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Maughams Theorie der Kurzgeschichte und ihre Umsetzung in "The Lotus Eater"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 13 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Zweck der Kurzgeschichte

3. Der Ich-Erzähler

4. Das Prinzip der Einfachheit und Klarheit

5. Die Bedeutung des Plots

6. Die exotische Kurzgeschichte

7. Schluss

8. Literaturangaben

1. Einleitung

William Somerset Maugham, welcher von 1874 bis 1965 lebte, war einer der erfolgreichsten

britischen Kurzgeschichten-Autoren (vgl. Göller & Hoffmann, 1973, S.19) und hat die Entwicklung dieser Gattung in England in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in starkem Maße beeinflusst ( vgl. Borgmeier, 2002, S. 389 ).

Seine Kurzgeschichten erinnern an mündlich erzählte Geschichten mit dramatischer Struktur, denen ein ausgeprägter Plot zugrunde liegt ( vgl. Borgmeier, 2002, S. 389 ). Sein handlungsbetontes Erzählen unterscheidet ihn von einigen anderen Repräsentanten der modernen Kurzgeschichten, wie Katherine Mansfield oder Virginia Woolf, die der äußeren Handlung weniger Wert als der Inneren beimaßen. Viele seiner Kurzgeschichten zeichnen sich dadurch aus, dass sie an exotischen Schauplätzen spielen, wie auch die in dieser Hausarbeit zu untersuchende Geschichte “The Lotus Eater“, die erstmals im Jahre 1935 erschien.

Somerset Maugham, hat nicht nur eine große Zahl an Kurzgeschichten verfasst, sondern auch viele Überlegungen zur Theorie der Kurzgeschichte angestellt. Seine Vorstellungen darüber, wie eine Kurzgeschichte zu sein hat, wurden von ihm präzise formuliert, an vielerlei Stellen schriftlich festgehalten und in seinen eigenen Kurzgeschichten zur Umsetzung gebracht.

Diese Arbeit möchte verschiedene Aspekte dieser theoretischen Überlegungen mit der Kurzgeschichte “The Lotus Eater“, in Verbindung bringen. Es soll um die Frage gehen, wie Somerset Maugham sein Konzept der Kurzgeschichte in diesem konkreten Fall umgesetzt hat. In Betracht gezogen werden Maughams Auffassung vom Zweck einer Kurzgeschichte, seine Präferenz der Einfachheit und Klarheit und die Vorteile, welche er in der Verwendung eines Ich-Erzählers sieht. Weiterhin befasst sich diese Arbeit mit Maughams Betonung der Bedeutsamkeit des Plots und des geradlinigen Erzählens, sowie mit seiner Vorliebe für exotische Geschichten.

2. Der Zweck der Kurzgeschichte

Der Zweck, den Autoren mit dem Verfassen von Kurzgeschichten nach Somerset Maugham erfüllen sollten, liegt in der Unterhaltung. „Das wahre Ziel des belletristischen Autors ist nicht zu belehren, sondern Vergnügen zu bereiten.“ ( Somerset Maugham,1954, S. 188 )

Der Autor solle Entertainment bieten und nicht versuchen, den Leser in seiner Meinung zu beeinflussen.

“I have never pretended to be anything but a story-teller. I have little patience with those writers who preach or philosophise. I think it much better to leave philosophy to the philosophers, and social reform to the social reformers.”

(Somerset Maugham, Creatures of Circumstance, 1947 )

Mit seiner Forderung nach Unterhaltung als einzigem Ziel der Kurzgeschichte missachtet Maugham all die Kurzgeschichten, welche mit einer anderen Zielsetzung verfasst wurden.

So kann neben der Unterhaltung beispielsweise auch die Anregung zum Nachdenken oder die Ausübung von Kritik im Vordergrund stehen. Es stellt sich zudem die Frage, ob es einem Autoren nicht gestattet sein sollte, gleichzeitig auch Philosoph oder Reformer zu sein. Auch ist eine Verbindung verschiedener Zielsetzungen denkbar, was wohl in den meisten Fällen geschieht. So hat z.B. die Kurzgeschichte „The Murder of the Mandarin“, welche aus dem Jahre 1907 stammt und von Arnold Bennett verfasst wurde, durchaus Unterhaltungscharakter kritisiert jedoch auch die viktorianische Gesellschaftsordnung.

Es stellt sich die Frage, ob William Somerset Maugham mit seiner Kurzgeschichte “The Lotus Eater“ nicht auch verschiedene Zielsetzungen verfolgte, welche ihm möglicherweise auch nicht bewusst waren. “The Lotus Eater“ ist zweifelsohne eine unterhaltsame Geschichte. Sie regt jedoch auch zum Nachdenken und Diskutieren über moralische Fragen an, wie z.B. „Ist Wilsons Entscheidung, nur für sein eigenes Glück zu leben, moralisch vertretbar?“ oder „Ist es überhaupt möglich, sein Glück im kompletten Nichtstun zu finden?“ Auch wenn der Erzähler vorgibt, dass er anders als Wilson handeln würde und Wilsons letzte sechs Lebensjahre sehr abschreckend verlaufen, ist keine direkt formulierte Moral vorhanden. Dennoch findet, meiner Ansicht nach, in gewissem Maße eine Belehrung des Lesers statt, da Wilson als Negativbeispiel angeführt, wenn auch nicht verurteilt wird.

3. Der Ich-Erzähler

Somerset Maugham führt in einem Vorwort einer Sammlung seiner Kurzgeschichten an, dass er sehr häufig von der literarischen Konvention der Verwendung eines Ich-Erzählers Gebrauch macht ( vgl. Somerset Maugham, 1951 ). Die Schaffung einer Figur, aus deren Sicht die Geschichte geschildert wird, hat nach Maugham, vor allem den Vorteil der Glaubwürdigkeit.

“Its object is of course to achieve credibility, for when someone tells you what he states happened to himself you are more likely to believe that he is telling the truth than when he tells you what happened to somebody else.”

(Somerset Maugham, Preface. In: Collected Short Stories Volume 2, 1951)

Zudem müssen nur die Ereignisse geschildert werden, die vom Ich-Erzähler beobachtet sein können. Der Leser erhält demnach teilweise nur lückenhafte Informationen und muss daher von seiner Phantasie Gebrauch machen.

“It has besides the merit from the story-teller`s point of view that he need only tell you what he knows for a fact and can leave to your imagination what he doesn`t or couldn`t know.”

(Somerset Maugham, Preface. In: Collected Short Stories Volume 2, 1951)

Über den Ich-Erzähler in “The Lotus Eater” erfahren wir nicht viel. Es wird gesagt, dass er seinen Urlaub auf Capri im Hause eines Freundes verbringt. Der Erzähler der Geschichte befindet sich in ähnlicher Position wie der Leser, da er nichtsahnend auf die Insel kommt.

Der Leser wird sozusagen mit auf eine Entdeckungsreise genommen. Der Ich-Erzähler kommt als Tourist zum ersten Mal nach Capri und beschreibt daher die Schönheit der Insel recht genau. “There is a terrace that overlooks the Bay of Naples, and when the sun sinks slowly into the sea the island of Ischia is silhouetted against a blaze of splendour. It is one of the most lovely sights in the world.” ( Somerset Maugham, The Lotus Eater, 1985, S.142)

Der Ich-Erzähler ist , wie der Leser auch, interessiert an Thomas Wilson und dessen Geschichte. Er scheint recht neugierig und wissbegierig zu sein. “That was why I was curious to meet Thomas Wilson.” ( Somerset Maugham, The Lotus Eater, 1985, S.142 )

Er hält sich meist mit Kommentaren und Wertungen zurück. “I did not say anything , but struck a match to light my cigar.” (Somerset Maugham, The Lotus Eater, 1985, S.151) “I did not reply and he went on.“ ( Somerset Maugham, The Lotus Eater, 1985, S.156 ) Somit entlockt er dem eher scheuen Thomas Wilson viele Details aus seinem Leben.

Mit seiner Zurückhaltung bietet er für viele verschiedene Arten von Lesern die Möglichkeit einer Identifikation.

Der Erzähler stellt sich dem Leser als ein Mensch dar, der eine gute Beobachtungsgabe und eine hohe Menschenkenntnis besitzt. Aus diesem Grunde ist seine Glaubwürdigkeit sehr hoch.

“From what I saw of him then and from what I heard from other people I made for myself what I think must have been a fairly accurate picture of the life he had led for the last fifteen years.” ( Somerset Maugham, The Lotus Eater, 1985, S.160 )

Die Geschehnisse der Zeit, in welcher der Ich-Erzähler nicht auf der Insel war, werden ihm rückblickend von seinem Freund erzählt. Auf diese Weise werden auch Ereignisse geschildert, bei denen der Erzähler nicht anwesend war.

4. Das Prinzip der Einfachheit und Klarheit

Maugham strebte als Schriftsteller das Prinzip der Klarheit an und hielt nicht viel von Autoren, die dem Leser große Anstrengungen abverlangen. “People often write obscurely because they have never taken the trouble to learn to write clearly.” ( Somerset Maugham, The Summing Up, 1946, S.22 ) Er warf anderen Schriftstellern vor, entweder nicht die Fähigkeit zum klaren Schreiben zu besitzen, oder die Bedeutung ihrer eigenen Texte nicht zu kennen.

“Another case of obscurity is that the writer is himself not quite sure of his meaning. He has a vague impression of what he wants to say, but has not, either from a lack of power or from laziness, exactly formulated it in his mind and it is natural enough that he should not find a precise expression for a confused idea.”

(Somerset Maugham, The Summing Up, 1946, S.22)

Neben der Klarheit spricht Maugham sich auch für das Prinzip der Einfachheit aus. “If you could write lucidly, simply, euphoniously and yet with liveliness you would write perfectly.“

( Somerset Maugham, The Summing Up, 1946, S.30 ) Er betont dabei, dass es für einen Autoren großer Anstrengung bedürfe, in einer einfachen Form zu schreiben: “But if richness needs gifts with which everyone is endowed, simplicity by no means comes by nature. To achieve it needs rigid discipline.” ( Somerset Maugham, The Summing Up, 1946, S.24 )

Maugams Befürworten eines einfachen und klaren Stils steht in engem Zusammenhang mit dem in Punkt 2 hervorgehobenen Zweck der Kurzgeschichte.

Da er davon ausgeht, dass das Lesen einer Kurzgeschichte vor allem das Vergnügen zum Ziel hat, soll der Leser nicht mit schwierigem Vokabular, langen, umständlichen Sätzen oder unklaren Inhalten überfordert werden.

Maughams Prinzipien der Einfachheit und Klarheit lassen sich auch in der Kurzgeschichte

“The Lotus Eater” wiederfinden. Er verwendet einfache, kurze Sätze, wie z.B.: „We sat in the garden.“ ( Seite 145) oder “I waited for him to go on.” ( Seite 149). Es sind zwar auch einige längere Satzkonstruktionen vorhanden, doch sind diese dennoch leicht verständlich, wie z.B.:

“Most people, the vast majority in fact, lead the lives that circumstances have thrust upon them, and though some repine, looking upon themselves as round pegs in square holes, and think that if things had been different they might have made a much better showing, the greater part accept their lot, if not with serenity, at all events with resignation.” ( Seite 141 )

“The Lotus Eater” zeichnet sich außerdem durch das Vorhandensein mündlicher Rede aus, welche einen großen Teil der Kurzgeschichte ausmacht. Die vielen Dialoge tragen zu dem von Maugham erwünschten Effekt der Lebendigkeit bei.

5. Die Bedeutung des Plots

Maugham ist der Auffassung, dass für einen Schriftsteller das Erzählen einer Geschichte im

Vordergrund stehen sollte. Er bemängelte an einigen Kurzgeschichten verschiedener Autoren

das Fehlen eines spannenden Plots. Löffler ( 1937 ) stellt heraus, dass Maugham für ein „handlungsbetontes Erzählen“ ( S.82 ) plädiere, ähnlich wie es auch Edgar Allen Poe forderte.

Die äußere Handlung ist für ihn entscheidend, während er der inneren Handlung, also der Konzentration auf emotionale Vorgänge, weniger Bedeutung zumisst, was häufig zu Kritik an seinen Kurzgeschichten führt. „Es geht Maugham vor allem um ein äußerlich interessantes Geschehen, dem häufig genug die Tiefendimension fehlt; (...)“ ( Göller & Hoffmann, Einleitung. In: Die englische Kurzgeschichte.1973, S. 19)

Maugham bevorzugt die Art von Geschichten, die bei einem Dinner erzählt werden kann und der eine Anekdote zugrunde liegt. Alles, was nicht für den Plot von Bedeutung ist, sollte. nach Maugham, ausgelassen werden.

“I saw the short story as a narrative of a single event, material or spiritual, to

which by the elimination of everything that was not essential to its elucidation a dramatic unity could be given. I had no fear of what is technically known as “the point”.”

(Somerset Maugham, The Summing Up, 1946, S.148)

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Details

Seiten
13
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638604369
ISBN (Buch)
9783638807005
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67648
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Anglistik
Note
2
Schlagworte
Maughams Theorie Kurzgeschichte Umsetzung Lotus Eater Modern English Short Stories From Hardy Maugham

Autor

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