, den Huntington als „the West against the Rest“ (Huntington 1998: 291) bezeichnet (vgl. Huntington 1998: 500 ff.).

Dieses Konfliktpotential liegt, laut Huntington, aber hauptsächlich in der Renaissance der islamischen Religion als politische Kraft begründet. Da, seiner Meinung nach, die moslemische Kultur zu einer sekulären Gesellschaftsstruktur nicht fähig sei und die Ablehnung westlicher Einflüsse an Bedeutung gewinnt, käme es zu einer zunehmenden Islamisierung von Staaten im islamischen Kulturkreis. Diese „Resurgenz des Islam“ (Huntington 1998: 168) sieht Huntington als die größte Herausforderung für den Westen an.

Laut Huntington können diese beiden Kulturkreise bereits auf eine lange Geschichte der Konfrontation zurückblicken (vgl. Huntington 1998: 335 ff.). Als Beweis für eine Verstärkung des Konfliktes in der jüngeren Vergangenheit führt er den 2. Golfkrieg an (vgl. Huntington 1998: 403). Im Zuge dessen sei es zwar zu einer internationalen Koalition mit vielen westlichen und arabischen Staaten gekommen, jedoch habe er die Ressentiments der islamischen Länder gegenüber dem Westen verstärkt, bis schließlich der Krieg als ein westlicher Angriff auf den Islam selbst angesehen wurde (vgl. Huntington 1998: 408).

Laut Huntington ist ein, gegen den Westen gerichteter Zusammenschluss der islamischen Länder zu erwarten, welcher westliche Interessen und Einflüsse aufhalten soll. Dies, und ein, sich neu entwickelndes islamisches Selbstbewusstsein und eine zunehmende Radikalisierung religiöser Bewegungen führten zu einer allgemeinen Aufrüstung und schließlich zu einer Konfrontation (vgl. Huntington 1998: 387 Zur Bestätigung seiner These einer gesamtislamischen Bedrohung für den Westen spricht Huntington von den „blutigen Grenzen des Islam“ (Huntington 1998: 415). Der Islam sei, so Huntington, die Kultur, welche in den letzten Jahrzehnten am häufigsten in gewalttätige Konflikte involviert war. Es sei eine grundsätzlich gewalttätige, historisch belegbare Tendenz in der moslemischen Welt zu erkennen. Demnach sei nicht der Fundamentalismus das entscheidende Problem, sondern der Islam selbst (vgl. Huntington 1998: 415 ff.).

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Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638605427
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67838
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Samuel Huntingtons Kampf Kulturen Eine Theorie

Autor

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Titel: Samuel P. Huntingtons 'Kampf der Kulturen':  Eine realistische Theorie?