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Identität und Selbst: Persönlichkeits- und sozialpsychologische Aspekte der Identitätsentwicklung.

Hausarbeit 2005 28 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Identität?

3 Identitätsbildung

4 Selbst, Selbstkonzept und Selbstdiskrepanz

5 Identität als Projekt

6 Das Konzept der narrativen Identität

7 Individualität und Identitätskrise

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit dem Thema „Identität und Selbst“ vertiefend beschäftigen. Mein Interesse hat im Sommersemester 2004 ein Referat mit diesem Titel geweckt, welches im Seminar Sozialpsychologie gehalten wurde. Ich möchte mich dem Thema von zwei Seiten nähern, sowohl von der persönlichkeitspsychologischen (bzw. individualpsychologischen) als auch von der sozialpsychologischen, die bei der komplexen Entwicklung der Identität von großer Bedeutung sind und zum richtigen Verständnis in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden sollten.

Da stellt sich einmal die Frage, welche äußeren Faktoren die Identitätsentwicklung beeinflussen. Inwiefern bestimmt mein soziales Umfeld wer ich bin? Wie sehe ich mich selbst? Welche Rolle spielen das soziale Umfeld und das Individuum selbst bei der Entwicklung der Identität? Welche Anforderungen werden an das Individuum gestellt und wie wirken sich Probleme bei der Identitätsentwicklung im Individuum aus? In diesem Zusammenhang möchte ich auf Begriffe wie „Selbst- und Fremdidentifizierung“, „soziale und persönliche Identität“ sowie „Selbst und Selbstkonzept“ eingehen.

Ich werde mich einerseits mit Modellen der Identitätsentwicklung aus der persönlichkeitspsychologischen Sicht beschäftigen, wie zum Beispiel mit dem Phasenmodell von Erikson. Andererseits werde ich auch Konzepte aus der Sozialpsychologie vorstellen, wie zum Beispiel die narrative Konstruktion von Identität und Identität als Projekt, wie sie von dem Psychologen Wolfgang Kraus in seinem Buch „Das erzählte Selbst: Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne“ vorgestellt werden.

Zum Abschluss möchte ich mich mit den Problemen auseinandersetzen, die mit der eigenen Identität verbunden sind und mit der Frage, warum in der heutigen Zeit immer mehr Menschen in eine Selbstkrise geraten und wie Individualisierungsprozesse der „postmodernen Gesellschaft“ dazu beitragen. Wie hoch ist der gesellschaftliche Druck? Der Druck eine bestimmte Identität anzustreben und gewisse Identitätsmerkmale abzulehnen? Also quasi nicht der zu sein der man ist, sondern der man sein muss.

Und dass man jemand sein muss, der sich von anderen abhebt. Ob sich die Identität heute nur noch über Leistung definiert und ob die Selbstkrise auf diese Vermutung zurückzuführen ist, werde ich im weiteren Verlauf zu klären versuchen.

2 Was ist Identität?

Diese Frage kann nicht kurz und eindeutig beantwortet werden, denn auch die Wissenschaftler haben vielfältige Ansätze zu diesem Thema und beim Lesen der unterschiedlichen Literatur stellte sich oftmals Verwirrung ein, über die unterschiedliche Benutzung von Begriffen. Ganz allgemein bezeichnet Stimmer die Identität als Begriff der Psychologie und Pädagogik, der die Phänomene beschreibt, die im Alltag als „Selbstgefühl“ oder „Selbstbewusstsein“ von Individuen und Gruppen bezeichnet werden.[1] Laut Oerter und Montada bezieht sich der Begriff im allgemeinen Sinn auf die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums wie Name, Alter, Geschlecht und Beruf. Durch Identität ist das Individuum gekennzeichnet und kann von anderen Personen unterschieden werden.[2]

Identität im psychologischen Sinne ist die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person und für eine innere Einheitlichkeit trotz äußerer Wandlungen.[3] Dieses Problem der Gleichheit in der Verschiedenheit beherrscht die existierenden Identitätstheorien wie die von Erikson auf die ich noch genauer eingehen werde.

Es treten in der Literatur viele Begriffe auf, in denen das Wort „Identität“ enthalten ist. Wichtig ist meiner Meinung nach daher eine kurze Begriffsklärung. Zum einen ist in der Literatur die Rede von „sozialer“ bzw. „öffentlicher“ Identität. Frey und Haußer erklären, dies sei die Identität, die dem Individuum in einem sozialen System zugeschrieben wird. Es handle sich dabei um eine Kombination von Merkmalen und Rollenerwartungen, die das Individuum identifizierbar macht. Identität sei also in diesem Fall ein von außen zugeschriebener Merkmalskomplex.[4]

Für die Identität von Gruppen gibt es weitere Bezeichnungen wie „kulturelle Identität“, „ethnische Identität“, „nationale Identität“ oder „Gruppenidentität“. Die Merkmale für diese Identität werden immer aus der Außenperspektive definiert. Man identifiziert sich und andere über Gruppenzugehörigkeiten, z.B. „die Deutschen“ oder „die HSV Fans“ oder „wir Studenten“. Das sagt aber noch nicht viel über die Identität des Mitgliedes einer Gruppe, denn das Mitglied ist nicht mit der Gruppe identisch.[5] Es stellt also einen erheblichen Unterschied dar, ob wir von einer Identität sprechen, die wir einer Person im Hinblick auf ihren sozialen Kontext zuschreiben, oder aber von der Identität, die sich diese Person selbst zuschreibt.

Die Persönlichkeitspsychologie beschäftigt sich vorzugsweise mit dem Fall, indem sich eine Person selbst identifiziert. Identität wird dabei als selbstreflexiver Prozess eines Individuums verstanden. Sie taucht in der Literatur unter „persönliche“, „personale“, „individuelle“ oder „subjektive Identität“ auf, meint aber immer dasselbe, nämlich dass sich eine Person ihre Identität aufbaut, indem sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen über sich selbst verarbeitet. Sie identifiziert sich selbst aus der Innenperspektive. Frey und Haußer machen darauf aufmerksam, dass Innen- und Außenperspektive zusammenhängen. Identität als Selbst- Erfahrung sei auf die von der Außenwelt vorgenommenen Verortungen angewiesen.[6].

Der Mensch kann Aussagen über sich selbst machen („So bin ich“). Das ist eine mögliche Verwendung für den Begriff „Identität“. Es ist ein Begriff, der für Aussagen, die eine Person über sich selbst macht, verwendet wird. Die andere Verwendung wurde bereits beschrieben, wenn jemand von außen die Identität einer anderen Person feststellt (seine soziale Identität). Diese Verwendung des Begriffes macht allerdings eher Zuweisungen zu Status, Schicht, Rolle etc. und stellt nicht die Identität des Individuums, seine „persönliche Identität“ oder „Ich-Identität“ dar.

Diese Form des Identitätsbegriffs (soziale Identität) spielt in der Soziologie und der Sozialpsychologie eine Rolle. Man spricht auch von „Fremdidentifizierung“ im Gegensatz zur „Selbstidentifizierung“[7]. Diese zwei Sichtweisen zu trennen, obwohl sie eng miteinander verbunden sind, erleichtert das Herausarbeiten der unterschiedlichen psychologischen Ansätze.

Laut Frey und Haußer ist die Identität eine notwendige Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit des einzelnen in der Gesellschaft, da Interaktionsbeziehungen nur möglich sind, wenn der andere „weiß“ wer ich bin. Dazu muss ich dem anderen deutlich machen wer ich bin und das kann ich nur, wenn ich „weiß“ wer ich bin, was wiederum davon abhängt was ich bislang über mich erfahren habe und wie ich diese Erfahrungen zu einem Bild über mich selbst zusammenfüge.[8] Auch für Oerter und Montada spielt das eigene Verständnis für die Identität, also die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will eine wichtige Rolle in der Entwicklung im Jugendalter.[9] Wie also entwickelt sich die persönliche Identität bzw. wie schafft es das Individuum sich ein stabiles Selbstbild zu errichten? Dazu soll im nächsten Kapitel ein kurzer Einblick in die gängigen Theorien der Identitätsentwicklung gewährleistet werden.

3 Identitätsbildung

Frey und Haußer schreiben, dass die Verarbeitung von äußerer, innerer, aktueller und gespeicherter Erfahrung eine Bewusstseinsleistung sei.[10] Unser Bewusstsein hat demnach hohe Anforderungen bei der Bildung unserer Identität zu bewältigen. Es muss die Erfahrungen aus der Umwelt und die Erfahrungen über sich selbst in Einklang bringen, denn der Mensch ist sowohl ein soziales, als auch ein personales Wesen. Dem Menschen wird eine Sonderstellung zugewiesen, als ein Wesen, das sich selbst zum Gegenstand seiner Bewusstseinsprozesse machen kann.

Laut Oerter und Montada gibt es zwei Grundbemühungen des Individuums, die die Identitätsentwicklung vorantreiben. Dies sei zum einen die Bemühung sich selbst zu erkennen und zum anderen das Bestreben sich selbst zu gestalten, an sich zu arbeiten und sich zu formen.[11] In der Psychoanalyse wurde die Fähigkeit der Person ihre Identität herzustellen als Syntheseleistung betrachtet, als Fähigkeit, unterschiedliche Erfahrungen zu integrieren. Dabei müssen neue Erfahrungen in den Bestand alter Erfahrungen eingegliedert werden, ohne das Gefühl von persönlicher Kontinuität und Konsistenz zu verlieren. Zwischen diesen Erfahrungsinhalten müssen Relationen sowie Strukturen hergestellt werden.[12]

Freud strukturiert das Individuum in die Teilbereiche „Ich“, „Über Ich“ und „Es“. Das „Ich“ hat dabei die Aufgabe einerseits die moralischen und normierten Vorgaben des „Über Ichs“ mit der Triebhaftigkeit und den Bedürfnissen des „Es“ in Einklang zu bringen. Das Problem der psychoanalytischen Variante persönlicher Identität sei, laut Frey und Haußer die Vorstellung, dass 1. die persönliche Identität als Syntheseleistung ein relativ stabiler Zustand sei, 2. die Herstellung von Identität eine Entwicklungsaufgabe sei, die mit dem Beginn des Erwachsenenalters erreicht sein sollte, 3. das Gewinnen oder Verlieren, das Besitzen oder Nichtbesitzen von Identität ein Kriterium für „normal“ oder „pathologisch“ sei.[13]

E.H. Erikson (1902-1994) hat das Phasenmodell der Identitätsentwicklung aufgestellt, welches in der Pädagogik oft herangezogen wird und welches in Anlehnung an Freuds Phasen der Libidoentwicklung eine Stufenfolge „psychosozialer Modalitäten“ entwickelt und diesen Stufen spezifische Identitätsprobleme und Identitätsaufgaben zuordnet. Auch er sieht die Identität an die Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit gebunden und die damit zusammenhängende Wahrnehmung, dass Außenstehende ebenfalls diese Gleichheit und Kontinuität erkennen.[14]

Nach seinem Phasenmodell geht es beispielsweise im Säuglingsalter um die Bildung eines „Urvertrauens“, eines hoffnungsvoll auf die Welt bezogenen Selbstgefühls im Gegensatz zum drohenden Urmisstrauen. Insgesamt unterscheidet er acht Hauptstadien während des Lebenslaufs, die charakteristische Konflikte oder Krisen beinhalten. Er geht also davon aus, dass sich der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung über die gesamte Lebensspanne erstreckt.

Eine Ich- Identität, die Erfahrungen zusammenfügt und Teilidentitäten ausbalanciert, wird laut Erikson zum ersten Mal im „psychosozialen Moratorium“ der Adoleszenz, also in der „aufschiebbaren Verlängerung des Zwischenstadiums zwischen Jugend und Erwachsenenalter“, ausprobiert und entwickelt.[15] Unter einem psychosozialen Moratorium versteht Erikson also einen Aufschub erwachsener Verpflichtungen oder Bindungen. Dies sei eine Periode, die durch selektives Gewährenlassen seitens der Gesellschaft und durch provokative Verspieltheit seitens der Jugend gekennzeichnet sei.[16]

Wenn die Synthetisierung von vergangenen, aktuellen und zukunftsbezogenen Teilidentitäten in dieser Krisen- und Übergangszeit nicht gelingt, droht die „Identitätsdiffusion“ in Gestalt von allerlei Flucht- und Zerfallszuständen, wie beispielsweise Drogenmissbrauch.[17]

Laut Erikson führen nicht bewältigte stadientypische Krisen zu bleibenden Persönlichkeitsstörungen. Anhand der gerade angeführten „Krise der Adoleszenz“, in der der Jugendliche seine Identität finden muss, wird die ganze Komplexität dieses Prozesses deutlich.

[...]


[1] vgl. Stimmer, Franz; „Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit“; München, Wien: R. Oldenbourg Verlag 2000, S.321

[2] vgl. Oerter, Rolf u. Leo Montada (Hrsg.); „Entwicklungspsychologie“; Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlage 2002, S.290-291

[3] vgl. Otto, Hans-Uwe u. HansThiersch (Hrsg.); „Handbuch der Sozialarbeit/Sozialpädagogik“; Neuwied, Kriftel: Luchterhand 2001, S. 807

[4] vgl. Frey, Hans-Peter u. Karl Haußer (Hrsg.); „Identität“; Stuttgart: Enke 1987, S.3

[5] vgl. ebd. S.4

[6] vgl. ebd. S.4

[7] vgl. ebd. S.6

[8] vgl. ebd. S.6

[9] vgl. Oerter, Rolf u. Leo Montada (Hrsg.); „Entwicklungspsychologie“; Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlage 2002, S. 291

[10] vgl. Frey, Hans-Peter u. Karl Haußer (Hrsg.); „Identität“; Stuttgart: Enke 1987, S.4

[11] vgl. Oerter,Rolf u. Leo Montada (Hrsg.); „Entwicklungspsychologie“; Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlage 2002, S.292

[12] vgl. Frey, Hans-Peter u. Karl Haußer (Hrsg.); „Identität“; Stuttgart: Enke 1987 S.7

[13] vgl. ebd. S.7

[14] vgl. Stimmer, Franz; „Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit“; München, Wien: R. Oldenbourg Verlag 2000, S.321

[15] vgl. ebd. S.322, S.539

[16] vgl. Oerter,Rolf u. Leo Montada (Hrsg.); „Entwicklungspsychologie“; Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlage 2002, S.267

[17] vgl. Stimmer, Franz; „Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit“; München, Wien: R.Oldenbourg Verlag 200, S.322

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638603874
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67566
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – FakultätI: Bildungs-, Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,5
Schlagworte
Identität Selbst Persönlichkeits- Aspekte Identitätsentwicklung Sozialpsychologie

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