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Die Außenpolitik der Weimarer Republik zwischen 1921 und 1923

Seminararbeit 2004 23 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Gliederung:

Ι. Ausgangslage vor 1921 und Problemstellung

ΙΙ. Darstellung
1. Über die Reparationsfrage zum Beginn der Erfüllungspolitik
2. Die Oberschlesienfrage
3. Der Weg zur Konferenz von Genua
4. Das Scheitern der Konferenz von Genua und der Vertrag von Rapallo
5. Das Ende der Erfüllungspolitik
6. Die Besetzung des Ruhrgebiets
7. Der Beginn der Ära Stresemann
8. Der Abbruch des passiven Widerstandes und der Weg zum Dawes-Plan

ΙΙΙ. Schlussbetrachtung: Deutsche Strategien während der Krise von 1921 bis 1923

Literaturverzeichnis:

Ι. Ausgangslage vor 1921 und Problemstellung

Der jungen Demokratie der Weimarer Republik wurde, nachdem sie aus der Revolution von 1918/1919 hervorgegangen war, keine ruhige Zeit beschert, in welcher man die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges hätte verarbeiten können. Das Gegenteil war der Fall.

Außenpolitisch war die Situation erdrückend. Durch den Versailler Vertrag wurden Deutsch-land dermaßen harte Bestimmungen auferlegt, dass die daraus entstandenen Probleme als nahezu unlösbar erschienen. Neben den äußerst schmerzhaften Gebietsabtretungen, dem Ve-rlust aller Kolonien und der massiven Reduzierung des Heeres sowie der Waffenbestände, war die Verpflichtung Deutschlands zu Reparationszahlungen an die Siegermächte der ent-scheidende Aspekt des „Diktatfriedens“, als welcher er von der deutschen Bevölkerung an-gesehen wurde.

Vor allem Frankreich, welches während der Verhandlungen auf der Pariser Friedenskonferenz sogar noch tiefere Einschnitte in die Struktur der Großmacht Deutschland gefordert hatte, be-trieb nach Abschluss des Vertrages eine rigorose Revisionspolitik, deren Ziel es war, das ei-gene Sicherheitsbedürfnis durch möglichst starke Schwächung Deutschlands zu befriedigen. Wenn es jedoch im Europa der Nachkriegszeit einen Staat gab, der den französischen Macht-bestrebungen entgegen und zugunsten des Erhalts Deutschlands als Großmacht und seiner Wirtschaftskraft agierte, dann war dies England. Die Briten verfolgten eine Politik, die der Maxime folgte, dass das Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent erhalten bleiben müss-te, weshalb man sich klar gegen die Vormachtsstellung Frankreichs auf Kosten Deutschlands wandte.

Aus dieser Konstellation heraus lassen sich schon die Schwierigkeiten erahnen, die den Staa- ten Europas im Ringen um eine vernünftige Nachkriegsordnung bevorstanden. Nach dem In-krafttreten des Versailler Vertrages am 10.1.1920 begann dann auch eine Phase schwerster außenpolitischer Auseinandersetzungen und dauernder Krisen, welche durch den Konflikt um die Höhe der Reparationsverpflichtungen Deutschlands ab 1921 eine zusätzliche Verschär-fung erfuhr.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die außenpolitische Entwicklung der Jahre 1921 bis 1923 darzustellen, wobei der gegebene Rahmen selbstverständlich nur eine Beschränkung auf die wesentlichen Ereignisse erlaubt. Darüber hinaus möchte ich mich der Frage widmen, welche Strategien Deutschland in dieser wechselvollen Zeit verfolgte und inwieweit erst die „neue“ Form der Außenpolitik Gustav Stresemanns den Wandel im Umgang mit den Alliierten brachte, woraufhin ab 1924 eine Entspannung einsetzte.

ΙΙ. Darstellung

1. Über die Reparationsfrage zum Beginn der Erfüllungspolitik

Im Versailler Vertrag vom 28.6.1919 war zwar festgelegt worden, dass Deutschland Repara- tionen an die Alliierten zu leisten habe, die Höhe der deutschen Gesamtschuld sowie die Art und Weise der Zahlung waren aber nicht geregelt worden. Ohne Deutschland miteinzubezie-hen, berieten die Alliierten in der Folgezeit auf insgesamt 23 Konferenzen den Gesamtbetrag der Reparationen sowie die Höhe der Annuitäten, bis man sich schließlich auf der Konferenz in Paris, die im Januar 1921 stattfand, auf eine Gesamtsumme von 226 Mrd. Goldmark einig-te, die in einem Zeitraum von 42 Jahren geleistet werden sollte.[1] Im Falle einer Ablehnung von deutscher Seite wurden rigorose Sanktionen in Form von Besetzung deutscher Städte an-gedroht.

Auf der darauf folgenden Londoner Konferenz, die Anfang März 1921 abgehalten wurde, sollte Deutschland den Pariser Beschlüssen zustimmen. Die alliierten Forderungen hatten je-doch in Deutschland zu großer Entrüstung geführt und wurden sowohl von der Politik als auch von der Wirtschaft abgelehnt.[2] Deshalb entschloss sich die deutsche Regierung zur Aus- arbeitung eines Gegenvorschlags, der Reparationsleistungen in Höhe von nur 50 Mrd. Gold-mark vorsah. Dies war aus alliierter Sicht völlig ungenügend und führte schließlich aufgrund der unnachgiebigen deutschen Haltung zum Inkrafttreten der Sanktionen. So kam es zur Besetzung der Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort.[3]

Die Entscheidung der Reparationsfrage war damit aber noch einmal vertagt worden. In weite-ren Beratungen während der folgenden Wochen beschlossen die Alliierten eine Absenkung der Gesamtschuld auf 132 Mrd. Goldmark, welche in Annuitäten von etwa 3 Mrd. Goldmark geleistet werden sollten. Währenddessen begann sich in Deutschland ein Klima zu entwik-keln, welches geprägt war durch unreflektierte Empörung über die alliierten Positionen. Dies schwächte die Regierung Fehrenbach zunehmend und machte sie schließlich außenpolitisch nahezu handlungsunfähig.[4]

Am 27. April 1921 überreichte man die neuen alliierten Forderungen. Da die deutsche Außen-politik sich nun vollständig in die Ecke gedrängt fühlte, suchte man den Kontakt zu den USA, die ja als Hauptgläubiger der Siegerstaaten ein großes Interesse an einer Regelung der Repara-tionen hatten. Der Versuch, Amerika als Vermittler zu gewinnen, scheiterte jedoch, was der Regierung sozusagen den „Todesstoß“ versetzte. Mangels Perspektiven demissionierte das Kabinett Fehrenbach am 4.5.1921.[5]

Die nun existierende Regierungskrise verschärfte sich noch einmal, als zwei Tage später, am 6.5.1921, das „Londoner Ultimatum“ in Berlin eintraf. Neben den bereits bekannten Repara-tionsbestimmungen enthielt es auch Forderungen zur Vorantreibung der Entwaffnung Deutschlands, sowie zur Aburteilung deutscher Kriegsverbrecher.[6] Deutschland wurde sechs Tage Zeit zur Annahme gegeben, andernfalls drohte man mit der Besetzung des Ruhrgebiets. Dieser für Deutschland enorm wichtige Wirtschaftsraum war seit Kriegsende ins Visier der französischen Regierung geraten, deren Gebietsforderungen durch den Versailler Vertrag nicht erfüllt worden waren. Insofern spekulierte Frankreich auf eine Nichtannahme des Ulti-matums durch Deutschland, um auf diese Weise den Versailler Vertrag nachträglich zu seinen Gunsten zu revidieren.[7]

Unter dem Druck dieser Situation wurde am 10.5.1921 der Zentrumspolitiker Joseph Wirth zum Reichskanzler ernannt, dessen Minderheitskabinett noch am selben Tag die Annahme des Londoner Ultimatums im Reichstag durchsetzen konnte.

Mit dem Amtsantritt der Regierung Wirth und der Annahme des Ultimatums begann eine neue Phase der deutschen Außenpolitik, die der „Erfüllungspolitik“, welche bis zum Novem- ber 1922 andauern sollte. Man agierte nun nach neuen Prinzipien. Wirth hatte erkannt, dass eine Verweigerungshaltung gegenüber den Siegermächten Deutschland mehr schadete als nutzte. Gleichzeitig war er jedoch der Ansicht, „daß das Londoner Ultimatum die deutsche Leistungsfähigkeit bei weitem überstieg“.[8] Insofern war man der Meinung, dass die einzige Alternative darin bestand, „die Reparationsforderungen soweit irgendmöglich zu erfüllen, um ihre Undurchführbarkeit zu beweisen“.[9]

Man wollte also bei der Erfüllung der Bestimmungen bis an den Rand der wirtschaftlichen Katastrophe gehen, um den Alliierten damit zu signali-sieren, dass eine Revision der Bestimmungen unumgänglich sei. Als Konsequenz dieser neuen Politik begann sich die Lage in Europa zu entspannen, das deutsch-englische Verhältnis besserte sich.[10] Deutschland hatte endlich begonnen, seine Grenzen und Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und damit eine Politik auf den Weg gebracht, die eine zukunfts-fähige Alternative zur bisherigen Verweigerungshaltung bot.[11]

2. Die Oberschlesienfrage

Ein weiterer außenpolitischer Konflikt spielte sich ebenfalls im Jahr 1921, parallel zu den Auseinandersetzungen um die Reparationen ab: die Entscheidung über die Zukunft Ober-schlesiens.

Oberschlesien war ein höchst produktiver Industrieraum, fast ein Viertel der deutschen Kohle-

produktion wurde dort gefördert.[12] Insofern verwundert es nicht, dass Polen, unterstützt durch Frankreich, mit aller Macht nach einer Vereinnahmung Oberschlesiens strebte.

Laut dem Versailler Vertrag sollte eine Volksabstimmung der Entscheidung der Siegermächte vorangehen. Diese fand am 20.3.1921 statt und brachte ein Ergebnis von 60% zu 40% für den Verbleib bei Deutschland, was die deutsche Regierung dazu veranlasste, in einer Note vom 1.4.1921 Oberschlesien für sich zu beanspruchen.[13]

Daraufhin begannen schwierige Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich um die oberschlesische Frage, welche die grundsätzlichen Positionen der Deutschlandpolitik der beiden Siegerstaaten widerspiegelten.[14] Da England sich entsprechend seines Vorsatzes,

Deutschland nicht zu sehr zu schwächen, für ein Belassen bei Deutschland aussprach, orien-

tierte man sich von deutscher Seite her stark an der englischen Position und versuchte, mit Verweis auf das Entgegenkommen Deutschlands gegenüber den Alliierten durch die Erfül-lungspolitik den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland zu sichern.[15] Frankreich ließ sich jedoch nicht von seinem strikten, pro-polnischen Kurs.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen den Alliierten wurde die Entscheidung an den Völkerbundsrat übergeben, in welchem Frankreich eine starke Stellung besaß. So kann es nicht verwundern, dass sich dieser am 12.10.1921 für eine Teilung Oberschlesiens aussprach, wobei der wirtschaftlich starke Teil an Polen ging, während der bevölkerungsreichere Teil bei Deutschland verblieb.[16]

Der Verlust des industriell starken Teils Oberschlesien bedeutete für Deutschland sowohl eine moralische als auch eine wirtschaftliche Schwächung und damit eine Erschwerung der ohne-hin schon schwierigen Zahlungen an die Alliierten im Zuge der „Erfüllungspolitik“.

3. Der Weg zur Konferenz von Genua

Nachdem die im Londoner Ultimatum festgelegte erste Milliarde am 31.8.1921 pünktlich an die Alliierten gezahlt worden war, begann sich die außenpolitische Lage im Herbst 1921 schwieriger zu gestalten. Seit Juni hatte sich der Kursverfall der Mark beschleunigt, die De-visen wurden knapp.[17] Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte man sich wohl zum schmerzhaften, allerdings auch mehr als notwendigen Schritt einer Sanierung der Währung und der Finanzen durchringen müssen, was aber nicht geschah, denn die Inflation hatte durchaus auch Vorteile. Neben eini-gen positiven Effekten auf die Wirtschaft[18] ließ sie sich auch außenpolitisch instrumentali-sieren, weil sie die tatsächliche Leistungsfähigkeit Deutschlands verschleierte und damit die korrekte, den Bestimmungen der Alliierten entsprechende Ableistung der Reparationen behin-dern konnte.[19]

[...]


[1] Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik. München6 2002, S. 46.

[2] Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Darmstadt1 1985, S. 122.

[3] Heinrich August Winkler, Weimar 1918-1933. München3 1998, S. 147.

[4] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 126.

[5] Winkler, Weimar 1918-1933, S. 155f.

[6] Winkler, Weimar 1918-1933, S. 156.

[7] Kolb, Weimarer Republik, S. 46.

[8] Winkler, Weimar 1918-1933, S. 157.

[9] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 132.

[10] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 133.

[11] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 132.

[12] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 134.

[13] Ebd. , S. 134.

[14] Ebd. , S. 134f.

[15] Ebd. , S. 135.

[16] Kolb, Weimarer Republik, S. 47.

[17] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 139.

[18] Krüger, Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 143.

[19] Kolb, Weimarer Republik, S. 45.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638604000
ISBN (Buch)
9783638672146
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67585
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Außenpolitik Weimarer Republik Proseminar Republik“

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Titel: Die Außenpolitik der Weimarer Republik zwischen 1921 und 1923