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Der Sieg Otto des Grossen auf dem Lechfeld 955 - ein Wendepunkt mit Bedeutung

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I Einleitung

II Die Situation im Reich am Vorabend des letzten Ungarneinfalls
1. Ottos Selbstverständnis
2. Herrschaftspraxis und inneren Krisen bereiten den Weg

III Die Schlacht auf dem Lechfeld am 10.08.
1. Riade ist vergessen - „gefürchtete“ militärische Überlegenheit der Heiden
2. Gott hilft und Widukind ist begeistert - Die Deutung und Interpretation der Ereignisse in den zeitgenössischen Quellen und heute

IV Otto I. schrieb seine Geschichte um – ein historischer Wendepunkt?
1. Religiöser Geltungsgewinn. Die Christianisierung konnte beginnen.
2. Befreiung vom Druck aus dem Osten. Eine neue Zeit bricht an
3. Der Ungarnsieg und die Kaiserkrone

V Zusammenfassung und Einschätzung

VI Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Etwa 10 km südlich von Augsburg zwischen den Flüssen Lech und Wertach befindet sich eine Heidelandschaft, die heute ein Militärflugplatz ziert. Gemeint ist das Lechfeld, welches als Schlachtfeld und Lagerplatz Eingang in die Geschichtsschreibung gefunden hat.

Es ist der Schauplatz, wo sich am 10. August des Jahres 955 das Heer der Ungarn und das unter Führung Otto des Grossen befindliche, aus vielen Teilen des Reiches bestehende Heer gegenüberstanden.[1] Otto entschied die Schlacht für sich und setzte damit unbestritten einen Meilenstein, der seinem weiteren Wirken nicht unwesentlich Vorschub geleistet hat.[2] „Ottos innenpolitische Lage wurde wie nie zuvor gesichert“[3] und er gerät in eine Situation höchsten Gottesgnadentums wenn nicht sogar in eine Ausgangsbedingung zum Empfang der Kaiserkrone 962[4].

Der ungünstige Stern, unter dem Ottos Politik und damit auch der militärische Erfolg stand und in welcher Weise sich die Kunde des Sieges als nützlicher Helfer erwies, werden u. a. im Zentrum meiner Betrachtungen stehen.

Bemerkenswert ist, dass dieser Entscheidung auch schon von Zeitgenossen eine höhere Beachtung zufiel als anderen Schlachten und Fehden, bildete doch „die Kriegerische Betätigung eines der Hauptfelder des Herrschertums“[5]. Dies wird deutlich, indem Chroniken und Annalen, die sonst nur in knappster Art berichten, durch den Zusatz „mit Gottes Hilfe“ eine beispiellose Verbindung eines Herrschers mit Gott herstellen, und Geschichtsschreiber wie Widukind von Korvei einen Stil entwickelten, der eine mythologisch religiöse Bildhaftigkeit erzeugt, wie schon Otto selbst die Kunde seines Sieges „durch das Walten der Kraft Gottes bewirkt“[6] sah und ein neues Selbstverständnis seiner Herrschaft verbreitete.

Der Korveier Mönch Widukind bietet mit seinem Hauptwerk, der Sachsengeschichte, eine Umfassende zeitgenössische Darstellung für die Regierung Ottos I. und ist neben dem Bischof Ulrich von Augsburg einer der beiden Hauptquellen zur Lechfeldschlacht 955. Er konnte, wie er selbst berichtet nur strictim et per partes[7] wiedergeben, er selektierte sozusagen das, was er für besonders wichtig empfand: Die Kämpfe gegen die Ungarn 933 und 955[8] nehmen einen beträchtlichen Teil in Der Sachsengeschichte ein und dominieren nicht nur in Quantität sondern enthalten auch Hinweise auf das Alte Testament und andere „parallele“ Begebenheiten.

Ist Widukind auch nicht allein geeignet, um den Hergang des Ereignisses vollständig zu rekonstruieren[9], so lässt sich doch nachvollziehen, wie die Ereignisse auf Widukinds Umfeld gewirkt haben, denn er bezog sein Wissen hauptsächlich aus mündlichen Berichten der oberen Kreise und von diversen Viten.[10]

Für die zeitgenössische Bedeutung der Schlacht schätze ich die Quelle Widukind sehr wertvoll ein, weil er und viele andere für die Gegenwart und Zukunft schrieben[11]. Man sollte bedenken, Widukinds Informationen stammen aus einem Milieu, in dem sich die Lechfeldschlacht und ihre Wertung schon manifestiert hat und über die die Grossen bzw. das Umfeld Ottos schon im Konsens stand. Aus diesem Zusammenhang ist zu erwarten, dass Widukind in seinem Werk bereits vom königlichen Umfeld akzeptierte „Tatsachen“ für die Nachwelt festhält und preist.[12] Es war schließlich davon auszugehen, dass die Schrift, wenn auch Mathilde gewidmet[13], von Otto gelesen werden würde.

So ist auch zu beantworten, auf welche Weise die Quelle zum Verständnis des Ottonischen Königtums beiträgt und ob mit dem Ungarnsieg eine neue Zeit anbricht.[14]

II. Die Situation im Reich am Vorabend des letzten Ungarneinfalls

1. Ottos Selbstverständnis

936 ging mit dem Tod Heinrich d. I. auch eine Herrschaftsphilosophie, die sich am besten mit den Worten „primus inter pares“[15] beschreiben lässt, zu ende. Schon bei seiner Krönung verzichtete Heinrich auf die Salbung, also die sakrale Legitimierung seiner Macht und praktizierte auch eine auf gegenseitigem Konsens und Gleichberechtigung mit den Grossen beruhenden Herrschaftsform. Der Adel genoss, wenn man so will, ein Verhältnis der amicitia und des Königs Funktion verwirklichte sich darin, unterschiedliche Interessen von Gruppierungen im Reich auszutarieren um den Frieden aufrecht zu erhalten. Dies geschah nach gültiger und allgemein anerkannter Gewohnheit durch Gesten und Riten wie der c lementia. Nun stellten Rituale in der Zeit der Ottonen ein wesentliches Element der Sichtbarmachung von Ranggefügen und Beziehungen in der adeligen Welt dar.

Unter diesem Aspekt ist das Krönungsmahl bzw. die gesamte Krönungszeremonie Otto I. zu deuten. Der physischen Unterordnung[16] der Grossen ging eine politische Unterwerfung einher. Damit spiegelte schon der erste Tag der Amtszeit des neuen Königs wieder, welchen Weg er einzuschlagen gewählt hatte: Das Streben die karolingische Tradition wieder aufzunehmen. Diesen Zusammenhang stützen Salbung – der sakralen Legitimation wegen[17] – und der Krönungsort Aachen. Dem Verständnis der Herrschaft als Auftrag Gottes wurde damit in Widukinds Res gestae saxonia der Grundstein gelegt. Somit wird das Bestreben des Königs auf die Erlangung des höchsten Gottesgnadentums abzielen[18], wahrscheinlich ist die Gewichtung viel stärker als wir es aus heutiger Sicht der Politik bewerten würden.[19]

2. Herrschaftspraxis und innere Krisen bereiten den Weg

Mit einer für das Verständnis der Zeitgenossen „eigenwilligen“ Personalpolitik unterstrich der Nachfolger von Heinrich seine Vorstellungen vom Königtum.

Nach der Tradition – und die war in dieser Zeit mehr Wert als alle Neuerungen – wurden Herzogsämter in die nächste Generation weitervererbt, ein Grund dafür ist die antiautoritäre Erziehung des Adels durch Heinrich I.. Denn auf diese Weise konnte sich ein Standesdenken bzw. eine innere Rangordnung manifestieren, die zu Ottos Zeiten mit geltendem Gewohnheitsrecht übereinkam.

Erst jetzt ist verständlich, warum es eine Welle der „Empörung“ über die ungewohnte Personalpolitik geben konnte, die in jedem Winkel – so scheint es – seine Anhänger fand, denn fast jede Adelsgruppierung war direkt oder indirekt betroffen.

So umging Otto zum Beispiel Wichmann, der mit ihm sogar verschwägert war, als er seinen jüngeren Bruder Hermann 936 zur Sicherung einer Grenzmark im Nordosten einsetzte.[20] Ähnlich erging es Ottos Halbbruder Thankmar im Elbe-Saale-Gebiet.

Otto trat, um mit den großen Fettnäpfchen fortzufahren, bei Eberhard von Franken als Richter über eine Anmaßung desselben auf und ließ sich zur Strafe von seinen princeps militum Hunde nach Magdeburg tragen. Dass Widukind sich trotz des Fehlverhaltens seiner Hauptperson für Otto Partei ergriff[21], hat den Grund, den „Helden“ in möglichst guten Licht zu präsentieren. Widukind war schließlich „ein Sachse mit Leib und Seele“[22]. Dennoch war es nicht üblich, auf den Kronvasallen Untergebene zuzugreifen, was Otto bzw. Widukind durchaus bewusst war und die Schmach dadurch abmilderte, indem er die Ausführenden in Magdeburg beschenkt hat.

Hier schlug Otto wiederholt an die Tafel, dass er Universalmacht beanspruchte. Das hatte Heinrich I. nie getan[23]. Es gibt weitere Beispiele[24] die hier aber zu keinen neuen Erkenntnissen beitragen würden.

Es ist deutlich geworden, wie Otto ohne den Konsens führender Adelskreise sich in eine abseitige Position beförderte. Die Folge waren Schwureinungen (coniuratio) gegen den König. An dieser Stelle erscheint die wirkliche Macht Heinrichs und Ottos in einem neuen Licht. Heinrich, der Anerkannte und Gelobte hatte nicht mehr Macht als sein Sohn, der seine Macht nur anders trägt. Die Wahrheit tritt erst zutage, wenn die gefühlte Macht, welche ja hinter dem Titel des Königs steht auf die Probe gestellt wird, indem Otto Macht tatsächlich ausübt. In den Anfangsjahren Ottos betraf es den Adel, weil er versuchte, „in Anknüpfung an die karolingische Herrschaftspraxis [...] die Position des Königtums gegenüber den Grossen wieder stärker zur Geltung zubringen.“[25]

[...]


[1] G. ALTHOFF S. 106

[2] ebd. 107

[3] J.K.KUNDERT S. 77

[4] G.ALTHOFF S. 109

[5] Hierzu auch ein Verweis auf die 3 Ständelehre des Mittelalterlichen Gesellschaft: Jeweils ein Teil der 3 Stände leistet den anderen in Gebet, Kampf oder Arbeit einen Dienst. Demnach waren Fehden und Kampfeshandlungen durchaus nicht unüblich, vergl. dazu SPRINGER 199

[6] L. WEINRICH S. 297

[7] Widukind v. Corvey S. 17 (Vorrede)

[8] H. KELLER, Machabaerorum pugnae. S. 417

[9] So ist Widukind z.B. nicht über die Belagerung von Augsburg vor der eigentlichen Schlacht auf dem Lechfeld informiert. Widukind gibt hier eine Genauigkeit des Ablaufes vor, die zwar wahrscheinlich von einem Augenzeuge stammen muss, jedoch auf tieferen Einblick in die Taktik und die geographischen Gegebenheiten kein Wissen hat. Beiträge werden zeitlich aus dem Zusammenhang gerissen und sind nicht vollständig. siehe dazu B: EBERL.

[10] J.K.KUNDERT S. 78

[11] H. KELLER, Ottonische Königsherrschaft. S. 101

[12] ebd. S. 99

[13] Widukind v. Corvey S. 17 (Vorrede)

[14] M. SPRINGER S. 199

[15] G. HARRTMANN S. 125

[16] Otto lässt sich zum Krönungsmahl von den Herzögen Bedienen, ein Ritual, wie es vorher nie da gewesen ist und stellt so die Hierarchie klar (das Ritual wurde extra zu diesem Anlass entworfen) die die Herrschaft des neuen Königs auszeichnet. ALTHOFF wie Anm. 1 S. 74

[17] „[...] ist er allein der nur durch Gott verantwortliche Repräsentant seines Volkes, gehalten zwar, den Rat seiner Grossen zu hören, nicht jedoch auch zu dessen Annahme stets verpflichtet.“ G. HARTMANN S. 125

[18] H. KELLER, Machaboeorum pugnae. S. 417

[19] G. ALTHOFF S. 247 „Doch gewiss verwandten Sie mehr Gedanken darauf, die Hilfe Gottes für ihre Herrschaft zu erlangen“

[20] G. ALTHOFF S. 79 f.

[21] Widukind v. Corvey II (7) S. 115 „Während er aber den König verdientermassen züchtigte [...]“

[22] J.K. KUNDERT S. 78

[23] Widukind v. Corvey I (39) S. 95

[24] G. ALTHOFF S. 80

[25] T. STRUVE, Art. „Otto I., der Grosse”

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638604420
ISBN (Buch)
9783638827010
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67655
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
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