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Theoretische Hintergründe und bedeutsame Aspekte zur Realisierung einer Aphasieselbsthilfegruppe

Bachelorarbeit 2007 117 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Selbsthilfegruppen
2.1 Definitionen
2.2 Ziele von Selbsthilfegruppen
2.3 Organisationsformen der Selbsthilfe in Deutschland
2.4 Förderung von Selbsthilfegruppen in Deutschland
2.5 Entwicklung und gegenwärtiger Stand von Selbsthilfegruppen in Deutschland
2.6 Entwicklung und gegenwärtiger Stand von Aphasie-Selbsthilfegruppen in Deutschland

3 Aphasie
3.1 Definitionen
3.2 Kurzer Überblick möglicher Interventionen bei Aphasie
3.2.1 Logopädische Einzeltherapie
3.2.2 Logopädische Gruppentherapie
3.2.3 Aphasie-Selbsthilfegruppen
3.2.4 Angehörigenberatung
3.3 Der Einfluss der Aphasie auf den Lebensalltag der von
3.3.1 Veränderung des Lebensalltags der von Aphasie
3.3.2 Depression – ein bedeutsamer Einflussfaktor ?
3.4 Auswirkungen der Aphasie auf das soziale Umfeld der Betroffenen

4 Grundlegende Aspekte für die inhaltliche Konzeption einer Aphasie-Selbsthilfegruppe
4.1 Aphasie-Selbsthilfegruppe mit professioneller logopädischer Anleitung - Widerspruch oder Chance?
4.2 Von der Idee bis zum Gründungstreffen – erste Schritte einer Aphasie-Selbsthilfegruppe
4.3 Möglichkeiten der Unterstützung für Aphasie-Selbsthilfegruppen
4.4 Gruppenzusammensetzung und Gruppenentwicklung
4.5 Kommunikation und Moderation in Aphasie-Selbsthilfegruppen

5 Resümee mit Ausblick

Literaturverzeichnis

Bezugsquellenverzeichnis für Broschüren und Informationen zur Selbsthilfe

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Glossar

Anhangverzeichnis

Vorwort

Mein fachliches Interesse in der Logopädie gilt dem Bereich der Aphasie. Während meines Aufbaustudiums an der Fachhochschule Oldenburg/ Ostfriesland/Wilhelmshaven zur Erlangung des Abschluss „Bachelor of Science, Logopädie“ habe ich die Schwerpunkte in dem genannten Bereich gewählt. Die von mir geschriebenen Hausarbeiten bezogen sich häufig auf die Diagnostik und Therapie von Aphasie, sowie Auswirkungen auf das Leben der von Aphasie Betroffenen.

Die Anfrage von Fr. Wolf, Leiterin des Aphasikerzentrums Weser-Ems in Lingen, im Mai 2006, ob es interessierte Logopäden und Logopädinnen gibt, welche in Emden eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen wollen, weckte sofort mein Interesse. Schon im Herbst 2005 wurde mir bei der logopädischen Versorgung eines von Aphasie betroffenen Menschen[1] und seiner Frau die Möglichkeit und Notwendigkeit der Aktivität und Kontaktmöglichkeiten in einer Aphasie-Selbsthilfegruppe für dieses Ehepaar klar. Aufgrund meines Berufs- und Studiumsbeginn und dem daraus folgenden Zeitmangel, verwarf ich meinen Gedanken, eigenständig eine solche Selbsthilfegruppe zu gründen wieder. Die Idee von Fr. Wolf begeisterte mich somit. Aus der Gründungsidee und der Umsetzung der Initiierung einer Aphasie-Selbsthilfegruppe in Emden gemeinsam mit meinem Kommilitonen Joachim Barthel, ergab sich der Wunsch, die Bachelorarbeit zu dem genannten Thema zu schreiben.

Die vorliegende Arbeit ist nun das Resultat oder vielmehr die Umsetzung des Wunsches über das vielfältige und interessante Thema der Selbsthilfe allgemein und ihren Bezug zur Aphasie zu schreiben.

Emden, im Dezember 2006 Mareike Pohlmann

1 Einleitung

„Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann schwer geholfen werden.“

- nach Hans. A. Pestalozzi-

Das ganze Leben ist eingebettet in Beziehungen zu den Mitmenschen. Die tägliche Kommunikation und Kontaktaufnahme geschieht häufig selbstverständlich, teilweise auch automatisiert. Erst wenn Störungen auftreten, wird diese Selbstverständlichkeit plötzlich in Frage gestellt.

Ein jeder individueller Lebenslauf ist durch unvorhergesehene Ereignisse gekennzeichnet, welche den Menschen, seine Umwelt und das weitere Leben in wesentlicher Art und Weise beeinflussen. Aus einem Ereignis wie einer Aphasie ergibt sich eine Vielzahl von Veränderungen des Alltags (Vornholt, 1993). Wenn die Sprache als Mittel der Kontaktaufnahme und Kommunikation plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht, führt dies für die Betroffenen häufig zu unvorhersehbaren Belastungen (Hunger, 2002).

Belastende Ereignisse, wie das Auftreten einer Aphasie und deren Folgen erfordern eine langwierige und häufig sehr schwierige Auseinandersetzung mit der Krankheit und ihren Folgen vom Betroffenen selbst und vor allem auch von den Angehörigen (Springer, 1993). Eine mögliche Form dieser Auseinandersetzung und der Problembewältigung bietet eine Aphasie-Selbsthilfegruppe. Dort ist es sowohl den Betroffenen, als auch den Angehörigen möglich, andere Menschen zu treffen, die ihre Gefühle, Sorgen und Ängste kennen und ebenso erleben bzw. erlebt haben.

Die Gruppe kann es ermöglichen, den steinigen Weg zurück in das völlig neu geordnete Leben zu ebnen (Griewe, 2006).

Die Unterstützung von professionellen Helfern in Selbsthilfegruppen[2], wie beispielsweise von Logopäden[3] in Aphasie-Selbsthilfegruppen, hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren als eigenständige, professionelle Tätigkeit herausgebildet. Diese Helfer haben sich vermehrt der Selbsthilfeunterstützung zugewandt und teilweise spezielle Angebote für die Gruppen entwickelt. Aufgrund mangelnder Standards zeigen sich jedoch immer wieder Probleme bezüglich klarer Vorgehensweisen, spezifischer Konzepte und eines klaren beruflichen Handlungsverständnisses (Balke & Thiel, 1991).

Der Stand der Selbsthilfe in Deutschland, im Besonderen im Bereich der Aphasie und das Verständnis über Aphasie und ihre Folgen, sowohl für Betroffene, als auch für die Angehörigen, sind wichtige Basiselemente für die professionelle, logopädische Unterstützung einer Aphasie-Selbsthilfegruppe. Unter Beachtung der dargestellten Aspekte haben sich zu den jeweiligen Gliederungsabschnitten der vorliegenden Arbeit unterschiedliche Fragestellungen ergeben.

Der erste Abschnitt der Arbeit (2. Selbsthilfegruppen) beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche theoretischen Hintergründe es zu Selbsthilfe gibt und wie die Entwicklung und der Stand dieser in Deutschland ist. Definitionen, Strukturen und Organisationsformen der Selbsthilfe werden aufgezeigt, um einen Überblick über das komplexe Geschehen zu gewinnen. Darstellungen werden erst auf den allgemeinen Stand der Selbsthilfegruppen in Deutschland und anschließend im Speziellen auf den Bereich der Aphasieselbsthilfe bezogen.

Der zweite Abschnitt der vorliegenden Arbeit (3. Aphasie) bezieht sich auf die Aphasie selbst. Er beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Aspekte für die Betrachtung des von Aphasie Betroffenen und seinen Angehörigen bezüglich eine Aphasieselbsthilfegruppe essentiell sind.

Es werden zu Beginn zusammenfassend die logopädischen Interventionsmöglichkeiten bei Aphasie dargestellt. Anschließend werden die Folgen der Aphasie bezüglich der Veränderung des Lebens sowohl aus der Sicht des Betroffenen, als auch der Sicht der Angehörigen aufgezeigt. Ein besonderer Schwerpunkt wird hier auf das Thema der Depression bei Aphasie gelegt.

Der dritte Abschnitt (4. Grundlegende Aspekte für die inhaltliche Konzeption einer Aphasie-Selbsthilfegruppe) bezieht sich auf die Fragestellung, welche Themen für die Realisierung eine Aphasie-Selbsthilfegruppe zu beachten sind.

Es geht um das Verschaffen eines Überblicks, welche grundlegenden Punkte für Gründungsideen oder auch die Durchführung eine Aphasie-Selbsthilfegruppe beachtet werden sollten. Die beiden in der Arbeit zuvor beschriebenen eher theoretischen Blöcke dienen dabei als Basis für diesen dritten Arbeitsabschnitt, welcher eher praxisorientiert ist.

Sowohl Unterstützungsmöglichkeiten, als auch gruppendynamische Prozesse und Moderationsaufgaben werden beleuchtet. Ein wichtiges Kapitel dieses Blocks ist die Auseinandersetzung mit dem Pro und Kontra der logopädischen und damit professionellen Anleitung der Aphasie-Selbsthilfegruppe.

Um einen runden Abschluss der vorliegenden Arbeit zu schaffen, sollen zum Schluss die wichtigsten Ergebnisse aus den drei Abschnitten, sowie eine kritische Reflexion dieser erfolgen. Zudem soll dem Leser ein möglicher Ausblick des Themas und seiner Inhalte gegeben werden (5. Resümee mit Ausblick).

2 Selbsthilfegruppen

2.1 Definitionen

Teilweise werden Definitionen und Ziele der Selbsthilfegruppen zusammen erwähnt und als ein Bereich dargestellt (DAG SHG, 1987).

Der Übersichtlichkeit halber werden die beiden Bereiche in der vorgelegten Arbeit jedoch getrennt erläutert.

Der Fachverband Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V. definiert Selbsthilfegruppen wie folgt:

„Selbsthilfegruppen sind freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder selber oder als Angehörige - betroffen sind.

Sie wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn erwirtschaften (…). In der regelmäßigen, oft wöchentlichen Gruppenarbeit betonen sie Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames Gespräch und gegenseitige Hilfe. Die Gruppe ist dabei ein Mittel, die äußere (soziale, gesellschaftliche) und die innere (persönliche, seelische) Isolation aufzuheben (…).

Selbsthilfegruppen werden nicht von professionellen Helfern geleitet; manche ziehen jedoch gelegentlich Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzu.“

(DAG SHG, 1987, S.5).

Dass es sich dabei um die gängige Definition handelt, zeigt das Zitieren genau dieser Erläuterung in aktuellen Fachzeitschriften und Artikeln (Gaber, 2005; Robert Koch – Institut, 2004; Trojan, 2004; DAG SHG, 2003;).

2.2 Ziele von Selbsthilfegruppen

Bei der Betrachtung der allgemeinen Ziele von Selbsthilfegruppen zeigen sich weitestgehende Übereinstimmungen in der Beschreibung.

Der Fachverband Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V. definiert neben dem Begriff Selbsthilfegruppen auch die Ziele und an wen sich diese richten:

„(…) Ihr Ziel ist eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches Umfeld (…). Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich vor allem auf ihre Mitglieder und nicht auf Außenstehende; darin unterscheiden sie sich von anderen Formen des Bürgerengagements.“ (DAG SHG, 1987, S.8).

So schreibt die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) in einer Selbsthilfe-Informationsbroschüre über die Ziele von Selbsthilfegruppen:

„Das Ziel einer Selbsthilfegruppe ist es, sich selbst und anderen zu helfen. Die Mitglieder tauschen ihre Erfahrungen (…) aus. Von großer Bedeutung ist die Weitergabe von Informationen.

Im Zentrum der Gruppe steht das offene und vertrauensvolle Gespräch über Frage und Probleme (…).“

(NAKOS, 2002, S. 3).

Auch der Leitfaden der DAG SHG zum Aufbau von Selbsthilfegruppen gibt unter anderem Ziele, wie das Kennenlernen anderer Betroffener, den Gedankenaustausch, das gemeinsame Aktivwerden, die Hilfe beim Lösen von Problemen und die Aufklärung, sowie Information an (DAG SHG, 2003).

Kroker und Runge (2004) schreiben, dass in Selbsthilfegruppen das Ziel einer wohnortnahen, ambulanten Betreuung im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe verfolgt wird.

Abschließend soll der wichtige Aspekt erwähnt werden, dass die Vielfalt der Selbsthilfegruppen in Deutschland sehr groß ist. Dadurch ist zu beachten, dass jede Gruppe neben den übergeordneten, bereits aufgezeigten Zielen, ihre eigenen, individuellen hat (DAG SHG, 2003).

2.3 Organisationsformen der Selbsthilfe in Deutschland

Die Selbsthilfelandschaft in Deutschland ist sowohl inhaltlich, als auch in ihrer Struktur sehr differenziert und vielfältig. Der vorliegende Abschnitt der Arbeit soll einen Überblick bezüglich der bundesweiten Selbsthilfe-Organisationsformen geben.

Für die etwa 70.000 - 100.000 bundesweiten Selbsthilfegruppen sind Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfekontaktstellen Ansprechpartner und Organisator (Robert Koch-Institut, 2004).

Im Januar 2000 wurde die Selbsthilfeförderung im Sozialgesetzbuch (SGB) gesetzlich geregelt. Laut §20, Abs. 4, SGBV wurden die gesetzlichen Krankenkassen zur Erarbeitung gemeinsamer Fördergrundsätze mit den maßgeblichen Spitzenorganisationen der Selbsthilfe verpflichtet (BKK Bundesverband, 2004; siehe auch Kapitel 2.4 Förderung von Selbsthilfegruppen in Deutschland).

Die genannten Spitzenorganisationen, die auch als „Vertreter der Selbsthilfe“ (Robert Koch-Institut, 2004, S. 9) bezeichnet werden, sind auf Bundesebene:

1. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V. (BAGH), welche mit dem DPWV zu den großen Dachverbänden der Patientenselbsthilfe zählt und ein Zusammenschluss von mehr als 105 Bundesverbänden chronisch kranker und behinderter Menschen ist. Hinzu kommen 14 Landesarbeitsgemeinschaften (LAGH), welche die Selbsthilfearbeit auf Landesebene koordinieren (Robert Koch-Institut, 2004).
2. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V. (DPWV), einer der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und
Träger von Institutionen aus unterschiedlichen sozialen Bereichen. Er hat auf Bundesebene 38 Selbsthilfeorganisationen im Forum chronisch kranker und behinderter Menschen zusammengeschlossen (ebd.).
3. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG), der Fachverband zur Selbsthilfeunterstützung auf Bundesebene. Er ist Vertreter der Spitzenorganisationen auf Bundesebene und fungiert in der Sparte der Selbsthilfekontaktstellen (ebd.).

Die drei aufgeführten Spitzenorganisationen bündeln die Interessen der Selbsthilfe auf Bundesebene und decken das Spektrum der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe in Deutschland umfassend ab. Sie wurden an der durch die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtenden Ausgestaltung der Fördergesetze beteiligt und agieren seither in der Position der Selbsthilfevertreter (Robert Koch-Institut, 2004).

Zum besseren Verständnis der im vorliegenden Text dargestellten komplexen Zusammenhänge soll die Abbildung 1: Die Strukturen der Selbsthilfe in Deutschland (Robert Koch-Institut, 2004) dienen, welche einen Überblick über die Selbsthilfeorganisationsformen in Deutschland liefert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Die Strukturen der Selbsthilfe in Deutschland

(Robert-Koch-Institut, 2004, S.11)

Zusammenfassend dargestellt zeigen sich an Selbsthilfeorganisationen auf Bundesebene 38 Selbsthilfeorganisationen „Chronisch kranker und behinderter Menschen“, zusammengeschlossen im DPWV, 105 Selbsthilfeorganisationen chronisch kranker und behinderter Menschen, die BAGH, sowie etwa 360 weiteren Selbsthilfeorganisationen.

Auf Landesebene gibt es neben den 14 Landesarbeitsgemeinschaften Hilfe für Behinderte (LAGH) eine unbekannte Zahl weiterer Selbsthilfeorganisationen (Robert Koch-Institut, 2004).

Neben den Selbsthilfeorganisationen nehmen die 270 existierenden Selbsthilfekontaktstellen eine bedeutende Rolle ein. Sie haben eine Wegweiser-Funktion für alle selbsthilfeinteressierten Bürgerinnen und Bürger (Robert Koch-Institut, 2004).

Die Selbsthilfekontaktstellen sind Einrichtungen mit hauptamtlichem Personal. Sie arbeiten themen-, bereichs- und indikationsgruppenübergreifend auf bundesweiter, lokaler und regionaler Ebene.

Ihre Aufgaben liegen beispielsweise in der Unterstützung von Selbsthilfegruppen bei Gründungs- und Organisationsfragen (Robert Koch-Institut, 2004).

Bezüglich der Selbsthilfekontaktstellen auf Bundesebene ist die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) neben der oben genannten Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG) ein wichtiger organisatorischer Anlaufpunkt. Die NAKOS arbeitet seit 1984 als Projekt der DAG SHG und hat ihren Sitz in Berlin (DAG SHG, 1987).

Auf Landesebene gibt es 15 Landesarbeitsgemeinschaften der Selbsthilfekontaktstellen (LAG KISS) und 3 Landesweite Koordinationsstellen (Robert Koch-Institut, 2004).

Die Selbsthilfegruppen sind vornehmlich auf lokaler Ebene, d.h. im jeweiligen Ort bzw. der jeweiligen Region tätig. Bei seltenen Erkrankungen ist jedoch auch hier eine Ausstrahlung ihrer Arbeit auf Landes- und Bundesebenen möglich (ebd.).

2.4 Förderung von Selbsthilfegruppen in Deutschland

Das Engagement in Selbsthilfegruppen ist motiviert durch die Hilfe für sich selbst und für andere. Trotz dieses freiwilligen Charakters der Selbsthilfe benötigt diese eine kontinuierliche Unterstützung von außen, um dauerhaft ihre vollständige Kraft entfalten zu können (Robert Koch-Institut, 2004).

Im Jahr 2000 wurden die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland verpflichtet, die Fördermöglichkeiten für Selbsthilfegruppen zu verbessern. Durch das Sozialgesetz § 20, Absatz 4, SGBV wurde aus der bisher freiwilligen Förderungsleistung der gesetzlichen Krankenversicherung eine Pflichtleistung (BKK Bundesverband, 2004).

Das seit 01.01.2004 gültige Gesetz lautet wie folgt:

„Die Krankenkasse soll Selbsthilfegruppen, -organisationen und –kontaktstellen fördern, die sich die Prävention oder die Rehabilitation von Versicherten bei einer der im Verzeichnis nach Satz 2 aufgeführten Krankheiten zum Ziel gesetzt haben.“

(§20, Abs. 4, Satz 1, SGBV).

„Die Spitzenverbände der Krankenkassen beschließen gemeinsam und einheitlich Grundsätze zu den Inhalten der Förderung der Selbsthilfe; eine über die Projektförderung hinausgehende Förderung der gesundheitsbezogenen Arbeit von Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen durch Zuschüsse ist möglich.“ (§20, Abs. 4, Satz 3, SGBV).

„Die Ausgaben der Krankenkasse für die Wahrnehmung ihrer Aufgaben nach Satz 1 sollen insgesamt im Jahr 2000 für jeden ihrer Versicherten einen Betrag von 0,51 Euro umfassen; sie sind in den Folgejahren entsprechend der prozentualen Veränderung der monatlichen Bezugsgröße nach §18 Abs. 1 des Vierten Buches anzupassen.“ (§20, Abs. 4, Satz 5, SGBV).

Die Gesetzgeber gaben damit der Förderung der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe einen neuen Stellenwert (BKK Bundesverband, 2004). Aus dem „Fördern können“ wurde 2000 ein „Fördern sollen“ für die gesetzlichen Krankenkassen. Dadurch stieg der Anteil des Förderspektrums der Selbsthilfe der gesetzlichen Krankenkassen von 0,3% (1997) auf rund 18% (2004) (Schilling, 2006).

Eine weitere direkte Bereitstellung von Fördermitteln ist ebenfalls durch die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit (BfA) und die Renteversicherungsträger gesetzlich nach § 31, Absatz 1, Satz 1, Nummer 5 im Sozialgesetzbuch VI geregelt (Robert Koch-Institut, 2004):

„Als sonstige Leistungen zur Teilhabe können erbracht werden:

(…) 5. Zuwendung für Einrichtungen die auf dem Gebiet der Rehabilitation forschen oder die Rehabilitation fördern.“

(§31, Absatz 1, Satz 1, Nummer 5, SGB VI).

Jedoch nimmt die gesetzliche Rentenversicherung und die Bundesanstalt für Arbeit mit den Anteilen von unter 1% nur noch einen kleinen und unbedeutsamen Anteil innerhalb der Selbsthilfeförderung ein (Schilling, 2006).

Die Selbsthilfeförderung der öffentlichen Hand ist keine gesetzliche festgeschriebene Pflichtaufgabe, sondern fällt in den Bereich der Freiwilligen Leistungen. Auf Bundesebene erfolgt eine Förderung vornehmlich durch das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Robert Koch- Institut, 2004).

Die Fördersituation in den einzelnen Bundesländern ist sehr unterschiedlich und schwankend und zeigt leicht rückläufige Zahlen. So wurden 2001 insgesamt 14,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, 2003 waren es nur noch knapp 13 Millionen Euro (Robert Koch-Institut, 2004).

Der Anteil der Fördermittel der privaten Geldgeber, wie Spenden, Sponsoren und Stiftungen hat sich im Vergleich zu 1997 mit rund 24% auf rund 11% im Jahr 2004 mehr als halbiert und ist somit drastisch gesunken (Schilling, 2006).

Ergebnisse einer vom NAKOS durchgeführten Recherche aus dem Jahr 2004 zeigen, dass sich knapp die Hälfte der bundesweiten Selbsthilfeorganisationen und ihnen angeschlossene Selbsthilfegruppen durch Eigenmittel finanzieren. Der prozentuale Anteil der Eigenmittel betrug 2004 46% (Schilling, 2006; Robert Koch-Institut, 2004).

Fazit

Selbsthilfezusammenschlüsse liefern für ihre Mitglieder und andere von Krankheiten betroffene Menschen einen eigenständigen, professionell nicht ersetzbaren Beitrag zur Krankheitsbewältigung und Gesundheitsförderung (Trojan, 2004).

Die dargestellten Ergebnisse zeigen durch den hohen Anteil an Eigenmitteln in der Selbsthilfeförderung, dass das Unterstützungspotenzial im Gesundheitswesen von Selbsthilfe und Laienarbeit noch nicht ausreichend ausgeschöpft und honoriert wird.

2.5 Entwicklung und gegenwärtiger Stand von Selbsthilfegruppen in Deutschland

Bundesweit ist derzeit von etwa 70.000 - 100.000 Selbsthilfegruppen auszugehen, in denen gut 3 Millionen Menschen organisiert sind. Dies entspricht in etwa 5% der Erwachsenenbevölkerung (Trojan, Amhof, Böcken & Nickel, 2006; Robert Koch-Institut 2004; DAG SHG, 2003; Lippert-Grüner & Terhaag, 2001).

Doch wie sah die Selbsthilfe noch vor 200 Jahren aus? Bei allen frühen Formen von Selbsthilfegruppen findet man andere Inhalte und Funktionen als bei den heutigen Selbsthilfegruppen. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert entstanden in den Ländern der frühen Industrialisierung, so auch in Deutschland, die so genannten „Freundlichen Gewerkschaften“ (Vornholt, 1993, S. 122). Ihnen schlossen sich insbesondere Arbeiter und Notleidende an. Als Beginn der Selbsthilfe im Gesundheitswesen werden 1935 in den USA der Börsenmakler Bill Wilson und der Chirurg Bob Smith gesehen, welche die Anonymen Alkoholiker (AA) ins Leben riefen (Vornholt, 1993).

Mit Beginn der 70er Jahre fand vor allem in den USA eine Expansion der Selbsthilfegruppen statt. Dies setzte eine regelrechte Selbsthilfegruppenbewegung in Gang, die sich gegen Ende der 70er Jahre bis nach Europa und so auch nach Deutschland hin fortpflanzte (ebd.).

In den folgenden etwa 20 Jahren begann sich die Selbsthilfegruppenbewegung langsam in Deutschland zu verbreiten und kontinuierlich einen Namen zu machen (ebd.).

In den vergangenen Jahren ist die Selbsthilfe zu einem wichtigen Bestandteil im System gesundheitlicher Versorgung herangewachsen. Sie leistet mittlerweile einen eigenständigen Beitrag zur Gesunderhaltung und Problembewältigung für chronisch Kranke, Behinderte und Menschen mit psychosozialen Problemen (Gaber & Hundertmark-Mayser, 2005).

Auch Lippert-Grüner & Terhaag (2001) sind der Meinung, dass krankheits- und behinderungsbezogene Selbsthilfegruppen als wichtiger Bestandteil bei chronischen Krankheiten und/oder psychosozialen Lebensproblemen zu sehen sind.

Im Rahmen des ersten telefonischen Gesundheitssurveys des Robert-Koch-Instituts erfolgte von September 2002 bis März 2003 eine Studie zum Thema „Gesundheitsbezogene Selbsthilfe-Beteiligung und Informiertheit in Deutschland“. Die Studie wurde anhand telefonischer Befragung einer Stichprobe der erwachsenen, deutschsprachigen Wohnbevölkerung durchgeführt (Gaber & Hundertmark-Mayser, 2005).

Die Studienergebnisse zeigen, dass 8,9% der Befragten angaben, schon einmal an einer gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppe teilgenommen zu haben. Ein gutes Zehntel, nämlich 13% haben sich schon über Selbsthilfegruppen informiert, aber bisher noch nicht beteiligt (ebd.).

Der Vergleich mit Ergebnissen aus den 80er Jahren lässt deutlich werden, dass sich der Anteil der Bevölkerung, der über Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen berichten kann, deutlich erhöht hat. 1981 hatten nach einer repräsentativen Haushaltsbefragung in Bielefeld nur etwa 3,3% Erfahrungen mit Selbsthilfe, 2003 waren es 8,9% (ebd.).

In einer Studie von Trojan, Amhof, Böcken & Nickel wurde im Jahr 2006 mithilfe ausgewählter Daten des Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung anhand von 1539 Personen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren die Frage untersucht, welche sozialen Merkmale die Teilnahme an Selbsthilfezusammenschlüssen beeinflussen.

Die Studie ging vor allem der Frage nach der so genannten Verteiligungsgerechtigkeit nach. Dieser Begriff meint, dass eine Mittel- bzw. Oberschichtüberrepräsentation in Selbsthilfegruppen vermutet wurde. So würden vor allem jene von der Selbsthilfeförderung profitieren, deren materielle Ausstattung ohnehin besser ist (Trojan et al, 2006).

Die Ergebnisse zeigen, dass die Verteilung der Sozialschichten nicht einheitlich ist. Es fallen Unterschiede zwischen ländlichen Gegenden und Großstädten auf. Zusammengefasst zeigt sich jedoch, dass die Teilnahmeerfahrung im Lebenslauf an Selbsthilfegruppen erstaunlicher Weise den höchsten Prozentsatz (14,4%) in der Unterschicht, 10,4% in der Oberschicht und den geringsten Prozentsatz (8,5%) in der Mittelschicht hat (ebd.).

So konnte die Hypothese einer möglichen Überrepräsentation der Mittel- und Oberschicht in dieser Studie nicht bestätigt werden.

Gaber & Hundertmark-Mayser (2005) kommen in ihrer Studie zu anderen Ergebnissen. Sie betrachteten zudem den Unterschied zwischen Männern und Frauen bezüglich der Teilnahmeerfahrung an Selbsthilfegruppen. In der Unterschicht waren es 7,7% der Frauen und 6,1% der Männer, in der Mittelschicht 10,4% der Frauen und 7,5% der Männer und in der Oberschicht 11,1% der Frauen und 8,8% der Männer die Teilnahmeerfahrungen hatten. Laut dieser Studie von 2005 zeigt sich, dass die Anteile derer mit Teilnahmeerfahrung bei Zugehörigkeit zu einer höheren Sozialschicht größer sind.

Bezüglich der Informiertheit zeigt sich, dass 25,7% der Frauen und 17,6% der Männer über Selbsthilfegruppen informiert sind. Im Hinblick auf die Beteiligung wird erkenntlich, dass mit 5% der Anteil derer, die sich wegen ihrer eigenen Gesundheit engagieren bei Männern und Frauen gleich hoch ist. Der Anteil derer, die dies wegen der Gesundheit anderer taten ist bei Frauen mit 5,4% im Vergleich zu 3,1% bei den Männern wesentlich höher (Gaber & Hundertmark-Mayser, 2005).

Zusammenfassend stellen Gaber und Hundertmark-Mayser (2005) fest, dass das Selbsthilfeengagement bei Männern offensichtlich enger mit der eigenen Betroffenheit zusammenhängt als bei Frauen.

Bezüglich der Leitungspositionen zeigen Bartjes & Knab (2005) in einem Erfahrungsbericht, dass Männer häufiger als Frauen die Führungspositionen in Selbsthilfegruppen übernehmen. Dieser Feststellung steht jedoch der Fakt gegenüber, dass Frauen sich wesentlich stärker in Selbsthilfegruppen engagieren und auch mehr Interesse an potentiellem Engagement als Männer zeigen (Robert Koch-Institut, 2004).

Die Dauer der Teilnahme an Selbsthilfegruppen variiert: Insgesamt haben die meisten Befragten entweder nur einige Male (31,6%) oder mehr als zwei Jahre (29,3%) eine Selbsthilfegruppe besucht (Trojan et al, 2006).

Die Tätigkeitsbereiche der Selbsthilfegruppen sind unterschiedlich. Am häufigsten werden mit 21,6% aller Selbsthilfegruppen jene für psychische Belastungen, Störungen und Krankheiten wie Ängste, Depressionen und Essstörungen besucht. Es folgen Abhängigkeits- und Suchterkrankungen (17,9%), sowie Behinderungen, orthopädische und neurologische Erkrankungen (14,9%) (ebd.).

Das Robert- Koch-Institut (2004) bestätigt, dass die Anzahl an Selbsthilfegruppen stetig steigt und steigen wird. Dies lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen, z.B. auf die Zunahme von chronischen und psychischen Erkrankungen, sowie Veränderungen familiärer Bindungen und Strukturen.

Die aufgeführten Daten zur Entwicklung und dem Stand der Selbsthilfegruppen in Deutschland zeigen, dass die Selbsthilfe einen wichtigen Bestandteil im gesundheitlichen Versorgungssystem in Deutschland aufzeigt, welcher nicht mehr wegzudenken ist.

2.6 Entwicklung und gegenwärtiger Stand von Aphasie-Selbsthilfegruppen in Deutschland

Die Recherche zur Entwicklung der Aphasie-Selbsthilfegruppen in Deutschland hat ergeben, dass es nur wenige Daten zu diesem Themenbereich gibt.

Aufgrund der lückenhaften Datenmenge hat dieses Kapitel den Inhaltsschwerpunkt der Darstellung des gegenwärtigen Standes der Aphasie-Selbsthilfe.

1978 entstanden die Aphasiker-Selbsthilfegruppen aus dem zum selbigen Zeitpunkt gegründeten Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V. (BRA) (Vornholt, 1993). Er gilt heute als wichtigstes Instrument der Interessenvertretung der Aphasiker deutschlandweit. Unter seinem Dach sind 14 Landesverbände zusammengeschlossen. Er vertritt bundesweit 251 Aphasie-Selbsthilfegruppen, ca. 4.500 Mitglieder und 400.000 Betroffene sowie Angehörige (Kroker & Runge, 2004).

Als das „Herzstück des BRA“ (Kroker & Runge, 2004, S. 27) werden die zahlreichen Aphasie-Selbsthilfegruppen (ASHG) genannt.

Der Verband sieht es als seine vorrangige Aufgabe die in Deutschland lebenden Aphasiker und deren Angehörige in Fragen der medizinischen, beruflichen und sozialen Rehabilitation zu beraten und zu unterstützen (Vornholt, 1993).

Auch die Vernetzung mit anderen Organisationen ist einer der Schwerpunkte des Verbandes. Er arbeitet neben den ASHG auch mit Selbsthilfekontaktstellen, sowie Bundes- und Landesverbänden eng zusammen (BRA, 2001).

Die Strukturen des BRA sind so aufgebaut, dass alle 16 Bundesländer durch den jeweiligen Länderrat vertreten werden. Dieser kann in Versammlungen mit Mitgliedern, Vorstand und Geschäftsführung, aber auch nur mit jeweils einem dieser Gremien, Vereinbarungen oder Beschlüsse treffen (Kroker & Runge, 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Aufbau und Struktur des BRA (Kroker&Runge, 2004, S. 28)

Die Zuordnung der Aphasie-Selbsthilfegruppen in das Gesamtbild der in Deutschland vorhandenen Selbsthilfegruppenbereiche erfolgt unterschiedlich. Vornholt (1993) empfiehlt eine Zuordnung in die Sparte der Medizinischen- bzw. Gesundheits-Selbsthilfegruppen. Das Robert-Koch-Institut (2004) nimmt eine genauere Einteilung vor und würde sie in den Bereich der Selbsthilfegruppen für Menschen mit Hirnschädigungen oder den Bereich der Menschen mit Seh- und Sprachbehinderungen einteilen.

Die gegenwärtige Qualität und Organisationsstruktur der Aphasie-Selbsthilfegruppen wurde 2003 im Rahmen einer Fragebogenumfrage des BRA ermittelt. Es nahmen bundesweit 44 Gruppen aus fünf Bundesländern daran teil. Die Ergebnisse zeigen folgendes:

Die durchschnittliche Größe einer Aphasieselbsthilfegruppe liegt bei 29 Personen. Etwas über die Hälfte (55%) sind Betroffene, dabei überwiegend Männer. Jede dritte Person (34%) ist ein Angehöriger. In 60% der Fälle werden die Selbsthilfegruppen von Betroffenen geleitet. In vielen Fällen ist jedoch ein Angehöriger oder ein Fachmann bei der Leitung behilflich. 77% der Gruppen treffen sich einmal pro Monat für 2 Stunden, je 20% in einem Raum der Kommune oder einem Raum eines Rehabilitationszentrums oder Krankenhauses. Das Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren. Die älteste existierende Aphasiegruppe ist 25 Jahre, die Jüngste erst wenige Wochen alt (Kroker & Runge, 2004).

Die Aphasie-Selbsthilfebewegung und damit auch die Aphasie-Selbsthilfegruppen sind mit dem Dachverband BRA mittlerweile zu einem großen Netzwerk mit zahlreichen Aufgabenfeldern formiert. Sie bietet nicht nur Betroffenen und Angehörigen, sondern auch Fachleuten eine große Informations- und Arbeitsplattform (ebd.).

3 Aphasie

3.1 Definitionen

Es gibt viele verschiedene Definitionen von Aphasie. Brookshire (1983) äußert sich zu dem Problem wie folgt:

„Wenn wir ein halbes Dutzend Experten nach ihrer Meinung fragen würden, erhielten wir wahrscheinlich ein halbes Dutzend Definitionen. So scheint eine allgemein gültige Definition der Aphasie ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.“ (Brookshire, 1983, S. 28).

Zwei aktuelle, mögliche Definitionen für Aphasie sind:

„Aphasien sind erworbene Sprach- und Kommunikationsstörungen, die als Folge einer Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) auftreten. Geschädigt wird das

sog. Sprachzentrum mit den Sprachfunktionen des Gehirns. (…).

Die aphasischen Störungen zeigen sich in allen sprachlichen Modalitäten, also beim Sprechen und Verstehen, Lesen und Schreiben. Sie betreffen alle Ebenen der sprachlichen Verarbeitung, nämlich Wortschatz, Satzbau und Lautstrukturen. Bei rund 2/3 der Patienten ist der Besserungsverlauf langsam und führt zu einer anhaltenden Behinderung der Kommunikation. Die Häufigkeit von Aphasien liegt bei 1-2 Promille der Bevölkerung.“

(Huber, Poeck & Springer, 2006, S. 7).

„Aphasie: Zentrale Sprachstörung nach (weitestgehend) abgeschlossener Sprachentwicklung (…). Eine Aphasie kann in unterschiedlicher Ausprägung auftreten und verschiedene Komponenten des Sprachsystems (Phonologie, Syntax, Lexikon, Semantik) betreffen; sprachabhängige Leistungen wie Lesen, Schreiben und Rechnen können beeinträchtigt sein (…).“

(Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 2002, S.102).

Bei der Betrachtung beider Definitionen wird deutlich, dass die Sichtweise aphasischer Störungen weitestgehend auf formalen Aspekten beruht. Der Aspekt des Sprachverlustes als Kommunikationsstörung tritt nur in der aktuellen Betrachtung von Huber, Poeck & Springer (2006) in den Vordergrund.

3.2 Kurzer Überblick möglicher Interventionen bei Aphasie

Der Überblick der logopädischen Interventionsmöglichkeiten, welcher in diesem Kapitel aufgezeigt werden soll, hat nicht den Anspruch der vollständigen, umfassenden Betrachtung. Er dient einer kurzen Einführung in die Thematik, auf die weitere Teile der Arbeit aufbauen werden.

3.2.1 Logopädische Einzeltherapie

Die Leitlinien für die Therapie von Patienten mit erworbenen neurogenen Störungen der Sprache (Aphasie) und des Sprechens (Dysarthrie) aus dem Jahre 2000 geben an, dass eine Indikation für eine Sprachtherapie dann vorliegt, wenn zum einen eine Störung in mindestens einem der Bereiche Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben besteht und des weiteren die physische, psychische und kognitive Verfassung des Patienten für eine Therapie ausreichend ist. Diese Leitlinien wurden von der Gesellschaft für Aphasieforschung (GAB) und der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinischen Neuropsychologie (DGNKN) entwickelt (GAB & DGNKN, 2000).

Empfohlen wird eine Behandlung von 30 Minuten täglicher Aktivierung in der Akutphase, bis hin zu zweimal wöchentlicher Sprach- und Sprechbehandlung à 60 Minuten über einen ausreichend langen Zeitraum in der postakuten Phase (ebd.).

Aktuell sind laut Heilmittelkatalog jedoch im Regelfall für den Bereich Logopädie „SP 5: Störungen der Sprache nach Abschluss der Sprachentwicklung – Aphasie“ nur maximal 20 Therapien pro Rezept verordnungsfähig. Teilweise gibt es eine Gesamtverordungsmenge von 60 Therapieeinheiten, jedoch bleibt auch dadurch der Rahmen für eine umfassende Aphasietherapie eingeschränkt (Grötzbach, 2005).

Bezüglich der Therapieziele geben die genannten Leitlinien für Aphasie und Dysarthrie an, dass diese in der Einzeltherapie so festgelegt werden müssen, dass ihr Erreichen quantifizierbar und durch quantitative Analysen belegbar ist. Die Therapiemethoden müssen entsprechend der genannten Zielspezifizierung festgelegt werden (GAB & DGNKN, 2000).

Die Auswahl der Therapiemöglichkeiten und –methoden ist sehr vielfältig. Auch die Unterteilung der Therapieansätze bei Aphasie erfolgt unterschiedlich.

Eine mögliche Unterteilung der Ansätze bietet Bartels (2006) an. Er differenziert zwischen drei Interventionsmöglichkeiten:

1. Modalitätsorientierte Therapieansätze bei Aphasien
2. Linguistisch-modellorientierte Therapieansätze bei Aphasien
3. Kommunikativ-pragmatisch orientierte Therapieansätze bei Aphasien

In den bereits genannten Leitlinien der GAB und der DGNKN aus dem Jahr 2000 werden als generelle Methoden übergreifend die Störungsorientierte und die Kommunikationsorientierte Intervention genannt. Beide Methoden beinhalten in der weiteren, ausführlicheren Aufschlüsselung in den Leitlinien jeweils unterschiedlichste Arten der Anwendung.

Auch Niebuhr & Hansen nahmen im Jahr 2001 eine Unterteilungsmöglichkeit der therapeutischen Interventionen bei Aphasie vor:

1. Traditionelle Aphasietherapie
2. Kommunikative Aphasietherapie
3. Modalitätenaktivierung in der Aphasietherapie (MODAK)
4. AOT- Alltagsorientierte Therapie
5. Alltagssprache für Aphasiker
6. Prozessorientierte Aphasietherapie

Diese 6-gliedrige Möglichkeit der Interventionenunterteilung beinhaltet in ihren jeweiligen Punkten ebenfalls unterschiedliche Methoden von verschiedenen Autoren.

Die dargestellten Interventionsmöglichkeiten zeigen nicht nur hinsichtlich ihrer Unterteilungsmöglichkeit große Vielfalt. Auch bezüglich der therapeutischen Methoden zeigt sich auf dem Gebiet der logopädischen Einzeltherapie bei Aphasie eine große Fülle.

Eine Möglichkeit, in dem variationsreichen Feld der Interventionsmöglichkeiten eine geeignete und effektive Therapiemethode zu finden, bietet Grötzbach (2005) an. Er sieht es als Möglichkeit, jene Therapiemethoden anzuwenden, deren Wirksamkeitsnachweis, beispielsweise durch Evidenzbasierung in einer Studie festgestellt wurde.

3.2.2 Logopädische Gruppentherapie

Gruppentherapie nimmt bei der Sprachtherapie aphasischer Patienten einen immer größer werdenden Stellenwert ein (Wilhelm & Zörnig, 1990).

Es wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Stimmen laut, die dafür plädieren, dass die Gruppentherapie eine sinnvolle und wichtige Ergänzung zur klassischen Einzeltherapie bei Aphasie darstellt (Budny & Effmert, 1988; Wilhelm & Zörnig, 1990; Springer, 1993; Masoud, Ojeda, Rinsche, Theman & Walter, 2004).

Masoud et al (2004) schreiben, dass sie die Gruppentherapie für eine oft vernachlässigte, aber dennoch erst zu nehmende und effektive Therapieform halten. Sie muss jedoch konzeptuell und qualitativ verantwortungsbewusst durchgeführt werden.

Die Ziele der logopädischen Gruppentherapie sind nach Budny und Effmert (1988):

- Transfer und Verstärkung von gelernten Fertigkeiten in der Einzeltherapie
- Differenziertes Angebot an Lehrmethoden und Techniken
- Verlängerung der Lernsituation
- Abbau von Abhängigkeiten vom Therapeuten
- Beschleunigung des Sprachlernprozesses durch Wettbewerbssituation
- Konfrontation mit verschiedenen Sprechweisen und –gewohnheiten
- Gezielte Förderung und Aktivierung der möglichen Kommunikationsfähigkeiten

Springer (1993) schreibt, dass es aus ihrer Sicht in der sprachorientierten Gruppentherapie primär darum geht, die sprachlichen Leistungen und kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern.

Masoud et al (2004) sind der Meinung, dass die Gruppentherapie dem Patienten die Möglichkeit bietet, Fähigkeiten und Strategien, die in der Einzeltherapie erarbeitet wurden, unter erweiterten, aber dennoch geschützten Bedingungen anzuwenden. Dabei stehen dem Menschen mit Aphasie unterschiedliche Gesprächspartner, welche von gleichen oder ähnlichen sprachlichen Beeinträchtigungen betroffen sind, zu Verfügung.

Im angloamerikanischen Raum genießt die Gruppentherapie als Therapieform einen wesentlich höheren Stellenwert in der neurologischen Rehabilitation als in Deutschland. Dies ist vor allem durch die dortigen Strukturen des Gesundheitssystems bedingt (Masoud et al, 2004).

Eine aktuelle Studie von Brumfitt, Marchant, Ross & Winslow (2006) aus Großbritannien konnte nachweisen, dass Gruppentherapie positive Auswirkungen auf die Konversation, die Teilnahme am Lebensalltag und das psychischen Wohlbefinden von Menschen mit Aphasie hat.

Budny & Effmert (1988) sind der Meinung, dass eine relative Homogenität der Gruppe im Bezug auf Syndrom und Schweregrad notwendig für das Gelingen der Gruppentherapie sind. Die Gruppengröße sollte die Zahl von 4 – 5 Mitgliedern nicht überschreiten. Jedoch zeigt ein Bericht über eine langjährig bestehende Aphasiegruppe im deutschen Ruhrgebiet, dass auch Gruppentherapie aus Sicht der Autoren mit 45 Mitgliedern (Betroffene und Angehörige) möglich ist (Wilhelm & Zörnig, 1990).

Masoud et al (2004) beziehen bezüglich Heterogenität und Homogenität der Gruppe Stellung. Aus ihrer Sicht kann in heterogenen Gruppen eher eine alltagsnahe Situation simuliert werden. Homogene Gruppen können hingegen das Gefühl der Zusammengehörigkeit einer Gruppe positiv beeinflussen.

Springer (1993) nennte eine ideale und durchschnittliche Gruppengröße von 4-5 Mitgliedern. Sie sieht größere Gruppen kritisch, da dann die Steuerung der psychosozialen Prozesse immer schwieriger wird.

Je störungsspezifischer die Therapie in der Gruppe ausgelegt ist, desto homogener sollte die Zusammensetzung ihrer Meinung nach sein. Springer (1993) geht ähnlich wie Masoud et al (2004) davon aus, dass Inhomogenität den Vorteil bietet, dass diese zu mehr Kommunikation in der Gruppe führen kann.

Darüber hinaus ist Springer (1993) der Meinung, dass aufgrund der besonderen Ziele und Methoden der Gruppentherapie die Leitung von möglichst 2 Therapeuten übernommen werden sollte.

Der Aufbau und die Inhalte der logopädischen bzw. sprachorientierten Gruppentherapie unterscheiden sich von der Einzeltherapie. Trotzdem gibt es hier, ebenso wie in der Einzelbehandlung des Menschen mit Aphasie, ein großes Übungs- und Handlungsfeld (Budny & Effmert, 1988).

Während in der Einzeltherapie eher eine direkte Patient-Therapeut-Interaktion dargestellt wird, soll die Gruppentherapie eine für den Patienten abwechslungsreiche Ergänzung sein (ebd.).

Bezüglich der Methoden werden von unterschiedlichen Autoren nicht kongruente Vorschläge gemacht.

Springer (1993) unterscheidet zwischen direkter, eher therapeutenzentrierter und indirekter, mehr patientenzentrierter Therapieform. Des Weiteren beschreibt sie direkte, sprachdidaktische Gruppenbehandlungskonzepte als eine Interventionsmöglichkeit.

Sowohl Bongartz, Claußen & Sigle (1990), als auch Springer (1993) nennen als weitere Möglichkeit der Anwendung in der Gruppentherapie den PACE (Promoting Aphasics Communicative Effectiveness) – Therapieansatz.

Ziel des PACE - Konzeptes aus dem Jahr 1981 von Davis und Wilcox ist es, die kommunikative Effektivität des von Aphasie Betroffenen zu fördern.

Springer (1993) verweist auf eine Studie von Greitemann und Wolf aus dem Jahr 1991, in welchem das PACE - Konzept als besonders gut geeignete Methode für Patienten mit schwerer Aphasie evaluiert wurde. Auch Bongartz et al (1990) fanden in einer Anwendung des PACE – Ansatzes über 20 Sitzungen Gruppentherapie heraus, dass die Patienten im Vergleich von Vor- und Nachtest eine Zunahme der kommunikativen Kompetenzen verzeichnen konnten.

Eine weitere Möglichkeit der logopädischen Gruppenintervention wird am aktuellen Beispiel des Jesterburger Stufenmodells für Gruppentherapie dargestellt. Es unterscheidet zwischen Kommunikations-Basis-Gruppen, Aphasie-Basis-Gruppen, Aphasie-Gruppen auf mittlerem und hohem Niveau und einer ambulanten Aphasiegruppe. Jede dieser Gruppen hat unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen, Ziele und Therapieinhalte (Masoud et al, 2004).

Abschließend sei gesagt, dass Gruppentherapien nicht Kapazitäten einsparen, sondern in einem vergleichbaren Maß wie Einzeltherapien mit einem Aufwand verbunden sind (ebd.).

„Nicht der Verlust der Sprache, sondern der Verlust der

Möglichkeiten, in der gewohnten Form mittels Sprache zu

kommunizieren, stellt für den aphasischen Patienten das

eigentliche Problem dar.“ (Wilhelm & Zörnig, 1990, S. 33).

Die logopädische Gruppentherapie kann somit eine Möglichkeit der Kommunikation auf dem Niveau der verbliebenen Sprachfähigkeit im geschützten Raum für die Betroffenen bieten.

3.2.3 Aphasie-Selbsthilfegruppen

Der Schlaganfall und die damit verbundenen Beeinträchtigungen und Probleme, beispielsweise auch im sprachlichen Bereich, verändern das Leben der Betroffenen und Angehörigen häufig abrupt. Diese Veränderung akzeptieren zu lernen, ist häufig ein langer Weg. Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Aphasie und deren Angehörige eröffnet den Betroffenen einen Schonraum, um mit anderen wieder in Kommunikation zu treten und bietet gleichzeitig eine Form der aktiven Auseinandersetzung mit dem Ereignis Aphasie (Dücker & Lürßen, 2004).

Auch Remy (1992) schreibt, dass Menschen, die nach einem Schlaganfall eine Aphasie zurückbehalten, meist in eine schwere Krise stürzen. Insbesondere wenn die Spontanremission nicht so erfolgt ist, wie Betroffene und Angehörige sich das gewünscht haben. Um der sozialen Isolation entgegenzuwirken und in Kommunikation mit anderen Betroffenen zu treten, scheint die Aphasie-Selbsthilfegruppe ein guter Weg zu sein.

[...]


[1] Wenn in den anschließenden Ausführungen von Aphasiker, der Person mit Aphasie, dem von Aphasie Betroffenen, der aphasischen Person geschrieben wird, so werden diese synonym benutzt. Zur Erleichterung des Leseflusses wird die männliche Genusmarkierung für beide Geschlechter verwendet.

[2] Die Begriffe Selbsthilfe und Selbsthilfegruppe werden in der Literatur häufig synonym verwendet (DAG SHG, 1987; Trojan, 2004; Vornholt, 1993). Wenn in den anschließenden Ausführungen von Selbsthilfegruppe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfe geschrieben wird, so werden diese synonym benutzt.

[3] Im Sinne der Einfachheit schließen in der gesamten vorliegenden Arbeit die im Maskulinum geschriebenen Worte wie z.B. „Logopäde“, „Betroffener“, „Patient“, „Therapeut“ etc. Maskulinum und Femininum mit ein.

Details

Seiten
117
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638586511
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67600
Institution / Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Emden
Note
1,7
Schlagworte
Theoretische Hintergründe Aspekte Realisierung Aphasieselbsthilfegruppe

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Titel: Theoretische Hintergründe und bedeutsame Aspekte zur Realisierung einer Aphasieselbsthilfegruppe